Seid ungehorsam! Eine Anmerkung zu den weltweiten Schülerstreiks


Ungehorsam ist eine wesentliche Quelle für gesellschaftlichen Fortschritt.
Das ist meine Lebenserfahrung.

„Bediene dich deines eigenen Verstandes – und sei ungehorsam.
Lebe verantwortlich für deine eigenen Entscheidungen und delegiere Verantwortung nicht an andere, in dem du ihnen einfach gehorchst. Darauf kommt es an“.
So lautet meine Antwort auf die Frage von Jüngeren, worauf es ankommt im Leben.

Wenn ich die zurückliegenden Lebensjahre revue passieren lasse, ist das ein Kontinuum: bediene dich deines eigenen Verstandes und sei ungehorsam, wenn es nötig ist. Das war überlebenswichtig in der Diktatur.
Wer nicht völlig verblöden und in der inneren Emigration, oder, noch schlimmer, im Gefängnis oder „im Westen“ landen wollte – der brauchte diesen letzten Rest an Selbstachtung, der aus Ungehorsam erwächst. „Und wenn sie alle rennen – ich renne noch lange nicht, nur weil sie alle rennen“. So bin ich erzogen worden. Deshalb habe ich nie ein Pionierhemd getragen und nie eine FDJ-Bluse; deshalb war ich zur Zeit der Diktatur nie bei einer Wahl und auch nicht bei der Armee. Nun, man hatte dafür einen Preis zu zahlen natürlich, man konnte nicht studieren, was man wollte, sondern musste längere, oft sehr unbequeme Wege gehen.  Natürlich wurden wir belächelt, auch versuchte man, uns lächerlich zu machen. Das aber machte uns nur noch stärker. Wir drei Geschwister wussten die Eltern hinter uns. Sie stärkten uns den Rücken und brachten uns bei, wie man aufrecht geht. Dafür danke ich ihnen noch heute.

Mir scheint, die jungen Leute von #FridaysForFuture haben das verstanden und auf ihre Zeit gedolmetscht:
Sei ungehorsam! Wenn du merkst, dass die Befolgung der alten Regeln dazu führt, dass sich die Menschheit selber umbringt – dann ändere die Regeln. Höre auf, den alten Regeln zu folgen. Das erzeugt starke Reaktionen: man wird versuchen, euch lächerlich zu machen; man wird euch verleumden; man wird euch angreifen – aber ihr werdet am Ende doch erfolgreich sein.

Bediene dich deines eigenen Verstandes – uns sei ungehorsam.
Das ist es, worauf es mehr denn je ankommt.

Greta Thunberg hat heute (21. 2. 2019) in Brüssel gesprochen. Sie hat gesagt: „Wir streiken deshalb während der Schulstunden, weil wir unsere Hausaufgaben gemacht haben.“ Und sie fügte in Richtung der Erwachsenen hinzu: „Wir räumen Euren Mist auf. Und wir hören damit erst auf, wenn die Arbeit getan ist.“
Das ist ein gutes und frisches Selbstbewusstsein. Das ist etwas völlig anderes als die sonst so oft anzutreffende ölige Angepasstheit, die jeder Mode und jeder Masse einfach hinterherläuft.
Ich wünsche den jungen Leuten viel Erfolg auf ihrem Weg und ich will gemeinsam mit anderen, die mittlerweile „in die Jahre gekommen“ sind, meinen Beitrag leisten, dass die jungen Leute erfolgreich sein können. Wir tun das zum Beispiel mit dem Netzwerk Fuer-unsere-Enkel.org.

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Die dumme Rede vom „Retten der Welt“


„Na, warst Du wieder die Welt retten?“ fragen manche Eltern ihre Kinder, wenn die grad von #FridaysForFuture kommen. Beispielsweise.
Andere sagen von sich: „So, jetzt war ich den ganzen Tag die Welt retten, jetzt ist Feierabend“.
Diejenigen, die sich für mehr als sich selber engagieren, werden nicht selten von denen verächtlich gemacht, die gern bequem auf dem Sofa sitzen und die Weltlage lediglich kommentieren. Davon gibt es reichlich.
Es ist in ihren Augen verächtlich, verachtenswert, wenn andere sich engagieren und „die Welt retten“, während sie selber in ihrer Tatenlosigkeit eingemauert zu Hause sitzen. Man schimpft deshalb auch gern über diese „Gutmenschen“. Sie halten einem selber, der man so gern bequem auf dem Sessel sitzen bleibt, nämlich einen ziemlich unbequemen Spiegel vor Augen: „Schau genau hin. Der da sitzt und nur meckert – das bist du!“

Aber auch Engagierte nutzen die Redewendung vom „Retten der Welt“.
Und auch sie nutzen sie zu Unrecht.
Denn die Redewendung enthält die Behauptung, Menschen könnten „die Welt retten“. Das können sie nicht.
Die Rede von „die Welt retten“ ist also in jeder Hinsicht ein unpassende Rede.
Niemand kann „die Welt retten“. Auch alle gemeinsam können das nicht.

Man kann allerdings seine konkrete eigene Verantwortung wahrnehmen. Das allerdings.
Das ist allerdings sehr viel mühsamer. Denn dazu muss man ja erstmal herausfinden, was genau man selber denn überhaupt am Zustand der Welt ändern kann.
Kann ich einen Preis für Flugbenzin festlegen? Nein. Ich kann ihn fordern, mehr aber auch nicht.
Kann ich verhindern, dass Unkrautvernichtungsmittel auf Äckern ausgebracht wird? Eher selten. Es sei denn, der Acker gehört mir oder es ist kommunaler Acker und ich sitze im Gemeinderat oder es ist kirchlicher Acker und ich sitze im Gemeindekirchenrat. Dann kann ich dort einen Antrag stellen, dass „unser“ Acker künftig nicht mehr mit Unkrautvernichtungsmittel besprüht werden darf. Ob ich davon eine Mehrheit bekomme, hängt von Verschiedenem ab.

