Wenn du mit Trümmer-Bildern aufgewachsen bist, prägt das dein ganzes Leben.


Nur 12 Jahre nach Kriegsende bin ich im Süden Brandenburgs auf die Welt gekommen. In diesem Jahr werde ich 60. Und heute habe ich – wieder einmal – den Ort meiner Vorfahren besucht: Gartz an der Oder. Meine Großmutter mütterlicherseits stammt von dort aus einer alten Bauernfamilie. Vater und Mutter wurden dort geboren. Uckermärkische Wurzeln also. Als ich vor nun beinahe 6 Jahren in die Uckermark kam, war da diese Entdeckung: da hatte sich ein Lebenskreis geschlossen. Ich war wieder in der Gegend, in der meine Vorfahren mal angefangen hatten.
Gartz also.
img_0261Meine Großmutter, Jahrgang 1902, wohnte in der Großen Mönchenstraße 360. Kurz vor der Wende haben wir das Haus verkauft. Heute wohnen mehrere Mietparteien darin.
Großmutter kannte noch die Zeiten „unter dem Kaiser“, wie sie sagte. Als der Erste Krieg begann, war sie 12. Sie hat den Zeppelin über Gartz gesehen als Kind und konnte sich an die „Zigeuner“ erinnern, die auf der Plane ihres Wagens den Untergang der Titanic gemalt hatten. Neuigkeiten wurden per Planwagen in die Ortschaften getragen. Meine Großmutter hatte eine Großmutter, die „in der Franzosenzeit“ mal betrunkene französische Offiziere aus dem Gastraum geworfen hat, den sie betreute.
Meine Mutter, Jahrgang 1926, ist hier aufgewachsen. Ging hier zur Schule. Später zur Handelsschule nach Stettin. Der große Garten des Hauses in der Großen Mönchenstraße ging hinunter direkt bis an die Oder. Großmutter erzählte, wie sie als Kind noch Wasser holen musste für’s Vieh. In Holzeimern am Trageholz über der Schulter, in Holzpantinen.
Gartz war mal ein schönes Ackerbauernstädtchen, mit einem eigenen Gymnasium, mit einer Lehrerbildungsanstalt. Mit einem Kino.
Heute ist davon nicht mehr viel.
Denn da war die Zeit, als „der Verrückte“ regierte, wie sich die Großmutter ausdrückte. „Der Adolf“ und „der Teufel“, damit war Goebbels gemeint.
Heute gehe ich über das uralte Kopfsteinpflaster dieses ehemals schönen Ackerbauernstädchens oben am Steilufer der Oder und habe alle diese Geschichten im Sinn, die meine Kindheit geprägt haben. Ich höre das helle Lachen meiner Mutter und das verschmitzte Lachen meiner Großmutter, wenn sie mal wieder „Gartzer Geschichten“ erzählte. Die von den Fischern zum Beispiel, die sich nach dem Fang die Beute teilten. Der Klügere teilte so: „Du’n Pitzker, ick’n Aal. Ick’n Aal un du’n Pitzker“. Pitzker waren die kleinen Fische. Und Aal aß man gern. In allen Variationen.
Und Tabak hat sie gefädelt die Großmutter. Auf dem Hof in der Großen Mönchenstraße 360. Seit 1900 gab es unten am Wasser auch den neuen Speicher, in dem der Tabak getrocknet und verarbeitet wurde.
Als ich zum ersten Mal diese Straßen ging, als kleines Kind noch an der Hand meiner Mutter, da gab es dieses ehemals schöne Ackerbauernstädtchen nicht mehr. 90% des Ortes waren zerstört.
Es war ein Freitag, der 20. April 1945, vier Wochen vor Ende des Krieges, als die Zerstörung über den Ort hereinbrach. „Die Russen“, wie man damals sagte, lagen schon längere Zeit am anderen Ufer der Oder. Aber nun griffen sie an, weil sich die Stadt nicht ergeben wollte. Und machten sie „platt“.
Durch die Ruinen bin ich als Kind gelaufen. Mein zwei Jahre älterer Bruder auch. Es gibt Fotos davon.
Ich bin mit Bildern von Ruinen groß geworden. Der Krieg war ja gerade mal erst 12 Jahre her.
Das hat mein Leben geprägt.
Diese verdammten 12 Jahre und vor allem ihre Folgen haben mein Leben geprägt. Immer und immer wieder habe ich mich mit dieser Zeit, ihren Ursachen, ihren Entwicklungen, ihren handelnden Personen, den Daten, den Quellen und vor allem dem vielen vielen Elend befasst.
Gegenwärtig arbeite ich an einer oral-history-Bibliothek, in der Lebensläufe von Kriegskindern erfasst werden, der Generation meiner Eltern also, obwohl, die waren ja am Ende des Krieges schon beinahe erwachsen.
Meine Mutter war 18, als sie „auf die Flucht ging“, wie man sagte und sagt.
Sie hatte eigentlich schönes langes Haar, manchmal in dicke Zöpfe geflochten. Aber nun, im April 1945, da hatte man ihr die Haare abgeschnitten, sie in Hosen für Jungs und in eine Jacke gesteckt, weil die Menschen Angst hatten vor „den Russen“. Konkret: vor Vergewaltigung.
Großmutter hat an seltenen Tagen manchmal etwas angedeutet von dem, was in jenen Tagen geschehen ist am Ostrand der Uckermark. Sehr konkret geworden ist sie nicht.
Die Eltern haben so gut wie nie über diese Zeit gesprochen. Und wenn, dann nur sehr kurz und nur auf Nachfrage.
