Da muss man einfach zur Feder greifen und unterstützen.


Es gibt Projekte, die bedürfen einfach der Unterstützung.
Das Zentrum für Folteropfer in Ulm ist so ein Projekt.
Was kann ich tun?
Ich kann zur Feder greifen und auf dieses Zentrum hinweisen.
Ich verbinde das mit der Bitte, sowohl die Homepage als auch die fb-site aktiv zu „teilen“.
Weshalb? Nun, hier wird nicht gehetzt, wie es Mode geworden ist, sondern hier wird geholfen.
Sehr konkret.
Sehr mühsam.
Ehrenamtlich.
Von Profis.
Was dort geleistet wird, erfährt man zum Beispiel in diesem kleinen Artikel.

Die fb-site des Zentrums für Folteropfer hat im Moment (ich schreibe diese wenigen Zeilen am 20.11.2015 abends) 60 likes. Das kann ja wohl nicht wahr sein.
Ich wünsche mit 10.000 likes auf dieser Seite. Das ist nicht zu viel verlangt bei einer Bevölkerung von 80 Millionen, von denen etwa 40 Millionen social media nutzen.
Meine Hoffnung ist auch, dass sich der eine oder die andere findet, vielleicht sogar ein Unternehmer samt seiner Belegschaft, die ihre diesjährige Weihnachtsgabe dem Zentrum zur Verfügung stellen.

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Angst essen Seele auf. Etwas aus der reichen Welt.


Die ErdeDie Debatte um Flüchtlinge in Deutschland ist erbärmlich. Weil sie provinziell ist.
Die reichsten Bundesländer – Bayern beispielsweise – tun sich dadurch hervor, dass sie Szenarien an die imaginäre Wand malen, die frei erfunden sind. Herr Scheuer (CSU) glaubt zu wissen, dass da nun „Millionen vor unseren Toren“ stehen. Der Zweck seiner Rede: „Die sollen hier ja nicht herkommen und uns unseren Wohlstand aufessen“.
Hier zeigt sich der Egoismus der reichen Welt in seiner ganzen Brutalität.
Angst regiert die Politik. Angst, der Gartenzwerg im Vorgarten könnte Schaden nehmen, wenn Menschen in Not geholfen wird.
Schaut man auf die Welt – und nichts anderes ist sinnvoll, wenn man zu angemessenen Antworten kommen will – sieht die Situation so aus, dass „über 86 % der Flüchtlinge in sogenannte Entwicklungsländer fliehen“. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) weist immer wieder darauf hin. ARTE hat nun dankenswerter Weise diese Daten noch einmal zusammengetragen, verbunden mit Berichten aus den großen Flüchtlingslagern dieser Welt.
„Wer nimmt Flüchtlinge auf? Noch vor dem Iran und dem Libanon liegt Pakistan mit 1,6 Millionen hauptsächlich afghanischen Flüchtlingen als Gastland an der Spitze; dies gilt auch bezüglich der Wirtschaftsleistung: Auf jeden Dollar BIP pro Einwohner kommen 512 Flüchtlinge, gefolgt von Äthiopien mit 336 und Kenia mit 295 Flüchtlingen. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl liegt allerdings der Libanon an der Spitze: Jeder vierte Einwohner ist dort derzeit ein Flüchtling. Mehrheitlich sind dies Palästinenser, die schon seit 1948 in libanesischen Camps untergebracht sind und Syrer, die seit Ausbruch des Bürgerkriegs 2011 ins Land gekommen sind. Ein trauriger Rekord, seit Somalia vor drei Jahrzehnten 1980 zwei Millionen äthiopische Flüchtlinge aufgenommen hat. Auf 1000 Einwohner kamen seinerzeit 328 Flüchtlinge. Bei den Kontinenten liegt Asien mit 3,5 Millionen Flüchtlingen noch vor dem Mittleren Osten (2,6 Millionen), Europa (1,8 Millionen) und Amerika (800 000). Ferner ist anzumerken, dass 86% aller Flüchtlinge in sogenannte Entwicklungsländer geflohen sind – dies ist der höchste Prozentsatz seit 22 Jahren.“

