Gandhi und Extinction Rebellion (Aufstand gegen das Aussterben). Oder etwas über sehr große Schuhe


Man bezieht sich ausdrücklich auf Mahatma Gandhi und seinen gewaltlosen Widerstand gegen die britischen Kolonialherren. Gewaltlosigkeit soll oberstes Prinzip sein bei den nun beginnenden Aktionen von Extinction Rebellion, was in etwa „Aufstand gegen das Aussterben“ bedeutet. Die Bewegung findet heute (15. April 2019) in 33 Ländern der Welt ihren Anfang und hat in Großbritannien mit der Besetzung von Verkehrsinfrastruktur (Brücken) begonnen.
Die Menschen, die sich bei Extinction Rebellion verbinden, sind bereit, für den Schutz des Planeten ins Gefängnis zu gehen.

Damit also beginnt die Karwoche 2019: mit Demonstrationen einer Organisation, die einen „radikalen Klimaschutz“ einfordert. Man müsse „die Regeln brechen“, die sich ein Wirtschaftssystem gegeben hat, das die Welt zerstört.

Zunächst: der Vortrag, den Nick Holzberg über die Bewegung Extinction Rebellion gehalten hat, und den man sich hier anschauen kann, ist nach meinem Urteil sehr gut. Der Erste Teil bezieht sich auf die wissenschaftlich bekannten Fakten, referiert sie unter Angabe sehr guter Quellen umfänglich und endet mit dem Stichwort „Trauer„. Denn: es ist bereits „fünf nach zwölf“.
Der Zweite Teil (etwa ab Minute 52) befasst sich mit der Frage, was trotz des katastrophalen Befundes noch getan werden kann.

Dieser Aspekt hat mich besonders interessiert, deshalb habe ich mir heute die live-streams aus Oslo, Berlin und Kopenhagen angesehen, in denen zu sehen ist, wie die „Aktionen“ nun beginnen. Überall sieht man heute den „schwarzen Sarg“ getragen von den Menschen, deren Symbol die Sanduhr ist: die Zeit läuft ab.

Dann kamen Reden. Jedenfalls in Berlin. Die haben mich weniger überzeugt und ich fand: die Schuhe, die uns Mahatma Gandhi hinterlassen hat, sind doch ziemlich groß für das, was da heute zu sehen war. Schon die Sprache ließ mich an einer wirklichen Gewaltlosigkeit zweifeln. Gut, die Redner waren verschieden, Charaktere sind verschieden – aber überzeugend fand ich das (noch) nicht.

Es ist ein sehr großer Anspruch, bei Gandhi anzuknüpfen. Wer sich intensiv mit seinem Leben befasst hat, sieht: Gandhi hat vor allem seinen inneren Unfrieden bekämpft, damit er wirklich gewaltfrei sein konnte. Es ist vor allem dieser unbedingte Anspruch an sich selbst, der die Meßlatte so hoch hängt.
Gut, man hat Rudi Dutschke zitiert mit seinem Satz, glaubwürdige Gesellschaftskritik sei unabdingbar verknüpft mit Selbstkritik – in den Worten von Extinction Rebellion Berlin hieß das „wir alle sind Teil des Systems, das die Erde zerstört“ – aber, ob die unbedingte Arbeit an sich selbst wirklich Voraussetzung dafür ist, was man „auf den Straßen“ erreichen möchte, das war zumindest heute noch nicht wirklich zu erkennen.

Bei der Sprache beginnt es nämlich. Und wenn ich jemandem zuhöre, der alles andre als friedlich spricht, dann überzeugt mich das nicht, wenn er von Gewaltlosigkeit redet. Aber: jedem seine Chance.

Was wir in diesen Wochen und Monaten sehen: überall auf der Welt entstehen solche Gruppen und Netzwerke: FridaysForFuture, ParentsForFuture, Scientists4Future, GrandparentsForFuture, Fuer-unsere-Enkel.org (die gibts schon seit September 2017…..), 350.org und nun also auch Extinction Rebellion, deren Mitglieder allerdings mit der Bereitschaft gegebenenfalls auch ins Gefängnis zu gehen.

