Meine Geschichte mit der Stasi


Da werde ich also am Dritten Advent 2016 früh morgens um fünf Uhr wach, weil mich da etwas beschäftigt. Meine alte Stasi-Geschichte beschäftigt mich. Und eine Personalentscheidung.
In Berlin soll nun also ein Mann Staatssekretär werden, der sich noch im Jahr der politischen Wende, 1989, dafür entschieden hatte, bei der Stasi Karriere zu machen.
Wie geht es mir, wenn ich das lese?
Nun, meine alten Geschichten „fallen mir wieder ein“. Sie kommen mir wieder hoch.
Die Stasi und ich. Das ist ein Kapitelchen meiner Lebensgeschichte. Ein prägendes Kapitel zudem.
Ich wohne in Berlin-Hohenschönhausen nur wenige Schritte von der Gedenkstätte für die Opfer der Stasi entfernt. Ich habe das Thema also regelmäßig „vor Augen“.
Die andre Sache ist: ich kenne meine Stasi-Akte und weiß, was sie mit mir vor hatten. 19 Inoffizielle Mitarbeiter hatten sie „angesetzt“, wie das im Jargon hieß. Und sie hatten ein Ziel, das hatten sie in zwei „Maßnahmeplänen“ schriftlich fixiert. Das Ziel hieß, mich „zu zerstören“.
Was ihnen aber nicht gelungen ist. Weil die Mauer fiel. Wäre sie nicht gefallen, würde ich jetzt wohl, unter Drogen gesetzt, in der geschlossenen Abteilung des Psychiatrie-Krankenhauses in Stadtroda (Thüringen) vor mich hin dämmern. Denn genau das hatten sie vor.
Ich kann mich noch sehr gut an die Jahre der Wende erinnern, als ich von dieser Akte erfuhr. Ich weiß noch sehr genau, wie es mir damals ging. Es ging mir schlecht, ich hab gekotzt, um es mal offen zu sagen. Und zwar tagelang.
Weil da etwas sichtbar wurde, das ich nicht für möglich gehalten hatte.

Nun denn, das ist alles lange her, aber ich merke, dass mich die Sache immer dann beschäftigt, wenn  diese alte Geschichte „berührt“ wird.
Wie ist es also mit jenem Mann, der noch 1989 Karriere bei der Stasi machen wollte und der jetzt Staatssekretär für DIE LINKE werden soll?
Der Mann ist mir egal. Ich hab ihm nichts am Zeug zu flicken.
Aber der politische Vorgang ist mir nicht egal.
Ich war selber Staatssekretär. Nicht auf Landesebene, sondern beim Bund.
Nach der Wende war das. Ich kam aus der DDR-Opposition in die Politik und ich hab mich nie um dieses Amt beworben. Man hatte mich gefragt. Und ich hab ja gesagt, weil ich der Ansicht war, man müsse nun auch Verantwortung übernehmen. Ich weiß also aus eigener Erfahrung um die Grenzen und auch um die Möglichkeiten, die eine solche Stelle „im Maschinenraum des Staates“ hat.
Nun ist ein Staatssekretärsposten in einem Bundesland im Bauressort politisch nicht besonders brisant.
Wollte man einen Mann mit einer solchen Geschichte zum Innensenator machen, wäre die Sache sicher noch brisanter.
Dennoch: wie wirkt das auf mich, wenn ich das in diesen Tagen lese, 25 Jahre nach Untergang der DDR?
Eine solche Personalentscheidung wirkt auf mich geschichtsvergessen, unsensibel und frech. Ich finde sie dreist.
Es gibt Menschen, die die Ansicht vertreten, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer müsse es doch nun endlich mal gut sein mit den „alten Geschichten“. Da sage ich mal „es kommt drauf an“.
Ich gehöre zu denjenigen, die der neuen Generation, die da herangewachsen ist, durchaus eine Chance in der Demokratie geben wollen. Man soll den jungen Leuten nicht die Schandtaten ihrer Eltern vorwerfen. Jede Generation ist für sich selbst verantwortlich.
Wenn aber jemand, der sich als mündiger und erwachsener Mensch noch 1989 freiwillig (niemand hat ihn gezwungen!) zu einer Karriere bei der Stasi entschieden hat (wie politisch blind muss man eigentlich im Jahre 89 gewesen sein, noch so etwas zu planen?), nun Staatssekretär werden soll – dann ärgert mich das.
Wenn DIE LINKE, die Nachfolgerin der SED, nun glaubt, sie könne eine solche politische Entscheidung 25 Jahre nach dem Fall der Mauer „einfach so“ durchziehen, dann täuscht sie sich.
Denn: die Menschen, die damals unter der Stasi gelitten haben, leben noch.
Menschen vergessen ihre eigene Lebensgeschichte nämlich nicht.
Menschen können vergeben, klar können sie das. Und als Seelsorger sage ich: sie sollten es auch, wenn es ihnen irgend möglich ist.
Ich hab diesem Manne, der da Staatssekretär werden soll, persönlich auch nix am Zeug zu flicken, ich hab ihm auch nix zu „vergeben“. Ich kenne ihn ja nicht mal persönlich. Wenn jemand, der damals schon „Karriere machen“ wollte, nun wieder „Karriere machen“ will, dann wird er auch heute „Karriere machen“ wollen. So what. Menschen sind halt, wie sie sind.
Mir könnte die Sache also egal sein. Ist sie aber nicht.
Weil es sich um eine politische Entscheidung einer Partei handelt, die zahlreiche Opfer zu verantworten hat. Und die Stasi war die Speerspitze jener „Partei des Volkes“.
Es ist nach wie vor üblich, nach Wahlen Abgeordnete auf eine Zusammenarbeit mit der Stasi zu überprüfen. Ich halte das auch nach wie vor für richtig, weil schon zu viel gelogen wurde. Man muss nachschauen. Sonst werden einem Märchen erzählt.
Bislang war es üblich, Belastete nicht in öffentliche Ämter zu heben.
Nun kann man argumentieren, im konkreten Fall läge keine „Belastung“ vor, der Mann könne nun also auch Bundeskanzler werden.
Das jedenfalls läge in der Logik des Arguments.
Allerdings weiß ich, dass dann nicht nur mir, sondern vor allem denjenigen, die im Knast gesessen haben (was mir erspart geblieben ist), die alten Geschichten „wieder hoch kommen“ würden.
Mich bedrückt schon, dass zahlreiche derjenigen, die damals Verantwortung hatten, nun Sonderrenten bekommen, während zahlreiche derjenigen, die in Knast gesessen haben, um ihre Rente kämpfen müssen. Mit Mitteln der Justiz kann man eine wirkliche Aufarbeitung des Gewesenen eben nicht bewerkstelligen.
Aber nun jemanden, der als freier und mündiger und erwachsener Mann dieser DDR im Staatssicherheitsdienst dienen wollte, zum Staatssekretär eines Bundeslandes zu machen – nein, das ist falsch.

