ach wie wär das Leben schön – mit ein wenig mehr Vernunft an den Flüssen


Der vom Land Sachsen-Anhalt – man hört, es gäbe dort Geld ohne Ende, vor allem, Geld des Bundes – geplante Saale-Elbe-Kanal erfordert zwingend den Ausbau des letzten naturnahen Flusses Deutschlands: der Elbe.

Denn: Schiffe können bekanntlich nicht fliegen.
Zwar wird das von den Unternehmen, die im „Verein zur Hebung der Saaleschifffahrt“ organisiert sind, vehement bestritten, doch schon die Binnenschiffer sehen das anders. Ein Ausbau der Saale auf ihren letzten Kilometern bis zur Mündung „lohne“ sich nur, wenn auch die Elbe ausgebaut würde. Denn: die Elbe ist flacher.
Merke: wer die Saale ausbaut, muss die Elbe ausbauen.
Es sei denn, er will wissentlich öffentliches Geld verschleudern.

Soweit so gut.
Schlecht ist, daß am 1. Februar diesen Jahres der Scoping-Termin stattfinden soll. Das ist ein wichtiger Termin im Planungsverfahren.
Dann – man hört, der Bundesverkehrsminister habe unendlich viel Geld – können die nächsten 150 Millionen Euro versenkt werden. Denn etwa so teuer wird es werden.
Ich kenne noch Zeiten, da kalkulierte man mit 100 Millionen – DM.

Die Sache wird also teurer.
Was nicht überrascht.

Überraschend und angenehm ist jedoch, daß sich nun auch die SPD gegen den Kanal ausgesprochen hat – das war nicht immer so. Nun gibt es ein breites Bündnis von Kirchen, Umweltgruppen, Parteien im Landtag von Magdeburg, die in Zeiten von Krisen, Schuldschirmen, fehlendem Geld allenthalben darauf drängen, dieses sinnlose Projekt endlich zu beerdigen.

Dieser Kampf dauert nun schon über zwanzig Jahre. Etwa so lange bin ich daran beteiligt. Erst als Anwohner, dann als indirekter Geldgeber (Seminare zur Bildung von Bürgerinitiativen entlang der Elbe) im Rahmen von politischer Erwachsenenbildung, später als Abgeordneter, dann als Staatssekretär in eben jenem Ministerium, das das Geld geben soll.

Immerhin ist es gelungen, die Sache hinzuziehen. Da der Bundesverkehrswegeplan nicht jährlich fortgeschrieben wird, ist es nicht einfach, ein einmal als „vordringlich“ eingestuftes Projekt aus diesem Plan wieder heraus zu bekommen. Was aber ging: wir konnten die Prioritäten anders setzen und das Geld an sinnvolleren Stellen investieren.

Dr. Ernst-Paul Dörfler ist kürzlich mit dem ProNatura Preis 2010 ausgezeichnet worden für sein nun beinahe lebenslanges Engagement für den Erhalt der Elbe. Die Region hat UNESCO-Weltkulturerbe-Status, eben wegen der letzten naturnahen Auenwälder Europas, die in jenem Abschnitt zwischen Magdeburg und Dessau noch zu finden sind, um den es hier geht.
Dr. Ernst-Paul Dörfler hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, dieses Gebiet vor weiterer Zerstörung zu bewahren.
Ich kenne ihn gut. Wir haben viel zusammen „auf die Beine gestellt“.
Auf der Internetseite http://www.elbeinsel.de kann man von seinem Engagement lesen und ihn unterstützen.

Es gibt sehr viele – auch prominente – Unterstützer für den Erhalt dieser wunderbaren Kostbarkeit: der alten Elbe. Professoren, Künstler, Kirchenleute, Dichter, Sänger, Poeten, Bürgerinnen und Bürger, Abgeordnete, Wissenschaftler – eine große Zahl.

Und dennoch, verflixt und zugenäht, haben sich bislang jene Lobbyisten, die im „Verein zur Hebung der Saaleschifffahrt“ organisiert sind zumindest soweit durchsetzen können, daß das Planungsverfahren läuft. Der Scoping-Termin soll Anfang Februar stattfinden.
Wobei: dies sei am Rande bemerkt: selbst ein Projekt, das zu Ende geplant ist und Baurecht hat, wird nicht „automatisch“ gebaut, denn da hat der Haushaltsausschuss des Bundestages noch ein Wörtchen mit zu reden, es geht schließlich um Bundesknete.

