Der Darß zwischen 1933 und 1945. Erste Zwischenbilanz einer regionalgeschichtlichen Recherche


Weil auf den Homepages der Darß-Kommunen keinerlei Hinweise über die Zeit zwischen 1933 und 1945 zu finden sind, habe ich selbst am 01. September diesen Jahres begonnen, zu recherchieren.
Gespräche und Recherchen im Stadtarchiv Barth; Gespräche und Recherchen im Ortsarchiv Born; Gespräche und Recherchen im Pfarramtsarchiv Prerow und Sekundärliteratur selbstverständlich sind mittlerweile ausgewertet. Ich habe Frau Mählmann (Barth); Frau Nibisch und Herrn Becker (Born), Pastor Witte (Prerow) für ihre Unterstützung und Auskunftsbereitschaft zu danken.
Noch stehe ich am Anfang der Recherchen, dennoch kann bereits eine erste Zwischenbilanz gezogen werden. (Wer die einzelnen Recherchefunde und -fortschritte und ihre genauen Quellenangaben nachlesen will, findet sie auf der für das Projekt eingerichteten Facebook-Seite und hier im blog. Etliche Zeugenaussagen sind dort auch akustisch dokumentiert.
Mittlerweile weiß ich, daß auch in den Kommunen des Darß, also in Zingst, Prerow, Wieck, Born, Ahrenshoop und auch in Boddengemeinden wie Barth und in den Dörfern des ehemaligen Landkreises Franzburg-Barth schon vor dem 30. Januar 1933 der Bäder-Antisemitismus grassierte. Prerow beispielsweise war schon 1929 in seinem Tourismusprospekt stolz darauf, judenfrei zu sein. Die Menschen wählten überdurchschnittlich „konservativ“, also die Deutsch-Nationale-Volks-Partei (DNVP), später deutlich über dem Reichsdurchschnitt NSDAP. Zwar waren Anfang der dreißiger Jahre auch die Sozialdemokraten noch relativ stark, vor allem in den größeren Ortschaften, spätestens ab 1935 war auch das zu Ende.

Gauleiter war ein besonders scharfer Antisemit, Franz Schwede-Coburg in Stettin, der sich schon 1940 rühmte, Pommern sei judenfrei.
Der Kirchgemeinderat des Kirchspiels Prerow (mit Prerow, Ahrenshoop, Wieck und Born) war seit dem Sommer 1933 deutsch-christlich (Einheitsliste).
In Born wirkte maßgeblich der spätere Generalmajor der Waffen-SS Franz Mueller-Darß (seit 1933 NSDAP-Mitglied; seit 1936 SS; nach 1945 Bundesnachrichtendienst), der dem Reichsführer SS Heinrich Himmler direkt unterstellt und für das nationalsozialistische Diensthunde-Wesen im Wirtschafts- und Verwaltunghauptamt der SS (WVHA) und damit auch für die Ausbildung von Wachhunden für die Konzentrationslager verantwortlich war.
Mueller-Darß war ab 1940 „zuständig“ für die KZ-Außenlager in Wieck und in Born.
In Born gab es zusätzlich ab 1943/44 eine SS-Meilerei, in der die Häftlinge, die im KZ-Außenlager „Borner Hof“ in Born untergebracht waren, arbeiten mußten. Der Köhlermeister jener SS-Meilerei ist ein wichtiger Zeitzeuge (vgl. die Tonaufnahmen auf der facebook-Seite und im blog). Im Borner Hof (mitten im Dorf!) waren zeitweise bis zu 120 Häftlinge untergebracht, die von 20 SS-Wachmännern bewacht wurden.
Es gab mehrere Tote in diesem KZ. Die Tochter des Gastwirts vom „Borner Hof“ berichtete davon, daß sie die gestorbenen Häftlinge auf dem Hof des Hotels nackt habe liegen sehen. Auch sind zwei auf der Flucht erschossene Häftlinge bezeugt (Born und Prerow), sowie ein erschossener Flüchtling in Zingst.
Das KZ-Außenlager im Borner Hof in Born sowie die SS-Meilerei in Born sind von erheblicher regionalgeschichtlicher Bedeutung, weil nachgewiesen werden kann, dass der Kontakt zwischen Zivilbevölkerung, SS und KZ-Häftlingen sehr eng und vielfältig war (vgl. dazu die einzelnen Zeugen-Aussagen auf der facebook-Seite und im blog). Die Schutz-Behauptung, man habe „nichts gewusst“, ist nachweislich falsch.
Anhand von Ortsplänen wird ersichtlich, dass in Prerow schon sehr früh eine Umbenennung der wichtigsten Straßen im Ort stattgefunden hat (Hitler-Platz, Goebbels-Straße; Horst-Wessel-Straße etc.),, Ausdruck der „neuen Zeit“.
Von Pastor Pleß (Pfarrer in Prerow von 1931 – 1961) sind massive Probleme zwischen Kirche und NSDAP dokumentiert, obwohl Pleß dem Gedankengut der Deutschen Christen nachweislich sehr nahe stand.
Besonders die HJ-Jugendlager in Prerow auf der Pfarrwiese (teilweise mit mehr als 1500 HJlern) führten zu massiven Konflikten.
Badegäste beschrieben, dass der Strand in Prerow ab 1934/35 von Hakenkreuzfahnen übersät war. Ab spätestens 1935 hatten Juden keinen Zutritt mehr zum Strand.