Als ich Kind war, waren da nicht nur die Ruinen von Gartz an der Oder, da waren auch noch die Flüchtlinge im Dorf im Süden Brandenburgs. Und der ehemalige Soldat, der nun als „Holzhacker“ seinen Lebensunterhalt verdienen musste.
Man könnte meinen, ich sei in einer „idyllischen“ Kindheit mitten in den brandenburgischen Wäldern aufgewachsen, was äußerlich auch zutrifft.
Aber zur Wahrheit gehört: ich bin mit diesen Ruinen-Bildern aufgewachsen. Und sie wurden zu einem bestimmenden Lebens-Thema. Es hat mich begleitet in der Jugend, es hat mich begleitet im Studium und dann ein Leben lang.
img_0282Heute stand ich vor dem Rest der einst schönen Kirche in Gartz an der Oder und hatte alle diese Geschichten im Sinn.
In dieser Kirche wurde meine Großmutter getauft und konfirmiert, hier wurde sie getraut. Meine Mutter wurde hier getauft und konfirmiert, mein Vater wurde hier getauft. Hier liegen „meine Wurzeln“.
Was heute von dieser ehemals schönen Kirche noch zu sehen ist, sieht aus wie ein hohler Zahn. Ein Turm, dann mehr oder weniger nichts, dann ein überdachter Hoher Chor. Man hat die Ruine wieder nutzbar gemacht, das schon. Aber sie ist eben nach wie vor nur der Rest einer ehemals schönen Kirche im Ackerbauernstädtchen Gartz an der Oder.
Und sie ist deshalb eine Ruine, weil da diese Völkischen waren, die glaubten, „die Deutschen“ müssten „die ersten“ sein in Europa und in der Welt.
Diese Völkischen, die alles ausrotteten, was „volksfremd“ war und „ungesund für den Volkskörper“.
Diese Völkischen, deren politische Wurzeln weit zurückreichen, waren ein wichtiger Quellgrund für den Nationalsozialismus, diese perfekte Organisation des Massenmordes.
Wenn ich vor der alten Gartzer Kirche stehe, geht mir das alles durch den Sinn.
Niemals mehr dürfen die Völkischen an die Macht kommen. Niemals mehr.
Egal, wie sie heißen, ob sie sich „AfD“ oder „Le Pen“ nennen, ob sie Wilders heißen oder Höcke, ob Gauland oder wie auch immer.
Diese Leute dürfen niemals wieder an die politische Macht kommen.
Wir können nämlich sehen, was dabei heraus kommt:Ruinen.
Mittlerweile gibt es – glücklicherweise – viel Literatur über uns Kriegsenkel. Es gibt Vereinigungen, auch von Seelenkundigen, die sich – endlich – mit den Folgen des Krieges auf die Generation der Kinder und Enkel befassen.
Ich kann von mir eines sagen:
Es gibt ein Grundgefühl, das für mich mit dieser Zeit unauflösbar zusammenhängt und das zu meinem Leben gehört, wie jene Gartzer Ruine zu meinem Leben gehört.
Trauer.
Und aus dieser Trauer erwächst an manchen Tagen Zorn. Nicht Wut, nein, Wut nicht. Aber Zorn.
Und zwar Zorn über diese unsägliche Gedankenlosigkeit, die uns allenthalben heutzutage wieder entgegenschlägt, wenn es gegen „den Islam“, gegen „die Flüchtlinge“, „gegen Zuwanderung“, „für Abschiebung“ geht.
Wie seelisch verwirrt und verdorben muss man eigentlich sein, dass man Gedanken wieder Raum gibt, die für alle die noch heute zu besichtigenden Ruinen verantwortlich sind?
Diese reiche und übersatte Republik gibt sich leichtfertig einem Denken hin, das Ursache für übergroßes Elend geworden ist. Man bunkert sich ein. Man zieht Mauern und Zäune, man grenzt aus, man wehrt andere sogar mit Waffengewalt ab.
Obwohl es einem äußerlich sehr gut geht.
Deutschland ist wirtschaftlich die stärkste Nation innerhalb des europäischen Verbundes. Und das Land hat – dank hunderttausender ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer – auch viel Gutes getan.
Aber: Deutschland steht in der Gefahr, das alles leichtfertig wieder zu verspielen.
Aus Angst und aus Gedankenlosigkeit. Und, weil man sich bislang noch zu wenig um die Trümmer in den Seelen der Menschen gekümmert hat, die mit den Bildern der Ruinen aufgewachsen sind. Man hat in den fünfziger Jahren geglaubt, das Elend des Völkischen sei durch materiellen Wohlstand zu überdecken.
Aber das war ein großer Irrtum.
Aufgabe unserer Eltern war es, den äußeren Schutt nach dem Kriege zu beseitigen.
Unsere Aufgabe ist es, die Trümmer in den Seelen der Menschen aufzuräumen.
Zu allererst in der eigenen Seele.
Wenn wir nicht genau anschauen, was uns geprägt hat, wenn wir diesen „Schatten“ nicht wirklich anschauen, bis er zu sprechen beginnt. Wenn wir „die Geschichten“ nicht endlich erzählen und das Geschehene auch betrauern, dann besteht die große Gefahr, dass wir sie wiederholen.
Man kann die Seele nicht betrügen.
Deshalb: schaut euch die Ruinen an. Sie sind große Lehrmeister.