All diese Netzwerke, Gruppen und „Bewegungen“ stehen miteinander im Kontakt. 
Das wird nicht ohne Auswirkungen bleiben, wenn am 26. Mai 2019 ein neues Europäisches Parlament gewählt wird.  Diese Europwahl muss zur Klima-Wahl werden. Wir haben nur noch 10 Jahre, um das Ruder herumzureißen und die Hälfte dieser Zeit wird das nun zu wählende neue europäische Parlament maßgeblich mitbestimmen.  Meine Hoffnung ist: dass die zivilen Netzwerke bis Mitte Mai immer stärker werden. Wir arbeiten gemeinsam mit vielen Menschen in Europa weiter daran. Am 26. 5. wird dann gewählt.

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Die Europawahl im Mai entscheidet, ob wirksamer Klimaschutz noch gelingt


Notwendige CO2-Reduktion, um das 1,5 Grad Ziel zu erreichen. Grafik: Rahmstorf

„Wir werden die Europawahl zu einer Abstimmung über Klimaschutz machen“ sagen die jungen Leute von #FridaysForFuture. Und wir vom Netzwerk Fuer-unsere-Enkel.org werden sie dabei unterstützen.
Denn die Zeit wird sehr knapp. Noch knapp zehn Jahre stehen zur Verfügung, um die CO2-Emissionen drastisch zu senken, dann ist das Budget, zu dem sich Deutschland im Paris-Vertrag verpflichtet hat, aufgebraucht. Professor Stefan Rahmstorf hat schon Ende 2018 in einer anschaulichen Grafik aufgezeigt, um was es geht (vgl. Bild oben). Hätte die Regierung im Jahre 2000 begonnen, CO2 wirksam zu reduzieren, hätte ein Minus von 4% pro Jahr ausgereicht. Mittlerweile müsste Deutschland 18% jährlich CO2 reduzieren und die Kurve wird immer steiler, je länger man zuwartet und nicht handelt. „Das Handlungsfenster schließt sich“ warnt UN-Generalsekretär Antonio Guterres unermüdlich. Zur im September stattfindenden UN-Sonderkonferenz zum Klimawandel sollten die Regierenden „nicht Reden, sondern Pläne mitbringen“, hat er kürzlich öffentlich gemahnt.

Im Mai wird gewählt. Das dann neu zusammengesetzte Europäische Parlament wird die europäische Energie- und Klimaschutzpolitik in den Jahren 2019 bis 2023 mitbestimmen. Das ist beinahe die Hälfte der Zeit, die für engagierten Klimaschutz noch bleibt. 

Deshalb ist diese Europa-Wahl so besonders.
Und deshalb muss es gelingen, diese Wahl zur Abstimmung über den Klimawandel zu machen.

FridaysForFuture hat kürzlich konkrete Forderungen an die Politik veröffentlicht. Diese Forderungen sind im sehr engen Dialog mit der Fachwissenschaft entstanden, sie sind keineswegs „blauäugig“, sondern realistisch erreichbar, wenn man die politische Kraft dafür aufbringt. Deshalb ist es sehr sinnvoll, bei dieser besonderen Wahl die Parteien daraufhin zu befragen, was sie im Europäischen Parlament konkret zu tun gedenken, um die Ziele des Paris-Vertrages zu erreichen. Man kann die Wahlprogramme dazu nachlesen, man soll aber auch die Kandidaten direkt befragen.
Wer nicht wirklich überzeugend für engagierten Klimaschutz auf europäischer Ebene eintritt, ist nicht wählbar.

Bei dieser Wahlentscheidung geht es nicht um die jetzt Älteren, sondern es geht um die Kinder und Jugendlichen, die sehr zu Recht gemeinsam mit über 30.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von der Politik einfordern:
Handelt endlich!

Heute (10.4.2019) findet die erste Sitzung des „Klimakabinetts“ statt. Bundeskanzlerin Merkel wird die Sitzung selber leiten. Sie hat in den zurückliegenden Tagen zum wiederholten Male die jungen Leute auf den Straßen ermutigt und geäußert, sie fände es „gut, daß ihr uns so einen Druck macht“. Wir werden nun sehen, ob das nur freundliche Worte waren, oder ob nun Taten folgen.
Es ist ihre letzte Legislatur. Sie hat mit dem Klimakabinett die Chance, nun endlich Führungsstärke zu beweisen. Sie muss sich durchsetzen vor allem gegen Industrieinteressen im Verkehrssektor, sie muss auch nicht berechtigte Ansprüche aus der Kohleindustrie zurückweisen. Sie muss die Rechte (!) der jungen Generation als Maßstab ihres Handelns anerkennen.  Gelingt das nicht, dann wird diese Regierung mit allem Fug und Recht bei der nächsten Wahl abgewählt.