Kann ich verhindern, dass in Indien Kohlekraftwerke gebaut werden? Wohl eher nicht. Es sei denn, ich bin indischer Ministerpräsident.

Kann ich verhindern, dass immer mehr Autos in unseren Städten fahren?
Nein. Aber ich kann mein eigenes Auto abschaffen. Das schon. Das ist allerdings ein wenig unbequem.

Kann ich verhindern, daß RWE „Tatsachen schafft“ und weiter rodet, obwohl der Kohle-Ausstieg beschlossen ist? Ich kann es gemeinsam mit anderen versuchen. Der Ausgang der Sache ist ungewiss. Die Chancen stehen allerdings nicht mehr ganz so schlecht wie noch vor ein paar Wochen.

Wenn ich zu einer Demonstration für einen schnelleren Kohle-Ausstieg gehe, rette ich „die Welt“ in keiner Weise. Ich mache bestenfalls gemeinsam mit anderen öffentlich deutlich, welcher Ansicht ich bin. Und appelliere an andere, etwas zu tun. Deshalb ist die Rede, die Schülerinnen und Schüler, die wöchentlich bei #FridaysForFuture demonstrieren, wollten „die Welt retten“ eine despektierliche Rede, die die jungen Leute lediglich lächerlich machen soll. Die jungen Leute retten „die Welt“ ganz gewiss nicht, aber sie machen endlich deutlich, was ihre Interessen sind: nämlich eine lebenswerte und  einigermaßen intakte Umwelt zu „erben“. Und je mehr dieses Interesse äußern, um so klarer wird ihre Botschaft an diejenigen, die in Staat und Verwaltung die Macht innehaben.

Man kann auf die Rede vom „Retten der Welt“ (oder auch vom „Retten des Klimas“) getrost verzichten.
Sehr viel gescheiter und anregender ist die Rede von der konkreten eigenen persönlichen Verantwortung. Die kann damit beginnen, dass ich meinen eigenen Lebensstil überdenke und gegebenenfalls weiter ändere und zum Beispiel das Auto abschaffe, weniger fliege, die Ernährung umstelle usw.
Und sie kann darin weiter gehen, dass ich mich in eine Gruppe einbringe – eine kommunale vor Ort, eine übergreifende, vielleicht gar in eine internationale, in ein Netzwerk.
Je konkreter, je besser ist es.

Im internationalen Netzwerk Fuer-unsere-Enkel.org geht es deshalb sehr konkret zu. Wir stärken diejenigen jungen Leute, die für eine lebenswerte, intakte Umwelt demonstrieren, in dem wir mit Hilfe unserer Smartphones, Laptops, Pcs etc. nach und nach eine Gegenöffentlichkeit zu denjenigen aufbauen, die den dringend notwendigen engagierten Klimaschutz verhindern wollen. Die sind momentan noch sehr zahlreich. Wir arbeiten gemeinsam mit vielen tausenden junger Leute daran, dass sich das rasch ändert.

Angst ist ein sehr schlechter Ratgeber, nicht nur, wenn es um Klimawandel geht.


Der Klimawandel sei die größte Angst der meisten Menschen. So stand es Anfang Februar in vielen Zeitungen. Radio- und Fernsehsender berichteten ebenfalls über die Ergebnisse der weltweiten Befragung.

Was ist davon zu halten?

Angst ist zunächst mal eine natürliche, lebenserhaltende Reaktion. Hätten Menschen und Tiere keine Angst, könnten sie nur schwer überleben.

Allerdings hat Angst natürlicherweise zwei mögliche Reaktionen: Flucht oder Angriff.  „Sich tot stellen“ oder kämpfen.

„Angst ist ein schlechter Ratgeber“ weiß der Volksmund. Das gilt allgemein, besonders aber bei hochkomplexen Sachverhalten wie dem Klimawandel.
Menschen, denen Denken in hochkomplexen Zusammenhängen eher schwer fällt, werfen ja sogar Klimaforschern, nüchternen Naturwissenschaftlern also, die ihre Forschungsergebnisse veröffentlichen „Panikmache“ vor. Ein Zeichen dafür, dass sie mit den veröffentlichten Daten nicht umgehen können – sie machen ihnen „einfach nur Angst“.
„Panikmache“ – ein beliebter Vorwurf sogar an Naturwissenschaftler – vorgetragen von Menschen, die „nicht hingucken“ wollen, die der Herausforderung „nicht in die Augen sehen“ wollen – weil eine tiefe Angst sie treibt. Sie reagieren auf das, was uns die Naturwissenschaft nun schon seit Jahrzehnten über den Klimawandel und seine Ursachen erklärt, mit einem „Totstellreflex“.  Das ist nun allerdings angesichts der eingetretenen Situation die schlechteste aller denkbaren Reaktionen.

Wenn das Boot, in dem du unterwegs bist, undicht ist und Wasser eindringt – was wirst du tun? Wirst du aufgeben und ertrinken? Oder wirst du schöpfen so lange du kannst, in der Hoffnung, eine Insel zu erreichen?

Das ist in etwa die Situation, in der die Menschheit angesichts des Klimawandels ist.
Man kann angesichts der Daten sagen: „es hat ja doch alles keinen Sinn mehr. Es ist ja schon „fünf nach zwölf“.“ Der Mensch gibt auf.
Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.“ (Die Bibel, 1. Brief an die Korinther, Kapitel 15, Vers 32).
Das ist eine mögliche, aber äußerst egoistische Sichtweise, denn: da sind ja noch Kinder und Enkel und vielleicht sogar bereits Urenkel.