Herr Oberschiedlich und Herr Unterschiedlich spielen „Clown-Syndrom“. Ein Stück der Extra-Klasse

Herr Oberschiedlich und Herr Unterschiedlich spielen „Clown-Syndrom“. Ein Stück der Extra-Klasse

Ich bin extra in die Schweiz gereist, um dieses besondere Stück zu sehen:
Clown-Syndrom.
Mit Eric Gadient und Olli Hauenstein.
Mehr als 20 Vorstellungen seit September 2016. Alle ausverkauft.
Und das hat einen Grund: dieses Stück ist ein sehr besonderes Stück.
Denn hier spielen zwei sehr verschiedene Menschen auf gleicher Augenhöhe.
Der Profi-Clown Olli Hauenstein, der mit Roncalli, mit Cirque du Soleil gespielt hat, der in Tokio spielte und an großen Bühnen dieser Welt. Dieser Herr „Unterschiedlich“ trifft auf den schauspielbegabten, am Down-Syndrom erkrankten Eric Gadient (39) und aus dieser Begegnung entsteht im Laufe von zwei Jahren Proben-Zeit ein wundervolles, zauberhaftes Stück, das einem die Tränen in die Augen treibt und einen vor Lachen auf die Schenkel klopfen lässt.
Was für eine große Sache!
Zweimal habe ich das Stück gesehen. Und jedes Mal war es auf eine andere Weise wundervoll.
Wir hatten die Ehre, Eric Gadient von zu Hause abholen zu dürfen. Wir haben ihn begleitet nach der Aufführung, haben mit ihm zusammen gegessen bei Hauensteins zu Hause, wir haben Musik gemacht zusammen.
Und dieses Erlebnis war ein sehr besonderes.
Ulle Hauenstein kennt Eric seit langen Jahren. Sie weiß, was er kann und sie weiß natürlich auch, was ihm schwer fällt.
Und diese drei: Ehepaar Hauenstein und ihr Zögling Eric haben da gemeinsam etwas auf die Beine gestellt, das einfach wunderbar ist. Es ist ein zärtliches Stück und ein zum Brüllen komisches, ein Stück voller Clowneske, ein Stück voller Aufmerksamkeit und Improvisation.
Olli Hauenstein muss sehr wach sein, wenn er mit Eric dieses Stück spielt. Denn Eric lässt sich manchmal etwas Überraschendes einfallen. In der Szene mit dem Spiegel zum Beispiel, in dem Eric die Bewegungen vorgibt und sein Partner Olli die Bewegungen spiegelgleich nachmachen muss.
Oder in der Szene aus dem Wilden Westen, in der sich die beiden mit einer Spritzwasser-Pistole und einem Nudel-Sieb duellieren. Am Ende liegt der Pianist erschossen auf seinem Klavier…..
Das Stück „Clown-Syndrom“ ist kein Stück, in dem einem am Down-Syndrom erkrankten Menschen irgend ein Kunststückchen „beigebracht“ worden ist. Nein, dieses Stück lebt davon, dass da jemand sehr genau hingeschaut und gesehen hat, was für eine wunderbare Begabung beim Eric da ist.
Und diese Begabung wurde gefördert.
Eric hat „gute Ideen“ beigesteuert, und Olli hat „gute Ideen“ beigesteuert. Und so ist nach und nach dieses zauberhafte Stück vom „Angeln nach Glück“ entstanden, das man nun sehen kann.
Die beiden sind nun auf Tournee. Sie werden in St. Gallen spielen und in Zürich, in Konstanz und an anderen Orten.
Ich wünsche den beiden sehr, dass sie auch an deutsche Bühnen eingeladen werden.
Denn das, was sie vorzutragen haben, sollte die Welt gesehen haben.
Das Stück endet mit einem Satz und einer Frage:
„Ja, ich habe geträumt. – Und Sie?“
Da ist ein Traum wahr geworden. So etwas gibt es. Man kann es sehen.

Besondere Menschen. Eine Erinnerung an Klaus-Peter Hertzsch


Für mich ist er einer dieser wenigen besonderen Menschen, die einem im Leben begegnen.
Dieser zierliche, beinahe blinde kleine Mann mit den von Krankheit gezeichneten Händen und der zarten Jungen-Stimme.
Als mich gestern die Nachricht von seinem Tode erreichte – tauchten sofort Bilder auf. Bilder aus vergangenen Tagen, über ein Vierteljahrhundert liegen sie zurück und sind doch so gegenwärtig. Das Studium an der Friedrich-Schiller-Universität im schönen thüringischen Städtchen Jena unter den Bedingungen der Diktatur. Ich war von Naumburg gekommen, um bei ihm zu lernen.
Er hatte „etwas zu sagen“, etwas von der Sprache und etwas von der Hoffnung.
Als erstes kam die Erinnerung an seine zierliche Gestalt und die große Brille, die er brauchte, wenn er mal – was selten vorkam – etwas ablesen musste. Meistens sprach er auswendig. Sein phänomenales Gedächtnis habe ich immer bewundert. Egal, welches Lied angestimmt wurde – er konnte es auswendig. Früh schon hatte ihn seine Augenkrankheit gezwungen, zu improvisieren. Lesen war schlecht – aber auswendig lernen, das war möglich.
Und dann war da seine Stimme. Diese stets lächelnde, beinahe verschmitzte, oft hintergründige, zarte Stimme.
Wenn er ans einfache Pult trat im größten Raum der „Sektion Theologie“, wie das damals noch hieß, der überfüllt war von Menschen, die die Professor-Ibrahim-Straße aus der dunklen Stadt hinaufgestiegen waren, um ihm zu lauschen, wenn er vortrug. Ging da ans Pult, rückte mit der linken Hand die große Brille zurecht, schwieg einen Moment und begann. Und vom ersten Moment an hatte er uns gepackt, ergriffen, angefasst, berührt.
Vorlesungen über Literatur, die selbst Literatur waren. Gesprochenes Wort, Rede. Ja. Und doch druckreif. Erzählend, packend auch, heiter nicht selten und immer eröffnend. Eine Welt ging mir auf und nicht nur mir, das weiß ich von vielen, die bei ihm auch gelernt haben.
„Schattenland. Ströme“. Johannes Bobrowski und Max Frisch, Christa Wolf und andere. „Unsere Sprache ist klüger als wir“. „LTI“ von Klemperer haben wir gelesen – und daneben lag das „Neue Deutschland“. „Achtet auf die Sprache!“
Die Welt des in Verantwortung gesprochenen Wortes, die er hat er zugänglich gemacht, hat die Türen dahin geöffnet und die Ohren aufgeschlossen für DAS WORT, um das es ihm in allem, was er schrieb und sprach, immer zu tun war.
Erzählkurse gehörten zur Ausbildung. Wir sollten erzählen lernen. Ins gemütliche Dörfchen Tautenburg sind wir gefahren, um zu wandern, gemeinsam zu essen und – erzählen zu lernen.
Und: „Wenn es Ihnen schon möglich ist: legen Sie ihr Manuskript beiseite. Predigt ist Rede, nicht Lese……“
Weshalb wir erzählen lernen sollten?
Seine Antwort: „die angemessene Form, sich dem Geheimnis zu nähern, ist die Erzählung“.
Das war eine Theologie, die mich im Kern berührt hat, dazu hatte ich unmittelbaren Zugang. Das Buch der Bücher erschloss sich auf ganz neue Weise, wurde zum Lehrmeister, zum begehrten Studienobjekt.
Vielen anderen ging es ebenso.