 

Museumsbesuch. Oder: etwas über Vorurteile


Berlin-Karlshorst

Berlin-Karlshorst. Zwieseler Straße 4, 10318 Berlin.
Hier wurde die bedingungslose Kapitulation Hitler-Deutschlands unterschrieben. Heute beherbergt das Haus ein Deutsch-Russisches Museum. Für jeden Berlinbesucher ein „Muss“. Denn es gibt wenige Orte, die für Europa von so einschneidender Bedeutung waren.
Gestern war ich nun endlich einmal da. Hatte mir viel Zeit mitgebracht, wollte in Ruhe besehen, was da an Weltgeschichte zu besehen ist.
Die Deutschen und die Russen. Die Russen und die Deutschen. Europa und die Russen. Die Russen und Europa – was für eine große, wechselvolle Geschichte. Zeiten der Konfrontation und des Krieges – aber auch Zeiten der Entspannung und Kooperation. Ein überaus interessanter Ort mit einer sehr sorgfältig gearbeiteten Dauer-Ausstellung.
Es gibt im Hause auch eine kleine Bücherstube mit sehr bemerkenswerter Literatur.  Auf ein Buch will ich besonders hinweisen:  „Unsere Russen. Unsere Deutschen. Bilder vom Anderen. 1800 bis 2000.“ Erschienen im Christoph-Links-Verlag Berlin, ISBN 978-3-86153-460-0.
Es geht um Vor-Urteile. Die Vorurteile zwischen Russen und Deutschen, Deutschen und Russen. Und die haben eine sehr lange, wechselvolle Geschichte.

Der SPIEGEL 5. März 2007
Titelbild

Exemplarisch sei das hier im Beitrag an einem Plakatmotiv gezeigt, das wohl jedem in Deutschland bekannt vorkommt. Man „kennt das“:
Der „bedrohliche Russe“, der den Westen „fest im Blick“ hat und ihn „abhängig machen“ will.
Nun hat dieses Motiv jedoch eine sehr lange Geschichte, die im Band glücklicherweise erzählt wird.
Es ist die lange Erzählung vom „Antikommunismus“, vom „Antibolschewismus“ (unter Hitler war noch die Rede vom „jüdischen Bolschewismus“, den es zu „vernichten“ gelte).
Länger als ein halbes Jahrhundert wirkt dieses Motiv bis tief ins Unterbewusstsein.
„So ist der Russe“ soll die Botschaft sein. „Er bedroht uns“. „Gegen den müssen wir uns schützen“…..
Eine solche Rede ist allerdings meilenweit entfernt von der Entspannungspolitik unter Willy Brandt in den siebziger Jahren.
Das ist auch meilenweit entfernt von jener bemerkenswerten Rede, die der russische Präsident in deutscher Sprache im Deutschen Bundestag gehalten hat – am 25. September 2001; auf Einladung des deutschen Bundeskanzlers.
Ich erinnere mich noch sehr genau, ich war junger Abgeordneter. Putin hat damals unter anderem vor dem Erstarken des IS gewarnt und eine internationale Zusammenarbeit gegen den IS gefordert – man hat nicht auf ihn gehört.
Im Jahre 2007 sah die Welt schon wieder anders aus, da tauchte „das Motiv“ wieder auf. Auf der Titelseite des SPIEGEL. Der Hauch des Kalten Krieges war wieder zu spüren. Aus jenen Jahren stammt das hier verhandelte Plakatmotiv: aus dem Jahre 1953, um genau zu sein:

Geschichte eines Plakat-Motivs von 1953 bis 2007

da ist das Plakat der CDU von 1953 (links oben);
und das Plakat der NPD von 1972 (rechts oben);
dann ist da ein amerikanisches Plakat von 1982 – und immer hat man diesen „Russenblick“ und die „roten Linien“, die von ihm ausgehend, den Betrachter des Szene bedrohlich fixieren.