Was ist angesichts der naturwissenschaftlichen Daten also zu tun?
„Angriff“. Wir müssen endlich handeln. Man weiß ja sehr genau, was zu tun ist:
1. Aufhören, die fossilen Energien auch noch zu subventionieren. Es ist ja völliger Irrsinn, eine wesentliche Quelle der Zerstörung auch noch mit etwa 600 Milliarden Dollar pro Jahr zu fördern.

2. Das in fossile Energien investierte Geld dort abziehen und in Erneuerbare investieren. (Das kann jeder „kleine Sparer“ ebenfalls tun.) Die weltweite Bewegung #Divest kommt zwar voran (mittlerweile sind mehr als 5 Billionen Dollar aus fossilen Energieprojekten abgezogen), aber noch viel zu langsam.

3. Einen Mindestpreis für Kohlendioxid (CO2). Wer CO2 emittiert, zahlt. Wer viel emittiert, zahlt viel, wer wenig emittiert, zahlt wenig. Die Einnahmen werden unter anderem dafür eingesetzt, für sozialen Ausgleich zu sorgen. Das Geld geht zu großen Teilen an die Bevölkerung zurück.

4. Klare politische Vorgaben, die den naturwissenschaftlichen Herausforderungen auch tatsächlich entsprechen. – Deshalb ist ein Kohleausstieg 2038 in Deutschland deutlich zu spät. Das kann und das muss sehr viel schneller gehen, da haben die Schülerproteste (#FridaysForFuture) völlig Recht.

5. Sehr viel ambitionierterer Ausbau der Erneuerbaren Energien. (Not-wendig ist eine Vervierfachung des Ausbautempos).

Ja, der Klimawandel ist die größte Herausforderung unseres Jahrhunderts, denn die Stabilität ganzer Staaten steht auf dem Spiel, Trinkwasser wird fehlen, die Zahl der Flüchtlinge, die wegen steigendem Meeresspiegel in andere Gebiete ziehen müssen, wird stark steigen. Die Konflikte werden massiv zunehmen. Klimawandel wird zum Sicherheitsrisiko – deshalb setzt Deutschland völlig zu Recht das Thema innerhalb des UN-Sicherheitsrates ganz oben auf die Agenda.

Angst ist angesichts dieser Sachlage wirklich kein guter Ratgeber.
Erforderlich ist, dass die Mutigen nun entschlossen voran gehen – so, wie in den USA Abgeordnete nun einen NEW GREEN DEAL vorschlagen – ein Umweltprogramm in einem Volumen wie das Mond-Programm der NASA.

Die Zeit ist gekommen, den Kampf gegen den Klimawandel wirklich aufzunehmen. Alle werden gebraucht: Politiker, Gewerkschaftler, Journalisten, Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten, junge Menschen, ältere Menschen, alte Menschen. Alle. Jeder, der einen Laptop zu bedienen weiß ist ebenso nötig, wie jeder, der ein Unternehmen führt.
Der internationale Klimastreik am 15. März 2019, der mittlerweile in über 40 Ländern dieser Erde vorbereitet wird, wird eines zeigen: die Zahl der Menschen, die angesichts der Lage zu kämpfen bereit ist, wächst.

Lasst uns kämpfen. Jeder an seinem Platz, jeder mit seinen Möglichkeiten.
Die Herausforderung ist groß. Sie ist die größte, vor der die Menschheit je gestanden hat.
Angesichts der eingetretenen Lage aufzugeben, bevor der Kampf überhaupt begonnen hat, ist keine Möglichkeit.
Denn: wir sind verantwortlich auch für die jungen Menschen, die nach uns kommen.

Jugend und Klimaschutz. Eine Erinnerung mit Konsequenzen


#FridaysForFuture lautet der hashtag zur weltweiten Kampagne, die von Woche zu Woche größer wird. Jetzt haben auch Schülergruppen aus den Vereinigten Staaten mitgeteilt, dass sie sich mit einbringen werden in dieses stark wachsende internationale Netzwerk. Ich habe in den zurückliegenden Wochen wie viele andere  sehr aufmerksam verfolgt, was sich da entwickelt. Angefangen hatte es am 20. August 2018 mit einer 16 jährigen Schülerin in Schweden. Die hatte ein selbstgebasteltes einfaches Papp-Plakat dabei und ging nicht mehr zur Schule – weil sie auf ein gewaltiges Problem aufmerksam machen will. Climate Change. Mittlerweile gehen die jungen Leute nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz (65.000) in Belgien (35.000) in Österreich, Italien, Australien und etlichen anderen Ländern auf die Straßen.
Und ernten viel Zustimmung, aber auch sehr viel Widerspruch.
Da regen sich zum Beispiel Kulturminister auf, die jungen Leute sollten doch bitte zur Schule gehen und nach der Schule streiken, es gäbe schließlich eine Schulpflicht. Ah ja. Man argumentiert mit der Pflicht.
Das hat eine Tradition. Weshalb Hannah Arendt aus guten Gründen und in gründlicher Reflexion dieser Tradition formuliert hat: „Niemand hat das Recht zu gehorchen“. Ich stimme ihr sehr zu. Das Recht zu gehorchen hatte man selbst in der Diktatur nicht. Sondern man hatte auch schon damals, als ich noch ein junger Pastor war, die Pflicht zum selber Denken. Was unter den Bedingungen der Diktatur mitunter erhebliche Konsequenzen hatte.

