Über den Tag hinaus….. Teil 2


Computer machen es möglich, längere Trends in wenigen Minuten zu verdeutlichen. Das erleichtert es, einen gewissen Überblick zu behalten über das, was wichtig und das, was weniger wichtig ist.

Heute morgen kam via vox.com ein 5-Minuten-Video, das das Wachstum der Weltbevölkerung zeigt. Die Jahre 0 bis 2050 in 5 Minuten.
Man kann es hier anschauen.

Nach dem Ansehen dieses Videos ist eines sehr deutlich: die Weltbevölkerung wächst schneller, als es für den Planeten gut ist und kann deshalb nicht so weiter gehen.

Das Problem ist schon länger bekannt und die Staaten – insbesondere in Asien – haben allerlei versucht, angemessen damit umzugehen, allerdings mit wenig Erfolg. Die Weltbevölkerung wächst weiter rasant.

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille.
Wenn man über dieses Video die entsprechenden Grafiken zum Klimawandel legt (die zum Meeresspiegelanstieg beispielsweise), dann sieht man: die Küsten sind besonders betroffen, weil in einem Küstenstreifen von etwa 100 Kilometern etwa ein Drittel der Weltbevölkerung lebt. In den Mega-Cities der Welt (und sehr viele davon liegen an Küsten) lebt über die Hälfte der Weltbevölkerung.

Da rasen also zwei ICEs aufeinander los.

Das UNHCR rechnet wegen dieser Entwicklungen mit einer stark ansteigenden Zahl von Umweltflüchtlingen. Von etwa 250 Millionen bis 2050 ist die Rede (gegenwärtig sind es 60 Millionen weltweit, Kriegsflüchtlinge eingerechnet).
Da sind Großstädte umzubauen in höheres Gelände; da fehlt es einerseits an der Versorgung mit frischem Trinkwasser (sowohl in den Städten als auch auf dem Land); da wird das Wachstum der Städte weiter zunehmen (weil Menschen vom Land in die Städte fliehen in der Hoffnung, dort noch “etwas” zu finden).
Gleichzeitig stehen die Küsten-Städte aber vor enormen Herausforderungen, die von der Meerseite aus kommen.

All das deutet auf die Zunahme von Konflikten hin.
Weshalb nicht nur das Auswärtige Amt, sondern auch die Regierungen der USA, Englands und anderer Staaten den Klimawandel als Sicherheitsrisiko betrachten. Über die entsprechenden Studien (die vom AA stammt schon von 2006) hatte ich ja hier schon geschrieben.

Nur diese beiden Trends (es gibt auch noch andere Indikatoren) bedeuten eines ganz sicher: die in Europa gegenwärtig geführte Debatte um “Obergrenzen”, “Zäune”, “Schießbefehle” etc. ist schlicht lächerlich.

Wir reden über den Zeitraum bis 2050. Das ist in 35 Jahren. Der Fall der Mauer liegt 25 Jahre hinter uns und wir wissen, das ist, als sei es gestern gewesen.
35 Jahre sind eine verflixt kurze Zeit.

Nun hat die Völkergemeinschaft zwar in Paris beschlossen, beim Klimawandel etwas zu tun, aber klar ist auch: selbst wenn es gelingt, die dort vereinbarten Ziele tatsächlich zu erreichen, führt das bestenfalls zu einer Verlangsamung des Zusammenpralls beider “Züge”, um im Bild zu bleiben. Verhindern kann man den Zusammenprall nicht, denn beide Systeme reagieren ausgesprochen träge.

Man kann deshalb- aus klar erkennbaren Gründen – mit einer Zunahme der weltweiten Gewalt rechnen. Weil diejenigen, die noch etwas “haben”, eben diesen Wohlstand “gegen” die anderen, die weniger oder nichts haben, verteidigen wollen.
Dieses Gewaltpotenzial lässt sich vermindern.
Wenn man einsieht, dass der Wohlstand in den Industrieländern auf dem gegenwärtigen Stand nicht zu halten sein wird.
Beide hier im Text skizzierten Trends bedeuten eines: die Welt wird lernen müssen, die knappen Ressourcen, die angesichts des Wachstums der Weltbevölkerung und angesichts des Klimawandels überhaupt noch zur Verfügung stehen, zu teilen. 
Ob das gelingt, ist offen.