Gleichzeitig gab es Zeugnisse des Widerstandes gegen Hitler und den Nationalsozialismus. Dietrich Bonhoeffer war 1934/35 im Zingsthof in Zingst, predigte dort auch öffentlich in der Kirche. Pastor Krause aus Zingst wurde gegen Ende des Krieges wegen Wehrkraftzersetzung inhaftiert und vor den Volksgerichtshof gestellt, konnte aber durch die einmarschierenden russischen Soldaten aus seiner Haft in Stralsund befreit werden.

Die Recherchen zu Ahrenshoop, Zingst und Wieck stehen noch ganz am Anfang. Dokumentiert ist ein Flüchtling aus Born, der in Zingst gefunden und erschossen wurde. Dokumentiert ist ebenfalls ein KZ-Außenlager in Wieck.

Barth und Zingst waren militärisch wichtige Orte.  Flugzeug- und Munitionsproduktion in Barth (KZ-Außenlager!) und militärisches Testgelände in Zingst prägten die Region nicht nur in Bezug auf Arbeitsplätze, sondern vor allem auch in Hinblick auf kriegswichtige Produktion und Propaganda. Das KZ-Außenlager und das Kriegsgefangenenlager sind dank jahrelanger Recherchen vor allem durch Frau Radau in Barth mittlerweile sehr gut dokumentiert.

Zwischenfazit: es finden sich recht brauchbare Quellen über die Zeit zwischen 1933-1945 auf dem Darß.
Deshalb ist es aus meiner Sicht völlig unverständlich, weshalb die Kommunen des jetzigen Amtes Fischland-Darß-Zingst die Jahre zwischen 1933 und 1945 in ihren öffentlichen Darstellungen faktisch verschweigen.
Es wäre aus meiner Sicht sehr angemessen, an wichtigen Orten jener Jahre, zum Beispiel am „Borner Hof“ Gedächtnis- und Informationstafeln anzubringen. Die Dokumentation des Geschehenen ist dafür umfänglich und ausreichend.

Ich werde auf der Projekt-Seite bei facebook und hier im blog fortlaufend über weitere Rechercheergebnisse berichten.

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Der Darß zwischen 1933 und 1945. Widerstand gegen Hitler


„Prominentester“ Widerständler auf dem Darß war ganz sicher Dietrich Bonhoeffer, der im Zingsthof 1935 mit der Ausbildung der jungen Theologen begann, die sich der „Bekennenden Kirche“ angeschlossen hatten.

Bonheffer 1935 vor dem Zingsthof. Quelle: Evangelische Kirchgemeinde Zingst

1934 kam ein in Zingst geborener junger Mann als Pastor in Zingst ins Pfarramt: Gerhard Krause. Er lernt dort Bonhoeffer 1935 kennen, und schließt sich der „Bekennenden Kirche“ an.

Verhaftung Gerhard Krause 1944. Quelle: Evangelische Kirchgemeinde Zingst

1944 wird er wegen „Wehrkraftzersetzung“ in Stralsund inhaftiert und von einem „Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilt. Die Anklageschrift wird allerdings bei einem Bombenangriff auf Stralsund vernichtet, weshalb es nicht zur Hinrichtung kam. Pastor Gerhard Krause  wird in Stralsund 1945 von sowjetischen Soldaten befreit. Er stirbt 1950.

Wenn man sich das Jahr 1935 auf dem Darß anschaut, sieht man einerseits Hakenkreuzfähnchen am Strand; Strandburgen mit „Juda verrecke!“ in Muscheln gelegt; Schilder am Strand „Betreten für Juden verboten“ – der Bäderantisemitismus wird immer aggressiver; die Kirche in Born wird mit großem Tamtam (SS; HJ; BDM; Reichsnährstand; NSDAP etc. eingeweiht) und gleich nebenan, im nur wenige Kilometer entfernten Zingst, man kann bequem zu Fuß hinüberlaufen arbeitet Dietrich Bonhoeffer im Zingsthof an der Ausbildung der jungen Theologen die sich dem „Deutschen Christen“ eben nicht anschlossen, sondern die „Bekennende Kirche“ aufbauten, bald schon in der Illegalität. Beides liegt dicht nebeneinander.
Von der Forstverwaltung des Darßwaldes in Born aus agiert der hohe SS-Offizier Franz Mueller-Darß, der beste Beziehungen zu Himmler und Göring unterhält – und in Zingst beginnt ein junger Pastor mit der Arbeit in seiner Pfarrstelle und wird immer mehr zum Gegner des Systems, bis man ihn wegen „Wehrkraftzersetzung“ vor ein Sondergericht stellt. Die Orte auf dem Darß sind nicht groß. Jeder kennt jeden. Viele reden sich mit dem Vornamen an. Die Einheimischen duzen sich. Der Pastor in Prerow steht den Deutschen Christen zumindest nahe, das zeigen seine Äußerungen – der Pastor in Zingst ist bei der „Bekennenden Kirche“, die Kirchenkreisleitung in Barth ist NSDAP und „DC“ – in Bliesenrade, ganz versteckt im Walde, wird es Anfang der vierziger Jahre mutige Menschen geben, die den Kindern von im KZ Born inhaftierten Zeugen Jehovas den Kontakt zu ihrer Mutter ermöglichen. …. Beides dicht nebeneinander. Je mehr ich mich in die Akten einlese, je mehr an Informationen freigelegt wird, um so spannender werden die Verhältnisse auf dem Darß zwischen 1933 und 1945.