Dennoch: in diesen Tagen, in den wir über Hochwasser, Klimawandel und andere Dinge sprechen, während es draußen regnet – in diesen Tagen soll auf dieses Projekt hingewiesen werden. Der „Spiegel“ hat es auch mehrfach getan.

Es gibt eine Studie, finanziert vom Bundesforschungsministerium, die GLOWA-Studie, die untersucht den gesamten Einzugsbereich der Elbe (mit allen Nebenflüssen) hinsichtlich seiner Veränderungen im Klimawandel. Ein wichtiges Ergebnis sei daraus entnommen: die „Zyklen“ des Flusses, also die Hoch- und die Niedrigwässer, werden sich verändern: die Hochwässer werden im Trend höher, die Niedrigwässer im Sommer eher niedriger.

Dies bedeutet in summa: die Zeit, in der man die Elbe „nutzen“ kann, wird weniger.
Dies bedeutet: die Wirtschaftlichkeit des gesamten Projektes wird noch weiter sinken.
Da gleichzeitig auch die Kosten steigen – wir sahen es, wäre es für den neuen Landtag in Sachsen-Anhalt (gewählt wird in 2011) überaus sinnvoll, politischen Weitblick zu zeigen und das Projekt zu beenden, ohne es zu verwirklichen.

Dr. Ernst-Paul Dörfler und seine MitstreiterInnen brauchen weitere Unterstützung.
Öffentlichkeit, Vernetzung, Austausch.
Man kann tätig werden. Ein paar Mausklicks genügen:

Deshalb: http://www.elbeinsel.de

Klangfarben im Frost…


Die Wintersonnenwende dieses zu Ende gehenden Jahres werde ich wohl lange nicht vergessen. Als „Blutmond“ war Frau Luna am morgen aufgegangen, hatte gar ihre Finsternis gezeigt. Und am Abend, wir waren schon irgendwo im Nirgendwo kurz vor dem Schneehaus, das uns Herberge sein würde für die Feiertage, zeigte sie sich in einer Größe und Pracht am klaren Winterhimmel, wie ich sie noch nie gesehen habe. Das Schneeland leuchtete, Schatten gab Frau Luna, die wir merkwürdigerweise als „den Mond“ bezeichnen. Ein Ton klang über das Land im Frost, wie ich ihn noch nie gehört habe.
Der Klang des Mondes.
In jener Nacht konnte ich ihn hören.

Mit dem Licht kam der Klang.

Es gibt einen tiefen Zusammenhang zwischen Farbe und Klang. Die Sprache weiß es. Sie hält Worte dafür bereit:  „Klangfarbe“ und „Farbklang“, „Farbton“ auch. Farben klingen.  Töne lassen sich in Farbtönen ausdrücken. Es ist eine Frage der Schwingung. Denn Farben sind nur schneller schwingende Töne. Der „Sonnenton“ – hinreichend oft oktaviert-, ergibt Orange – die Farbe des Mönchsgewandes im Buddhismus. Joachim-Ernst Berendt hat in seinem Buch „Die Welt ist Klang“ darauf hingewiesen.

Die zarten Gräser im Schnee klingen ebenso. Ganz fein ist ihre Farbe, sehr fein ihr Klang. „Schläft ein Lied in allen Dingen“ wusste Eichendorff. Es ist seltsam, wunderbar, merkwürdig – wie die Dinge ineinander fließen. Klänge in Farben, Farben in Klänge. Der Krach, der uns im Alltag umgibt, überdeckt diesen feinen Zusammenhänge. Man braucht tiefe Stille, um eine Ahnung vom Zusammenhang zwischen Klang und Farbe zu bekommen.

Eine Stille ist gut, wenn selbst die Schritte im frostigen Schnee störend und zu laut wirken. Sie ist tief, wenn sich das feine Sirren im Ohr einstellt, das eintritt, wenn die Schritte still stehen.
„Wenn du auslöschst Sinn und Ton – was hörst du dann?“ fragt ein KOAN im ZEN.
Ein KOAN kann man nicht mit dem Kopf beantworten.
Denn es zielt auf eine Erfahrung, die aus der Praxis kommt.
Aus der Praxis der Sammlung.
Aus der Praxis der geübten Stille.

