Christen in der AfD. Eine Textanalyse. Zwei „Predigten“ von Pastor Jakob Tscharntke


Ich hatte hier im blog angekündigt, mich mit konkreten Texten von Menschen auseinanderzusetzen, die sich im Bundesverband der Christen in der AfD organisiert haben. Ich will das 1. theologisch und 2. politisch tun. Man findet beim Bundesverband der Christen in der AfD z.B. auf dessen facebook-Seite sehr schnell die sogenannten „Protagonisten“. Menschen also, deren Schriften innerhalb des Bundesverbandes und darüber hinaus Verbreitung und Resonanz finden.
Beginnen wir mit Jakob Tscharnke. Pastor der Evangelischen Freikirche in Riedlingen. Er hat zwei „Predigten“ (vom 4. 10. 2015 (Der Christ und der Fremde) und vom 11.10. 2015 (Wie gehen wir als Christen mit der Zuwanderungsproblematik um) öffentlich zugänglich vorgelegt, um deren Analyse es nun gehen soll. Wer den Text selber nachlesen will, findet ihn hier.
Vorbemerkung:
Die Interpretation biblischer Texte hat eine lange, wechselvolle Geschichte. Schon Origines (185-254) hat auf einen „vierfachen Schriftsinn“ hingewiesen und damit all jenen gewehrt, die biblische Texte nur im „wörtlichen“ Sinn interpretieren wollen. Die wissenschaftliche Erschließung biblischer Texte hat seither enorme Entwicklungen erfahren, zu denen insbesondere die wissenschaftlich exakte Exegese gehört. Die historisch-kritische Methode ist dabei ein wesentlicher Baustein exakter Exegese. Sie ist nicht die einzige Methode. Die historisch-kritische Methode arbeitet streng am Text und fragt insbesondere nach Verfasser, Entstehungszeit, damaliger „Absicht“ und „Funktion“. Diese strenge Methode dient vor allem der Vermeidung der „Eisegese„. „Eisegese“ ist ein Hinein-Interpretieren gegenwärtiger Fragestellungen und gegenwärtiger Vorstellungen in die antiken Texte. Andersherum: wer „Eisegese“ betreibt, liest Aussagen aus den antiken Texten, die da nicht drin stehen.
Wendet man die historisch-kritische Exegese auf den oben zitierten Text zur „Predigt“ an, dann findet man: Jesaja 1, 2-7 ist etwa zwischen 740 und 701 vor Christus entstanden. Dieser Text – der ja Grundlage der „Predigt“ von Jakob Tscharntke ist, sagt also zur gegenwärtigen Fragestellung zum Umgang mit Flüchtlingen insbesondere aus muslimischen Ländern – zunächst einmal gar nichts. Er sagt auch nichts zum Thema „Der Christ und der Fremde“, weil dem Propheten Jesaja das Phänomen des Christentums völlig unbekannt war. Das Christentum ist viel später entstanden.
Aber nicht nur das.
Man findet im Text von Jakob Tscharntke eben auch starke Hinweise auf „Eisegese“. Tscharntke fragt: „Damit zu dem, was Gottes Wort wirklich sagt. Worin liegt der grundsätzliche Irrtum derer, die bei der derzeitigen Invasion (Hervorhebung von mir) nach Deutschland mit Argumenten wie der Nächstenliebe oder dem barmherzigen Samariter daherkommen?“
Der Text“interpret“ Tscharnke hat also bereits eine konkrete Vorstellung von dem, was sich gegenwärtig abspielt. Es handelt sich nach seiner Wahrnehmung um eine „Invasion“. Das ist ein Wert-Urteil. Und dieses Wert-Urteil macht ihn blind gegenüber den zahlreich (und vor allem wahllos) zitierten Bibel-Stellen, die zumal aus völlig verschiedenen Zeiten stammen, von verschiedenen Autoren sind und auch überaus verschiedene „Zwecke“ hatten. Herr Tscharntke sucht sich wahllos zusammen, was ihm in seinen theologischen Kram passt.
Ein solches Verfahren hat allerdings mit Theologe nichts mehr zu tun. Denn das ist Willkür am Text.
Wer bereits bevor (!) er sich mit dem eigentlichen Bibeltext auseinandersetzt, die feste Vorstellung hat, es handele sich bei den Flüchtlingen der Gegenwart um eine „Invasion“, der findet natürlich auch heraus, was dann als „Konsequenz“ festzustellen wäre:
„Jesus hat im Gleichnis vom barmherzigen Samariter von einem gesprochen, der unter die Räuber gefallen war. Er hat definitiv nicht davon gesprochen, daß wir unser Land von einfallenden räuberischen Horden ausplündern lassen müssten.“ (Man findet diese Textstelle in der „Predigt“ von Herrn Tscharnke weiter oben im link).
Halten wir fest: bei den Flüchtlingen der Gegenwart handelt es sich nach Auffassung von Herrn Tscharnke nicht nur um eine „Invasion“, sondern zudem um eine Invasion „von einfallenden räuberischen Horden“.
Mit biblischer Exegese oder gar mit Theologie hat das nichts mehr zu tun.
Das ist Ideologie.