Nun ist er gestorben. Prof. Dr. Klaus-Peter Hertzsch. Ein großer Lehrer. Ein Stiller im Lande, auf den man aber gehört hat, der geprägt hat, der Hoffnung gegeben hat, der uns hingewiesen hat auf die Große Hoffnung, auf die wir zugehen. Nicht nur im kleinen Thüringen, sondern in ganz Deutschland und weit darüber hinaus.

Bei youtube gibt es eine kleine Dokumentation über Ausschnitte aus seinem Leben. Darin sagt Klaus-Peter Hertzsch: „Es ist schön, wenn man einem sterbenden Menschen sagen kann: Auf Wiedersehen. Das ist tragender Glaube.“

Ich sage das nun: „Lieber Professor Hertzsch, ich bin sehr dankbar, dass wir uns begegnet sind. Und ich bin dankbar dafür, dass wir einen für mich sehr wichtigen Abschnitt unserer Lebenswege gemeinsam gegangen sind. Auf Wiedersehen.“

Die Weisheit der Sprache


Sonnenaufgang in der Uckermark
Sonnenaufgang in der Uckermark

Die Sprache, die ich nutze, ist älter als ich. Sie ist reich, birgt altes Wissen der Generationen, die vor mir gelebt haben. Diese Erfahrungen sind in Worte geronnen. Manche sind sehr alt.
Die Sprache beherbergt Erfahrungen, auf die ich neugierig bin.
Deshalb denke ich ihr nach, höre ihr nach, spüre ihr nach, bin auf Entdeckungsreise.
In aller Herrgottsfrühe“ war da heute einer aufgestanden, so stand es bei facebook zu lesen.
Ich sehe nach und finde: „Die Bezeichnung „Herrgottsfrühe“ kann sich auf Gott als dem Geber und Herrn der Zeit beziehen, oder aber es handelt sich um einen Hinweis auf das Läuten der Glocke zur Frühmesse „. (www.redensarten-index.de).
Gott als der Geber und Herr der Zeit.
Altes Wissen birgt sich da im Wort.
Alte Erfahrung.
Weitergegeben von Generation. Eingewurzelt nun in unserer Sprache. Damit diese Erfahrung nicht verloren geht.
Das Wort „Gott“ ist selbst eher eine Verdunkelung, denn eine Erklärung, weshalb ich es hier unerklärt stehen lasse, wie einst die Hebräer das Wort JHW. Wichtiger ist mir, was von ihm ausgesagt ist:
nicht wir, sondern „er“ (oder „es“, oder „sie“) ist Geber der Zeit.
Das ist die alte Erfahrung: ich kann meinem Leben nicht eine Sekunde hinzufügen. Leben ist Geschenk.
Alle, die glauben, man könne Leben „verlängern“, irren grundsätzlich.
Wir sind nicht die Herren der Zeit, die uns gegeben ist.
Wer sich morgens, in einem Urlaub vielleicht, die Freude bereitet, einen Sonnenaufgang still zu beobachten, den Moment, in dem ein neuer Tag geboren wird, kann eine Ahnung vom Gemeinten ergattern.
Wenn man ganz still nur beobachtet.
Nicht kommentiert.
Nur wahrnimmt.
Es lohnt sich, hinterher einmal aufzuschreiben, was man da eigentlich genau wahrgenommen hat.
Geschenkte Zeit.
Jochen Klepper dichtet 1937, die Nazis waren schon 4 Jahre an der Macht und glaubten, sie seien nun die Herren:

Der du die Zeit in Händen hast

1. Der du die Zeit in Händen hast, Herr, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen.
Nun von dir selbst in Jesus Christ die Mitte fest gewiesen ist, führ uns dem Ziel entgegen.

2. Da alles, was der Mensch beginnt, / vor seinen Augen noch zerrinnt, / sei du selbst der Vollender. / Die Jahre, die du uns geschenkt, / wenn deine Güte uns nicht lenkt, / veralten wie Gewänder.