Wenn ich die Stille betrete, vielleicht genauer: wenn ich in sie eintrete wie in einen großen Raum, dann weitet sich der Horizont. Die Welt wird groß. Im Kleinen kann ich das Große wahrnehmen. In der Stille den Klang. Und Altes klingt ganz neu und frisch.
Wir haben alte Lieder gespielt und gesungen an diesen Feiertagen im Schnee, irgendwo im Nirdendwo in einer kleinen Ferienwohnung in einem winzigen Dörfchen irgendwo zwischen Hamburg und Bremen.
Die Stille hatte uns aufgenommen. Der Mond hatte sein Licht und seinen Klang geschickt zum Beginn dieser Tage. Der Klang wurde intensiver, je mehr wir die Stille an uns heran ließen.
Und dann traten die alten Melodien hinzu. Fünfhundert Jahre alte Lieder, manche noch älter. Lieder von der Weih-Nacht. Menschen haben sie immer wieder gesungen, diese alten Lieder. Von dem feinen Sproß, der auch am abgehauenen Stamm wieder wächst. „Es ist ein Reis entsprungen aus einer Wurzel zart…..“.

Wenn ich das stille Jahr bedenke, das nun hinter mir liegt, die Erlebnisse und Erfahrungen, die es gebracht hat, dann fühle ich mich beschenkt. Viel Überraschendes ist da in meine leere Schale gefallen. Diese leere Schale, die ich am Morgen des Tages dem Leben hinhalte, damit es sie füllen möge.
In dem Maße, wie ich mir nichts vornehme für den Tag, in dem Maße werde ich beschenkt. Es ist eine wundersame Erfahrung.
Mein Leben wird reicher, je weniger ich mir vornehme.
Begegnungen werden überraschend.
Je mehr ich lasse, um so gelassener werde ich.
Meister Ekkehart hat wie kaum ein anderer über dieses schöne Wort nachgedacht. „Gelassenheit“.
Es geht um das sich einlassen auf das, was uns im Tiefsten trägt. „Sitz nehmen“, „sich niederlassen“, „seinen Ort finden“ – dazu führt Gelassenheit, die aus dem Los-Lassen kommt. Es ist seltsam, klingt paradox: je mehr ich loslasse, um so mehr erfahre ich mich als eingebunden, verwurzelt, getragen. Gerade das Los-Lassen führt zur Erfahrung von Sicherheit und Halt.
Gerade das Nicht-Tun, das Nicht-Wollen führt zur Erfahrung großer Intensität, führt zur Erfahrung von sprudelnder Lebendigkeit.

Wir haben Nikolai Gogol gelesen. Erzählungen aus der Sammlung „Abende auf dem Weiler in Dikanka“. Geschichten aus der Ukraine. „Die Nacht vor Weihnachten“.
Und die Bauern kamen vom Ofen wieder herunter, auf den sie sich schon gelegt hatten, um den Winter zu überstehen.
Ihre Lieder klangen wieder.
Und ihre schönen alten Geschichten.

Die Frauen hatte ihre schönsten Farben angelegt. Und die Männer ihre schweren Pelze.

Der Frost klang in jedem Schritt der Pferde, die den Schlitten zogen hinüber ins Dorf, wo man schon von ferne die Lieder hören konnte.

Farben und Klänge mischen sich.
Sehe ich das eine, höre ich das andre.

Der Horizont wird weit.
Das Große zeigt sich im Kleinen.
In der Sprache der Alten hören wir: „und Gott wurde Mensch“.

Am späten Abend des 24. Dezember waren wir in einer Musik. Jaques Brel war unser Wegbegleiter. „Was wäre, wenn es wahr wäre……“ fragt er in einem seiner Lieder.

Was wäre, wenn das wahr wäre: das Große zeigt sich im Kleinen.
Der Klang in der Farbe.

Der Mondklang im Schnee.
„und Gott wurde Mensch“ sagen die Alten.
Ich lausche den alten Worten nach.
Ihre Farben gefallen mir.

