Irrtümer. Die Bundestagswahlen des Jahres 1990. Notizen aus meinem Diensttagebuch.


Es ist an der Zeit, die alten Notizen wieder zur Hand zu nehmen und zu kommentieren, sonst werden sie immer schwerer verständlich und die Nachgeborenen können nicht mehr recht verstehen, was da notiert wurde. Deshalb nehme ich meine alten Dienst-Tagebücher nun wieder zur Hand, sehe sie durch und veröffentliche die eine oder andere Notiz, weil sie historisch interessant sein könnte. Ich war im Jahre 1990 Geschäftsführer des „Vereins für Politische Bildung & Soziale Demokratie e.V.“, der Vorläuferorganisation für die Friedrich-Ebert-Stiftung im Gebiet der ehemaligen DDR. Meine Diensttagebücher der Jahre 1990 bis 1995 sind komplett und vollständig und jetzt eine gute Grundlage für eine präzise Erinnerung.

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Dieses Foto zeigt meine Notizen während einer Veranstaltung in der heutigen Gewerkschaftsschule Bernau am 19. 7. 1990. Es ging darum, für die SPD den Bundestagswahlkampf zu planen. Versammelt waren Vertreter der Bundes-SPD und vor allem die Geschäftsführer der ostdeutschen SPD-Bezirke (die damals noch im Entstehen waren). Die Ost-SPD hatte ja keinerlei Strukturen zur Verfügung.  Die Friedrich-Ebert-Stiftung beteiligte sich an der Veranstaltung nicht, ich war sozusagen als „Beobachter“ dabei. Gottfried Timm hatte den Vorsitz der Versammlung, eine Werbeagentur (Rudolf Schäfer) war anwesend und Erik Bettermann von der „Deutschen Welle“ war als PR-Profi dazu gekommen.  Die von ihm referierten ZDF-Umfrage-Zahlen zeigten: „Die SPD liegt vorn“ und „Parteien aus dem Westen werden bevorzugt“. Die PDS lag damals bei 5% in den Umfragen, wie das Foto vom Protokoll belegt. Eins war klar: der Osten war ein besonderes „Problem“ in diesem Wahlkampf, mit dem keiner so richtig umgehen konnte. Wichtig sei, wie die SPD „in den elektronischen Medien“ (damit waren Radio und Fernsehen gemeint) vorkäme. Man wolle „Zeitungsanzeigen. Auch in der BILD-Zeitung“ schalten, pro SPD-Bezirk seien „100 Großtafeln“ geplant. Die ganze Unternehmung würde etwa „7 Millionen“ kosten, in den 4 letzten Wochenenden vor der Wahl solle es „Sonderzeitungen“ geben, man wolle „besonders in der DDR Grundbotschaften vermitteln“.

Die „inhaltlichen Schwerpunkte, Stand Juli 1990“ seien:
1. der Ökologische Umbau der Wirtschaft
2. für Soziale Gerechtigkeit
3. für sichere Arbeitsplätze
4. für gute Wohnung
5. für sichere Renten

Der „rote Faden“ solle sein: „Wir sind die erfahrenen Krisenmanager“ (die von der SPD regierten 7 Bundesländer seien allesamt „Krisengebiete“).

Und dann hat man sich allen Ernstes die Frage gestellt (rechts im Foto zu erkennen): „Womit fängt die SPD an, wenn sie die Regierung bildet?“
Hinzugefügt wurde: „Bis Anfang August ist Oskars Konzept fertig“. Die Rede war von Oskar Lafontaine, damals Ministerpräsident des Saarlandes und Kanzlerkandidat der SPD. Seine „Grundphilosophie“ sei: „keine konsumtiven Investitionen, sondern strukturförderne, innovative Investitionen“.

Ich erinnere mich noch ziemlich genau: die Vertreter der Ost-Bezirke der SPD hörten sich das alles ziemlich still an. „Der Westen“ redete. Er bezahlte die Sache schließlich auch.

Bei der Bildung der Wahlkreise wusste man im Juli 1990 noch nichts Genaues. Klar war nur, das Präsidium der Volkskammer bereite dafür ein Gesetz vor. Reinhard Höppner war der wichtige Mann dafür. Gleichzeit war jedoch zu erfahren, dass das Statistische Bundesamt im Auftrage des Bundesinnenministeriums bereits an dieser sensiblen Frage arbeite. Im Hintergrund wurden die Fäden gezogen. „Sollte es Schwierigkeiten mit den Wahlkreiszuschnitten geben“ meinte Bettermann, „müsse das mit Reinhard Höppner diskutiert werden.“

Dann wurde der „Rednereinsatz“ geplant. Sachsen-Anhalt (Höppner) und Brandenburg (Stolpe) sollten „direkt auf Landesebene koordinieren“. Für den „Osten insgesamt und für NRW“ sei Willy Brandt vorgesehen.
Man wolle „keine Riesenveranstaltungen“ im Osten machen, sondern „Pressebesuche in den Redaktionen; Betriebsbesuche in den Betrieben (die grade krachen gegangen waren ….), man solle bei den Veranstaltungen im Osten auch „Zeit für Fragen“ berücksichtigen.

