Walter in des Kaisers Waffenrock. Die Sache mit dem Dschingdarassa ….


Alte Bilder erzählen Geschichten. Man muss aber genau hinschauen. Wir sehen einen jungen Mann. Er trägt eine Uniform. Auf dem Kopf eine Schirmmütze mit zwei großen, gut zu erkennenden „Knöpfen“ (Kokarden), kein Helm. Offenbar handelt es sich um eine „Ausgeh-Uniform“, darauf deutet auch die besondere Umgebung in einem Foto-Studio hin. Walter Kasparick geb. 1876 in Wilhelmshaven

Wir wissen von diesem Mann, dass er 1876 in Wilhelmshaven geboren wurde. Er kann also frühestens mit 16 Jahren, im Jahre 1892 in die Armee eingetreten sein. Wahrscheinlicher ist aber, dass er – wie damals üblich – mit 20 Jahren, also 1896, zur Armee des Kaisers ging. Wehrpflichtig waren die Männer zwischen ihrem vollendeten 17. und ihrem 42. Lebensjahr.
Neben der Schirmmütze sehen wir Schulterklappen und Schulterstücken (Epauletten) – wir sehen folglich einen Offizier. Diese „Schulterstücken“ erweisen sich nach weiterer Recherche als sogenannte „Schwalbennester“ – und machen damit den Musiker kenntlich. Silberne oder goldene Unteroffizierstresse im Schwalbennest macht den Hoboisten kenntlich. Drei Knöpfe am Aufschlag des Uniformärmels, ein breiterer und ein schmaler Streifen am unteren Ende des Ärmels. Stehkragen verziert (ob gold oder silber ist nicht mehr zu erkennen). Schwarzes Koppel, Glacé-Handschuhe, dunkle Hose ohne Bügelfalten, Halbschuhe. Ein Orden links. Uniformrock mit sieben (wahrscheinlich 8) Knöpfen. Ein Knopf dürfte unter dem Koppel verborgen sein. Damit betreten wir die große Welt der Militärmusik.

Wir wissen über diesen jungen Mann, dass er „lange und gern – 12 Jahre“ Soldat gewesen sei. So hat es seine 1915 geborene Tochter im Jahre 1957 zu Protokoll gegeben. Wir wissen zudem, dass der junge Mann im Jahre 1915 geheiratet hat, der Weltkrieg war gerade ein halbes Jahr alt. Der junge Mann arbeitete damals schon als Geigenlehrer, wie dieses zweite Foto zeigt, das von unserem jungen Mann erhalten geblieben und in einem Foto-Atelier in Halle/Saale aufgenommen ist:

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Walter, so hieß der junge Mann, erlebte die Weltwirtschaftskrise, die Machtübernahme der Nationalsozialisten und all das Elend, das darauf folgte. Er starb im Mai 1944 nachmittags halb zwei Uhr zu Hause in seiner Wohnung in Halle an der Saale an Lungentuberkulose. Die schweren Bombenangriffe auf Halle und Leuna, auf Leipzig und Merseburg im April 1945 hat er nicht mehr erleben müssen.

Gustav und die Marine des Kaisers


Gustav und Walter Kasparick-Colorized Das Bild hing bei uns zu Hause in der Garage. Niemand hat es wirklich beachtet. Jetzt, knapp 50 Jahre später, sehe ich es mir genauer an.
Zu sehen ist mein Urgroßvater Gustav (rechts) und mein Großvater Walter.
Beide tragen Uniform. Ich verstehe nichts von Uniformen, muss mich also zunächst belesen und versuchen, herauszufinden, was ich da überhaupt sehe. Lebensdaten helfen, mich zu orientieren: Gustav wurde am 15. Mai 1845 in Ströbitz bei Cottbus geboren. Gestorben ist er am 10. Juni 1923 in Halle/Saale. Am 5. August 1876 kam sein Sohn Walter  (links im Bild) in Wilhelmshaven auf die Welt.
Daraus ergeben sich Fragen: Wie kommt ein junger Mann aus Gröbitz bei Cottbus nach Wilhelmshaven? Was hat er in Wilhelmshaven gemacht?
Bekannt ist, Gustav hat 1873 in Kiel geheiratet.  Soweit, so gut.
Nun kommt eine „Familienlegende“ hinzu: es heißt (die schriftliche festgehaltene Information der Schwester meines Vaters stammt aus dem Jahre 1957), Gustav sei „als junger Matrose“ am 16. November 1869 bei der Eröffnung des Suez-Kanals dabei gewesen. Der preußische Kronprinz und spätere Kaiser Friedrich III sei auf ihn zugekommen, weil er die äußerliche Ähnlichkeit zwischen dem „jungen Matrosen“ und ihm selbst festgestellt hätte. Beide hätten sich Rücken an Rücken gestellt, der Kronprinz sei „4 Zentimeter größer“ gewesen. Wilhelm III. habe dem Gustav anlässlich dieses Ereignisses zugesichert, wenn er mal in Not käme, könne er sich an Wilhelm wenden.
Soweit die Familienlegende, die nie wirklich überprüft wurde.
Außerdem heißt es in jener Notiz von 1957, Gustav habe „bei Nordlicht Tagebuch geschrieben“.