Ich erinnere mich an meine erste Arbeitsstelle: Stadtjugendpfarrer in der Industrie- und Universitätsstadt Jena. Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, am Ende des vorigen Jahrtausends, kurz vor dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch eines politischen Weltsystems. Wir waren jung, wir waren engagiert, wir wollen uns einmischen und Verantwortung für das Land übernehmen, in das wir lebten. Um „Ausreise“ ging es nie, das war keine Option. Es ging darum, „dieses Land zu verändern“. Also machte ich einen „Arbeitskreis Umweltschutz beim Stadtjugendpfarramt“ auf, richtete eine Umweltbibliothek ein und sammelte junge Leute. Schon sehr bald bekamen wir massive Probleme mit der Obrigkeit. Denn, wir lebten in einem Land, dass Umweltschutz nicht kannte. Wer auf Umweltprobleme aufmerksam machte, galt sehr schnell als Netzbeschmutzer, als „Kritikaster“ und – davon sprechen Stasiakten dicke Bände – sogar als Staatsfeind. Besonders deutlich wurde das, als Tschernobyl in die Luft flog. Rings um die DDR gingen die Messwerte für Radioaktivität durch die Decke – die größte DDR der Welt blieb davon verschont……
Schließlich lebten wir in der Diktatur und nur die SED sagte die Wahrheit. Und nach deren Wahrheit gab es keine Umweltprobleme.
Ich erinnere noch genau ein Staat-Kirche-Gespräch mit dem Jenaer Oberbürgermeister, bei dem wir Kirchenleute die massiven Umweltprobleme (insbesondere der Luft) in der Stadt ansprachen. Die Luft war oftmals dermaßen dreckig, dass der Ruß sogar durch geschlossene Doppelfenster in die Wohnungen gelangte und innen auf den Fensterbrettern lag. Die Kinder lagen mit schweren Atemwegserkrankungen im Krankenhaus, die jungen Mütter erzählten uns Kirchenleuten offen, was los war. Also sprachen wir das an. Der SED Mann wusste von nix.
Kurz: Ihm sei „soetwas nicht bekannt“ war seine Reaktion.
Wenig später war er nicht mehr Oberbürgermeister, die SED musste abtreten und es begannen neue Zeiten. Auch, weil wir nicht locker ließen.

An diese Kriminalisierung und Verächtlichmachung von Umweltengagierten erinnere ich mich in diesen Tagen, in denen wieder junge Leute auf die Straßen gehen und wieder verächtlich gemacht werden.
Es geht nicht mehr so hart zu wie in den Zeiten der Diktatur – aber viele „Argumente“ kommen mir doch sehr bekannt vor. Vor allem die Angst der Etablierten vor Regelverletzung. Und dabei wissen wir – nicht erst seit der Bürgerrechtsbewegung in den USA, die ja bekanntlich mit einer Regelverletzung begann, dass in bestimmten Zeiten die Regeln verletzt werden müssen, denn diese Regeln führen ja zu dem Notstand, der abgestellt werden muss. Wenn wir uns unter den Bedingungen der Diktatur an deren Regeln gehalten hätten, wäre es nicht viel geworden mit der „Wende“.

Deshalb gefällt mir nicht nur, was die Schülerinnen und Schüler da jetzt weltweit auf die Beine stellen, sondern wir unterstützen sie, so gut wir können mit unserem auch internationalen Netzwerk Fuer-unsere-Enkel.org

Woher kommt die Kraft der jungen Leute? Im Moment kommt sie aus zwei Quellen: „Wir sind alle jung und es geht um unsere Zukunft. Das verbindet uns“.
Das sagte Luisa, eine junge, 22-jährige Aktivistin in der vorigen Woche auf der Demonstration vor dem Bundeswirtschaftsministerium in Berlin. Ich habe lange über diesen Satz nachgedacht.
Er enthält eine ungeheure Sprengkraft: Wir sind jung – das heißt: „ihr seid nicht mehr jung. Euch geht die Kraft aus. Um euch geht es nicht mehr“.
Und: „es geht um unsere Zukunft“ – nicht um eure. Das ist starker Tobak.
In Magdeburg bei der Demonstration war der Spruch zu lesen: „Ihr liegt in zwanzig Jahren im Grab – und wir sitzen dann hier bei 60 Grad.“ Es geht also um die Grundlagen. „Weshalb soll ich Abitur machen, wenn ich keine Zukunft habe?“ fragen andere Plakate. Das will erstmal beantwortet sein. Und zwar so, dass es auch wirklich gehört werden kann.

Was nicht nur mir gut gefällt:
Die jungen Leute kümmern sich um ihre eigene Zukunft.
„Demokratie – das ist die Einmischung in die eigenen Angelegenheiten“ sagte mein Freund Jürgen Fuchs, den die Stasi umgebracht hat. Er hatte sehr Recht.
Das galt damals schon, als die Bedingungen sehr viel härtere waren und man erhebliche Konsequenzen bis hin zu Gefängnis und Berufsverbot zu befürchten hatte.
Und es gilt heute ebenso.

Deshalb ist den jungen Leute von heute zu sagen: Lasst Euch nicht irre machen!
Kämpft den Kampf, den ihr kämpfen müsst.
Ihr habt sehr Recht, wenn ihr uns Älteren vorwerft, dass wir nicht genug getan haben, um die Lebensgrundlagen zu schützen.
Aber vielleicht könnt ihr es – trotz des berechtigten Zorns – gestatten, dass wir nun diesen Kampf um Klimagerechtigkeit, diesen größten Kampf des Jahrhunderts, gemeinsam durchfechten.