So war die Planung am 19. Juli 1990 in Bernau.
Rausgekommen ist was andres: Kohl gewann die Wahl, die ganz im Zeichen der Feierlichkeiten anlässlich der „Wiedervereinigung“ am 3. Oktober 1990 stand. Er hatte mit dem „Druck auf den 3. Oktober“, den richtigen Riecher.

Walter in des Kaisers Waffenrock. Die Sache mit dem Dschingdarassa ….


Alte Bilder erzählen Geschichten. Man muss aber genau hinschauen. Wir sehen einen jungen Mann. Er trägt eine Uniform. Auf dem Kopf eine Schirmmütze mit zwei großen, gut zu erkennenden „Knöpfen“ (Kokarden), kein Helm. Offenbar handelt es sich um eine „Ausgeh-Uniform“, darauf deutet auch die besondere Umgebung in einem Foto-Studio hin. Walter Kasparick geb. 1876 in Wilhelmshaven

Wir wissen von diesem Mann, dass er 1876 in Wilhelmshaven geboren wurde. Er kann also frühestens mit 16 Jahren, im Jahre 1892 in die Armee eingetreten sein. Wahrscheinlicher ist aber, dass er – wie damals üblich – mit 20 Jahren, also 1896, zur Armee des Kaisers ging. Wehrpflichtig waren die Männer zwischen ihrem vollendeten 17. und ihrem 42. Lebensjahr.
Neben der Schirmmütze sehen wir Schulterklappen und Schulterstücken (Epauletten) – wir sehen folglich einen Offizier. Diese „Schulterstücken“ erweisen sich nach weiterer Recherche als sogenannte „Schwalbennester“ – und machen damit den Musiker kenntlich. Silberne oder goldene Unteroffizierstresse im Schwalbennest macht den Hoboisten kenntlich. Drei Knöpfe am Aufschlag des Uniformärmels, ein breiterer und ein schmaler Streifen am unteren Ende des Ärmels. Stehkragen verziert (ob gold oder silber ist nicht mehr zu erkennen). Schwarzes Koppel, Glacé-Handschuhe, dunkle Hose ohne Bügelfalten, Halbschuhe. Ein Orden links. Uniformrock mit sieben (wahrscheinlich 8) Knöpfen. Ein Knopf dürfte unter dem Koppel verborgen sein. Damit betreten wir die große Welt der Militärmusik.

Wir wissen über diesen jungen Mann, dass er „lange und gern – 12 Jahre“ Soldat gewesen sei. So hat es seine 1915 geborene Tochter im Jahre 1957 zu Protokoll gegeben. Wir wissen zudem, dass der junge Mann im Jahre 1915 geheiratet hat, der Weltkrieg war gerade ein halbes Jahr alt. Der junge Mann arbeitete damals schon als Geigenlehrer, wie dieses zweite Foto zeigt, das von unserem jungen Mann erhalten geblieben und in einem Foto-Atelier in Halle/Saale aufgenommen ist:

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Walter, so hieß der junge Mann, erlebte die Weltwirtschaftskrise, die Machtübernahme der Nationalsozialisten und all das Elend, das darauf folgte. Er starb im Mai 1944 nachmittags halb zwei Uhr zu Hause in seiner Wohnung in Halle an der Saale an Lungentuberkulose. Die schweren Bombenangriffe auf Halle und Leuna, auf Leipzig und Merseburg im April 1945 hat er nicht mehr erleben müssen.

