Herr Oberschiedlich und Herr Unterschiedlich spielen „Clown-Syndrom“. Ein Stück der Extra-Klasse

Herr Oberschiedlich und Herr Unterschiedlich spielen „Clown-Syndrom“. Ein Stück der Extra-Klasse

Ich bin extra in die Schweiz gereist, um dieses besondere Stück zu sehen:
Clown-Syndrom.
Mit Eric Gadient und Olli Hauenstein.
Mehr als 20 Vorstellungen seit September 2016. Alle ausverkauft.
Und das hat einen Grund: dieses Stück ist ein sehr besonderes Stück.
Denn hier spielen zwei sehr verschiedene Menschen auf gleicher Augenhöhe.
Der Profi-Clown Olli Hauenstein, der mit Roncalli, mit Cirque du Soleil gespielt hat, der in Tokio spielte und an großen Bühnen dieser Welt. Dieser Herr „Unterschiedlich“ trifft auf den schauspielbegabten, am Down-Syndrom erkrankten Eric Gadient (39) und aus dieser Begegnung entsteht im Laufe von zwei Jahren Proben-Zeit ein wundervolles, zauberhaftes Stück, das einem die Tränen in die Augen treibt und einen vor Lachen auf die Schenkel klopfen lässt.
Was für eine große Sache!
Zweimal habe ich das Stück gesehen. Und jedes Mal war es auf eine andere Weise wundervoll.
Wir hatten die Ehre, Eric Gadient von zu Hause abholen zu dürfen. Wir haben ihn begleitet nach der Aufführung, haben mit ihm zusammen gegessen bei Hauensteins zu Hause, wir haben Musik gemacht zusammen.
Und dieses Erlebnis war ein sehr besonderes.
Ulle Hauenstein kennt Eric seit langen Jahren. Sie weiß, was er kann und sie weiß natürlich auch, was ihm schwer fällt.
Und diese drei: Ehepaar Hauenstein und ihr Zögling Eric haben da gemeinsam etwas auf die Beine gestellt, das einfach wunderbar ist. Es ist ein zärtliches Stück und ein zum Brüllen komisches, ein Stück voller Clowneske, ein Stück voller Aufmerksamkeit und Improvisation.
Olli Hauenstein muss sehr wach sein, wenn er mit Eric dieses Stück spielt. Denn Eric lässt sich manchmal etwas Überraschendes einfallen. In der Szene mit dem Spiegel zum Beispiel, in dem Eric die Bewegungen vorgibt und sein Partner Olli die Bewegungen spiegelgleich nachmachen muss.
Oder in der Szene aus dem Wilden Westen, in der sich die beiden mit einer Spritzwasser-Pistole und einem Nudel-Sieb duellieren. Am Ende liegt der Pianist erschossen auf seinem Klavier…..
Das Stück „Clown-Syndrom“ ist kein Stück, in dem einem am Down-Syndrom erkrankten Menschen irgend ein Kunststückchen „beigebracht“ worden ist. Nein, dieses Stück lebt davon, dass da jemand sehr genau hingeschaut und gesehen hat, was für eine wunderbare Begabung beim Eric da ist.
Und diese Begabung wurde gefördert.
Eric hat „gute Ideen“ beigesteuert, und Olli hat „gute Ideen“ beigesteuert. Und so ist nach und nach dieses zauberhafte Stück vom „Angeln nach Glück“ entstanden, das man nun sehen kann.
Die beiden sind nun auf Tournee. Sie werden in St. Gallen spielen und in Zürich, in Konstanz und an anderen Orten.
Ich wünsche den beiden sehr, dass sie auch an deutsche Bühnen eingeladen werden.
Denn das, was sie vorzutragen haben, sollte die Welt gesehen haben.
Das Stück endet mit einem Satz und einer Frage:
„Ja, ich habe geträumt. – Und Sie?“
Da ist ein Traum wahr geworden. So etwas gibt es. Man kann es sehen.

Das Fanal – Erinnern an die Selbstverbrennung des DDR-Pfarrers Oskar Brüsewitz 1976


Am 18. August 1976 verbrannte sich Pfarrer Oskar Brüsewitz aus Rippicha öffentlich in der Innenstadt der DDR-Kreisstadt Zeitz.
Er hatte zwei selbstgemalte große Plakate aufgestellt:
„Funkspruch an alle….Funkspruch an alle….
Die Kirche in der D.D.R. klagt den Kommunismus an! wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen.“

Ich war zu seiner Beerdigung. Sie fand am 26. August 1976 nachmittags um 14.00 statt. Wir waren zu viert im Auto von Naumburg nach Rippicha gefahren.
Zusammen mit Rainer Bohley, unserem Rektor am Proseminar, einer kleinen kirchlichen Schule, in der man Abitur machen konnte.
Die Linie führt von Brüsewitz‘ Selbstverbrennung über die Ausweisung von Wolf Biermann zu den bei der Rosa-Luxemburg-Demonstration 1988 zu Unrecht Inhaftierten über die Friedensgebete, aus denen die „Montagsdemonstrationen“ wurden direkt bis zum „Fall der Mauer“ 1989.