(Anmerkung: das Projekt „Der Darß zwischen 1933 und 1945“ findet mit einer eigenen Seite auch auf facebook statt, dort noch ein wenig ausführlicher als hier im blog.)

Der Darß unterm Hakenkreuz (1933-1945). KZ-Born (2). Die SS-Meilerei in Born/Bliesenrade


Im „Borner Hof“ und in Wieck waren die Häftlinge untergebracht, in Born, Wieck und Zingst haben sie gearbeitet.
Oder sie zogen von Born aus zur „SS-Meilerei“ auf der kleinen Halbinsel Bliesenrade, dicht beim Dorf Born a. Darss.

Born a. Darß und Bliesenrade. (Googlemaps). In Born war 1940 – 45 das KZ-Kamp, in Bliesenrade die SS-Meilerei

Über Bliesenrade führte dermaleinst der Postweg über den Bodden, eine kleine Stichstraße führt noch heute auf die Halbinsel. Es gab dort ein Fährhaus und eine Verbindung nach Bodstedt auf der anderen Seite des Boddens.
Im Ortsarchiv Born findet sich über diese SS-Meilerei folgendes Dokument:

SS-Meilerei Born/Bliesenrade; Ortsarchiv Born, Holger Becker 30.09.2019

über diese SS-Meilerei ist bei Wolfgang Benz (Stätten des Terrors) folgendes zu erfahren:

Wolfgang Benz, Stätten des Terrors; SS-Meilerei Born

Man kann davon ausgehen, dass die in der nur etwa einen Kilometer entfernten Meilerei arbeitenden Häftlinge täglich durchs Dorf zogen. Morgens hin, abends zurück. Jeder im Dorf hat sie irgendwann mal gesehen. Man kannte die SS-Bewacher, mit manchen war man sogar befreundet, man sah die Häftlinge. Kontakt war offiziell verboten, aber doch gab es Menschen, zum Beispiel in Bliesenrade, die einen Kontakt zwischen Häftlingen und ihren Angehörigen ermöglicht haben. Vgl. dazu den Zeitzeugenbericht über die inhaftierten Bibelforscherinnen in Born.
Interessant an den Dokumenten ist auch die sichtbare wirtschaftliche Verflechtung des KZ-Außenlagers mit der Forstverwaltung Born, an deren Spitze ja ein hoher SS-Offizier stand. Die SS „kaufte“ bei der SS Holz und „verkaufte“ es weiter. Auch „kaufte“ die SS „ein weiteres Grundstück vom Forstamt“, um die Meilerei zu erweitern. Die SS konnte auf dem Darß schalten und walten, wie es ihr beliebte. Im Zweifel sagte der „Forstmeister“ Mueller-Darß, wo es „langging“. Er galt als sehr unbeliebt im Ort. Manche Frauen fanden ihn „fesch“, wir mir Holger Becker erzählte, es gab ja auch Kinder von ihm im Ort; andere hatten Angst vor ihm, wenn er, hoch zu Pferde, durch den Wald geritten kam und die Bäuerinnen, die da beim Beerensammeln waren, nach ihrem Berechtigungsschein fragte und ihnen ihre Ernte einfach abnahm, wenn sie den Schein nicht vorweisen konnten. (Gespräch mit Holger Becker am 30.09.2019 im Archiv in Born).

Der Darß unterm Hakenkreuz (1933 – 1945). Das KZ in Born a. Darß (1)


Langsam öffnen sich die Archive, die Recherchen machen Fortschritte, wichtige Dokumente tauchen auf.