Die Welt ohne Geheimnisse – etwas vom Internet


Ich stelle mir den Tag vor, an dem alle mit allen vernetzt sind.
Jeder kann, wenn er mag, alles über alle in Erfahrung bringen.
Jeder hat 10 Milliarden followers und ist mit 10 Milliarden „befreundet“.
Endlich kann jeder jederzeit wissen, was der Präsident in Ouagoudugu im Schilde führt.
Endlich ist Schluss mit den Geheimnissen.
Aus „Geheimdiensten“ werden endlich „Geh heim!-Dienste“.
Nur die Ungeborenen und die bereits Gestorbenen werden anfangs von jener Kommunikation aller mit allen ausgeschlossen sein.
Aber dies wird, eines späteren Tages, durch die Gen-Technik beseitigt werden können.
Man wird den Menschen einen Internet-chip in die Gene verpflanzen, damit auch die Ungeborenen schon teilhaben können an jenem Rauschen, das da um die Erde strömt.
Schon im Mutterleibe werden sie in Kontakt treten können mit wem immer sie wollen.
Man wird dann, eines noch späteren Tages, so weit gehen, und all jenen Kindern ein Auftrittsverbot auf der Erde erteilen, die sich weigern, an diesem teilzuhaben.

Was für eine Welt.

Endlich ohne Geheimnisse.
Endlich führt niemand mehr etwas im Schilde, denn jeder kann jederzeit wissen, was jemand im Schilde führt.
Dem Misstrauen wäre ein für alle Mal der Garaus gemacht.
Und endlich könnte jeder an jeden auf dieser Welt alles verkaufen, was er mag und anbieten möchte.
Wunderbar!

Wie eine zweite Atmosphäre sieht das aus, dieses Netz der Netze, in denen alle Menschen miteinander alles Wissen teilen, das sie voneinander haben können.
„Die Menschheit“ wird sichtbar wie eine zweite Atmosphäre rund um den Globus – mit ein wenig Phantasie.
Aber nur die Menschheit.
Denn die Elemente werden an dieser Art der Kommunikation nicht teilhaben.
Das Wasser nicht und auch nicht das Feuer, die Erde nicht und auch nicht die Tiere, die Pflanzen nicht und auch nicht der Mondschein des nachts.

Was wird das sein?
Ein Schmoren im eigenen Saft sozusagen.
Die Menschheit wird sich selbst genügen.
Denn in dem Maße, wie die Menschen in die totale Kommunikation miteinander eintreten, werden sie den Kontakt zu den Elementen verlieren.
Die Ehrfurcht vor dem Geheimnis.

Ihnen wird Wesentliches verborgen bleiben, so sehr sind sie mit sich selbst beschäftigt.
Sie werden das Geheimnis des Sonnenaufgangs nicht verstehen in ihrer Blindheit.
Und nicht das Geheimnis der Rose lüften können.
Sie werden das Geheimnis der Liebe nicht sehen können
und das Geheimnis des Vertrauens.
Sie werden um den Globus wabern mit ihrer Erkenntnis, alle mit allen verbunden, alle Geheimnisse scheinen gelüftet.

Ich höre ein großes Lachen im Weltall.
Ein großes Lachen……
Nie hat sich der Schöpfer so sehr amüsiert wie an jenem Tag……

Und? Heute schon verdrängt?


„Ich persönlich glaube nicht, dass die Gesellschaftsform, wie wir sie derzeit in Europa gewohnt sind, mit Rechtsstaatlichkeit, bürgerlichen Freiheiten und wirtschaftlicher Prosperität, solch einen rapiden Temperaturanstieg überstehen würde.“

Lese ich am Morgen und halte inne.

Was für ein Satz! Da redet ein junger Mann. Der arbeitet in Potsdam. Als Forscher. Am Institut für Klimafolgenforschung.
Dr. Anders Levermann. Er schreibt am IV. Bericht für das IPCC, das weltgrößte Netz von Instituten und Wissenschaftlern, die sich mit dem Klimawandel und seinen Folgen beschäftigen. Selbst das PENTAGON hat den Klimawandel als „größere Gefahr als der Terrorismus“ bezeichnet.

Da sitzt nun also dieser junge Doktor und sagt dem Journalisten ins Mikrofon: „Wir hoffen, dass die Risiken und die Folgen der Erwärmung handhabbar bleiben, wenn wir unter 2 Grad bleiben. Der Pfad, auf dem wir gerade sind, führt uns aber bis zum Ende des Jahrhunderts zu 4 oder 5 Grad.