Das also sind die wenigen Informationen, die am Beginn der Recherche zur Verfügung stehen.
Wir sehen einen Mann in einer Uniform, auf deren linkem Ärmel ein Anker mit einer Krone zu sehen ist. Offenbar eine Marine-Uniform. Zeitraum: Kaiserliche Marine nach 1845. Wir sehen weiterhin, der Mann trägt eine Schirm-Mütze und er trägt einen Säbel mit einem „Band“ daran. Hinweise, die nun zu dechiffrieren sind.

Wie ein Blick auf die Uniformen der Kaiserlichen Marine bei Wikipedia nach drei Tagen Recherche verrät, handelt es sich um einen Offizier. Denn nur Offizieren war – nach bestandener Hauptprüfung – das Tragen des Säbels gestattet. „Zur Parade und als Ausgehanzug wurde eine blaue Kurzjacke getragen–. Auf jeder Seite der Jacke saß eine Reihe von neun Metallknöpfen. Die Brandenburger Aufschläge waren sechsknöpfig“.

Wann aber wurde Gustav Offizier? Wie begann seine militärische Laufbahn?
Wir nähern uns in umgekehrter Richtung: das Foto zeigt ihn zusammen mit seinem Sohn, das Foto ist also deutlich „nach 1873“, dem Geburtsjahr von Walter aufgenommen. Walter ist auf dem Foto ca. 20 Jahre alt, das Bild könnte also 1893 oder etwas später aufgenommen worden sein. Gustav war zu dieser Zeit etwa 50 Jahre alt.

Setzen wir nun von der anderen Seite her an. Falls Gustav – der Familienlegende nach – an der Eröffnung des Suez-Kanals 1869 teilgenommen hat, war er zu diesem Zeitpunkt 24 1/2 Jahre alt. Da war er mit Sicherheit kein „junger Matrose“ mehr, wie die Familienlegende behauptet, denn die Ausbildung der „Cadetten“ begann sehr früh, am Anfang der Kaiserlichen Marine schon mit 12 – 14 Jahren! Wir schauen nun also zunächst einmal in die Geschichte der Kaiserlichen Marine und finden, dass sie erst 1817 begonnen hat. 1843 erst wurde auf „höchste Order“ hin eine Uniform festgelegt. Eine rechtlich völlig klare Anstellung der „geprüften Matrosen“ gab es erst 1847. Erst am 5. September 1848 begann eine reguläre Ausbildung für die aufzubauende preußische Marine. Und zwar mit einem „Marine-Commando“ in Stettin. Die Geschichte der Kaiserlichen Marine ist auf vorzügliche Weise von Karl Hinrich Peter, Kapitän zur See, im Jahre 1969 aufgeschrieben worden.

Nehmen wir nach der Lektüre der Geschichte der Preußíschen Marine von Karl Hinrich Peter nun aus guten Gründen an, dass Gustav seine Ausbildung bei der Marine etwa im Alter von 14 Jahren begonnen hat, dann hat er 1859/60 damit begonnen.  Das Höchstalter für Offiziersanwärter in jenen Jahren betrug 15 Jahre. Nach zweijähriger Ausbildung war die Beförderung zum „Cadetten 2. Klasse“ möglich. Nach 4 Jahren „Cadett 2. Klasse“ war die Beförderung zum „Cadetten 1. Klasse“ möglich.
Das bedeutet für unseren Gustav:
1860 Beginn der Ausbildung als „Matrose 2. Klasse“
1862 Beförderung zum „Cadetten 2. Klasse“
1866 Beförderung zum „Cadetten 1. Klasse“.
danach bis ca. 1868 „große Seereise“
ca. 1871 Ernennung zum „Unterlieutenant“.
Die Ausbildung begann im April und wechselte zwischen „Praxis“ an Bord eines Ausbildungsschiffes und „Theorie“ an Land. Die Ausbildung begann der Junge offenbar als „Matrose 2. Klasse“, er wurde „Cadett 2. Klasse“ und später – nach der Prüfung – zum „Cadett 1. Klasse„. Der ist Offiziersanwärter und trägt schon die Knöpfe der Offiziersuniform und den Säbel. Auf obigem Foto sehen wir also vom militärischen Rang her mindestens einen „Cadett 1. Klasse“ nach sechsjähriger Ausbildung vor uns, der Säbel gibt den Hinweis.  Denn seit 1858 trugen „alle Cadetten 1. Klasse sowie alle Seeoffiziere“ den Säbel.
In den Jahren 1855 – 1866 fand die theoretische Ausbildung im Seekadetten-Institut“ in Berlin statt (nach dem Deutsch-Dänischen Krieg von 1865 kam die Ausbildung nach Kiel), wir können also davon ausgehen, dass Gustav zunächst in Berlin seine theoretischen Unterrichtseinheiten absolvieren musste.
Seit 1857 ist das Schreiben des „Logbuchs“ (also des Tagebuchs des Matrosen) Pflicht. Das ist vermutlich mit der Bemerkung aus dem Jahre 1957 gemeint, Gustav habe „bei Nordlicht Tagebuch geschrieben“. „Bei Nordlicht“ deutet auf die Route hin, die eins seiner Kadetten-Ausbildungsschiffe genommen hat. Eine „große Seereise“ gehörte ja zur Ausbildung, meistens waren es sogar zwei. Denn nach der Prüfung war eine etwa zweijährige „ausgedehnte Seereise“ vorgesehen. Nach weiteren 3 1/2 Jahren erfolgte die Ernennung zum „Unterlieutenant“.
Kadetten-Ausbildungsschiffe waren ab 1843 die „Amazone„, ab 1858 die „Arcona„, die Segelfregatte „S.M.S. Niobe“ (1862 – 1890) und die „S.M.S. Hertha„. Es könnte also sehr wohl sein, dass Gustav noch auf der Arcona seine Ausbildung begonnen und dann auf der „Niobe“ fortgesetzt hat. 

