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social media als Chance zur Deeskalation


Ein Geschenk Russlands an die UNO: Schwerter zu Pflugscharen

Ein Geschenk Russlands an die UNO: Schwerter zu Pflugscharen

Feindbilder haben Konjunktur.
Wer die Debatte um die Ukraine, Russland und die Krim verfolgt, bemerkt es sofort.
Unsere Gesellschaften haben es wie einen Reflex erlernt: zeichnet sich eine scharfe Kontroverse ab, die aus verschiedenen Interessen resultiert, antworten die am Konflikt beteiligten Parteien mit Feindbildern, die nicht selten zur militärischen Eskalation führen.
Die Frage ist:
Wie lernt man Frieden?
Wie lernt man Deeskalation?
Es beginnt mit der persönlichen Begegnung und mit der Anerkenntnis, dass jeder Mensch das gleiche Recht auf Leben hat.
Das ist eine wichtige Erfahrung aus der Zeit, in der die politischen Blöcke im geteilten Deutschland scheinbar unversöhnlich gegenüber standen.
Social media kann wie kaum ein anderes Instrument diese dringend notwendige persönliche Begegnung zwischen den “Fronten” anbahnen und fördern.
Es ist schnell.
Es ist direkt.
Es ist öffentlich und kann viele Millionen Menschen erreichen.
Leider werden die neuen technologischen Möglichkeiten bislang überwiegend dafür verwendet, die jeweiligen Feindbilder zu pushen. Der “Krieg” findet auch im Netz statt.
Man muss sich daran aber nicht beteiligen.
Was fehlt, sind Plattformen, Netzwerke, Gruppen, die den Dialog zwischen den Konfliktparteien, genauer: zwischen den Bevölkerungen befördern. Und zwar dergestalt, dass sich nicht Ministerpräsidenten, Generäle und diverse andere beteiligen, sondern Zivilisten. Schüler, Eltern, Lehrer, Pensionäre, Männer und Frauen.
Wenn sich die Zivilgesellschaften am Dialog beteiligen, in dem sie zueinander Kontakt aufnehmen, haben die “Falken” weniger Chancen, ihre “entweder-oder” Politiken umzusetzen.
Diese technischen Möglichkeiten, die uns heutzutage zur Verfügung stehen, sind neu.
Sie sind in Friedensprozessen noch wenig erprobt.
Aber sie liegen bereit.
Es liegt an den Nutzerinnen und Nutzern des Internets selbst, ob sie dieses Instrument einsetzen, um Feindbilder zu verstärken, oder ob sie es einsetzen, um Begegnung zwischen Menschen zu unterstützen.
Wenn die Zivilgesellschaften erkennen würden, was sie da für ein großartiges Instrument zur Verfügung haben, um Friedensprozesse, gegenseitige Verständigung und Kompromisse und Dialog zu unterstützen, könnte die internationale Friedensarbeit wesentliche neue Impulse bekommen.
Wir müssen angesichts der hochkomplexen Konflikte in der Einen Welt dazu lernen.
Wir müssen lernen, miteinander auszukommen.
Wechselseitige Feindbilder und in ihrer Folge nicht selten militärische Konflikte dienen diesem Ziel nicht.
Das Internet und insbesondere social media jedoch sind eine große Chance, Gewalt nicht eskalieren zu lassen, sondern zur Verständigung zwischen den Menschen zu kommen.
Es liegt auch an uns, ob Frieden wird.

Die Skepsis überwiegt. Eine ungehaltene Neujahrsrede.


Schaue ich mir die erkennbaren langfristig wirkenden Entwicklungen im zurückliegenden Jahr an, überwiegt die Skepsis. Man muss nicht erst Erwin Chargaff lesen, um zum begründeten Skeptiker zu werden.
Fukushima: in San Francisco hat man mittlerweile erhöhte Radioaktivität gemessen. Das, was da tagtäglich in Fukushima ins Meer fließt an hochkontaminiertem Wasser ist durch die Meeresströmungen nun in Amerika angekommen. Und wird sich weiter über die Welt verteilen. 650 Jahre etwa dauert das, wie Meeresforscher wissen. Bei einer Halbwertzeit von 16.000 Jahren kein Problem. “Fukushima ist überall” haben einige zutreffend formuliert. Was bedeutet das?
Es bedeutet, dass die maßgeblichen Industrienationen das Desaster nicht wirklich begriffen haben. Denn es fehlt an einem wirksamen Ausstieg aus dieser Art der Energiegewinnung. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das nächste Kraftwerk in die Luft fliegt. Günther Anders hatte Recht: der Mensch steht entsetzt vor den von ihm erschaffenen Maschinen und beherrscht sie schon längst nicht mehr. Fukushima ist längst das Symbol für eine zerstörende Art des des Wirtschaftens geworden.
“Diese Wirtschaft tötet” hatte Papst Franziskus kürzlich markant formuliert. Sie tötet nicht nur Andere, Schwächere, Marginalisierte. Sie tötet sich selbst.

TTIP. Das geplante Freihandels-Abkommen zwischen der EU und den USA. Streng geheim verhandelt unter Ausschluss der Parlamente. Es sieht einen “Investitionsschutz” für Multis vor, der es ihnen ermöglichen soll, Staaten auf Schadenersatz zu verklagen, falls deren nationale Gesetzgebung geplante Investitionen – in Kraftwerke beispielsweise – “behindert”. Der Widerstand dagegen formiert sich zwar, ist aber bislang völlig ohne Einfluss. Nicht mal die Berichterstatter im EU-Parlament sind über das Abkommen informiert. Nur weniges sickert an die Öffentlichkeit.
Dieses Abkommen wird zu einer weiteren Beschleunigung der Zerstörung natürlicher Ressourcen führen, denn das durch das Abkommen beabsichtigte Wachstum ist nicht nachhaltig. Es geht im Kern darum, die bestehende Art des Wirtschaftens noch “effektiver” zu machen. Hauptziel: Gewinnmaximierung. Das zwischen den USA und Europa geplante Abkommen ist ja nicht das einzige seiner Art. Der Prozess der beschleunigten Gewinnmaximierung im Namen des Wachstums wird ja auch durch zahlreiche vergleichbare Abkommen gesichert.

Geheimdienste. Der Chaos-Computer-Club hat nun auf seiner Jahrestagung in Hamburg die schlichte, aber verstehbare Formulierung gefunden: “Der NSA gehört das Internet”.  Totale Überwachung der weltweiten Kommunikation durch die “Dienste” der reichen Welt. Egon Bahr warnt deshalb vor einem Krieg: “Es wäre das erste Mal, dass eine grundlegend neue Technik nicht für einen Krieg eingesetzt würde”. Hört man solche Stimmen? Nein.
Das Grundgesetz gilt nicht mehr. Die Grundrechte der Bürger, einst streng durch die Verfassung geschützt, sind beliebig geworden. Die Geheimdienste schert das alles nicht. Das Parlament und die Regierung auch nicht. Das ist katastrophal. Denn das Fundament der Demokratie hat keine wirksame Verteidigung mehr. Das Fundament wankt.
Es gibt keinen wirksamen Widerstand gegen diese Entwicklung. Weder in den Parlamenten, noch in den Regierungen, noch in den Bevölkerungen. Das Wort vom “cyber war” ist längst gängiger Sprachgebrauch. Und die Sprache zeigt wie ein Seismograf, was zu erwarten ist.