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Mir ist so seltsam zu Mute bei dieser Silberhochzeit. Etwas zum Mauerfall


Gefühle soll man ernst nehmen.
Deshalb hab ich mich gefragt, weshalb mir so seltsam zu Mute ist bei diesem Jubiläum? 25 Jahre Hochzeit zwischen Ost und West. 25 Jahre Fall der Mauer? Silberhochzeit.
Große Worte sind in der Welt.
Von „Revolution“ wird da geredet. Friedlich sei sie verlaufen.
Von „Freiheit“ wird auch geredet. „Widerstandkämpfer“ habe es gegeben
Mir ist das alles eine Nummer zu groß und mich beschleicht das Gefühl, dass etwas „nicht stimmt“.
Ich wusste lange nicht, wie ich es in Worte fassen könnte.
Bis da heute ein Text geflogen kam. Ein Redetext.
Gehalten von einem Südamerikaner.
Es hat da zum ersten Mal ein Treffen von sozialen Gruppen aus aller Welt gegeben im Vatikan.
Und dieser südamerikanische Papst fand die Worte, die eine Erklärung wurden, woher mein Unwohlsein kommt bei dieser Silberhochzeit, die in Deutschland gefeiert wird in diesen Tagen.
Denn da stimmt etwas ganz und gar nicht. Nicht nur im Staate Dänemark.
Und Papst Franziskus hat es in Worte gekleidet:
„Die Sozialen Bewegungen bringen zum Ausdruck, wie dringend unsere Demokratien verlebendigt werden müssen, weil sie oft von unzähligen Faktoren entführt werden. Für die Gesellschaft ist eine Zukunft nur vorstellbar, wenn die Mehrheit der Bevölkerung eine aktive bestimmende Rolle mit spielt. Eine solch aktive Rolle geht über die logischen Verfahren einer formalen Demokratie weit hinaus. Die Aussicht auf eine Welt mit dauerhaftem Frieden und Gerechtigkeit verlangt von uns, jeden paternalistischen Assistentialismus hinter uns zu lassen und neue Formen der Partizipation zu entwickeln, damit die sozialen Bewegungen aktiv mitwirken können. So könnte der moralische Energieschub, der aus der Eingliederung der Ausgeschlossenen in den Aufbau einer gemeinsamen Zukunft entsteht, zu Regierungsstrukturen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene animieren. Und das konstruktiv, ohne Groll, mit Liebe.“
Was ist geworden aus der Aktivität der Vielen, die 89 auf der Straße waren?
Ist sie erstickt im Konsum?
Geht es nur noch darum, wer das schönste Selfie schickt?
Geht es nur noch darum, möglichst selber gut über die Runden zu kommen?
Ist das das Erbe von 89?

Wir müssen wieder von vorne anfangen. Oder, genauer: dort weitermachen, wo wir 1989 aufgehört haben.
Was sind „Maßstäbe des Menschlichen“ in einer wahnsinnig gewordenen Welt, in der sich alles nur noch um Geld zu drehen scheint, um die Sicherung der eigenen Interessen, um Einflusssphären und Gewalt?
Wie kann eine Gesellschaft aussehen, in der es nicht nur um Gewinnmaximierung sondern um Gemeinschaft geht?

„Einige von euch haben gesagt: Dieses System ist nicht mehr zu ertragen. Wir müssen es ändern. Wir müssen die Würde des Menschen wieder ins Zentrum rücken und dann auf diesem Grund alternative gesellschaftliche Strukturen errichten, die wir brauchen. Das müssen wir mit Mut, aber auch mit Intelligenz betreiben. Hartnäckig, aber ohne Fanatismus. Leidenschaftlich, aber ohne Gewalt. Und gemeinsam, die Konflikte im Blick, ohne uns in ihnen zu verfangen, immer darauf bedacht, die Spannungen zu lösen, um eine höhere Stufe von Einheit, Frieden und Gerechtigkeit zu erreichen“.

Friede, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung.
Das waren die Stichworte, die zur „Wende“ geführt haben.
Geblieben sind davon die Reisefreiheit (so man genug Geld hat), die Meinungsfreiheit (die schamlose Auswüchse entwickelt), die Wahlfreiheit (und die Wahlbeteiligung sinkt mit jeder Wahl).
Das ist zu wenig!
Wir wollten mehr.
Wir träumten von einer solidarischen Gesellschaft – aufgewacht sind wir im real existierenden Kapitalismus.
„Dieser Kapitalismus tötet“ – sagt Franziskus.
Eine im Konsum gefangene Gesellschaft kann Freiheit nicht feiern. Welche denn? Die, sofern man Geld hat, unbegrenzt zu konsumieren?
Nein, da stimmt etwas nicht mit dieser silbernen Hochzeit.