Sagt er so. Und dann fügt er den Satz dazu, über den ich gestolpert bin:  „Ich persönlich glaube nicht, dass die Gesellschaftsform, wie wir sie derzeit in Europa gewohnt sind, mit Rechtsstaatlichkeit, bürgerlichen Freiheiten und wirtschaftlicher Prosperität, solch einen rapiden Temperaturanstieg überstehen würde.“

Nun werden die Menschen in Zeiten von Massenkommunikationsmitteln geradezu überschwemmt mit irgendwelchen Informationen. In der ganzen Fülle gibt es ein rares Gut: Aufmerksamkeit.
Wer wie ich gern still arbeitet, in Ruhe liest und aufnimmt, hat die Möglichkeit, zu filtern. Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Und den Sätzen nach-zudenken. Deshalb führt dieser Satz des jungen Doktors da aus Potsdam zur Frage: wenn es stimmt, was er sagt, und ich habe keinen Grund, es zu bezweifeln – welche Chance hat seine Erkenntnis und die seiner Kollegen, gehört, d.h. politikwirksam zu werden?

Nun kenne ich den politischen Alltag aus zwanzig Jahren eigener Berufserfahrung. Weiß um die unsäglich langsamen parlamentarischen Prozesse. Je höher die Ebenen – Länder, Bund, Europa, UNO – um so langsamer werden sie und um so winziger werden die Punkte, auf die man sich im Kompromiss der Interessen verständigen kann. Die großen Klimakonferenzen geben ein beredetes Zeugnis.

Wenn wir also annehmen müssen, daß unsere politischen Systeme zu langsam reagieren auf die Herausforderung.
Wenn wir also annehmen müssen, daß der erzielbare Kompromiss nicht zu dem eigentlich notwendigen Ziel führt, nämlich “ 0 Emission ab 2050″, was bedeutet das?
Man kann natürlich die Hoffnung auf Prozesse setzen, die auch ohne Politik ablaufen: Menschen kaufen bewusster ein; Industrie sieht Anlage- und Verdienstmöglichkeiten in „grünen Technologien“, die sich aus Erneuerbaren Energien speisen.
Nur: auch das wird nicht reichen.

Als ich im Verkehrsministerium als Staatssekretär anfing (ich war u.a. zuständig für neue Treibstoffe und Elektromobilität), habe ich meinen Fachleuten als erstes eine sehr einfache Frage gestellt. „Wenn wir den Tag X annehmen, an dem das Öl alle ist. Wieviel von der an diesem Tag allein für Heizung und Verkehr benötigten Energie könnten wir, wenn wir die weltweit modernsten Technologien und Treibstoffe einsetzen würden, substituieren?“
Meine Fachleute im Haus wussten nicht sofort eine Antwort.
Als wir uns wieder trafen sagten sie: „35%.

Das ist eine interessante Zahl.
Denn sie sagt: 65% des benötigten Energiebedarfes müssten dann woanders her kommen. Nicht aus Öl, nicht aus neuen Treibstoffen (inclusive H2, E-mobility etc.), nicht aus neuen Technologien – sondern aus Verbrauchsvermeidung: Effizienz.
Um dies jedoch zu erreichen, so weiß ich noch aus meiner Zeit im Bundesforschungsministerium, bräuchten wir mindestens einen Energieeffizienzgewinn im mix der Technologien von etwa 4% – pro Jahr! Derzeit haben wir etwa 1,4%. Man weiß, daß man beispielsweise bei der Erzeugung von Stahlplatten bis zu 80% Energie sparen kann, wenn man sie spritzt, statt walzt. Die Energie-Enquete, deren Mitglied ich war, hat umfangreiches Material bereit gestellt, was alles „ginge“ und auch schon praktiziert wird. Aber: um eine neue Technologie wirklich am Markt durchzusetzen, braucht man – das ist etwas von der Technologie abhängig – bis zu zehn Jahren!

Auch dies ein wichtiger Hinweis: da tut sich eine Schere auf zwischen dem, was nötig wäre und dem, was bei bestem Willen überhaupt leistbar ist – angesichts der oben beschriebenen Langsamkeit von parlamentarischen Prozessen und erreichbaren Kompromissen.
Es liegt also nicht (nur) am guten Willen.
Da gibt es einen Fehler im System: wir können nicht umsetzen, was wir wissen. Auch bei gutem Willen nicht. (Wobei ein wenig mehr Mut in Parlament und Regierung durchaus wünschenswert wäre….).

Dies wiederum bedeutet: die Wahrscheinlichkeit ist nicht klein, daß dieser junge Mann aus Potsdam, der da an seinem Bericht für den Weltklimarat schreibt, Recht haben könnte:

Der Pfad, auf dem wir gerade sind, führt uns aber bis zum Ende des Jahrhunderts zu 4 oder 5 Grad.