Es ist interessant, wie die europäische Wahrnehmung des „Russen“ von diesem Motiv geprägt worden ist. Ein halbes Jahrhundert – das ist nicht wenig.
Verfolgt man die aktuelle Debatte um die russisch-europäischen Beziehungen, wird man wieder auf diese sehr alten Vor-Urteile stoßen.
Da ist er wieder, der „bedrohliche Russe“……
Es ist ein großes Verdienst dieses sehr sorgfältig gearbeiteten, umfangreichen Buches vom Chr. Links Verlag, der langen wechselvollen Geschichte der gegenseitigen Vorurteile einmal nachzugehen, sie genau aufzuzeigen – damit sie ihre Macht verlieren können und Verständigung möglich wird.

Erhard Eppler ist in Anknüpfung an Egon Bahr zuzustimmen: Friede zwischen Europa und Russland wird nur mit Russland gelingen, niemals gegen Russland. Deshalb ist es gut und richtig, die gegenseitigen Vorurteile wahrzunehmen – und sie dann beiseite zu legen.
Denn sie behindern, was dringend notwendig ist: den Dialog.

Leben in zwei Systemen. Ein Versuch. I


Eine Freundin hat mich ermutigt, mit diesem Experiment zu beginnen. „Du hast dreißig Jahre in der Diktatur gelebt, bist von ihr geprägt worden. Du hast lange vor dem Fall der Mauer und besonders in den Jahren der Wende für die Demokratie gekämpft, warst danach in politischen Spitzenämtern engagiert, kennst den Westen nun auch dreißig Jahre – so einen Einblick haben wenige. Schreibe darüber!“ hat sie gemeint.
Ich war unsicher, ob das sinnvoll sein könnte.
Es gibt ein paar Millionen Menschen, die auch in beiden System gelebt haben. In der Diktatur und seit 1990 im wieder größer gewordenen Deutschland. Was also könnte ich beisteuern, was nicht auch andere erzählen können?
Ok, nicht jeder hat den Westen so erfahren wie ich, der als Ostler bis so ziemlich ganz nach „oben“ kam, politisch gesehen. So sehr viele waren und sind das ja nicht. Und, bezogen auf den Osten – auch da gehörte ich zur einer verschwindend geringen Minderheit. Insofern könnte es schon ein unterscheidbarer Beitrag werden.

Vielleicht kann aber ein solches Experiment zusätzlich auch eine Einladung an andere sein, die jeweils „eigene Geschichte“ zu erzählen. Und das wäre viel.

Zunächst ein Doppeltes:
In der Diktatur (schon die Wortwahl zeigt dem Leser, aus welcher „Ecke“ ich komme) gehörte ich nicht zu den Privilegierten und gehörte doch zu ihnen.
Zu den politisch Privilegierten gehörte ich ganz sicher nicht. Ich war, wie meine beiden Brüder, nie Mitglied bei den Pionieren, war nicht in der FDJ, war nicht bei der Armee, hab mich nie an Wahlen beteiligt, die ja keine waren. Das hatte Konsequenzen, wir durften ein staatliche Abitur machen, durften nicht studieren, was wir wollten, obwohl wir zu den Klassenbesten gehörten.
Wir gehörten nicht „zum System“. Wir waren „Kirchenleute“, stammten aus einem Pfarrhaushalt in dem ein klares „Die da draußen“ und „wir hier drinnen“ galt. „Die da draußen“ – das war „der Staat“, vor allem der atheistische Staat, der die Kirche bekämpfte mit allen Möglichkeiten, die er hatte.
Meine Eltern waren ganz bewusst nicht „in den Westen gegangen“, als das noch einfach möglich war, vor dem Bau der Mauer 1961 also. Nein, sie blieben „im roten Osten“, weil sie hier ihre Lebensaufgabe sahen: Christ sein in unchristlichem Umfeld.
Das hat mich natürlich geprägt.
Ich war während der Diktatur, wie meine Brüder, politisch extremer Außenseiter, ich galt als „bürgerlich“, später, so sagt es die Stasi-Akte, galt ich gar als „Staatsfeind“, aber dazu kommen wir noch.
Ich gehörte nicht zu den Privilegierten und war doch sehr privilegiert: wir lernten nämlich von klein auf, was wirkliche Freiheit bedeutet. Eine Freiheit nämlich, die es auch hinter Mauern geben kann und die sehr viel mehr ist als Wahl- oder Reisefreiheit oder die Freiheit, zu kaufen, was das Portmonee erlaubt.
Es ist die Freiheit zum eigenen Weg, zum eigenen Denken und zur eigenen Überzeugung auch zu stehen. Davon wird zu reden sein.