Auf welcher Grundlage also wird in Deutschland davon geredet, das Land sei „überfordert“?
Auf Grund der „Kassenlage“. Es geht nicht um Barmherzigkeit, es geht um Geld.
Es ist sehr wichtig, dass wir uns das klar vor Augen halten. Weil wir daran sehen können, was unsere eigentlichen Maßstäbe sind.
Man führt uns „Zeltlager“ in den Städten vor, man schreibt, die Kommunen seien „überfordert“, man addiert diverse Missstände – all das mit einem Ziel: Flüchtlinge abzuschieben. Die gegenwärtig geltende europäische Regelung, wonach ein Asylverfahren von dem Land der „Einreise“ in die Europäische Union geregelt werden muss, erschwert die Lage. Denn nicht selten werden Menschen in Not „weitergereicht“, obwohl sie schon begonnen haben, in ihrem Ankunftsort ein wenig einzuwurzeln. Die ARD hat das in einer sehr guten Dokumentation gestern (21.7.2015) ausführlich dargestellt.
Deutschland hat zudem kein modernes Zuwanderungsrecht. Burkhard Jung (Oberbürgermeister von Leipzig) und andere weisen zutreffend darauf hin.

Angesichts der tatsächlichen Verhältnisse ist die Flüchtlings- und Asylpolitik der Europäischen Union ein einziges Desaster. Je reicher ein Land, je mehr wehrt es sich gegen die Aufnahme von Menschen in Not.
Es ist de Angst, man könne durch die Aufnahme von Menschen ein winziges Teilchen seines „Wohlstandes“ verlieren. Was für ein Irrsinn.
Menschen, die glauben, ihr materieller Wohlstand – ihr Haus, ihr Auto, ihr Boot, ihr Vorgärtchen, ihre Lebensversicherung – würden sie „reich“ machen, sind sehr arm.
Weil sie die Angst regiert.
Reich ist, wer teilt.
Deshalb zeigt die Debatte um die Aufnahme von Menschen in Not vor allem eines: wir sind erbärmlich.

Schuss ins Gehirn


Es gibt Sätze, die gehen einem wie ein Schuss ins Gehirn.
„We must learn to see that the person in front of us is ourself and that we are that person“ (Thich Nhat Hanh).

Das ist so ein Satz.
Wer wach und aufmerksam das Zeitgeschehen verfolgt, kann nicht übersehen, wie sehr überall die Gewalt zunimmt. Im Denken zunächst, dann in der Sprache, schließlich mit Gewehren und Kanonen.
In Israel und Palästina ist das so, in Syrien und dem Irak, in der Ukraine und in Afrika, auch auf unseren Straßen und in unseren Häusern.

Gegenseitige Verteufelung, Feindbilder, Hass, Rechthaberei. Konflikte verschärfen sich um die knapper werdenden Ressourcen. Die Schwächsten müssen es tragen: Flüchtlinge, Waisen, einfache Leute.
Wie kann man herausfinden aus diesem Kreislauf der Gewalt?
Wie nur?
Martin-Luther King organisierte den Widerstand im „weißen Amerika“ gegen „die Schwarzen“. Er kämpfte hart, aber friedlich, gegen den Rassismus Amerikas.
Und er suchte sich Freunde, verlässliche Wegbegleiter, Lehrer.
Der junge Vietnamese Thich Nhat Hanh gehörte zu ihnen.
„Die Menschen wissen nicht, wie sie Frieden finden und halten können. Sie müssen es lernen“.
Thich Nhat Hanh wurde „Lehrer“. So steht es auf seiner Seite. Bescheiden. Klar. Einfach. Aber hart in der Übung. Ein politischer Buddhist, der jetzt in „Plum Village“ lehrt.