 

 

 

Selbstverbrennung. Etwas zur Lage der Menschheit.


Die CO2-Emissionen der Weltwirtschaft (!) müssen bis 2050 auf Null.
Das ist die gewaltige Herausforderung.

Die Wahrscheinlichkeit, dass das gelingt, liegt bei etwa 9%.
So ist die gegenwärtige Lage.

“Verzweiflung. So müsste eigentlich mein persönliches Fazit lauten, wenn ich die Einsichten über den Klimawandel und die Aussichten für den Klimaschutz nach 25 Jahren intensiver Auseinandersetzung mit der Thematik in einem Wort zusammenfassen sollte. Die wissenschaftliche Beweislage, dass unsere Zivilisation dem Feuer immer näher rückt, ist erdrückend, aber gleichzeitig scheinen alle, die das Steuer noch herumreißen könnten, entschlossen, den Selbstmordkurs zu halten” (S. 642)

Das sagt einer der weltweit bekanntesten Klimaforscher. Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung; Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, Professor Hans-Joachim Schellnhuber nach 25 Jahren intensiver Forschungsarbeit in seinem umfassenden Werk “Selbstverbrennung. Die fatale Dreicecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff”, C. Bertelsmann, 2015.

Ich hab ihn Anfang der neunziger Jahre kennengelernt, als ich ihn besuchte am Telegrafenberg in Potsdam. Ich war als junger Abgeordneter unterwegs, weil ich alle Forschungseinrichtungen persönlich aufsuchen wollte, die sich in den “Neuen” Bundesländern und in Berlin befinden.

Die Klimafolgenforschung ist eine junge naturwissenschaftliche Disziplin, die den ehrgeizigen Versuch unternimmt, die Erde als System zu begreifen. Weshalb man nicht nur mit Mathematikern und Physikern, mit Biologen und Klimaforschern, sondern auch mit Entwicklern von hochkomplexen Computermodellen, Historikern, Demografen und anderen Disziplinen zusammenarbeiten muss. Man braucht, um die Erde als System begreifen zu können, die anspruchsvollsten Groß-Rechner, die die Wissenschaft aufzubieten hat. Das ist nichts mehr für die Wettervorhersage. Hier geht’s ums Ganze: ums Klima.
Und um die Folgen, die die Veränderung des Klimas für die Gattung Mensch hat.
Dabei sind ein paar Grenzen zu beachten.
Da sich das Klima rasend schnell verändert, dem Menschen also faktisch kaum Zeit bleibt, sich anzupassen, ist die Erhöhung der Durchschnittstemperatur unserer Atmosphäre um 8 Grad tödlich. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie gar auf 12 Grad steigt.

Weshalb sehr viel davon abhängt, ob Ende des Monats November und Anfang Dezember diesen Jahres in Paris gelingt, was wichtig wäre: das “2-Grad-Ziel” zu bekräftigen und zu verbindlichen Absprachen der Völker untereinander darüber zu kommen, mit welchen Instrumenten, welchen Finanzierungen und welchen politischen Ansätzen diese “Dekarbonisierung der Weltwirtschaft” unter Hochdruck umgesetzt werden soll.
An diesem “2-Grad-Ziel” ist nicht wichtig, ob es nun 2,3 oder 2,5 Grad werden, sondern wichtig ist, dass diese “Brandmauer” errichtet wird.

Schellnhuber ist Realist. Er weiß, wie solche internationalen Treffen abzulaufen pflegen, hat er doch an zahlreichen davon teilgenommen. Weshalb seine Erwartungen nicht sonderlich hoch sind.
Er rechnet deshalb am Ende seines überaus faszinierenden und exzellent geschriebenen Lebens-Werkes aus, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die richtigen Konsequenzen aus dem zieht, was die weltweite Klimawissenschaft mit immer präziseren Modellen und Studien seit etlichen Jahren vorträgt.
9 Prozent Wahrscheinlichkeit.