Born. Ortschronist Holger Becker mit der „Akte KZ Born“, 30.09.2019

Zunächst: ich habe Herrn Holger Becker in Born zu danken. Er hat in jahrelanger Klein- und Kleinstarbeit alles zusammengetragen, was man vor Ort über das KZ im „Borner Hof“ herausfinden konnte. Davon kann ich nun profitieren. Gestern haben wir zum ersten Mal über den Akten gesessen. Sicher nicht zum letzten mal.
Wir beginnen mit diesem Dokument:

Der „Borner Hof“ wird Häftlingslager; Dokument 1; Ortsarchiv Born Holger Becker; 30.9.2019

Wir sehen eine maschinenschriftliche Mitteilung ohne Datum von Frau Albitius (also offenbar nach einem Gespräch mit ihr in späteren Jahren notiert) über die faktische Enteignung oder Beschlagnahme ihrer Gaststätte. Wir erfahren handschriftlich von Herrn Becker später hinzugefügt aber gleichzeitig auf dem Dokument, dass ihr Mann, Max Albitius seit 1933 Mitglied der NSDAP in Born war, weshalb es mit der „Enteignung“ oder „Beschlagnahme“ nicht so ganz klar ist. Man wird geredet haben miteinander, der Forstmeister Mueller-Darß von der SS und der Herr Albitius von der NSDAP……
Wir wissen mittlerweile auch genauer, was mit „Frühjahr 1944“ gemeint ist, denn es gibt Zeugenaussagen von Menschen, die als Häftlinge in Born waren, doch dazu später.
Zunächst also wird mitten im Ort die Gaststätte „Borner Hof“, ehemals „Witt’s Hotel“, der Ort, wo bislang alle großen Feste und Veranstaltungen stattfanden ein KZ-Außenlager. Die Fenster werden vergittert, der Große Saal wird mit dreistöckigen Betten ausgestattet, die ganze Anlage wird mit Stacheldraht eingezäunt. 20 Mann bewachen den „Borner Hof“ – mitten im Dorf. Die Liste der SS-Bewacher hat sich auch angefunden:

KZ Born, die Wachmannschaft; Ortsarchiv Born, Holger Becker, 30.09.2019

Frau Helga Radau in Barth, teilte mir heute früh per e-mail mit, es gäbe auch eine Häftlingsliste. Sie schrieb: „Im Stadtarchiv Barth befanden sich Reproduktionen von Häftlingstransportlisten, die nun in unserer Dokumentationsstätte lagern, darunter eine Liste “ 30 Austauschhäftlinge von der SS-Meilerei Born“ vom 14. April 1945. Das bedeutet also, dass arbeitsunfähige Männer gegen arbeitsfähigere ausgetauscht wurden“.
Jetzt wird die Sache komplizierter: Wir lesen: 14. April 1945. Eine Gruppe Häftlinge kommt im Lager in Barth an. Barth war Außenlager von Neuengamme.
Das Lager in Born aber gab es schon vor 1945. Und zwar in mehreren „Durchgängen“.
Der Sachverhalt ist folgender: aus Ravensbrück bzw. Neuengamme kamen nacheinander mehrere Häftlingsgruppen nach Born. Sie kamen zum „Rohrschneiden“ bzw. in die „SS-Meilerei Born“, die gar nicht in Born, sondern in Bliesenrade bei Born errichtet war. Die Rohrschneider waren auch in Wieck. Sie waren dort ebenfalls in der Gaststätte untergebracht (im ersten Transport), später in einem Viehstall. Die „Rohrschneider“ mussten im Januar/Februar im eiskalten Wasser Rohr schneiden, das in Ravensbrück zu Matten weiterverarbeitet wurde.

KZ Born, Dokument 2; Ortsarchiv Born, Holger Becker, 30.09.2019
KZ Born 10.09.1944 ; Ortsarchiv Born, Holger Becker, 30.09.2019

Am 10. September 1944 traf eine Häftlingsgruppe von „104 russischen Kriegsgefangenen“ in Born ein und „störte unsere Sonntagsruhe“. Schreibt Walter Mett. Eine schillernde Quelle, denn: Mett wurde von den Nationalsozialisten als Ortsvorsteher abgesetzt, trat dennoch in die NSDAP ein. Mett arbeitete später nicht „als Waldarbeiter“, wie im Dokument geschrieben ist, sondern im Büro von Mueller-Darß. Holger Becker hat diese Informationen später handschriftlich nachgetragen:

KZ Born, Bericht Walter Plett (2), Ortsarchiv Born, Holger Becker, 30.09.2019

Danach war Walter Mett 1930 – 33 Amtsvorsteher; seit 1935 in der NSDAP, seit 1937 SA, seit 1937 Deutsche Arbeitsfront. Dass er als „Forstschreiber“ tätig war, ist auch aktenkundig, ich habe die Kopie des Arbeitsvertrages mit Mueller-Darß eingesehen, die auch im Archiv in Born lagert.
Die verschiedenen Häftlingsgruppen, die auf den Darß kamen, sind hier zusammenfassend dokumentiert:

KZ Born, Zusammenfassende Daten; Ortsarchiv Born, Holger Becker 30.09.2019

Daraus geht hervor, dass schon im Winter 1940/41 eine erste Häftlingsgruppe zum Rohrschneiden eingetroffen war. Wir wissen nun, daß im kleinen Dörfchen Born von 1940 bis 1945 mitten im Dorf Häftlinge untergebracht waren.

