Besondere Menschen. Eine Erinnerung an Klaus-Peter Hertzsch


Für mich ist er einer dieser wenigen besonderen Menschen, die einem im Leben begegnen.
Dieser zierliche, beinahe blinde kleine Mann mit den von Krankheit gezeichneten Händen und der zarten Jungen-Stimme.
Als mich gestern die Nachricht von seinem Tode erreichte – tauchten sofort Bilder auf. Bilder aus vergangenen Tagen, über ein Vierteljahrhundert liegen sie zurück und sind doch so gegenwärtig. Das Studium an der Friedrich-Schiller-Universität im schönen thüringischen Städtchen Jena unter den Bedingungen der Diktatur. Ich war von Naumburg gekommen, um bei ihm zu lernen.
Er hatte „etwas zu sagen“, etwas von der Sprache und etwas von der Hoffnung.
Als erstes kam die Erinnerung an seine zierliche Gestalt und die große Brille, die er brauchte, wenn er mal – was selten vorkam – etwas ablesen musste. Meistens sprach er auswendig. Sein phänomenales Gedächtnis habe ich immer bewundert. Egal, welches Lied angestimmt wurde – er konnte es auswendig. Früh schon hatte ihn seine Augenkrankheit gezwungen, zu improvisieren. Lesen war schlecht – aber auswendig lernen, das war möglich.
Und dann war da seine Stimme. Diese stets lächelnde, beinahe verschmitzte, oft hintergründige, zarte Stimme.
Wenn er ans einfache Pult trat im größten Raum der „Sektion Theologie“, wie das damals noch hieß, der überfüllt war von Menschen, die die Professor-Ibrahim-Straße aus der dunklen Stadt hinaufgestiegen waren, um ihm zu lauschen, wenn er vortrug. Ging da ans Pult, rückte mit der linken Hand die große Brille zurecht, schwieg einen Moment und begann. Und vom ersten Moment an hatte er uns gepackt, ergriffen, angefasst, berührt.
Vorlesungen über Literatur, die selbst Literatur waren. Gesprochenes Wort, Rede. Ja. Und doch druckreif. Erzählend, packend auch, heiter nicht selten und immer eröffnend. Eine Welt ging mir auf und nicht nur mir, das weiß ich von vielen, die bei ihm auch gelernt haben.
„Schattenland. Ströme“. Johannes Bobrowski und Max Frisch, Christa Wolf und andere. „Unsere Sprache ist klüger als wir“. „LTI“ von Klemperer haben wir gelesen – und daneben lag das „Neue Deutschland“. „Achtet auf die Sprache!“
Die Welt des in Verantwortung gesprochenen Wortes, die er hat er zugänglich gemacht, hat die Türen dahin geöffnet und die Ohren aufgeschlossen für DAS WORT, um das es ihm in allem, was er schrieb und sprach, immer zu tun war.
Erzählkurse gehörten zur Ausbildung. Wir sollten erzählen lernen. Ins gemütliche Dörfchen Tautenburg sind wir gefahren, um zu wandern, gemeinsam zu essen und – erzählen zu lernen.
Und: „Wenn es Ihnen schon möglich ist: legen Sie ihr Manuskript beiseite. Predigt ist Rede, nicht Lese……“
Weshalb wir erzählen lernen sollten?
Seine Antwort: „die angemessene Form, sich dem Geheimnis zu nähern, ist die Erzählung“.
Das war eine Theologie, die mich im Kern berührt hat, dazu hatte ich unmittelbaren Zugang. Das Buch der Bücher erschloss sich auf ganz neue Weise, wurde zum Lehrmeister, zum begehrten Studienobjekt.
Vielen anderen ging es ebenso.

Nun ist er gestorben. Prof. Dr. Klaus-Peter Hertzsch. Ein großer Lehrer. Ein Stiller im Lande, auf den man aber gehört hat, der geprägt hat, der Hoffnung gegeben hat, der uns hingewiesen hat auf die Große Hoffnung, auf die wir zugehen. Nicht nur im kleinen Thüringen, sondern in ganz Deutschland und weit darüber hinaus.

