Der große Dichter aus Brandenburg – Paul Gerhardt (12.3.1607 Gräfenhainichen – 27.5. 1676 Lübben/Spreewald)


Ein echter Brandenburger. Dieser Paul Gerhardt.
Damals nannte sich seine Heimat noch „Kursachsen“ – heute kennen viele den Spreewald. Vom Kahnfahren.
Seine Eltern starben früh – Paul war 12, als der Vater starb; 14, als er auch die Mutter verlor. In Grimma ist der Junge zur Schule gegangen, in Wittenberg hat er studiert. 1643 kam er nach Berlin.
Die Stadt war durch einen fast dreißigjährigen Krieg stark zerstört. 1651-57 war Paul Gerhardt in Mittenwalde, 1655 – im Alter von 48 Jahren, heiratete er Anna Maria Berthold. Von fünf Kindern hat nur eines die Eltern überlebt. Vier Kinder musste Paul Gerhardt zu Grabe tragen.
1657 kam Paul Gerhardt an die Nikolaikirche in Berlin. Viele kennen sie. Sie steht am Alex.
Weil er sich scharf gegen die Obrigkeit wandte – sie hätte sich unangemessen in kirchliche Belange eingemischt – gab’s eine Bürgerbewegung zu seinen Gunsten: Petitionen von Bürgern, Magistrat und märkischem Adel führten zur Wiedereinsetzung als Berliner Pfarrer.
Im März 1668 starb ihm seine Frau – sie waren 13 Jahre verheiratet.
Im Herbst dieses Jahres wechselte er nach Lübben im Spreewald.
1676 wurde er dort beerdigt.

Paul Gerhardt hat wie wenige sehr viel persönliches Leid erlebt: vier Kinder hatte er zu beerdigen, dann auch seine Frau.
Und doch: geblieben sind seine wunderbaren Lieder. Eins der berühmtesten ist sicher: „Befiel du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege, des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann……“. Jedermann kennt auch „Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerzeit…..“
15 lateinische und 138 deutsche Gedichte und Lieder sind von Paul Gerhardt überliefert. Ein gewaltiges Werk. Einige seiner Texte gehören zu den bekanntesten deutschen Strophen überhaupt.
„Auffallend ist die Reichtumskritik, wohl ebenso aus Gerhardts sozialer Gesinnung wie aus der Ablehnung reformiert-höfischen Erfolgsstrebens erwachsen“ schreibt ein Lexikon über seine Dichtung.
Die internationale Ausstrahlung und Rezeption seiner Texte begann schon im 17. Jahrhundert und führte zu vielen Übersetzungen, auch in asiatische und afrikanische Sprachen.

Schulen, Straßen, Stiftungen und Kirchen wurden nach ihm benannt. Viele große Dichter haben sich auf ihn bezogen: Goethe, Matthias Claudius, Theodor Fontante, Heinrich und Thomas Mann, Georg Benn, Günter Grass. Große Komponisten haben seine Texte vertont: Johann Sebastian Bach, Georg Philipp Telemann, Max Reger und andere.

Jetzt, im Advent des Jahres 2010, etwa 400 Jahre nach Paul Gerhardts Geburt, sei an eines seiner schönen weltbekannten Lieder erinnert:
Ich erinnere mich an sein schweres Schicksal im dreißigjährigen Krieg, an den Tod seiner vier Kinder und der Ehefrau und singe mit ihm:

„Was hast du unterlassen zu meinem Trost und Freud,
als Leib und Seele saßen in ihrem größten Leid?
Als mir das Reich genommen, da Fried und Freude lacht,
da bist du, mein Heil, kommen und hast mich froh gemacht.

Ich lag in schweren Banden,
du kommst und machst mich los;
ich stand in Spott und Schanden,
du kommst und machst mich groß
und hebst mich hoch zu Ehren
und schenkst mir großes Gut,
das sich nicht läßt verzehren,
wir irdisch Reichtum tut.“

(Aus dem Adventslied „Wie soll ich dich empfangen….“).