Nun, im Januar 2010, halte ich „Das Fanal“ in den Händen.
Die Geschichte von Schuld und Verstrickung.
Eine Geschichte von Staatssicherheit, Kirche, SED und Spitzeltum; eine Geschichte von Gerüchten und Verdächtigungen, von Angst und Mut.
Ein Buch, das versucht, die genauen Vorgänge zu rekonstruieren. Es ist schon 1999 erschienen, doch heute erreicht es mich erst.
Alte Bilder werden lebendig.
Die vielen vielen Menschen. Die „schwarze Reihe“ der Männer und Frauen in Talar.
Die Staatssicherheit.
Die Fernsehkameras der ARD.
Die anschließende „Ausweisung“ des ARD-Korrespondenten Lothar Loewe, man entzog ihm die Akkreditierung.
Die folgenden heißen Diskussionen, nächtlichen Gespräche im Freundes- und Bekanntenkreis über den Tod des Pfarrers.
In meinem Tagebuch von 1976 lese ich von den „regelrechten Hetzkampagnen der SED-Zeitung ‚Neues Deutschland‘ gegen Brüsewitz“.
Die „Schaukästen“ meines Vaters, in denen er als Pfarrer, der das offene Wort pflegte, gegen das „Neue Deutschland“ wetterte unter der Überschrift: „Halbe Wahrheiten sind ganze Lügen“.
Das „ND“ hatte versucht, Pfarrer Brüsewitz als „geisteskrank“ und „anormal“ darzustellen.

Mir begegnen sehr viele vertraute Namen in dem Buch.
Bischof Krusche, Propst Bäumer, OKR Stolpe, OKR Schultze, OKR Detlev Hammer…
Menschen, die ich persönlich kenne oder kannte. Einige sind schon gestorben.
Ich tauche ein in ein Stück eigener Geschichte, hole Bilder wieder in die Gegenwart, die schon so lange versunken schienen.

Vielleicht ist es ja nicht zufällig, dass mir das Buch in diesen Tagen begegnet, in denen eine erneute öffentliche Debatte um den „Kommunismus“ aufgeflammt ist.
Brüsewitz hat seinen Tod als Zeugnis „gegen den Kommunismus“ verstanden. So jedenfalls hat er es vor seinem Tod dem behandelnden Arzt in Halle gesagt.

Das Buch ist gut geschrieben. Bis Redaktionsschluss zugängliche Dokumente sind sorgfältig ausgewertet, einige Dokumente sind nachträglich vielleicht noch zugänglich geworden, das schadet dem Ganzen aber nicht.
Es gewährt auch den Jüngeren Einblick in eine Gesellschaft, die nach dem Willen der SED, der Blockparteien (maßgeblich in dem Zusammenhang die CDU) und der Staatssicherheit geformt werden sollte.
Es gewährt Einblick in ein kompliziertes Beziehungs- und Begründungsgeflecht, das das stets angespannte Verhältnis zwischen Kirche und Staat betrifft.
Es ist insofern ein Lehr-Buch. Ein Lehr-Buch über die Zweite deutsche Diktatur.

„Das Fanal“ ist ein bemerkenswertes Buch. Denn es versucht, in ein kompliziertes Geflecht von individueller Biografie, schuldhaftem Verhalten von Kirche und SED-Staat ein wenig mehr Licht zu bringen, damit das Verständnis wachsen kann für das Verhältnis zwischen Staat und Kirche in der Zweiten Deutschen Diktatur.
Dieses Leben in der Diktatur war hoch komplex und oft auch kompliziert; die Charaktere der im „Fall Brüsewitz“ Handelnden waren sehr verschieden.
Es gab Angepasste und Ängstliche, aber es gab auch klare und mutige Menschen. Es gab Taktiker und Denunzianten, aber es gab auch Freunde und Gefährten.

Oskar Brüsewitz war kein einfacher Mensch.
Er war gradeaus. Unkonventionell.
Er war ein wichtiger Mensch. Und ein mutiger Mensch zudem.
Seine persönliche, direkte und konsequente Verkündigung als Pfarrer in der Zweiten deutschen Diktatur hat mit dem „unterirdischen Beben“, das sie auslöste, einen großen Beitrag geleistet zum Fall der Mauer.

Lohnenswerte Lektüre:
Helmut Müller-Enbergs; Wolfgang Stock, Marco Wiesner.
Das Fanal.
Das Opfer des Pfarrers Brüsewitz aus Rippicha und die evangelische Kirche.
Aschendorff-Verlag 1999
ISBN 3-402-05263-6.