Gustav und die Marine des Kaisers


Gustav und Walter Kasparick-Colorized Das Bild hing bei uns zu Hause in der Garage. Niemand hat es wirklich beachtet. Jetzt, knapp 50 Jahre später, sehe ich es mir genauer an.
Zu sehen ist mein Urgroßvater Gustav (rechts) und mein Großvater Walter.
Beide tragen Uniform. Ich verstehe nichts von Uniformen, muss mich also zunächst belesen und versuchen, herauszufinden, was ich da überhaupt sehe. Lebensdaten helfen, mich zu orientieren: Gustav wurde am 15. Mai 1845 in Ströbitz bei Cottbus geboren. Gestorben ist er am 10. Juni 1923 in Halle/Saale. Am 5. August 1876 kam sein Sohn Walter  (links im Bild) in Wilhelmshaven auf die Welt.
Daraus ergeben sich Fragen: Wie kommt ein junger Mann aus Gröbitz bei Cottbus nach Wilhelmshaven? Was hat er in Wilhelmshaven gemacht?
Bekannt ist, Gustav hat 1873 in Kiel geheiratet.  Soweit, so gut.
Nun kommt eine „Familienlegende“ hinzu: es heißt (die schriftliche festgehaltene Information der Schwester meines Vaters stammt aus dem Jahre 1957), Gustav sei „als junger Matrose“ am 16. November 1869 bei der Eröffnung des Suez-Kanals dabei gewesen. Der preußische Kronprinz und spätere Kaiser Friedrich III sei auf ihn zugekommen, weil er die äußerliche Ähnlichkeit zwischen dem „jungen Matrosen“ und ihm selbst festgestellt hätte. Beide hätten sich Rücken an Rücken gestellt, der Kronprinz sei „4 Zentimeter größer“ gewesen. Wilhelm III. habe dem Gustav anlässlich dieses Ereignisses zugesichert, wenn er mal in Not käme, könne er sich an Wilhelm wenden.
Soweit die Familienlegende, die nie wirklich überprüft wurde.
Außerdem heißt es in jener Notiz von 1957, Gustav habe „bei Nordlicht Tagebuch geschrieben“.

Das also sind die wenigen Informationen, die am Beginn der Recherche zur Verfügung stehen.
Wir sehen einen Mann in einer Uniform, auf deren linkem Ärmel ein Anker mit einer Krone zu sehen ist. Offenbar eine Marine-Uniform. Zeitraum: Kaiserliche Marine nach 1845. Wir sehen weiterhin, der Mann trägt eine Schirm-Mütze und er trägt einen Säbel mit einem „Band“ daran. Hinweise, die nun zu dechiffrieren sind.

Wie ein Blick auf die Uniformen der Kaiserlichen Marine bei Wikipedia nach drei Tagen Recherche verrät, handelt es sich um einen Offizier. Denn nur Offizieren war – nach bestandener Hauptprüfung – das Tragen des Säbels gestattet. „Zur Parade und als Ausgehanzug wurde eine blaue Kurzjacke getragen–. Auf jeder Seite der Jacke saß eine Reihe von neun Metallknöpfen. Die Brandenburger Aufschläge waren sechsknöpfig“.

Wann aber wurde Gustav Offizier? Wie begann seine militärische Laufbahn?
Wir nähern uns in umgekehrter Richtung: das Foto zeigt ihn zusammen mit seinem Sohn, das Foto ist also deutlich „nach 1873“, dem Geburtsjahr von Walter aufgenommen. Walter ist auf dem Foto ca. 20 Jahre alt, das Bild könnte also 1893 oder etwas später aufgenommen worden sein. Gustav war zu dieser Zeit etwa 50 Jahre alt.

Setzen wir nun von der anderen Seite her an. Falls Gustav – der Familienlegende nach – an der Eröffnung des Suez-Kanals 1869 teilgenommen hat, war er zu diesem Zeitpunkt 24 1/2 Jahre alt. Da war er mit Sicherheit kein „junger Matrose“ mehr, wie die Familienlegende behauptet, denn die Ausbildung der „Cadetten“ begann sehr früh, am Anfang der Kaiserlichen Marine schon mit 12 – 14 Jahren! Wir schauen nun also zunächst einmal in die Geschichte der Kaiserlichen Marine und finden, dass sie erst 1817 begonnen hat. 1843 erst wurde auf „höchste Order“ hin eine Uniform festgelegt. Eine rechtlich völlig klare Anstellung der „geprüften Matrosen“ gab es erst 1847. Erst am 5. September 1848 begann eine reguläre Ausbildung für die aufzubauende preußische Marine. Und zwar mit einem „Marine-Commando“ in Stettin. Die Geschichte der Kaiserlichen Marine ist auf vorzügliche Weise von Karl Hinrich Peter, Kapitän zur See, im Jahre 1969 aufgeschrieben worden.