3. Wer ist hier, der vor dir besteht? / Der Mensch, sein Tag, sein Werk vergeht: / Nur du allein wirst bleiben. / Nur Gottes Jahr währt für und für, / drum kehre jeden Tag zu dir, / weil wir im Winde treiben.

4. Der Mensch ahnt nichts von seiner Frist. / Du aber bleibest, der du bist, / in Jahren ohne Ende. / Wir fahren hin durch deinen Zorn, / und doch strömt deiner Gnade Born / in unsre leeren Hände.

5. Und diese Gaben, Herr, allein / lass Wert und Maß der Tage sein, / die wir in Schuld verbringen. / Nach ihnen sei die Zeit gezählt; / was wir versäumt, was wir verfehlt, / darf nicht mehr vor dich dringen.

6. Der du allein der Ewge heißt / und Anfang, Ziel und Mitte weißt / im Fluge unsrer Zeiten: / bleib du uns gnädig zugewandt / und führe uns an deiner Hand, / damit wir sicher schreiten.

Lebenszeit.
Geschenkte Zeit.
Ich bin dankbar für jeden neuen Tag, der mir geschenkt wird.
Am klarsten fühle ich diese Dankbarkeit in aller Herrgottsfrühe, wenn der Tag noch klar und jung und unbenutzt vor mir liegt.

Mir ist so seltsam zu Mute bei dieser Silberhochzeit. Etwas zum Mauerfall


Gefühle soll man ernst nehmen.
Deshalb hab ich mich gefragt, weshalb mir so seltsam zu Mute ist bei diesem Jubiläum? 25 Jahre Hochzeit zwischen Ost und West. 25 Jahre Fall der Mauer? Silberhochzeit.
Große Worte sind in der Welt.
Von „Revolution“ wird da geredet. Friedlich sei sie verlaufen.
Von „Freiheit“ wird auch geredet. „Widerstandkämpfer“ habe es gegeben
Mir ist das alles eine Nummer zu groß und mich beschleicht das Gefühl, dass etwas „nicht stimmt“.
Ich wusste lange nicht, wie ich es in Worte fassen könnte.
Bis da heute ein Text geflogen kam. Ein Redetext.
Gehalten von einem Südamerikaner.
Es hat da zum ersten Mal ein Treffen von sozialen Gruppen aus aller Welt gegeben im Vatikan.
Und dieser südamerikanische Papst fand die Worte, die eine Erklärung wurden, woher mein Unwohlsein kommt bei dieser Silberhochzeit, die in Deutschland gefeiert wird in diesen Tagen.
Denn da stimmt etwas ganz und gar nicht. Nicht nur im Staate Dänemark.
Und Papst Franziskus hat es in Worte gekleidet:
„Die Sozialen Bewegungen bringen zum Ausdruck, wie dringend unsere Demokratien verlebendigt werden müssen, weil sie oft von unzähligen Faktoren entführt werden. Für die Gesellschaft ist eine Zukunft nur vorstellbar, wenn die Mehrheit der Bevölkerung eine aktive bestimmende Rolle mit spielt. Eine solch aktive Rolle geht über die logischen Verfahren einer formalen Demokratie weit hinaus. Die Aussicht auf eine Welt mit dauerhaftem Frieden und Gerechtigkeit verlangt von uns, jeden paternalistischen Assistentialismus hinter uns zu lassen und neue Formen der Partizipation zu entwickeln, damit die sozialen Bewegungen aktiv mitwirken können. So könnte der moralische Energieschub, der aus der Eingliederung der Ausgeschlossenen in den Aufbau einer gemeinsamen Zukunft entsteht, zu Regierungsstrukturen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene animieren. Und das konstruktiv, ohne Groll, mit Liebe.“
Was ist geworden aus der Aktivität der Vielen, die 89 auf der Straße waren?
Ist sie erstickt im Konsum?
Geht es nur noch darum, wer das schönste Selfie schickt?
Geht es nur noch darum, möglichst selber gut über die Runden zu kommen?
Ist das das Erbe von 89?

Wir müssen wieder von vorne anfangen. Oder, genauer: dort weitermachen, wo wir 1989 aufgehört haben.
Was sind „Maßstäbe des Menschlichen“ in einer wahnsinnig gewordenen Welt, in der sich alles nur noch um Geld zu drehen scheint, um die Sicherung der eigenen Interessen, um Einflusssphären und Gewalt?
Wie kann eine Gesellschaft aussehen, in der es nicht nur um Gewinnmaximierung sondern um Gemeinschaft geht?

„Einige von euch haben gesagt: Dieses System ist nicht mehr zu ertragen. Wir müssen es ändern. Wir müssen die Würde des Menschen wieder ins Zentrum rücken und dann auf diesem Grund alternative gesellschaftliche Strukturen errichten, die wir brauchen. Das müssen wir mit Mut, aber auch mit Intelligenz betreiben. Hartnäckig, aber ohne Fanatismus. Leidenschaftlich, aber ohne Gewalt. Und gemeinsam, die Konflikte im Blick, ohne uns in ihnen zu verfangen, immer darauf bedacht, die Spannungen zu lösen, um eine höhere Stufe von Einheit, Frieden und Gerechtigkeit zu erreichen“.

Friede, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung.
Das waren die Stichworte, die zur „Wende“ geführt haben.
Geblieben sind davon die Reisefreiheit (so man genug Geld hat), die Meinungsfreiheit (die schamlose Auswüchse entwickelt), die Wahlfreiheit (und die Wahlbeteiligung sinkt mit jeder Wahl).
Das ist zu wenig!
Wir wollten mehr.
Wir träumten von einer solidarischen Gesellschaft – aufgewacht sind wir im real existierenden Kapitalismus.
„Dieser Kapitalismus tötet“ – sagt Franziskus.
Eine im Konsum gefangene Gesellschaft kann Freiheit nicht feiern. Welche denn? Die, sofern man Geld hat, unbegrenzt zu konsumieren?
Nein, da stimmt etwas nicht mit dieser silbernen Hochzeit.