Bei youtube gibt es eine kleine Dokumentation über Ausschnitte aus seinem Leben. Darin sagt Klaus-Peter Hertzsch: „Es ist schön, wenn man einem sterbenden Menschen sagen kann: Auf Wiedersehen. Das ist tragender Glaube.“

Ich sage das nun: „Lieber Professor Hertzsch, ich bin sehr dankbar, dass wir uns begegnet sind. Und ich bin dankbar dafür, dass wir einen für mich sehr wichtigen Abschnitt unserer Lebenswege gemeinsam gegangen sind. Auf Wiedersehen.“

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noch etwas zur Erklärung….warum ich die LYRIS Gruppe unterstütze


Es geht für mich um viel mehr, als nur darum, einer Gruppe bislang in Deutschland unbekannter Künstler zu helfen.
Ich spüre, daß da mehr ist.

Worte fallen ein. „Wiedergutmachung“ zum Beispiel. Aber es ist ein ungeeignetes Wort, weil das gar nicht geht. Man kann nicht etwas „wieder gut machen“. Schön gar nicht das Schicksal fremder Menschen.
Die Autoren der LYRIS-Gruppe in Jerusalem mussten als Kinder ins Ungewisse. Ins Exil. Auf der Flucht vor den Nazis. Ihre Familien haben sie verloren.
Aber seit über dreißig Jahren treffen sie sich – um sich Texte vorzulesen, die sie in deutscher Sprache schreiben.

Unverstandene im eigenen Land.
Da geht ein Riß durch die Biografien: selbstverständlich sprechen sie mittlerweile die Sprache Israels, selbstverständlich sprechen etliche auch englisch oder französisch.
Aber ihr Innerstes, das, was sie wirklich im Tiefsten bewegt – drücken sie in deutscher Sprache aus, in der „Sprache der Mörder“.

Was haben diese Gedichte mit mir zu tun?
Weshalb spüre ich, daß ich etwas tun muss und tun kann für jene Künstler da im fernen Jerusalem? Weshalb versuche ich zu helfen, daß ihre Texte nun auch in Deutschland bekannt werden?

Weil da ein altes Thema liegt.
Schon seit etlichen Jahrzehnten beschäftigt mich die dunkle Zeit. Als die Deutschen über die Welt herfielen in ihrem braunen Wahn.
Schon als Student hat mich das Thema gepackt. Von den Deutschen. Und der Schuld.
Und es hat mich seither niemehr losgelassen.
Ich bin der Spur gefolgt in der Examensarbeit über die Kirche im Dritten Reich; ich bin ihr weiter gefolgt, an die Hand genommen von Johannes Bobrowski.
Viele Begegnungen in Israel und Deutschland, in den USA und anderswo haben mich immer erneut auf die Spur gebracht.

Mich, der Enkel sein könnte jener Menschen, die ins Ungewisse mussten.
Sie waren Kinder damals.

Heute nun, im Jahre 2010 begegnen mir ihre Texte. Eine Freundin hat sie mir auf die Türschwelle gelegt.
Gedichte sind es.
In Deutsch geschrieben.
Naturgedichte ebenso, wie wunderschöne Gedichte über die Beziehung zwischen Menschen.
Der Versuch, Erlebtes zu verstehen.

Ich, der ich Enkel sein könnte, kann nicht viel tun.
Denn Geschehenes kann man nicht rückgängig machen.
Aber: etwas kann ich tun.
Ich kann helfen, daß diese Texte nun auch in Deutschland bekannt werden.
Ich kann helfen, daß eine Gruppe von Autoren in Deutschland bekannt wird, die ganz im Stillen über lange Jahrzehnte in Jerusalem lebend, festgehalten hat an der deutschen Sprache – trotz des Vergangenen.
Es geht darum etwas mitzuteilen: ihr dort, im fernen Jerusalem; ihr Dichter und Maler, Grafiker und Bildhauer, die ihr euch in der kleinen LYRIS-Gruppe zusammengeschlossen habt: wir sehen euch.
Wir nehmen Euch und Euer Schicksal wahr.