Europa. Die Fundamentalismen nehmen zu. Rechtsorientierte Parteien werden stärker. Der bevorstehende Europa-Wahlkampf wird dies überdeutlich zeigen. Das Mittelmeer ist zu einem Massengrab geworden. Über 20.000 Flüchtlinge sind mittlerweile auf dem Weg nach Europa ertrunken. Und die Union schottet sich immer mehr ab (FRONTEX etc.). Der Widerstand dagegen ist marginal (von einigen Weihnachtsansprachen abgesehen) und völlig folgenlos. Leute wie der unermüdliche Jean Ziegler werden zwar gelesen, man klatscht ihm auch Befall. Aber es bleibt folgenlos.

Der Kampf um die Sicherung der letzten Rohstoffe nimmt weiter an Schärfe zu. Sogar der international eher bedeutungslose deutsche Koalitionsvertrag nimmt das Stichwort von der “Rohstoffsicherung” auf und verlangt entsprechende “Maßnahmen”, um der “Wirtschaft” den “Zugang zu den Ressourcen” zu ermöglichen. Man erwartet von der Politik, “behilflich” zu sein. In Afrika vor allem. Denn dort lagern die für eine IT-gestützte Wirtschaft die wertvollen seltenen Erden.
Die Spannungen zwischen reicher und armer Welt nehmen zu.
Das Tempo der Zerstörung der natürlichen Grundlagen des menschlichen Lebens nimmt zu.
Der politische Widerstand gegen solche Zerstörungstendenzen ist minimal, eigentlich gar nicht vorhanden, denn der Glaube an das “Wachstum” ist ungebrochen.

Demokratie. Politische Stiftungen haben darauf längst hingewiesen: die Skepsis sehr vieler Menschen gegenüber demokratischen Systemen nimmt weltweit ab. Fundamentalismen gewinnen Oberwasser. Die Spannungen steigen weiter an, weil die Ungerechtigkeit wächst. In der stärksten Volkswirtschaft Europas führt die übergroße Koalition zu einer weiteren Entmachtung des Parlaments, ein schon seit längerem zu beobachtender Trend. Die politische Klasse, insbesondere Regierungen und Parlamente haben eine erschreckend geringe Akzeptanz.

Zynismus. Verfolgt man die öffentliche Debatte insbesondere in den Netzwerken, fällt der zunehmende Zynismus, der sich als “Humor” tarnt, sofort ins Auge. Viele Menschen haben im Grunde ihre Fahne eingezogen, haben “resigniert”, retten sich ins Kabarettistische und in den Zynismus, verkriechen sich in noch verbliebene private Nischen.

Nun ist es zwar auch so, dass ausserparlamentarische Initiativen und Netzwerke durch das Internet an Bedeutung gewinnen. Die Zivilgesellschaft organisiert sich auf diesem Wege weltweit. Das ist eine tröstliche Entwicklung. Ihre politische Wirksamkeit jedoch ist – abgesehen von einigen wenigen Petitionen – marginal.

Nun habe ich nicht wenige Jahre meines Lebens – um genau zu sein, mehr als die Hälfte des bisher gelebten Lebens – als politisch aktiver Mensch verbracht. Während der zweiten deutschen Diktatur und in dem Vierteljahrhundert danach.
Mir sind Abläufe und Gepflogenheiten in Parlament und Regierung aus eigener Arbeit und eigenem Erleben durchaus vertraut.
Vielleicht auch gerade deshalb überwiegt die Skepsis, ob es noch gelingen kann, wirklich umzusteuern.
Das kommende Jahr 2014 wird an die “Schlafwandler” erinnern. Christopher Clark hat dieses bemerkenswerte Buch 2013 vorgelegt.
Manchmal ist mir, als taumelten die modernen Gesellschaften ähnlich wie 1914 gleichsam “wie Schlafwandler” in eine erneute, weltweite Katastrophe.
Es sollte mich freuen, wenn ich mich irre.

Komm, wir gründen eine Partei – Anmerkungen eines silversurfers


Kann sein, dass ich sentimental werde, aber die Bilder dieser Tage von den “Piraten” lassen doch die eine oder andre Erinnerung wach werden.
Oktober war’s. 1989.
Die Diktatur beherrschte alles.
Und doch gründeten wir damals unsere neue Partei. Was nicht ungefährlich war.
Ibrahim Böhme und Rainer Hartmann wollten mich mitnehmen nach Schwante, aber ich war in Wandlitz beim Kaffee und nicht zu Hause.
Eine Woche später war ich dabei, bei dieser “SDP”, wie sie sich nannte in bewusster Abgrenzung von der westdeutschen “SPD”.
Denn wir wollten “es anders machen”.
Internet hatten wir nicht. Wussten nicht mal, was ein fax ist. Handys – Fehlanzeige. Autos: alte Plastikkutschen. Kopierer? Was’n das?
Die Stasi war dabei, wie wir jetzt wissen und hat uns doch nicht aufhalten können.
Es galt, die Diktatur zu beseitigen und eine parlamentarische Demokratie einzuführen in ein Land, das 40 Jahre Diktatur verwüstet hatten.

Heute kommen die “Piraten” und entern ein Landes-Parlament.
Junge, engagierte Leute, die den “alten Parteien” mal ordentlich den Marsch blasen” wollen. Oder genauer: twittern.
Und ich sehe, wie sie da sitzen bei “Phoenix” bei ihrer ersten Pressekonferenz nach einer Wahl, die alle 15 ihrer Kandidaten ins Berliner Abgeordnetenhaus gespült hat.
Und erinnere mich.

Mit Handys haben sie’s gemacht, mit Laptops und Computern, tablets und viel “Internetzeugs”.
Spaßig rufen sie den Journalisten zu, es gäbe “nachher noch eine Gelegenheit für eine Nahaufnahme des Internets”.
Wofür sie stehen, ist noch nicht recht deutlich.
Um “mehr Demokratie” soll es gehen.
Das ist gut.
Und verdammt schwer.
Denn viele Menschen haben “keinen Bock” auf Demokratie, machen lieber dumme Sprüche oder amüsieren sich auf Kosten der Engagierten.
Das ist einfacher.
Demokratie jedoch macht Mühe.
In der Opposition zumal, denn für keinen einzigen seiner Anträge findet man eine Mehrheit.
Parlament aber funktioniert nach Mehrheiten der Gewählten.
Die jungen Leute werden also unter Druck kommen von denen, die “draußen” sind, vor den Toren des Parlaments.

Ich erinnere mich an unser “Programm” an unsere “Ideen” – und wie sie scheiterten am Realen.
Nicht immer, darauf können wir stolz sein.
Aber doch oft.
Beispielsweise gibt es bis heute keine gesamtdeutsche Verfassung.

Ich erinnere mich gut, wie es war, als die Medien anfingen, sich für uns zu interessieren, denn das war ja das gefundene Fressen für die Neuigkeitsindustrie: ein ganzes Land geht unter!
Das hat was, wenn ein Land zusammenbricht. Das interessiert den Zuschauer.
“Wer sind die Neuen? Was wollen die?”
Auf den Fluren in der Rungestraße stand der NDR und der Spiegel, ZDF und wie sie alle heißen kamen hinterdrein, wir hatten nicht mal Stellplatz in den kleinen Räumen für die Kopierer, die uns Partner aus dem Westen zur Verfügung gestellt hatten.
Die Überschrift beim NDR hieß: “SDP – Hightech steht auf dem Klo”.
Wir lernten die Macht der Medien kennen.
Wie sie einen hochschreiben und wieder fallen lassen.
Wie sie sich einen aufs Korn nehmen oder unterstützen.
Wie sie jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf treiben und einen verrückt machen damit.