„Wir sprechen über Landbesitz, Arbeit und Dach über dem Kopf … wir sprechen über die Arbeit für Frieden und die Bewahrung der Natur … Aber warum schauen wir dann immer noch zu, wie menschenwürdige Arbeit beseitigt, so viele Familien aus ihren Häusern vertrieben, campesinos ihrer Länder beraubt, Kriege geführt werden und die Natur misshandelt wird? Weil man in diesem System den Menschen, die menschliche Person, aus der Mitte gerückt und sie durch etwas anderes ersetzt hat. Weil man dem Geld einen götzendienerischen Kult widmet. Weil man die Gleichgültigkeit globalisiert hat! Man hat die Gleichgültigkeit globalisiert nach dem Motto: Was geht mich das an, wie es anderen geht, wenn ich mich doch um mich selbst zu kümmern habe? Denn die Welt hat den Gott vergessen, der Vater ist. Sie ist wieder eine Waise geworden, weil sie Gott beiseite geschoben hat“.

Schaut man in die sozialen Netzwerke, kann man finden: die „Ironie“ ist beinahe zum Standard-Ausdrucksmittel geworden.
Auch nimmt Zynismus zu.
Besonders schlimm sind die „Euphemismen“ – Worte, die gut klingen sollen. Um etwas zu verbergen.

„Es ist schon komisch, wie Beschönigung und Bagatellisierung durch Euphemismen in der Welt der Ungerechtigkeit überhand nehmen. Man redet nicht in eindeutigen klaren Worten, sondern sucht nach beschönigenden Umschreibungen. Ein Mensch, ein abgesonderter Mensch, ein außen vor gehaltener Mensch, ein Mensch, der unter Elend und Hunger leidet, wird also als Mensch auf der Straße bezeichnet – eine elegante Lösung, nicht wahr? Sucht stets hinter jedem Euphemismus das Verbrechen, das sich dahinter verbirgt – im Einzelfall mag ich mich irren, aber im allgemeinen ist es so, dass hinter einem Euphemismus ein Verbrechen steckt“

„Bei diesem Treffen habt ihr auch über Frieden und Ökologie gesprochen. Das liegt in der Logik: Man kann kein Land besitzen, man kann kein Dach über dem Kopf haben, man kann keine Arbeit haben, wenn wir keinen Frieden haben und wenn wir den Planeten zerstören. Diese wichtigen Themen müssen die Völker und ihre Basisorganisationen dringlich diskutieren. Sie dürfen nicht allein von den politischen Führungskräften behandelt werden. Alle Völker der Erde, alle Männer und Frauen guten Willens, alle müssen wir zum Schutz dieser beiden kostbaren Gaben unsere Stimmen erheben, für Frieden und für die Natur, bzw. – wie Franz von Assisi sie nennt – für die Schwester Mutter Erde.

Kürzlich habe ich gesagt, und ich wiederhole das hier, wir stecken mitten im dritten Weltkrieg, allerdings in einem Krieg in Raten. Es gibt Wirtschaftssysteme, die um überleben zu können, Krieg führen müssen. Also produzieren und verkaufen sie Waffen. So werden die Bilanzen jener Wirtschaftssysteme saniert, die den Menschen zu Füßen des Götzen Geld opfern. Man denkt weder an die hungernden Kinder in den Flüchtlingslagern, noch an die Zwangsumsiedlungen, weder an die zerstörten Wohnungen, noch an die im Keim erstickten Menschenleben“.

Warum ist mir so seltsam zu Mute bei dieser Silberhochzeit?
Weil da etwas ganz gewaltig aus dem Lot geraten ist.
Deutschland ist stark geworden.
Aber ich wünsche mir kein Deutschland, dass wegen seiner Kraft nun auch noch militärisch eine „führende Rolle“ übernimmt.
Ich wünsche mir ein Deutschland, das anknüpft an das Erbe der Bürgerrechts- und Ökologiegruppen, die sich damals zunächst unter dem Dach einiger weniger Kirchen und Pfarrhäuser versammelten und sich die Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ an die Jacke nähten.

Wir stehen wieder ganz am Anfang. Lasst uns dort weitermachen, wo wir 1989 aufgehört haben.
Die Aufgabe ist zu groß, als dass wir sie allein den Parlamenten und Regierungen überlassen dürften.

(den kompletten Text der Rede von Franziskus vom Oktober 2014 findet man hier).

Das kommt mir spanisch vor. Oder: etwas von der Madonna.