„Wir sprechen über Landbesitz, Arbeit und Dach über dem Kopf … wir sprechen über die Arbeit für Frieden und die Bewahrung der Natur … Aber warum schauen wir dann immer noch zu, wie menschenwürdige Arbeit beseitigt, so viele Familien aus ihren Häusern vertrieben, campesinos ihrer Länder beraubt, Kriege geführt werden und die Natur misshandelt wird? Weil man in diesem System den Menschen, die menschliche Person, aus der Mitte gerückt und sie durch etwas anderes ersetzt hat. Weil man dem Geld einen götzendienerischen Kult widmet. Weil man die Gleichgültigkeit globalisiert hat! Man hat die Gleichgültigkeit globalisiert nach dem Motto: Was geht mich das an, wie es anderen geht, wenn ich mich doch um mich selbst zu kümmern habe? Denn die Welt hat den Gott vergessen, der Vater ist. Sie ist wieder eine Waise geworden, weil sie Gott beiseite geschoben hat“.

Schaut man in die sozialen Netzwerke, kann man finden: die „Ironie“ ist beinahe zum Standard-Ausdrucksmittel geworden.
Auch nimmt Zynismus zu.
Besonders schlimm sind die „Euphemismen“ – Worte, die gut klingen sollen. Um etwas zu verbergen.

„Es ist schon komisch, wie Beschönigung und Bagatellisierung durch Euphemismen in der Welt der Ungerechtigkeit überhand nehmen. Man redet nicht in eindeutigen klaren Worten, sondern sucht nach beschönigenden Umschreibungen. Ein Mensch, ein abgesonderter Mensch, ein außen vor gehaltener Mensch, ein Mensch, der unter Elend und Hunger leidet, wird also als Mensch auf der Straße bezeichnet – eine elegante Lösung, nicht wahr? Sucht stets hinter jedem Euphemismus das Verbrechen, das sich dahinter verbirgt – im Einzelfall mag ich mich irren, aber im allgemeinen ist es so, dass hinter einem Euphemismus ein Verbrechen steckt“

„Bei diesem Treffen habt ihr auch über Frieden und Ökologie gesprochen. Das liegt in der Logik: Man kann kein Land besitzen, man kann kein Dach über dem Kopf haben, man kann keine Arbeit haben, wenn wir keinen Frieden haben und wenn wir den Planeten zerstören. Diese wichtigen Themen müssen die Völker und ihre Basisorganisationen dringlich diskutieren. Sie dürfen nicht allein von den politischen Führungskräften behandelt werden. Alle Völker der Erde, alle Männer und Frauen guten Willens, alle müssen wir zum Schutz dieser beiden kostbaren Gaben unsere Stimmen erheben, für Frieden und für die Natur, bzw. – wie Franz von Assisi sie nennt – für die Schwester Mutter Erde.

Kürzlich habe ich gesagt, und ich wiederhole das hier, wir stecken mitten im dritten Weltkrieg, allerdings in einem Krieg in Raten. Es gibt Wirtschaftssysteme, die um überleben zu können, Krieg führen müssen. Also produzieren und verkaufen sie Waffen. So werden die Bilanzen jener Wirtschaftssysteme saniert, die den Menschen zu Füßen des Götzen Geld opfern. Man denkt weder an die hungernden Kinder in den Flüchtlingslagern, noch an die Zwangsumsiedlungen, weder an die zerstörten Wohnungen, noch an die im Keim erstickten Menschenleben“.

Warum ist mir so seltsam zu Mute bei dieser Silberhochzeit?
Weil da etwas ganz gewaltig aus dem Lot geraten ist.
Deutschland ist stark geworden.
Aber ich wünsche mir kein Deutschland, dass wegen seiner Kraft nun auch noch militärisch eine „führende Rolle“ übernimmt.
Ich wünsche mir ein Deutschland, das anknüpft an das Erbe der Bürgerrechts- und Ökologiegruppen, die sich damals zunächst unter dem Dach einiger weniger Kirchen und Pfarrhäuser versammelten und sich die Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ an die Jacke nähten.

Wir stehen wieder ganz am Anfang. Lasst uns dort weitermachen, wo wir 1989 aufgehört haben.
Die Aufgabe ist zu groß, als dass wir sie allein den Parlamenten und Regierungen überlassen dürften.

(den kompletten Text der Rede von Franziskus vom Oktober 2014 findet man hier).

Komm, wir gründen eine Partei – Anmerkungen eines silversurfers


Kann sein, dass ich sentimental werde, aber die Bilder dieser Tage von den „Piraten“ lassen doch die eine oder andre Erinnerung wach werden.
Oktober war’s. 1989.
Die Diktatur beherrschte alles.
Und doch gründeten wir damals unsere neue Partei. Was nicht ungefährlich war.
Ibrahim Böhme und Rainer Hartmann wollten mich mitnehmen nach Schwante, aber ich war in Wandlitz beim Kaffee und nicht zu Hause.
Eine Woche später war ich dabei, bei dieser „SDP“, wie sie sich nannte in bewusster Abgrenzung von der westdeutschen „SPD“.
Denn wir wollten „es anders machen“.
Internet hatten wir nicht. Wussten nicht mal, was ein fax ist. Handys – Fehlanzeige. Autos: alte Plastikkutschen. Kopierer? Was’n das?
Die Stasi war dabei, wie wir jetzt wissen und hat uns doch nicht aufhalten können.
Es galt, die Diktatur zu beseitigen und eine parlamentarische Demokratie einzuführen in ein Land, das 40 Jahre Diktatur verwüstet hatten.

Heute kommen die „Piraten“ und entern ein Landes-Parlament.
Junge, engagierte Leute, die den „alten Parteien“ mal ordentlich den Marsch blasen“ wollen. Oder genauer: twittern.
Und ich sehe, wie sie da sitzen bei „Phoenix“ bei ihrer ersten Pressekonferenz nach einer Wahl, die alle 15 ihrer Kandidaten ins Berliner Abgeordnetenhaus gespült hat.
Und erinnere mich.