Gott 9.0 – ein Zwischenruf zum neuen Buch von Tiki Küstenmacher


Was für eine schlechte Sprache! Ich bin entsetzt.
„Nach Gott 4.0 müssen Sie sich zu Gott 5.0 weiterentwickeln“ lese ich schon auf Seite 15 des neuen Buches von Tiki Küstenmacher und lege das Buch zur Seite. Nein, auf eine solche Sprache habe ich eigentlich keine Lust.
„So kommt es durchaus vor, dass Menschen ein Glaubenssystem mit Gott 4.0 haben, im Berufsleben reibungslos in 5.0 funktionieren, in Partnerschaft und Freundeskreis aber ist für sie bereits 6.0 Standard“ gehts gleich danach weiter.
Was sagt eigentlich solche Sprache? Sie sagt nichts. Sie ist hohl. Sie ist eine Phrase, die sich „modernem“ Sprechen anbiedert. Mir ist ohnehin der Bezug zwischen Religiosität, Spiritualität und der Computersprache überaus fremd. Möglicherweise ist solche Sprache Absicht. In der Hoffnung vielleicht, Menschen anzusprechen, die sich mit Computersprache ausdrücken. Mir ist es fremd. Denn es gibt kaum etwas lebendigeres als wache, wachsende Spiritualität und kaum etwas abgestorbeneres als diese Computerplastiksprache, die sich im Kern mit Programmierung beschäftigt. Weshalb sich die Frage aufdrängt, warum sich ein Buch, das sich mit spirituellem Wachstum beschäftigt, sich solch anbiedernder Sprache bedient.
Nun lese ich weiter von der Einteilung der Menschen in „Typen“, lese von „Bewusstseinsstufen“ und spüre weiteren inneren Widerstand. Bin drauf und dran, zornig zu werden. Ich habe Tiki Küstenmacher als fröhlichen und warmherzigen Menschen erlebt, der seinen Vortrag klug entwickelt und sehr authentisch spricht. Ich habe ihn als Kreativen wahrgenommen. Und nun kommt er mir mit Einteilungen daher. Mit Fragmentierungen. Mit einem System gar. Ich mag Systeme nicht. Weil sie die fließende Wirklichkeit unseres Lebens niemals wirklich erfassen. Ständig schwappt da was über die Ränder der Systemkästen. Weil es lebendig ist. Was also soll mir ein Buch, das einen erneuten Versuch unternimmt, lebendiges Leben in ein System zu zwängen? Soetwas ist vielleicht etwas für den Kopf. Die Seele macht es nicht satt. Inneres Wachstum lebt von erzählten Geschichten, nicht von Baukastensystemen.

Nun habe ich Tiki Küstenmacher glücklicherweise persönlich erlebt als einen warmherzigen, humorvollen, sehr geschickt Vortragenden. Deshalb will ich für einen Moment weiter seiner Sprache folgen. Aber: der erste Schock sitzt. Solche Sprache verrät nichts Gutes.

Nach einer kurzen Erklärung der Forschungsarbeiten des amerikanischen Erkenntnistheoretikers Clare Graves – wesentliche Grundlage des vorliegenden Buches – lese ich: „Paulus könnte man als Apostel für die Ich-Stufen bezeichnen“ (S. 44). Aha. Auf das Schubfach. Paulus rein. Ein wenig nachstopfen, damit er ins neue System passt. Fertig. Und nichts ist gewonnen. Ich möchte rufen: „Tiki, was machst du da? Mal lieber eine schöne heitere Zeichnung vom Apostel, aber doch nicht sowas! Schubfächer sind nicht deine Sache! Deine Sache sind die Bilder!“ Aber nein. Es geht weiter mit den Schubfächern.

Dann folgt das Kapitel „Gott 1.0 – Beige“. Und ich beschließe, das Buch nicht weiter Seite für Seite zu lesen. Ich werde es überblättern. Werde mir nur die interessanter klingenden Abschnitte ansehen. Ich kann nichts anfangen mit einen „Gott 1.0 – Beige“. Da schau ich mir lieber die Fenster in St. Stephan in Mainz an. Die sind von Chagall. Und erzählen mir mehr über die Wirklichkeit, die unsere Sprache „Gott“ nennt. Denn mit diesen Bildern kann ich wirklich (etwas) anfangen. Mit Schubfächern nicht. Die kann ich nur auf- und zuschieben.

Lesenswerter finde ich den Abschnitt „Zustände“. Da geht es um lebendige Spiritualität. Und stolpere schon wieder: „Wir teilen Wilbers Überzeugung, dass die saubere Unterscheidung zwischen Stufen und Zuständen das heutige Verständnis von Religion revolutionieren kann, weil sie „den einzigen und wichtigsten Schlüssel zum Verständnis des Wesens spiritueller Erfahrungen enthält.“ (S. 237).
Ah, da ist es wieder. Dieses Wörtchen, das ich so sehr liebe: „einzig“. Der „einzige und wichtigste Schlüssel“ also. Zum Verständnis.
Nein! Tiki, nein! Es ist ein Schlüssel.
Neben vielen anderen.
Ob ein solches Verständnis von Religion der „wichtigste Schlüssel“ ist, sollen Spätere entscheiden.
Solche exklusive – ausschließende – Sprache sagt mir nicht zu.
Sie ist nicht einladend. Sie ist nicht offen.
Sie erzählt nicht. Solche Sprache deklamiert. Ich fühle mich angepredigt, nicht eingeladen.
Großartig stattdessen Marc Chagall. Der malt mir ein Bauernhäuschen mit einer offenen Tür. Einladend. Eine solche Tür braucht gar keinen Schlüssel. Denn sie ist offen.
Damit man eintreten kann.
In ein „erkenntnistheoretisches System“ noch dazu „mit einem einzigen und wichtigsten Schlüssel“ kann ich nicht eintreten.
Will ich auch nicht.

Anschaulich erzählt sind Abschnitte im Buch wie „Das Sakrament des Augenblicks“ (S. 241 ff). Da geht es um Achtsamkeit, um Wachsamkeit für das Leben im Jetzt. Da geht es um die Wiederentdeckung einer lebendigen Spiritualität. Dazu habe ich besseren Zugang. Auch was über die „Tiefseetaucher des Bewusstseins“ (S. 242) geschrieben ist, ist mir zugänglich. Vielem kann ich zustimmen, was da über die großen Lehrer der Religionen geschrieben steht. Aber schon wieder kommt da so eine Tabelle daher. Zwar hübsch und heiter gezeichnet, wie es Küstenmachers Art ist – man sieht diverse Knollennasenmännchen in Meditation versunken – aber eben doch als „Tabelle“. Und da es mit dem „Wilber-Combs-Raster“ (S. 245) weitergeht, lese ich das Schlusskapitel.

