Tod und Sterben werden Thema bei den Schülerstreiks


Die in FridaysForFuture Rhein Sieg 15.3.2019

Das ist bemerkenswert. Junge und sehr junge Menschen gehen seit Monaten „wegen Klimaschutz“ auf die Straßen – aber nun bringen sie die Themen „Tod“ und „Sterben“ zur Sprache. Am 15. März 2019 ist das geschehen und die Gruppe von FridaysForFuture Rhein Sieg hat diese im Jargon „Die in“ genannte Aktion durchgeführt und fotografiert.
Sie schreiben dazu auf ihrer facebook-Seite:

„Auf der Demo am Freitag fanden sich spontan Jugendliche zusammen um mit einem Die-In auf die Klimakrise und deren Folgen aufmerksam zu machen.

Auch passte diese Aktion zur Rede der Internationale Jugend Rheinland,
die darauf aufmerksam machte, dass Millionen Menschen aufgrund der Umweltzerstörung ihre Heimat verlassen müssen oder durch die vom Klimawandel entstehenden Dürren, Überschwemmungen,… sterben.

Passionszeit 2019. Fastenzeit. Gesonderte Zeit.

Zeit, über die Themen „Tod“ und „Sterben“ nachzudenken.  Nicht nur individuell, auf eigenes Leid, auf den eigenen Tod bezogen – sondern politisch.
Bezogen auf die polis, auf die Bürgerschaft dieser Einen Welt.

Für mich ein sehr starker Impuls, die Passionszeit 2019 einmal anders wahrzunehmen und zu gestalten als sonst.
Anlass, das „Leiden der Welt“ (bei Paulus ist vom „Seufzen aller Kreatur“ die Rede) hinein zu nehmen in mein Nachdenken über das, was uns trägt.

Niemand hat das Recht, diesen Jugendlichen Oberflächlichkeit vorzuwerfen. Politiker wie Frau Kramp-Karrenbauer oder Herr Lindner tun das gern. Sie meinen, die Jugendlichen gingen auf die Straßen „um zu schwänzen“. Diese Leute haben gar nichts verstanden und sie äußern sich aus eiskaltem strategischem politischem Kalkül. Denn die Jugendlichen, die sich „zum Sterben auf die Straßen legen“ sind ihnen gefährlich geworden.
Über 1,5 Millionen Menschen waren am 15. März 2019 auf den Straßen der Welt. Das ging von Asien über Europa und Afrika bis nach Nord- und Südamerika, Australien, Neuseeland – die Welt steht auf.
Und zwar die junge Welt.  Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ist um die oder unter 15 Jahre alt. Dort sind die Mehrheiten.

Und diese jungen Leute überall auf der Welt kümmern sich nun mit höchstem Engagement, auch viel Mut um ihre eigene Zukunft. Sie machen Zusammenhänge deutlich, die die „Alten“ gern verdrängen: wegen unserem Lebensstil sterben in anderen Teilen der Welt bereits Menschen.

Zeit, inne zu halten.

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12.000 Wissenschaftler stützen #FridaysForFuture – und wie geht’s weiter?


Zunächst: heute ist ein guter Tag, denn das sehr gut begründete Engagement von vielen Zehntausenden Schülern rund um die Welt hat eine wichtige Unterstützung bekommen: in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterstützen (Stand 12.3.2019) mehr als 12.100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einen Text, der kurz und bündig zusammengefasst lautet: „Die Jugendlichen haben sehr Recht, wenn sie wirkliche engagierten Klimaschutz verlangen.“ Dr. Gregor Hagedorn, Wissenschaftlicher Leiter am Naturkundemuseum in Berlin hatte mir den Text in der Vorwoche gemailt mit der Bitte, doch „mal drüber zu schauen“, was ich gern getan habe. Heute nun war die Bundespressekonferenz, bei der Dr. Eckhart von Hirschhausen, Prof. Dr. Maja Göpel und Prof. Volker Quaschning die Erklärung der Wissenschaftler öffentlich vorgestellt haben. Unterstützt wurde die Sache unter anderem vom früheren Chef der Berliner Charité, Professor Ganten.