Mit Handys haben sie’s gemacht, mit Laptops und Computern, tablets und viel „Internetzeugs“.
Spaßig rufen sie den Journalisten zu, es gäbe „nachher noch eine Gelegenheit für eine Nahaufnahme des Internets“.
Wofür sie stehen, ist noch nicht recht deutlich.
Um „mehr Demokratie“ soll es gehen.
Das ist gut.
Und verdammt schwer.
Denn viele Menschen haben „keinen Bock“ auf Demokratie, machen lieber dumme Sprüche oder amüsieren sich auf Kosten der Engagierten.
Das ist einfacher.
Demokratie jedoch macht Mühe.
In der Opposition zumal, denn für keinen einzigen seiner Anträge findet man eine Mehrheit.
Parlament aber funktioniert nach Mehrheiten der Gewählten.
Die jungen Leute werden also unter Druck kommen von denen, die „draußen“ sind, vor den Toren des Parlaments.

Ich erinnere mich an unser „Programm“ an unsere „Ideen“ – und wie sie scheiterten am Realen.
Nicht immer, darauf können wir stolz sein.
Aber doch oft.
Beispielsweise gibt es bis heute keine gesamtdeutsche Verfassung.

Ich erinnere mich gut, wie es war, als die Medien anfingen, sich für uns zu interessieren, denn das war ja das gefundene Fressen für die Neuigkeitsindustrie: ein ganzes Land geht unter!
Das hat was, wenn ein Land zusammenbricht. Das interessiert den Zuschauer.
„Wer sind die Neuen? Was wollen die?“
Auf den Fluren in der Rungestraße stand der NDR und der Spiegel, ZDF und wie sie alle heißen kamen hinterdrein, wir hatten nicht mal Stellplatz in den kleinen Räumen für die Kopierer, die uns Partner aus dem Westen zur Verfügung gestellt hatten.
Die Überschrift beim NDR hieß: „SDP – Hightech steht auf dem Klo“.
Wir lernten die Macht der Medien kennen.
Wie sie einen hochschreiben und wieder fallen lassen.
Wie sie sich einen aufs Korn nehmen oder unterstützen.
Wie sie jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf treiben und einen verrückt machen damit.

Aber das haben wir erst nach und nach gelernt.
Später dann, als etliche von uns im Parlament saßen. Im gesamtdeutschen.
Und Minister wurden und Staatssekretäre, manche gar Ministerpräsidenten.

Das war ein langer Weg.
Wir haben den Unterschied gelernt zwischen Wünschenswertem und Machbarem.
Das war schmerzhaft und manch einer hat es nicht durchgehalten und ist von Bord gegangen.

Man wird sich denken können, dass ich die „Piraten“ deshalb mit besonders großem Interesse und auch großer Sympathie beobachte.
Junge Leute, engagiert, unkonventionell, noch etwas unklar.
Aber „die Grünen vertreten die alte Politik“ kann ich bei twitter lesen. Da ist man sich schon mal sicher.
Das ist der Anspruch einer neuen Generation.
Deshalb wäre es schade, wenn der Gründer der Piraten Recht behielte. „Wir sind nicht gekommen, um zu bleiben“ hat er der WELT gesagt.
Das wäre schade.
Denn die Demokratie braucht frischen Wind, Glasnost und Perestroika, Transparenz!
Das war die Forderung von Gorbatschow, das war unsere Forderung, und, wenn ich richtig höre, fordern es auch die „Piraten“.
„Macht mal einer das Fenster auf! Lasst Luft rein!“

Dieser Ruf ist so alt wie die Demokratie.
Und immer wieder kommen neue, frische junge Leute mit dieser Idee.
Sie wollen es besser machen als die Alten.
Das ist ihr gutes Recht.

Ich wünsche ihnen sehr, dass sie sich nicht blenden lassen von der Aufmerksamkeit der Medien grade in den ersten Tagen nach einem Wahlerfolg.
Das ändert sich.
Und wenn der Wind von vorn bläst, liebe Piraten, wer wüsste es besser als ihr: dann müsst ihr kreuzen!

Willkommen in der Demokratie, für die wir gemeinsam streiten.
(ich war von 1998 bis 2009 MdB und von 2005-2009 Staatssekretär in zwei Bundesministerien).

Das Fanal – Erinnern an die Selbstverbrennung des DDR-Pfarrers Oskar Brüsewitz 1976


Am 18. August 1976 verbrannte sich Pfarrer Oskar Brüsewitz aus Rippicha öffentlich in der Innenstadt der DDR-Kreisstadt Zeitz.
Er hatte zwei selbstgemalte große Plakate aufgestellt:
„Funkspruch an alle….Funkspruch an alle….
Die Kirche in der D.D.R. klagt den Kommunismus an! wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen.“

Ich war zu seiner Beerdigung. Sie fand am 26. August 1976 nachmittags um 14.00 statt. Wir waren zu viert im Auto von Naumburg nach Rippicha gefahren.
Zusammen mit Rainer Bohley, unserem Rektor am Proseminar, einer kleinen kirchlichen Schule, in der man Abitur machen konnte.
Die Linie führt von Brüsewitz‘ Selbstverbrennung über die Ausweisung von Wolf Biermann zu den bei der Rosa-Luxemburg-Demonstration 1988 zu Unrecht Inhaftierten über die Friedensgebete, aus denen die „Montagsdemonstrationen“ wurden direkt bis zum „Fall der Mauer“ 1989.

Nun, im Januar 2010, halte ich „Das Fanal“ in den Händen.
Die Geschichte von Schuld und Verstrickung.
Eine Geschichte von Staatssicherheit, Kirche, SED und Spitzeltum; eine Geschichte von Gerüchten und Verdächtigungen, von Angst und Mut.
Ein Buch, das versucht, die genauen Vorgänge zu rekonstruieren. Es ist schon 1999 erschienen, doch heute erreicht es mich erst.
Alte Bilder werden lebendig.
Die vielen vielen Menschen. Die „schwarze Reihe“ der Männer und Frauen in Talar.
Die Staatssicherheit.
Die Fernsehkameras der ARD.
Die anschließende „Ausweisung“ des ARD-Korrespondenten Lothar Loewe, man entzog ihm die Akkreditierung.
Die folgenden heißen Diskussionen, nächtlichen Gespräche im Freundes- und Bekanntenkreis über den Tod des Pfarrers.
In meinem Tagebuch von 1976 lese ich von den „regelrechten Hetzkampagnen der SED-Zeitung ‚Neues Deutschland‘ gegen Brüsewitz“.
Die „Schaukästen“ meines Vaters, in denen er als Pfarrer, der das offene Wort pflegte, gegen das „Neue Deutschland“ wetterte unter der Überschrift: „Halbe Wahrheiten sind ganze Lügen“.
Das „ND“ hatte versucht, Pfarrer Brüsewitz als „geisteskrank“ und „anormal“ darzustellen.