Kann man das aushalten? Innerlich?
Die Vorstellung von diesem Szenario? Ich meine „Ende des Jahrhunderts“ das ist ja nicht mehr lange hin. Das sind neunzig Jahre. Davon erlebt mein Sohn noch ne ganze Menge. Und eventuelle Enkel ohnehin. Es bleibt also sozusagen „in der Familie“.

Was würde es denn bedeuten, wenn der junge Doktor aus Potsdam mit seiner persönlichen Einschätzung Recht hat?: „Ich persönlich glaube nicht, dass die Gesellschaftsform, wie wir sie derzeit in Europa gewohnt sind, mit Rechtsstaatlichkeit, bürgerlichen Freiheiten und wirtschaftlicher Prosperität, solch einen rapiden Temperaturanstieg überstehen würde.“
Er spricht von dem „Pfad“ auf dem wir gerade sind.
Und: die weltweiten Trends – enormes Wachstum vor allem in Asien und Südamerika mit entsprechenden Energieverbräuchen und Emmissionen – deuten ja eher darauf hin, daß dieser Pfad noch steiler werden wird, statt „0 Emissionen ab 2050%.

Diese Überlegungen sind in ihrer Konsequenz dermaßen komplex und gewaltig – dass die Menschen verdrängen.
Ich weiß, wovon ich da rede.
Als ich auf der europäischen Verkehrsministerkonferenz vor zwei Jahren mit den Kollegen aus den Niederlanden und Spanien zusammensaß und wir uns eine Arbeitsgruppe der europäischen Hafenstädte zum Klimawandel überlegten, da war uns klar, daß uns die Zeit davon läuft. „Bei uns kommts schon über die Kaimauern“ sagte mir mein spanischer Kollege.
Wir wissen, daß auch auf die deutschen Hafenstädte und Küsten enorme finanzielle Belastungen zukommen werden.
Ein Europa wird man ein neues Finanzausgleichssystem benötigen, weil es Regionen gibt, die stärker und welche, die weniger stark betroffen sein werden.
Mein niederländischer Kollege meinte nur: „Na, irgendwie wär es ja nicht einzusehen, daß wir dann jede Hochwasserwelle des Rheins allein bezahlen sollten, wenn bei uns die Wanne volläuft. Mein Land steht jetzt schon zu großen Teilen unterhalb des Meeresspiegels. Wenn die Prognosen einträfen, würde das für die Niederlande ein Landverlust von 50% bedeuten.“ Ich habe ihn gefragt, wie sich seine Regierung darauf vorbereitet: das kleine Land gibt über eine Milliarde Euro jährlich aus, um im Meer vor den gewaltigen Deichen Sand aufzuspülen und so den Wellen die Kraft zu nehmen.
Nur: dies hat ja auch etwas vom spielenden Kind am Strand des Meeres, das sich eine Kleckerburg baut……

Es wäre absolut zwingend für Politik und Gesellschaft, dieses überaus komplexe Thema „Klimawandel“ und die Folgen prioritär (also vorrangig) zu bearbeiten. Die üblichen Schuldzuweisungen („die da oben wollen nicht“, „die Industrie ist schuld“ etc. pp) genügen bei weitem nicht, um angemessene Antworten zu entwickeln.
Aber diese Priorisierung findet nicht statt.

Weil die Informationsflut die Menschen überfordert. Übrigens auch die Menschen in den Parlamenten.
Weil sie nicht mehr zwischen Wichtigem und weniger Wichtigem unterscheiden können.
Die Sache ist ihnen zu kompliziert und sie ist ihnen zu komplex.
Man wendet sich ab. Ins Private.

Also, wie ist es: heute schon verdrängt?

das ganze Interview hier:

http://www.n-tv.de/politik/9-Grad-sind-unwahrscheinlich-article2001591.html

Ich bin ein rares Federvieh…. neue Gedichte von Lothar Petzold


Schmal kommt das Bändchen daher.
Mit Gedichten über die Vögel unsrer Heimat.
Ich halte ein: das gibt’s doch schon. In Hülle und Fülle. Diese Vogelbücher.
Mit Fotos gar und Silben, die den Ton des Gesangs nachahmen wollen. Kaum etwas ist lächerlicher, wenn man das Hören kennt.

Doch dies hier ist anders.