Aber das haben wir erst nach und nach gelernt.
Später dann, als etliche von uns im Parlament saßen. Im gesamtdeutschen.
Und Minister wurden und Staatssekretäre, manche gar Ministerpräsidenten.

Das war ein langer Weg.
Wir haben den Unterschied gelernt zwischen Wünschenswertem und Machbarem.
Das war schmerzhaft und manch einer hat es nicht durchgehalten und ist von Bord gegangen.

Man wird sich denken können, dass ich die “Piraten” deshalb mit besonders großem Interesse und auch großer Sympathie beobachte.
Junge Leute, engagiert, unkonventionell, noch etwas unklar.
Aber “die Grünen vertreten die alte Politik” kann ich bei twitter lesen. Da ist man sich schon mal sicher.
Das ist der Anspruch einer neuen Generation.
Deshalb wäre es schade, wenn der Gründer der Piraten Recht behielte. “Wir sind nicht gekommen, um zu bleiben” hat er der WELT gesagt.
Das wäre schade.
Denn die Demokratie braucht frischen Wind, Glasnost und Perestroika, Transparenz!
Das war die Forderung von Gorbatschow, das war unsere Forderung, und, wenn ich richtig höre, fordern es auch die “Piraten”.
“Macht mal einer das Fenster auf! Lasst Luft rein!”

Dieser Ruf ist so alt wie die Demokratie.
Und immer wieder kommen neue, frische junge Leute mit dieser Idee.
Sie wollen es besser machen als die Alten.
Das ist ihr gutes Recht.

Ich wünsche ihnen sehr, dass sie sich nicht blenden lassen von der Aufmerksamkeit der Medien grade in den ersten Tagen nach einem Wahlerfolg.
Das ändert sich.
Und wenn der Wind von vorn bläst, liebe Piraten, wer wüsste es besser als ihr: dann müsst ihr kreuzen!

Willkommen in der Demokratie, für die wir gemeinsam streiten.
(ich war von 1998 bis 2009 MdB und von 2005-2009 Staatssekretär in zwei Bundesministerien).

Ich traue den Deutschen nicht wirklich – etwas über das Internet


Vielleicht bin ich ja geschädigt. Hab mich mein mein ganzes waches politisches Leben lang mit dem Nationalsozialismus, seinen Ursachen und Folgen auseinander gesetzt.  Ich hab meine Abschlussarbeit an der Universität darüber geschrieben, mit sehr vielen Zeitzeugen gesprochen, unzählige Studien und Bücher dazu gelesen und ausgewertet.
Vielleicht hör ich ja deshalb schon das Gras wachsen. Aber vielleicht ist das auch gut so.
Der Lügenbaron ist also zurückgetreten. Die Kanzlerin beschimpft nun also weiter die Wissenschaft, die den Baron im wesentlichen zu Fall gebracht hat und meint, sie müsse sich “von niemandem” Recht und Anstand beibringen lassen. Das sagt etwas. Über sie.
Das Kabinett ist umgebildet. Die Sache scheint erledigt.
Und doch macht sich der Eindruck breit, daß die Bevölkerung “der Politik” schon lange nicht mehr traut.
Im Internet hat sich in einer solchen instabilen Situation innerhalb von zwei Tagen eine “Bewegung” etabliert.
“Gegen die Jagd auf Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg” heißt die eine Plattform, die andere “Wir wollen Guttenberg zurück”.
Zusammen haben sie etwa 700.000 “Fans”. Das sind nicht alles echte Fans, sehr viele davon sind schlicht gekauft. Dennoch: da ist eine “Masse” in Bewegung. Canetti hat darüber geschrieben.
Da gibt es also Leute mit Geld, die die Seiten pushen.

Und ich beobachte, daß die Seiten wachsen. Wie die Lemminge tragen sich immer mehr Menschen dort als “Fans” ein – die hohe Zahl führt zu medialem Echo in den Prinmedien. Der “stern” hat berichtet, die taz und andere Zeitungen auch. Wir kennen das aus zurückliegenden Kampagnen im Internet: es gibt eine wechselseitige Verstärkung der online- und der print-Medien. Je höher die Zahl der “Fans” ist, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß print und tv berichten. Und: sobald die berichten, steigt die Zahl der “Fans”.
Nun habe ich mir die Seiten einmal genauer angeschaut und finde, daß darauf rechtsradikale Propaganda getrieben wird. Da gibt es links, die heißen “Wir wollen Hitler wieder haben”. Da gibt es postins die heißen unter Bezug auf Guttenberg: “der begabteste Politiker seit Hitler ist zurückgetreten” etc. pp.
Das ist nicht mehr lustig.
Wer sich in eine Debatte mit diesen “Fans” begibt, wird aggressiv angegangen. Auf diesen Seiten geht es nicht um das Argumentieren. Deshalb ist der Versuch von Tissy Bruns im “Tagesspiegel” zwar ehrenwert, aber vergeblich. Denn es geht gerade nicht um das Argument.
Es geht lediglich darum, eine möglichst große Masse zu erzeugen, um damit die mediale Aufmerksamkeit zu steigern.
Und es geht darum, auf diesen großen Seiten kostenlose Werbung für die Neue Rechte zu platzieren.
Das Internet wird zum Steigbügel für Nazis.

Nun versuchen zwar einige andere, eine eigene Gruppe “Wir sind gegen eine Rückkehr von Guttenberg” zu etablieren. Das ist aller Ehren wert. Und es beginnt der “Kampf um Mehrheiten”.
Wer die meisten “Fans” hat, so die Überlegung, der hat Recht.

Weit gefehlt.
Denn es geht der Neuen Rechten nicht um das Argument.
Es geht ihr um die Macht.
Die in der Bevölkerung tief verwurzelte Politikerverdrossenheit wird instrumentalisiert.
Gegen “die Politiker” sind sie alle. Das ist mehrheitsfähig. Und auf dieses Holzpferd setzen die Rechten. Es ist ein Trojanisches Pferd.
Insofern hat Norbert Lammert Recht: das Verhalten von Guttenberg ist ein “Sargnagel für die Demokratie.”

Aus der Schweiz kommen besorgte Stimmen. Da werden Vergleiche angestellt zwischen dem Erstarken der Nazis mit Hitler und dem Rückhalt in der Bevölkerung, den zu Guttenberg hat.
Beides “verkrachte Intellektuelle”, der eine als “Weltkriegsgefreiter” verhöhnt, der andere als “Betrüger” entlarvt – und doch folgen ihnen die Massen.
Beide geübt im Verdrehen der Argumente: Schuld hat nicht der Täter, sondern der Ankläger.
Beide geübt im Umgang mit den Medien.
Denn: da gibt es mächtige Zeitungen und da gibt es Leute mit Geld, die sie stützen.
Man kauft sich das Volk. Man kauft “Fans”. Und erzeugt so mediale Aufmerksamkeit. Wir wissen aus den Anfängen der Naziherrschaft, daß die Verquickung von Medien, Geld und Beziehungen maßgeblich war für den Aufstieg des Verführers.
Die Deutschen haben “an ihn geglaubt“.
Wörtlich kann man in diesen Tagen Ähnliches über die deutsche Bevölkerung und zu Guttenberg lesen.