Mir begegnen sehr viele vertraute Namen in dem Buch.
Bischof Krusche, Propst Bäumer, OKR Stolpe, OKR Schultze, OKR Detlev Hammer…
Menschen, die ich persönlich kenne oder kannte. Einige sind schon gestorben.
Ich tauche ein in ein Stück eigener Geschichte, hole Bilder wieder in die Gegenwart, die schon so lange versunken schienen.

Vielleicht ist es ja nicht zufällig, dass mir das Buch in diesen Tagen begegnet, in denen eine erneute öffentliche Debatte um den „Kommunismus“ aufgeflammt ist.
Brüsewitz hat seinen Tod als Zeugnis „gegen den Kommunismus“ verstanden. So jedenfalls hat er es vor seinem Tod dem behandelnden Arzt in Halle gesagt.

Das Buch ist gut geschrieben. Bis Redaktionsschluss zugängliche Dokumente sind sorgfältig ausgewertet, einige Dokumente sind nachträglich vielleicht noch zugänglich geworden, das schadet dem Ganzen aber nicht.
Es gewährt auch den Jüngeren Einblick in eine Gesellschaft, die nach dem Willen der SED, der Blockparteien (maßgeblich in dem Zusammenhang die CDU) und der Staatssicherheit geformt werden sollte.
Es gewährt Einblick in ein kompliziertes Beziehungs- und Begründungsgeflecht, das das stets angespannte Verhältnis zwischen Kirche und Staat betrifft.
Es ist insofern ein Lehr-Buch. Ein Lehr-Buch über die Zweite deutsche Diktatur.

„Das Fanal“ ist ein bemerkenswertes Buch. Denn es versucht, in ein kompliziertes Geflecht von individueller Biografie, schuldhaftem Verhalten von Kirche und SED-Staat ein wenig mehr Licht zu bringen, damit das Verständnis wachsen kann für das Verhältnis zwischen Staat und Kirche in der Zweiten Deutschen Diktatur.
Dieses Leben in der Diktatur war hoch komplex und oft auch kompliziert; die Charaktere der im „Fall Brüsewitz“ Handelnden waren sehr verschieden.
Es gab Angepasste und Ängstliche, aber es gab auch klare und mutige Menschen. Es gab Taktiker und Denunzianten, aber es gab auch Freunde und Gefährten.

Oskar Brüsewitz war kein einfacher Mensch.
Er war gradeaus. Unkonventionell.
Er war ein wichtiger Mensch. Und ein mutiger Mensch zudem.
Seine persönliche, direkte und konsequente Verkündigung als Pfarrer in der Zweiten deutschen Diktatur hat mit dem „unterirdischen Beben“, das sie auslöste, einen großen Beitrag geleistet zum Fall der Mauer.

Lohnenswerte Lektüre:
Helmut Müller-Enbergs; Wolfgang Stock, Marco Wiesner.
Das Fanal.
Das Opfer des Pfarrers Brüsewitz aus Rippicha und die evangelische Kirche.
Aschendorff-Verlag 1999
ISBN 3-402-05263-6.

Uwe-Carsten Heye – hier ist Widerspruch nötig! Anmerkung zu einem Artikel im „vorwärts“.


Uwe-Carsten Heye schreibt im „Vorwärts“ u.a. über 20 Jahre DDR über das DDR-Bildungssystem:

„Bildungsfähigkeit – unabhängig von der Herkunft
Nur die „Stasi“ wird ewig leben, als Chiffre längst nicht nur für das ehemalige Ministerium für Staatssicherheit. Wie ein großes schwarzes Loch schluckt sie dabei alles, was sich auch positiv mit der DDR verbinden ließe und zieht wie in einem gigantischen Mahlstrom alles herunter, was das Arbeiter- und Bauernparadies auch sein wollte: der erste sozialistische Staat auf deutschem Boden. Und dazu gehörte unter anderem ein Bildungssystem, das jedem Schüler, jeder Schülerin selbstverständlich Bildungsfähigkeit zuerkannte – unabhängig von der Herkunft.“

Ich muß ihm durchaus sehr widersprechen.
Denn dieses Bildungssystem gewährte gerade nicht! unabhängig von der Herkunft „jedem Schüler, jeder Schülerin selbstverständlich Bildungsfähigkeit“.

Das DDR-Bildungssystem war zentraler Bestandteil der Diktatur.
Schon die Grundschüler sollten möglichst alle in die Pioniere, später in die FDJ.
Die Debatten um die Einführung der „vormilitärischen Ausbildung“ beschäftigten sehr viele Synoden. Hunderte von Eltern waren nicht bereit, ihre Kinder in diese Lager zu schicken. Und sie bekamen die Konsequenzen zu spüren: ihre Kinder durften kein Abitur machen. Ihnen war damit ein Hochschulstudium verwehrt.
Gerade die Eltern, die sich in christlichen Kirchen und Gemeinden engagagierten, wissen davon viele Strophen zu singen.
Es gibt kaum ein Thema, das in dieser gewaltigen Dimension die Synoden der Kirchen beschäftigt hat.
Immer wieder wurde es zum Thema, denn die Not in der Diktatur gerade in dieser Frage war sehr groß.