Aber, wie nun weiter?
Nun, am 15. März wird zunächst ein weltweiter „Klimastreik“ stattfinden. Die größte Klimademonstration aller Zeiten. Auf die Beine gestellt von jungen Menschen, denen ihre Zukunft nicht egal ist. In mehr als 900 Städten in über 80 Ländern der Erde wird es Klimastreiks geben. Großartig.

Aber, wie dann weiter?
Das wird von Land zu Land unterschiedlich sein. In Europa geht es darum, „die Europawahlen zur Abstimmung über engagierten Klimaschutz zu machen“. Denn demnächst sind Europa-Wahlen und das Thema Klimawandel muss ganz oben auf die Agenda. Wer sich nicht wirklich glaubwürdig und engagiert für wirksamen Klimaschutz einsetzt, wird nicht mehr gewählt. Da haben die Vertreter von FridaysForFuture heute in der Bundespressekonferenz den Finger genau auf die richtige Stelle gelegt, als man sie fragte, „wie lange“ sie denn „noch streiken“ wollen. „Bis sich endlich etwas ändert“ ist die glasklare Antwort.

Der nächste Schritt also: Europa-Wahlen. 23. – 26. Mai 2019 europaweit.
Bis dahin muss das Thema Klimawandel/Klimakrise/climate change ganz oben auf die Agenda.

Dabei unterstützen wir von Fuer-unsere-Enkel.org die jungen Leute sehr gern.
Und wir wissen, dass die neuen Netzwerke parents-for-future und scientists-for-future ähnlich arbeiten werden.

Museumsbesuch. Oder: etwas über Vorurteile


Berlin-Karlshorst

Berlin-Karlshorst. Zwieseler Straße 4, 10318 Berlin.
Hier wurde die bedingungslose Kapitulation Hitler-Deutschlands unterschrieben. Heute beherbergt das Haus ein Deutsch-Russisches Museum. Für jeden Berlinbesucher ein „Muss“. Denn es gibt wenige Orte, die für Europa von so einschneidender Bedeutung waren.
Gestern war ich nun endlich einmal da. Hatte mir viel Zeit mitgebracht, wollte in Ruhe besehen, was da an Weltgeschichte zu besehen ist.
Die Deutschen und die Russen. Die Russen und die Deutschen. Europa und die Russen. Die Russen und Europa – was für eine große, wechselvolle Geschichte. Zeiten der Konfrontation und des Krieges – aber auch Zeiten der Entspannung und Kooperation. Ein überaus interessanter Ort mit einer sehr sorgfältig gearbeiteten Dauer-Ausstellung.
Es gibt im Hause auch eine kleine Bücherstube mit sehr bemerkenswerter Literatur.  Auf ein Buch will ich besonders hinweisen:  „Unsere Russen. Unsere Deutschen. Bilder vom Anderen. 1800 bis 2000.“ Erschienen im Christoph-Links-Verlag Berlin, ISBN 978-3-86153-460-0.
Es geht um Vor-Urteile. Die Vorurteile zwischen Russen und Deutschen, Deutschen und Russen. Und die haben eine sehr lange, wechselvolle Geschichte.

Der SPIEGEL 5. März 2007
Titelbild

Exemplarisch sei das hier im Beitrag an einem Plakatmotiv gezeigt, das wohl jedem in Deutschland bekannt vorkommt. Man „kennt das“:
Der „bedrohliche Russe“, der den Westen „fest im Blick“ hat und ihn „abhängig machen“ will.
Nun hat dieses Motiv jedoch eine sehr lange Geschichte, die im Band glücklicherweise erzählt wird.
Es ist die lange Erzählung vom „Antikommunismus“, vom „Antibolschewismus“ (unter Hitler war noch die Rede vom „jüdischen Bolschewismus“, den es zu „vernichten“ gelte).
Länger als ein halbes Jahrhundert wirkt dieses Motiv bis tief ins Unterbewusstsein.
„So ist der Russe“ soll die Botschaft sein. „Er bedroht uns“. „Gegen den müssen wir uns schützen“…..
Eine solche Rede ist allerdings meilenweit entfernt von der Entspannungspolitik unter Willy Brandt in den siebziger Jahren.
Das ist auch meilenweit entfernt von jener bemerkenswerten Rede, die der russische Präsident in deutscher Sprache im Deutschen Bundestag gehalten hat – am 25. September 2001; auf Einladung des deutschen Bundeskanzlers.
Ich erinnere mich noch sehr genau, ich war junger Abgeordneter. Putin hat damals unter anderem vor dem Erstarken des IS gewarnt und eine internationale Zusammenarbeit gegen den IS gefordert – man hat nicht auf ihn gehört.
Im Jahre 2007 sah die Welt schon wieder anders aus, da tauchte „das Motiv“ wieder auf. Auf der Titelseite des SPIEGEL. Der Hauch des Kalten Krieges war wieder zu spüren. Aus jenen Jahren stammt das hier verhandelte Plakatmotiv: aus dem Jahre 1953, um genau zu sein:

Geschichte eines Plakat-Motivs von 1953 bis 2007

da ist das Plakat der CDU von 1953 (links oben);
und das Plakat der NPD von 1972 (rechts oben);
dann ist da ein amerikanisches Plakat von 1982 – und immer hat man diesen „Russenblick“ und die „roten Linien“, die von ihm ausgehend, den Betrachter des Szene bedrohlich fixieren.

Es ist interessant, wie die europäische Wahrnehmung des „Russen“ von diesem Motiv geprägt worden ist. Ein halbes Jahrhundert – das ist nicht wenig.
Verfolgt man die aktuelle Debatte um die russisch-europäischen Beziehungen, wird man wieder auf diese sehr alten Vor-Urteile stoßen.
Da ist er wieder, der „bedrohliche Russe“……
Es ist ein großes Verdienst dieses sehr sorgfältig gearbeiteten, umfangreichen Buches vom Chr. Links Verlag, der langen wechselvollen Geschichte der gegenseitigen Vorurteile einmal nachzugehen, sie genau aufzuzeigen – damit sie ihre Macht verlieren können und Verständigung möglich wird.

Erhard Eppler ist in Anknüpfung an Egon Bahr zuzustimmen: Friede zwischen Europa und Russland wird nur mit Russland gelingen, niemals gegen Russland. Deshalb ist es gut und richtig, die gegenseitigen Vorurteile wahrzunehmen – und sie dann beiseite zu legen.
Denn sie behindern, was dringend notwendig ist: den Dialog.

Lasst Euch nicht einwickeln! Eine Nachricht an #FridaysForFuture


Liebe junge Leute überall auf der Welt, die ihr bei #FridaysForFuture auf die Straßen geht. Mit großer Sympathie sehe nicht nur ich, was ihr da weltweit auf die Beine gestellt habt und was ihr noch vorhabt.
Ich gehöre zu einer Generation, denen ihr sehr berechtigte Vorwürfe macht. „Hättet Ihr Eure Hausaufgaben gemacht, müssten wir jetzt nicht auf die Straßen!“ sagt Ihr und habt damit Recht.
Selbst die Umweltengagierten unter uns Älteren müssen sich diesen Vorwurf gefallen lassen. Ich selbst bin im Grunde mein ganzes Leben lang an diesem Überlebensthema der Menschheit „dran“ und engagiere mich mit meinen Möglichkeiten – und trotzdem sage ich: Ihr habt Recht mit Eurem Vorwurf. Denn: Wir waren nicht klar genug, wir waren nicht engagiert genug, wir haben uns viel zu früh mit falschen Kompromissen zufrieden gegeben.

Aber gerade deshalb will ich Euch sagen: Lasst Euch jetzt nicht einwickeln!

Viele der jetzt Mächtigen werden schon sehr bald versuchen, mit Euch „in einen Dialog“ einzutreten. Sie werden Euch zu Podien einladen, zu Umweltausschüssen, kurz „zur Mitarbeit“. Sie werden sagen, ihr könntet doch Mitglied in einer Partei werden und all das. Sie versuchen, Euch „einzuwickeln“.
Damit wäre Eurem Protest aber die Spitze abgebrochen. Es ist nicht Eure Aufgabe, den Job der gewählten Politiker und Politikerinnen zu machen. Nein, das ist nicht auch noch Eure Aufgabe.
Deshalb: passt genau auf.
Dialog ist wichtig und natürlich redet man miteinander, das ist gar keine Frage. Aber: passt auf, dass Euch jetzt die „Erwachsenen“ nicht einfach eine Aufgabe über den Tisch schieben, die sie gefälligst selbst zu erledigen haben.