Nehmen wir nach der Lektüre der Geschichte der Preußíschen Marine von Karl Hinrich Peter nun aus guten Gründen an, dass Gustav seine Ausbildung bei der Marine etwa im Alter von 14 Jahren begonnen hat, dann hat er 1859/60 damit begonnen.  Das Höchstalter für Offiziersanwärter in jenen Jahren betrug 15 Jahre. Nach zweijähriger Ausbildung war die Beförderung zum „Cadetten 2. Klasse“ möglich. Nach 4 Jahren „Cadett 2. Klasse“ war die Beförderung zum „Cadetten 1. Klasse“ möglich.
Das bedeutet für unseren Gustav:
1860 Beginn der Ausbildung als „Matrose 2. Klasse“
1862 Beförderung zum „Cadetten 2. Klasse“
1866 Beförderung zum „Cadetten 1. Klasse“.
danach bis ca. 1868 „große Seereise“
ca. 1871 Ernennung zum „Unterlieutenant“.
Die Ausbildung begann im April und wechselte zwischen „Praxis“ an Bord eines Ausbildungsschiffes und „Theorie“ an Land. Die Ausbildung begann der Junge offenbar als „Matrose 2. Klasse“, er wurde „Cadett 2. Klasse“ und später – nach der Prüfung – zum „Cadett 1. Klasse„. Der ist Offiziersanwärter und trägt schon die Knöpfe der Offiziersuniform und den Säbel. Auf obigem Foto sehen wir also vom militärischen Rang her mindestens einen „Cadett 1. Klasse“ nach sechsjähriger Ausbildung vor uns, der Säbel gibt den Hinweis.  Denn seit 1858 trugen „alle Cadetten 1. Klasse sowie alle Seeoffiziere“ den Säbel.
In den Jahren 1855 – 1866 fand die theoretische Ausbildung im Seekadetten-Institut“ in Berlin statt (nach dem Deutsch-Dänischen Krieg von 1865 kam die Ausbildung nach Kiel), wir können also davon ausgehen, dass Gustav zunächst in Berlin seine theoretischen Unterrichtseinheiten absolvieren musste.
Seit 1857 ist das Schreiben des „Logbuchs“ (also des Tagebuchs des Matrosen) Pflicht. Das ist vermutlich mit der Bemerkung aus dem Jahre 1957 gemeint, Gustav habe „bei Nordlicht Tagebuch geschrieben“. „Bei Nordlicht“ deutet auf die Route hin, die eins seiner Kadetten-Ausbildungsschiffe genommen hat. Eine „große Seereise“ gehörte ja zur Ausbildung, meistens waren es sogar zwei. Denn nach der Prüfung war eine etwa zweijährige „ausgedehnte Seereise“ vorgesehen. Nach weiteren 3 1/2 Jahren erfolgte die Ernennung zum „Unterlieutenant“.
Kadetten-Ausbildungsschiffe waren ab 1843 die „Amazone„, ab 1858 die „Arcona„, die Segelfregatte „S.M.S. Niobe“ (1862 – 1890) und die „S.M.S. Hertha„. Es könnte also sehr wohl sein, dass Gustav noch auf der Arcona seine Ausbildung begonnen und dann auf der „Niobe“ fortgesetzt hat. 

Sowohl die „Niobe“ als auch die „Hertha“ waren als Kadetten-Ausbildungsschiffe an der Eröffnung des Suez-Kanals im November 1869 beteiligt. Die kaiserliche Flotte wurde ergänzt durch die Yacht „S.M.S. Grille“ des Kronprinzen und durch das Kanonenboot „S.M.S. Delphin„.
Es könnte also durchaus sein, dass Gustav im November 1869 als „Cadett 1. Klasse“ oder gar schon als „Unterlieutenant“ an der Eröffnung des Suez-Kanals beteiligt war.

Genaueres kann man nur noch durch das Auffinden und die Kontrolle der eventuell noch vorhandenen Cadetten-Schüler- bzw. Mannschaftslisten herausfinden.

Das ist – in kurzer Fassung – die Geschichte zum Herrn auf der rechten Seite des alten Fotos. Mit dem Herrn auf der linken Seite befassen wir uns ein andermal.

Etwas aus meiner Werkstatt


Internet bedeutet für mich: täglich dazu lernen. Ich bemühe mich schon etliche Jahre, so einigermaßen auf dem Laufenden zu bleiben, aber die Möglichkeiten des Netzes sind so enorm gewachsen, dass ich gar nicht mehr hinterher komme.
Selbstverständlich nutze ich schon seit langen Jahren facebook, twitter, früher auch mal google+, instagram und pinterest, blogge, nutze soundcloud, youtube und all die neuen Möglichkeiten.
Aber dass ich jetzt meine Manuskripte von zu Hause aus sowohl als print als auch als ebook zur Verfügung stellen und dafür e-publishing samt seiner interessanten Vertriebswege nutzen kann, das ist schon eine prima Sache, dass muss ich schon sagen. Ich bin ja schließlich mal in einem Land auf die Welt gekommen, in dem man sich alles was länger als 20 Zeilen war, vom Staat genehmigen lassen musste – das bedeutet allerdings auch tägliches Weiterlernen. Learning by doing. Formatieren, layouten, produzieren lassen – all das.  Aber was für großartige Möglichkeiten gerade für ehrenamtlich Engagierte, für Vereine, für Kirchgemeinde, für Kulturinitiativen sich dadurch ergeben! Ich bin immer noch begeistert.