Sowohl die „Niobe“ als auch die „Hertha“ waren als Kadetten-Ausbildungsschiffe an der Eröffnung des Suez-Kanals im November 1869 beteiligt. Die kaiserliche Flotte wurde ergänzt durch die Yacht „S.M.S. Grille“ des Kronprinzen und durch das Kanonenboot „S.M.S. Delphin„.
Es könnte also durchaus sein, dass Gustav im November 1869 als „Cadett 1. Klasse“ oder gar schon als „Unterlieutenant“ an der Eröffnung des Suez-Kanals beteiligt war.

Genaueres kann man nur noch durch das Auffinden und die Kontrolle der eventuell noch vorhandenen Cadetten-Schüler- bzw. Mannschaftslisten herausfinden.

Das ist – in kurzer Fassung – die Geschichte zum Herrn auf der rechten Seite des alten Fotos. Mit dem Herrn auf der linken Seite befassen wir uns ein andermal.

Zeitungstext. Für unsere Enkel.


Die Katastrophe in Zahlen: 415.09 pars per million

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nein, niemand kann die Welt retten. Die Rede vom „Retten der Welt“ ist eine sehr dumme Rede. Die Welt ist so alt und hat schon so viel kommen und auch wieder gehen sehen – sie hat vermutlich noch nicht mal bemerkt, dass wir auf ihr herumlaufen und uns selber umbringen, indem wir die Grundlagen zerstören, von denen wir leben.
Wenn es gut geht, können wir uns selber retten – aber auch das ist mittlerweile mehr als zweifelhaft.  Denn die Fakten sind erdrückend.

Folgt man den veröffentlichten nüchternen naturwissenschaftlichen Messergebnissen und Beobachtungen, lässt sich leicht bestätigen, was Sir David Attenborough, einer der einflussreichsten Naturfilmer der Gegenwart so ausdrückt: „Den Garten Eden gibt es nicht mehr. Wir haben ihn zerstört.“
Gerade haben die Vereinten Nationen einen großen Bericht zum weltweiten Artensterben vorgelegt:
„Die Rate der globalen Veränderungen in der Natur in den vergangenen fünf Jahrzehnten ist beispiellos für die Geschichte des Menschen“, so das Fazit der Wissenschaftler. Schlussendlich trage dies dazu bei, dass der Homo sapiens seine eigene Existenz bedrohe: „Die Gesundheit der Ökosysteme, von der wir und alle anderen Spezies abhängen, verschlechtert sich schneller als je zuvor. Wir zerstören damit die Grundlagen unserer Wirtschaft, der Ernährungssicherheit, unseres gesundheitlichen Wohlergehens und unserer Lebensqualität“, konstatiert der IPBES-Vorsitzende Robert Watson. (Quelle: IPBES Global Assessment Report 6. Mai 2019).