Manche sind der Ansicht, daß die beiden zitierten facebook-Seiten eigentlich eine bittere Satire seien.
Für mich ist das nicht so.
Ich halte diese Seiten für gefährlich. Und ich halte auch Guttenberg für politisch gefährlich, denn er ist in der Lage, die Bevölkerung zu verführen. Er ist ein Blender. Die Umfragen zeigen es.
Und ich traue diesen Deutschen nicht wirklich über den Weg.
Denn wir haben es nicht nur einmal erlebt, daß die Mehrheit den Verführern gefolgt ist – gegen jedes Argument.

Das Internet ist neutral.
Es gibt nur die Möglichkeit, daß sich Menschen miteinander verknüpfen. Aber durch diese Möglichkeit der blitzschnellen Verknüpfung  wird es zu einem politischen Instrument.
Nicht zuletzt der Aufstand der Akademiker (wann hat es das gegeben, daß innerhalb kürzester Zeit Tausende von Professoren öffentlich protestieren?), der mit Hilfe des Internets organisiert wurde, hat den Baron auf sein Schloß zurück geschickt.
Vorerst.
Denn heute schon sind die Stimmen unüberhörbar, die eine Wiederkehr wünschen.

Ich gehöre nicht zu ihnen.
Denn ich traue den Deutschen nicht wirklich.
Weil ich die Kraft des Internets kenne. Es ist ja gerade in diesen Tagen, an denen sich die “Internetgemeinde” feiert, sie habe ganze Regierungen z.B. in Nordafrika gestürzt.
Wehe, wenn diese Macht den Falschen in die Hände fällt.

Nichts wäre mir lieber, als wenn ich mich irren würde.

Ich habe nur die Worte – etwas über das bloggen


Politik sei die “Einmischung in die eigenen Angelegenheiten” hat mein Freund Jürgen Fuchs immer gern zitiert. Solche Einmischung ist notwendig und keine Frage des Alters. Auch zeitweilige Pensionäre wie ich können sich daran beteiligen.
Ich habe kein Amt, ich habe kein Mandat – aber ich habe die Worte. Und das ist viel.
Denn jetzt – in meiner Sabbath-Zeit – habe ich ausführlich Muße zum Lesen, zum recherchieren, zum Verdichten der Argumente. Sehr viel mehr Ruhe und Zeit als ich es je im Berufsleben hatte. Ich genieße das sehr. Und mische mich ein. In die “eigenen Angelegenheiten”.
Zum Beispiel in den Streit um den Bundesverteidigungsminister. Ich mische mich ein in den Streit um die Werte Europas. Ich mische mich ein, wenn es darum geht, endlich gehbare Wege zu einer Weltinnenpolitik zu finden, die den armen Ländern dieser Welt etwas mehr Gerechtigkeit angedeihen lässt.
Ich habe nur die Worte. Aber das ist sehr viel.

Seit über einem Jahr befasse ich mich nun mit den Chancen und Möglichkeiten, aber auch mit den Gefahren des Internets und der sozialen Netzwerke. Ich lerne täglich dazu.
Wenn ich morgens an den Rechner gehe, beginnt der Unterricht. Es ist ein learning by doing, ein sehr praxisorientierter Unterricht.

Mittlerweile kann ich ein wenig auf diesem neuen Instrument spielen, so, wie ich in den Pausen auf meinem Flügel spiele, der nebenan im Wohnzimmer steht. Mir steht mittlerweile eine gewisse Fingerfertigkeit zur Verfügung. Das kommt vom Training….

Täglich staune ich über die Kraft des Internets und der sozialen Netzwerke. Ich beobachte in diesen Tagen, wie sich nun allmählich etwas sehr Besonderes ereignet: der Widerstand der Akademikerschaft gegen einen Lügner im Amt des Bundesverteidigungsministers.
Da gibt es das Wechselspiel zwischen klassischen Medien (Rundfunk, Fernsehen, print) und den sozialen Netzwerken. Sie befruchten sich gegenseitig, korrigieren sich, kommentieren sich, nehmen Anteil und Einfluß aneinander und aufeinander. Und beeinflussen damit natürlich auch das Geschehen in Parlament und Regierung.

Blogger haben eine große Kraft und großen Einfluss, denn sie können sich gegenseitig in Sekundenschnelle unterstützen. Blitzschnell wird aus einem einzelnen posting eine ganze Welle im Netz.
Wenn sie authentisch sind. Denn die Währung des Internets ist Authentizität.

In diesen Tagen, in denen die NATO über eine Invasion in Nordafrika nachdenkt; in diesen Tagen, in denen die deutsche Wissenschaft ihren guten Ruf zu verteidigen hat gegenüber einem Hochstapler und Verführer im Amt eines Bundesministers; in diesen Tagen hat das bloggen und posten eine besondere Aufgabe: es kann dazu dienen, dem mainstream entgegenzuwirken.
Die community wendet sich gegen die von der BILD behauptete Meinungsführerschaft. Und sie hilft, die Ehre der deutschen Wissenschaft zu verteidigen.
Ein offener Brief junger Promovenden an die Kanzlerin findet innerhalb weniger Tage viele Zehntausend Unterzeichner und verleiht dem Anliegen dadurch große Resonanz.
Eine Stellungnahme von über tausend Professoren findet innerhalb kürzester Zeit europaweite Verbreitung.

Ich habe nur die Worte.
Und einen Computer.
Und ein wenig politische Erfahrung.

Das Internet ist ein wunderbare Möglichkeit der politischen Teilhabe. Ich arbeite gern mit den neuen Medien. Ich lerne tägliche neue, interessante Menschen auf diesem Wege kennen, kann mich mit ihnen austauschen, argumentieren, zuhören. Es ist eine sehr große Bereicherung in meinem Leben.

Blogger sind keine “jungen Spinner”, wie es mancher in der Politik gern hätte.
Blogger sind Staatsbürger ohne Uniform. Aber mit Computer.

Unsere Demokratie kann dieses wunderbare Instrument der Teilhabe wirklich sehr gebrauchen gegenüber denen, die glauben, sich die Republik einfach kaufen zu können.
Wir werden ihnen unseren Widerstand entgegensetzen.
Diese Republik ist nicht käuflich!

ach wie wär das Leben schön – mit ein wenig mehr Vernunft an den Flüssen


Der vom Land Sachsen-Anhalt – man hört, es gäbe dort Geld ohne Ende, vor allem, Geld des Bundes – geplante Saale-Elbe-Kanal erfordert zwingend den Ausbau des letzten naturnahen Flusses Deutschlands: der Elbe.

Denn: Schiffe können bekanntlich nicht fliegen.
Zwar wird das von den Unternehmen, die im “Verein zur Hebung der Saaleschifffahrt” organisiert sind, vehement bestritten, doch schon die Binnenschiffer sehen das anders. Ein Ausbau der Saale auf ihren letzten Kilometern bis zur Mündung “lohne” sich nur, wenn auch die Elbe ausgebaut würde. Denn: die Elbe ist flacher.
Merke: wer die Saale ausbaut, muss die Elbe ausbauen.
Es sei denn, er will wissentlich öffentliches Geld verschleudern.

