Author Archives: ulrichkasparick

Staatssekretär a.D. (2005-2009); Mitglied des Deutschen Bundestages 1998 – 2009, Buchautor
http://www.ulrich-kasparick.de

Dekarbonisierung. Klingt gut. Ist verdammt schwer


Schellnhuber“Dekarbonisierung der Weltwirtschaft bis zum Ende des Jahrhunderts”.
So tönt es aus Bayern vom G7-Gipfel.
Was ist davon zu halten?
Zunächst: da haben sich nur 7 getroffen. Ohne Russland, ohne China, ohne Indien, ohne Brasilien.
Sie können also nicht für “die Weltwirtschaft” sprechen, sondern bestenfalls für ihre eigenen Volkswirtschaften.
Ok. Das wäre geklärt.
Weiter: was bedeutet (eine Nummer kleiner) “Dekarbonisierung der Volkswirtschaft”?
Es bedeutet den kompletten Verzicht auf den Einsatz von fossilen Energien. Und zwar für die “Volkswirtschaft”, also für alle Bereiche: Bei der Stromerzeugung, im Verkehr, bei der Heizung, in der Chemischen Industrie.
Wenn man das wirklich will, dann bedeutet das:
1. keine Erkundung neuer Lagerstätten
denn: die Erkundung neuer Lagerstätten hat ja zum Ziel den Verbrauch des Erkundeten. Den jedoch will man ja nun nicht mehr. Sind die Regierungen der G 7 dazu wirklich bereit und auch in der Lage, das politisch durchzusetzen?
2. De-Invest: man muss dann noch in fossile Energien investiertes Geld abziehen. Und in Erneuerbare bzw. Energieeffizienz investieren.
3. keine neuen Kohle- und Gaskraftwerke
4. eine wirkliche Beschleunigung in der Bestromung auch des Individualverkehrs (der öffentliche Nahverkehr ist ja weitgehend schon mit Strom versorgt, es geht also vor allem um den Individualverkehr). Dafür müssen die Systemkosten dramatisch gesenkt werden. Und: der Strom muss aus Erneuerbaren Energien stammen.
Völlig unklar ist, wie schwere LKW, große Frachter und vor allem die Luftfahrt “decarbonisiert” mit Treibstoffen versorgt werden können. Denn selbst der Gewinn von bio-fuels aus Meeresalgen, wie sie EADS seit längerem testet, stößt unter anderem an Kapazitätsgrenzen, während der Luftverkehr weiter wächst.
5. Eine Systemrevolution in der Chemischen Industrie. Denn die hängt an fossilen Energien wie der Junkie an der Nadel. Es hat immer schon Versuche gegeben, Erdöl und Erdgas als Basis für chemische Industrie zu substituieren. Das jedoch ist über Anfänge nie hinaus gekommen, auch, weil die Preise für fossile Energieträger zu niedrig waren. Wer eine “Dekarbonisierung der Volkswirtschaft” vollmundig verspricht, noch dazu “bis zum Ende des Jahrhunders” – das sind nur noch 85 Jahre! der muss BASF & Co mal in Ruhe erläutern, wie er sich das eigentlich vorstellt.

Was also ist von dem “Beschluss der G-7″ im Kern zu halten?
Die Richtung ist richtig.
Aber der Teufel steckt im Detail.
Es ist ganz offensichtlich der Versuch, sich als “modern” hinzustellen. Sicher auch der Versuch, auf den Weltklimagipfel im Dezember des Jahres Einfluss zu nehmen und “mit gutem Beispiel” voran zu gehen. Das ist richtig und sinnvoll, wenn man denn wirklich ernsthaft das “2-Grad-Ziel” erreichen will.
Nur: wer sich die Details anschaut, der kann sehr schnell erkennen, wie vollmundig dieses “Versprechen” daher kommt. Die tatsächlichen gegenwärtigen Trends laufen in die entgegengesetzte Richtung. Wer eine Dekarbonisierung wirklich will, der muss jetzt eine Vollbremsung organisieren!
Denn von einer “Dekarbonisierung der Weltwirtschaft” kann man gegenwärtig jedenfalls überhaupt nicht sprechen.
Denn nach wie vor werden neue Lagerstätten fossiler Energieträger erkundet, jede Woche gehen überall auf der Welt neue Kohlekraftwerke ans Netz, die Gas- und Ölverbräuche steigen. Insbesondere der Individualverkehr wächst ungebrochen. Und die Chemische Industrie tastet niemand an.

