„Schüblinge“ in „Ausreisezentren“. Etwas von der entmenschlichenden Sprache deutscher Behörden


Dienstlich habe ich auch mit der Bundespolizei zu tun und so ergibt es sich, dass ich eine Menge lerne. Zum Beispiel etwas von der Sprache.
Heute habe ich gelernt, dass die Beamten von „Schüblingen“ sprechen. „Schüblinge“ sind leibhaftige Menschen, die aus den verschiedensten Gründen aus Deutschland „abgeschoben“ werden.
Das Wort jedoch suggeriert, es handle sich um Sachen.
Tische werden „verschoben“, Pakete, Drogen, Gegenstände, manchmal auch Wahrnehmungen.
Das Wort „abgeschoben“ jedoch hat sich für Menschen etabliert. Nicht nur in der Behörden-Sprache, sondern auch im allgemeinen Sprachgebrauch.
Menschen, die „abgeschoben“ werden, sind nun also „Schüblinge“.
Dieses Wort entspricht offenbar einer offiziellen behördeninternen „Sprachregelung“, denn es wird an verschiedenen Grenz-Standorten verwendet.
Dieses Wort verschleiert.
Es klingt beinahe freundlich. So ähnlich wie „Pfifferling“ oder „Drilling“ oder „Rübling“, den man als Pilz-Freund erkennt.
„Schübling“ also. Eigentlich kennt man dieses Wort für eine Wurst-Ware. In Österreich war das Wort immerhin mal „Unwort des Jahres“, aber das hat keiner so recht mitbekommen.
Wenn nun eine Behörde von „Schüblingen“ spricht,  wird plötzlich nicht mehr der Ingenieur, nicht mehr der Lehrer, nicht mehr der Student ausgewiesen, da wird nun also ein „Schübling“ „abgeschoben“. Da wird nicht mehr die Mutter mit ihren Kindern ausgewiesen, da werden „Schüblinge“ „abgeschoben“.
Aus einer Person wird eine Sache.
Es ist eine entmenschlichende Sprache.
Das ist ja auch der Sinn: auf diese Weise wird den Beamten, die mit diesem Thema Tag für Tag befasst und nicht selten auch sehr belastet sind, erleichtert, „damit“ umzugehen.
Nun hat das Bundesinnenministerium vorgeschlagen, „Ausreisezentren“ einzurichten. Auch dieses Wort klingt freundlich. So, als ginge es darum, die Urlaubsreise mit noch mehr Service beginnen zu können.
Diese Zentren haben den Sinn, die „Abschiebung“ der „Schüblinge“ „deutlich zu beschleunigen“. In diesen Zentren werden nun also Schicksale „gebündelt“. Dramen werden sich „abspielen“, denn durchaus nicht jeder ist mit seiner „Abschiebung“ einverstanden. Wer als Beamter auf einem Flughafen – in Frankfurt beispielsweise – arbeitet, kann davon erzählen.
Die „Abläufe“ einer „Abschiebung“ sollen durch die „Ausreisezentren“ „effizienter“ werden. Denn, so will es die Kanzlerin, es bedürfe nun einer „nationalen Kraftanstrengung, die Abschiebungen zu beschleunigen.“
Menschen werden zu „Sachen“. Und, was mit ihnen zu tun hat, soll „effizienter“ gestaltet werden. So organisiert ein Betriebsleiter seine „Auslieferungsketten“: die Förderbänder müssen geschmiert, die Räder geölt, die Transporte effizienter werden. Das Ergebnis zählt.
Wer solche Sprache erfindet – in der Regel kommen solche „Sprachregelungen“ aus den Tiefen eines Ministeriums (in den seltensten Fällen wird sich konkret nachverfolgen lassen, wer genau sie „erfunden“ hat) – und benutzt, der wird im Verlaufe dieses Sprachgebrauchs Menschen nach und nach wie Sachen, wie Gegenstände betrachten.
Es handelt sich dann schon bald nicht mehr um konkrete Menschen mit Lebensläufen, Schicksalen und Biografien, sondern um „Vorgänge“.
„Schüblinge“ eben.
Es gibt auch aus früheren Zeiten vergleichbare Sprache. Auch in diesen früheren Zeiten wurden Menschen zu „Sachen“, zu „Vorgängen“.
Am Ende ging es darum, bestimmte Abläufe in den Lagern noch effizienter zu machen. Verbrennungen mussten effizienter werden, die Öfen mussten größer werden (in der Erfurter Gedenkstätte Topf&Söhne findet man bedrückende Belege für solches Denken).
Bürokratien stehen ständig in der Gefahr, Menschen zu „Vorgängen“ zu machen, damit man sie „bearbeiten“ kann.
Auf der einen Seite sitzt da irgendein Beamter oder „Entscheider“ hinter irgendeinem Schreibtisch und entscheidet, dass dieser „Vorgang“ geschlossen und der vor ihm sitzende Mensch „abgeschoben“ werden muss.
Der Mensch wird zum „Schübling“.
Sobald man diesen „Schübling“ über die Landesgrenze „abgeschoben“ hat, zeigt die Bürokratie übrigens keinerlei Interesse mehr „an der Sache“.
Was aus diesen Menschen wird, die nun außerhalb der Grenzen Europas durch die Gegend irren, interessiert niemanden mehr.
Der „Vorgang“ ist abgeschlossen.
Der Aktendeckel ist zu.