Soweit so gut.
Schlecht ist, daß am 1. Februar diesen Jahres der Scoping-Termin stattfinden soll. Das ist ein wichtiger Termin im Planungsverfahren.
Dann – man hört, der Bundesverkehrsminister habe unendlich viel Geld – können die nächsten 150 Millionen Euro versenkt werden. Denn etwa so teuer wird es werden.
Ich kenne noch Zeiten, da kalkulierte man mit 100 Millionen – DM.

Die Sache wird also teurer.
Was nicht überrascht.

Überraschend und angenehm ist jedoch, daß sich nun auch die SPD gegen den Kanal ausgesprochen hat – das war nicht immer so. Nun gibt es ein breites Bündnis von Kirchen, Umweltgruppen, Parteien im Landtag von Magdeburg, die in Zeiten von Krisen, Schuldschirmen, fehlendem Geld allenthalben darauf drängen, dieses sinnlose Projekt endlich zu beerdigen.

Dieser Kampf dauert nun schon über zwanzig Jahre. Etwa so lange bin ich daran beteiligt. Erst als Anwohner, dann als indirekter Geldgeber (Seminare zur Bildung von Bürgerinitiativen entlang der Elbe) im Rahmen von politischer Erwachsenenbildung, später als Abgeordneter, dann als Staatssekretär in eben jenem Ministerium, das das Geld geben soll.

Immerhin ist es gelungen, die Sache hinzuziehen. Da der Bundesverkehrswegeplan nicht jährlich fortgeschrieben wird, ist es nicht einfach, ein einmal als “vordringlich” eingestuftes Projekt aus diesem Plan wieder heraus zu bekommen. Was aber ging: wir konnten die Prioritäten anders setzen und das Geld an sinnvolleren Stellen investieren.

Dr. Ernst-Paul Dörfler ist kürzlich mit dem ProNatura Preis 2010 ausgezeichnet worden für sein nun beinahe lebenslanges Engagement für den Erhalt der Elbe. Die Region hat UNESCO-Weltkulturerbe-Status, eben wegen der letzten naturnahen Auenwälder Europas, die in jenem Abschnitt zwischen Magdeburg und Dessau noch zu finden sind, um den es hier geht.
Dr. Ernst-Paul Dörfler hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, dieses Gebiet vor weiterer Zerstörung zu bewahren.
Ich kenne ihn gut. Wir haben viel zusammen “auf die Beine gestellt”.
Auf der Internetseite http://www.elbeinsel.de kann man von seinem Engagement lesen und ihn unterstützen.

Es gibt sehr viele – auch prominente – Unterstützer für den Erhalt dieser wunderbaren Kostbarkeit: der alten Elbe. Professoren, Künstler, Kirchenleute, Dichter, Sänger, Poeten, Bürgerinnen und Bürger, Abgeordnete, Wissenschaftler – eine große Zahl.

Und dennoch, verflixt und zugenäht, haben sich bislang jene Lobbyisten, die im “Verein zur Hebung der Saaleschifffahrt” organisiert sind zumindest soweit durchsetzen können, daß das Planungsverfahren läuft. Der Scoping-Termin soll Anfang Februar stattfinden.
Wobei: dies sei am Rande bemerkt: selbst ein Projekt, das zu Ende geplant ist und Baurecht hat, wird nicht “automatisch” gebaut, denn da hat der Haushaltsausschuss des Bundestages noch ein Wörtchen mit zu reden, es geht schließlich um Bundesknete.

Dennoch: in diesen Tagen, in den wir über Hochwasser, Klimawandel und andere Dinge sprechen, während es draußen regnet – in diesen Tagen soll auf dieses Projekt hingewiesen werden. Der “Spiegel” hat es auch mehrfach getan.

Es gibt eine Studie, finanziert vom Bundesforschungsministerium, die GLOWA-Studie, die untersucht den gesamten Einzugsbereich der Elbe (mit allen Nebenflüssen) hinsichtlich seiner Veränderungen im Klimawandel. Ein wichtiges Ergebnis sei daraus entnommen: die “Zyklen” des Flusses, also die Hoch- und die Niedrigwässer, werden sich verändern: die Hochwässer werden im Trend höher, die Niedrigwässer im Sommer eher niedriger.

Dies bedeutet in summa: die Zeit, in der man die Elbe “nutzen” kann, wird weniger.
Dies bedeutet: die Wirtschaftlichkeit des gesamten Projektes wird noch weiter sinken.
Da gleichzeitig auch die Kosten steigen – wir sahen es, wäre es für den neuen Landtag in Sachsen-Anhalt (gewählt wird in 2011) überaus sinnvoll, politischen Weitblick zu zeigen und das Projekt zu beenden, ohne es zu verwirklichen.

Dr. Ernst-Paul Dörfler und seine MitstreiterInnen brauchen weitere Unterstützung.
Öffentlichkeit, Vernetzung, Austausch.
Man kann tätig werden. Ein paar Mausklicks genügen:

Deshalb: http://www.elbeinsel.de

Tante Ma und Tante Hildegard – ein Versuch


Während die twitter- und facebookwelt eine Neuigkeit nach der anderen im Sekundentakt durchs Internet jagt, wächst da eine interessante kleine Geschichte. Die von Tante Ma und Tante Hildegard.
Bei einem Mittagessen entstand die Idee, zwei historische Personen – sie haben tatsächlich gelebt  – wieder zum Leben zu erwecken.
Die eine – Jahrgang 1900; die andere – Jahrgang 1902.
Die historischen Daten sind vertraut.
Nun ist es so, daß sich die beiden alten Damen nicht nur an dem einen oder anderen Gespräch im Internet beteiligen, sondern sich auch ziemlich regelmäßig zum “Kaffeplausch” treffen.
Dabei werden aus der Idee zwei Figuren.
Sie gewinnen an Kontur, je länger sie miteinander sprechen.
Im Dialog wird erkennbar, was sie geprägt hat, wie sie das Leben gesehen haben mögen, wo ihre Stärken und Schwächen liegen.
Der Vorgang ist in sofern interessant, als er im Internet stattfindet.
Im Dialog zweier real lebender Menschen.

Nicht ein einzelner Autor denkt sich am stillen Schreibtisch eine Figur aus und gibt ihr Farbe.
Sondern zwei Autoren, die sich persönlich kennen und schätzen, entwickeln da zwei Figuren und geben ihnen Farbe durch den Dialog.
Das hübsche dabei: da werden kleine Geschichten erzählt. Mundartlich manche sogar. Historisch einige.
Man kann die beiden sitzen sehen. Beim Kaffee oder Tee. Wie sie reden über die Zeitläufte.

Es ist ein interessanter Versuch, denn da findet eine Brechung von Lebenserfahrung statt.
Denn, die Enkel oder Großneffen lassen da Menschen wieder lebendig werden, die real gelebt haben und von denen sie ziemlich viel wissen.
Aber: sie sehen es natürlich durch ihre “Brille”.
Und spiegeln es am Gegenwärtigen.
Im Dialog. In der ungeplanten, spontanen Begegnung.

Es ist ein Experiment. Ein heiteres zudem, das Freude und Freunde macht.
Kann man über eine größere Distanz hinweg, wenn man sich zu bestimmten Zeiten verabredet, einen solchen Versuch unternehmen?
Man kann.

Im Netzwerk facebook.
Mit Tante Ma und Tante Hildegard.
Beim Kaffeplausch.
Und Zwischendurch.