Den letzten Worten kann ich zustimmen.
Hier wird Paulus zitiert:
„In Wirklichkeit ist Gott
jedem von uns überhaupt nicht fern.
Denn wir leben in ihm.
Wir sind mit unserem ganzen Leben und Sein
in ihn hinein verwoben.
An seinem göttlichen Wesen
haben wir teil.“

Ich wünsche, daß „Gott 9.0“ zu dieser Erkenntnis beiträgt.
Denn der Anspruch des Buches ist gewaltig: 100.000 Jahre menschliche Geistesgeschichte zwischen zwei Buchdeckel zu kriegen.

Ob das Buch aber nur ein „gemalter Kuchen“ ist, etwas für den Kopf oder ob es auch die Seele sättigt, das mögen die Leser für sich herausfinden.

Für mich ist es so: dieses Buch wirkt auf mich wie ein „gemalter Kuchen“.
Von jenem sagt man im ZEN: „Ein gemalter Kuchen macht nicht satt.“

Da nehme ich mir nun doch zur Versöhnung lieber den Chagall aus dem Regal und betrachte seine Bilder. Oder ich nehme den Martin Buber, diesen großartigen „Steller der Schrift“, wie er sich selbst bezeichnet hat und lese eine chassidische Geschichte.
Die hat mehr Nährwert.

„ein solcher Film ist mehr wert als sechs Divisionen“ – etwas von Winston Churchill


Auf diesen Satz Churchills von 1942 über den Film „Mrs. Miniver“ stoße ich in dem ausgezeichnet gearbeiteten und sehr sorgfältig recherchierten Buch von Felix Moeller: „Der Filmminister. Goebbels und der Film in Dritten Reich“ (mit einem Vorwort von Volker Schlöndorff), bei Henschel Berlin 1998 erschienen.
Goebbels lobt diesen amerikanischen Film, denn er schildere ein Familienschicksal während des Krieges „in einer unerhört raffinierten und wirkungsvollen propagandistischen Tendenz“ ….Gegen die Deutschen fällt kein böses Wort, trotzdem ist die antideutsche Tendenz als vollendet anzusprechen. Ich werde diesen Film den deutschen Produktionschefs vorführen, um ihnen zu zeigen, wie es gemacht werden muss.“ (Moeller zitiert aus den Goebbels-Tagebüchern vom 8.7.1943; a.a.O. S. 289).
Ich habe mir dieses exzellente Buch aus meiner sehr umfänglichen Bibliothek zum Thema „Nationalsozialismus“ (seit meinem Studium begleitet mich dieses Thema) in den Winterkriegstagen des Jahres 2010 gegriffen, um mich zu belesen über die Absichten, Macharten und Ziele von Propaganda im Krieg.
Der äußere Anlass war eine als zivil daherkommende Inszenierung des deutschen Verteidigungsministers, der in Begleitung seiner Frau, die als „besorgte Mutter und Gattin“ zu den deutschen Soldaten in Afghanistan gereist war, vor der Kulisse der Armee einem wohl als „embedded journalist“ zu bezeichnenden Talk-Master ein umfängliches Interview „zur Lage“ gab.
Nicht zufällig kurz vor einer Regierungserklärung des Aussenministers zu Afghanistan, und nicht zufällig vor einer für den Januar anberaumten erneuten Entscheidung des Parlaments über eine Verlängerung des Afghanistan-Mandats der Bundeswehr.

Die Macht der Bilder.
Wir leben in Zeiten, in den der Wunsch des breiten Publikums nach einfachen Unterhaltungssujets übergroß ist.
Insbesondere die privaten Fernsehkanäle und ihr Kampf um die „Einschaltqouten“ legen mit ihrem Programm davon beredtes Zeugnis ab.
Aber nicht nur die „leichte Unterhaltung“ erreicht den Deutschen, sondern auch die „Talk-Show“.
In den letzten Jahren hat sich die politische Kommunikation wesentlich aus dem Parlament heraus in die Talk-Shows verlagert.
Formate wie „Anne Will“, „Maischberger“, „Johannes B. Kerner“ und andere bestimmen, wie die Deutschen über Politik denken.
Ich kenne Kanzler, die das sehr genau wussten.
Und sie beeinflussen auch das Parlament.

Wenn nun ein Verteidigungsminister einen solchen Talk-Master zu einem Frontbesuch mitnimmt, dann wohl aus Rücksicht auf die Bedeutung dieser Talk-Shows für das Denken der Menschen.
Es geht um Beeinflussung.
Es geht um Propaganda.
Im Kriegswinter 2010.
Der Verteidigungsminister selbst hat als einer der ersten deutschen Politiker das Wort „Krieg“ – anfänglich etwas schwankend mit „kriegsähnlichen Zuständen“ bezeichnet – eingeführt. Es ist deshalb die Wirkung der Bilder besonders aufmerksam zu bedenken.
Nichts ist dem Zufall überlassen.

Nun wussten bereits Churchill und Goebbels sehr genau um die Wirkung der Bilder.
Vordringliche, offensichtliche Propaganda galt ihnen als schädlich.
Vielmehr komme es darauf an, „daß der Zuschauer die Beeinflussung gar nicht merkt“ (Goebbels).
Die „indirekte Propaganda“ galt es auszufeilen. (Moeller, a.a.O. 282).