Was lernt man bei ihm?
„Ganz im gegenwärtigen Moment zu sein“.
Nicht in Gedanken, nicht im Vorurteil, nicht im politischen Programm, nicht in der Stunde, die vielleicht nachher sein wird.
Sondern jetzt, „ganz in der Gegenwart“.
Es ist ein sehr weiter Weg bis dorthin, denn wir stecken im Kopf fest, im Gedanken. Da ist schwer herauszufinden.
Aber es gibt Hilfen:
Stille, Beobachten des Atems, Meditation, praktische Arbeit mit der Hand.
„deeply meditation“. Das ist nichts für leichte Gemüter. Das will erarbeitet sein.
Wer ganz wach und aufmerksam in der Gegenwart ankommt, kann nicht übersehen, dass unsere ganze Welt voller Konflikte ist.
In unserem Familie, in unserem Dorf, in unserer Stadt, in unserem Land, in unserem Kontinent, in der Welt.
Überall.
Wie aber damit umgehen?
Rechthaberei führt nicht weiter. Hass führt nicht weiter. Krieg führt nicht weiter.
Am Ende solcher Wege ist das Elend nur noch größer.
Gegen den anderen ist kein Frieden zu finden.

„We must learn“ sagt der Vietnamese leise.
Das ist ein harter und steiniger Weg.

Martin-Luther King hat Thich Nhat Hanh für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Aus gutem Grund.
Denn dieser politische Buddhist lehrt einen praktischen Weg, den man erlernen kann, wenn man sich wirklich auf den Weg des Friedens wagen will.
Segeln auf sehr hoher See.
Da braucht man Wissen und Erfahrung und gutes Handwerkszeug, sonst bläst einen der nächste Sturm sofort um.
Sehr viel einfacher ist es, am alten Ufer festzuhalten.
Sehr viel einfacher ist es, am alten Feindbild festzuhalten.
Aber so werden wir den Weg zum großen Ziel nicht finden.
Wir müssen auf hohe See, sonst finden wir das neue Ufer nicht.
Wir müssen hinauf auf den Gipfel, sonst können wir nicht sehen, wie groß und schön die Welt ist.
Es ist eine mühsame, nicht einfache Übung. Man braucht Training.
Am besten regelmäßiges Training, denn die alten Gewohnheiten und Denkweisen sind tief in uns verwurzelt.

„We must learn“ sagt der Vietnamese leise.
Was denn?
„Der da, der mir gegenüber steht voller Hass, das bin ich.“
Denn es gibt keine Trennung zwischen mir und dem anderen. Es gibt keine Trennung zwischen Innen und außen.
Jeder Dualismus, jede Trennung ist eine Illusion.
Du kannst es herausfinden, wenn du praktizierst.

Das ist schwere Kost.
Das ist eine harte Lektion.
Friedensarbeit ist nichts fürs Sofa.
„Es wird Blut fließen“ sagt Gandhi seinen Kämpfern, als sie beim Großen Salzmarsch vor den schwer bewaffneten Polizisten stehen, „aber es darf nicht das Blut unserer Gegner sein“.

„We must learn that the person in front of us is ouself and that we are that person“

Deshalb ist Gewalt niemals ein Weg zum Frieden.
Denn, wenn ich einen anderen töte, töte ich mich selbst.
Wenn ich einen anderen verurteile, verurteile ich mich selbst.
Wenn ich einen anderen zum „Terroristen“ mache, spreche ich von mir selbst.

Solange wir nicht diese schwere Lektion lernen, werden wir Frieden nicht finden.
Martin-Luther King wurde im Alter von 35 Jahren erschossen.
Thich Nhat Hanh ist mittlerweile hochbetagt. Kürzlich erst war er erst schwer krank und ist nun auf dem Weg der Besserung.
Ich wünsche diesem vietnamesischen Lehrer, einem der ganz Großen unserer Gegenwart, dass er seine vielen Hunderttausende Schüler auf der ganzen Welt noch weiter unterrichten kann.
Denn es ist wahr: „We must learn“.

„Denn da ich’s wollte verschweigen, verschmachteten meine Gebeine“. Etwas über Psalm 32 und die historische Recherche