Es ist Krieg – entrüstet Euch! Nachdenken über das Motto der Friedensdekade


Das  Motto klingt anstößig. Frech vielleicht sogar. Klingt in den Ohren schrill.
Die evangelische und katholische Kirche in Deutschland veranstalten nun schon seit langen Jahren immer im Herbst, kurz vor der Adventszeit, die “Friedens-Dekade”.
Zehn Tage, an denen schwerpunktmäßig die Themenfelder abgeschritten und bedacht sein wollen, die unsere Welt oft so unfriedlich sein lassen.

Ich finde, dieses Motto “Es ist Krieg – entrüstet Euch!”  ist von den Vorbereitungsgruppen für die diesjährige Dekade glücklich gewählt worden.
Denn: es ermöglicht eine breite Diskussion, vielfältige Zugänge, die Wurzeln des Unfriedens freizulegen.

a. Der Zugang zum militärisch verursachten Unfrieden: da fallen mir die vielen militärischen Konflikte und Kriege ein, an denen auch Deutsche beteiligt oder in sie “verwickelt” sind: Afghanistan, Horn von Afrika, Bürgerkriege in Afrika, Irak etc. Wir haben eine breite Debatte in unserem Land über die Frage, ob es im Januar eine weitere Verlängerung des Mandats für deutsche Soldaten in Afghanistan geben sollte. Ich gehöre zu denen, die für einen schnellstmöglichen Abzug plädieren.

b. Der Zugang zum ökologischen Unfrieden: Wir wissen, daß die Zerstörung der Welt exponentiell wächst, nicht linear. Die Stichworte: Artensterben (ökonomische Schäden von mehreren Billionen Dollar stehen uns bevor, wenn wir nicht umsteuern); Klimawandel: unsere Fachleute im Ministerium, internationale Experten der Klimaforschung, Sicherheitsexperten z.B. des amerikanischen Militärs sagen uns: der Klimawandel ist die Herausforderung schlechthin, vor der die Menschheit steht.  Der Stern-Report von Sir Nicolas Stern hat ökonomisch vorgerechnet, weshalb schneller und wirksamer Klimaschutz nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll ist: wir könnten die Schäden nämlich nicht mehr bezahlen und die Folgen für den Globus wären, was zunehmende Kriegsgefahren, Völkerwanderungen (Klimaflüchtlinge) etc. anbetrifft nur noch von den “reichen” Staaten zu bewältigen.

c) Der Zugang zum sozialen Unfrieden: die Konflikte zwischen Arm und Reich nehmen zu. Bildungsarme Schichten gegen Bildunseliten; einkommensarme Schichten gegen eine kleine Gruppe von Menschen, die man zu den “Superreichen” zählt – die sozialen Spannungen wachsen. Bei uns im Land und im globalen Maßstab. Die Ursachen sind zahlreich, Lösungen nicht einfach.

c) Der Zugang zum Unfrieden in der Sprache. Es fällt auf, daß in unserer von Massenmedien (wozu ich auch das Internet und Web 2.0 zähle) geprägten Welt die Bereitschaft zur gewaltsamen Sprache zunimmt.
Solche Sprache ist Folge gewaltsamen Denkens. Und Folge der gewaltsamen Sprache ist Gewalt in der Gesellschaft.

Dies deutet darauf hin, daß in unserem Inneren offenbar etwas nicht mehr “stimmt”: woher kommt die Bereitschaft zu zunehmend gewaltsamem “Denken” – zu gewaltbereiter, unüberlegter Sprache und in der Folge zur Gewaltbereitschaft auch im Tun?

Wir werden also durch das Motto der Dekade auch auf die seelischen Prozesse hingewiesen, die in uns ablaufen und unser Tun bestimmen.

Ein sehr breiter Fächer tut sich auf, in diesen Tagen im Herbst 2010 gründlich inne zu halten, nach- zu denken. Neue Wege zu entdecken.

Damit wir friedlicher werden.

Im Denken.
In der Sprache.
Und im Tun.

Mich hat der Ökumenische Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung politisch geprägt. Ich bin sozusagen “zu Hause” in diesen Themen. Der Prozess hat mich eines Tages gar in die Politik geführt.
Es ist gut, wieder inne zu halten. Zu stoppen für 10 Tage. Das Nach-Denken zu üben.

Damit wir nicht Wege weitergehen, die sich als falsch herausgestellt haben.

Diese Woche – schlag den Raab. Oder doch nicht?


3,5 Millionen Menschen haben zugesehen. Bei dieser Sendung. Ok. So war es eben.
Gleichzeitig stieg die Weltbevölkerung weiter an. Derzeit sind es knapp 7 Milliarden Menschen. Die Weltbevölkerungsuhr der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung – man kann sich diese Uhr auf die eigene Homepage laden – zeigt es sehr anschaulich an.
Das bedeutet: die Weltwirtschaft wächst weiter, der Energieverbrauch steigt weiter, die Naturzerstörung nimmt weiter zu.

Frühere Berater der US-Regierung haben in dieser Woche davon gesprochen, die Rede vom “peak oil” sei in den USA zur Geheimsache erklärt worden. Die deutsche Armee hatte vor kurzem in einer Studie auf die Konsequenzen von “peak oil” hingewiesen. Die Studie versank – von ein paar internationalen Reaktionen abgesehen – weitgehend ungehört im Netzrauschen.

Während ein Staatssekretär für Wirtschaft aus Indien – die Hindustan Times berichtete davon – britische Jugendliche einlädt, sich in Indien ordentlich ausbilden zu lassen, damit sie in ihrer Heimat bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten, versammeln sich Zehntausende vor dem Kanzleramt, um gegen die Verlängerung von Laufzeiten in Atomkraftwerken zu demonstrieren, weitere Zehntausend stehen in Stuttgart auf der Straße, um gegen ein Infrastrukturprojekt bei der Bahn zu demonstrieren. Die nationale Öffentlichkeit ist – neben der Debatte um diverse Bücher – mit diesen Dingen beschäftigt.

Und die Uhr tickt.
Die Weltbevölkerung wächst weiter.
Starke Volkswirtschaften entstehen: China vor allem, Indien holt sehr stark auf (wer’s nicht glaubt, sollte sich mal Bangalore oder Pune ansehen) – die Energieverbräuche steigen weiter. Sie steigen übrigens stark.

Das Vor-Bild der Entwicklung in den meisten Volkswirtschaften der Welt ist der Wohlstand Europas und Nordamerikas.
Vergleichbaren Wohlstand gilt es zu erreichen.
Man kann in Südkorea besichtigen, wie stark solche Vor-Bilder sind: ein Land, das noch vor nicht allzu langer Zeit als Entwicklungsland galt, gehört mittlerweile zu den stärksten Volkswirtschaften der Welt.

Die Folgen für die Erde sind unübersehbar.
Wachsende Weltbevölkerung, wachsendes Wirtschaftsvolumen, wachsender Verkehr, sehr schnell wachsende Städte vor allem – sie führen dazu, daß die fossilen Energiequellen, von denen die Weltwirtschaft lebt, noch schneller erschöpft sein werden, als man bisher annahm.

Selbst führende Energiefachleute vom Departement of Energy weisen auf die enormen Folgen hin, die dies für die Weltbevölkerung haben wird.

Peak oil. Der Tag der höchsten Förderung.

Manche sagen, er sei bereits überschritten.
Andere sagen, er sei in diesem oder im nächsten Jahr zu erwarten.
Von diesem Tag an wird die Menge des geförderten Öls weltweit abnehmen.

Und die Weltbevölkerung wächst weiter.
Die Volkswirtschaften wachsen weiter.