Über den Film „Zwei in einer großen Stadt“ – mein Vater hat das Lied oft am Klavier gespielt und von dem Film geschwärmt, den er als Dreizehn- oder Vierzehnjähriger im Kino sah –  äußert sich Goebbels:
„Das ist eine Propaganda, deren Triebkraft und Ursprung man nicht erkennt und die gerade deshalb umso wirkungsvoller sein wird.“ (Tagebuch vom 28.10.1941; bei Moeller a.a.O. S. 266).
Über etliche biografische Filme, die große Mediziner, Künstler, Wissenschaftler  zum Gegenstand hatten, urteilt der Propagandaminister: „Die mediale Nutzung und Ausgestaltung des „Führer“-Mythos verzichtete offiziell auf Parallelen zu Hitler, um das Publikum zu – viel wirksameren – eigenen Erkenntnissen zu animieren.“ (Moeller, a.a.O. S. 269).

Subtilität wirkt tiefer als offensichtliche Propaganda.
Das ist eine alte Erkenntnis.
Deshalb konnte Winston Churchill über den anti-deutschen Kriegsfilm „Mrs. Miniver“ sagen: „ein solcher Film ist mehr wert als sechs Divisionen“. (Moeller, a.a.O. S. 289).

Was hat das alles mit den Talk-Show-Meistern in Afghanistan zu tun?
Sehr viel.
Denn auch hier geht es um Subtilität.
Die Bilder sollen möglichst „zivil“ daherkommen.
Da sitzt der Talk-Master mit einem zivil gekleideten Verteidigungsminister wie in einem zivilen Studio – die Soldaten sind lediglich Staffage im Hintergrund – und „unterhält“ sich mit dem dem Minister „über Afghanistan“.
Die – ebenfalls zivil gekleidete – junge Ehefrau des Ministers ist wohlüberlegt mit in der Begleitung des Ministers.
Sie reist als „besorgte Mutter und Gattin“, wie man der Begleitpresse entnehmen kann.
Das „kommt gut an“ bei den Soldaten, ihren Familien und weit darüber hinaus.

Das ist Absicht.
Denn das Ziel der ganzen Inszenierung – und darum handelt es sich ja ganz offensichtlich – ist das Inland.
Die Bevölkerung in Deutschland. Die „Heimat-Front“, um ein altes Wort zu benützen.
Es geht darum, deren „Unterstützung für die Soldaten“ zu verbessern.
Denn: es ist bekannt. Die Deutschen stehen dem Afghanistan-Krieg zunehmend kritisch gegenüber.
Sie wollen mehrheitlich, daß damit so schnell wie möglich Schluss gemacht wird.

Das aber kann der Verteidigungsminister nicht gebrauchen.
Ihm liegt daran, daß das Mandat im Januar verlängert wird.
Dem dient auch die Regierungserklärung des Aussenministers vom Dezember 2010, wonach „mit dem Abzug 2011 begonnen“ werde.

Nichts ist damit klar.
Das Internationale Rote Kreuz hat gestern in einer überaus bemerkenswerten Pressekonferenz in Kabul auf die desaströse Lage im Land aufmerksam gemacht.
Die „New York Times“ berichtete noch gestern Nacht von diesem Ereignis, das deshalb so aussergewöhnlich ist, weil sich das Rote Kreuz sonst eher solcher Stellungnahmen enthält, um seine eigene Neutralität zu wahren.
Ein ehemaliger Focus-Journalist zitiert aus dieser Pressekonferenz in seinem Blog „Die Augen geradeaus“ vom gestrigen Tage:

„(Schon die Tatsache, dass das Internationale Rote Kreuz eine Pressekonferenz – in Kabul, T.W. – abhält, macht deutlich, wie sehr uns die Aussicht auf ein weiteres Jahr der Kämpfe mit dramatischen Konsequenzen für immer mehr Menschen nunmehr fast im ganzen Land bedrückt, sagt laut New York Times Reto Stocker, der Rotkreuz-Repräsentant in Afghanistan.)

In den vergangenen 30 Jahren, sagt Stocker, hatte das Rote Kreuz nie so wenig Zugang zu den entlegenen Gegenden Afghanistans – weil dort immer mehr gekämpft wird. Und das sind Regionen, in denen nicht nur das Rote Kreuz, sondern auch andere Hilfsorganisationen keinen Zugang mehr haben. Die Sicherheitslage sei so schlimm wie seit dem Sturz der Taliban vor neun Jahren nicht mehr, und nach allen anlegbaren Maßstäben – zivile Opfer, Flüchtlinge und Gesundheitsversorgung – habe sich die Situation verschlechtert. Gestiegen sei nur die Zahl der bewaffneten Akteure.

Zunehmend leidet die Zivilbevölkerung auch unter Sprengfallen, IEDs, die zwar gegen die internationalen Truppen gerichtet sind und sie auch gefährden – die Bevölkerung aber ist denen oft schutzlos preisgegeben. Genau so schutzlos stehen sie zwischen den (auch wenn der Begriff hier völkerrechtlich nicht korrekt sein mag) Kriegsparteien: Eine bewaffnete Gruppe verlangt vielleicht am Abend Verpflegung und Unterkunft, und am anderen Morgen müssen sich die Menschen rechtfertigen, warum sie dem Feind Unterschlupf gewährt haben, klagt Stocker.“

Es geht also offensichtlich bei der als „Fürsorge um die Soldaten“ inszenierten Reise des Bundesverteidigungsminister, und auch bei der Regierungserklärung des Bundesaussenministers mit seiner verharmlosenden Ankündigung, der Abzug deutscher Truppen „beginne 2011“ um etwas ganz anderes:

Es geht darum, den Deutschen beizubringen, daß der Krieg länger dauern wird.
Weshalb das Internationale Rote Kreuz

„die Aussicht auf ein weiteres Jahr der Kämpfe mit dramatischen Konsequenzen für immer mehr Menschen nunmehr fast im ganzen Land“ beklagt.