Leben in zwei Systemen. Kapitel 2. Umwelt


Es wird wohl ein „Wörterbuch“ werden. Ein Wörterbuch als Ordnungsprinzip, um das viele erlebte Material aus dreißig Jahren Diktatur und knapp dreißig Jahren Bundesrepublik handhabbar zu machen. Ein solches Wörterbuch ist auch deshalb sinnvoll, damit wir zunächst einmal klären, was wir denn eigentlich meinen, wenn wir ein Wort sagen. Worte sind gefüllt mir Erfahrung, gefüllt mit Erlebtem. Der Kontext gibt einem Wort einen Teil seiner Bedeutung. Deshalb ist Sorgfalt beim Wort nicht egal. Die Verwendung vieler Worte war zu Zeiten der Diktatur nämlich durchaus völlig verschieden von der Nutzung heutzutage. So eine Wort-Klärung kann zudem jüngeren Menschen helfen, genauer zu verstehen, was ein Leben in der Diktatur bedeutet hat. Dass alle die nun folgenden Beiträge streng persönlich sind, hatte ich im Teil I ja schon notiert.
Nun also „Umwelt“.
Dass wir Kinder in einem Pastorenhaushalt in der DDR zu den Privilegierten insofern gehörten, als wir Zugang zu Literatur hatten, hatte ich in Teil I ja schon berichtet. Deshalb konnten wir zum Beispiel „Die Grenzen des Wachstums“ (Club of Rome 1972) lesen. Und wir lasen. Und zwar gründlich. Der „Acker“ war nämlich schon gut vorbereitet, wir waren schon als Jugendliche aufmerksam ausgerichtet auf die globalen Fragen. Unsere politische Bildung bezogen wir in der Familie vom SFB und vom Deutschlandfunk, manchmal auch vom RIAS. Vor allem die politischen Features vom SFB halfen uns, den Blick weltweit offen zu halten, obwohl wir hinter dem Zaun festsaßen. Ich erinnere mich gern an die „Abende am Radio“, bei denen wir diese Sendungen hörten.
„Ihr seid über vieles bei uns besser informiert als wir“ – sagten uns West-Besucher deshalb nicht selten.
Wer „Die Grenzen des Wachstums“ aufmerksam las, konnte sehen, dass eine Politik, die auf Wachstum ausgerichtet war, nicht mehr länger zielführend sein konnte. Das galt in West, aber auch in Ost, denn auch der Osten war auf Wachstum ausgerichtet. Und eben das führte zum Konflikt.
„Umwelt“ war in der DDR ein hochpolitisches Wort. Wer sich mit Umweltfragen befasste, wurde beobachtet. Denn Umweltprobleme gab es offiziell nicht.
Jeder sah, dass es stank in Merseburg; jeder sah die Schaumteppiche, die die Saale von Saalfeld herabgezogen kamen – aber Umweltprobleme gab es nicht.
Der Ruß aus dem Heizkraftwerk in Jena-Winzerla kam sogar durch die geschlossenen Doppelfenster in meine Wohnung in der Johannisstraße 14 im Zentrum der Stadt, aber ein Umweltproblem gab es nicht – das teilte uns jedenfalls der damalige Oberbürgermeister Spahn beim jährlichen Staat-Kirche-Gespräch offiziell mit. Wir wussten aber von Kirchenältesten, die im Heizkraftwerk arbeiteten, was dort tatsächlich vor sich ging.
Wer sich mit den „Ereignissen um die Umweltbibliothek in Berlin“ einmal befassen will, kann das googlen, ich erspare mir deshalb hier einen Exkurs. Man sieht aber auch an diesem Beispiel: Umwelt war ein hochpolitisches, aufgeladenes Wort und jeder, der sich wirklich vom Staat unabhängig eine fundierte Meinung bilden wollte, war sofort verdächtig. Es mangelte zum Beispiel an verlässlichen Informationen, vor allem an Messdaten. Umweltinformationsdienste waren geheim und nur „den staatlichen Stellen“ vorbehalten.
Ich gründete deshalb, als ich im Stadtjugendpfarramt in Jena meinen Dienst als Jugendpastor begann, gleich zu Beginn einen „Arbeitskreis für Umweltfragen beim Stadtjugendpfarramt“. Die Stasi-Akte hat gut protokolliert, was wir damals unternahmen. Aus heutiger Sicht völlig harmlose Aktionen waren das. Zum Beispiel fertigten wir in meinem fensterlosen Badezimmer Fotopostkarten an, auf denen ein Zentraler Platz in Jena abgebildet war, auf dem Bäume standen. (in Wahrheit gabs da keine Bäume, nur Beton). Von diesen Postkarten fertigten wir 250 Stück an und klemmten sie den dort parkenden Autos hinter den Scheibenwischer. Die Botschaft war simpel: „pflanzt endlich ein paar Bäume ins Stadtzentrum, dieser Platz ist viel zu heiß und staubig“.
Die Aufregung bei der Stasi war erheblich.
Heute lächle ich über diese Dinge, weil sie, gemessen an der eigentlichen Aufgabe, wirklich harmlos waren. Aber: unsere Möglichkeiten waren auch sehr begrenzt. Kopierer hatten wir nicht. Fotos auf Matrizen vervielfältigen ging technisch nicht – also blieb die Vervielfältigung mit dem Fotoapparat.
Das, was wir an Literatur zur Verfügung stellen konnten, stellten wir Kirchenleute zur Verfügung. Einige jedenfalls taten das: sie öffneten ihre Bibliotheken. Umwelt-Bibliotheken entstanden. Nicht nur in Berlin. Auch in Jena und in anderen Städten.
Das „Kirchliche Forschungsheim“ in Wittenberg war besonders wichtig, um die zaghaften kleinen Umwelt-Gruppen, die „im Raum der Kirche“ angefangen hatten, zu sammeln und weiterzubilden. Auch das „Kirchliche Forschungsheim“ unter Leitung von Dr. Hanspeter Gensichen war der Obrigkeit selbstverständlich ein Dorn im Auge. Die einschlägigen Akten berichten davon. Es ging ganz fix, dann war einer, der sich um Umweltfragen kümmerte, ein „Staatsfeind“ und wurde entsprechend behandelt.
Was geblieben ist aus jenen Jahren ist die Einsicht: wer sich wirklich gründlich mit Umweltfragen befasst, stößt sofort auf staatlichen Widerstand. Und auf den Widerstand der Konzerne natürlich, die mit dem Verkauf von schmutziger Energie ihr Geld verdienen.
Weil ein Staat, der auf Wachstum aus ist, in seinen Grundfesten angefragt wird, wenn man über wirklichen Umweltschutz redet. Zu „Ost-Zeiten“ (auch so ein terminus, der erst nach der „Wende“ entstanden ist) befassten wir uns mit schmutzigen Gewässern, schmutziger Luft, chemischen Rückständen. Von „Klimawandel“ etc. war noch keine Rede. Das kam erst noch.
Zu „Ost-Zeiten“ gabs noch keinen „Klimawandel“. Die Kohle-Kumpel jedenfalls kämpften in jedem Winter in den Braunkohletagebauen einen „heldenhaften Kampf“ zur „Versorgung der Bevölkerung mit Brennstoffen“. Wer sich mal Zeitungsberichte einer beliebigen Zeitung aus einem beliebigen Wintermonat daraufhin anschaut, der sieht sofort, wie existentiell die Versorgung mit Braunkohle für die gesamte DDR-Wirtschaft war.  Wer über „Kohle“ sprach, sprach über Politik und zwar über die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“, über den ökonomischen Kern der DDR also. Und die „Kumpels in der Kohle“ waren entsprechend „Helden“.
Das muss man wissen, wenn man den Widerstand, der heutzutage zum Beispiel im Lausitzer Revier gegen die Schließung von Braunkohlekraftwerken vorhanden ist, verstehen will.
Also: dass es der Umwelt schlecht geht – das galt schon damals nach Ansicht des „Staates“ als „persönliche Meinung“ und war in seinen Augen von Objektivität meilenweit entfernt. Wer sich wirklich für Umweltschutz engagierte, war gefährlich.
Nun aber waren da die Kirchengemeinden, die sich in kleinen Lesegruppen und -zirkeln nicht beirren ließen und lasen. Die sich Informationen beschafften bei Treffen mit Partnergemeinden zum Beispiel. Die sich vernetzten. Die wenigen Treffen der Umwelt- und Friedensgruppen in der DDR waren entscheidend für den Informationsaustausch und sie haben ihren wirksamen Beitrag geleistet für den Fall der Mauer.
Was die Weltkirche anbetraf – da war der „Konziliare Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ der Maßstab, der insbesondere die frühen achtziger Jahre bestimmte. Nicht wenige Gruppen konnten sich innerhalb dieses Prozesses sehr gut international verknüpfen und die Delegierten, die an den internationalen Treffen teilnehmen durften (nicht jeder durfte ausreisen, um an einer solchen Tagung teilzunehmen…..), waren begehrte Gesprächspartner nach ihrer Rückkehr.
Unter dem „Dach der Kirche“ fand also einiges statt.
Ich weiß vom VEB Carl Zeiss Jena, dass es auch innerhalb großer Kombinate wie dem Zeiss-Kombinat  im kleinsten Kreise  einiger Kollegen kritische Gespräche gab. Wurde man jedoch dabei erwischt und denunziert, war die Karriere in Gefahr.