KZ Born, Einsatzplan Häftlingsgruppen; Ortsarchiv Born, Holger Becker 30.09.2019

Aus dem folgenden Dokument geht hervor, dass in Wieck a. Darß Bibelforscher (Zeugen Jehovas) zum Rohrschneiden eingesetzt waren. Die Angabe „zusammen mit 600 Bibelforschern“ ist unzutreffend. Die Gruppe war deutlich kleiner.

KZ Born Zeitzeugen, Ortsarchiv Born, Holger Becker 30.09.2019

Die SS-Meilerei in Born/Bliesenrade behandle ich in einem separaten Beitrag.

 

Der Darß unterm Hakenkreuz 1933 – 1945. Beispiel: Kirche Born


Die Grundsteinlegung der Kirche in Born fand am 4. Oktober 1934 statt; Hitler war seit Ende Januar 1933 an der Macht. Die Anregung für eine „Gefallenen-Gedächtnis-Kapelle“ stammt jedoch schon aus dem Jahre 1925 und kam vom Kriegerverein in Born, wie dieses Dokument belegt:

Barther Zeitung 28. 1. 1925 Erste Pläne für den Bau einer „Gefallenen-Gedächtnis-Kapelle“ in Born a. Darß. Die Anregung kommt vom Kriegerverein; im Ausschuss arbeitet der spätere DC-Bischof Thom mit, der damals Hilfsprediger in Born ist

Diese Anregung des Kriegervereins, eine „Gefallenen-Gedächtnis-Kapelle“ zu errichten, wird auf die spätere konkrete Planung und Ausführung des Kirchleins direkte Auswirkung haben.

Die Grundsteinlegung erfolgt aber erst 9 Jahre später, am Erntedanktag, dem 4. Oktober 1934. Im Gemeindeblatt „Der Darßer Bote“ und in der Regionalzeitung wird über das lokale Großereignis berichtet:

4. Oktober 1934 Grundsteinlegung der Kirche in Born a. Darß. Barther Zeitung 5. 10. 1934; Stadtarchiv Barth
4. Oktober 1934 (2) Grundsteinlegung Kirche Born. Barther Zeitung 5. 10. 34; Stadtarchiv Barth

Die Frau von Pastor Pleß, Christel Pleß, hat anlässlich der Grundsteinlegung ein längeres Gedicht verfasst, das im Gemeindeblatt „Der Darßer Bote“ veröffentlicht wurde. Hier zunächst die Originalfassung:

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Originalgedicht von Friedel Pleß (Frau des Pastors Pleß) anlässlich der Grundsteinlegung der Kirche in Born a. Darß am 4. Oktober 1934; Quelle: Privatarchiv Schneidereit; Pfarrarchiv Prerow

Es gibt eine „korrigierte Fassung“ von diesem Gedicht. Diese „korrigierte Fassung“ wurde vom Sohn von Friedel Pleß anlässlich des 70sten Jubiläums der Grundsteinlegung in Born in der Kirche ausgelegt:

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„korrigierte Fassung“ des Gedichts von Frau Friedel Pleß anlässlich der Grundsteinlegung der Kirche in Born; Quelle: Privatarchiv Schneidereit,

Man kann an diesem Beispiel sehen, wie später an den Originaltexten „herumgedrechselt“ wurde, um ursprüngliche Klarheiten und Eindeutigkeiten nachträglich zu verwischen.

Daß am Ende der Grundsteinlegung die versammelten Verbände des Ortes wieder vor dem „Borner Hof“ standen, um der „Rede des Führers“ von Nationalen Erntedanktag zu lauschen, ist Ausdruck jener Zeit. Hitler hatte schon Anfang 1934 öffentlich erklärt, die „nationalsozialistische Revolution“ sei nun „abgeschlossen.“ Der Staat war gleichgeschaltet, die Menschen standen stramm – auch vor dem „Borner Hof“.
Im Jahr 1935 dann wurde das Kirchlein eingeweiht:

Kirche Born Einweihung Stralsunder Tageblatt 1.4.1935; Privatarchiv Schneidereit
Kirche Born Einweihung Rostocker Anzeiger, 13. 4. 1935; Privatarchiv Schneidereit
Kirche Born Stralsunder Tageblatt 3.4.1935 Privatarchiv Schneidereit/Born

Pastor Pleß gibt 1935 im Gemeindeblatt „Der Darßer Bote“ eine schriftliche Erklärung der in die Kirche eingebauten Figuren, damit die Besucher des Kirchleins auch wissen, was sie da sehen. Aus dieser Beschreibung geht hervor, daß die Erbauer und Ausstatter der Kirche am ursprünglichen Gedanken von 1925, eine Helden-Gedächtnis-Kapelle zu errichten, festgehalten haben:

Kirche Born. Erklärung der „Helden-Figuren“ durch Pastor Pleß im Gemeindeblatt „Der Darßer Bote“ 1935; Pfarrarchiv Prerow

Die Frau des Pastor, Christel Pleß, bringt auch noch ein Gedicht zur Einweihung mit, das dann später im „Darßer Bote“ abgedruckt wird. Auch von diesem Gedicht gibt es zwei Fassungen: eine originale aus dem Jahre 1935 und eine spätere, „geglättete“:

Kirche Born Gedicht zur Einweihung; Original; Privatarchiv Schneidereit
Kirche Born Gedicht zur Grundsteinlegung geänderte Fassung; Privatarchiv Schneidereit

KZ-Häftlinge in Born a. Darss. Das „Forstamt“ Born und der „Borner Hof“


Die Recherche ist mühsam, aber ich komme voran.
Was wissen wir mittlerweile (Recherchestand 28. 09. 2019)?
An zwei Orten mitten im kleinen Dörfchen Born waren KZ-Häftlinge untergebracht:
4 Frauen direkt auf dem Hof des Forstmeisters Franz Mueller-Darß (SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS)  zwischen Mai 1943 und April 1945. Heute ist in dem Gebäude das Forstmuseum untergebracht. Eine Erinnerungstafel findet sich nicht. Dass Mueller-Darß SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS war, erfährt man vor Ort ebenfalls nicht. Man nennt ihn nur den „Forstmeister“. 
Die 4 Frauen waren Zeuginnen Jehovas. Eine von ihnen hieß Meta Zils (Häftlingsnummer 442 KZ Ravensbrück). Deren Tochter Gerda Zils sagt später aus: „Das muss Ende 1936 gewesen sein. Vom Verhör in Zanow kehrte meine Mutter nicht wieder zurück….Der Zeitpunkt, als meine Mutter mit drei weiteren Glaubensschwestern …. als Außenkommando nach Born/Darß, zum Brigadeführer der SS Franz Mueller abkommandiert wurden, ist mir nicht bekannt. Die vier Schwestern mussten in ihren Sträflingskleidern hauptsächlich Wald- und Feldarbeit verrichten, ohne Bewachung (eine Flucht von der Halbinsel war faktisch nicht möglich). Untergebracht waren die vier Zeuginnen Jehovas in der Waschküche auf dem Gelände des SS-Brigadeführers, in der auch die Kartoffeln für die Schweine gekocht wurden, von denen sich die Schwestern hauptsächlich ernährten, wenn nicht Reste von der Küche übriggeblieben waren (beiliegen 2 Fotos, eins das Gebäude mit Waschküche, das zweite, das Gebäude, das der SS-Brigadeführer Mueller bewohnte und als Gästehaus von Naziführern, wie z.B. Hermann Göring, diente.) Meiner Schwester und mir, war es durch die Initiative eines im Nachbardorf Bliesenrathe (Bliesenrade, Wieck a.d. Darß) wohnenden mutigen Bewohners möglich, unsere Mutter zweimal heimlich bei Nacht zu besuchen. Kurz vor Kriegsende durften alle vier Frauen nach Hause gehen. Meine Mutter legte in ihrer Sträflingskleidung einen Fußmarsch von ca. 300 Kilometern zurück, bis sie meine Großeltern und uns Kinder in die Arme schließen konnte. Doch 1946 wurden wir aus der Heimat vertrieben.“
(zitiert nach Franz Wegener, Barth im Nationalsozialismus, 2016; S. 160f.;
vgl. auch: http://www.tenhumbergreinhard.de/1933-1945-lager-1/1933-1945-lager-d/dar-born-forstamt-born.html)

Der zweite Platz, ebenfalls mitten im Ort: der „Borner Hof„, eine große und bekannte Gaststätte, ehemals „Witt’s Hotel“. Heute ist dort außer der Feuerwehr die Orts-Bibliothek untergebracht und dort trifft sich u.a. der Seniorenklub des Dorfes.

Borner Hof „Wie es früher war“. Die KZ-Aussenstelle wird immer noch verschwiegen. Wir schreiben das Jahr 2019

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier waren 1942/43 zunächst Frauen untergebracht, die zum Schilfschneiden eingesetzt wurden und auch in Zingst arbeiten mussten.

Ende 1943 treffen 120 Häftlinge in Born ein.
Im April 1945 waren im Borner Hof Männer untergebracht, die in einer Meilerei zu arbeiten hatten.
In der Nacht des 12. Oktober 1944 muss es einen Fluchtversuch gegeben haben, die Polizei Schwerin ermittelte. Offenbar sind bei diesem Fluchtversuch Menschen erschossen worden, die in der äußersten nordwestlichen Ecke des Friedhofs begraben wurden. Die Einheimischen nennen den Platz heute „das Russengrab“:

Das "Russengrab" in Born a. Darss. Hier ruhen KZ-Häftlinge
KZ-Häftlinge aus dem „Borner Hof“ sind ganz in der Ecke des Friedhofs von Born a. Darss bestattet. Die Geschichte vom „Borner Hof“ wird bis heute beschwiegen.

Am 12. 4. 1945 bei der Evakuierung treffen 35 Männer, die in der SS-Meilerei Born zu arbeiten hatten, im Außenlager Barth ein.

Das Lager im „Borner Hof“ wurde von 20 SS-Männern bewacht. Zuständig war Franz Mueller-Darß.  Die SS-Wache war im Obergeschoss des Hauses untergebracht. Die Häftlinge brachte man im Großen Saal in dreistöckigen Betten unter.