Diejenigen, die beruflich in der Branche epublishing arbeiten, werden müde lächeln, wenn sie meine Zeilen lesen, ich bitte um Nachsicht, aber für mich sind das schon wichtige Entdeckungen, wenn ich zum Beispiel die Autorenseite bei #amazon entdecke. Oder wenn ich sehe, mit welchem großen Vertrieb #epubli arbeitet. Schließlich mache ich diese Sachen nicht beruflich.

Jedenfalls geht es mir immer noch so, daß ich mich täglich daran freue, was das Internet für überaus praktische Dinge für einen bereit hält und nutze sie gern.  Und: dazulernen hat noch niemandem geschadet.

Berlin-Hohenschönhausen 1933-1945

Berlin-Hohenschönhausen 1933-1945

Da ist nun ein neues Projekt entstanden: die Geschichte des Berliner Ortsteils Hohenschönhausen, seit 1920 zu Groß-Berlin gehörend, in der Zeit zwischen 1933 und 1945. Zur Projekt-Seite geht es hier entlang. 
Schon erste Rechercheergebnisse zeigen: Hohenschönhausen war bis 1933 überwiegend „links“ bestimmt: klare Mehrheiten für Sozialdemokraten und Kommunisten und ab 1933 klare Mehrheiten für die NSDAP. Die Kirchgemeinde ist „zu 100% mit Deutschen Christen“ besetzt, auch der seit 1910 amtierende Pastor, Orient- und Japan-Spezialist Dr. Julius Kurth gehört den „Deutschen Christen“ an.

Die Bevölkerungszahl in Hohenschönhausen wächst ab Mitte der Zwanziger Jahre schnell, nachdem das Land des ehemaligen Rittergutes parzelliert und als Siedlungsland verkauft worden ist. Deshalb sucht die Kirchgemeinde schon seit Ende der Zwanziger Jahre Hilfspastoren, um Pastor Kurth zu entlasten. Ab 1934 scheint die deutsch-christliche Kirchengemeinde zum Disziplinierungsort für „missliebige“ Pastoren, die der „Bekennenden Kirche“ angehörten, vorgesehen gewesen zu sein, wie der Vorgang um den in Elberfeld arbeitenden Lic. Wilhelm Niesel zeigt, dessen „Fall“ hier kurz referiert werden soll.
Niesel war Dozent am Predigerseminar in Elberfeld. Und er gehörte dem gerade frisch gegründeten „Pfarrernotbund“ (später „Bekennende Kirche“) um Martin Niemöller und Dietrich Bonhoeffer an. Das gefiel nicht allen, wie die hier folgenden Dokumente aus dem Kirchlichen Zentralarchiv Berlin (Akte ELAB 14/15222) zeigen, auf die ich bei meiner Recherche zur Kirchgemeinde Hohenschönhausen zwischen 1933 und 45 eher zufällig gestoßen bin:

1934 4. Juni Konsistorium Rheinland an Kons Berlin wg. Niesel 1

1934 4. Juni Konsistorium Rheinland an Kons Berlin wg. Niesel 2

1934 4. Juni Konsistorium Rheinland an Kons Berlin wg. Niesel 3

1934 14. Juli Elberfeld an Konsistorium gegen Niesel S. 1

1934 14. Juli Elberfeld an Konsistorium gegen Niesel S. 2

Mitte 1935 jedenfalls beschwert sich der Hohenschönhausener Pastor Kurth beim Konsistorium, dass „der Lic. Niesel sich hier noch nicht hat blicken lassen“. Wilhelm Niesel dachte nicht mal im Traum daran, der Versetzung nach Hohenschönhausen zuzustimmen. Er wird vielmehr, statt in die Verbannung nach Hohenschönhausen zu gehen, leitender theologischer Berater bei der „Bekennenden Kirche“.
Diese Dokumente sind in vielerlei Hinsicht interessant. Sie zeigen unter anderem: auch in Kreisen der Kirche gab es Denunziation, Anbiederei an den NS-Staat und andere Unzulänglichkeiten.