Beim Klimawandel sieht es nicht besser aus. Am 3. Mai 2019 erreichte die Messskala im für die Klimadaten maßgeblichen Mauna Loa Obervatory den Wert von 415,09 ppm Kohlendioxid (CO2) in der Atmosphäre.
Dieser Wert ist katastrophal.
Es ist der höchste je gemessene CO2-Wert in der Geschichte der Menschheit. Der menschliche Körper kennt eine solche CO2-Konzentration nicht. Wir leben wie auf einem fremden Planeten – wir gehen in unbekanntem Gelände. Solange es die Menschheit gibt, gab es einen solch hohen Wert nicht – und die CO2-Konzentration steigt weiter an.
Weil wir immer mehr Kohle, Öl und Gas verbrennen, statt einzuhalten.
Wir sind dabei, uns umzubringen.
„Das gleicht einem kollektiven Selbstmord“ sagt Professor Hans-Joachim Schellnhuber in seinem bemerkenswerten wissenschaftlichen „Testament“, in seinem 700 Seiten starken Buch „Selbstverbrennung“. Schellnhuber war Gründungsdirektor und langjähriger Chef am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in Deutschland und ist einer der weltweit anerkanntesten Klimaforscher.
Das ist keine „Panikmache“, wie so oft abwehrend behauptet wird, das sind Messergebnisse. Nüchterne Daten und Messreihen und diese gemessenen Werte haben selbstverständlich Folgen, denn die Natur folgt ihren Gesetzen konsequent.
Wir wissen beispielsweise seit 1824, dass es den „Treibhaus-Effekt“ gibt: je mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre ist, um so stärker heizt sie sich auf. Man kennt diese Zusammenhänge schon sehr lange und hat sie seither immer genauer untersucht und versteht sie mittlerweile sehr genau. Mit modernsten Höchstleistungscomputern kann man mittlerweile sogar Modelle rechnen, die, je nach angenommener CO2-Konzentration bereits sehr exakt angeben können, wozu welche CO2-Konzentration führen wird. Solche „Szenarien“ sollen der Politik helfen, kluge Entscheidungen zu treffen.
Je wärmer die Atmosphäre ist, je mehr Energie enthält sie – die Wetter werden extremer, Hitzewellen häufen sich; Extremwetterereignisse (Fluten, Dürren) häufen sich, die Meere steigen – der Mensch gerät in Gefahr.
Die größten Städte der Welt sind Küstenstädte, mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in solchen Mega-Cities – wenn der Meeresspiegel weiter so dramatisch schnell steigt, erleben wir in diesem Jahrhundert eine Völkerwanderung „biblischen Ausmaßes“, wie der frühere Chef des UN-Umweltprogramms, Professor Klaus Töpfer einmal formuliert hat.

Wir wissen das alles spätestens seit 1972, seit dem Bericht des Club of Rome über „die Grenzen des Wachstums“. Aber: wir machen weiter, als wäre nichts gewesen. Schlimmer noch, wir machen immer schneller weiter. Das Eis in der Arktis schmilzt mittlerweile sechsmal schneller als noch in den neunziger Jahren.
„Kehrt um!“ möchte man rufen. Diesen uralten prophetischen Ruf, von dem die Heiligen Schriften berichten, möchte man anstimmen.
„Kehrt um! Wenn ihr so weiter macht, werdet ihr euch und eure Kinder töten!“
Plötzlich klingen für mich diese uralten Worte sehr modern.
Nicht zuletzt deshalb sind die Weltreligionen und alle Konfessionen gefordert, sich dem Wahnsinn entgegen zu stellen. Der Vatikan hat mit der Enzyklika Laudato Si (2015) wichtiges beigesteuert. Die Ökumene hat mit dem Konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung schon in den achtziger Jahren wesentliches beigetragen. Und möglicherweise werden die Kirchen und Weltreligionen das entscheidende Zünglein an der Waage sein, denn die politischen Parteien alleine sind ja ganz offensichtlich nicht in der Lage, das Problem zu lösen. Sie brauchen Unterstützung aus der ganzen Gesellschaft.

Wir haben nur noch etwa 10 Jahre Zeit. So sagte es die beim letzten Welt-Klima-Gipfel in Katowice 2018 versammelte Klimawissenschaft. Wenn wir unter 2 Grad Erhitzung bleiben wollen – und das müssen wir, weil uns sonst die Welt um die Ohren fliegt, weil sie aus dem Gleichgewicht geraten ist – wenn wir unter 2 Grad bleiben wollen, dann haben wir nur noch ein CO2-Budget von maximal 10 Jahren.
In dieser Zeit muss es gelungen sein, den Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas unumkehrbar gemacht zu haben. Das ist eine gewaltige Aufgabe, weil schon so viele Jahrzehnte ungenutzt verstrichen sind.

Damit das aber vielleicht doch noch gelingen kann, werden die älteren Menschen gebraucht.
Die jungen Leute von FridaysForFuture alleine schaffen das nicht. Alle werden gebraucht.
Deshalb habe ich gemeinsam mit vielen anderen das Europäische Netzwerk Fuer-unsere-Enkel.org ins Leben gerufen, angelehnt an eine Idee von Nelson Mandela und Kofi Annan, die das Netzwerk The Elders gegründet haben. Ältere, erfahrene Menschen tun sich mit all ihren Kontaktnetzwerken, mit all ihrer Erfahrung und all ihren Ressourcen zusammen, um die jungen Leute beim größten Kampf dieses Jahrhunderts zu unterstützen, dem Kampf gegen den Klimawandel.
Unsere Kinder und Enkel werden nichts mehr ändern können an der Veränderung der Erdatmosphäre. Wir sind die letzte Generation, die das wenigstens noch versuchen kann.
Es ist unser Kampf. Aber wir fechten ihn nicht mehr für uns, sondern für unsere Enkel.  Ob es gelingt, steht dahin. Dietrich Bonhoeffer wusste auch nicht, ob sein Kampf erfolgreich sein würde. Er sagte über sein Engagement und ich beziehe es auf unsere Arbeit:
„Es mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir unsere Arbeit für eine bessere Welt aus der Hand legen. Vorher aber nicht.“

 