Wenn man sich für exakte historische Forschung interessiert und sich anhand von Dokumenten beispielsweise mit dem „Dritten Reich“, also der Zeit zwischen 1933 und 45 beschäftigt, was ich mittlerweile seit über 30 Jahren tue, dann begegnet man immer wieder einem seltsamen Phänomen:
Wenn es konkret wird, dann war vor Ort alles irgendwie „anders“, dann waren die damals Lebenden nicht wirklich betroffen, beteiligt, benutzt, engagiert, wie auch immer. Es ist, als hätten die damals Lebenden irgendwie auf dem Mond gelebt, aber nicht unter den konkreten geschichtlichen Umständen, wie sie dokumentiert sind.
Mir ist noch eindrücklich in Erinnerung, als ich im Familienalbum ein Foto meines Vaters in HJ-Uniform fand. Mein politisch interessierter, kritischer Vater?
Ja. Da war das Foto.
Das war ein Schreck anfangs.
Dann kamen Fragen.
Dann war Gesprächsbedarf. Immer wieder. Ich wollte mehr wissen. Wollte Details erfahren. Wollte Alltagsgeschichten hören. Wollte verstehen.
Dieser Wunsch nach Klarheit hat nicht nachgelassen, ich bin dieser Spur später im Studium gefolgt, habe mein Staatsexamen über diese Zeit geschrieben, mit sehr vielen Zeitzeugen gesprochen und bin sehr oft immer wieder auf dieses seltsame Phänomen gestoßen: da gab man sich einerseits betroffen über all das „Schreckliche“, was damals passiert ist (und ja auch zu großen Teilen dokumentiert ist), hat sich auch tapfer davon distanziert, aber irgendwie hatte die Familie des Gesprächspartners selbst damit „nichts zu tun“.
Seltsam.
Es gibt auch andere Erfahrungen: da beginnen Menschen, nicht selten erst auf dem Sterbebett, endlich offen von dieser Zeit zu sprechen. Ich habe so manches Gespräch erlebt, wo es so verlief. Auch in der eigenen Verwandtschaft.
Die Mitscherlichs haben in ihrem wichtigen Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ auf zentrale seelische Vorgänge hingewiesen, die solchem Verhalten zugrunde liegen können. Und es ist beispielsweise anhand von Feldpostbriefen von Wehrmachtssoldaten auch dokumentiert und analysiert worden, weshalb in diesen Briefen so oft Belangloses steht, obwohl man mitten in den konkreten Schrecken des Krieges gelebt hat.
Der für mich wichtigste Punkt ist: wer zu verharmlosen versucht, weil er immer noch nicht sehen will, was dokumentiert ist; wer glaubt, in seinem Ort, in seinem Dorf, in seiner Familie sei es irgendwie „anders“ gewesen, der gibt den Kräften Vorschub, die zerstörerisch wirken.
Psalm 32 hat völlig Recht: wenn jemand etwas „verschweigen“ will, weil er zum Beispiel einfach nicht fassen kann, dass seine eigenen Vorfahren involviert waren – was nicht unbedingt bedeutet, dass sie „Täter“ waren! – , der hilft nicht zu einem wirklich aufrechten Gang, sondern der verstärkt Ungutes. Es ist belegt und auch umfänglich beschrieben worden, dass Menschen daran körperlich und seelisch krank werden können. Es ist mittlerweile sogar in umfangreichen Studien untersucht worden, dass die seelischen Folgen des Verschweigens dessen, was da zwischen 33 und 45 war, bis in die dritte und sogar vierte Generation (!) nachwirken. (Eindrücklich beschrieben im Buch „Wir Kinder der Kriegskinder“).
Therapeuten und Seelsorger wissen, dass gerade das Aussprechen der „unangenehmen“ Dinge, derer, die man „nicht sehen will“ befreiende Wirkung haben kann und hat.
Gründliche historische Recherche kann deshalb einen wichtigen Beitrag leisten, dass Menschen wieder frei durchatmen können, wenn sie Familien die Gelegenheit gibt, anhand der Dokumente offen zu sprechen.
Die in den Sprüchen Salomonis weitergegebene Weisheit ist eben zutreffend: ‚“Wer seine Missetat leugnet, dem wird’s nicht gelingen. Wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen.“ (Sprüche 28,13)
Ich verstehe meine Aufgabe als Theologe und Seelsorger deshalb im Zusammenhang meiner Recherchearbeiten auch in diesem Sinne: anhand der Dokumente Menschen zu helfen, offen zu sprechen. Damit „zur Sprache kommt“, was sonst unverarbeitet irgendwo im Dunkeln der Seele sein Unwesen treibt.
Das ist, wie jeder Praktiker weiß, mitunter unangenehm, nicht selten auch schmerzlich. Das weiß ich wohl.
Aber zur seelischen Gesundheit gehört es eben auch, wenn man sich mit der eigenen Familien- oder Dorfgeschichte beschäftigt, dass eine Loslösung von dieser Zeit in Wahrheit erst dann gelingen kann, wenn man wirklich wahrnimmt, was war. Möglichst exakt belegt an Dokumenten. Wenn das gelingt, dann kann eine wirkliche innere Ablösung von der Generation der Großeltern beispielsweise gelingen. Eine solche Ablösung bedeutet nicht, dass man nun alles gut findet, was damals geschehen ist. Und es bedeutet auch nicht, dass man nun alles schlecht findet, was die Vorfahren so getan haben.
Sondern es bedeutet: ich kann meine Vorfahren auch achten, wenn ich um ihre Verfehlungen weiß und sie anerkenne.
Dann werde ich frei, ganz in der Gegenwart zu leben und heute Verantwortung zu übernehmen.
Im Alten Testament ist ein jüdisches Sprichwort überliefert, das lautet: „Von den Trauben, die die Väter aßen, werden den Söhnen die Zähne stumpf“ (z.B. bei Hesekiel 18,2)
So ist die oft zu beobachtende Erfahrung, die man auch heute immer wieder machen kann.
Der Text geht allerdings weiter. Da steht nämlich: „So soll es unter euch nicht sein.“
Jede Generation trägt Verantwortung für die Zeit, in der sie lebt.
Dass wir frei werden zu dieser Verantwortung für die Gegenwart, daran liegt mir.