Wie kaum ein anderes Feld war das Bildungssystem der DDR gerade nicht vom Geist der Freiheit und Unabhängigkeit des Denkens geprägt.
Das Ziel des DDR-Bildungssystems bestand ja gerade darin, ordentliche „Staatsbürger“ im Sinne der SED zu erziehen – dies ist nachzulesen in den Dokumenten aller Parteitage der SED, die sich mit der Bildungsfrage beschäftigten.

Es ist eine üble Legende, wenn nun im „Vorwärts“ die These vorgetragen wird, das DDR-Bildungssystem habe es „jedem Schüler und jeder Schülerin unabhängig von der Herkunft“ ermöglicht, sich ausbilden zu lassen.

Ich gehöre zu denen, die trotz exzellenter schulischer Leistungen aus politischen Gründen – mein Vater war Pfarrer und wir drei Brüder waren selbstverständlich weder bei den Pionieren, noch in der FDJ, noch im Armeelager, noch bei der Armee – keine Zulassung zum staatlichen Abitur bekamen. Wir galten als „politisch unzuverlässig“.

Wir hatten zwei Möglichkeiten: wir konnten in den Westen gehen. Das hätte die SED gern gesehen, denn dann wäre sie uns los gewesen. Wir aber wollten bleiben.
Also blieb noch die Möglichkeit, an einer der drei kleinen Schulen in kirchlicher Trägerschaft (Naumburg, Potsdam-Hermannswerder, Moritzburg) ein Abitur zu erwerben (sehr solide mit Griechisch, Latein, Geschichte, Literatur, Kybernetik, Mathematik, Biologie und allem, was zu einem ordentlichen humanistischen Gymnasium gehört).

Dieses Abitur nun allerdings wurde von Margot Honecker nicht anerkannt.

Man konnte mit diesem Abitur Theologie studieren – an einer kirchlichen Hochschule selbstverständlich, oder an der Universität. Dann allerdings mit einer erneuten „Sonderreifeprüfung“.
Oder man konnte in den Westen gehen.

Doch dieser Weg schied für uns aus. Denn wir wollten bleiben.

Ich muss diesem Text von Uwe-Carsten Heye deshalb so vehement widersprechen, weil sich sonst falsche Legenden bilden.
Die Kanzlerin behauptet öffentlich unter Bezug auf ihre FDJ-Mitgliedschaft, es habe „keine andere Möglichkeit gegeben“, als Mitglied in der FDJ zu sein.

Dies ist ein Schlag ins Gesicht all der vielen hunderte von Kindern und Familien, die einen anderen Weg gegangen sind.
Meine  Biografie ist nur eine von vielen hundert.

Es gab diese andere Möglichkeit.

Und sie erforderte einen hohen Preis.
Aber wir waren bereit, diesen Preis zu zahlen.

Wir haben uns nicht angepasst. Wir sind nicht mitmarschiert. Wir waren nicht Mitglied in den Pionieren, nicht in der FDJ, nicht im Armeelager, nicht bei der Armee.
Wir sind grade geblieben.

Trotz DDR-Bildungssystem…..

Vielleicht ist ja dies etwas, das man als „positive Errungenschaft“ des DDR-Bildungssystems nun 21 Jahre nach dem Fall der Mauer erinnern könnte…..

Was bleibt? Oder: Die Unfähigkeit zu trauern.


Nun gehen sie wieder nach Hause mit ihren Lebensgeschichten. Mehr als 200 Menschen waren zum 21. Bautzen-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung gekommen. Vorträge waren zu hören, Lebensberichte.
Ich höre zwei frühere Häftlinge zueinander sagen: „Na, dann kommen Sie mal gut nach Hause. Bis zum nächsten Jahr! Und: bleiben Sie vor allem gesund!“
Und nun geht er wieder. Und trägt seine Geschichte in sich, wie er sie vor dem Forum in sich trug. Er nimmt sie wieder mit nach Hause. Sie lässt ihn nicht los.

Heute Vormittag erzählten vier Zeitzeugen ihre zum Teil ungeheuerlichen Erfahrungen mit der Diktatur. Diese „Zeitzeugenberichte“ sind ein fester Bestandteil der Foren geworden und sie sind wichtig, weil die Menschen, denen man die Zähne ausgeschlagen hat; die man tagelang in der Dunkelzelle hat stehen lassen; die sich in der Untersuchungshaft über ein Viertel Jahr lang nicht waschen durften – diese Menschen haben nun endlich einmal die Gelegenheit, ein wenig von dem zu berichten, was ihnen beinahe täglich als inneres Bild vor Augen steht.
Zeitzeugen aus den fünfziger Jahren waren zu hören; aus der Zeit der sowjetischen Militärtribunale, aber auch Zeitzeugen aus den 70iger Jahren.
Der Mann zum Beispiel, Jahrgang 1962; der in Hannover aufwuchs und erst im Alter von 16 Jahren bei einer angeblichen Besuchsreise in den Osten – zum angeblich kranken Großvater – mitsamt seinem Vater und seiner Mutter DDR-Bürger wurde. Weil der Vater Spitzel der DDR im Westen war und die Gefahr bestand, dass er im Westen „enttarnt“ wurde…. Dieser Mann führt heute Besuchergruppen in der Gedenkstätte Berlin Hohenschönhausen und erzählt ihnen seine abenteuerliche Geschichte.
Was bleibt zwanzig Jahre nach dem Ende der Diktatur?

Trauer wird fühlbar und Ratlosigkeit.

Es sind so viele unglaubliche Einzelschicksale aus der Zeit der Zweiten Diktatur, über die niemand etwas weiß und von denen kaum noch jemand etwas hören will.
Vieles ist zwar dokumentiert, auch gehen Zeitzeugen mittlerweile in die Schulen oder schreiben Bücher über ihre Erfahrungen – aber im Grunde bleiben sie allein mit dem Erlebten.
Nur in seltenen Fällen gelingt es ihnen mit Hilfe von erfahrenen Trauma-Therapeuten, das Erlebte so zu verarbeiten, daß ein einigermaßen „normales“ Leben wieder möglich wird.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat sich sehr verdient gemacht um diese Menschen, weil sie nun seit zwanzig Jahren das Bautzen-Forum veranstaltet, um den Opfern der Diktatur ein Forum zu geben; um zur Vergangenheitsklärung beizutragen.