Gandhi und Extinction Rebellion (Aufstand gegen das Aussterben). Oder etwas über sehr große Schuhe


Man bezieht sich ausdrücklich auf Mahatma Gandhi und seinen gewaltlosen Widerstand gegen die britischen Kolonialherren. Gewaltlosigkeit soll oberstes Prinzip sein bei den nun beginnenden Aktionen von Extinction Rebellion, was in etwa „Aufstand gegen das Aussterben“ bedeutet. Die Bewegung findet heute (15. April 2019) in 33 Ländern der Welt ihren Anfang und hat in Großbritannien mit der Besetzung von Verkehrsinfrastruktur (Brücken) begonnen.
Die Menschen, die sich bei Extinction Rebellion verbinden, sind bereit, für den Schutz des Planeten ins Gefängnis zu gehen.

Damit also beginnt die Karwoche 2019: mit Demonstrationen einer Organisation, die einen „radikalen Klimaschutz“ einfordert. Man müsse „die Regeln brechen“, die sich ein Wirtschaftssystem gegeben hat, das die Welt zerstört.

Zunächst: der Vortrag, den Nick Holzberg über die Bewegung Extinction Rebellion gehalten hat, und den man sich hier anschauen kann, ist nach meinem Urteil sehr gut. Der Erste Teil bezieht sich auf die wissenschaftlich bekannten Fakten, referiert sie unter Angabe sehr guter Quellen umfänglich und endet mit dem Stichwort „Trauer„. Denn: es ist bereits „fünf nach zwölf“.
Der Zweite Teil (etwa ab Minute 52) befasst sich mit der Frage, was trotz des katastrophalen Befundes noch getan werden kann.

Dieser Aspekt hat mich besonders interessiert, deshalb habe ich mir heute die live-streams aus Oslo, Berlin und Kopenhagen angesehen, in denen zu sehen ist, wie die „Aktionen“ nun beginnen. Überall sieht man heute den „schwarzen Sarg“ getragen von den Menschen, deren Symbol die Sanduhr ist: die Zeit läuft ab.

Dann kamen Reden. Jedenfalls in Berlin. Die haben mich weniger überzeugt und ich fand: die Schuhe, die uns Mahatma Gandhi hinterlassen hat, sind doch ziemlich groß für das, was da heute zu sehen war. Schon die Sprache ließ mich an einer wirklichen Gewaltlosigkeit zweifeln. Gut, die Redner waren verschieden, Charaktere sind verschieden – aber überzeugend fand ich das (noch) nicht.

Es ist ein sehr großer Anspruch, bei Gandhi anzuknüpfen. Wer sich intensiv mit seinem Leben befasst hat, sieht: Gandhi hat vor allem seinen inneren Unfrieden bekämpft, damit er wirklich gewaltfrei sein konnte. Es ist vor allem dieser unbedingte Anspruch an sich selbst, der die Meßlatte so hoch hängt.
Gut, man hat Rudi Dutschke zitiert mit seinem Satz, glaubwürdige Gesellschaftskritik sei unabdingbar verknüpft mit Selbstkritik – in den Worten von Extinction Rebellion Berlin hieß das „wir alle sind Teil des Systems, das die Erde zerstört“ – aber, ob die unbedingte Arbeit an sich selbst wirklich Voraussetzung dafür ist, was man „auf den Straßen“ erreichen möchte, das war zumindest heute noch nicht wirklich zu erkennen.

Bei der Sprache beginnt es nämlich. Und wenn ich jemandem zuhöre, der alles andre als friedlich spricht, dann überzeugt mich das nicht, wenn er von Gewaltlosigkeit redet. Aber: jedem seine Chance.

Was wir in diesen Wochen und Monaten sehen: überall auf der Welt entstehen solche Gruppen und Netzwerke: FridaysForFuture, ParentsForFuture, Scientists4Future, GrandparentsForFuture, Fuer-unsere-Enkel.org (die gibts schon seit September 2017…..), 350.org und nun also auch Extinction Rebellion, deren Mitglieder allerdings mit der Bereitschaft gegebenenfalls auch ins Gefängnis zu gehen.

All diese Netzwerke, Gruppen und „Bewegungen“ stehen miteinander im Kontakt. 
Das wird nicht ohne Auswirkungen bleiben, wenn am 26. Mai 2019 ein neues Europäisches Parlament gewählt wird.  Diese Europwahl muss zur Klima-Wahl werden. Wir haben nur noch 10 Jahre, um das Ruder herumzureißen und die Hälfte dieser Zeit wird das nun zu wählende neue europäische Parlament maßgeblich mitbestimmen.  Meine Hoffnung ist: dass die zivilen Netzwerke bis Mitte Mai immer stärker werden. Wir arbeiten gemeinsam mit vielen Menschen in Europa weiter daran. Am 26. 5. wird dann gewählt.