Mal nichts über Guttenberg – aber etwas über Projektionsflächen und Sehnsüchte


Etwa 650.000 mal hat Sarrazin sein vielgescholtenes Buch verkauft – und ist mehrfacher Millionär dadurch geworden. Die Menschen schimpfen – und lesen ihn.
Offensichtlich „funktioniert“ soetwas: ordentlich „gegen den Strich bürsten“ – und viele Menschen folgen.
Denn, „da traut sich mal einer öffentlich zu sagen, was viele denken“. Der Mann wird zum „Sprach-Rohr“, zur Projektionsfläche, zur Mattscheibe, auf der zu sehen ist, wie viele Menschen tatsächlich denken.
Sie gehen zu Tausenden in seine Lesungen.
Je mehr Skandal, um so besser für seine Verkaufszahlen.
Skandal garantiert Auflage.

900 Menschen klatschen in einem süddeutschen Bierzelt stehend Beifall, als ein Minister zugibt, betrogen und gelogen zu haben.
Er sagt das und greift an: „die Hauptstadtpresse“ habe eine Kampagne gegen ihn inszeniert. Aber: „Eine oberfränkische Wettertanne hauen solche Stürme nicht um“. So zitiert ihn die FAZ von heute.
Aus eigenem Unrecht wird „Angriff“ – es ist ein alter rhetorischer Kniff, der aber immer wieder funktioniert.
Offensichtlich hat der Betrüger viele Unterstützer im Land. Im „Spiegel“ und im „Stern“, in der „Frankfurter Rundschau“ und in anderen Zeitungen war davon heute zu lesen.
Da gibt es diesen Unterschied zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung.
„Eine oberfränkische Wettertanne hauen solche Stürme nicht um“.
Ha, damit hat er sie im Sack.
Die Leute im Saal.
Denn: wer sich selbst als hilflos, ohnmächtig, ausgeliefert erlebt – der braucht „eine oberfränkische Wettertanne“. Zum Anlehnen.
Der Untertan braucht den Anführer, auch wenn er ein Betrüger ist.
Er braucht ihn, selbst wenn er ihn mit Füßen tritt. Heinrich Mann hat im „Untertan“ eindrückliches literarisches Zeugnis davon gegeben.
Der Schwache braucht den, der sich als stark ausgibt. Als Projektionsfläche. Als Heimat seiner heimlichen Sehnsüchte.
Deshalb jubeln sie ihm zu, wenn er den Betrug und die Lüge als Kavaliersdelikt abtut und „die Hauptstadtpresse“ angreift.
Deshalb schreiben etliche heute in den Netzwerken, sie hätten „die Schnauze voll“ von der Diskussion um Guttenberg. Sie wollen „ihre Ruhe“ haben.
Und ihm weiter zujubeln.
Da bedient einer finsterstes provinzielles Vorurteil gegen „die Hauptstadtpresse“, man kennt „die“ ja, diese Journalisten – und bekommt stehenden Applaus.