Die Chancen stehen gut, daß der Bundesverteidigungsminister sein Ziel erreicht: die „positiven Reaktionen der Truppe“ nach dem Besuch, die – BILD voran – gezielt nach Deutschland gesendet werden, werden ihre Wirkung in der Bevölkerung nicht verfehlen.
„Diese Talk-Show ist mehr wert als sechs Divisionen“ möchte man in Abwandlung des Churchill-Zitates sagen.
Diese inszenierte  „subtile Beeinflussung“ wird ihre Wirkung entfalten.
Der Protest gegen die „Kerner-Show“ wird sogar dazu führen, daß mehr Menschen diese inszenierte Sendung sehen werden. Denn die Aufregung darum war sehr groß.
Und, da der Deutsche solcherart Aufregung liebt – wird man einschalten und zuschauen.
Um sich hinterher – folgenlos – vielleicht darüber aufzuregen.

Deshalb richtet sich der Blick aufs Parlament.
Ich hoffe sehr, daß die Abgeordneten des Deutschen Bundestages dieses Spiel durchschauen.

Ich hoffe sehr, daß sie ihrer Verantwortung gerecht werden, und diesen Krieg so schnell wie möglich beenden.
Der Skandal ist weniger, daß der Verteidigungsminister mit seiner Frau und einem „embedded journalist“ in Afghanistan eine Inszenierung veranstaltet.
Der Skandal ist, daß da überhaupt deutsche Soldaten stehen.

Der große Dichter aus Brandenburg – Paul Gerhardt (12.3.1607 Gräfenhainichen – 27.5. 1676 Lübben/Spreewald)


Ein echter Brandenburger. Dieser Paul Gerhardt.
Damals nannte sich seine Heimat noch „Kursachsen“ – heute kennen viele den Spreewald. Vom Kahnfahren.
Seine Eltern starben früh – Paul war 12, als der Vater starb; 14, als er auch die Mutter verlor. In Grimma ist der Junge zur Schule gegangen, in Wittenberg hat er studiert. 1643 kam er nach Berlin.
Die Stadt war durch einen fast dreißigjährigen Krieg stark zerstört. 1651-57 war Paul Gerhardt in Mittenwalde, 1655 – im Alter von 48 Jahren, heiratete er Anna Maria Berthold. Von fünf Kindern hat nur eines die Eltern überlebt. Vier Kinder musste Paul Gerhardt zu Grabe tragen.
1657 kam Paul Gerhardt an die Nikolaikirche in Berlin. Viele kennen sie. Sie steht am Alex.
Weil er sich scharf gegen die Obrigkeit wandte – sie hätte sich unangemessen in kirchliche Belange eingemischt – gab’s eine Bürgerbewegung zu seinen Gunsten: Petitionen von Bürgern, Magistrat und märkischem Adel führten zur Wiedereinsetzung als Berliner Pfarrer.
Im März 1668 starb ihm seine Frau – sie waren 13 Jahre verheiratet.
Im Herbst dieses Jahres wechselte er nach Lübben im Spreewald.
1676 wurde er dort beerdigt.

Paul Gerhardt hat wie wenige sehr viel persönliches Leid erlebt: vier Kinder hatte er zu beerdigen, dann auch seine Frau.
Und doch: geblieben sind seine wunderbaren Lieder. Eins der berühmtesten ist sicher: „Befiel du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege, des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann……“. Jedermann kennt auch „Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerzeit…..“
15 lateinische und 138 deutsche Gedichte und Lieder sind von Paul Gerhardt überliefert. Ein gewaltiges Werk. Einige seiner Texte gehören zu den bekanntesten deutschen Strophen überhaupt.
„Auffallend ist die Reichtumskritik, wohl ebenso aus Gerhardts sozialer Gesinnung wie aus der Ablehnung reformiert-höfischen Erfolgsstrebens erwachsen“ schreibt ein Lexikon über seine Dichtung.
Die internationale Ausstrahlung und Rezeption seiner Texte begann schon im 17. Jahrhundert und führte zu vielen Übersetzungen, auch in asiatische und afrikanische Sprachen.

Schulen, Straßen, Stiftungen und Kirchen wurden nach ihm benannt. Viele große Dichter haben sich auf ihn bezogen: Goethe, Matthias Claudius, Theodor Fontante, Heinrich und Thomas Mann, Georg Benn, Günter Grass. Große Komponisten haben seine Texte vertont: Johann Sebastian Bach, Georg Philipp Telemann, Max Reger und andere.

Jetzt, im Advent des Jahres 2010, etwa 400 Jahre nach Paul Gerhardts Geburt, sei an eines seiner schönen weltbekannten Lieder erinnert:
Ich erinnere mich an sein schweres Schicksal im dreißigjährigen Krieg, an den Tod seiner vier Kinder und der Ehefrau und singe mit ihm:

„Was hast du unterlassen zu meinem Trost und Freud,
als Leib und Seele saßen in ihrem größten Leid?
Als mir das Reich genommen, da Fried und Freude lacht,
da bist du, mein Heil, kommen und hast mich froh gemacht.