Nun, etliche Jahrzehnte später, drückt uns nicht nur das Thema „Klimawandel“ und „Plastik“, sondern „Überfischung der Meere“ und vieles andere, weil die großen Volkswirtschaften unübersehbar tatsächlich an ihre „Grenzen des Wachstums“ gekommen sind. Mehr geht nicht.
Man hatte schon in den siebzigern davor gewarnt. Die Warnungen wurden in den Wind geschlagen. In Ost und in West.
Würden alle Menschen der Welt so leben, wie wir Deutschen, bräuchte man dreieinhalb Erden. Wir wissen das. Aber wir machen einfach weiter.
Das kann aber nicht funktionieren. Unser Lebensstil kann kein Maßstab sein, weil er mehr verbraucht, als da ist.
Wenn wir über die gegenwärtigen, verschärften ökologischen Themen sprechen, über Klimawandel beispielsweise, über „Energiewende“, über „Kohleausstieg“ – dann reden wir über Weltwirtschaft. Der Blick ist sofort global. Das wussten wir schon lange. Das wissen wir schon lange. Und dennoch wird
putzigerweise wird ökologisch, d.h. global denkenden Menschen heutzutage nicht selten ein „Tunnelblick“ vorgeworfen, wenn sie darauf hinweisen, dass beim Thema „Klimawandel“ die Existenz der Menschheit auf dem Spiele steht.
Dabei geht es um das glatte Gegenteil, als um einen „Tunnelblick“. Es geht darum, den kleinkarierten Blick auf die eigene Umgebung, auf die eigene Nation und die eigene Volkswirtschaft endlich zu weiten und die Zusammenhänge anzuerkennen.
Aber noch immer werden diese Zusammenhänge geleugnet. „Was kann denn Deutschland schon beitragen zum weltweiten Klimaschutz?“ so fragen diejenigen, die partout nichts ändern wollen.
Oder sie sagen: „Früher war es auch schon heiß. Es gibt keinen Klimawandel.“
Oder sie sagen: „Dass ein erhöhter CO2-Ausstoß seit der Industrialisierung für den sich immer stärker beschleunigenden Klimawandel verantwortlich ist, ist „ihre persönliche Meinung“.
Wissenschaftliche Grundlagenforschung, wissenschaftliche gesicherte Erkenntnisse werden als „persönliche Meinung“ abgetan. Mir kommt das sehr bekannt vor.
Das ganze ist jedoch nicht banal, denn es findet organisiert statt.
Die Interessenkonflikte liegen ja offen auf der Hand. Da sind diejenigen, die eine einigermaßen intakte Umwelt sich selbst und für ihre Kinder wollen und da sind andere, die zum Beispiel mit Kohle Geld verdienen. Dieser Konflikt muss jetzt zügig entschieden werden. Der Worte sind nämlich genug gewechselt.
Wir haben nämlich ein wirkliches Problem: trotz aller Umweltkonferenzen und Umweltabkommen steigen die Emissionen.
Es besteht die große Gefahr, dass sich nach fast 50 Jahren „Die Grenzen des Wachstums“ die politischen Parteien aus dem Kampf gegen den Klimawandel verabschieden mit dem Argument: nun ist es zu spät.
All die Jahre, die ich nun mittlerweile mit dem Thema verbracht habe – anfangs als junger Pastor mit interessierten jungen Menschen, später als Bundestagsabgeordneter (ich erinnere mich sehr gern an jenen Tag, als wir mit Dr. Hermann Scheer und Hans-Josef Fell und anderen die Einführung des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes endlich politisch durchsetzen konnten und gefeiert haben) und Mitglied der Energie-Enquete und noch später als Staatssekretär im Bundesforschungsministerium (Energieforschung!) und im Bundesverkehrsministerium (Verkehrswende, neue Antriebe!) – all die Jahre haben mir vor allem eines gezeigt: unser Engagement war nicht ausreichend, nicht entschlossen genug, nicht entschieden genug.
Denn trotz aller Anstrengungen, trotz aller Beschlüsse, Gesetze und Entscheidungen: die Emissionen steigen dramatisch schnell an.
Nicht nur bei uns, überall auf der Welt.
Wir haben nicht mehr viel Zeit. Zehn Jahre vielleicht. Wahrscheinlich sind es weniger Jahre, um das Ruder noch herumzureißen.
Die britische staatliche Meteorologie-Agentur rechnet damit, dass die besonders gravierenden 1,6 Grad Temperaturanstieg in den kommenden vier Jahren erreicht werden. 1,6 Grad – das bedeutet dass ein weiter „tipping point“ kippt: das Abschmelzen des Grönlandeises wird bei plus 1,6 Grad unumkehrbar.