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Der du die Zeit in Händen hast… – Jochen Klepper (22.3.1903 – 11.12. 1942)


Jochen Klepper gehört zu den am meisten rezipierten Lieddichtern des 20. Jahrhunderts. Der Journalist, Rundfunkredakteur und freie Schriftsteller war seit 1931 mit der Jüdin Hanni Klepper verheiratet.
Klepper starb im Dezember 1942 durch den Freitod gemeinsam mit seiner Frau in Berlin.
Besonders berührend seine Tagebücher von 1932-1942 „Unter dem Schatten deiner Flügel“; berühmt und oft gelesen der Roman „Der Vater“. Die gesammelten Gedichte erschienen 1962 unter dem Titel „Ziel der Zeit“; der Briefwechsel mit seinem Lehrer Rudolf Hermann unter dem Titel „Der du die Zeit in Händen hast“.

Jochen Klepper dichtet 1938 (seit 1935 war er ohne Anstellung, seiner jüdischen Frau wegen), ein Jahr vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, mitten im braunen Berlin:

Die Nacht ist vorgedrungen
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

……

Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.

…..

mitten in der finstern Nazizeit, Hitlers „Erfolge“ häuften sich, die Menschen liefen ihm millionenfach nach und bejubelten ihren „Führer“, der sie demnächst ins Verderben führen würde, schreibt Klepper:

Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt.

Ich kenne dieses Adventslied seit meinen Kindertagen. Und immer „fasst es mich an“. Johannes Petzold hat es 1939 vertont. Heute steht es in der Sammlung der Lieder aus 1900 Jahren Liedtradition, die wohl zum schönsten Kulturgut überhaupt gehört, dem „Gesangbuch“ für die evangelischen Gemeinden. Ein gewaltiger Reichtum ist darin verborgen. Lieddichtung aus beinahe 2000 Jahren, von frühen Mönchsgesängen bis in die Gegenwart (z.B. das schöne Lied meines Lehrers Klaus-Peter Hertzsch „Vertraut den neuen Wegen“ von 1989, kurz vor dem Fall der Mauer).
Wir haben dieses Lied von Jochen Klepper oft gesungen. Jahr für Jahr. In der Adventszeit.
Während der Diktatur.
Als wir die anderen marschieren sahen und nicht mitmarschierten.
Als die Ausreisewellen durchs Land gingen – Wolf Biermann und andere voran. Als die Menschen in zunehmend großer Zahl dieses Land verlassen wollten, das ihnen doch einen „lichte Zukunft“ versprochen hatte.
Als die Zensur wieder mal zugeschlagen und Dichter und Liedersänger mit Auftrittsverboten belegt hatte sangen wir: „Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.“
Ich erinnere mich an einen Abend, als wir Adventslieder sangen und russische Soldaten ihre kaltgefrorenen Nasen an die Scheiben des Zimmers pressten, um einen Blick zu erhaschen von der Adventsstimmung da drinnen. Arme Kerle waren das. Man hatte ihnen gesagt, es sei eine „Auszeichnung“ im Osten an der „Systemgrenze“ „dienen“ zu dürfen – aber man hat sie in den Kasernen gleich in der Nachbarschaft gehalten wie Vieh.
Prügelstrafe inklusive.
„Gott will im Dunkeln wohnen…..“
Jochen Klepper galt uns als Zeuge. Denn er hatte in einer wesentlich härteren, bitteren und unmenschlicheren Gesellschaft leben müssen.
Mitten unter Deutschen.
Mitten unter „anständigen“ Nachbarn, die den jüdischen Nachbarn an den Geheimdienst verpfiffen und ihn so millionenfach ins Lager brachten – oft in den sicheren Tod.

„Gott will im Dunkel wohnen“.
Das ist nichts für zartbesaitete Seelen.
Das ist etwas für politisch wache Menschen, die sehr fein und genau wahrnehmen, was um sie herum geschieht.
Jochen Klepper und seine Frau Hanni haben sich 1942 das Leben genommen. In Berlin.
Ähnlich wie Stefan Zweig im fernen Südamerika.
Und doch klingt dieses stille „Gott will im Dunkel wohnen“ bis in unsere Tage.

„Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld….“

Heute früh habe ich ihn wieder gesehen – den Morgenstern.
Ich bin ein wenig gewandert durch den knirschenden Schnee – hier in Berlin, wo Jochen Klepper mit seiner Frau Hanni gelebt, geliebt und gedichtet hat.