Ich kenne solche „Dialogversuche“ der Mächtigen noch sehr gut aus der Zeit der Diktatur und auch aus den Jahren nach dem Fall der Mauer.
Wenn Protestgruppen zum „Dialog“ eingeladen werden, ist höchste Aufmerksamkeit geboten, denn es geht meistens im Kern darum, dass „alles so bleibt wie es ist“. Und genau darum kann es nicht mehr länger gehen.

Ich wünsche Euch jedenfalls von Herzen, dass Ihr weiterhin sehr klar und sehr laut seid. Ich wünsche Euch auch, dass die Zahl der Unterstützerinnen und Unterstützer von Tag zu Tag, von Woche zu Woche wächst und immer lauter wird. Damit nicht nur geredet wird, sondern, damit sich endlich unser Verhalten ändert.

Es gibt keinen Planeten B. Und die Zeit drängt sehr.

Mit herzlichen Grüßen

Ulrich Kasparick
Parlamentarischer Staatssekretär a.D.
Gründer von Fuer-unsere-Enkel.org

Die dumme Rede vom „Retten der Welt“


„Na, warst Du wieder die Welt retten?“ fragen manche Eltern ihre Kinder, wenn die grad von #FridaysForFuture kommen. Beispielsweise.
Andere sagen von sich: „So, jetzt war ich den ganzen Tag die Welt retten, jetzt ist Feierabend“.
Diejenigen, die sich für mehr als sich selber engagieren, werden nicht selten von denen verächtlich gemacht, die gern bequem auf dem Sofa sitzen und die Weltlage lediglich kommentieren. Davon gibt es reichlich.
Es ist in ihren Augen verächtlich, verachtenswert, wenn andere sich engagieren und „die Welt retten“, während sie selber in ihrer Tatenlosigkeit eingemauert zu Hause sitzen. Man schimpft deshalb auch gern über diese „Gutmenschen“. Sie halten einem selber, der man so gern bequem auf dem Sessel sitzen bleibt, nämlich einen ziemlich unbequemen Spiegel vor Augen: „Schau genau hin. Der da sitzt und nur meckert – das bist du!“

Aber auch Engagierte nutzen die Redewendung vom „Retten der Welt“.
Und auch sie nutzen sie zu Unrecht.
Denn die Redewendung enthält die Behauptung, Menschen könnten „die Welt retten“. Das können sie nicht.
Die Rede von „die Welt retten“ ist also in jeder Hinsicht ein unpassende Rede.
Niemand kann „die Welt retten“. Auch alle gemeinsam können das nicht.

Man kann allerdings seine konkrete eigene Verantwortung wahrnehmen. Das allerdings.
Das ist allerdings sehr viel mühsamer. Denn dazu muss man ja erstmal herausfinden, was genau man selber denn überhaupt am Zustand der Welt ändern kann.
Kann ich einen Preis für Flugbenzin festlegen? Nein. Ich kann ihn fordern, mehr aber auch nicht.
Kann ich verhindern, dass Unkrautvernichtungsmittel auf Äckern ausgebracht wird? Eher selten. Es sei denn, der Acker gehört mir oder es ist kommunaler Acker und ich sitze im Gemeinderat oder es ist kirchlicher Acker und ich sitze im Gemeindekirchenrat. Dann kann ich dort einen Antrag stellen, dass „unser“ Acker künftig nicht mehr mit Unkrautvernichtungsmittel besprüht werden darf. Ob ich davon eine Mehrheit bekomme, hängt von Verschiedenem ab.

Kann ich verhindern, dass in Indien Kohlekraftwerke gebaut werden? Wohl eher nicht. Es sei denn, ich bin indischer Ministerpräsident.