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Sollen sie doch in der Wüste verrecken! Was Malta bedeutet


Heute, am 3. Februar 2017 haben die europäischen Staats- und Regierungschefs beschlossen, in Libyen „Auffang-Lager“ für Flüchtlinge zu errichten. Man will mit dieser „Maßnahme“ (eigentlich handelt es sich um ein ganzes Maßnahmepaket von 10 Punkten) die „Mittelmeerroute schließen“. Man will also verhindern, dass die Flüchtlinge nach Europa kommen.
Was aber bedeutet der Beschluss?
Ich will mich in diesem kurzen Beitrag nur auf einen Gesichtspunkt konzentrieren, der in der Debatte bislang nicht berücksichtigt wird:
Wir wissen, dass Nordafrika (und Libyen liegt bekanntlich in Nordafrika) schon in wenigen Jahren unbewohnbar sein wird. Und zwar deshalb, weil dort die Temperaturen in Hitzeperioden auf 50 Grad Celsius und mehr ansteigen werden. Jos Lelieveld vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz und Professor am Cyprus Institute in Nikosia hat auf diese Zusammenhänge hingewiesen und sie auch publiziert.
Diese heute beschlossenen „Auffang-Lager“ für Flüchtlinge werden also nicht nur in einem jetzt schon politisch höchst instabilen Staatsgebilde errichtet, sondern zudem in einer Region, die in absehbarer Zeit unbewohnbar sein wird.

Regierungschefs müssen diese Zusammenhänge wissen. Und sie wissen sie auch.
Aber sie haben dennoch beschlossen, diese „Auffang-Lager“ eben genau dort zu errichten.

Ihr Beschluss bedeutet deshalb im Kern: „Sollen die Flüchtlinge doch in der Wüste verrecken! Hauptsache, sie kommen nicht zu uns.“
Auf Folgendes sei noch hingewiesen: die Klimaforschung geht bislang davon aus, dass diese Entwicklung etwa „ab Mitte des Jahrhunderts“ eingetreten sein wird, also etwa ab dem Jahre 2040, in etwa 20 Jahren also. Es wird aber schneller gehen.
Denn die neue US-Administration hat vom ersten Tag an deutlich gemacht, dass sie eine veränderte Energie-Politik durchsetzen will. Und die bedeutet einen noch stärkeren Anstieg der Emissionen. Das in Paris vereinbarte Ziel, den Anstieg der Durchschnittstemperatur auf 2 Grad zu begrenzen, ist nach Auskunft vieler Forscher nicht mehr erreichbar. Wir steuern gegenwärtig auf plus 3 Grad zu.
Mit anderen Worten: die Veränderungen werden nicht erst „in der Mitte des Jahrhunderts“ eintreten, sondern früher.
Und diese Veränderungen insbesondere in Nordafrika werden zu einem starken Anstieg der Zahl der Klimaflüchtlinge führen.
Man kann Menschen, die keine Lebensgrundlage mehr haben, nicht in „Auffang-Lagern“ einsperren. Entweder, sie sterben dort, oder sie machen sich auf den Weg, um einen Ausweg zu finden.
Mauern, Zäune und Lager sind keine Lösung.
Europa muss legale Fluchtwege einrichten und Einwanderungsgesetze beschließen, die Menschen in Not eine tatsächliche Lebens-Möglichkeit eröffnen.
Und zwar jetzt.