Jetzt, dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer, nach dem politischen und wirtschaftlichen Tornado, der über das Land fegte, jetzt frage ich mich manchmal: was ist eigentlich aus denen geworden, die damals politisch Privilegierte waren? Es waren ja nicht alles „Scharfmacher“, die meisten waren Mitläufer.
Nicht wenige von ihnen haben mittlerweile eine ganz ordentliche Rente – nicht wenige Stasiopfer beispielsweise bekommen dagegen extrem wenig. Da ist es also ungerecht zugegangen. Ich komme darauf später in einem anderen Beitrag zurück.
Dann gibt es welche, die schwammen damals „oben“ und schwimmen wieder „oben“. Opportunisten. Die gehen immer nach den Mehrheiten, suchen den eigenen Vorteil und fertig ist die Weltanschauung. Die gibt’s überall, in Ost wie West.
Nicht wenige der „Bürgerrechtler“, wie man uns später bezeichnete haben sich mittlerweile enttäuscht zurückgezogen, äußern sich kaum noch öffentlich, stecken nicht selten in Erinnerungen fest. Auch davon wird zu erzählen sein.
Mir ging es anders.
Davon will ich nach und nach erzählen. Anhand von konkreten Themen und Erlebnissen. So mancher Vergleich wird dabei zu Tage treten, denn es ist ja mehr als verstehbar, dass einer wie ich, der beide Systeme gründlich kennt, auch vergleicht, sich erinnert, Schlüsse zieht, Einordnungen versucht. Es wird dabei konsequent persönlich zugehen. Denn ich kann nicht für andere sprechen. Bei einem solchen „Experiment“ schon gar nicht.

Also, ich glaube, ich nehme die Anregung der Freundin auf, will mich einlassen auf dieses Experiment, obwohl ich nicht weiß, wo es mich hinführen wird.
Wenn es gut geht, entsteht ein Gespräch.
Nicht nur eines unter denen, die auch in der Diktatur gelebt haben, sondern auch eines mit denen, die nicht wissen, was eine Diktatur ist.
Vielleicht entsteht so nach und nach ein Beitrag zum besseren wechselseitigen Verständnis. Vielleicht entsteht auf diese Weise eine Art Brücke, über die man gehen kann.  Meine Freundin, die viel gesehen hat von der Welt, sagt: es mangelt an solchen Brücken.
Vielleicht hat sie ja Recht.  Dann lasst uns also Brücken bauen und beginnen.
Die Texte werden nach und nach entstehen, ich habe im Moment noch gar keine klaren Vorstellungen, wie sich das ungeheuer viele Erinnerungsmaterial einigermaßen sortieren läßt. Wer Interesse hat, abonniert die Sache einfach und kann sich entsprechend auf dem Laufenden halten, wenn er mag.
Wenn durch dieses Experiment Begegnungen oder Gespräche möglich werden, dann ist es gut.

In der Ruhe liegt die Kraft.

In der Ruhe liegt die Kraft.