Man kann das alles für eine Bagatelle halten. Den Sarrazin und den Minister.
Aber mich hat ein kleiner Text elektrisisiert, den ich heute morgen in einem facebook-threat fand:

da schreibt mir ein facebook-Freund: „wenn ich die Rede Guttenbergs betrachte, wird mir anders. Das möchte ich gerne erklären:
1. Er wird wohl den Rücktritt umschiffen oder nur kurze Zeit abtreten, geschenkt…
viel wichtiger:
2. Beim Blick in die Vergangenheit, mit seinem Frontauftritt mit Frau, den Vergleichen die sich angeboten haben, gestern das wenig verklausulierte Lob für Sarrazins Werk, Stahlhagel, Stahlhelm, der Auftritt in Kochs Brutkasten, Verachtung für die „Hauptstadtpresse“, Fußtritt für die seriöse Wissenschaft…jetzt zählen wir doch mal 1 und 1 zusammen:
Hier hatte gestern der Mann seinen Auftritt, der mit den Sarrazinthesen Wahlkampf machen wird – und damit Wahlen gewinnen kann und schlimmstenfalls auch wird.
Am Horizont steht die neue Konservative, bei der sich so Mancher die Merkel-CDU zurückwünschen wird.
Ganz fern ab dieser Dr.-Diskussion, hat diese Aktion ihm eine Freiheit gegeben, mit der er zu dem mutiert, vor dem alle im Zusammenhang mit den Umfragen zur Sarrazinschen Schrift Angst hatten.
Natürlich habe ich keine Glaskugel, aber ich möchte mich mal aus dem Fenster lehnen und sagen, das hat jemand nun sein wahres Gesicht gezeigt und was uns da erwartet ist mehr als beunruhigend….“

Ich hab meinem facebook-Freund geantwortet:
„na, das hat mich ja nun doch ziemlich elektrisiert, was du da schreibst. Das Zeug zum Verführer hat er, das haben wir ja gesehen. Und wir sehen auch, wie ihm die Leute nachlaufen.
Um die „neue Rechte“ mache ich mir auch Sorgen, zeigt sie sich doch nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, sogar in Skandinavien.
Inteloranz und Fremdenfeindlichkdeit sind ihre „Kennzeichen“, geschickte Nutzung der am meisten von der Bevölkerung konsumierten Medien (Talk-Shows und „Soldatenbilder“) ebenfalls.
„Sarrazin“ und seine vielen Millionen Leser sind ja ein Hinweis darauf.
Jung genug ist er, um „wiederzukehren“ nach einer gewissen Zeit.
Aber ich will den Glauben an den aufgeklärten, mündigen, weltoffenen und an anderen Kulturen interessierten Menschen nicht aufgeben…
Womöglich hast du Recht, man muss noch klarer sagen wofür man steht. Und sich unterhaken….“

Ich bin nachdenklich geworden.
Auch wenn jetzt viele „die Schnauze voll“ haben von dem „Sarrazin“ und dem „Minister“. Auch, wenn viele ihm heimlich zustimmen, wegen dieses „Kavaliersdeliktes“.
Vielleicht gerade deswegen…..
Der Untertan fängt an, mir unheimlich zu werden.

Meine alte Tante Hildegard


Am Nikolaustag hab ich sie wiedergetroffen. Meine alte Tante Hildegard. Sie ist alt und sie ist frech. Je älter sie wird, umso frecher wird sie.
Meine alte freche Tante ist fromm und sie hat ne dicke rote Nase. Das eine kommt vom Krieg, das andre vom Schnaps.
Ich unterhalt mich gern mit ihr.
Sie ist eine Seele von Mensch.
„Na, Jung, willste was trinken?“ fragt sie immer, wenn ich in der Tür steh, um sie zu besuchen.
Und dann hocken wir uns zueinander und besprechen die Dinge der Welt.
Gestern hat sie gemeint: „Jung, vorige Woche bin ich in Köln in den Zug gestiegen. Da saß mir ein Mann gegenüber im Abteil. Den hab ich gefragt: „Und wohin wollen Sie?“ Da hat er gemeint: „nach München“. Und ich hab gesagt: „Und ich will nach Berlin.“ Da hat er gesagt: „Ist doch doll, wieweit die Technik heutzutage ist, nicht? Da sitzen wir beide im selben Abteil und der eine fährt nach München und der andre nach Berlin“…..