Ich lag in schweren Banden,
du kommst und machst mich los;
ich stand in Spott und Schanden,
du kommst und machst mich groß
und hebst mich hoch zu Ehren
und schenkst mir großes Gut,
das sich nicht läßt verzehren,
wir irdisch Reichtum tut.“

(Aus dem Adventslied „Wie soll ich dich empfangen….“).

Der du die Zeit in Händen hast… – Jochen Klepper (22.3.1903 – 11.12. 1942)


Jochen Klepper gehört zu den am meisten rezipierten Lieddichtern des 20. Jahrhunderts. Der Journalist, Rundfunkredakteur und freie Schriftsteller war seit 1931 mit der Jüdin Hanni Klepper verheiratet.
Klepper starb im Dezember 1942 durch den Freitod gemeinsam mit seiner Frau in Berlin.
Besonders berührend seine Tagebücher von 1932-1942 „Unter dem Schatten deiner Flügel“; berühmt und oft gelesen der Roman „Der Vater“. Die gesammelten Gedichte erschienen 1962 unter dem Titel „Ziel der Zeit“; der Briefwechsel mit seinem Lehrer Rudolf Hermann unter dem Titel „Der du die Zeit in Händen hast“.

Jochen Klepper dichtet 1938 (seit 1935 war er ohne Anstellung, seiner jüdischen Frau wegen), ein Jahr vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, mitten im braunen Berlin:

Die Nacht ist vorgedrungen
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

……

Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.

…..

mitten in der finstern Nazizeit, Hitlers „Erfolge“ häuften sich, die Menschen liefen ihm millionenfach nach und bejubelten ihren „Führer“, der sie demnächst ins Verderben führen würde, schreibt Klepper:

Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt.

Ich kenne dieses Adventslied seit meinen Kindertagen. Und immer „fasst es mich an“. Johannes Petzold hat es 1939 vertont. Heute steht es in der Sammlung der Lieder aus 1900 Jahren Liedtradition, die wohl zum schönsten Kulturgut überhaupt gehört, dem „Gesangbuch“ für die evangelischen Gemeinden. Ein gewaltiger Reichtum ist darin verborgen. Lieddichtung aus beinahe 2000 Jahren, von frühen Mönchsgesängen bis in die Gegenwart (z.B. das schöne Lied meines Lehrers Klaus-Peter Hertzsch „Vertraut den neuen Wegen“ von 1989, kurz vor dem Fall der Mauer).
Wir haben dieses Lied von Jochen Klepper oft gesungen. Jahr für Jahr. In der Adventszeit.
Während der Diktatur.
Als wir die anderen marschieren sahen und nicht mitmarschierten.
Als die Ausreisewellen durchs Land gingen – Wolf Biermann und andere voran. Als die Menschen in zunehmend großer Zahl dieses Land verlassen wollten, das ihnen doch einen „lichte Zukunft“ versprochen hatte.
Als die Zensur wieder mal zugeschlagen und Dichter und Liedersänger mit Auftrittsverboten belegt hatte sangen wir: „Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.“
Ich erinnere mich an einen Abend, als wir Adventslieder sangen und russische Soldaten ihre kaltgefrorenen Nasen an die Scheiben des Zimmers pressten, um einen Blick zu erhaschen von der Adventsstimmung da drinnen. Arme Kerle waren das. Man hatte ihnen gesagt, es sei eine „Auszeichnung“ im Osten an der „Systemgrenze“ „dienen“ zu dürfen – aber man hat sie in den Kasernen gleich in der Nachbarschaft gehalten wie Vieh.
Prügelstrafe inklusive.
„Gott will im Dunkeln wohnen…..“
Jochen Klepper galt uns als Zeuge. Denn er hatte in einer wesentlich härteren, bitteren und unmenschlicheren Gesellschaft leben müssen.
Mitten unter Deutschen.
Mitten unter „anständigen“ Nachbarn, die den jüdischen Nachbarn an den Geheimdienst verpfiffen und ihn so millionenfach ins Lager brachten – oft in den sicheren Tod.

„Gott will im Dunkel wohnen“.
Das ist nichts für zartbesaitete Seelen.
Das ist etwas für politisch wache Menschen, die sehr fein und genau wahrnehmen, was um sie herum geschieht.
Jochen Klepper und seine Frau Hanni haben sich 1942 das Leben genommen. In Berlin.
Ähnlich wie Stefan Zweig im fernen Südamerika.
Und doch klingt dieses stille „Gott will im Dunkel wohnen“ bis in unsere Tage.

„Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld….“

Heute früh habe ich ihn wieder gesehen – den Morgenstern.
Ich bin ein wenig gewandert durch den knirschenden Schnee – hier in Berlin, wo Jochen Klepper mit seiner Frau Hanni gelebt, geliebt und gedichtet hat.

Es ist schön, den Morgenstern zu sehen.
Und sich an Jochen Klepper zu erinnern.

Im Advent 2010.