Es ist schön, den Morgenstern zu sehen.
Und sich an Jochen Klepper zu erinnern.

Im Advent 2010.

 

 

Ich bin ein rares Federvieh…. neue Gedichte von Lothar Petzold


Schmal kommt das Bändchen daher.
Mit Gedichten über die Vögel unsrer Heimat.
Ich halte ein: das gibt’s doch schon. In Hülle und Fülle. Diese Vogelbücher.
Mit Fotos gar und Silben, die den Ton des Gesangs nachahmen wollen. Kaum etwas ist lächerlicher, wenn man das Hören kennt.

Doch dies hier ist anders.

Ich kenne den Mann, der diese Zeilen schrieb.
Preise hat er gewonnen. (u.a. Paul-Gerhardt-Preis 2007)
Viele seiner Worte sind zu Liedern geworden. Und werden gesungen.

Ich seh ihn sitzen an seinem Tisch, vor den Büchern. Groß und schwer.
Am See in Zeuthen bei Berlin.
Und sehe, wie er lauscht.
Sehe das Kind in ihm lauschen.

Er hat als Kind schon lauschen müssen. Im Krieg. Als die Bomben fielen und er im Keller saß voller Angst.

Wenn Lothar Petzold heute lauscht, kann er schreiben:

„Doch folge ich dem Lied,
das aus dem Baume bricht,
flieg ich von meinem Ort
hinauf zum Licht.“

Da schreibt ein Hörender. Einer, der es versteht, hinter die Dinge zu lauschen.
Er schreibt von der Liebe.
Von der „großen Melodie“, die in dem kleinen Vogel singt – wenn man zu hören versteht.

Nun ist es kühn, in unseren Tagen, zugelärmt von Seltsamkeiten, hinter die Dinge zu lauschen.
Petzold weiß das.
„Ich bin ein rares Federvieh….“ lässt er den Ortolan sagen (S. 13), jenen „vergessenen Vogel“ aus der Gruppe der Sperlingsvögel, die man in Frankreich und Italien in Alkohol ertränkt, rupft und brät. „Sein Bestand ist gefährdet“, weiß der erklärende Text zu berichten.

Ich weiß, warum Petzold sich in die Vögel verhört hat.
Sie erzählen ihm etwas über sich.
Er hört, wozu er in Resonanz ist.

Aber, da lugt auch der andre Petzold aus dem Geäst, der mit der großen Kraft.
Der von der „großen Melodie“ weiß, die alles trägt und durchklingt.
Die winzige Grasmücke lässt er singen:

„Ist mein Kleid auch unscheinbar,
doch nicht so meine Stimme.
Ich klinge einer Orgel gleich,
volltönend sei die Minne!“

Da seh ich ihn sitzen. Lothar Petzold. In seiner großen Gestalt und mit seiner großen Sehnsucht.
Wie er lauscht.
Und wieder Kraft tankt.
In der Großen Melodie, die die kleinen Vögel singen.

Ein anrührendes Büchlein. Für Menschen, die bereit sind, hinter die Worte zu hören.
Lothar Petzold
„Wer singt denn da?“
WIEDENVERLAG Schwerin

http://www.wieden-verlag.de/index.php5?go=Start

und über den Autor: Lothar_Petzold@t-online.de

Trendy. Oder: das Vaterunser einmal anders


Wir Menschen werden immer mehr.
10 Milliarden sind wir demnächst.
Der Globus ächzt unter unsrer Last.
Unsere Wirtschaft wächst.
Wir sind noch stolz drauf.

Aber:
Die Grundlagen schwinden, die uns geschenkt sind.
Die Rohstoffe nehmen ab.
Und werden teurer.
Für viele unbezahlbar.
Wir werden Kriege führen deshalb.
Nicht mal sauberes Wasser haben alle.

Das Klima haben wir so verändert,
Dass sich sogar die Klimazonen verschieben.
Wüsten wachsen.
Wälder schwinden.
Das Meer ist sauer.
Die Arten sterben.
Viele, bevor wir sie überhaupt entdeckt und verstanden haben.