Aber: hochkomplexe Systeme sind nicht eindeutig vorhersehbar – das wird im 778 Seiten starken Werk immer wieder durchexerziert – weshalb die begründbare Hoffnung besteht, dass aus jenen 9% eine weltweite Bürgerbewegung erwächst, die Politik und Wirtschaft zum Umsteuern zwingt. Und die weltweite Bürgerbewegung beginnt – an den Universitäten. Sie nennt sich “Deinvest“, wird unterstützt von 350.org und unter anderem dem britischen “Guardian”.
Worum geht es? “Folge der Spur des Geldes” – also zieht die Investitionen in Industrien ab, die CO2 emittieren. Nehmt ihnen das Geld weg.
Mit einer solchen De-Invest-Bewegung begann der Niedergang des südafrikanischen Apartheid-Systems. Auch damals begann es an den Universitäten. Auch dieses Beispiel ist umfänglich im Buch dargestellt und diskutiert.

Man kann ein knapp 800 Seiten starkes Buch – allein das kleingedruckte Literaturverzeichnis sind etwa 50 Seiten! – nicht in einem blog angemessen konnotieren.

Aber man kann auf dieses enorme Buch aufmerksam machen.
Wer wissen will, wie der Zustand unserer Welt angesichts der fundamentalsten Herausforderung, vor der die Menschheit je gestanden hat (der amerikanische Präsident spricht von einer “big challenge”), gegenwärtig ist – der möge es lesen.
Hans-Joachim Schellnhuber: “Selbstverbrennung. Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff”; C. Bertelsmann 2015.

Für meine Person kann ich sagen, ich habe seit “Die Grenzen des Wachstums” (1972) und Gorbatschows “Perestroika” (1986) kein aufregenderes und spannenderes Buch gelesen. Denn: hier geht’s ums Ganze.

 

 

Selbstverbrennung. Eine Ankündigung


Was einer der weltweit einflussreichsten Klimaforscher pünktlich zum Welt-Klima-Gipfel in Paris in seinem neuesten Buch zu sagen hat, muss man kennen, wenn man sich mit der vermutlich wichtigsten Frage der Gegenwart seriös befassen will.
“Selbstverbrennung” heißt das nun angekündigte Buch von Prof. Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.
Schellnhuber hat die Kanzlerin beraten und die britische Regierung, er hat die Enzyklika von Papst Franziskus voran getrieben und dieser nüchterne Naturwissenschaftler greift nun zu drastischen Worten: “Selbstverbrennung”.
So beschreibt er die gegenwärtige Situation.
Selbst, wenn es gelingen sollte – aber derzeit sieht es überhaupt nicht danach aus – die “2 Grad” zu halten – selbst dann würde der Meeresspiegel um 6 Meter ansteigen. Das ist die nüchterne Auskunft.
Doch statt auf dem Pfad zu “2 Grad” befinden wir uns gegenwärtig eher auf einem Pfad, der “3-4 Grad” erwarten lässt.
Damit sind Konflikte, Flüchtlingsströme und extrem hohe Folge-Kosten vorprogrammiert.
Wenn die Menschheit nicht umsteuert.

Wenn ein Naturwissenschaftler energisch wird, auch energisch in der Wortwahl, dann tut er das nicht ohne Grund.
Denn dann ist derlei energisches Reden not-wendig.

Am 2. November wird dieses wichtige Buch bei C. Bertelsmann erscheinen.
Man kann es jetzt schon bestellen.
Hans-Joachim Schellnhuber. “Selbstverbrennung”.

Vom Ende unseres Wirtschaftssystems. Zum Stand der Debatte


“Post-Wachstumsgesellschaft” heißt das Stichwort der weltweiten Diskussion um zukunftsfähige Wirtschaftsformen.
Das alte Modell hat ausgedient. Da sind sich die Diskutanten weitgehend einig.
Es hat aus verschiedenen Gründen ausgedient:
1. Die Ressourcen sind erschöpft
2. die “Senken” sind gefüllt und können nicht noch mehr “Abfall” unserer Lebens- und Produktionsweise aufnehmen
3. der Klimawandel ist in den Augen vieler, die sich an der Debatte beteiligen “the last challenge”.

Was einmal als “Fortschritt” daher kam, erweist sich nun als “Stolperstein”.
Die wichtige Frage lautet: ist eine Weltgesellschaft vorstellbar, die eine Ökonomie “ohne Wachstum” zur Grundlage hat?
Darüber ist – etwa seit der Jahrtausendwende – eine der wichtigsten und interessantesten weltweiten Diskussionen entbrannt.
Klar ist: einfach so weitergehen kann es nicht. Das würde die Erde nicht aushalten.
Die Frage ist also: was denn dann? Gibt es Alternativen? Gibt es ein Entrinnen aus der Sackgasse? Gibt es Ansätze, die Hoffnung machen?
Die Universität Jena hat nun mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ein Kolleg “Postwachstumsgesellschaften” eingerichtet, das sich mit eben diesen, nicht einfach zu beantwortenden Fragen auseinandersetzt.
Bei diesem international besetzten Kolleg kann man sich online registrieren und so an der Diskussion teilnehmen.
Dankenswerter Weise haben die Jenaer Professoren eine “kommentierte Literaturliste” erarbeitet, die es ermöglicht, sich zügig in die gängigen Argumente der überaus spannenden Debatte einzuarbeiten. Man kann das paper in etwa einer Stunde aufmerksam zur Kenntnis nehmen und ist damit in etwa auf dem aktuellen Stand der Debatte.
Wer nicht nur diverse Zeitungsmeinungen ungeprüft weitergeben, sondern sich qualifiziert an der Diskussion beteiligen will, dem sei deshalb dieses Kolleg empfohlen.

Dekarbonisierung. Klingt gut. Ist verdammt schwer


Schellnhuber“Dekarbonisierung der Weltwirtschaft bis zum Ende des Jahrhunderts”.
So tönt es aus Bayern vom G7-Gipfel.
Was ist davon zu halten?
Zunächst: da haben sich nur 7 getroffen. Ohne Russland, ohne China, ohne Indien, ohne Brasilien.
Sie können also nicht für “die Weltwirtschaft” sprechen, sondern bestenfalls für ihre eigenen Volkswirtschaften.
Ok. Das wäre geklärt.
Weiter: was bedeutet (eine Nummer kleiner) “Dekarbonisierung der Volkswirtschaft”?
Es bedeutet den kompletten Verzicht auf den Einsatz von fossilen Energien. Und zwar für die “Volkswirtschaft”, also für alle Bereiche: Bei der Stromerzeugung, im Verkehr, bei der Heizung, in der Chemischen Industrie.
Wenn man das wirklich will, dann bedeutet das:
1. keine Erkundung neuer Lagerstätten
denn: die Erkundung neuer Lagerstätten hat ja zum Ziel den Verbrauch des Erkundeten. Den jedoch will man ja nun nicht mehr. Sind die Regierungen der G 7 dazu wirklich bereit und auch in der Lage, das politisch durchzusetzen?
2. De-Invest: man muss dann noch in fossile Energien investiertes Geld abziehen. Und in Erneuerbare bzw. Energieeffizienz investieren.
3. keine neuen Kohle- und Gaskraftwerke
4. eine wirkliche Beschleunigung in der Bestromung auch des Individualverkehrs (der öffentliche Nahverkehr ist ja weitgehend schon mit Strom versorgt, es geht also vor allem um den Individualverkehr). Dafür müssen die Systemkosten dramatisch gesenkt werden. Und: der Strom muss aus Erneuerbaren Energien stammen.
Völlig unklar ist, wie schwere LKW, große Frachter und vor allem die Luftfahrt “decarbonisiert” mit Treibstoffen versorgt werden können. Denn selbst der Gewinn von bio-fuels aus Meeresalgen, wie sie EADS seit längerem testet, stößt unter anderem an Kapazitätsgrenzen, während der Luftverkehr weiter wächst.
5. Eine Systemrevolution in der Chemischen Industrie. Denn die hängt an fossilen Energien wie der Junkie an der Nadel. Es hat immer schon Versuche gegeben, Erdöl und Erdgas als Basis für chemische Industrie zu substituieren. Das jedoch ist über Anfänge nie hinaus gekommen, auch, weil die Preise für fossile Energieträger zu niedrig waren. Wer eine “Dekarbonisierung der Volkswirtschaft” vollmundig verspricht, noch dazu “bis zum Ende des Jahrhunders” – das sind nur noch 85 Jahre! der muss BASF & Co mal in Ruhe erläutern, wie er sich das eigentlich vorstellt.

Was also ist von dem “Beschluss der G-7” im Kern zu halten?
Die Richtung ist richtig.
Aber der Teufel steckt im Detail.
Es ist ganz offensichtlich der Versuch, sich als “modern” hinzustellen. Sicher auch der Versuch, auf den Weltklimagipfel im Dezember des Jahres Einfluss zu nehmen und “mit gutem Beispiel” voran zu gehen. Das ist richtig und sinnvoll, wenn man denn wirklich ernsthaft das “2-Grad-Ziel” erreichen will.
Nur: wer sich die Details anschaut, der kann sehr schnell erkennen, wie vollmundig dieses “Versprechen” daher kommt. Die tatsächlichen gegenwärtigen Trends laufen in die entgegengesetzte Richtung. Wer eine Dekarbonisierung wirklich will, der muss jetzt eine Vollbremsung organisieren!
Denn von einer “Dekarbonisierung der Weltwirtschaft” kann man gegenwärtig jedenfalls überhaupt nicht sprechen.
Denn nach wie vor werden neue Lagerstätten fossiler Energieträger erkundet, jede Woche gehen überall auf der Welt neue Kohlekraftwerke ans Netz, die Gas- und Ölverbräuche steigen. Insbesondere der Individualverkehr wächst ungebrochen. Und die Chemische Industrie tastet niemand an.

Politik muss Ziele formulieren. Ok.
Das Ziel ist richtig.
Aber: Politik muss auch sagen, wie man diese Ziele erreichen will.
Davon ist allerdings nichts zu lesen.
Wer eine Dekarbonisierung wirklich “in diesem Jahrhundert” erreichen will, der muss sich nun wirklich mal auf die Socken machen. Denn die Einführung neuer Technologien, neuer Treibstoffe, dezentraler Energieversorgungssysteme, die Umstellung der Chemischen Industrie – all das benötigt Zeit. Man kann ja nicht einfach “einen Schalter umlegen”.
Deshalb hat Fritz Vorholz (ZEIT) sehr Recht:
Man wird an den konkreten Entscheidungen ab dem heutigen Tage (9.6.2015) sehr genau ablesen können, ob der Beschluss der G-7 ernst gemeint ist oder nur eine politische Sprechblase war. Viele heiße Luft eben.

Klimaschutz eine Aufgabe der Nationalen Verteidigung? Neue Töne aus den USA


Klimaschutz ist nix für irgendwelche Ökopaxe. Das ist nun Angelegenheit des Militärs.
Neue Töne aus den USA.
Präsident Obama hat in einer Rede vor Kadetten, die ihre Ausbildung abgeschlossen haben, genauer erläutert, wie er das sieht mit dem Klimawandel (climate change) und dem Militär. Es lohnt, diese Rede genauer zu studieren.
Was ist der Kern seiner Rede?
“And this brings me to the challenge I want to focus on today — one where our Coast Guardsmen are already on the front lines, and that, perhaps more than any other, will shape your entire careers — and that’s the urgent need to combat and adapt to climate change“.

Klimawandel – nur etwas für Ökopaxe? Weit gefehlt, denn nun führt er seine Unterstützer ein:
“But the best scientists in the world know that climate change is happening. Our analysts in the intelligence community know climate change is happening. Our military leaders — generals and admirals, active duty and retired — know it’s happening. Our homeland security professionals know it is happening. And our Coast Guard knows it’s happening”.

Das sind neue Töne.
Klimawandel wird zum Thema von Geheimdiensten, Militär und sogar vom “Homeland Security”. Und da hört für einen Amerikaner nun wirklich der Spaß auf.
Das ist Chefsache.

Nun weiß der aufmerksame Beobachter der amerikanischen Politik, dass sowohl Geheimdienste als auch Militär schon vor etwa drei Jahren davon gesprochen haben, der Klimawandel sei für die USA “ein größeres Risiko als der internationale Terrorismus”.
Aber wenn nun der “Oberbefehlshaber” in einer öffentlichen Rede, die auch noch ausführlich vom Weißen Haus in alle Welt kommuniziert wurde, klar macht, dass die “nationale Sicherheit” berührt sei, dann muss man das registrieren.
Denn es wird Auswirkungen haben. Zum Beispiel auf die NATO.
Die werden sich nun nach einer Rede des Präsidenten nicht gleich alle grüne Mützchen aufsetzen oder eine Solaranlage auf den Panzer schrauben, aber sie werden miteinander besprechen, was denn der Klimawandel für die Sicherheit des Bündnisses bedeutet.
Kritiker meinen: “So eine Rede hat keinerlei Bedeutung. Obama ist eine “lamed duck”, eine “lahme Ente”, weil er gar nicht die benötigten Mehrheiten in Kongress und Senat hat, um konkrete Politik zu ändern. Mag sein.
Dennoch ist er noch im Amt. Er kann freier sprechen, als wenn er noch eine Wahl zu bestehen hätte.
Er kann Orientierung geben.
Noch ist er der Oberbefehlshaber des amerikanischen Militärs.

Und interessanter Weise hat Hillary Clinton das Thema “climate change” zum Wahlkampfthema gemacht.

Man darf gespannt sein, was sich da tut jenseits des großen Teichs.

De-invest. Oder: wie Kapitalismus funktioniert. Geld und Klimawandel


Es gibt sie noch, die guten Nachrichten. Heute (7.5.2015) kam wieder so eine dieser guten Nachrichten:
Eine der weltweit größten Banken, die Bank of America zieht ihr Geld aus Kohle-Projekten ab.
Ebenso die Church of England.
Nach und nach greift eine weltweite Kampagne, die ein De-Investment zum Ziel hat.
Zieht das Geld ab aus Investments in klimaschädliche Projekte! Das ist die simple Botschaft.
Es ist nicht unerheblich, was sich gerade in den USA tut.
Gemessen an den gewaltigen Aufgaben sind es zwar immer noch erst kleine Schritte, selbst, wenn nun eine so große Bank wie die Bank of America neue Wege geht.
Aber: die amerikanische Wirtschaft ist nach wie vor wichtig für die Weltwirtschaft. Sie hat nach wie vor Auswirkungen auf andere Wirtschaftsräume.
Und die Amerikaner nutzen die Hebel des Kapitalismus: Investitionen und De-Investments.
Denn: Geld regiert die Welt.
Es ist nicht unerheblich, was Banken mit dem ihnen anvertrauten Geld tun.
Europa glaubt, vor allem mit Förderprogrammen und Verboten, mit Normen und Regelwerk voran zu kommen.
Der stärkere Hebel aber ist das Geld selbst: man kann es abziehen aus schädlichen Projekten.
Und in klimafreundlichere Projekte investieren.

Vielleicht ist es nicht zufällig, dass die De-Invest-Bewegung in den Mutterländern des Kapitalismus, in Großbritannien und den USA beginnt. Man kann den stärksten Hebel dieser Wirtschaftsordnung nutzen, um im Klimaschutz voran zu kommen. Das geht schneller, als Parlamente brauchen, um neue Gesetze erlassen können.

An dieser weltweiten Bewegung können sich nicht nur Kirchen und Gewerkschaften beteiligen, nicht nur einzelne Banken und der Staat selbst, sondern vor allem die Kunden der Banken können sehr Sinnvolles tun:
Sie können klimaschädlichen Projekten das Geld entziehen.
Mehr als 5 Billionen haben allein die Deutschen auf ihren Konten.

Die weltweite Kampagne “De-invest”, die vor allem von 350.org betrieben wird, zeigt erste Wirkungen.
Es gibt sie noch, die guten Nachrichten.