Aber die Menschen schauen fern. 3,5 Millionen immerhin.

Was kann man beitragen, daß globale Zusammenhänge, weltweite Entwicklungen, Informationen, die im Netz ja durchaus verfügbar sind (man braucht bei twitter ja nur mal nach “peak oil” oder “climate” suchen zu lassen und sich diese Suchanfrage speichern, dann bekommt man ja wesentliche Nachrichten sehr schnell), besser  Verbreitung finden und politikwirksam werden?

Der in diesen Tagen beginnende Weltarmutsgipfel wird – wie andere Gipfel auch – feststellen, daß man die gesetzten Ziele bei der Bekämpfung der weltweiten Armut nicht erreicht hat. (Ähnlich war es beim Thema Klimaschutz).

Offensichtlich gibt es ein Problem: die Schäden wachsen schneller als die Erkenntnis. Die Zerstörung wächst schneller, als neue Lösungen (beispielsweise neue Energiequellen) in den Markt eingeführt werden (aus den verschiedensten Gründen, wobei der Einfluss von Wirtschaftsverbänden und Lobbygruppen natürlich nicht übersehen wird).

Es ist ja nicht mal ein patt zwischen Zerstörung und Erneuerung. Das wär ja noch einigermaßen gut.
Nein: es ist ein deutliches Ungleichgewicht zwischen Zerstörung und Erneuerung.

Unsere Art zu leben ist an eine nicht mehr zu leugnende Grenze gekommen. Die Selbstzerstörung ist im Gang.
Am Bedrückendsten ist für mich, daß ausgerechnet die Länder, die mit den höchsten Zuwächsen an Bevölkerung zurecht kommen müssen (Asien, Afrika!) diejenigen sind, die unter den Folgen des Wohlstands in den sogenannten reichen Ländern am meisten zu leiden haben werden. In Pakistan konnte man das bei der letzten Flug dramatisch sehen.

Klaus Töpfer hat immer wieder darauf hingewiesen: die Flüchtlingsbewegungen weltweit nehmen zu, weil die Naturzerstörung so schnell voranschreitet. Der Klimawandel treibt unaufhaltsam. Die Flüchtlinge gehen in andere arme Länder (Süd-Süd-Wanderung), einige nur in die reiche Welt. Die wiederum schottet sich ab – nicht zuletzt assitiert von Büchern ehemaliger Bundesbanker -.
Während die Europäische Kommission, auch die Vereinten Nationen in dringenden Studien darauf hinweisen, daß das Klimaproblem vor allem in den Städten der Welt gelöst werden muss – über die Hälfte der Weltbevölkerung leben in den Mega-Cities – kürzt die deutsche Regierung ausgereichnet ein Programm, das wie kein anderes erfolgreich Klimaschutz und Arbeitsmarktunterstützung miteinander verbunden hatte: das Gebäudesanierungsprogramm, mit dem ein maßgeblicher Teil an Co-2-Einsparung erreicht werden konnte.
Die Politik macht das Gegenteil von dem, was nötig wäre, wenn man sich die Frage stellt, wie ein nationaler Beitrag aussehen müsste, der einigermaßen angemessen auf die globalen Trends antwortet.
Um 80% müssten unsere Energieverbräuche bis 2020 sinken (gemessen an 1990), wenn wir versuchten, die “Schuld” wieder abzutragen, die wir mit unserem überbordenden Wohlstand bereits in die Atmosphäre geblasen haben – zum Schaden der Entwicklungsländer. Doch die Politik weitet den massiven Ausbau von Klimaschutz und Erneuerbaren Energien nicht – wie es dringend geboten wäre – weiter aus, sondern tut das glatte Gegenteil: man kürzt. Weil man das Geld braucht, um die enormen Kredite und Bürgschaften zu bedienen, die die Weltwirtschaftskrise ausgelöst hat.
Offensichtlich kommt Politik ihre Grenzen. Aus den verschiedensten Gründen kommen die politischen Mehrheiten nicht dazu, die Dinge zu tun, die eigentlich zu tun wären. Regierungen agieren “mit gebundenen Händen”.

Das erzeugt die Frage: Wie lassen sich diese sehr grob skizzierten globalen Trends einbinden in lokales Handeln der Bürgerinnen und Bürger selbst? Wie lassen sich die beschriebenen Trends verarbeiten von Journalisten beispielsweise? Oder von bloggern, twitterern, Menschen, die andere soziale Netzwerke nutzen, die sich im web auskennen?
Verantwortung endet ja nicht mit dem Ausfüllen eines Stimmzettels alle vier Jahre.

Nun, zunächst kann man sich verknüpfen und Informationen zusammentragen, das geht im Internetzeitalter sehr gut und schnell.
Dann kann man beginnen, über diese Zusammenhänge zu schreiben. Das ist ein kleiner Anfang.
Man kann diejenigen unterstützen, die sich darum bemühen, globales Denken und lokales Handeln in Übereinstimmung zu bringen, in dem man sie bekannt macht.
Das Netz hat gute Möglichkeiten für solche Arbeit.

Die zurückliegende Woche hat mir die hier skizzierten globalen Themen in besonderer Dringlichkeit deutlich werden lassen.
Ich bin neugierig, wie es in der kommenden Woche sein wird.

Wieder 3,5 Millionen vor der Glotze bei Schlag den Raab – oder doch nicht?

Massenpsychologie und web 2.0 – mehr als 2.000 Fernsehsender online. (2)


Man kann das für Fortschritt halten. Muß man aber nicht. Daß man nun allein auf i-see-tv.org mehr als 2.000 Fernsehsender online sehen kann.
Der Mensch bastelt sich seine Welt zusammen.
Wählt aus, was er sehen will, was er hören will.
Der Trend heißt: Individualisierung.
Man könnte auch sagen: Zersplitterung der Gesellschaft in einzelne Menschen.

Die Frage entsteht: was verbindet sie noch?
Daß man einen gemeinsamen tv-Favoriten hat?
Daß man ähnliche Musik mag? Oder gar Bücher?

Was hält eine massenmedial kommunizierende Gesellschaft noch zusammen, in der der Trend zur Individualisierung (seit längerem beschrieben und auch für die Unternehmen bestens ausgewertet) derart überhand nimmt?

Gemeinsame Werte erodieren. Gemeinsame Orientierungen allemal. Eher zufällig bildet sich Wählerverhalten in einer Bevölkerung, die an Dauermitgliedschaften in irgendwelchen Organisationen (Parteien, Verbänden, Kirchen) jedes Interesse verliert.
Atomisierte Gesellschaft. Jeder sein eigener Unterhalter als Konsument von nur für ihn und von ihm selbst maßgeschneiderten Informationsangeboten, aus denen er sein Weltbild zusammenzimmert.

Was ist das Bindeglied, was ist der Kitt, der die Steinchen beieinander hält, damit das Haus nicht einstürzt?
Vielleicht: daß jeder jedem irgendwas verkaufen will?

Religion ist es nicht. Denn die religiösen Anschauungen sind so vielfältig wie die Nationalitäten, die in der Bevölkerung vertreten sind.
Politik ist es schon lange nicht mehr.

Wie verführbar ist eine derart atomisierte Gesellschaft geworden? Wie bilden sich Mehrheiten, wie bilden sich gemeinsame Anschauungen und Überzeugungen?
Jeder ist sein eigener Redakteur, sein eigener Hörer, sein eigener Designer.