 

Wenn Recherchen zur NS-Zeit unbequem sind. Etwas aus #Born auf dem Darß.

Wenn Recherchen zur NS-Zeit unbequem sind. Etwas aus #Born auf dem Darß.

Mitarbeiter vom Bundesarchiv haben mir heute eine Mail geschickt, ich habe da ja noch unabgeschlossene Recherchen zu Franz Mueller-Darß in Arbeit, die sich insbesondere auf die Zeit nach 1945 beziehen (seine SS-Personalakte habe ich ja bereits gründlich ausgewertet und auch dokumentiert) weshalb ich annahm, die Mail bezöge sich auf diese Arbeiten, aber nein, es ging um etwas anderes, nämlich um Folgendes: da hat jemand im Bundesarchiv angerufen.
„Ein in Born a. d. Darß lebender Herr rief an, um mitzuteilen, dass er
Ihre Forschungsfortschritte über Ihren Blog „Ich werfe Kieselsteine in
den Strom“ verfolgt. Diesem Blog entnahm er, dass Sie im Bundesarchiv
Berlin und Bayreuth forschen und außerdem für die Anbringung einer
Gedenktafel am Forstmuseum plädieren, die die NS-Vergangenheit des
Müller-Darß näher beleuchtet.
Der Anrufer befürchtet, dass Sie wegen dieser Idee Repressalien aus
der rechtsgerichteten Kreisen der Bevölkerung auf dem Darß ausgesetzt
sein könnten und außerdem mit Widerstand aus den Reihen der
Ortspolitik und des Tourismusverbandes zu rechnen hätten. Man fürchte,
dass aus dem Jagdhaus eine Art Neonazi-Pilgerstätte werden könnte und
außerdem dieser dunkle Teil der Ortsgeschichte das touristische Idyll 
des Seebades stören könnte. Der Anrufer fand, wir sollten Sie
diesbezüglich warnen. Wie er selbst zu der Angelegenheit steht, blieb
unklar, er wirkte neutral“.

In meiner Antwortmail heißt es:

„….herzlichen Dank für Ihre Mail mit dem Hinweis auf den Anruf aus Born a. Darß, der Sie kürzlich erreichte. Die Regionalforscherin Helga Radau, die über das KZ-Außenlager in Barth recherchiert und publiziert hat, hatte mich schon darauf aufmerksam gemacht, dass es vor Ort in Born vor allem von Seiten des Tourismus die Position zu hören gäbe, man solle nicht in der Vergangenheit „herumwühlen“, das würde nur „den Tourismus stören“. Der Herr, der Sie angerufen hat, hat sich bei mir bislang noch nicht gemeldet. Mein Büchlein mit den ersten dokumentierten Forschungsergebnissen zum „Borner Hof“ und zum dort untergebrachten KZ-Außenlager von Ravensbrück und von Neuengamme jedenfalls stößt vor Ort auf reges Interesse. Die Leiterin des Darss-Museums, die ich am Wochenende anlässlich eines runden Geburtstages traf, hat mir mitgeteilt, sie verfüge über einen Fundus von ca. 50.000 Fotos aus der Zeit von 1910 bis 1972, die vom Ortsfotografen Wiese angefertigt worden seien und dessen fotografischen Nachlass sie nun im Museum in Prerow nach und nach erschließe. Die Fotos seien bereits gescannt und würden nun „verstichwortet“, jedenfalls habe sie bei der Lektüre meines Büchleins bereits etliche Notizen machen können, um ihre eigenen Fotos als Ergänzung zur Verfügung stellen zu können. Sowohl der Bürgermeister in Prerow, als auch die Museumsleiterin in Prerow als auch die Kirchgemeinde in Prerow haben großes Interesse, dass die Forschungen weitergehen. In Born selbst liegen vorzügliche Dokumente, die aber dort leider nicht publiziert werden, ich hoffe, dass ich da nach und nach weiter voran komme.
Ihnen jedenfalls zunächst nochmals Dank für Ihren Hinweis und Dank auch für die gute fachliche Zusammenarbeit in der Sache selbst. Ich bin gespannt, ob wir noch Dokumente über Mueller-Darss nach 1945 finden können, Wikipedia behauptet ja, er habe Anfang der fünfziger Jahres beim damals entstehenden BND angeheuert, wie so viele andere SS-Leute ja auch.
Beste Grüße aus Berlin! Ulrich Kasparick
Soweit die Faktenlage zu meinen aktuellen Recherchen.
Zur Sache selbst will ich anmerken:
die Städte und Gemeinden in Deutschland gehen sehr verschieden mit den Jahren zwischen 1933 und 1945 um.
Es gibt Städte und Gemeinden, die zusammen mit ihren Museen und Heimatforschern, zusammen mit den Historischen Fakultäten der Universitäten und lokalen Geschichtsvereinen eine hervorragende Dokumentations- und Aufklärungsarbeit geleistet haben und leisten.Und dann gibt es Städte und Gemeinden, die haben Angst.
Die versuchen, obwohl die Zeit zwischen 1933 und 1945 durch zahlreiche Forschungen bestens dokumentiert und erschlossen ist, jene Zeit in ihrem konkreten Ort zu verschweigen.  Das funktioniert aber nicht, wie man auch in zahlreichen Städten und Gemeinden studieren kann. Es funktioniert deshalb nicht, weil man Geschehenes nicht ungeschehen machen kann.
Gedenkstättenarbeit kann sogar Bestandteil eines lokalen Tourismuskonzeptes werden, wenn man die Sache richtig anpackt, auch dafür gibt es mittlerweile in Deutschland sehr gute Beispiele.