Ich kenne den Mann, der diese Zeilen schrieb.
Preise hat er gewonnen. (u.a. Paul-Gerhardt-Preis 2007)
Viele seiner Worte sind zu Liedern geworden. Und werden gesungen.

Ich seh ihn sitzen an seinem Tisch, vor den Büchern. Groß und schwer.
Am See in Zeuthen bei Berlin.
Und sehe, wie er lauscht.
Sehe das Kind in ihm lauschen.

Er hat als Kind schon lauschen müssen. Im Krieg. Als die Bomben fielen und er im Keller saß voller Angst.

Wenn Lothar Petzold heute lauscht, kann er schreiben:

„Doch folge ich dem Lied,
das aus dem Baume bricht,
flieg ich von meinem Ort
hinauf zum Licht.“

Da schreibt ein Hörender. Einer, der es versteht, hinter die Dinge zu lauschen.
Er schreibt von der Liebe.
Von der „großen Melodie“, die in dem kleinen Vogel singt – wenn man zu hören versteht.

Nun ist es kühn, in unseren Tagen, zugelärmt von Seltsamkeiten, hinter die Dinge zu lauschen.
Petzold weiß das.
„Ich bin ein rares Federvieh….“ lässt er den Ortolan sagen (S. 13), jenen „vergessenen Vogel“ aus der Gruppe der Sperlingsvögel, die man in Frankreich und Italien in Alkohol ertränkt, rupft und brät. „Sein Bestand ist gefährdet“, weiß der erklärende Text zu berichten.

Ich weiß, warum Petzold sich in die Vögel verhört hat.
Sie erzählen ihm etwas über sich.
Er hört, wozu er in Resonanz ist.

Aber, da lugt auch der andre Petzold aus dem Geäst, der mit der großen Kraft.
Der von der „großen Melodie“ weiß, die alles trägt und durchklingt.
Die winzige Grasmücke lässt er singen:

„Ist mein Kleid auch unscheinbar,
doch nicht so meine Stimme.
Ich klinge einer Orgel gleich,
volltönend sei die Minne!“

Da seh ich ihn sitzen. Lothar Petzold. In seiner großen Gestalt und mit seiner großen Sehnsucht.
Wie er lauscht.
Und wieder Kraft tankt.
In der Großen Melodie, die die kleinen Vögel singen.

Ein anrührendes Büchlein. Für Menschen, die bereit sind, hinter die Worte zu hören.
Lothar Petzold
„Wer singt denn da?“
WIEDENVERLAG Schwerin

http://www.wieden-verlag.de/index.php5?go=Start

und über den Autor: Lothar_Petzold@t-online.de

Vom Lesen am Morgen


Am Morgen, die Stadt wird laut, Autos und Straßenbahnen fahren, der Tag hebt an mit seinem Lärm,
finde ich diesen uralten Text über die Stille.
Verdeutscht vom „Steller der Schrift“, Martin Buber.

Die Himmel erzählen die Ehre Gottes,
die Tat seiner Hände meldet das Gewölb:
Sprache sprudelt Tag dem Tag zu,
Kunde zeigt Nacht der Nacht an,
kein Sprechen ists, keine Rede,
unhörbar bleibt ihre Stimme,-
über alles Erdreich fährt ihr Schwall,
an das Ende der Welt ihr Geraun.
.
(aus: Die Schrift. Verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig. Band 4 Die Schriftwerke, S. 31. Preisungen.XIX; 6. Auflage; Verlag Lambert Schneider, 1962)

Etwas von der Größe des Menschen


Vor mir liegt ein Stein aus der Atacama Wüste in Chile.

Er ist etwa eine Milliarde Jahre alt.

Ich fühle mich jung, wenn ich ihn sehe.

Ich schaue zum Himmel.

15 Kilometer etwa, dann beginnt das Weltall.

Etwa 70  Tausend Millionen zählbare Sterne gebe es, kann ich lesen.

Etwa 6 Milliarden Menschen leben auf der Erde

6 Milliarden Weisen, die Welt zu sehen und zu verstehen.

6 Milliarden Möglichkeiten, zu lieben, zu hoffen, zu hören

Und ich lese in einem uralten, über 2000 Jahre alten Text:

„Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind;
er gedenkt daran, daß wir Staub sind.
Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras,
er blüht wie eine Blume auf dem Felde;
wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da
und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.“

(Psalm 103)

Ich beginne, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden.