„Wir wollen nicht, dass wir Deutschen in zehn, fünfzehn Jahren in der Minderheit sind“ – etwas zur völkischen Propaganda von AfD und Pegida


Pegida und die AfD benutzen Gedankengut der völkischen Bewegung, die schon vor dem Ersten Weltkrieg die Keime für die spätere Diktatur der NSDAP legte.
Deshalb ist klarer Widerspruch angesagt.

Beispiel:
Die Journalistin Dunja Hayali dokumentierte am 30. Oktober 2015 im ZDF-Morgenmagazin die komplette Aufzeichnung ihrer Gespräche mit Teilnehmern einer AfD-Demonstration in Erfurt.
Darin wird ein „Argument“, das auch andernorts ständig wiederholt wird, vorgetragen: „Wir wollen nicht, dass wir Deutschen in zehn, fünfzehn Jahren in der Minderheit sind.“
Der thüringisches Fraktionsvorsitzende der AfD Björn Höcke hatte in seiner Rede gemeint, man solle sich „Afrika anschauen“. Von dort kämen jetzt „die 25 bis 25-Jährigen“. Und die würden mit ihren zu erwartenden Kindern „in zehn bis fünfzehn Jahren“ die Mehrheiten in Deutschland umkehren – Fremde seien dann in der Mehrheit, „Deutsche“ in der Minderheit.

Angst vor „Überfremdung“ also.
Jetzt müsse man „Deutschland schützen“.

Diese Argumentationfigur ist alt.
Sie hatte ihre Heimat in zahlreichen völkischen Organisationen. Die größte davon war der 1919 gegründete „Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund“, der Anfang der zwanziger Jahre etwa 200.000 Mitglieder hatte, die – und jetzt wird es interessant – „vor allem aus dem Mittelstand und dem Bildungsbürgertum rekrutierten“ (vgl. dazu den eingangs verlinkten Text von „Museum online“).

Der aus solchem Denken folgende Hass gegen alles Fremde (insbesondere gegen „die Juden“) fand seinen publizistischen Höhepunkt in Alfred Rosenbergs „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“, dem zweitwichtigsten Propagandabuch nach Hitlers „Mein Kampf“.

Die „Arbeitsteilung“ zwischen Pegida und AfD ist vergleichbar derjenigen, wie zwischen völkischen Organisationen und der NSDAP zu beobachten war: die einen „auf der Straße“ und „im Volk“, die anderen „im Parlament“.

Man muss offenlegen, wie da jetzt wieder „argumentiert“ wird – denn die Folgen eines solchen Hasses „gegen alles Fremde“ sind katastrophal. Bei Pegida und AfD geht es nicht mehr um „Meinungsfreiheit“, sondern hier geht es um die Vorbereitung der Abschaffung der Demokratie und um die Bekämpfung alles „Fremden“.
Deshalb ist offener Widerspruch geboten.

„Altparteien“ – Anmerkungen zur Rhetorik der AfD


Die demokratischen Parteien seien „Altparteien“ behauptet Björn Höcke, jener seltsame Oberstudienrat aus Westfalen, der nun in Thüringen und anderen Orten den AfD-Einpeitscher gibt.
Das Wort „Altparteien“ ist ein alter, abgenutzter Kampfbegriff der politischen Rhetorik. Schon Joseph Goebbels hat das Wort gern benutzt, um seine „Bewegung“ als jung, modern, aufgeschlossen darstellen zu können. Dafür brauchte er eine dunkle und vor allem „alte“ Projektionsfläche. „Altparteien“ eben.
Dass alle demokratischen Parteien zu Tausenden junge und engagierte Leute an sich binden, übersieht man geflissentlich.
Denn: im Kern geht es um einen Angriff.
Und zwar um einen Angriff auf die Demokratie.
„Wenn wir kommen, wird aufgeräumt“ tönt es aus Erfurt von der AfD.
„Wenn wir dran sind, räumen wir auf“ tönte einst die NSDAP. Was sie ja dann auch getan hat. Mit den Juden, mit den Sinti und Roma, mit den Homosexuellen, mit den Kommunisten und Sozialdemokraten, mit den Polen und den Russen. Sie haben richtig hingelangt.
Allerdings haben sie vergessen, hinterher aufzuräumen.

Was sich jetzt bemerkbar macht.
Denn da sind sie wieder, diese alten, abgedroschenen und hohlen Behauptungen der völkischen Bewegung, die schon um das Jahr 1900 herum durchs Land geisterten.
Das „eigene Volk“ sei „in Gefahr“ und müsse „geschützt“ werden.
Weshalb alle, die mittlerweile in der internationalen, arbeitsteilig organisierten Welt, in der ein Neben- und Miteinander der verschiedensten Herkünfte, Religionen und Weltanschauungen völlig selbstverständlich geworden ist, leben, als „Vaterlandsverräter“ dargestellt werden.
Man geht sogar so weit, die Bundeskanzlerin in einer ausgeheckten Kampagne 400 mal des „Hochverrats“ zu beschuldigen. Auch das ist nicht neu.

Im Kern geht es bei der alten wie der neuen völkischen Bewegung um Rassismus, der im Gewande des Nationalismus daher kommt.
Die Vorstellung wird suggeriert, eine Nation könne und müsse in der modernen globalisierten und arbeitsteiligen Welt vor allem und zunächst „für sich sorgen“. Und zwar deshalb, weil „das eigene Volk“ eben das „bessere Volk“ sei.
Diese Argumentationsfigur begegnet schon um 1900.
Diese Behauptung der völkischen Bewegung wurde von der NSDAP aufgegriffen, adaptiert und später organisiert, wobei es die NSDAP nicht unterließ, die Vertreter der völkischen Bewegung als „Schwärmer“ zu titulieren, als man sie nicht mehr als Steigbügelhalter brauchte.

Weshalb man auf die Worte achten muss, die da jetzt wieder zu hören sind.
Die völkische Bewegung war ein wesentlicher Quell für die menschenverachtende Diktatur des Nationalsozialismus.
Und wenn jetzt wieder Oberstudienräte aus Westfalen und andere mit einer solchen abgedroschenen Rhetorik daher kommen und so tun, als seien sie die „Erfinder“ der „Bedrohung des Abendlandes“ (von einem Geschichtslehrer hätte ich allerdings etwas mehr Kenntnis erwartet) – dann muss man ihnen sagen:
Eure sogenannten „Argumente“ sind die Wegbereiter der antidemokratischen faschistischen Diktatur in Deutschland gewesen.

Ein zweites Mal lassen euch die Deutschen unter dem Deckmäntelchen der „Meinungsfreiheit“ nicht gewähren.
Dafür sind die Wunden noch zu frisch.

(p.s. Wer mehr zur völkischen Bewegung lernen will, kann hier mit seinem Studium beginnen).