Nach all den Jahren bin ich nun seit Anfang des Jahres im „Ruhestand“.
Aber ich mache weiter mit dem Thema.
Was unter den Bedingungen der Diktatur auch mit Mitteln der Staatssicherheit bekämpft wurde, was unter den Bedingungen der offenen Gesellschaft belächelt oder als „persönliche Meinung“ abgetan wird, das muss endlich „geregelt“ werden. Und zwar so, dass kommende Generationen auch noch leben können.
Ernst Ulrich von Weizsäcker, Mitglied im Club of Rome, mit dem ich in der Energie-Enquete zusammengearbeitet habe und der mein Kollege in der Fraktion war, hat kürzlich öffentlich gemeint:
„Wenn wir so weiter machen wie bisher, dann werden unsere Kinder und Enkel nichts mehr zu lachen haben, wenn sie denn überhaupt überleben können.“
Deshalb gibt es nun „Fuer-unsere-Enkel.org„. Ein internationales Netzwerk von Menschen, die nicht vor der Zeit aufgeben wollen.

Egoismus kann man nicht essen

Egoismus kann man nicht essen

Status update:
Frau Merkel ist knapp zur Kanzlerin gewählt, Stephen Hawking ist gestorben, Trump kündigt seinem Außenminister per twitter und die britische Universität East Anglia veröffentlicht gemeinsam mit dem WWF eine Studie, wonach bis zum Jahre 2080 (das ist schon übermorgen) jede zweite (!) Tier- und Pflanzenart ausgestorben sein wird – wenn der Klimawandel so ungebremst weiter geht, wie gegenwärtig.

Gestern hatten sich 22 Nationale Akademien der Wissenschaften mit einer gemeinsamen Erklärung zu Wort gemeldet: der Klimawandel sei derart besorgniserregend, dass höchster Handlungsbedarf bestehe. Die Grundlagen des Wirtschaftens seien in Gefahr.

In diesem Februar ist der Nordpolarwirbel zusammengebrochen, was dazu führt, dass extreme Kälte-Einbrüche bis tief nach Europa vordringen können. Der Nordpolarwirbel ist stark, wenn die Temperaturunterschiede zwischen Nordpol und Äquator hoch sind. Wird es aber warm am Nordpol, schwindet der Temperaturunterschied und der Wirbel wird schwächer und kann die extreme Kaltluft nicht mehr im Norden halten – es wird kälter im Norden Europas.
Klimaforscher, insbesondere Eis-Spezialisten hatten in den zurückliegenden Tagen vielfach auf die Katastrophe am Nordpol hingewiesen. Es ist extrem warm dort, das Winter-Eis war nie so gering wie in diesem Winter.

Das IPCC wird dreißig Jahre. Seit dreißig Jahren dokumentiert diese Welt-Agentur das Versagen der Politik in Sachen Klimawandel. Trotz aller Konferenzen und Papiere steigen die Emissionen, nehmen die Schäden dramatisch zu.

Je länger ich diese Entwicklungen wahrnehme und beobachte, um so klarer frage ich mich, ob es noch gelingen kann, den Klimawandel zu mildern.
Im Moment deutet rein gar nichts darauf hin.
China investiert zwar sehr viel in Erneuerbare Energien, schickt sogar die Armee zum Aufforsten, Ägypten beginnt die größte Solaranlage der Welt zu bauen – die Erneuerbaren treten ihren Siegeszug an – aber die Emissionen sinken dennoch nicht. Weiterhin wird viel zu viel mit Kohle, Öl und Gas gearbeitet. Der auftauende Permafrost setzt zusätzlich Methan frei. Der Klimawandel ist in einem Stadium angekommen, in dem wesentliche Kipp-Punkte bereits überschritten sind – eine sich selbst verstärkende Entwicklung ist in Gang gekommen.