"Rex Christos" am Ende Europas mit dem Blick nach Afrika.....Tarifa liegt in Andalusien. Dieser „letzte Ort Europas“ an der Straße von Gibraltar birgt zahlreiche Zeugnisse der Begegnung zwischen Afrika und Europa, zwischen Islam und Christentum, zwischen reicher und ärmerer Welt. Ein Foto geht mir nach. Man sieht im kleinen Hafen von Tarifa auf der Kaimauer eine Statue, die nach Afrika hinüber blickt. Auf dem Sockel der Statue eingraviert ein lateinisches „R“ und ein „chi“. „Rex christus“. Das ist gedacht gewesen als Kampfansage des katholischen Spanien gegenüber „den Muslimen“, die, zunächst 710 mit einer kleinen Gruppe von Kundschaftern kommend, dann ab 711 im Lande nach und nach die Macht übernahmen, bis sie – in Tarifa 1292, in anderen Orten später – wieder vertrieben wurden und der spanische Katholizismus seine Macht festigte. Noch heute feiert man diese Ereignisse. Noch heute ist die Auseinandersetzung zwischen spanischem Katholizismus und Islam in den Feierlichkeiten wirksam. Noch heute findet sich der Zusatz „….de la Frontera“ in der Ortsbezeichnung so mancher andalusischen Stadt. Orte „an der Front“.
Vor dieser Statue auf der Kaimauer ist ein Polizeischiff der Küstenwache zu sehen. Es dient auch der Abwehr von Flüchtlingen.
Ich finde solche Zeugnisse bedrückend.
Als sich politische Macht das Christentum aneignete und instrumentalisierte, geschah etwas Ungeheuerliches: der die Gewaltlosigkeit predigende Sohn eines jüdischen Zimmermanns, aufgewachsen in ärmlicher Umgebung, wurde zum Machtsymbol.
Eine entsetzlichere Verdrehung der Botschaft des Christentums ist nicht vorstellbar.
Wenn man sich mit der Geschichte der Entdeckung der „Neuen Welt“ befasst (das bleibt nicht aus, wenn man in Spanien ist), mit der Unterwerfung der dort lebenden Bevölkerungen – in nicht wenigen Gegenden kam diese Unterwerfung praktisch einer Ausrottung gleich- wird erschreckend deutlich, wozu ein missverstandenes „macht Euch die Erde untertan“ geführt hat.
Gegenwärtig rüstet Europa wieder und weiter auf. Vor allem gegen Flüchtlinge aus Afrika. Viele Millionen Dollar werden ausgegeben, um Zäune zu errichten,  um Schiffe auszurüsten, um Fluchtwege zu „verstopfen“.
Dieses Foto mag ein Symbol dafür sein. Wie ein Menetekel steht es da und kündigte schon vor etlichen Jahrhunderten an, worum es gehen würde. Um die Abwehr des Bruders.
Es geht darum, die eigene Macht zu behaupten. Und dabei soll auch die Madonna helfen.

Madonna und Bodega. Prozession in Sevilla
Madonna und Bodega. Prozession in Sevilla

Wenn man in Andalusien Gelegenheit hat, an einer der vielen dort üblichen Prozessionen teilzunehmen, bei der eine Madonnenfigur aus der Heimatkirche herausgetragen, durch den Ort geführt, öffentlich gezeigt und dann wieder in die Heimatkirche getragen wird, dann wird man den Eindruck nicht los, dass es bei diesen Prozessionen auch darum geht, zu zeigen, wer die Macht im Lande hat. Diese Prozessionen hinterlassen sogar bei Menschen, die sich für areligiös halten, einen starken Eindruck. Über 80 Bläser gehen, in langsamen Schritt, mit Posaunen, Oboen, Klarinetten, Saxophonen, Pauken und Becken musizierend hinter der schwankenden Patronin her, die von Freiwilligen getragen wird, die sich die Augen haben verbinden lassen, nur geführt von sparsamen Signalen eines Vormannes. Junge Männer, denen es eine Ehre ist, die zentnerschwere Madonna zu tragen.
Die Plätze sind voll. Zu Tausenden stehen die Menschen, begrüßen die Madonna, die gleichzeitig immer auch Patrona des Ortes oder einer Zunft ist, klatschen, fotografieren, wollen in ihrer Nähe sein. Man kann den Eindruck haben, da würde eine ägyptische Gottheit durch die Stadt getragen. Ganz Ursprüngliches wird da bei den Menschen berührt. Und die Menschen wollen es. Beteiligen sich. Freiwillig. Kommen zu Tausenden, nicht nur als Besucher, sondern sie wollen „mit der Madonna mitgehen“.
„Ich bin da. Ihr braucht euch nicht fürchten“ so ist eine der Botschaften, die von der Patrona ausgeht, wenn sie mitten durch die Märkte, durch die engen Gassen voller Cafes und Restaurants, vorbei an Kneipen und Bodegas getragen wird. Mitten im andalusischen abendlichen Alltag erscheint sie, geht durch das Volk, und verschwindet wieder…..
Sie zeigt auch, wer die Macht tatsächlich hat im Lande.
Parteien kommen und gehen. Die Madonna bleibt.
Und das Volk liebt sie auf eine Weise, gegen die die scheinbar Mächtigen ganz und gar ohnmächtig sind. Weshalb sie sich mit ihr verbünden.
Das ist jedoch nicht unproblematisch, insbesondere, wenn es um die Beziehungen zu anderen, beispielsweise muslimischen Völkern geht.
Die Geschichte der Verfolgung Andersgläubiger ist lang in Spanien. Schon 100 Jahre vor der Inquisition hat man in Sevilla systematisch mit der Verfolgung von Juden begonnen, denen man vorwarf, nicht wirklich zum Christentum konvertiert zu sein. Die gebildeten Juden flohen in die Metropolen Europas – nach Paris, Hamburg, in die Türkei. Die Handwerker flüchteten nach Nordafrika. Es ist eine grausame, tief schwarze Geschichte, die da in Andalusien und anderen Orten stattgefunden hat. Vom jüdischen Viertel Santa Cruz in Sevilla steht praktisch nur noch ein einzelnes Grab – mitten in einem Autoparkplatz, alles andre ist Legende für Touristen. Von den zahlreichen Synagogen des Viertels gibt es faktisch keine mehr. Sie sind längst zu katholischen Kirchen geworden. Santa Cruz ist das zentrale Beispiel dafür.
Wie also wird es weitergehen zwischen katholischem Christentum und Islam?
Die Auseinandersetzung ist uralt. Gegenwärtig eskaliert die Auseinandersetzung erneut. Das christliche Abendland hat eine Allianz von über 40 Staaten gegen einen radikalen IS geschmiedet, der alles zerstören will, was sich nicht seinem Willen unterwirft.
Die entscheidende Frage aber wird wohl nicht sein, wer gegen wen gewinnt, sondern, ob und wie es nach all der fürchterlichen Geschichte der Intoleranz und gegenseitigen Vernichtung nicht doch endlich gelingen kann, dass die Bruderreligionen in der einen Welt friedlich nebeneinander und vielleicht sogar miteinander leben. Dass die Begegnung der Kulturen auch zu wundervollem Reichtum führen kann, zeigt ja auch gerade Andalusien. Die Begegnung der arabischen Architektur mit der Gotik ist sicher eines der beeindruckendsten Beispiele dafür. Zu besichtigen zum Beispiel in Grenada.
Wie also kann es gelingen, dass die Bruderreligionen lernen, nebeneinander und vielleicht gar miteinander zu leben?
Es wird dabei auf diejenigen in beiden Religionen ankommen, die sich nicht von der Gewalt, sondern vom eigentlichen, ursprünglichen Kern ihrer Religion bestimmen lassen. Es wird dabei auf diejenigen in beiden Religionen ankommen, die von der Versöhnung, von der Begegnung, von der wechselseitigen Bereicherung sprechen und in ihr eine wirkliche Perspektive gemeinsamen Lebens erkennen.
Solche Stimmen haben es gegenwärtig schwer. Es kommt darauf an, sie zu stärken.