Was habt ihr vor? Wollt ihr sie in die Wüste schicken? Europa und die Flüchtlinge


Es ist eine kleine Meldung von n-tv, die mir da auf den Tisch flattert.  Von der „Westbalkan-Konferenz“ wird berichtet: „Merkel will Dublin-System abschaffen“. Das klingt zunächst richtig. Ich lese weiter: „Diskutiert wird dabei auch ein Vorschlag, der ursprünglich aus Österreich stammt und von der EU-Kommission aufgegriffen wurde: Demnach sollen im afrikanischen Staat Niger „Resettlement“-Möglichkeiten geschaffen werden. Menschen, die in Europa kein Asyl bekommen aber auch nicht ohne weiteres in ihre Herkunftsstaaten abgeschoben werden können, sollen dort angesiedelt werden. „Wir unterstützen das“, kommentierte die Kanzlerin den EU-Vorschlag. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini betonte, bei diesem Projekt arbeite man mit den UN-Flüchtlingswerk (UNHCR) und der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zusammen.“

Was ist los? Ihr wollt sie in die Wüste schicken?
Ich fange mit der Recherche an.
Was ist Niger für ein Land? „Existenzbedrohend für den größten Teil der nigrischen Bevölkerung sind regelmäßig wiederkehrende Dürren und Hungersnöte.“ schreibt Wikipedia. Also ein Land, das stark vom Klimawandel betroffen ist. Die Flucht vieler Menschen aus diesem Land ist also vorprogrammiert. Und dort will man in Europa abgelehnte Flüchtlinge ansiedeln?
Ja genau dort, wollen UN und EU nun „Resettlement“ machen. Die UN teilt auch mit, wie das gehen soll.
Ich will das nicht glauben und bitte per facebook um Recherche-Hilfe. Das will ich genauer wissen. Wir stoßen auf einen Text aus der WELT. „Wartesaal vor der Wüste“ vom August 2015.
Man (Europa) plant also derlei „Pilotprojekte“ in Niger und in Mali. Später vielleicht in anderen Ländern.
Das Ziel: man will die Zahl der Menschen, die nach Europa wollen, reduzieren.
Mit diesen Mitteln?
Das ist geradezu abenteuerlich. Denn man kann wissen, dass der Klimawandel, insbesondere in Äquatorial-Afrika, aber auch in anderen Gegenden der Welt zu einem massiven Anstieg der Flüchtlingszahlen führen wird.
Aber die EU „unterstützt“ das Vorhaben.
Mit Geld, versteht sich. Ein paar dreißig Millionen Euro will man sich die Sache im Niger kosten lassen. Portokasse also. Peanuts. Was für Lager sollen das werden?
Nein, ich kann und will nicht glauben, dass die reiche Welt sich mit derlei „Vorschlägen“ aus ihrer Verantwortung freikaufen will.

Bislang sind es nur recht dürre Informationen, die über das Vorhaben an die Öffentlichkeit kommen.
Noch weiß ich nicht, wie Pro Asyl. Brot für die Welt, Caritas und andre dieses Vorhaben beurteilen. Weitere Recherche ist nötig, um sich ein Bild zu machen, von dem was Europa da vorhat. Vielleicht können sich via Internet auch andere an dieser Recherche über „Resettlement in Niger und Mali“ beteiligen.

Aber in mir sträubt sich jetzt schon alles, wenn ich lesen muss, um was es ja im Kern wohl geht: „Schickt sie in die Wüste!“….

„Wir können doch nicht alle aufnehmen!“ Etwas über Vor-Urteile und das Bundeskanzleramt