Das Jahr neigt sich zum Ende, aber unser Netzwerk wächst weiter.
Klick für Klick. Posting für Posting. Kontakt für Kontakt.
Eine große Klimakonferenz liegt hinter uns, weitere Konferenzen liegen vor den Staaten der Welt.
Die öffentliche Aufmerksamkeit für unser Thema schwankt und ist sehr verschieden: während großer Konferenzen ist sie relativ hoch, kurz danach schon wieder verschwindend gering. Aber das irritiert uns nicht.
Denn: Entscheidend ist nicht, was in der Zeitung steht, sondern, ob die Emissionen sinken oder steigen. Im Moment steigen sie wieder.
Wir wollen deshalb weiterhin unseren Beitrag leisten, dass sie sinken.
Wie? Indem wir Einfluss nehmen auf die veröffentlichte Meinung. Und so auf die Öffentliche Meinung. Und so auf Parlamente und Regierungen. Egal, ob auf europäischer, nationaler, Länder- oder kommunaler Ebene. Wir tun das mit den Möglichkeiten des Internets, vor allem mit social media.
Noch längst haben Deutschland, Österreich und die Schweiz die für ein 2-Grad-Szenario notwendigen Reduktionsziele nicht erreicht.
Noch längst haben nicht alle Bundesländer und Regionen in unseren drei Ländern Österreich, Schweiz und Deutschland de-investiert (also die Pensionsrücklagen für ihre Beamten und Angestellten aus fossilen Energie-Investments abgezogen). Noch längst nicht sind alle Landeshauptstädte de-investiert.
Noch längst nicht haben wir in jeder Großstadt einen oder eine Netzwerkerin, die die Sache vor Ort vorantreiben.
Es liegt also sehr viel Arbeit vor uns.
Aber: Wir machen diese Arbeit nicht für uns. Sondern wir machen sie für die Kommenden.
Deshalb können und werden wir unsere Arbeit ruhig, besonnen und konzentriert fortsetzen. Deswegen wollen wir beharrlich, kontinuierlich, und vor allem: systematisch am weiteren Ausbau des Netzwerks arbeiten.
Bundesland für Bundesland, Kanton für Kanton, Region für Region, Stadt für Stadt.
Wir kommen voran. Aber wir können durchaus noch besser werden. Vor allem können wir noch systematischer werden. Gezielter. Genauer. Dazu wird in den kommenden Wochen und Monaten Gelegenheit sein.
Ich will mich nun am Ende des Jahres auch mal bei Euch und Ihnen allen bedanken. Dafür, dass ihr die Idee zum Netzwerk so positiv aufgenommen habt und dafür, dass daraus ein gutes Miteinander geworden ist.
Für unsere Kinder und Enkel.

Für unsere Enkel. Zum Stand der Dinge.


Eigentlich hatte ich mir die Sache für den „Unruhestand“ vorgenommen, aber dann doch damit begonnen: ein bundesweites Netzwerk von Seniorengruppen aufzubauen, die sich um das Thema Klimaschutz konkret kümmern.
Weshalb?
Weil die jungen Leute allein damit überfordert sind.
Sie brauchen die Unterstützung der Älteren.
Und die können durchaus etwas beisteuern, denn sie haben Zeit, sie haben Kontakte, sie haben Erfahrung, vielleicht auch Geduld. Manchmal haben sie sogar Geld, aber das ist gar nicht nötig.
Bislang (nach etwa 14 Tagen) ist der Stand der Dinge folgender:
1. Es gibt eine Homepage.
2. Es gibt eine bundesweite facebook-Gruppe, auf der die Landesgruppen-Seiten zusammenlaufen.
3. Es gibt Gruppen-Seiten in Baden-Württemberg, Niedersachsen, Hessen und Thüringen (Stand: 12. 7. 2017).
Und die Sache spricht sich von Tag zu Tag weiter herum, neue Leute kommen dazu. Menschen, die nicht nur zuschauen wollen, sondern Menschen, die sich einbringen wollen.
Ganz bequem von zu Hause aus.
Worum geht es? Was ist das Ziel?
Wir müssen so schnell wie irgend möglich aus der Nutzung fossiler Energien aussteigen. Denn Mutter Natur richtet sich ausschließlich nach ihren eigenen Gesetzen.
Dazu gibt es viele Wege.
Abwarten jedenfalls ist kein Weg.
Wohl aber ist das Divestment, der Abzug investierter Gelder aus Kohle, Öl und Gas ein gangbarer Weg.
Mittlerweile sind mehr als 5 Billionen US-Dollar aus fossilen Investments abgezogen. Die Bundesländer Berlin und Bremen sind dabei, der Norwegische Staatsfonds, die ALLIANZ. Insgesamt über 700 Investoren.
Die Finanzwelt orientiert sich neu.
Und das nun entstehende Netzwerk von Senioren-Gruppen (ehemalige Staatssekretäre darunter, ehemalige Abgeordnete, ehemalige Lehrer, Journalisten und Angestellte) wird helfen, dass auch andere Bundesländer, Städte und Unternehmen ihre Investments überdenken und sich neu orientieren.
Ein Anfang ist gemacht.
Und wir kommen schneller voran, als ich das für möglich gehalten hätte.