Aber der politische Alltag in Deutschland geht über diese Dinge hinweg.
Er geht über diese Menschen hinweg.
In Ostdeutschland hat die alte „Nationale Front“ (SED und Blockparteien) wieder Mehrheiten; die Täter sind wieder sehr gut organisiert in „Selbsthilfegruppen“ und Netzwerken; die „Nachfolgepartei“ der SED behauptet von sich, sie habe sich mit ihrer Vergangenheit „auseinandergesetzt“ – doch das steht alles nur auf dem Papier. Es ist nicht glaubwürdig. Man kann es fühlen, wenn man die Worte liest und die Sätze hört.
Weil die eigentliche Arbeit – die notwendige Trauerarbeit, wie die Mitscherlichs eindrücklich geschrieben haben, nicht geleistet worden ist.

Deshalb liegt die eigentliche, die innere Arbeit noch vor uns. Ich stimme Joachim Gauck bei dieser Aussage sehr zu. Die eigentliche Arbeit liegt noch vor uns.
Denn die Traumatisierungen der Zweiten deutschen Diktatur wirken nach wie schleichendes Gift in den Familien.
Sie entfalten ihre vergiftende Wirkung umso stärker, je mehr die eigene Verantwortung am langen Bestehen der Diktatur nicht gesehen wird.
Solange wir die seelische Kraft nicht aufbringen, genau dorthin zu schauen, „wo es weh tut“ (Joachim Gauck), so lange wird Vergangenheitsklärung nicht wirklich gelingen.
Das wurde sehr deutlich auf diesem 21. Bautzen-Forum der FES.
Denn nach den vielen Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen, Filmbeiträgen, Büchern der zurückliegenden 20 Jahre bleibt – ein überaus schales Gefühl.
„Da stimmt etwas nicht“.
Es ist noch lange keine Versöhnung gelungen; denn: noch wird viel zu viel geleugnet. Noch gibt man viel zu schnell „den Oberen“, „den Großmächten“, „der Politik“ die „Schuld“ am Gewesenen.
Viel zu schnell lenkt man ab von der eigenen Rolle im System. (Das gilt übrigens für Ost und West, denn auch der Westen hatte seinen Anteil am langen Bestand der Diktatur!).

„Die Unfähigkeit zu trauern“ haben die Mitscherlichs ihr wichtiges Buch genannt, das den Deutschen nach der Ersten Diktatur ins Gewissen redete und für die Revolte der Kinder gegen ihre Eltern und Großeltern in den sechziger Jahren im Westen so wichtig war.

Nun, zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer, liegt diese gewaltige Aufgabe erneut vor den Deutschen in Ost und West. (Ich weiß, daß so mancher in einem süddeutschen Bundesland nicht sehen kann, was denn die DDR mit seinem Leben zu tun haben sollte….).
Diese Aufgabe liegt eigentlich vor uns. Aber sie wird verdrängt von Tagesaktuellem, von Bankenkrise, Landtagswahlen, Medienthemen.
Erneut stellen sich die Deutschen nicht wirklich ihrer Vergangenheit.
Zwar werden kluge Vorträge gehalten, wichtige Bücher geschrieben, auch Zeitzeugenberichte gesammelt und publiziert – aber es kommt nicht wirklich zu einer Besinnung darüber, was denn diese Zweite Diktatur eigentlich im Volk angerichtet hat.
Der Westen macht es zu einem „Problem der Ostdeutschen“, so, als ginge ihn das alles eigentlich gar nichts an.
Der Osten rettet sich in großen Teilen der Bevölkerung in erneute Anpassung. Man sieht es an den Wahlergebnissen und an der Wahlbeteiligung.
Die „alten Kameraden“ haben wieder Mehrheiten: Ost-CDU und SED feiern fröhliche Urständ. Ja, es geht sogar soweit, daß frühere Täter in Foren und Veranstaltungen ihre Opfer von damals erneut auslachen und beleidigen. Sie tun das beispielsweise anlässlich von Buchpräsentationen, in denen sie beschreiben, „wie es wirklich war“. Diese „Innenansichten der Staatssicherheit“ verkauften sich auch im Westen prächtig.
Markus Wolf, der „Oberspitzel“ war einer der ersten, der sich das zunutze machte und mit seinen „Innenansichten“ im Westen auf Verkaufstour ging.

Aber was ist mit den Lebensgeschichten derer, denen man den Schädel eingeschlagen hat und die zwei Tage bewußtlos im Saal II im „Gelben Elend“ lagen, nachdem der Häftlingsaufstand im Gefängnis der „Nationalen Volkspolizei“ 1950 von den „Volkspolizisten“ so brutal niedergeschlagen worden war?

Was ist mit den Lebensgeschichten derer, die man noch als Minderjährige zum Tode verurteilt und anschließend zu 25 Jahren „begnadigt“ hat, von denen sie schließlich 9 Jahre „abgesessen“ haben?

Was ist mit den Erfahrungen derer, denen heute noch die Tränen in die Augen steigen, wenn sie auf dem Podium erzählen, wie sie verhört wurden: daß da der eine Soldat im Verhör immer sein Gewehr auf den Kopf des Häftlings legte, wenn der antwortete, und auf die Blumentöpfe schoß, so mal eben, die Knarre auf dem Schädel des „Delinquenten“?