Du hast uns einst “Krone der Schöpfung” genannt, Gott.
Und: “Ebenbild”
Das ist lange her.
Wir aber schlagen uns die Schädel ein,
Richten uns zu Grunde,
Grenzen aus,
Verwehren dem Flüchtling das Lebensrecht.
Sperren unsre Grenzen zu.

Ich kann verstehen, wenn Menschen wieder sprechen:
“Dein Reich komme”.
Endlich.

Denn mit unserem Können ist’s nicht weit her.
Es spricht sich herum.

Deshalb sprechen wir:
“Erlöse uns.
Von dem Bösen.
Das in uns ist.”
Lehre uns.
Die Ehrfurcht vor dem Leben.

Wir hoffen, dass Dein Friede wirklich höher ist
Als unsre Vernunft.

„Der kommt oft am weitesten, der nicht weiß, wohin er geht“ – Christian Morgenstern


Mit seinen „Galgenliedern“ bin ich aufgewachsen.
Aber von seiner Verbindung zu Rudolf Steiner und Hendrik Ibsen, zu Dostojewskis Texten und von seiner „stillen Seite“ wußte ich bislang nichts.
Heut früh bin ich bei der Lektüre über einen Satz von ihm gestolpert: „Wer Gott aufgibt, löscht die Sonne aus, um mit einer Laterne weiterzuwandeln“.

Manche Sätze sind so überraschend, daß sie mich festhalten. Zum Nach-Lesen, zum Nach-Denken auffordern.
Ein neuer Gast am Tisch: Christian Morgenstern.

Er war krank sein Leben lang. Hatte sich angesteckt bei seiner Mutter. Tuberkulose.
Monatelang musste er in Liegekuren zubringen. Hat erfahren, was für ein zerbrechliches Gefäß der Körper sein kann.

Sein Vater wollte, daß Christian beim Militär Karriere macht. Das wurde nichts.
Die beiden hatten ein schwieriges Verhältnis. Manche sprechen gar von einem „Bruch“ in der Beziehung.

Weltberühmt wurden seine Texte erst nach seinem Tod 1914.
Besonders bekannt: die „Galgenlieder“.

Aber: dieser überraschende Mann hatte eine sehr stille Seite. Eine spirituelle Begabung.
Die Lyriksammlung „Einkehr“ (1910) gibt Auskunft.
Exemplarisch vielleicht dies:

Eine Glocke in stiller Nacht . . .
Was mag sie wollen ? Was ist geschehn?
Nirgends Feuerzeichen zu sehn.
Nirgends eine Seele, die wacht.

Klingt es nicht, als schlüge sich
dumpf wer an die Brust von Erz:
Schmerz – Schmerz – Schmerz – Schmerz.
Welt, mein Ich, wie quälst du Mich!

Doch, sagt Meister Eckehart,
war auch solche dunkle Klage
schon am Anfang aller Tage
Seinem Geiste Gegenwart.

Seinem Geist? O Mund, gib Ruh‘;
lass mich nicht in Worte fallen.
Einer Glocke nächtlich Lallen
darf mich lehren; doch nicht du.

Meister Ekkehart, der Mystiker und Seelenkenner ist da in diesem Text. Ich bin überrascht, ihn beim Humoristen und Satiriker Morgenstern zu finden. Die Neugier auf diesen interessanten Mann wächst.
Ich lese von seiner engen Beziehung zu Rudolf Steiner, von seiner Übersetzung von Hendrik Ibsen. Erfahre, daß er sich lange Zeit mit Fjodor Dostojewski beschäftigt hat.

Es ist eine schöne Begegnung an diesem Herbsttag.
Christian Morgenstern zeigt mir heute eine verborgene, stille Seite, die mich überrascht und anspricht.

Novembertag

Nebel hängt wie Rauch ums Haus,
drängt die Welt nach innen;
ohne Not geht niemand aus;
alles fällt in Sinnen.

Leiser wird die Hand, der Mund,
stiller die Geberde.
Heimlich, wie auf Meeresgrund,
träumen Mensch und Erde.