Beobachtungen aus der Provinz


Ähnliche Veranstaltungen habe ich seit 1990 schon viele erlebt. Ich weiß noch, wie mir 1990 in Leipzig ein Freund zuraunte, mit dem ich oben auf der Tribüne stand: „Ein Rauschen im Blätterwald – und weg sind sie“. Was er meinte: politische Stimmungen wechseln.
Und so war es ja dann auch.
Ich habe seither so manchen kommen und auch wieder gehen sehen.
So mancher, der anfangs ähnlich euphorisch gefeiert wurde, wurde wenige Monate später – nicht selten von den eigenen Leuten – heftig angegriffen.
So ist Politik.
Den Nominierungsparteitag in Berlin-Treptow habe ich bei phoenix verfolgt, weil mich interessiert hat, wie „die Stimmung“ derzeit ist und was konkret denn gesagt wird.
Bei dem „was gesagt“ wird, weiß ich wohl, wie solche Reden gemacht werden.
Da wird nur sehr wenig dem Zufall überlassen. Und man hat vorher bereits Aussagen in der Öffentlichkeit „getestet“. Das Team registriert sehr genau, was „ankommt“ und was weniger.
All dieses Handwerkliche ist mir bekannt und auch vertraut.
Und mit diesem geschärften Blick habe ich mir angesehen, was da heute in Berlin-Treptow vor sich gegangen ist.
Manches, was da heute an Stimmung zu beobachten war, wird sich ändern. Bis zur Wahlentscheidung im September ist noch ein sehr langer Weg zu gehen. Und schon vierzehn Tage sind in politics eine lange Strecke. Bis zum September sind es aber noch Monate.
Schulz weiß das. Und sein Team weiß das auch.
Aber drei Punkte sind aus meiner Sicht dennoch besonders:
1. Es gab noch nie in der langen Geschichte der Sozialdemokratie eine Wahl zum Vorsitz, die mit 100% für den Kandidaten entschieden wurde. Selbst die legendären Ergebnisse von Kurt Schumacher lagen darunter. Insofern ist das Datum eines, das in die Chroniken eingehen wird.
2. Wer der Rede des Kandidaten aufmerksam zugehört hat, wer seine Körpersprache, seine Mimik, seine Gestik zu interpretieren wusste, wer gemerkt hat, wo die „Textbausteine“ anfingen und wo es engagiert persönlich wurde – der konnte finden, dass der Kandidat beim Thema „Europa“ und bei der Auseinandersetzung mit den „Rechten“ besonders engagiert wurde. Da hat ein Mann gesprochen, dem Europa wirklich und aus tiefster Überzeugung am Herzen liegt. Und zwar deshalb, weil er Europa sehr gut kennt.
Das ist – gerade in der gegenwärtigen Situation – nicht nur wichtig, das ist nötig. Deshalb ist es gut und ein wichtiger Impuls für die ganze nun folgende Auseinandersetzung, dass da von Anfang an dieser starke europäische Impuls zu hören und zu sehen war.
3. Die politische Auseinandersetzung mit den Völkischen wird nun aufgenommen. Und zwar tritt da eine Partei an, die sich – anders lässt sich das Wahlergebnis nicht interpretieren – geschlossen hinter ihrem Kandidaten versammelt hat. Da kämpft nicht nur ein Kandidat. Da kämpft nun eine Mann- und Frauschaft von über 400.000 Mitgliedern.
Die Sozialdemokraten haben sehr viel Erfahrung in der Auseinandersetzung mit völkischem Gedankengut. Und diese Erfahrung werden sie nun einbringen.

Für mich ist diese Veranstaltung deshalb durchaus eine besondere gewesen, auch wenn ich sie nur aus der Provinz beobachten konnte. Sie war keine, „wie andere auch“.
Der politische Wettbewerb wird nun nach und nach konkreter werden und er wird auch an Schärfe gewinnen. Es ist eine große Sache. Denn Deutschland ist kein kleines Land in Europa.
Deshalb fand ich es sehr beachtlich, dass da ein politisch in Europa beheimateter, sehr erfahrener Kandidat von „Würde“ sprach. Und davon, für die eigenen Positionen zu werben. Damit war der Stil angesprochen, mit dem man die Auseinandersetzung zu führen gedenkt.
Derlei ist – gerade in Zeiten von fake news, überbordendem Hass und schlechtem Umgangsstil insbesondere in social media – durchaus bemerkenswert.

Ich habe so manche Wahlauseinandersetzung erlebt, auch selbst bestritten und manchmal habe ich in den zurückliegenden Jahren auch Müdigkeit empfunden.
Aber auf diese Auseinandersetzung, auf die freue ich mich.