 

 

Die Augen des Dichters. Christian Morgenstern (6.5.1871-31.3.1914)


„Ich freue mich, ich freue mich, aber ich kann nicht sprechen“ – so begrüsst Christian Morgenstern den russischen Lyriker Andrej Belyj im Leipziger Hotel de Pologne Ende Dezember 1913, wenige Monate vor seinem Tod.
Seit zwanzig Jahren war er schwer krank.
Wie bei kaum einem anderen verband sich in Christian Morgenstern das Wissen um die Zerbrechlichkeit des Körpers mit einer starken Hoffnung.
Morgenstern war 42 Jahre, als er am 31. März 1914 morgens um 5 Uhr starb.
Ein Leben lang war ein Wandernder, zog von Hotel zu Hotel, von Pension zu Pension, von Norwegen nach Italien, von Süd- nach Norddeutschland. Kaum war er irgendwo angekommen, zwang ihn die Krankheit wieder und wieder – oft monatelang – zum Liegen.
Man kennt die „Galgenlieder“, den „Palmström“, die heitere Seite des großen Dichters.
Seine spirituelle Seite kennt man kaum.
Peter Selg hat eine umfängliche Arbeit über Morgensterns Begegnung mit Rudolf Steiner vorgelegt. Einfühlsam geschrieben, umfänglich dokumentiert.
Ich stoße in diesem Buch auf die „Krankheit des Dichters“, auf die Faszination, die er auf andere ausübte, schon vom Tode gezeichnet.
Als Morgenstern wegen seiner fortgeschrittenen Lungenkrankheit – er hatte sie von der Mutter geerbt – das Sanatorium verlassen muss, findet er ein letztes Quartier bei Frau von Ludwigowska, einer aus Polen stammenden Besitzerin der „Villa Helioburg“ in Meran-Untermais. Sie habe „nur zweimal im Leben solche Augen gesehen – bei Christian Morgenstern und Johannes von Kronstedt“ sagte sie später.

Was für ein Leben!
Immer in materieller Not, immer knapp mit dem Geld, ständig auf Wanderschaft, in äußerer Unruhe – und doch zunehmend sicherer auf dem inneren Weg.
Begonnen hatte es in Birkenwerder bei Berlin.

An eine junge Frau schreibt Morgenstern: „Gewiss, ich bin seit zwanzig Jahren leidend, ….aber, so paraox es klingen mag, es sträubt sich alles in mir, von irgendjemandem als – krank empfunden zu werden. Denn ein Gefühl wirklichen Krankseins ist bisher meiner noch nicht Herr geworden, trotz allem, und natürliche Depressionen abgerechnet, und wird es hoffentlich auch nie werden.
„Leiden“ kann man an allem, aber um „krank“ zu sein, muss einen ein fremdes Etwas besitzen, muss man der Sklave seiner Krankheit geworden sein.
Ich möchte den Satz aufstellen: kein wahrhaft freier Mensch kann krank sein. Und was mich betrifft, so mögen’s meine Werke von der ersten bis zur letzten Zeile bezeugen.
Sie werden vielleicht lächeln aber es wäre schade, wenn Sie etwa als Wortklauberei empfänden, was tiefster Wahrheitsernst ist. ….“

Christian Morgenstern war lange Jahre seines Lebens ein Suchender.
Ein Leben lang an einer Tuberkulose erkrankt, oft mit hohem Fieber verbunden, konnte er am Ende seines Lebens nur noch flüstern.
Der Dichter hatte zwar die akustisch hörbare Sprache verloren – aber seine Worte gewannen an Kraft.
Früh schon hatte er seine Mutter verloren. Mit seinem Vater hatte er ein angespanntes, schwieriges Verhältnis.
Spät erst hat er geheiratet. Die große Liebe seines Lebens, Margareta.
Seine letzte Gedichtsammlung – Rudolf Steiner gewidmet – trägt den Titel: „Wir fanden einen Pfad“.

Ein Freund sagte über den todkranken Morgenstern:
„Als ich ihn dann sah auf seinem Zimmer in Leipzig, da war es eigentümlich zu sehen wie – ja wie gesund, wie innerlich kraftvoll diese Seele in dem morschen Leibe war, und wie sich diese Seele gerade dazumal so gesund, so gesund im geistigen Leben fühlte wie nie zuvor. …Diese Seele, sie bezeugt so recht den Sieg des Geistes über alle Leiblichkeit“.
Morgenstern hatte selbst schon einige Jahre zuvor, in Arosa 1912 geschrieben:

„Gib mir den Anblick deines Seins, ob Welt….
Den Sinnenschein lass langsam mich durchdringen…..
So wie ein Haus sich nach und nach erhellt,
bis es des Tages Strahlen ganz durschwingen….
So möchte auch die Starrheit meiner Wände
sich lösen, dass dein volles Sein in mein,
mein volles Sein in dein Sein Einlass fände –
und so sich rein vereinte Sein mit Sein.“

An Jacobsohn, der in der „Schaubühne“ einen bissigen Artikel zu den schwierigen Verhältnissen in Politik und Gesellschaft geschrieben hatte, schreibt Morgenstern:
„…unsere Gedanken sind so real wie Holz und Eisen, ja, sie wirken noch verheerender, weil sie lebendige Wesenheiten sind, von uns geschaffen, Elementarwesen mit guten oder bösen Impulsen…..
Sie dürfen nur gute Gedankenformen aussenden! Sie dürfen das allgemeine Massacre nicht mehr bewusst mitmachen, das immer neues und mehr Massacre gebiert! ….Schlagen Sie auch mich darum tot, weil ich Sie, bald so, bald so, immer wieder bitte, der Güte und der Liebe das letzte Wort zu lassen und nicht dem Hohn und dem Zorn.“

Christian Morgenstern war ein zutiefst spirituell gestimmter Mensch.
In ihm verbinden sich das Wissen um Krankheit und Schmerz mit einem herrlichen, befreienden Humor.

Er ist mir nun wieder neu begegnet.

Als Literatur mag ich empfehlen:
Peter Selg. Christian Morgenstern. Sein Weg mit Rudolf Steiner. Stuttgart 2008
ISBN 978-3-7725-1914-7