Tempo!


Etwa 1500 mal schneller als ein Wimpernschlag ist ein Geldgeschäft im internationalen Hochfrenzhandel geworden. Enorme Geldströme werden so im Bruchteil einer Millisekunde ausgelöst – mit entsprechenden Folgen. Ein solches System ist nicht mehr kontrollierbar.
Frank Schirrmacher und andere haben auf die Folgen einer solchen Entwicklung, die ein immer höheres Tempo von den Menschen verlangt, hingewiesen.
Auch der politische Prozess unterliegt einem enormen Termin- und Zeitdruck.
Der hat selbstverständlich Auswirkungen auf die Qualität der Entscheidungen. Nicht selten, eher zunehmend, werden Entscheidungen getroffen, die mit „heißer Nadel“ genäht sind – und deshalb nicht von Bestand sind.
Da ich lange Jahre meines Lebens diesen Prozessen selbst unterworfen war, kenne ich sie ziemlich gut auch von innen.
Allerdings ist jeder Mensch frei, sich dem zu entziehen und nach Alternativen Ausschau zu halten.
Es gibt mittlerweile eine weltweite Suchbewegung, die nach Alternativen zu diesem „immer schneller“ sucht, um wieder ein menschliches Maß für das Leben zu finden. Denn die zerstörerischen Folgen einer sich immer mehr beschleunigenden Gesellschaft sind ja nicht mehr zu übersehen.
ARTE hat dieses weltweite Suchbewegung im Film „Schluss mit schnell“ kürzlich eindrucksvoll dokumentiert.
Wir sind mit unserem Projekt „Internetgarten“ Teil dieser weltweiten Suchbewegung.

Garten 5.9.140242
Der Garten am 4. September 2014
Garten am 12.4.2012
Die Anlage des Gartens am 12. April 2012

Einer sich immer mehr beschleunigenden Gesellschaft, die möglichst alles jetzt und sofort „haben“ möchte, dabei nicht selten das Leben selbst aus dem Blick verliert und sogar seine Grundlagen zerstört, setzen wir hier einen Lebensentwurf entgegen, der sehr wohl ein klares Ziel verfolgt, aber bei dessen Umsetzung wir das Tempo der Natur beachten, Beharrlichkeit üben, Achtsamkeit trainieren und Kooperation praktizieren.

Es geht uns darum, im Leben wieder ein „menschliches Maß“ zu finden. Eine ausgewogene Balance zwischen Denken und Tun, zwischen Einatmen und Ausatmen, zwischen Tun und Lassen, zwischen actio und contemplatio. Uns zunächst fremd erscheinende Kulturen und Religionen betrachten wir dabei nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung.
Die Resonanz ist überraschend und manchmal auch überwältigend. Wir haben ein sehr großes mediales Interesse erleben können: ZDF, ARD, MDR, NDR, Süddeutsche, Tagesspiegel und andere waren da und haben geschrieben oder darüber Sendungen produziert, was man mit einer Idee und einem Laptop so anfangen kann.
Etwa 35.000 Menschen verfolgen das Projekt via Internet. Über 4.000 Menschen waren schon persönlich zu Besuch.
Wir freuen uns darüber.
Aber wir lassen uns davon nicht aus dem Takt bringen. Bleiben beim ruhigen, konsequenten Wechsel zwischen Tun und Lassen.
Wir lassen uns nicht mehr hetzen.
Offensichtlich hat dieses Garten-Projekt einen Nerv getroffen. Offensichtlich sieht eine zunehmende Anzahl von Menschen, dass ein einfaches „weiter so – aber noch mehr Tempo!“ nicht zielführend ist. Und offensichtlich tut sich etwas. Immer mehr Menschen beginnen konkret, nach Alternativen zu suchen und sie zu entwickeln.
Das ist angesichts der Zerstörungen, die wir weltweit sehen können, eine erfreuliche Entwicklung.