Dieser Große Saal hatte auch schon anderes gesehen, hier wurden die großen Feste, Hochzeiten und Bälle gefeiert. Nun waren hier in dreistöckigen „Betten“ 120 Männer untergebracht. Mitten im Ort.
Der Historiker Wolfgang Benz sagt völlig zu Recht: „Die Rede „wir haben nichts gewusst“ gilt nicht für die Außenlager. Dort war der direkte Kontakt mit der Zivilbevölkerung nicht zu verhindern – jeder konnte sehen, was im Ort mit den Häftlingen vor sich ging“.

Ich bin deshalb dafür, dass nun, im Jahre 2019, wenigstens eine Gedenktafel angebracht wird. Und zwar sowohl am heutigen Forst-Museum unter Bezug auf den SS-Mann Mueller-Darß und seine Vergangenheit, die eben weitaus mehr war als nur „Forstmeister“ gewesen zu sein und seine vier „persönlichen Häftlinge“ als auch am „Borner Hof“.
Am kommenden Montag werde ich mich mit dem Ortschronisten Holger Becker in Born treffen und hoffe, noch mehr über den „Borner Hof“ zu erfahren. Die Lokalhistorikerin Helga Radau, die sich um die Erforschung des KZs in Barth sehr verdient gemacht hat, hat mir schon mitgeteilt, daß im Vorpommerschen Landesarchiv Greifswald im Nachlaß des Lehrers Wilhelm Steinhauer das Ergebnis eines Schülerprojektes über den „Borner Hof“ einzusehen ist, das dieser engagierter Lehrer schon vor längerer Zeit mit seinen Schülern durchgeführt hat. So tastet man sich Schritt für Schritt näher heran an das, was damals „mitten unter uns“ geschehen ist.
Falls diese Zeilen jemand liest, der über weitere Informationen über den „Borner Hof“ zwischen 1933 und 45 verfügt, bin ich für eine Kontaktaufnahme dankbar.

Anmerkung: die fortlaufenden Rechercheergebnisse finden sich auch bei facebook unter https://www.facebook.com/DarssGeschichte/

KZ-Außenlager Born a. Darss – Und sie schweigen immer noch


Da
KZ-Häftlinge aus dem „Borner Hof“ sind ganz in der Ecke des Friedhofs von Born a. Darss bestattet. Die Geschichte vom „Borner Hof“ wird bis heute beschwiegen.

„Da hinten ganz in der Ecke“ sei „das Russengrab“ sagt mir der Mann auf dem Friedhof in Born. Was es mit diesem angeblichen „Russengrab“ auf sich hat, hab ich mittlerweile herausgefunden:
Wenn man nach Born auf dem Darss fährt, findet man mitten im Ort den „Borner Hof“, eine ehemalige Gaststätte. Vom FDGB kann man etwas lesen, auch davon, dass das Haus einst dem Kapitän Witt gehört hat, weshalb es auch „Witt’s Hotel“ hieß. Dass im „Borner Hof“ im Jahre 1943 etwa 120 Häftlinge – allesamt Zeugen Jehovas – in einer KZ-Außenstelle untergebracht und von etwa 20 SS-Leuten bewacht wurden, davon steht nichts geschrieben. Die Häftlinge wurden eingesetzt, um „Rohr zu schneiden“ – ohne Schutzkleidung im eiskalten Boddenwasser…..
Erst mühsame Recherche fördert nun zu Tage, was eigentlich auf eine öffentliche Erinnerungstafel gehört. http://www.dok-barth.de/vvn/veroeff/oz_30_06_2007.pdf

Borner Hof „Wie es früher war“. Das KZ-Außenlager wird immer noch verschwiegen. Wir schreiben das Jahr 2019. Das Gedicht dazu „…unter seinem Dache wohnt sich’s angenehm“ ist angesichts der Umstände blanker Zynismus.

 

Borner Hof im September 2019. Heute Treffpunkt der Senioren, Dorfgemeinschaftshaus und Dorfbibliothek

Was also können wir wissen? Ende 1943 treffen 120 Häftlinge in Born ein.
In der etwa einen Kilometer vom «Borner Hof» entfernt liegenden Meilerei mussten die Häftlinge Holz zur Betriebsstoffbeschaffung «verkohlen». Die Meilerei bestand aus sechs Meilern (Metall-Brennöfen). Als einen weiteren Nebenbetrieb kaufte die SS 1943 Teile eines privaten Bauernhofes vom staatlichen Forstamt an und richtete dort eine Hartholzbearbeitung in den Wirtschaftsgebäuden ein. Im Winter wurde zusätzlich am Saaler Bodden Reet geschnitten, das aber nur noch direkt vor Ort für Reetdächer gebraucht wurde. Verantwortlich für den Arbeitseinsatz war Forstmeister Franz Müller.
Drei sowjetischen Häftlingen gelang in der Nacht zum 12. Oktober 1944 die Flucht, worauf die Kriminalpolizeistelle Schwerin eine Fahndung veranlasste.
Es gibt Hinweise, dass fünf Männer im Oktober 1944 bei einem Fluchtversuch erschossen und am Rande des Borner Friedhofes begraben wurden.