Ich weiß, daß auch in Born die Stimmen zur Frage, wie man mit der Vergangenheit umgehen sollte, verschieden sind. Und ich bin überzeugt davon, dass sich die Stimmen derjenigen durchsetzen werden, die sagen: die Dokumente liegen ja vor, es gibt keinen Grund, sie zu verschweigen. Erinnerungsarbeit hat in Deutschland mittlerweile selber über 60 Jahre Erfahrungen sammeln können. Die Museen, Geschichtsvereine, Universitäten und Historiker, die über jene Zeit gearbeitet haben und arbeiten, verfügen über sehr große Erfahrung, wie man angemessen jene Jahre dokumentiert und wie man angemessen mit den Dokumenten umgeht. Das, was in dieser Hinsicht in anderen Orten Deutschlands inzwischen bestens gelungen ist, gelingt ganz bestimmt auch im schönen Dörfchen Born auf dem Darß.

 

Am Beginn der zwanziger Jahre – die entscheidenden zehn Jahre beginnen nun.


IMG_20191230_161815Morgen geht das zweite Jahrzehnt des neuen Jahrtausends zu Ende. Für den weltweiten Klimaschutz ein verlorenes Jahrzehnt. Denn die Emissionen steigen nach wie vor. Vielleicht war ja der „flammende Sonnenuntergang“ vom 30. 12. 2019 ein Hinweis auf das Kommende. In Australien jedenfalls versteht man schon besser, was da gemeint ist.

Deshalb gibt es an diesem Jahreswechsel keinen Grund für wirkliche Freude, denn wichtige Zeit wurde vertan. Alle Konferenzen, Demonstrationen, Proteste, Artikel, Tagungen und Gesetzesentwürfe haben ein Ergebnis: die Emissionen steigen.
Die Menschheit betritt nun die entscheidende Dekade.  Dabei ist es noch nicht mal mehr sicher, dass wir diese zehn Jahre wirklich noch zur Verfügung haben. Die Veränderungen insbesondere an den Polen und am „Dritten Pol“, dem Eis des Himalaja und der anderen Gletscher gehen nämlich mittlerweile dermaßen schnell vor sich, dass die messenden Naturwissenschaftler rund um die Erde aus den Warnmeldungen gar nicht mehr herauskommen. Der Wandel geschieht sehr viel schneller, als man bislang für möglich gehalten hatte.
Nach allem, was man von naturwissenschaftlicher Seite her aussagen kann, werden die kommenden zehn Jahre die entscheidenden Jahre für einen engagierten Klimaschutz. Entweder gelingt es der Menschheit endlich, die Emissionen wirksam Richtung NULL zu senken – oder es gelingt nicht und die Emissionen steigen weiter – die Folgen davon will man sich nicht wirklich vorstellen, denn sie werden furchtbar sein.  Gelingt es nicht, die Emissionen bis zur Mitte des Jahrhunderts auf NULL zu bringen – und diese Aufgabe ist dermaßen riesig, dass viele Menschen davon gar nichts wissen wollen – dann werden die Folgen dieses Nicht-Handelns schon zur Mitte des Jahrhunderts, aber besonders stark in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zu spüren sein. Es geschieht in diesem Jahrhundert. Das Kind, das jetzt geboren wird, wird, wenn der Mensch gesund bleibt, 60 oder 70 oder 80 Jahre alt sein, wenn die alte Welt-Ökonomie zusammenbricht. Auf all diese Prozesse hat die Naturwissenschaft seit langen langen Jahren immer und immer wieder hingewiesen, das alles ist also in keiner Weise überraschend. Die an den Forschungen beteiligten Institute machen ihre Arbeitsergebnisse sehr gut öffentlich. Niemand kann behaupten, er habe von alledem nichts gewusst.