 

noch etwas zur Erklärung….warum ich die LYRIS Gruppe unterstütze


Es geht für mich um viel mehr, als nur darum, einer Gruppe bislang in Deutschland unbekannter Künstler zu helfen.
Ich spüre, daß da mehr ist.

Worte fallen ein. „Wiedergutmachung“ zum Beispiel. Aber es ist ein ungeeignetes Wort, weil das gar nicht geht. Man kann nicht etwas „wieder gut machen“. Schön gar nicht das Schicksal fremder Menschen.
Die Autoren der LYRIS-Gruppe in Jerusalem mussten als Kinder ins Ungewisse. Ins Exil. Auf der Flucht vor den Nazis. Ihre Familien haben sie verloren.
Aber seit über dreißig Jahren treffen sie sich – um sich Texte vorzulesen, die sie in deutscher Sprache schreiben.

Unverstandene im eigenen Land.
Da geht ein Riß durch die Biografien: selbstverständlich sprechen sie mittlerweile die Sprache Israels, selbstverständlich sprechen etliche auch englisch oder französisch.
Aber ihr Innerstes, das, was sie wirklich im Tiefsten bewegt – drücken sie in deutscher Sprache aus, in der „Sprache der Mörder“.

Was haben diese Gedichte mit mir zu tun?
Weshalb spüre ich, daß ich etwas tun muss und tun kann für jene Künstler da im fernen Jerusalem? Weshalb versuche ich zu helfen, daß ihre Texte nun auch in Deutschland bekannt werden?

Weil da ein altes Thema liegt.
Schon seit etlichen Jahrzehnten beschäftigt mich die dunkle Zeit. Als die Deutschen über die Welt herfielen in ihrem braunen Wahn.
Schon als Student hat mich das Thema gepackt. Von den Deutschen. Und der Schuld.
Und es hat mich seither niemehr losgelassen.
Ich bin der Spur gefolgt in der Examensarbeit über die Kirche im Dritten Reich; ich bin ihr weiter gefolgt, an die Hand genommen von Johannes Bobrowski.
Viele Begegnungen in Israel und Deutschland, in den USA und anderswo haben mich immer erneut auf die Spur gebracht.

Mich, der Enkel sein könnte jener Menschen, die ins Ungewisse mussten.
Sie waren Kinder damals.

Heute nun, im Jahre 2010 begegnen mir ihre Texte. Eine Freundin hat sie mir auf die Türschwelle gelegt.
Gedichte sind es.
In Deutsch geschrieben.
Naturgedichte ebenso, wie wunderschöne Gedichte über die Beziehung zwischen Menschen.
Der Versuch, Erlebtes zu verstehen.

Ich, der ich Enkel sein könnte, kann nicht viel tun.
Denn Geschehenes kann man nicht rückgängig machen.
Aber: etwas kann ich tun.
Ich kann helfen, daß diese Texte nun auch in Deutschland bekannt werden.
Ich kann helfen, daß eine Gruppe von Autoren in Deutschland bekannt wird, die ganz im Stillen über lange Jahrzehnte in Jerusalem lebend, festgehalten hat an der deutschen Sprache – trotz des Vergangenen.
Es geht darum etwas mitzuteilen: ihr dort, im fernen Jerusalem; ihr Dichter und Maler, Grafiker und Bildhauer, die ihr euch in der kleinen LYRIS-Gruppe zusammengeschlossen habt: wir sehen euch.
Wir nehmen Euch und Euer Schicksal wahr.

Wir wollen einen kleinen Beitrag leisten, daß Ihr nicht in Vergessenheit geratet.

Deshalb.
Nehmt es als kleines Zeichen der Verbundenheit an.
Darum kann ich bitten.

Die Texte der LYRIS-Gruppe sind im kleinen Berliner Verlag http://rainstein.de erschienen. Man kann sie dort bestellen.
Und man kann durch das Posten dieses links helfen, daß die Autoren der LYRIS-Gruppe in Deutschland bekannter werden.
Viel ist es nicht, was wir tun können.
Aber dies können wir tun.

Die Spur führt zu Paul Celan – die Gruppe LYRIS in Jerusalem.