„Und wenn wir jetzt sagen: ihr könnt alle kommen und ihr könnt alle aus Afrika kommen und ihr könnt alle kommen – das können wir auch nicht schaffen.“
Sagt die Bundeskanzlerin. Das entsprechende Video von einer Diskussionsrunde in Rostock ging gestern (17. Juli 2015) durchs Netz und wurde stark diskutiert.
Die Kurzform heißt: „Wir können doch nicht alle aufnehmen!“
Dieses „Argument“ stammt aus der rechten Szene.
Es ist erstens falsch und es wird zweitens gern verwendet, um gegen die Aufnahme von Flüchtlingen zu argumentieren.
1. Es ist falsch.
Denn es geht überhaupt nicht darum, „alle“ in Deutschland aufzunehmen. Die meisten Flüchtlinge der Welt werden von den ärmsten Ländern dieser Welt aufgenommen. Die UNHCR-Statistiken sind völlig eindeutig.
Es geht vielmehr darum, ein der ökonomischen Leistungskraft Deutschlands (und Europas!) angemessenes Zuwanderungskonzept zu etablieren. Wenn man die Zahl der von Deutschland aufgenommenen Menschen mit der Zahl derjenigen vergleicht, die von weitaus ärmeren Ländern – dem Libanon beispielsweise, da ist mittlerweile jeder zweite Einwohner ein Flüchtling! – vergleicht, dann sieht man sehr schnell, dass die reichen Industrieländer durchaus noch Entfaltungsmöglichkeiten für ihr Engagement haben. Deutschland auch.
Gegenwärtig befasst sich die deutsche Gesetzgebung in der Flüchtlingsfrage vor allem mit Abwehr. Es geht darum, die Zahl der Menschen, die in Deutschland Zuflucht suchen, zu begrenzen.
Dem soll auch die Regelung dienen, dass Entscheidungen über den Flüchtlingsstatus nun schneller fallen sollen.
Das Ziel ist: man will schneller abschieben können.
Denn: Deutschland sei mittlerweile „überfordert“. So ist allenthalben zu hören und zu lesen.
Schaut man sich andre Länder an – die Türkei beispielsweise oder Griechenland oder den Libanon und etliche andere – dann klingt die Behauptung, Deutschland sei „überfordert“ schlicht wie Hohn. Denn ökonomisch weitaus schwächere Länder leisten ein Vielfaches.

2. Das „Argument“ dient der Stimmungsmache gegen Flüchtlinge. Es ist ein „Angst-Argument“. Da wird eine Vorstellung an die Wand gemalt, die Angst machen soll: „wenn die jetzt alle kommen, das überfordert uns!“; jetzt kommt die „Flüchtlingswelle“; wir werden von ihr „überrollt“.
Angst wird geschürt. Dumpfe, indifferente, unklare Angst vor dem „Fremden“.
Es ist ein sehr altes und sehr wirkungsvolles „Argument“ mit einer sehr langen Tradition.
Und es funktioniert.
Menschen lassen sich von dieser durch nichts zu begründenden Annahme, „alle“ würden nun nach Deutschland wollen, beeindrucken.
Wer sich die Zahl der Flüchtlinge auf der Welt genau anschaut, ihre Herkunftsländer und ihre Aufnahmeländer sieht, der findet sehr schnell heraus: es ist keineswegs so, dass „alle“ nach Deutschland wollen.

Und deshalb ist es bedrückend, dass dieses „Argument“ nun sogar von Vertretern der Spitze unseres Staates vorgetragen wird.

Hybris. Oder: etwas vom Brot.