Es deutet im Moment rein gar nichts darauf hin, dass „die Politik“, also UNO, große Nationalstaaten und Bündnisse wie die Europäische Union eines ist, in der Lage wären, die größte Herausforderung des Jahrhunderts auch nur in Ansätzen adäquat zu lösen. Man agiert viel zu unentschieden, vertagt in Komissionen (so wie in Deutschland der dringend notwendige Kohle-Ausstieg in Komissionen verschoben wurde), entscheidet nichts – und die Temperaturen steigen weiter.

Die Institute warnen. Große Nationale Akademien und ihre Zusammenschlüsse warnen. Die Messwerte sind völlig eindeutig.
Aber die Politik ist gelähmt.

Professor Hans-Joachim Schellnhuber fragt am Ende seines enormen Buches „Selbstverbrennung“ nach der Hoffnung.
Die lässt sich nur sehr schwer begründen. Es gibt allerdings zaghafte Lichter am finsteren Horizont: die weltweite Divest-Bewegung macht Fortschritte, überall gründen sich Netzwerke wie Fuer-unsere-Enkel. org oder 350.org oder The Elders. Die Zivilgesellschaft organisiert sich.

Nur: die entscheidende Frage ist die nach der menschlichen Aggressivität, da hat Stephen Hawking völlig Recht.
Wenn es uns nicht gelingt, die menschliche Aggressivität und den menschlichen Egoismus zu überwinden, dann hat die Menschheit keine Chance, so seine Mahnung.
Denn, wenn jede zweite Art bei Pflanzen und auch bei Tieren in etwa 60 Jahren ausgestorben sein wird, dann wird man sehen: Egoismus kann man nicht essen.

„Selbsternannte Umweltschützer“. Etwas von der Sprache

„Selbsternannte Umweltschützer“. Etwas von der Sprache

Es handelt sich um ein Schimpfwort. So jedenfalls ist es gedacht.
„Selbsternannt“ ist jemand, der kein Mandat hat.
Das ist jemand, der nicht befugt ist; einer, der sich etwas anmaßt.
Ein „selbsternannter Umweltschützer“ ist also jemand, der sich anmaßt, die Umwelt zu schützen.
Das ist einer, der nicht befugt ist, die Umwelt zu schützen.
Das ist einer, der kein Mandat hat, die Umwelt zu schützen.

Das ist der Sinn der abfällig gemeinten Rede vom „selbsternannten Umweltschützer“.
Diese Rede wird von Menschen vorgetragen, denen unbequem ist, was diese „selbsternannten Umweltschützer“ vortragen.
Es dient der eigenen Abwehr.

Wenn diese „selbsternannten Umweltschützer“ zum Beispiel verlangen – und sie verlangen es weltweit, sie verlangen es in den Kirchen und in den Parteien, sie verlangen es in Parlamenten und außerhalb von Parlamenten, sie verlangen es auf Straßen und Plätzen dieser Welt – wenn sie also verlangen: „hört mit der Verstromung von Braunkohle endlich auf! Braunkohle ist die fossile Energiequelle mit den meisten CO2-Emissionen und deshalb besonders schädlich für unser Klima!“
Dann ärgert solche Rede selbstverständlich jemanden, der zum Beispiel mit der Braunkohle sein Geld verdient.

Es handelt sich also um einen Konflikt. Es handelt sich um gegensätzliche Interessen.
Der eine will in Ruhe sein Geld verdienen.
Der andere will, dass die Naturzerstörung weniger wird.

Der eine weist darauf hin, dass die Nutzung der fossilen Energieträger in den zurückliegenden 200 Jahren einerseits gesellschaftlichen Reichtum erzeugt, andererseits aber auch die Stabilität des Klimas zerstört hat – was katastrophale Folgen vor allem für die Menschen hat und haben wird.
Der andere erkennt, dass er auf verlorenem Posten steht, wenn er weiter an der Kohleverstromung festhält und er geht zum Angriff über:
ihr Umweltschützer, ihr seid ja nur „selbsternannt“. Ihr habt kein Mandat. Ihr dürft das gar nicht tun, was ihr tut. So geht seine Rede.

Das ist eine sinnlose Rede. Denn natürlich hat jeder, der sich für den Schutz der Umwelt einsetzt ein Mandat.
Und das ergibt sich zunächst aus seinem Gewissen.

„Wir dürfen unser Gewissen nicht länger betrügen, wenn es um Entscheidungen über die Umwelt geht“ sagt die Enzyklika „Laudato Si“ deshalb völlig zu Recht.

Ein zweites tritt hinzu: Wer sich den biblischen Texten verpflichtet weiß – und das sind weit über eine Milliarde Menschen auf der Welt – , der kennt einen der ältesten Texte unserer Tradition. Der handelt vom Menschen. Vom Menschen wird gesagt, er sei auf dieser Welt „wie in einen Garten gesetzt“. Und seine Aufgabe in diesem Garten bestehe darin, „ihn zu pflegen und zu bewahren.“ (Genesis 2).

Daraus ergibt sich ein zwingendes Mandat.
Uns gehört diese Erde nicht.
Aber sie ist uns anvertraut.
Damit wir sie pflegen und bewahren.

Und zwar für diejenigen, die nach uns kommen. Und das ist der dritte Bezug, der zum Auftrag führt, sich um den Schutz der natürlichen Grundlagen des Lebens zu kümmern. Es geht um das Recht der Kinder und Enkel.
Wir haben kein Recht, die Lebensgrundlagen unserer Kinder und Enkel zu zerstören. Dafür hat niemand ein Mandat.

Deshalb muss es ein schnelles Ende haben mit der energetischen Nutzung fossilen Energieträger, zu allererst der Braunkohle.

Denn diejenigen, die das Klima weiter zerstören, die haben dafür nun wirklich kein Mandat.