#Divest. Oder: ein Kapitel über intelligente Politik.


Die weltweite #Divest-Bewegung ist eine der intelligentesten Kampagnen, die ich kenne. Deshalb beteilige ich mich gern.
Die Bewegung ist an Universitäten entstanden und wird breiter und breiter. Diese Bewegung wächst schnell, weil sie konkrete, erreichbare Ziele hat und weil sie Fortschritte macht.  Überall auf der Welt haben sich zumeist kleine Gruppen zusammen gefunden, die ganz konkret in ihrer Kommune, an ihrer Universität, in ihrer Kirchengemeinde, in ihrem Betrieb dafür streiten, dass ihre Kommune, ihre Universität, ihre Kirchengemeinde, ihr Betrieb zum Beispiel die Pensionsrückstellungen, die bei der jeweiligen Hausbank angelegt worden sind, aus fossilen Energiequellen abziehen. Wer den hashtag #divest zum Beispiel bei facebook aufruft, sieht die Fülle an Gruppen, die da mittlerweile entstanden sind und konkret arbeiten.
Überall auf der Welt zieht man nun Geld aus Investments in fossile Energien ab. In Deutschland sind es ganze Landeskirchen (die in Berlin-Brandenburg zum Beispiel), es sind konkrete Kommunen (die Hauptstadt Berlin zum Beispiel), es sind Versicherungskonzerne (Axa zum Beispiel) und viele andere.
Mehr als 5 Billionen Dollar sind bereits abgezogen und zum Beispiel in Erneuerbare Energien investiert worden.
Die Divest-Bewegung ist ein wunderbares Beispiel für das, was Mahatma Gandhi dereinst über sein Engagement gesagt hat:
„Erst belächeln sie dich, dann beschimpfen sie dich, dann bekämpfen sie dich – und am Ende gewinnst du.“
Die Konkretheit im Ziel – das ist die große Stärke der weltweiten Divest-Bewegung.
Es ist die konkrete Stadt, die konkrete Kirchengemeinde, die konkrete Universität, die aufgefordert wird, ihre Rücklagen in Erneuerbare Energien zu investieren, statt in fossile Energieträger.
Damit setzt die Divest-Bewegung den Hebel genau an dem Punkt an, an dem eine kapitalistische Wirtschaftsordnung besonders sensibel reagiert: beim Geld.
Es sind übrigens nicht nur junge Leute, nicht nur Studenten und Schüler, die von der Kampagne überzeugt sind. Es sind internationale Netzwerke wie The Elders zum Beispiel, in dem ehemals führende und nach wie vor einflussreiche Politikerinnen und Politiker weiter Einfluss nehmen. Erfahrene Menschen wie Kofi Annan zum Beispiel. Wenn man sich an der Kampagne beteiligt, ist man in guter Gesellschaft.
Diese intelligente weltweite Kampagne wird einen wirksamen Beitrag dazu leisten, dass die katastrophalen Folgen, die ein ungebremster Klimawandel haben würde, wenigstens etwas gemildert werden.
Wir wissen, dass die in der Folge des Paris-Abkommens nun gerade in Bonn verabschiedeten Reduktionsziele und konkreten Reduktionsvorhaben nicht ausreichen werden, das Ziel von Paris (nicht mehr als 2 Grad Temperaturanstieg bis zum Ende des Jahrhunderts) zu erreichen.
Gegenwärtig steht der Kurs auf 2,6 – 3,7 Grad. Das jedoch wäre katastrophal.
Deshalb ist es so wichtig, dass den fossilen Energieträgern das Geld entzogen wird.
Step by step. Schritt für Schritt. Universität für Universität, Stadt für Stadt, Kirchgemeinde für Kirchgemeinde, Betrieb für Betrieb.

Es ist mir ein großes Vergnügen, dass ich mich dank Internet an dieser weltweiten Bewegung beteiligen kann. Und jeder, der einen PC, einen Laptop oder ein Smartphone benutzt, kann sich auch daran beteiligen.
Was für eine große Chance! 

Ein Lob an die Ministerin. Die Debatte ist eröffnet


Dr. Barbara Hendricks hatte gestern (19.04.2017) via social media darauf hingewiesen, dass der Kampf um die Erreichung des sogenannten Zwei-Grad-Ziels im Klimaschutz sicherheitspolitisch (!) klüger sei als die Aufstockung des Militärbudgets auf 2% des BIP, wie es die NATO vor etlichen Jahren verabredet hatte.
Sie hat mit diesem Hinweis völlig Recht.
Denn, wie die Adelphi-Studie im Auftrag des Auswärtigen Amts nun aufzeigt, gibt es einen Zusammenhang zwischen Klimawandel und sich stark verändernden Sicherheitsstrukturen in der Welt: wenn Staaten instabiler werden, haben terroristische Gruppen bessere Möglichkeiten, zu agieren. Das Auswärtige Amt hatte schon 2006 in einer Studie den Zusammenhang von Sicherheit und Klimaschutz thematisiert.
Diese Auseinandersetzung um die Verwendung der knappen finanziellen Ressourcen zwischen Klimaschutz und Militärbudget muss geführt werden.
Es wird eine harte Auseinandersetzung werden. Aber diese Auseinandersetzung muss geführt werden, denn es geht um Zukunftsfähigkeit.
Sowohl die „Falken“ in den Kreisen der Rüstungsindustrie und in Militärkreisen als auch rechtspopulistische Klimawandel-Leugner sowie Vertreter einer alten Energie-Politik werden sich verbünden, um eine Verbindung der Themen Klimawandel und Sicherheit grundsätzlich zu leugnen und in Frage zu stellen. Das ist erwartbar und deshalb nicht sonderlich aufregend.
Die Frage ist allerdings: wer wird sich auf der anderen Seite dieses Verhandlungstisches niederlassen? Welche Allianzen sind da zu schmieden?

Auf dem Hintergrund dieser zu erwartenden heftigen argumentativen Konfrontation stellt sich mir eine einfache Frage:
Was machen die Grünen eigentlich so?

Das angesprochene Thema berührt ihre Kernthemen: Klimaschutz und Sicherheit.
Aber: man hört nichts. Reineweg nichts.
Man überlässt es der Bundesumweltministerin, dieses zentrale Thema zu platzieren. Das verstehe, wer will.
Mich geht das im Grunde nichts an, bin ich doch nicht verantwortlich für die Partei der Grünen. Aber: mich wundert das schon.
Man tanzt bislang im Bundestagswahljahr auf allerlei kleinen und diversen Sonderbühnen herum, die Umfragen sprechen eine deutliche Sprache, aber das eigentliche Kernthema, die Basis, das Fundament ökologischen Engagements: Klimaschutz und Sicherheit lässt man „links liegen“.
Die Grünen müssen das mit sich ausmachen.

Ich bin jedenfalls Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks ausgesprochen dankbar, dass sie nun dieses zentrale Thema öffentlich angesprochen und damit die Debatte eröffnet hat.

Sollen sie doch in der Wüste verrecken! Was Malta bedeutet


Heute, am 3. Februar 2017 haben die europäischen Staats- und Regierungschefs beschlossen, in Libyen „Auffang-Lager“ für Flüchtlinge zu errichten. Man will mit dieser „Maßnahme“ (eigentlich handelt es sich um ein ganzes Maßnahmepaket von 10 Punkten) die „Mittelmeerroute schließen“. Man will also verhindern, dass die Flüchtlinge nach Europa kommen.
Was aber bedeutet der Beschluss?
Ich will mich in diesem kurzen Beitrag nur auf einen Gesichtspunkt konzentrieren, der in der Debatte bislang nicht berücksichtigt wird:
Wir wissen, dass Nordafrika (und Libyen liegt bekanntlich in Nordafrika) schon in wenigen Jahren unbewohnbar sein wird. Und zwar deshalb, weil dort die Temperaturen in Hitzeperioden auf 50 Grad Celsius und mehr ansteigen werden. Jos Lelieveld vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz und Professor am Cyprus Institute in Nikosia hat auf diese Zusammenhänge hingewiesen und sie auch publiziert.
Diese heute beschlossenen „Auffang-Lager“ für Flüchtlinge werden also nicht nur in einem jetzt schon politisch höchst instabilen Staatsgebilde errichtet, sondern zudem in einer Region, die in absehbarer Zeit unbewohnbar sein wird.

Regierungschefs müssen diese Zusammenhänge wissen. Und sie wissen sie auch.
Aber sie haben dennoch beschlossen, diese „Auffang-Lager“ eben genau dort zu errichten.

Ihr Beschluss bedeutet deshalb im Kern: „Sollen die Flüchtlinge doch in der Wüste verrecken! Hauptsache, sie kommen nicht zu uns.“
Auf Folgendes sei noch hingewiesen: die Klimaforschung geht bislang davon aus, dass diese Entwicklung etwa „ab Mitte des Jahrhunderts“ eingetreten sein wird, also etwa ab dem Jahre 2040, in etwa 20 Jahren also. Es wird aber schneller gehen.
Denn die neue US-Administration hat vom ersten Tag an deutlich gemacht, dass sie eine veränderte Energie-Politik durchsetzen will. Und die bedeutet einen noch stärkeren Anstieg der Emissionen. Das in Paris vereinbarte Ziel, den Anstieg der Durchschnittstemperatur auf 2 Grad zu begrenzen, ist nach Auskunft vieler Forscher nicht mehr erreichbar. Wir steuern gegenwärtig auf plus 3 Grad zu.
Mit anderen Worten: die Veränderungen werden nicht erst „in der Mitte des Jahrhunderts“ eintreten, sondern früher.
Und diese Veränderungen insbesondere in Nordafrika werden zu einem starken Anstieg der Zahl der Klimaflüchtlinge führen.
Man kann Menschen, die keine Lebensgrundlage mehr haben, nicht in „Auffang-Lagern“ einsperren. Entweder, sie sterben dort, oder sie machen sich auf den Weg, um einen Ausweg zu finden.
Mauern, Zäune und Lager sind keine Lösung.
Europa muss legale Fluchtwege einrichten und Einwanderungsgesetze beschließen, die Menschen in Not eine tatsächliche Lebens-Möglichkeit eröffnen.
Und zwar jetzt.

Sprache und Klimawandel. Ein Klärungsversuch


Die veröffentlichte Rede über den Klimawandel strotzt nur so von unklaren Begriffen. Unklare Begriffe aber führen zu unklarem Denken. Und am Ende kommt nicht selten ein Streit heraus, bei dem es um die abstruse Frage geht, ob man „an den Klimawandel glaubt“ oder nicht.
Deshalb will ich einen bescheidenen Beitrag zur begrifflichen Klärung beisteuern.
1. Klimawandel.
Das Klima wandelt sich, seit es diese Erde gibt.
Die Frage ist also nicht, ob sich das Klima wandelt.
Die wichtige Frage ist, ob und wenn ja, welchen Einfluss „der Mensch“ (gemeint ist die Summe der Folgen menschlichen Handelns) auf den Wandel des Klimas hat und welche Folgen dieser vom Menschen beeinflusste Wandel auf das Gesamtsystem Erde und damit auf den Menschen selbst hat.
Die internationale Klimawissenschaft ist sich sicher:
die großen Abweichungen im Verhalten des Weltklimas im Vergleich zu vorherigen Abweichungen lassen sich nicht aus nur rein natürlichem Verhalten des Erdsystems erklären.
Diese beobachtbaren Abweichungen im Verhalten des Weltklimas lassen sich nur dann erklären, wenn man den Einfluss des Menschen berücksichtigt.
Und da eben zeigt sich, dass der Einfluss des Menschen auf das Weltklima erheblich ist.
Die von der Klimawissenschaft zunehmend präziser bereitgestellten Modelle des Weltklimas versuchen gegenwärtig, immer genauer diesen Einfluss des Menschen aus den gewaltigen Datenmengen, die von den weltweiten Meßsystemen bereitgestellt werden, herauszufiltern und genauer zu bestimmen. Das ist wissenschaftlich überaus anspruchsvoll, erfordert die stärksten Rechner und gelingt nur im internationalen Verbund. Wer sich in diese faszinierende Disziplin einarbeiten möchte, kann mit dem Deutschen Klimarechenzentrum Kontakt aufnehmen.

2. „Klimaschützer. Klimaschutz
Man kann das Weltklima nicht „schützen“, weil wir als Menschen nur Teil des Gesamsystems Erde sind. Deshalb sind die Wörter „Klimaschützer“ oder „Klimaschutz“ eigentlich Schimären.
Was also meinen diese Worte eigentlich, wenn man „das Klima“ gar nicht „schützen“ kann?
Sie meinen,
a) dass sich „der Mensch“ auf die Folgen des beschleunigten Wandels des Klimas vorbereiten (dazu hat sich in den vergangenen Jahren die relativ junge Disziplin der Klimafolgenforschung etabliert; beispielhaft am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und
b) seinen Beitrag zum beschleunigten Wandel des Klimas möglichst reduzieren muss. Hierbei geht es vor allem um die Auswirkungen der menschlichen Nutzung von fossilen Energien. Die Stichworte heißen „Energiewende“, „Erneuerbare Energien“ etc.

Nun haben sich diese unklaren Worte „Klimaschutz“ und „Klimaschützer“ leider schon so sehr eingeschliffen, dass wir wohl mit ihnen als Krücken werden leben müssen. Wichtig ist aber, das man ihre begriffliche Unklarheit klar vor Augen hat, sonst gibt’s argumentatives Durcheinander.

3. an besonderen Ereignissen (Starkregen, Flutkatastrophen, Trockenheiten etc.) sei „der Klimawandel schuld
Der Klimawandel ist an gar nix „schuld“, denn Schuld ist eine ethische Kategorie.
Die Frage ist also präziser, ob besondere Ereignisse (Starkregen etc.) die Folgen des durch den Menschen verursachten schnelleren Klimawandels sind.
Dies ist im Einzelfall nur äußerst schwer nachzuweisen. Weiter oben ist ja auf die Schwierigkeit hingewiesen worden, aus den weltweit gesammelten Messdaten exakt den „Anteil des Menschen“ herauszufiltern.
Allerdings zeigt sich in der Gesamtschau, dass der Einfluss des Menschen und die Wirkungen seines Handelns auf das Weltklima und die daraus entstehenden Folgen, dass die enormen Veränderungen, die gegenwärtig beobachtet werden, auf sein Handeln zurückgeführt werden müssen, weil sie anders gar nicht erklärbar sind.
Sofern man überhaupt ethische Kategorien verwenden will, ist also nicht die Frage, ob „der Klimawandel schuld“ ist, sondern, ob „der Mensch schuld“ ist.

4. „den Klimawandel stoppen
Das kann niemand. Denn Klimawandel findet statt, seit es die Erde gibt.
Deshalb sind auch Sprüche wie „wir retten das Weltklima“ weitgehend sinnfrei.
Was also ist eigentlich gemeint?
Es geht um die Frage, was getan werden muss, damit die Folgen des durch menschliche Aktivität beeinflussten beschleunigten Klimawandels möglichst vermieden oder zumindest reduziert werden.
Ich gehöre zu denjenigen, die es für aussichtlos halten, den menschlichen Anteil an der Beschleunigung des Klimawandels zu stoppen. Dazu sind die Entwicklungen schon viel zu weit fortgeschritten und die Wissenschaft hat an zahlreichen Beispielen aufgezeigt, dass nicht wenige sogenannte Kipp-Punkte (tipping points) in den natürlichen Kreisläufen bereits überschritten, das bedeutet, unumkehrbar geschädigt sind. Was in dem Zusammenhang gern übersehen wird: Das CO2 (Kohlendioxid) hat einen Kreislauf von etwa 200 Jahren, bis es am Meeresboden eingelagert wird. Selbst wenn man alle menschenverursachten Emissionen sofort anhalten würde, würde sich das Klimasystem dennoch beschleunigt verändern.
Deshalb geht es vor allem um die Frage, ob man die Folgen des menschenverursachten Klimawandels wenigstens begrenzen kann und was dafür erforderlich ist.
Die Weltgemeinschaft hat sich in Paris darauf verständigt, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur bis Ende des Jahrhunderts auf 2 Grad zu begrenzen. Denn ein weiterer Anstieg würde zu katastrophalen Veränderungen führen.
Ob dieses anspruchsvolle Ziel tatsächlich erreicht wird, ist offen, denn im Moment steigen die aus menschlicher Aktivität verursachten Emissionen nach wie vor weiter kräftig an.
Es gibt sogar Versuche, den Anstieg der Durchschnittstemperatur auf 1,5 Grad zu begrenzen. Das allerdings halte ich persönlich für noch unwahrscheinlicher, weil ein Anstieg um 1,2 Grad bereits erreicht ist.
Viele Klimawissenschaftler und auch nicht wenige Klimapolitiker äußern deshalb zunehmend öffentlich, dass ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um 3 Grad und mehr (bis zu 6 oder gar 11 Grad!) nicht unwahrscheinlich ist. Wenn nicht massiv und unter höchster politischer Priorität gegengesteuert wird.

Bei allem ist eines sicher, das sagen uns die an der Klimaforschung beteiligten Disziplinen, die Physiker, Chemiker, Biologen, Geologen, Soziologen etc. :
die Folgen der dramatischen Beschleunigung des Klimawandels, verursacht durch menschliche Aktivität (insbesondere die Nutzung der fossilen Energien) werden gewaltig und extrem teuer sein.
Und je länger die Menschheit zögert, diskutiert, nicht entscheidet – um so gewaltiger und teurer werden sie sein. Wer diese Zusammenhänge aus der Sicht des langjährigen Direktors des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung nachlesen will, der lese sein Buch Selbstverbrennung.

Verschont mich mit bunten Bildchen! Werdet konkret


Das kommende Wahlkampf-Jahr wird uns wieder eine Flut von bunten Bildchen bescheren. Die bunten Bildchen interessieren mich aber nicht.
Ich hätte es gern konkreter.
Ich will vor allem von den kandidierenden Parteien zwei Fragen beantwortet haben
1. Ab welchem Jahr werden auch in Deutschland keine Fahrzeuge mehr zugelassen, die mit Diesel oder Benzin betrieben werden?
Norwegen hat sich festgelegt: dort soll das ab 2025 der Fall sein.

2. Bis wann wird der Bund die Rückstellungen für die Pensionen der Bundesbeamten aus Investments in fossile Energien abgezogen haben?

Von der Beantwortung dieser beiden Fragen werde ich meine Wahlentscheidung abhängig machen.

Eine kleine Vorbereitung auf den Bundestagswahlkampf 2017. Fragen eines zeitungslesenden Wählers


Die Zeit läuft. Und die Natur wartet nicht. Schon gar nicht auf bunte Bildchen.

Gegenwärtig werden die Kandidaten aufgestellt für den Bundestagswahlkampf 2017. Das übliche Hauen und Stechen ist im Gange, vor allem um die begehrten vorderen Listenplätze.
Mich interessieren aber andere Fragen.
Ich möchte vor allem wissen, welche Vorschläge die Parteien dem Wähler vorlegen, um das vermutlich größte politische Problem der Gegenwart anzupacken: den Klimawandel.
Denn dieses gewaltige politische Problem hat Auswirkungen auf alle anderen Politikfelder. Deshalb ist es so wichtig.
Ein paar der besonders betroffenen Politikfelder will ich erwähnen (Auswahl):
1. Finanzen: Geht der Klimawandel ungebremst weiter (darauf deuten im Moment alle Indikatoren hin), sind die nationalen Haushalte enorm betroffen. Vor allem sind Schäden zu regulieren.
Darüber hinaus sind dringende Investitionen vorzunehmen, die a) eine Anpassung an den Klimawandel ermöglichen und b) massive Investitionen in Energieeffizienz und Erneuerbare Energien gewährleisten.
Mich interessiert deshalb, was die Parteien konkret vorschlagen, um den Bundeshaushalt auf diese Herausforderungen einzustellen.

2. Städtebau, Verkehr
Die Infrastrukturen in der Bundesrepublik Deutschland sind besonders vom Klimawandel betroffen. Nicht nur Häfen und Küsten, auch Kanäle, Straßen, Innenstädte müssen sich mit großem Tempo vorbereiten. Ganze Infrstrukturen sind anzupassen.
Der Verkehr ist bereits zu großen Teilen elektrifiziert (Bahn, S- und U-Bahn). Problematisch sind Individualverkehr und Güterverkehr auf der Straße und auf dem Meer.
Mich interessiert, was die Parteien vorschlagen, um dieses bislang viel zu zögerlich angepackte Problem nun endlich massiv und systematisch anzupacken.

3. Gesundheitssystem
Der Klimawandel wird starke Auswirkungen auf das Gesundheitssystem haben (neue Krankheitserreger z.B.; Hitzeperioden etc.) Mich interessiert, was die Parteien konkret vorschlagen, wie sie das Gesundheitssystem auf die bevorstehenden Veränderungen einstellen wollen.

4. Land- und Forstwirtschaft, Fischerei
Der Klimawandel betrifft bereits jetzt diese Wirtschaftszweige in besonderem Maße.
Mich interessiert, was die Parteien konkret vorschlagen, um Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft
a) bei den notwendigen Anpassungen zu unterstützen und
b) was sie zur konkreten Prävention vorschlagen

5. Innenpolitik
Es ist damit zu rechnen, dass es zunehmende Flüchtlingszahlen geben wird, weil die Zahl der Klimaflüchtlinge steigen wird.
Wie wollen die Parteien die Gesellschaft angesichts bereits jetzt bestehender innenpolitischer Konflikte auf dieses absehbare Problem vorbereiten?

6. Außen- und Sicherheitspolitik
Konflikte werden angesichts des Klimawandels zunehmen. Das Auswärtige Amt hat schon 2006 publiziert, was nach Auskunft der Klimafolgenforscher im Bereich der Sicherheit und politischen Stabilität ganzer Staatsordnungen zu erwarten sein wird: je höher die weltweite Durchschnittstemperatur steigt, um so instabiler werden Staaten, besonders gefährdet sind die jetzt schon instabilen Staaten. Was schlagen die Parteien vor, um einen wirksamen deutschen Beitrag in der Außen- und Sicherheitspolitik zu leisten?

7. Wirtschaftspolitik
Angesichts des Klimawandels steht ein dramatischer Wandel der bestehenden Wirtschaftsstrukturen bevor.
Die zwingend notwendige Dekarbonisierung der Wirtschaft erfordert massive Umsteuerungen nicht nur in der Energieerzeugung (Schließung der Kohleförderung und Kohleverstromung; vorrangige Investitionen in Effizienz, Erneuerbare Energien) und hat Auswirkungen auch auf die Distribution von Waren und Produkten (Verkehre).
Was schlagen die Parteien konkret vor, um die Volkswirtschaft auf den bevorstehenden dramatischen Wandel wirksam vorzubereiten?

8. Zuwanderung
Deutschland wird angesichts des Klimawandels vor allem eins brauchen: Kreativität.
Das Land braucht die besten Köpfe, um mit diesem komplexen Problem angemessen umgehen zu können. Das Land befindet sich aber in einem globalen Wettbewerb um diese überall auf der Welt gesuchten Fachleute.
Was schlagen die Parteien vor, um dem Problem der oftmals fehlenden Kreativität zu begegnen?

9. Wissenschaft
Wissenschaftliche Erkenntnisse finden nach wie vor unzureichend Echo in der Politik.
Obwohl zahlreiche international anerkannte deutsche Institute auf dem Feld der Klimafolgenforschung arbeiten und weltweit anerkannte Ergebnisse publizieren, werden ihre zahlreichen Vorschläge politisch zu zögerlich oder gar nicht umgesetzt.
Was schlagen die Parteien vor, um diesem Problem zu begegnen?

10. Priorisierung
Meine zentrale Frage an die Kandidatinnen und Kandidaten ist folgende:
Was gedenken Sie zu tun, um dem Mega-Thema climate change die ihm gebührende Priorität im politischen Alltagsgeschäft einzuräumen?
Bislang ist climate change vor allem ein Thema der Umweltpolitik. Das aber genügt bei Weitem nicht, weil climate change auf alle Politikfelder Auswirkungen hat und zunehmend haben wird.
Es bedarf also einer glasklaren und konsequenten Priorisierung.
Deshalb interessiert mich, was die Parteien konkret vorschlagen, um diese Priorisierung zu erreichen.

Man wird uns im Bundestagswahlkampf wieder mit allerlei bunten Bildchen und Materialien überschwemmen. Diese bunten Bildchen sind mir allerdings herzlich egal.
Mich interessiert, was die kandidierenden Parteien und ihre Kandidaten konkret bis wann mit wem und mit welchen Strategien zu tun gedenken, um endlich das dringendste politische Problem auch wirklich anzupacken.

Die Zeit läuft. Und die Natur wartet nicht.

Dimensionen des Wandels. Es gibt keine Ausreden mehr


Alte Schlehen-Hecke bei Güterberg (Uckerland)
Alte Schlehen-Hecke bei Güterberg (Uckerland)

Wir pflanzen auf unserem Land. Aus guten Grund.
Denn der Klimawandel geht mit einem Tempo vor sich, dass einem der Atem stocken könnte. Wir sind verpflichtet zu handeln. Wir sind es unseren Kindern und Enkeln schuldig. Es gibt keine Ausreden mehr. 
Morgens ist in Uckerland Lektüre-Zeit. Deshalb habe ich mir eine Studie angesehen, die das Max-Planck-Institut für Chemie (Deutschland) und das Cyprus-Institut in Nicosia (Griechenland) veröffentlicht hat.
Zwei Annahmen liegen der Prognose bis 2050 zugrunde (das ist schon in 34 Jahren!)
a) Es gelingt der Weltgemeinschaft tatsächlich, die CO2-Emissionen so zu begrenzen, das die weltweite Durchschnittstemperatur nicht mehr als 2 Grad ansteigt. Selbst dann wäre die beschriebene Region von katastrophalen Hitzewellen heimgesucht.
b) alles läuft weiter wie bisher: dann steigt die Durchschnitts-Temperatur um 4 Grad.
Das aber hält der Mensch nicht mehr aus.

Das aber macht große Teile Nordafrikas und des Nahen Ostens unbewohnbar.
500 Millionen Menschen leben in dieser Region. Und sie werden sich auf den Weg machen.
Israel wird betroffen sein: all die Jahrzehnte, die der Jüdische Nationalfonds in mühsamer Arbeit in Bewaldung investiert hat – vergeblich.
Jordanien wird betroffen sein. Dort sind die Bedingungen schon jetzt katastrophal.
Nordafrika – von dort kommen jetzt schon die boat people.

2050.
Das ist in 34 Jahren. Eine winzige Zeitspanne. Ein Wimpernschlag.
Unsere Gesellschaften aber dümpeln vor sich hin, nur mit sich selbst beschäftigt, nur auf den eigenen Wohlstand bedacht – dass einen das blanke Entsetzen packen kann.

Ich weiß wohl, dass sich auch etwas tut in der Welt.
Die divestment-Bewegung macht Fortschritte. Mehrere Billionen (!) Dollar sind bereits aus Kohle-Investments abgezogen worden, obwohl die weltweite Kampagne noch relativ jung ist.
Erneuerbare Energien werden – auch in China und Indien – in großem Maßstab eingesetzt. Selbst Saudi-Arabien bereitet sich auf den Ausstieg aus dem Ölgeschäft vor.

Allerdings: die Zeit reicht voraussichtlich nicht mehr. Denn Investitionen in Erneuerbare benötigen ebenso Zeit wie gesellschaftliche Prozesse des Umdenkens.
Pflanzungen benötigen ebenfalls Zeit, bis sie ihre volle Wirkung entfalten können. Etwa 20 – 30 Jahre braucht eine neue Pflanzung dafür.

Wer eher pessimistisch veranlagt ist, wird angesichts dieser gewaltigen Dimensionen des Wandels sagen: Die Erneuerbaren, die Aufforstung, das Divestment – alles gut gemeint, aber: Zu spät.
Lasst uns noch ein paar Jahre feiern. Nach uns die Dürre.

In trüben Momenten fliegen mich derlei Gedanken auch an, ich sag es offen.
Dann allerdings gehe ich zurück in den gegenwärtigen Moment. Den nur den „haben“ wir, flüchtig, wie er ist.
Was also kann ich heute tun? Gestern ist vergangen und was morgen sein wird, kann ich nicht wissen. Ich habe nur den heutigen Tag. Was also kann ich tun?
Ich kann die Pflanzungen weiter vorbereiten, die für den Herbst auf Kirchenland vorgesehen sind.
Denn: wir haben Verantwortung. Es gibt keine Ausreden mehr.
Wer sich beteiligen will, kann das hier tun.