Man muss innehalten in diesen Tagen. Sonst geraten die wichtigen Sachverhalte aus dem Blick.
Nach dem Terror-Anschlag von Paris wird in Europa zwar kräftig und auch ausführlich über die Frage „Was darf Satire?“ diskutiert, jedoch nicht über die viel wesentlichere Frage: „Was sind eigentlich Ursachen für Terror?“
Auch nach dem Attentat vom 11. September 2001 hat man diese wichtigere Frage nicht hinreichend erörtert. Und das hatte schlimme Folgen: einen Krieg zum Beispiel. Man kann aber die Ursachen von Gewalt nicht mit einem Krieg bekämpfen.
Deshalb will ich heute eine von der University of Notre Dame erarbeitete neue Grafik über die Folgen des Klimawandels besprechen.
Aus ihr geht hervor, dass der Klimawandel – der längst stattfindet – vor allem Länder in Afrika und Asien betrifft. Das ist zwar nicht neu, aber ausdifferenzierter als früher. Auffallend ist: etliche dieser besonders stark betroffenen Länder sind eben auch „Quellorte“ für Terroristen.
Was ist der Zusammenhang? Terrorismus rekrutiert sich auch aus Ungerechtigkeit und Armut. Armut ist unter anderem eine Folge des Klimawandels, der wiederum eine seiner Ursachen in den Wirtschaftsbedingungen des reichen Nordens der Erde hat.
Kurz: der Lebensstil des Nordens führt zur Armut im Süden. (Man kann sich unter diesem Aspekt ja mal die Wirkungen des Hochfrequenzhandels an den Börsen betrachten)
Papst Franziskus hat die Folgen des Kapitalismus kurz und prägnant zusammengefasst:
„Dieses Wirtschaftssystem tötet.“
Schon Willy Brandt hat gesehen, dass der Lebensstil des Nordens zur Armut im Süden führt, als er sich für einen stärkeren Nord-Süd- und Süd-Süd-Dialog eingesetzt hat in den siebziger Jahren, dennoch muss es wiederholt werden, weil es im Bewusstsein des Nordens überhaupt noch nicht angekommen und politikwirksam geworden ist. Eher im Gegenteil. Das Thema wird verdrängt. Man redet lieber über „Was darf Satire?“
Schaut man sich die Wirtschaftsgeschichte der maßgeblichen Industriestaaten an, findet man schnell, dass sie ihren Reichtum schon früher aus dem Süden bezogen haben: während der Kolonialzeit.
Jean Ziegler weist in seinem Buch „Der Hass auf den Westen“ deshalb völlig zu Recht darauf hin, dass man durchaus verstehen kann, wenn die Länder des Südens, die von Kolonialismus und Klimawandel besonders betroffen waren und sind, allmählich zornig werden.
Wenn man sich daraufhin nun nocheinmal die oben eingefügte Grafik über die Folgen des Klimawandels anschaut; wenn man dabei zusätzlich bedenkt, dass
1. demnächst etwa 10 Milliarden Menschen die Erde bewohnen werden und
2. über ein Drittel des Menschheit in einem nur etwa 50 km breiten Streifen an den Küsten der Kontinente lebt (vor allem in sogenannten Mega-Citys, die jetzt schon über die Hälfte der Weltbevölkerung beherbergen)
3. die ärmeren Länder besonders unter dem Klimawandel zu leiden haben werden
4. die reicheren Länder vor allem mit Abschottung reagieren (Stichwort: FRONTEX)
dann kann man ermessen, was für ein mächtiges Gewaltpotenzial sich da aufbaut.

Wenn ich mir unter diesem Aspekt die – vor allem in Europa geführte – Debatte über Satire und „freie Meinungsäußerung“ nach dem Anschlag von Paris anschaue, dann finde ich vor allem eins: Hybris.

Denn: scharf formuliert und zugespitzt lautet der Konflikt:
Ein Armer kommt zum Reichen und sagt: „Gib mir Brot, meine Familie verhungert!“
Der schaut den Armen an und antwortet:
„Brot bekommst du nicht. Aber deine Religion taugt nichts. Und ich darf das sagen.“

Wir werden von diesem hohen Ross wohl absteigen müssen.
Wir werden wohl vor allem über die Ursachen der Gewalt sprechen müssen.
Aus einem einfachen Grund.
Wenn wir das wieder nicht tun, dann wird die Gewalt zunehmen.

 

Nicht in meinem Namen! „Es geht nicht um Putin, es geht um Europa!“ Für eine neue Entspannungspolitik


Heute  (5. 12. 2014) ist dieser wichtige Aufruf für eine neue Entspannungspolitik in Europa u.a. in der ZEIT und im TAGESSPIEGEL erschienen.
Ich unterstütze ihn und teile ihn deshalb hier mit:

Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!

Niemand will Krieg. Aber Nordamerika, die Europäische Union und Russland treiben unausweichlich auf ihn zu, wenn sie der unheilvollen Spirale aus Drohung und Gegendrohung nicht endlich Einhalt gebieten. Alle Europäer, Russland eingeschlossen, tragen gemeinsam die Verantwortung für Frieden und Sicherheit. Nur wer dieses Ziel nicht aus den Augen verliert, vermeidet Irrwege.

Der Ukraine-Konflikt zeigt: Die Sucht nach Macht und Vorherrschaft ist nicht überwunden. 1990, am Ende des Kalten Krieges, durften wir alle darauf hoffen. Aber die Erfolge der Entspannungspolitik und der friedlichen Revolutionen haben schläfrig und unvorsichtig gemacht. In Ost und West gleichermaßen. Bei Amerikanern, Europäern und Russen ist der Leitgedanke, Krieg aus ihrem Verhältnis dauerhaft zu verbannen, verloren gegangen. Anders ist die für Russland bedrohlich wirkende Ausdehnung des Westens nach Osten ohne gleichzeitige Vertiefung der Zusammenarbeit mit Moskau, wie auch die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Putin, nicht zu erklären.