Es bleibt ja nicht aus, dass wir ab und an auch über Politik sprechen.
Da lacht sie mich immer aus, meine alte freche Tante.
„Ach, Du immer mit deine Politik“ sagt sie.
„Ich hab als Kind noch den Kaiser gesehen mit seinem Pummel auf dem Helm. Und dann kam der Zeppelin über die Dörfer geflogen. Und dann war die schwere Zeit.
Dann kam der Verrückte, der Adolf.
Und dann der Hornickel, oder wie der hieß.
Nee nee, weißt du, ich hab all die Tage immer in meinem Gesangbuch gelesen. Das taugt mehr als die alle zusammengenommen.“

„Glaubst du ans Ewige Leben?“ hab ich sie kürzlich gefragt.
Da hat sie gemeint:
„Ich weiß nicht so recht, wie das sein wird. Aber ans Fegefeuer glaub ich.
Ich finde, die beste Strafe in der Ewigkeit wär, wenn die Politiker in alle Ewigkeit ihre eigenen Reden anhören müssten“.

Da hab ich es verstanden.
Das mit dem Fegefeuer.

Meine alte Tante Hildegard ist ja eigentlich sowas wie eine adoptierte Schwester meiner Mutter.
Sie waren auf der Flucht in jungen Jahren. Vor den Russen.
Später hat sie bei der Bank gearbeitet.
Mit den Männern hat es nicht so geklappt in ihrem Leben, aber mit dem Humor um so besser.
Vielleicht kommt ja das eine vom andern.
Wenn wir abends telefonieren, sagt sie mir manchmal:
„So mein Lieber, und nun trink ich noch mein Bierchen zum Abend. Und du, mach dir mal auch eins auf. Prost, alter Junge! Und pass auf, daß du nicht so gesund lebst, sonst stirbste am Ende noch“ kichert sie ins Telefon, und mein Abend ist gerettet.

Manchmal erzählt sie mir was von früher. Brüder hat sie gehabt. „Alles große Kerle!“ sagt sie stolz und reibt sich die rote Nase.
„Unser Zweiter, der war besonders kräftig.
Der hatte bei der Armee so einen verrückten Hauptmann.
Der wollte, daß die Jungs im kalten Wetter in der Oder schwimmen sollten.
Aber der blöde Heini hat sich nur aufgeblasen und hatte keine Ahnung.
Wenn der gewusst hätt, wie gut die Jungs schwimmen können.
Aber unser Zweiter, der hat sich gedacht bei dem Appell „Na warte Alter, Dir werd ich mal einen einschenken!“
Und dann hat er zu seinem Hauptmann gesagt, daß er nicht wimmen könnte.
Der blies sich immer mehr auf und hat rumgebrüllt, er solle endlich ins Wasser springen.
Da ist er gesprungen.
Und hat sich unten im Fluss an der Kaimauer an der Leiter festgehalten.
Unter Wasser.
Hatte ordentlich tief Luft geholt. Und saß nun da unten.
Und blieb und blieb.
Und da oben der Affe wurde immer bleicher und bleicher.
Dann hat er gebrüllt, zwei andre sollten hinterherspringen und den blöden Bauern da wieder hochziehen, solche Angst hatte er plötzlich, daß der ertrunken sein könnte.
Mein Bruder hat immer Tränen gelacht, wenn er die Geschichte erzählt hat.
Aber dann haben sie ihn doch abgeschossen.
Über dem Kanal.
Ich habs die Nacht vorher geträumt.
Ja, so war das, mien Jung.
Na, denn prost!“
Sagt sie und ich fühle mich geborgen in ihrer Gegenwart.
Wie eine alte Indianerin kommt sie mir manchmal vor.
Vom Wetter gegerbt, das Herz auf dem rechten Fleck.
Weiß Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Seit ich sie getroffen hab, meine alte frechte Tante, weiß ich, was das Wort „Familienbande“ bedeutet…..