Kann ich verhindern, dass immer mehr Autos in unseren Städten fahren?
Nein. Aber ich kann mein eigenes Auto abschaffen. Das schon. Das ist allerdings ein wenig unbequem.

Kann ich verhindern, daß RWE „Tatsachen schafft“ und weiter rodet, obwohl der Kohle-Ausstieg beschlossen ist? Ich kann es gemeinsam mit anderen versuchen. Der Ausgang der Sache ist ungewiss. Die Chancen stehen allerdings nicht mehr ganz so schlecht wie noch vor ein paar Wochen.

Wenn ich zu einer Demonstration für einen schnelleren Kohle-Ausstieg gehe, rette ich „die Welt“ in keiner Weise. Ich mache bestenfalls gemeinsam mit anderen öffentlich deutlich, welcher Ansicht ich bin. Und appelliere an andere, etwas zu tun. Deshalb ist die Rede, die Schülerinnen und Schüler, die wöchentlich bei #FridaysForFuture demonstrieren, wollten „die Welt retten“ eine despektierliche Rede, die die jungen Leute lediglich lächerlich machen soll. Die jungen Leute retten „die Welt“ ganz gewiss nicht, aber sie machen endlich deutlich, was ihre Interessen sind: nämlich eine lebenswerte und  einigermaßen intakte Umwelt zu „erben“. Und je mehr dieses Interesse äußern, um so klarer wird ihre Botschaft an diejenigen, die in Staat und Verwaltung die Macht innehaben.

Man kann auf die Rede vom „Retten der Welt“ (oder auch vom „Retten des Klimas“) getrost verzichten.
Sehr viel gescheiter und anregender ist die Rede von der konkreten eigenen persönlichen Verantwortung. Die kann damit beginnen, dass ich meinen eigenen Lebensstil überdenke und gegebenenfalls weiter ändere und zum Beispiel das Auto abschaffe, weniger fliege, die Ernährung umstelle usw.
Und sie kann darin weiter gehen, dass ich mich in eine Gruppe einbringe – eine kommunale vor Ort, eine übergreifende, vielleicht gar in eine internationale, in ein Netzwerk.
Je konkreter, je besser ist es.

Im internationalen Netzwerk Fuer-unsere-Enkel.org geht es deshalb sehr konkret zu. Wir stärken diejenigen jungen Leute, die für eine lebenswerte, intakte Umwelt demonstrieren, in dem wir mit Hilfe unserer Smartphones, Laptops, Pcs etc. nach und nach eine Gegenöffentlichkeit zu denjenigen aufbauen, die den dringend notwendigen engagierten Klimaschutz verhindern wollen. Die sind momentan noch sehr zahlreich. Wir arbeiten gemeinsam mit vielen tausenden junger Leute daran, dass sich das rasch ändert.

Angst ist ein sehr schlechter Ratgeber, nicht nur, wenn es um Klimawandel geht.


Der Klimawandel sei die größte Angst der meisten Menschen. So stand es Anfang Februar in vielen Zeitungen. Radio- und Fernsehsender berichteten ebenfalls über die Ergebnisse der weltweiten Befragung.

Was ist davon zu halten?

Angst ist zunächst mal eine natürliche, lebenserhaltende Reaktion. Hätten Menschen und Tiere keine Angst, könnten sie nur schwer überleben.

Allerdings hat Angst natürlicherweise zwei mögliche Reaktionen: Flucht oder Angriff.  „Sich tot stellen“ oder kämpfen.

„Angst ist ein schlechter Ratgeber“ weiß der Volksmund. Das gilt allgemein, besonders aber bei hochkomplexen Sachverhalten wie dem Klimawandel.
Menschen, denen Denken in hochkomplexen Zusammenhängen eher schwer fällt, werfen ja sogar Klimaforschern, nüchternen Naturwissenschaftlern also, die ihre Forschungsergebnisse veröffentlichen „Panikmache“ vor. Ein Zeichen dafür, dass sie mit den veröffentlichten Daten nicht umgehen können – sie machen ihnen „einfach nur Angst“.
„Panikmache“ – ein beliebter Vorwurf sogar an Naturwissenschaftler – vorgetragen von Menschen, die „nicht hingucken“ wollen, die der Herausforderung „nicht in die Augen sehen“ wollen – weil eine tiefe Angst sie treibt. Sie reagieren auf das, was uns die Naturwissenschaft nun schon seit Jahrzehnten über den Klimawandel und seine Ursachen erklärt, mit einem „Totstellreflex“.  Das ist nun allerdings angesichts der eingetretenen Situation die schlechteste aller denkbaren Reaktionen.