In diesem Moment großer Gefahr für den Kontinent trägt Deutschland besondere Verantwortung für die Bewahrung des Friedens. Ohne die Versöhnungsbereitschaft der Menschen Russlands, ohne die Weitsicht von Michael Gorbatschow, ohne die Unterstützung unserer westlichen Verbündeten und ohne das umsichtige Handeln der damaligen Bundesregierung wäre die Spaltung Europas nicht überwunden worden. Die deutsche Einheit friedlich zu ermöglichen, war eine große, von Vernunft geprägte Geste der Siegermächte. Eine Entscheidung von historischer Dimension. Aus der überwundenen Teilung sollte eine tragfähige europäische Friedens- und Sicherheitsordnung von Vancouver bis Wladiwostok erwachsen, wie sie von allen 35 Staats- und Regierungschefs der KSZE-Mitgliedsstaaten im November 1990 in der „Pariser Charta für ein neues Europa“ vereinbart worden war. Auf der Grundlage gemeinsam festgelegter Prinzipien und erster konkreter Maßnahmen sollte ein „Gemeinsames Europäisches Haus“ errichtet werden, in dem alle beteiligten Staaten gleiche Sicherheit erfahren sollten. Dieses Ziel der Nachkriegspolitik ist bis heute nicht eingelöst. Die Menschen in Europa müssen wieder Angst haben.

Wir, die Unterzeichner, appellieren an die Bundesregierung, ihrer Verantwortung für den Frieden in Europa gerecht zu werden. Wir brauchen eine neue Entspannungspolitik für Europa. Das geht nur auf der Grundlage gleicher Sicherheit für alle und mit gleichberechtigten, gegenseitig geachteten Partnern. Die deutsche Regierung geht keinen Sonderweg, wenn sie in dieser verfahrenen Situation auch weiterhin zur Besonnenheit und zum Dialog mit Russland aufruft. Das Sicherheitsbedürfnis der Russen ist so legitim und ausgeprägt wie das der Deutschen, der Polen, der Balten und der Ukrainer.

Wir dürfen Russland nicht aus Europa hinausdrängen. Das wäre unhistorisch, unvernünftig und gefährlich für den Frieden. Seit dem Wiener Kongress 1814 gehört Russland zu den anerkannten Gestaltungsmächten Europas. Alle, die versucht haben, das gewaltsam zu ändern, sind blutig gescheitert – zuletzt das größenwahnsinnige Hitler-Deutschland, das 1941 mordend auszog, auch Russland zu unterwerfen.

Wir appellieren an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages, als vom Volk beauftragte Politiker, dem Ernst der Situation gerecht zu werden und aufmerksam auch über die Friedenspflicht der Bundesregierung zu wachen. Wer nur Feindbilder aufbaut und mit einseitigen Schuldzuweisungen hantiert, verschärft die Spannungen in einer Zeit, in der die Signale auf Entspannung stehen müssten. Einbinden statt ausschließen muss das Leitmotiv deutscher Politiker sein.

Wir appellieren an die Medien, ihrer Pflicht zur vorurteilsfreien Berichterstattung überzeugender nachzukommen als bisher. Leitartikler und Kommentatoren dämonisieren ganze Völker, ohne deren Geschichte ausreichend zu würdigen. Jeder außenpolitisch versierte Journalist wird die Furcht der Russen verstehen, seit NATO-Mitglieder 2008 Georgien und die Ukraine einluden, Mitglieder im Bündnis zu werden. Es geht nicht um Putin. Staatenlenker kommen und gehen. Es geht um Europa. Es geht darum, den Menschen wieder die Angst vor Krieg zu nehmen. Dazu kann eine verantwortungsvolle, auf soliden Recherchen basierende Berichterstattung eine Menge beitragen.