Was vom Ja – Sagen.


say yes and the world will dance with you!

Der Satz sprang mich regelrecht an. Wie eine Katze.
Aus einem facebook-posting.
Nicht von den Ja-Sagern rede ich, nicht von den „Abnickern“, die „einfach“ Ja sagen. Ohne eigenes Nach-Denken.
Von denen haben wir zu viele, scheint mir.
Von denen rede ich, die zum Leben „Ja“ sagen.
Zu den Dingen und Erlebnissen, die ihnen das Leben bereithält.

Mir fällt auf, wie sehr wir ins „Nein!“ Sagen verliebt sind.
Ein Blick in die social-media-Netzwerke hilft: überall finden sich Gruppen „gegen“ irgend etwas.
Allenthalben sind Klagen über die Zustände verbreitet.
Pessimismus macht sich breit.
Angst regiert.

Wovor eigentlich?
Dass uns der Strom, der uns trägt, in einen Strudel treiben könnte?
Dass da eine Zukunft auf uns wartet, die nicht „schön“ sein könnte?
Was ist das für eine Angst, die uns da festhält und den Atem nimmt?

Die Seele wird eng.
Entscheidungen verzögern sich.
Mut verlässt uns.
Man beginnt, sich nur noch nach „Mehrheiten“ zu richten: schielt darauf, was wohl der Nachbar dazu sagen könnte….
Es bleibt das „Nein“ zum eigenen Leben.
Nach Tanzen ist uns nicht mehr zu Mute, wenn die Seele eng ist.

Wie anders lebt es sich, wenn man die Dinge annimmt, die der Tag bereit hält.
Auch die unangenehmen.
Auch die scheinbar lästigen.
Auch die mühevollen.
Ich tue, was zu tun ist. Und im nächsten Moment sind die Dinge schon wieder anders, denn die Zeit ist weitergegangen.
Augenblick für Augenblick.
Weil das Leben fließt.
Wie ein Strom.
Da gibt es nichts festzuhalten.

Ja – Sagen im tieferen Sinn wird möglich, wenn ich eigene Pläne lasse.
„Du sollst Dir kein Bildnis machen“ mahnt Max Frisch. Kein „Bildnis“ von der Zukunft oder davon, wie der Mensch neben dir wohl so „ist“.
Manchmal muss ich sie sogar lassen, diese inneren Bilder. Werde regelrecht gezwungen dazu.
Das sind Zeiten der Übung.
Übung im Loslassen.
Zeiten der Krankheit beispielsweise sind solche „Übungszeiten“.
Wenn es anders kommt, als ich mir „vorgestellt“ hatte.
Wenn der Körper woanders lang will, als mein Kopf zu wissen glaubt.
Wenn die Seele andres vorhat, als mir meine Gedanken vorgaukeln wollen.
Übungszeiten, Training im Loslassen: Dann, wenn ich selbst gar nichts mehr tun kann.
Wenn ich nur noch geschehen lassen kann, was da geschehen will.

„Say yes and the world will dance with you“ – sag „ja“ und die Welt wird mit dir tanzen.
Das ist eine Einsicht, die hinter der Not liegt.
Ein Land, das sich erst öffnet, wenn man durch Schweres hindurchgegangen ist.
Eine Gegend, die ihre Musik erst klingen lässt, wenn ich die Angst gelassen habe.
Los gelassen.

Wir können nicht wissen, was uns die nächste Stunde bringt.
Nicht mal, was in den nächsten Minuten geschehen wird.
Wir wissen nur, was jetzt ist.
Und auch dies nur in Bruchstücken.

Deshalb ist soetwas wie „Zukunftsangst“ unmenschlich.
Eigentlich ist diese Angst eine Form der Hybris, des Hoch-Mutes, einer Lebenshaltung, die ihre Wurzeln vergessen hat.
Elisabeth Kübler-Ross und andere haben darauf hingewiesen, wie wichtig das „Ja“ sagen am Ende eines Lebens ist.
Ja-Sagen zu meinem Leben so, wie es ist.

Darum geht es.
„say yes and the world will dance with you“.
Anders gesagt: „Mensch lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen“…..