Sie sind mittlerweile hochbetagt. Und treffen sich regelmäßig. Seit über dreißig Jahren. Lesen sich aus ihren Texten vor. Sprechen darüber. Kritisieren Form und Stil. Vergewissern sich.
Autoren der Gruppe LYRIS.
In Jerusalem.
Sie sind Maler, Grafiker, Bildhauer – und Dichter.
Der Autor Manfred Winkler, (Preis des Ministerpräsidenten für Lyrik); Jahrgang 1922; die Malerin Ivonne Livay (geboren 1942 in Zürich), Magali Zibaso, 1939 geboren und andere.
Die Berliner Verlegerin Dörthe Kähler, mit der ich seit längerem befreundet bin, hat es nun riskiert und – mit finanzieller Hilfe eines Freundes – drei Gedichtbändchen herausgebracht, die in ihrem kleinen Verlag RAINSTEIN erschienen sind. (http://www.rainstein.de).
Es ist eine kleine Sensation.
Denn eigentlich haben die Autoren der LYRIS-Gruppe ihre Texte für sich geschrieben. In ihrer Muttersprache deutsch. Obwohl sie in Israel leben.

Nun aber finden sie Anerkennung – in Deutschland.

Meine Frau und ich hatten Dörthe Kähler eingeladen, aus diesen Bändchen vorzulesen und uns die Arbeit der LYRIS-Gruppe näher zu bringen. Gestern Abend las sie nun im privaten Kreis.
Und es war ein bewegender Abend.
Denn, die da saßen, könnten die Kinder oder gar Enkel der Autoren sein. Vom Alter her.
Deutsche im Alter zwischen vierzig und sechzig lasen und hörten Texte von Menschen, die in Deutschland, in der Schweiz, in der Bukowina und anderswo geboren wurden; deren Familien häufig ganz und gar dem Holocaust zum Opfer fielen. Texte von Überlebenden. In der „Sprache der Mörder“ geschrieben – in deutsch.

Die Spur führt zu Paul Celan, denn es gibt langjährige persönliche Beziehungen von Mitgliedern der LYRIS-Gruppe zu diesem großartigen Dichter.

Die Texte, zum Teil illustriert mit Grafiken und Malereien der LYRIS-Mitglieder, sind nicht nur anrührend, weil sie von denen stammen, die eigentlich allen Grund haben könnten, nie wieder deutsch zu sprechen.
Sie sind anrührend – weil es sehr gute und sehr schöne Texte sind.

Von Ivonne Livay gibt es das Bändchen „Rostige Zeiten“. Von Magali Zibaso „Augen“, von Eva Avi-Jonah „Brennpunkt“.
Erhältlich im Internet auf der Verlagsseite http://www.rainstein.de.

„Warum hast Du diese Bändchen herausgebracht?“ frage ich die befreundete Verlegerin.
„Ich konnte nicht anders. Es ist ein Stück Anerkennung. Ein Zeichen der Verbundenheit. Vielleicht können wir durch die Herausgabe dieser Texte den Autoren mitteilen: wir sehen Euch. Wir lesen Eure Texte. Wir hören von Eurem Schicksal.“

Dörthe Kähler hätte mit den eigenen Mitteln diese Publikation nicht machen können. Ein Freund hat geholfen. Deshalb geht der Dank auch an Manfred von Baum.

Wenn diese drei Bändchen mit Lyrik nun in Deutschland Leser und Verbreitung finden, dann ist es vielleicht auch ein Zeichen der Verbundenheit mit den Menschen, die überlebt haben.
Viele sind es nicht mehr.

Sie sind hochbetagt mittlerweile.
Und treffen sich noch regelmäßig.
Um sich ihre Texte vorzulesen, darüber zu sprechen.
Sie wußten von dieser kleinen Veranstaltung in Berlin.
Sie wußten, daß da aus ihren Texten gelesen werden würde.

Nun können Sie über etwas Neues und Aufregendes miteinander sprechen: das Erscheinen ihrer Texte in Deutschland.
Wir stehen im Kontakt mit der Gruppe LYRIS.
Und wir wissen, daß die Publikation zu großer Freude geführt hat. Bei ihnen und in ihren Familien.

Ich wünschte mir, daß diese drei schmalen Bändchen gut aufgenommen werden in Deutschland.