Unterbringung
Gaststätte Borner Hof
(„Witt’s Gasthaus“ (später auch „Borner Hof“) wurde um 1885 erbaut und entwickelte sich schon zehn Jahre später zum ersten Hotel am Platze. War Prinz Eitel Friedrich als Jagdgast auf dem Darß, wurde er von hier mit Rauchware und Getränken beliefert.)
Das Lager wurde von ca. 20 SS-Männern bewacht, die im zweiten Stock der Gaststätte untergebracht wurden. Dort wurde auch das Dienstzimmer des Kommandoführers Wilhelm P. eingerichtet. Die Häftlinge brachte man im großen Saal unter. Dort existierten dreistöckige Betten. Zum gleichen Zeitpunkt befanden sich vermutlich polnische Zwangsarbeiter im «Borner Hof». (http://www.tenhumbergreinhard.de/1933-1945-lager-1/1933-1945-lager-d/dar-born-gaststaette-borner-hof.html)
Ich hatte schon Hinweise auf das Außenlager bei Wolfgang Benz gefunden https://www.perlentaucher.de/buch/wolfgang-benz-barbara-distel/der-ort-des-terrors-geschichte-der-nationalsozialistischen-konzentrationslager-neun-baende-2009.html

„Zuständig“ und verantwortlich für das Lager in Born war Forstmeister Franz Mueller-Darß, der „Beauftragte für das Diensthundewesen“ beim „Reichsführer SS Heinrich Himmler„. Er bildete die Wachhunde für die Konzentrationslager aus…..Mueller-Darß bekleidete 1944 zum Schluss seiner SS-Karriere den Rang eines SS-Oberführers, konnte sich verstecken und fliehen, arbeitete nach dem Krieg für den Bundesnachrichtendienst und starb „friedlich“ 1976 im oberbayrischen Lenggries. Eine juristische Aufarbeitung weder der Außenlager auf dem Darss noch der Verantwortlichkeit von Mueller-Darss hat nie stattgefunden.
Man schweigt bis heute. (https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Mueller-Dar%C3%9F)

Cornelia Schmalz-Jacobsen notiert in ihre Erinnerungsbuch „Russensommer“ über den Mai 1945: „Was ist eigentlich aus Mueller-Darß geworden?“ fragte ich Friedel, „hat der sich eigentlich auch umgebracht?“ ….doch Friedel wusste es nicht. Von Mueller-Darß hatte er lange nichts gehört, und so sagte er nur: „Umgebracht? Nein, das glaube ich nicht.“…..Tatsächlich hatte sich Mueller-Darß nicht umgebracht, sondern nur gut versteckt. Er kannte den dichten Wald und auch einen gut mit Proviant gefüllten Bunker darin. Dort verpasste er den Einmarsch der Russen. Zwar durchkämmte die Rote Armee die Wälder gründlich mit Suchkommandos, doch der SS-Standartenführer und Hundeabrichter Mueller-Darß ging ihnen dabei durch die Lappen – sie fanden ihn nicht. Mueller-Darß hatte großes Glück, denn es gelang ihm, in einem Boot über den Bodden in Richtung Hamburg zu entwischen. Wie es heißt, geriet er dort kurze Zeit in britische Gefangenschaft, durfte dann aber nicht mehr zurück in die Forstverwaltung und den öffentlichen Dienst. So kam er schließlich – wen wundert es heute noch – beim Bundesnachrichtendienst unter und starb erst 1976 im Alter von sechsundachtzig Jahren in Oberbayern. Er starb friedlich – seine Rolle im KZ-Außenlager Darß oder als Himmlers Beauftragter für das Diensthundewesen, Diensthunden, die in Konzentrationslagern gezielt Menschen angriffen, ist nie aufgearbeitet worden.“
(Cornelia Schmalz-Jacobsen, Russensommer,  S. 105 f.).

Was neben der fehlenden juristischen Aufarbeitung in meinen Augen beinahe noch schwerer wiegt: man beschweigt diese Tatsachen auf dem Darss bis heute. Es könnte ja dem Tourismus schaden. Mich ärgert das. Deshalb mache ich die Funde nun nach und nach öffentlich.
Wenn man sich die Chroniken der Orte auf dem Darss (Prerow, Wieck, Born) auf den Internetseiten der entsprechenden Kommunen besieht: die Jahre zwischen 1933 bis 1945 haben da nicht stattgefunden. Hitler und den Nationalsozialismus hat es hier offiziell nie gegeben. Dass Prerow sich schon 1929 rühmte, „judenfrei“ zu sein, wird verschwiegen. Es wird Zeit, dass da „Luft dran kommt“.
Deshalb werde ich meine Recherche-Ergebnisse über jene Zeit im pommerschen Landkreis Franzburg-Barth hier nach und nach veröffentlichen.