Wir wollen einen kleinen Beitrag leisten, daß Ihr nicht in Vergessenheit geratet.

Deshalb.
Nehmt es als kleines Zeichen der Verbundenheit an.
Darum kann ich bitten.

Die Texte der LYRIS-Gruppe sind im kleinen Berliner Verlag http://rainstein.de erschienen. Man kann sie dort bestellen.
Und man kann durch das Posten dieses links helfen, daß die Autoren der LYRIS-Gruppe in Deutschland bekannter werden.
Viel ist es nicht, was wir tun können.
Aber dies können wir tun.

Schreiben in Zeiten des Krieges – Johannes Bobrowski


Bobrowski war Soldat an der „Ostfront“.
Er ist als Veränderter zurück gekehrt.
Sein Leben lang hat er versucht, mit seiner Dichtung „die Schuld der Deutschen“ wieder abzutragen.
Diese „Schuld der Deutschen“ – das wurde sein Lebensthema.
Seine überaus schönen Gedichte und Erzählungen „stellen die Dörfer wieder hin, die von den Deutschen zerstört worden sind“ schreibt Christoph Meckel über ihn.

Der wundervolle Roman „Levins Mühle“ wurde bezaubernd von der DEFA verfilmt. Großartig sein Text „Der Mahner“, „Mäusefest“ und anderes.

Den Literaturvorlesungen von Prof. Klaus-Peter Hertzsch (in den Wendejahren entstand von ihm das Lied „Vertraut den neuen Wegen“, es wurde sogar ins Gesangbuch aufgenommen, was die überaus schwere Prüfung hochgelahrter Kommissionen bedeutete) ist es zu verdanken, daß mir in meinem Leben Johannes Bobrowski in seinen Texten begegnete.
Seither sind wir Weggefährten.

„Diese Schuld der Deutschen“ – die marschierten, wenn sie sollten; die Bauerndörfer zerschossen, wenn sie den Befehl dazu hatten.
Die den Oberen blind glaubten, wenn die behaupteten, der Krieg sei „notwendig“ um das „Vaterland zu verteidigen“.
Wie war diese Schuld jemals wieder abzutragen?

„….einer beginnt den Gesang“:  Johannes Bobrowski.
„…einer beginnt den Gesang“, leise, als Zeuge, in Trauer und unstillbarer Sehnsucht nach Leben, Ausgleich und Versöhnung, der Erhaltung seiner Erde – sein Mond, seine Sonne, seine Inseln und Küsten der aufgerichteten Kreuze und die unsagbare Tiefe skythischer Steppen – Tänzer auf rissiger Tenne, Bettler und Armenhäusler, Sänger, veranlagt zur Schwermut, Narren und Listige –
einer beginnt den Gesang, in Trauer um die wütende Vernichtung von Städten und Dörfern, von Scheunen und Kirchen, um die große Verdunkelung aller Himmel des Geistes und des Fleisches, der Lust auf dem weichen Laken Mondschatten, dem Licht von Glasfenstern und Augen, durstig nach Liebe und allem Glanz, nach dem Schutz modriger Keller, nach dem Wort Bruder für die Stunde Einsamkeit – begann seinen Gesang in den Laufgräben einer zerbrechenden Front, auf einer von Granaten gemarterten Erde, unter dem Helm aus Stahl, dieser trügerischen Wehr gegen den Tod“ – so schreibt Wieland Förster in seinem Beitrag „Ein Porträt – Johannes Bobrowski“ 1975.

Dieser fröhliche Trinker und Christenmensch Bobrowski rührt mich immer tief an, wenn ich seine zarten Texte lese.
Sieht man ein Foto von diesem Dichter in seiner großen und kräftigen Statur, traut man ihm die Zartheit gar nicht zu.
Hört man aber seine Stimme – es gibt Plattenaufnahmen mit von ihm selbst gelesenen Texten – dann stellt sich das Verständnis rasch ein.