Am 3. Oktober 1990, am Tag der Deutschen Einheit, sagte Bundespräsident Richard von Weizsäcker: „Der Kalte Krieg ist überwunden. Freiheit und Demokratie haben sich bald in allen Staaten durchgesetzt. … Nun können sie ihre Beziehungen so verdichten und institutionell absichern, dass daraus erstmals eine gemeinsame Lebens- und Friedensordnung werden kann. Für die Völker Europas beginnt damit ein grundlegend neues Kapitel in ihrer Geschichte. Sein Ziel ist eine gesamteuropäische Einigung. Es ist ein gewaltiges Ziel. Wir können es erreichen, aber wir können es auch verfehlen. Wir stehen vor der klaren Alternative, Europa zu einigen oder gemäß leidvollen historischen Beispielen wieder in nationalistische Gegensätze zurückzufallen.“

Bis zum Ukraine-Konflikt wähnten wir uns in Europa auf dem richtigen Weg. Richard von Weizsäckers Mahnung ist heute, ein Vierteljahrhundert später, aktueller denn je.

Die Unterzeichner

Mario Adorf, Schauspieler
Robert Antretter (Bundestagsabgeordneter a. D.)
Prof. Dr. Wilfried Bergmann (Vize – Präsident der Alma Mater Europaea)
Luitpold Prinz von Bayern (Königliche Holding und Lizenz KG)
Achim von Borries (Regisseur und Drehbuchautor)
Klaus Maria Brandauer (Schauspieler, Regisseur)
Dr. Eckhard Cordes (Vorsitzender Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft)
Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin (Bundesministerin der Justiz a.D.)
Eberhard Diepgen (ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin)
Dr. Klaus von Dohnanyi (Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg)
Alexander von Dülmen (Vorstand A-Company Filmed Entertainment AG)
Stefan Dürr (Geschäftsführender Gesellschafter und CEO Ekosem-Agrar GmbH)
Dr. Erhard Eppler (Bundesminister für Entwicklung und Zusammenarbeit a.D.)
Prof. Dr. Dr. Heino Falcke (Propst i.R.)
Prof. Hans-Joachim Frey (Vorstandsvorsitzender Semper Opernball Dresden)
Pater Anselm Grün (Pater)
Sibylle Havemann (Berlin)
Dr. Roman Herzog (Bundespräsident a.D.)
Christoph Hein (Schriftsteller)
Dr. Dr. h.c. Burkhard Hirsch (Bundestagsvizepräsident a.D.)
Volker Hörner (Akademiedirektor i.R.)
Josef Jacobi (Biobauer)
Dr. Sigmund Jähn (ehemaliger Raumfahrer)
Uli Jörges (Journalist)
Prof. Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann (ehemalige EKD Ratsvorsitzende und Bischöfin)
Dr. Andrea von Knoop (Moskau)
Prof. Dr. Gabriele Krone-Schmalz (ehemalige Korrespondentin der ARD in Moskau)
Friedrich Küppersbusch (Journalist)
Vera Gräfin von Lehndorff (Künstlerin)
Irina Liebmann (Schriftstellerin)
Dr. h.c. Lothar de Maizière (Ministerpräsident a.D.)
Stephan Märki (Intendant des Theaters Bern)
Prof. Dr. Klaus Mangold (Chairman Mangold Consulting GmbH)
Reinhard und Hella Mey (Liedermacher)
Ruth Misselwitz (evangelische Pfarrerin Pankow)
Klaus Prömpers (Journalist)
Prof. Dr. Konrad Raiser (eh. Generalsekretär des Ökumenischen Weltrates der Kirchen)
Jim Rakete (Fotograf)
Gerhard Rein (Journalist)
Michael Röskau (Ministerialdirigent a.D.)
Eugen Ruge (Schriftsteller)
Dr. h.c. Otto Schily (Bundesminister des Inneren a.D)
Dr. h.c. Friedrich Schorlemmer (ev. Theologe, Bürgerrechtler)
Georg Schramm (Kabarettist)
Gerhard Schröder (Bundeskanzler a.D.)
Philipp von Schulthess (Schauspieler)
Ingo Schulze (Schriftsteller)
Hanna Schygulla (Schauspielerin, Sängerin)
Dr. Dieter Spöri (Wirtschaftsminister a.D.)
Prof. Dr. Fulbert Steffensky (kath. Theologe)
Dr. Wolf-D. Stelzner (geschäftsführender Gesellschafter: WDS-Institut für Analysen in Kulturen mbH)
Dr. Manfred Stolpe (Ministerpräsident a.D.)
Dr. Ernst-Jörg von Studnitz (Botschafter a.D.)
Prof. Dr. Walther Stützle (Staatssekretär der Verteidigung a.D.)
Prof. Dr. Christian R. Supthut (Vorstandsmitglied a.D. )
Prof. Dr. h.c. Horst Teltschik (ehemaliger Berater im Bundeskanzleramt für Sicherheit und Außenpolitik)
Andres Veiel (Regisseur)
Dr. Hans-Jochen Vogel (Bundesminister der Justiz a.D.)
Dr. Antje Vollmer (Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages a.D.)
Bärbel Wartenberg-Potter (Bischöfin Lübeck a.D.)
Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker (Wissenschaftler)
Wim Wenders (Regisseur)
Hans-Eckardt Wenzel (Liedermacher)
Gerhard Wolf (Schriftsteller, Verleger)