Einsamkeit ist ein Thema. Ganz gewiß. Ein Tabu zumal.
Man zwitschert und mailt, bloggt und “kontaktiert” – aber wirkliche Begegnung gerät immer mehr zur seltenen Ausnahme.

Wie verführbar ist eine solche Massengesellschaft, die in höchstem Maße weiter individualisiert?

Die Vermutung liegt nahe, daß die Verführbarkeit der indivualisierten Masse in dem Maße steigt, in dem der Grad der Individualisierung zunimmt.
Denn: Gemeinsames geht verloren. Gemeinsame Anschauungen und Überzeugungen beispielsweise, die ein Geländer, vielleicht auch ein Schutz sein könnten gegen politische und wirtschaftliche Verführung.

In dem Maße, in dem jeder – auf sich gestellt – zum Hersteller des Wertekanons, von Grundüberzeugungen und Glaubensinhalten, von Lebenseinstellungen und politischen Vorlieben wird; in dem Maße, wie der Konsum von Massenmedien immer mehr individualisiert und auf “Zielgruppen” zugeschnitten konsumierbar wird – in dem Maße steigt die Überforderung an den Einzelnen.

Wenn in einer solch atomisierten Gesellschaft, in der das Verbindende vielleicht die Erfahrung von “jeder gegen jeden und Hauptsache irgendwie nach oben” ist, Angebote von Gemeinschaft, von Gemeinsinn, von überzeugenden gemeinsamen Erfahrungen ermöglicht werden – und solche “Heilsbringer” sind ja längst in verschiedenster Gestalt unterwegs – was hat denn der Einzelne solchen Angeboten noch entgegenzusetzen?
Die Verführbarkeit steigt.

Es ist im Grunde nur eine Frage der Cleverness der Anbieter, auf welchem Wege (via TV, Radio, print oder Web) man den Einzelnen erreicht.
Die Festung scheint sturmreif geschossen.
Nur der Einzelne steht diesem unglaublichen Überangebot an Informationen, an Wertung, an Urteil gegenüber, daß ihm nun dargeboten wird – im Namen des “Fortschritts”.
Die Frage ist: wie lange wird der Einzelne diesem Druck standhalten?

Gut, es gibt da den besagten Knopf am Fernseher oder Radio oder PC, mit dem der ganze Zauber einfach abzuschalten ist.

Aber dann?

Freud hat unter Verwendung einer Arbeit von le Bon auf die gewaltigen unbewußten Sehnsüchte hingewiesen, die der Grund für die Verführbarkeit der Massen immer waren: der Wunsch nach Anerkennung wurde den Massen zum Verhängnis, als ein “Führer” sich anbot, dem sie dienen konnten. Plötzlich wird aus einer Ansammlung von gut ausgebildeten, mehrere Sprachen sprechenden Intelektuellen – eine Horde. Eine Horde von ähnlich empfindenden und sehnsüchtigen Menschen, denen nichts besseres einfällt, als das eigene Denken auszuschalten und einem Führer nachzulaufen.
Ein kurzes Zitat mag genügen:
“Wir sind von der Grundtatsache ausgegangen, daß ein einzelner innnerhalb einer Masse durch den Einfluss derselben eine oft tiefgreifende Veränderung seiner seelischen Tätigkeit erfährt. Seine Affekttivität wird außerodentlich gesteigert, seine intellektuelle Leistung merklich eingeschränkt, beide Vorgänge offenbar in der Richtung einer Angleichung an die anderen Massenindividuen; ein Erfolg, der nur durch die Aufhebung der jedem einzelnen eigentümlichen Triebhemmungen und durch den Verzicht auf die ihm besonderen Ausgestaltungen seiner Neigungen erreicht werden kann. …. der Grundtatsache der Massenpsychologie, den beiden Sätzen von der Affektsteigerung und der Denkhemmung in der primitiven Masse, ist ….nicht widersprochen worden….” (Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, Fischer, S. 51).

Was hat der Einzelne, der Mensch in der atomisierten, in höchstem Grade atomisierten Gesellschaft solchen Angeboten entgegenzusetzen?
Wie lange wird er dem Werben standhalten können?

Was passiert, wenn im Netz eine solche “zufällige” Autorität entsteht, das kann eine Person oder eine Idee sein?
Was geschieht, wenn sich diese Person oder diese Idee mit der Kraft des Netzes verbindet und sich über die persönlichen Netzwerke, die jeder unterhält, wie ein Virus verbreitet, basierend auf dem Vertrauen, daß die Netzwerkmitglieder untereinander entwickelt haben, durch die Spiele, die sie miteinander spielen; durch die Geschäftskontakte, die sie miteinander aufgebaut haben; durch die nächtlichen Dialoge, die sie miteinander geführt haben?
Wird eine solche “Welle”, wenn sie durch das Netz geht, in wenigen Stunden und Tagen eine Masse formen, die allen Gesetzen der Massenpsychologie folgend, zunächst jene ausgrenzen wird, die anderer Ansicht sind?

Wir sehen derzeit in einigen europäischen Ländern auch politische Gewinne der Neuen Rechten.
Wir sehen in anderen Kontinenten der Welt die Zunahme von Fundamentalismen.
Einfache Antworten auf komplexe gesellschaftliche Fragen kommen immer mehr in Mode.
Es ist die Stunde der Verführer.

Wozu eine Masse gut ausgebildeter, international erfahrener, mehrere Sprachen sprechender Menschen “fähig” ist, wenn sie den Rattenfängern ins Netz geht, hat uns das 20. Jahrhundert auf furchtbare Weise gelehrt.
Es war das Zeitalter der industriealisierten Massenvernichtung. In den Lagern des Gulag, in Kambodscha, in Deutschland und anderswo.
Der sogenannte “aufgeklärte” Mensch hatte – getrieben von den mächtigen unbewußten Sehnsüchten seiner Seele – dem Werben der Verführer nichts mehr entgegenzusetzen und verfiel dem Wahn der “Gemeinschaft”, die einem “Führer” folgte.
Tagsüber hörten die Schlächter Mozart – dann gingen sie ins Lager, um andere hinzurichten.
Bildung ist offenbar kein Schutz gegen Verführung.
Was aber geschieht, wenn sich solche – im Netz bilden sie sich “zufällig”, abhängig von retweets beispielsweise – Verführer der Macht des Netzes bedienen und binnen weniger Sekunden in beinahe jeden Haushalt gelangen können?

Ich kann es nicht für einen Fortschritt halten, daß wir nun allein auf einer Plattform über 2000 Fernsehsender online sehen können.
Es ist für mich eher ein Zeichen einer aufs Höchste vorangetriebenen Individualisierung, die den Einzelnen immer mehr überfordert und ihn anfällig macht für die Verführung.
Wenn erst die “Freunde” im Netzwerk einen bestimmten Sender empfohlen haben; wenn erst die “Kontakte” bei XING oder anderen geschäftlich orientierten Netzwerken einen “Tipp” gegeben haben; wenn das eigentliche Kapital des Netzes, das “Vertrauen” und “Authentizität” heißt – eingesetzt worden ist, um für eine “Idee” oder eine “Person” zu werben – dann sind der Verführbarkeit Tor und Tür geöffnet.

Was aber hat unsere atomisierte Gesellschaft einer solchen Entwicklung wirklich entgegenzusetzen?
Was könnte sie wappnen vor der Verführbarkeit?

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