Die Europawahl im Mai entscheidet, ob wirksamer Klimaschutz noch gelingt


Notwendige CO2-Reduktion, um das 1,5 Grad Ziel zu erreichen. Grafik: Rahmstorf

„Wir werden die Europawahl zu einer Abstimmung über Klimaschutz machen“ sagen die jungen Leute von #FridaysForFuture. Und wir vom Netzwerk Fuer-unsere-Enkel.org werden sie dabei unterstützen.
Denn die Zeit wird sehr knapp. Noch knapp zehn Jahre stehen zur Verfügung, um die CO2-Emissionen drastisch zu senken, dann ist das Budget, zu dem sich Deutschland im Paris-Vertrag verpflichtet hat, aufgebraucht. Professor Stefan Rahmstorf hat schon Ende 2018 in einer anschaulichen Grafik aufgezeigt, um was es geht (vgl. Bild oben). Hätte die Regierung im Jahre 2000 begonnen, CO2 wirksam zu reduzieren, hätte ein Minus von 4% pro Jahr ausgereicht. Mittlerweile müsste Deutschland 18% jährlich CO2 reduzieren und die Kurve wird immer steiler, je länger man zuwartet und nicht handelt. „Das Handlungsfenster schließt sich“ warnt UN-Generalsekretär Antonio Guterres unermüdlich. Zur im September stattfindenden UN-Sonderkonferenz zum Klimawandel sollten die Regierenden „nicht Reden, sondern Pläne mitbringen“, hat er kürzlich öffentlich gemahnt.

Im Mai wird gewählt. Das dann neu zusammengesetzte Europäische Parlament wird die europäische Energie- und Klimaschutzpolitik in den Jahren 2019 bis 2023 mitbestimmen. Das ist beinahe die Hälfte der Zeit, die für engagierten Klimaschutz noch bleibt. 

Deshalb ist diese Europa-Wahl so besonders.
Und deshalb muss es gelingen, diese Wahl zur Abstimmung über den Klimawandel zu machen.

FridaysForFuture hat kürzlich konkrete Forderungen an die Politik veröffentlicht. Diese Forderungen sind im sehr engen Dialog mit der Fachwissenschaft entstanden, sie sind keineswegs „blauäugig“, sondern realistisch erreichbar, wenn man die politische Kraft dafür aufbringt. Deshalb ist es sehr sinnvoll, bei dieser besonderen Wahl die Parteien daraufhin zu befragen, was sie im Europäischen Parlament konkret zu tun gedenken, um die Ziele des Paris-Vertrages zu erreichen. Man kann die Wahlprogramme dazu nachlesen, man soll aber auch die Kandidaten direkt befragen.
Wer nicht wirklich überzeugend für engagierten Klimaschutz auf europäischer Ebene eintritt, ist nicht wählbar.

Bei dieser Wahlentscheidung geht es nicht um die jetzt Älteren, sondern es geht um die Kinder und Jugendlichen, die sehr zu Recht gemeinsam mit über 30.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von der Politik einfordern:
Handelt endlich!

Heute (10.4.2019) findet die erste Sitzung des „Klimakabinetts“ statt. Bundeskanzlerin Merkel wird die Sitzung selber leiten. Sie hat in den zurückliegenden Tagen zum wiederholten Male die jungen Leute auf den Straßen ermutigt und geäußert, sie fände es „gut, daß ihr uns so einen Druck macht“. Wir werden nun sehen, ob das nur freundliche Worte waren, oder ob nun Taten folgen.
Es ist ihre letzte Legislatur. Sie hat mit dem Klimakabinett die Chance, nun endlich Führungsstärke zu beweisen. Sie muss sich durchsetzen vor allem gegen Industrieinteressen im Verkehrssektor, sie muss auch nicht berechtigte Ansprüche aus der Kohleindustrie zurückweisen. Sie muss die Rechte (!) der jungen Generation als Maßstab ihres Handelns anerkennen.  Gelingt das nicht, dann wird diese Regierung mit allem Fug und Recht bei der nächsten Wahl abgewählt.

 

Museumsbesuch. Oder: etwas über Vorurteile


Berlin-Karlshorst

Berlin-Karlshorst. Zwieseler Straße 4, 10318 Berlin.
Hier wurde die bedingungslose Kapitulation Hitler-Deutschlands unterschrieben. Heute beherbergt das Haus ein Deutsch-Russisches Museum. Für jeden Berlinbesucher ein „Muss“. Denn es gibt wenige Orte, die für Europa von so einschneidender Bedeutung waren.
Gestern war ich nun endlich einmal da. Hatte mir viel Zeit mitgebracht, wollte in Ruhe besehen, was da an Weltgeschichte zu besehen ist.
Die Deutschen und die Russen. Die Russen und die Deutschen. Europa und die Russen. Die Russen und Europa – was für eine große, wechselvolle Geschichte. Zeiten der Konfrontation und des Krieges – aber auch Zeiten der Entspannung und Kooperation. Ein überaus interessanter Ort mit einer sehr sorgfältig gearbeiteten Dauer-Ausstellung.
Es gibt im Hause auch eine kleine Bücherstube mit sehr bemerkenswerter Literatur.  Auf ein Buch will ich besonders hinweisen:  „Unsere Russen. Unsere Deutschen. Bilder vom Anderen. 1800 bis 2000.“ Erschienen im Christoph-Links-Verlag Berlin, ISBN 978-3-86153-460-0.
Es geht um Vor-Urteile. Die Vorurteile zwischen Russen und Deutschen, Deutschen und Russen. Und die haben eine sehr lange, wechselvolle Geschichte.