Ein Kollege von Herrn Tscharnke hat ihn nun angezeigt.
Nach meinem Kenntnisstand ermittelt die Staatsanwaltschaft.

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Das religiöse Mäntelchen der AfD. Der „Bundesverband Christen in der AfD“. Eine Ankündigung.


Die AfD gibt sich gern christlich. In dieser Partei arbeiten Menschen mit, die sich für Christen halten. Ob sie das sind, darüber will ich nicht urteilen. Das steht mir auch nicht zu.
Aber ich will mich auseinandersetzen mit deren Argumenten, mit ihrem politischen Weltbild und mit ihren „theologischen“ Argumentationsmustern. Weil ich der Auffassung bin, dass insbesondere in den öffentlichen Äußerungen des „Bundesverbandes Christen in der AfD“, wie man sie beispielsweise bei facebook und auch auf diversen Homepages und in etlichen print-Publikationen findet, eine Mischung von ausländer- insbesondere islamfeindlichem politischem Gedankengut und einer schon auf den ersten Blick ziemlich verquasten „Theologie“ daherkommt, die unbedingte Auseinandersetzung erfordert, weil sie, völlig fern von jeder exegetisch exakten Erkenntnis, so ziemlich alles mit allem zusammenquirlt – um die eigene politische Ansicht zu legitimieren.
Mein persönlicher Grund, mich dieser nicht vergnügungssteuerpflichtigen Arbeit zu unterziehen, ist ein historischer: eine Theologie, die zur Legitimierung eigener politischer Auffassungen zusammengebastelt wird, stand und steht in der Gefahr, Menschen zu verführen.
Historisches Beispiel ist die Auseinandersetzung zwischen „Bekennender Kirche“ und „Deutschen Christen“ in den Jahren zwischen 1933 und 1945. Mit dieser Zeit beschäftige ich mich nun seit etwa 35 Jahren. Auch, weil ich einen Beitrag leisten will, dass sich politische Verhältnisse, wie sie in jenen Jahren herrschten, nicht wiederholen.
Ich werde deshalb hier im blog in loser Folge einzelne Texte dazu bereitstellen, mich mit einzelnen Protagonisten der „Christen in der AfD“ auseinandersetzen und mit den von ihnen vorgetragenen Argumenten – politischer und theologischer Natur. Ich tue das als Theologe und als politisch denkender Mensch.
Eins ist mir dabei besonders wichtig: es geht um unbedingte theologische Klarheit. Denn – das hat die Auseinandersetzung der „Bekennenden Kirche“ mit den „Deutschen Christen“ gezeigt – nur Klarheit hilft weiter. Ohne die Klarheit von exzellenten Theologen wie Karl Barth oder Dietrich Bonhoeffer wären in jenen Jahren noch mehr Menschen den „Deutschen Christen“ hinterher gelaufen. Es waren viel zu viele, die unter Gebeten „für Volk und Vaterland“ ihren latenten Fremden- und insbesondere Juden-Hass zum Ausdruck brachten. Und die Kirchen haben durch ihr überlanges Schweigen in jenen Jahren Schuld auf sich geladen. Deshalb bedarf es jetzt der frühen und rechtzeitigen Auseinandersetzung und Klärung. Es wäre fatal, wollte man Gruppen wie die „Christen in der AfD“ nicht ernst nehmen. Denn hier wächst eine Melange aus rechtsorientiertem politischem Denken und einer „Theologie“ heran, die nicht ohne Widerspruch bleiben darf. Wenn eine „Theologie“ dazu dient, ausländerfeindliche – im Besonderen islamfeindliche – politische Ansichten zu bemänteln, dann muss ihr widersprochen werden. Denn nichts ist gefährlicher, als wenn Politik im Gewand der „Religion“ daher kommt.
Dies ist ein erster kurzer Text zu diesem Problemkreis, eine Ankündigung gewissermaßen, erste links sind gesetzt, damit sich der Leser eine eigene Meinung bilden kann. Man wird weitere Texte hier im blog künftig unter einer eigenen Kategorie „Christen in der AfD“ finden.