Sie bleiben im Grunde alleine mit ihren Erfahrungen.
Denn wir haben die Ebene der Gefühle noch nicht erreicht mit all unseren Bemühungen um Vergangenheitsklärung.
Was hast du gefühlt, als du zur Wahl gingst, obwohl du eigentlich „gegen den Staat“ warst, obwohl du wusstest, dass allein schon die Teilnahme als „Bekenntnis zum Staat“ gewertet wurde?
Wo ist dein Zorn über deine gespaltene Persönlichkeit?
Was hast du gefühlt, als du zur „Nationalen Volksarmee“ gingst, obwohl du eigentlich „gegen den Staat“ warst?
Was hast du gefühlt in dir, als du in die Blockpartei eintratest, obwohl du eigentlich „gegen den Staat“ warst?
Oder:
Was hast du gefühlt, als du das Päckchen packtest und zur Post trugst, adressiert an „die Verwandten im Osten“?
Was hast du gefühlt, als Strauß den Milliardenkredit mit Honecker verhandelte?
Was hast du gefühlt, als eine große Mehrheit in Westdeutschland eigentlich meinte, die völkerrechtliche Anerkennung der DDR stünde eigentlich kurz bevor?
Unbequeme Fragen sind das, ich weiß.

Der Staat glaubt, mit der Einrichtung der „Gauck-Behörde“, mit der Erhöhung der kleinen Opferentschädigung; mit der Einrichtung der „Bundesstiftung“ zur Aufklärung der Diktatur seine Schuldigkeit getan zu haben.
Aber wir machen erneut die Erfahrung:
die Diktatur ist mit Mitteln der Justiz (ist eigentlich ein einziger Stasi-Offizier dafür verurteilt worden, daß er Pläne zur „Zersetzung“ politisch anders denkender Menschen erfand und durchsetzte?) nicht aufzuarbeiten.
Sie ist auch mit Mitteln des Staates (Stiftungen zur Aufklärung, Opfer“renten“) nicht wirklich zu leisten.

Denn eine Begegnung zwischen Tätern und Opfern findet nicht statt. Und die Ebene der Gefühle ist längst nicht erreicht.
Die Schatten werden länger und mächtiger, man sieht es an der „Verklärung“ der DDR, die man in so vielen Äußerungen erkennen kann.

Und die gewaltige Masse der Mitläufer tut so, als ginge sie das alles gar nichts an.

Das  Volk schweigt.
Die Väter schweigen.
Die Mütter schweigen.
Die Großeltern schweigen.
Sie schweigen, wie sie am Ende der Ersten Diktatur geschwiegen hatten.

„Man konnte ja nichts machen“ ist die achselzuckende Antwort, eine Ohrfeige für alle die, die wegen politischer „Aktivitäten“ im Knast landeten oder auf subtilerere Weise „zerstört“ wurden, wie die „Maßnahmepläne“ des Geheimdienstes ja klar und deutlich als Ziel formulierten.

Warum hat die Zweite Diktatur immerhin 40 Jahre Bestand gehabt?

Unbequeme Fragen sind das.
Denen wollen wir uns nicht stellen. Denn sie tun weh.
Wir wollen lieber darüber sprechen, wohin wir im nächsten Urlaub fahren…..

Die Diktatur hat immer diese zwei Seiten: die Seite der Unterdrücker – aber eben auch die Seite derer, die zur Anpassung bereit sind.

Wie also steht es um die Anpassungsbereitschaft der Deutschen?
Wie steht es mit ihrer Bereitschaft zum Konflikt, mit ihrer Bereitschaft zum „aufrechten Gang“?
„Sie müssen sich anpassen“ – das war die erneute zentrale, fast überlebenswichtige Forderung, die Ostdeutschland nach dem Beschluss der Volkskammer zum „Beitritt“ zur alten Republik zu erfüllen hatte.
Wieder war „Anpassung“ verlangt. „Beitritt“ zur alten Republik. Das erforderte eins vor allem: Anpassung.

Wieder war „der Untertan“ auf der Bühne, den Heinrich Mann so trefflich schon aus der Kaiserzeit zu zeichnen wußte.
Die Deutschen und ihre Obrigkeiten – eine scheinbar nicht endenwollende, unheimliche Geschichte des nicht geleisteten Widerstandes; der nicht geleisteten befreienden Trauerarbeit über verfehltes, weil überangepasstes Leben.

Was also bleibt?

Die Bautzen-Foren der FES haben eine überaus wichtige Funktion und müssen weiter gehen, keine Frage.
Aber: sie brauchen eine neue Dimension: man muss nun, zwanzig Jahre nach dem Ende der Diktatur, den Versuch unternehmen, Täter und Opfer in Kontakt zu bringen.
Man muss den Versuch unternehmen, die Ebene der Gefühle zu erreichen.
Denn das, was die Opfer in den Gefängnissen und außerhalb der Gefängnisse zu ertragen hatten, ist so gewaltig, daß man sich dieser Dimension allein mit dem analytischen Verstand nicht ausreichend nähern kann.
Und: man braucht noch mehr Öffentlichkeit für die unglaublich traurigen Lebensgeschichten derer, die von sowjetischen Militärtribunalen oder von der kommunistischen Justiz in späteren Jahren inhaftiert, gefoltert, und körperlich und seelisch zerstört wurden.

Ich weiß, daß das unbequem ist.
Ich weiß auch, daß ich nur einen „Stein in den Strom werfe“.
Denn ich kenne auch genügend Menschen, die meinen, nun müsse doch „endlich mal Schluss“ sein mit solchen Beschäftigungen mit der Vergangenheit.

Wir wissen aber auch, daß die Schatten immer länger werden, wenn wir nicht bereit sind, die Tür zu öffnen, hinter denen sie lauern.
Ihre Wirkung wird stärker werden, ihr Gift gefährlicher.
Es frißt von innen.
Wer sich dem Schatten nicht stellt, der wird vom Schatten gestellt.
Es ist nur eine Frage der Zeit.
Denn die Seele kann man nicht betrügen.

Was fangen wir nun an mit unseren beiden deutschen Diktaturen?
Was fangen wir nun an mit unserer Geschichte und der Geschichte unserer Familien?

Manchmal habe ich den Eindruck, wir stehen erst ganz am Anfang.


(Übrigens: das 21. Bautzen-Forum wird erneut als gedruckte Publikation erscheinen und ist dann kostenlos bei der Friedrich-Ebert-Stiftung, Büro Leipzig, bestellbar).