Unser hochverehrter Professor Klaus-Peter Hertzsch, ein immer etwas kränklich wirkender, stark sehbehinderter Mann, der aus seiner Sehbehinderung aber schon früh eine hohe Tugend gemacht und unendlich viele Texte auswendig gelernt hatte, um „Wegzehrung“ zu haben, falls die Augen eines Tages ganz ihren Dienst aufgeben würden, er nahm uns in seinen Literaturvorlesungen gleichsam an die Hand – und führte uns in das Zimmer und zum Schreibtisch von Johannes Bobrowski. Die beiden kannten sich persönlich; Hertzsch hatte ihn, den Seelenverwandten, oft zu Lesungen eingeladen.
Und wir Studenten hockten auf den Fensterbänken des überfüllten Hörsaals, saßen auf dem Fußboden so gut es ging, denn aus der ganzen Stadt waren sie hinauf gepilgert in die kleine Sektion für Evangelische Theologie, um zu lauschen, was ihnen der Professor über die große Welt der Literatur zu künden wußte. Max Frisch hat er uns vorgestellt und Christa Wolf, Hermann Hesse und Johannes Bobrowski.
Es gehört zu den prägendsten Erfahrungen meines Lebens, auf welche Weise dieser kluge, belesene Mann mit seiner wundervoll bildhaften und daher präzisen Sprache uns in die Welt der Sprache einführte: seine Vorlesungen über Literatur waren selbst Literatur.

Nie werde ich vergessen, wie ich im Spätsommer 1989 mit einem Freund, der damals an seiner Promotion saß, oben im Arbeitszimmer in der Universität den „Aufruf zur Gründung einer sozialdemokratischen Partei in Ostdeutschland“ auf Wachsmatrizen tippte, um sie unter die Leute zu bringen.
Professor Hertzsch betrat das Dachzimmer, sah, was wir da Verbotenes machten und meinte mit einem verschmitzten Lächeln unter Bezug auf Marx, Engels und Lenin:
„Na, meine Herren, da haben wir wohl eine vorrevolutionäre Situation?“

Im Oktober gründete sich die Sozialdemokratie neu.
Das alte System brach wenige Tage später in sich zusammen.
Neue Parteien wurden gegründet.
An der Spitze aller Reformgruppen – so stellte es sich etliche Monate später heraus – hatte die Stasi „Offiziere im besonderen Einsatz“ platziert, bewährte Spitzel: Ibrahim Böhme, Wolfgang Schnur…die Reihe ist lang.

„Diese Schuld der Deutschen“ – sie geht mir nach mein Leben lang. Schon als ich über den „Arierparagraphen“ an der Hochschule meine Examensarbeit anfertigte und zu verteidigen hatte, jenen Paragraphen der den Ausschluss aller jüdischen Beamten aus dem öffentlichen Dienst in Deutschland bedeutete; als wir im Lande unterwegs waren, um für unsere Arbeit Zeitzeugeninterviews durchzuführen mit Männern der Bekennenden Kirche, die die „Hitlerei“ noch aus eigenem Erleben kannten; später dann, als die „Schuld der Deutschen“ mir neu begegnete in der Geschichte der eigenen Familie; als neue Schuld sichtbar wurde, die die neue Diktatur am eigenen Volk auf sich geladen hat.
Immer hat mich dieses Thema begleitet und Johannes war mir ein stiller, tröstender Weggefährte, der aber ebenso wundervoll witzig und humorig zu erzählen wußte, daß einem vom Lachen die Tränen in den Augen standen.

Ich erinnere mich an ihn im Kriegsjahr 2010.
Denn mich treibt die Sorge um, daß die Deutschen nun erneut schuldig werden könnten, da am Hindukusch in diesem fernen Land, wenn sie einfache Menschen töten, Analphabeten oft, Bauern und ihre Kinder, beim nächtlichen Versuch, ein wenig Treibstoff aus dem LKW zu stehlen, der sich da festgefahren hat auf der Sandbank mitten im Fluss.
Auf Befehl eines Oberst, der um die Sicherheit seiner Soldaten fürchtet.

Diese Schuld der Deutschen….

http://www.literatur-im-foyer.de/Sites/Schriftsteller/bobrowski.htm