Deshalb wird es in den kommenden Jahren eine immer wichtiger werdende Frage geben: Auf welcher Seite stehst Du?

Sind Dir Kinder und Enkel völlig egal, dann brauchst Du nichts zu verändern, dann brauchst Du nur so weiter zu machen wie bisher.

Wenn Dir die Kommenden aber nicht egal sind, dann überlege genau, was Du ändern kannst. Es gibt Sachverhalte, die kannst Du nicht verändern.
Aber es gibt ebenso Sachverhalte, die Du sehr wohl ändern kannst. Viele Menschen haben das aber noch niemals ausprobiert und geben lange vorher auf.
Es ist sehr wichtig, beides sehr genau voneinander zu unterscheiden.

Man kann im eigenen Verhalten Wichtiges verändern – und dabei zählt jede (!) eingesparte Tonne CO2, auch darauf hat die Klimaforschung immer wieder ausdrücklich hingewiesen: jede nicht emittierte Tonne CO2 zählt! – und man kann sich mit anderen zusammentun. Deshalb habe ich vor knapp 2 Jahren Fuer-unsere-Enkel.org gegründet und gemeinsam mit mittlerweile über 1000 Menschen im deutschsprachigen Europa zu einem guten Netzwerk ausgebaut, das Schritt für Schritt weiter wächst.

Überall auf der Welt sind Jugend-Initiativen entstanden, haben sich organisiert, sind auf die Straßen und Plätze gegangen und haben laut für ihre Rechte gestritten. Allerdings macht diese weltweite Bewegung nun die Erfahrung, dass all die Proteste, Demonstrationen, Debatten, Talk-Shows, all die Interviews und öffentlichen Termine (noch) nicht wirklich etwas verändert haben – die Emissionen steigen weiter.  Enttäuschung droht.

Deshalb brauchen die jungen Leute mehr als je zuvor Unterstützung durch erfahrene ältere Menschen. Genau deshalb gibt es Fuer-unsere-Enkel.org.

Die Generationen brauchen sich. Und sie können sich gegenseitig stärken und stützen und behilflich sein im größten Kampf der Menschheit – im Kampf ums eigene Überleben nämlich.

Prof. Anders Levermann vom Potsdam-Institut-für-Klimafolgenforschung (PIK) und andere haben immer wieder darauf hingewiesen – gelingt es nicht, die Emissionen bis zur Jahrhundertmitte auf NULL zu bringen – bekommen wir zum Ende des Jahrhunderts plus 4 Grad (!) oder mehr in der globalen Atmosphärenmitteltemperatur.
Das aber hält der menschliche Organismus nicht mehr aus.
All die Folgen einer globalen Erwärmung um 4 Grad (und exakt auf diesem „Kurs“ fährt die Weltgemeinschaft gegenwärtig), sind umfänglich dokumentiert und beschrieben worden, man kann es nachlesen und sich zu eigen machen.
Plus 4 Grad – das ist schlicht verheerend für die menschliche Zivilisation.
Der Natur ist das übrigens alles sehr egal. Sie pendelt sich auf ein neues Gleichgewicht ein und fertig ist die Laube. Ob nun mit oder ohne Menschen, das interessiert die alte Erde nicht. Unsere alte Erde ist die längste Zeit ihrer Existenz ohne die Menschheit sehr gut zurecht gekommen, sie braucht uns nicht wirklich. Es geht um unsere eigene Zukunft als Menschheit. Darum geht es.

Die kommenden zehn Jahre werden entscheidend sein.
Denn: wenn es nicht gelingt, dann kippen immer mehr bisher für stabil gehaltene ökologische Systeme in ein neues Gleichgewicht. Und das kann man nicht mehr rückgängig machen. Wenn die Kipp-Punkte (tipping points) erst einmal überschritten sind, ist eine Entwicklung im Gang, die niemand mehr beeinflussen oder gar aufhalten kann. Das gilt für das Meereis ebenso wie für das Eis an Land, das gilt für die Regenwälder Afrikas und Amazoniens ebenso wie für das Great Barrier Rief und andere überlebenswichtige ökologische Systeme.

Zehn Jahre haben wir gerade noch. Vielleicht sind es zehn Jahre.
Wahrscheinlich sind es weniger.

Sie beginnen morgen.