social media als Chance zur Deeskalation


Ein Geschenk Russlands an die UNO: Schwerter zu Pflugscharen
Ein Geschenk Russlands an die UNO: Schwerter zu Pflugscharen

Feindbilder haben Konjunktur.
Wer die Debatte um die Ukraine, Russland und die Krim verfolgt, bemerkt es sofort.
Unsere Gesellschaften haben es wie einen Reflex erlernt: zeichnet sich eine scharfe Kontroverse ab, die aus verschiedenen Interessen resultiert, antworten die am Konflikt beteiligten Parteien mit Feindbildern, die nicht selten zur militärischen Eskalation führen.
Die Frage ist:
Wie lernt man Frieden?
Wie lernt man Deeskalation?
Es beginnt mit der persönlichen Begegnung und mit der Anerkenntnis, dass jeder Mensch das gleiche Recht auf Leben hat.
Das ist eine wichtige Erfahrung aus der Zeit, in der die politischen Blöcke im geteilten Deutschland scheinbar unversöhnlich gegenüber standen.
Social media kann wie kaum ein anderes Instrument diese dringend notwendige persönliche Begegnung zwischen den „Fronten“ anbahnen und fördern.
Es ist schnell.
Es ist direkt.
Es ist öffentlich und kann viele Millionen Menschen erreichen.
Leider werden die neuen technologischen Möglichkeiten bislang überwiegend dafür verwendet, die jeweiligen Feindbilder zu pushen. Der „Krieg“ findet auch im Netz statt.
Man muss sich daran aber nicht beteiligen.
Was fehlt, sind Plattformen, Netzwerke, Gruppen, die den Dialog zwischen den Konfliktparteien, genauer: zwischen den Bevölkerungen befördern. Und zwar dergestalt, dass sich nicht Ministerpräsidenten, Generäle und diverse andere beteiligen, sondern Zivilisten. Schüler, Eltern, Lehrer, Pensionäre, Männer und Frauen.
Wenn sich die Zivilgesellschaften am Dialog beteiligen, in dem sie zueinander Kontakt aufnehmen, haben die „Falken“ weniger Chancen, ihre „entweder-oder“ Politiken umzusetzen.
Diese technischen Möglichkeiten, die uns heutzutage zur Verfügung stehen, sind neu.
Sie sind in Friedensprozessen noch wenig erprobt.
Aber sie liegen bereit.
Es liegt an den Nutzerinnen und Nutzern des Internets selbst, ob sie dieses Instrument einsetzen, um Feindbilder zu verstärken, oder ob sie es einsetzen, um Begegnung zwischen Menschen zu unterstützen.
Wenn die Zivilgesellschaften erkennen würden, was sie da für ein großartiges Instrument zur Verfügung haben, um Friedensprozesse, gegenseitige Verständigung und Kompromisse und Dialog zu unterstützen, könnte die internationale Friedensarbeit wesentliche neue Impulse bekommen.
Wir müssen angesichts der hochkomplexen Konflikte in der Einen Welt dazu lernen.
Wir müssen lernen, miteinander auszukommen.
Wechselseitige Feindbilder und in ihrer Folge nicht selten militärische Konflikte dienen diesem Ziel nicht.
Das Internet und insbesondere social media jedoch sind eine große Chance, Gewalt nicht eskalieren zu lassen, sondern zur Verständigung zwischen den Menschen zu kommen.
Es liegt auch an uns, ob Frieden wird.