Der SPIEGEL 5. März 2007
Titelbild

Exemplarisch sei das hier im Beitrag an einem Plakatmotiv gezeigt, das wohl jedem in Deutschland bekannt vorkommt. Man „kennt das“:
Der „bedrohliche Russe“, der den Westen „fest im Blick“ hat und ihn „abhängig machen“ will.
Nun hat dieses Motiv jedoch eine sehr lange Geschichte, die im Band glücklicherweise erzählt wird.
Es ist die lange Erzählung vom „Antikommunismus“, vom „Antibolschewismus“ (unter Hitler war noch die Rede vom „jüdischen Bolschewismus“, den es zu „vernichten“ gelte).
Länger als ein halbes Jahrhundert wirkt dieses Motiv bis tief ins Unterbewusstsein.
„So ist der Russe“ soll die Botschaft sein. „Er bedroht uns“. „Gegen den müssen wir uns schützen“…..
Eine solche Rede ist allerdings meilenweit entfernt von der Entspannungspolitik unter Willy Brandt in den siebziger Jahren.
Das ist auch meilenweit entfernt von jener bemerkenswerten Rede, die der russische Präsident in deutscher Sprache im Deutschen Bundestag gehalten hat – am 25. September 2001; auf Einladung des deutschen Bundeskanzlers.
Ich erinnere mich noch sehr genau, ich war junger Abgeordneter. Putin hat damals unter anderem vor dem Erstarken des IS gewarnt und eine internationale Zusammenarbeit gegen den IS gefordert – man hat nicht auf ihn gehört.
Im Jahre 2007 sah die Welt schon wieder anders aus, da tauchte „das Motiv“ wieder auf. Auf der Titelseite des SPIEGEL. Der Hauch des Kalten Krieges war wieder zu spüren. Aus jenen Jahren stammt das hier verhandelte Plakatmotiv: aus dem Jahre 1953, um genau zu sein:

Geschichte eines Plakat-Motivs von 1953 bis 2007

da ist das Plakat der CDU von 1953 (links oben);
und das Plakat der NPD von 1972 (rechts oben);
dann ist da ein amerikanisches Plakat von 1982 – und immer hat man diesen „Russenblick“ und die „roten Linien“, die von ihm ausgehend, den Betrachter des Szene bedrohlich fixieren.

Es ist interessant, wie die europäische Wahrnehmung des „Russen“ von diesem Motiv geprägt worden ist. Ein halbes Jahrhundert – das ist nicht wenig.
Verfolgt man die aktuelle Debatte um die russisch-europäischen Beziehungen, wird man wieder auf diese sehr alten Vor-Urteile stoßen.
Da ist er wieder, der „bedrohliche Russe“……
Es ist ein großes Verdienst dieses sehr sorgfältig gearbeiteten, umfangreichen Buches vom Chr. Links Verlag, der langen wechselvollen Geschichte der gegenseitigen Vorurteile einmal nachzugehen, sie genau aufzuzeigen – damit sie ihre Macht verlieren können und Verständigung möglich wird.

Erhard Eppler ist in Anknüpfung an Egon Bahr zuzustimmen: Friede zwischen Europa und Russland wird nur mit Russland gelingen, niemals gegen Russland. Deshalb ist es gut und richtig, die gegenseitigen Vorurteile wahrzunehmen – und sie dann beiseite zu legen.
Denn sie behindern, was dringend notwendig ist: den Dialog.

Leben in zwei Systemen. Ein Versuch. I


Eine Freundin hat mich ermutigt, mit diesem Experiment zu beginnen. „Du hast dreißig Jahre in der Diktatur gelebt, bist von ihr geprägt worden. Du hast lange vor dem Fall der Mauer und besonders in den Jahren der Wende für die Demokratie gekämpft, warst danach in politischen Spitzenämtern engagiert, kennst den Westen nun auch dreißig Jahre – so einen Einblick haben wenige. Schreibe darüber!“ hat sie gemeint.
Ich war unsicher, ob das sinnvoll sein könnte.
Es gibt ein paar Millionen Menschen, die auch in beiden System gelebt haben. In der Diktatur und seit 1990 im wieder größer gewordenen Deutschland. Was also könnte ich beisteuern, was nicht auch andere erzählen können?
Ok, nicht jeder hat den Westen so erfahren wie ich, der als Ostler bis so ziemlich ganz nach „oben“ kam, politisch gesehen. So sehr viele waren und sind das ja nicht. Und, bezogen auf den Osten – auch da gehörte ich zur einer verschwindend geringen Minderheit. Insofern könnte es schon ein unterscheidbarer Beitrag werden.

Vielleicht kann aber ein solches Experiment zusätzlich auch eine Einladung an andere sein, die jeweils „eigene Geschichte“ zu erzählen. Und das wäre viel.