Wenn das Boot, in dem du unterwegs bist, undicht ist und Wasser eindringt – was wirst du tun? Wirst du aufgeben und ertrinken? Oder wirst du schöpfen so lange du kannst, in der Hoffnung, eine Insel zu erreichen?

Das ist in etwa die Situation, in der die Menschheit angesichts des Klimawandels ist.
Man kann angesichts der Daten sagen: „es hat ja doch alles keinen Sinn mehr. Es ist ja schon „fünf nach zwölf“.“ Der Mensch gibt auf.
Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.“ (Die Bibel, 1. Brief an die Korinther, Kapitel 15, Vers 32).
Das ist eine mögliche, aber äußerst egoistische Sichtweise, denn: da sind ja noch Kinder und Enkel und vielleicht sogar bereits Urenkel.

Was ist angesichts der naturwissenschaftlichen Daten also zu tun?
„Angriff“. Wir müssen endlich handeln. Man weiß ja sehr genau, was zu tun ist:
1. Aufhören, die fossilen Energien auch noch zu subventionieren. Es ist ja völliger Irrsinn, eine wesentliche Quelle der Zerstörung auch noch mit etwa 600 Milliarden Dollar pro Jahr zu fördern.

2. Das in fossile Energien investierte Geld dort abziehen und in Erneuerbare investieren. (Das kann jeder „kleine Sparer“ ebenfalls tun.) Die weltweite Bewegung #Divest kommt zwar voran (mittlerweile sind mehr als 5 Billionen Dollar aus fossilen Energieprojekten abgezogen), aber noch viel zu langsam.

3. Einen Mindestpreis für Kohlendioxid (CO2). Wer CO2 emittiert, zahlt. Wer viel emittiert, zahlt viel, wer wenig emittiert, zahlt wenig. Die Einnahmen werden unter anderem dafür eingesetzt, für sozialen Ausgleich zu sorgen. Das Geld geht zu großen Teilen an die Bevölkerung zurück.

4. Klare politische Vorgaben, die den naturwissenschaftlichen Herausforderungen auch tatsächlich entsprechen. – Deshalb ist ein Kohleausstieg 2038 in Deutschland deutlich zu spät. Das kann und das muss sehr viel schneller gehen, da haben die Schülerproteste (#FridaysForFuture) völlig Recht.

5. Sehr viel ambitionierterer Ausbau der Erneuerbaren Energien. (Not-wendig ist eine Vervierfachung des Ausbautempos).

Ja, der Klimawandel ist die größte Herausforderung unseres Jahrhunderts, denn die Stabilität ganzer Staaten steht auf dem Spiel, Trinkwasser wird fehlen, die Zahl der Flüchtlinge, die wegen steigendem Meeresspiegel in andere Gebiete ziehen müssen, wird stark steigen. Die Konflikte werden massiv zunehmen. Klimawandel wird zum Sicherheitsrisiko – deshalb setzt Deutschland völlig zu Recht das Thema innerhalb des UN-Sicherheitsrates ganz oben auf die Agenda.

Angst ist angesichts dieser Sachlage wirklich kein guter Ratgeber.
Erforderlich ist, dass die Mutigen nun entschlossen voran gehen – so, wie in den USA Abgeordnete nun einen NEW GREEN DEAL vorschlagen – ein Umweltprogramm in einem Volumen wie das Mond-Programm der NASA.

Die Zeit ist gekommen, den Kampf gegen den Klimawandel wirklich aufzunehmen. Alle werden gebraucht: Politiker, Gewerkschaftler, Journalisten, Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten, junge Menschen, ältere Menschen, alte Menschen. Alle. Jeder, der einen Laptop zu bedienen weiß ist ebenso nötig, wie jeder, der ein Unternehmen führt.
Der internationale Klimastreik am 15. März 2019, der mittlerweile in über 40 Ländern dieser Erde vorbereitet wird, wird eines zeigen: die Zahl der Menschen, die angesichts der Lage zu kämpfen bereit ist, wächst.

Lasst uns kämpfen. Jeder an seinem Platz, jeder mit seinen Möglichkeiten.
Die Herausforderung ist groß. Sie ist die größte, vor der die Menschheit je gestanden hat.
Angesichts der eingetretenen Lage aufzugeben, bevor der Kampf überhaupt begonnen hat, ist keine Möglichkeit.
Denn: wir sind verantwortlich auch für die jungen Menschen, die nach uns kommen.

Jugend und Klimaschutz. Eine Erinnerung mit Konsequenzen


#FridaysForFuture lautet der hashtag zur weltweiten Kampagne, die von Woche zu Woche größer wird. Jetzt haben auch Schülergruppen aus den Vereinigten Staaten mitgeteilt, dass sie sich mit einbringen werden in dieses stark wachsende internationale Netzwerk. Ich habe in den zurückliegenden Wochen wie viele andere  sehr aufmerksam verfolgt, was sich da entwickelt. Angefangen hatte es am 20. August 2018 mit einer 16 jährigen Schülerin in Schweden. Die hatte ein selbstgebasteltes einfaches Papp-Plakat dabei und ging nicht mehr zur Schule – weil sie auf ein gewaltiges Problem aufmerksam machen will. Climate Change. Mittlerweile gehen die jungen Leute nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz (65.000) in Belgien (35.000) in Österreich, Italien, Australien und etlichen anderen Ländern auf die Straßen.
Und ernten viel Zustimmung, aber auch sehr viel Widerspruch.
Da regen sich zum Beispiel Kulturminister auf, die jungen Leute sollten doch bitte zur Schule gehen und nach der Schule streiken, es gäbe schließlich eine Schulpflicht. Ah ja. Man argumentiert mit der Pflicht.
Das hat eine Tradition. Weshalb Hannah Arendt aus guten Gründen und in gründlicher Reflexion dieser Tradition formuliert hat: „Niemand hat das Recht zu gehorchen“. Ich stimme ihr sehr zu. Das Recht zu gehorchen hatte man selbst in der Diktatur nicht. Sondern man hatte auch schon damals, als ich noch ein junger Pastor war, die Pflicht zum selber Denken. Was unter den Bedingungen der Diktatur mitunter erhebliche Konsequenzen hatte.

Ich erinnere mich an meine erste Arbeitsstelle: Stadtjugendpfarrer in der Industrie- und Universitätsstadt Jena. Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, am Ende des vorigen Jahrtausends, kurz vor dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch eines politischen Weltsystems. Wir waren jung, wir waren engagiert, wir wollen uns einmischen und Verantwortung für das Land übernehmen, in das wir lebten. Um „Ausreise“ ging es nie, das war keine Option. Es ging darum, „dieses Land zu verändern“. Also machte ich einen „Arbeitskreis Umweltschutz beim Stadtjugendpfarramt“ auf, richtete eine Umweltbibliothek ein und sammelte junge Leute. Schon sehr bald bekamen wir massive Probleme mit der Obrigkeit. Denn, wir lebten in einem Land, dass Umweltschutz nicht kannte. Wer auf Umweltprobleme aufmerksam machte, galt sehr schnell als Netzbeschmutzer, als „Kritikaster“ und – davon sprechen Stasiakten dicke Bände – sogar als Staatsfeind. Besonders deutlich wurde das, als Tschernobyl in die Luft flog. Rings um die DDR gingen die Messwerte für Radioaktivität durch die Decke – die größte DDR der Welt blieb davon verschont……
Schließlich lebten wir in der Diktatur und nur die SED sagte die Wahrheit. Und nach deren Wahrheit gab es keine Umweltprobleme.
Ich erinnere noch genau ein Staat-Kirche-Gespräch mit dem Jenaer Oberbürgermeister, bei dem wir Kirchenleute die massiven Umweltprobleme (insbesondere der Luft) in der Stadt ansprachen. Die Luft war oftmals dermaßen dreckig, dass der Ruß sogar durch geschlossene Doppelfenster in die Wohnungen gelangte und innen auf den Fensterbrettern lag. Die Kinder lagen mit schweren Atemwegserkrankungen im Krankenhaus, die jungen Mütter erzählten uns Kirchenleuten offen, was los war. Also sprachen wir das an. Der SED Mann wusste von nix.
Kurz: Ihm sei „soetwas nicht bekannt“ war seine Reaktion.
Wenig später war er nicht mehr Oberbürgermeister, die SED musste abtreten und es begannen neue Zeiten. Auch, weil wir nicht locker ließen.