Zunächst ein Doppeltes:
In der Diktatur (schon die Wortwahl zeigt dem Leser, aus welcher „Ecke“ ich komme) gehörte ich nicht zu den Privilegierten und gehörte doch zu ihnen.
Zu den politisch Privilegierten gehörte ich ganz sicher nicht. Ich war, wie meine beiden Brüder, nie Mitglied bei den Pionieren, war nicht in der FDJ, war nicht bei der Armee, hab mich nie an Wahlen beteiligt, die ja keine waren. Das hatte Konsequenzen, wir durften ein staatliche Abitur machen, durften nicht studieren, was wir wollten, obwohl wir zu den Klassenbesten gehörten.
Wir gehörten nicht „zum System“. Wir waren „Kirchenleute“, stammten aus einem Pfarrhaushalt in dem ein klares „Die da draußen“ und „wir hier drinnen“ galt. „Die da draußen“ – das war „der Staat“, vor allem der atheistische Staat, der die Kirche bekämpfte mit allen Möglichkeiten, die er hatte.
Meine Eltern waren ganz bewusst nicht „in den Westen gegangen“, als das noch einfach möglich war, vor dem Bau der Mauer 1961 also. Nein, sie blieben „im roten Osten“, weil sie hier ihre Lebensaufgabe sahen: Christ sein in unchristlichem Umfeld.
Das hat mich natürlich geprägt.
Ich war während der Diktatur, wie meine Brüder, politisch extremer Außenseiter, ich galt als „bürgerlich“, später, so sagt es die Stasi-Akte, galt ich gar als „Staatsfeind“, aber dazu kommen wir noch.
Ich gehörte nicht zu den Privilegierten und war doch sehr privilegiert: wir lernten nämlich von klein auf, was wirkliche Freiheit bedeutet. Eine Freiheit nämlich, die es auch hinter Mauern geben kann und die sehr viel mehr ist als Wahl- oder Reisefreiheit oder die Freiheit, zu kaufen, was das Portmonee erlaubt.
Es ist die Freiheit zum eigenen Weg, zum eigenen Denken und zur eigenen Überzeugung auch zu stehen. Davon wird zu reden sein.

Jetzt, dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer, nach dem politischen und wirtschaftlichen Tornado, der über das Land fegte, jetzt frage ich mich manchmal: was ist eigentlich aus denen geworden, die damals politisch Privilegierte waren? Es waren ja nicht alles „Scharfmacher“, die meisten waren Mitläufer.
Nicht wenige von ihnen haben mittlerweile eine ganz ordentliche Rente – nicht wenige Stasiopfer beispielsweise bekommen dagegen extrem wenig. Da ist es also ungerecht zugegangen. Ich komme darauf später in einem anderen Beitrag zurück.
Dann gibt es welche, die schwammen damals „oben“ und schwimmen wieder „oben“. Opportunisten. Die gehen immer nach den Mehrheiten, suchen den eigenen Vorteil und fertig ist die Weltanschauung. Die gibt’s überall, in Ost wie West.
Nicht wenige der „Bürgerrechtler“, wie man uns später bezeichnete haben sich mittlerweile enttäuscht zurückgezogen, äußern sich kaum noch öffentlich, stecken nicht selten in Erinnerungen fest. Auch davon wird zu erzählen sein.
Mir ging es anders.
Davon will ich nach und nach erzählen. Anhand von konkreten Themen und Erlebnissen. So mancher Vergleich wird dabei zu Tage treten, denn es ist ja mehr als verstehbar, dass einer wie ich, der beide Systeme gründlich kennt, auch vergleicht, sich erinnert, Schlüsse zieht, Einordnungen versucht. Es wird dabei konsequent persönlich zugehen. Denn ich kann nicht für andere sprechen. Bei einem solchen „Experiment“ schon gar nicht.

Also, ich glaube, ich nehme die Anregung der Freundin auf, will mich einlassen auf dieses Experiment, obwohl ich nicht weiß, wo es mich hinführen wird.
Wenn es gut geht, entsteht ein Gespräch.
Nicht nur eines unter denen, die auch in der Diktatur gelebt haben, sondern auch eines mit denen, die nicht wissen, was eine Diktatur ist.
Vielleicht entsteht so nach und nach ein Beitrag zum besseren wechselseitigen Verständnis. Vielleicht entsteht auf diese Weise eine Art Brücke, über die man gehen kann.  Meine Freundin, die viel gesehen hat von der Welt, sagt: es mangelt an solchen Brücken.
Vielleicht hat sie ja Recht.  Dann lasst uns also Brücken bauen und beginnen.
Die Texte werden nach und nach entstehen, ich habe im Moment noch gar keine klaren Vorstellungen, wie sich das ungeheuer viele Erinnerungsmaterial einigermaßen sortieren läßt. Wer Interesse hat, abonniert die Sache einfach und kann sich entsprechend auf dem Laufenden halten, wenn er mag.
Wenn durch dieses Experiment Begegnungen oder Gespräche möglich werden, dann ist es gut.