An diese Kriminalisierung und Verächtlichmachung von Umweltengagierten erinnere ich mich in diesen Tagen, in denen wieder junge Leute auf die Straßen gehen und wieder verächtlich gemacht werden.
Es geht nicht mehr so hart zu wie in den Zeiten der Diktatur – aber viele „Argumente“ kommen mir doch sehr bekannt vor. Vor allem die Angst der Etablierten vor Regelverletzung. Und dabei wissen wir – nicht erst seit der Bürgerrechtsbewegung in den USA, die ja bekanntlich mit einer Regelverletzung begann, dass in bestimmten Zeiten die Regeln verletzt werden müssen, denn diese Regeln führen ja zu dem Notstand, der abgestellt werden muss. Wenn wir uns unter den Bedingungen der Diktatur an deren Regeln gehalten hätten, wäre es nicht viel geworden mit der „Wende“.

Deshalb gefällt mir nicht nur, was die Schülerinnen und Schüler da jetzt weltweit auf die Beine stellen, sondern wir unterstützen sie, so gut wir können mit unserem auch internationalen Netzwerk Fuer-unsere-Enkel.org

Woher kommt die Kraft der jungen Leute? Im Moment kommt sie aus zwei Quellen: „Wir sind alle jung und es geht um unsere Zukunft. Das verbindet uns“.
Das sagte Luisa, eine junge, 22-jährige Aktivistin in der vorigen Woche auf der Demonstration vor dem Bundeswirtschaftsministerium in Berlin. Ich habe lange über diesen Satz nachgedacht.
Er enthält eine ungeheure Sprengkraft: Wir sind jung – das heißt: „ihr seid nicht mehr jung. Euch geht die Kraft aus. Um euch geht es nicht mehr“.
Und: „es geht um unsere Zukunft“ – nicht um eure. Das ist starker Tobak.
In Magdeburg bei der Demonstration war der Spruch zu lesen: „Ihr liegt in zwanzig Jahren im Grab – und wir sitzen dann hier bei 60 Grad.“ Es geht also um die Grundlagen. „Weshalb soll ich Abitur machen, wenn ich keine Zukunft habe?“ fragen andere Plakate. Das will erstmal beantwortet sein. Und zwar so, dass es auch wirklich gehört werden kann.

Was nicht nur mir gut gefällt:
Die jungen Leute kümmern sich um ihre eigene Zukunft.
„Demokratie – das ist die Einmischung in die eigenen Angelegenheiten“ sagte mein Freund Jürgen Fuchs, den die Stasi umgebracht hat. Er hatte sehr Recht.
Das galt damals schon, als die Bedingungen sehr viel härtere waren und man erhebliche Konsequenzen bis hin zu Gefängnis und Berufsverbot zu befürchten hatte.
Und es gilt heute ebenso.

Deshalb ist den jungen Leute von heute zu sagen: Lasst Euch nicht irre machen!
Kämpft den Kampf, den ihr kämpfen müsst.
Ihr habt sehr Recht, wenn ihr uns Älteren vorwerft, dass wir nicht genug getan haben, um die Lebensgrundlagen zu schützen.
Aber vielleicht könnt ihr es – trotz des berechtigten Zorns – gestatten, dass wir nun diesen Kampf um Klimagerechtigkeit, diesen größten Kampf des Jahrhunderts, gemeinsam durchfechten.