Politik muss Ziele formulieren. Ok.
Das Ziel ist richtig.
Aber: Politik muss auch sagen, wie man diese Ziele erreichen will.
Davon ist allerdings nichts zu lesen.
Wer eine Dekarbonisierung wirklich “in diesem Jahrhundert” erreichen will, der muss sich nun wirklich mal auf die Socken machen. Denn die Einführung neuer Technologien, neuer Treibstoffe, dezentraler Energieversorgungssysteme, die Umstellung der Chemischen Industrie – all das benötigt Zeit. Man kann ja nicht einfach “einen Schalter umlegen”.
Deshalb hat Fritz Vorholz (ZEIT) sehr Recht:
Man wird an den konkreten Entscheidungen ab dem heutigen Tage (9.6.2015) sehr genau ablesen können, ob der Beschluss der G-7 ernst gemeint ist oder nur eine politische Sprechblase war. Viele heiße Luft eben.

social media und Weltkonferenzen. Etwas zur Orientierung im Medien-Dschungel


Havanna Februar 2015 Hafenstraße Malecon. Windstärke 3 an einem normalen TagDie wichtigste bevorstehende internationale Konferenz ist die Welt-Klima-Konferenz vom 30. November bis 11. Dezember 2015 in Paris.
In Vorbereitung dieser Welt-Tagung ist ein weltweiter Prozess im Gang, an dem sich nationale Regierungen, Nichtregierungsorganisationen, Verbände, Lobby-Gruppen der Wirtschaft und natürlich auch Massenmedien beteiligen.
In den USA findet beispielsweise gegenwärtig ein regelrechter Medien-Krieg um die Deutungshoheit des Wortes “Klimawandel” (climate change) statt. Gruppen, die sich für De-Investitionen bei fossilen Energien einsetzen und für verstärkte Investitionen bei Erneuerbaren, stehen in scharfer Auseinandersetzung mit denjenigen, die alles beim Alten lassen und vor allem mit fossilen Energien Geld verdienen wollen. Da “climate change” ein Wahlkampfthema bei den nächsten amerikanischen Präsidentschaftswahlen sein wird, wird auch dieser Auseinandersetzung um die “öffentliche Meinung” noch weiter an Schärfe zunehmen. Mittlerweile positionieren sich nicht nur Präsidenten und Präsidentschaftsbewerber, sondern auch der Vatikan (die Umwelt-Enzyklika wird Mitte Juni erwartet), sondern auch amtierende und frühere UN-Generalsekretäre. Frankreich hat einen besonderen Ehrgeiz, dass die Konferenz 2015 in Paris “ein Erfolg” wird. Die Frage allerdings ist, ob es tatsächlich gelingt, ein Abkommen zu erzielen, dass auch die verbindlichen Instrumente zur Erreichung des 2-Grad-Ziels festschreibt. Gegenwärtig ist das mehr als fraglich.
Glücklicherweise ist man bei der Meinungsbildung nicht mehr allein auf die “alten” Massenmedien wie Fernsehen, Rundfunk oder Zeitungen (print) angewiesen, sondern kann sich zusätzlich dazu mit Hilfe von social media informieren, sich beteiligen, oder sogar Einfluss nehmen. Plattformen wie facebook, twitter, instagram und andere gewinnen jeden Tag mehr an politischem Gewicht. Sie sind blitzschnell und erreichen, wenn sie gut organisiert sind, eine große Schlagkraft rund um den Globus.
Weltweite Kampagnen wie 350.org zeigen, dass solches Engagement Ergebnisse bringt: der größte staatliche Fonds in Norwegen hat letzte Woche entschieden, aus Kohle-Investmehts auszusteigen. (900 Milliarden) Ebenso AXA (divest von 500 Mio; invest von 1,5 Milliarden in Erneuerbare).
In Vorbereitung auf den Paris-Gipfel hat allein twitter einen “blogger-Treffpunkt” mit mehr als 3.000 bloggern aus aller Welt (Stand 3.6.2015). Unter https://twitter.com/PlaceToBcop21 findet sich die Szene von Wissenschaftlern, Fachjournalisten, Lobbyisten und Kampagneros.
Diese Kommunikation ist möglicherweise entscheidend. Denn via social media kann sich vor allem die Zivilgesellschaft engagiert in die internationale Debatte einbringen.  Das Thema ist auch viel zu wichtig, als dass man es allein der Politik überlassen dürfte.
Die “alten” Medien verlieren zunehmend an Einfluss bei der Meinungsbildung.
Denn man kann sich nun (das war früher durchaus anders!) via social media direkt an die UN, an den Generalsekretär, an die Organisationen der UN “andocken”, man kann direkt erfahren, was der Vatikan vorhat (was angesichts von über 2 Milliarden Christen weltweit nicht ganz nebensächlich ist); man kann direkt an der Quelle der Information erfahren, was Forschungsinstitute publizieren und man kann eben nun auch tagesaktuell erfahren, wie Teilnehmer der Konferenz den Debattenstand, die Konfliktpunkte, die Streitfragen kommunizieren.
Man ist nun nicht mehr angewiesen auf die Vermittlung durch Journalisten. Das ist neu und das ist wichtig.
Der hashtag machts möglich.
#Paris2015 oder #COP21 bei facebook oder twitter bringen den Überblick.
Lesen und kommentieren muss man allerdings immer noch selbst…..

Kapitalismus als Religion. Ein gesellschafts- und kirchenkritischer Diskurs


Ursprünglich veröffentlicht auf freihandelpressespiegel:

Mit: Prof. Dr. Ulrich Duchrow, Prof. Dr. Franz Segbers, Prof. Michael Brie, Claudia Haydt
Freitag, 05. Juni, 14:30 Uhr | Gemeindehaus/Stadtteilhaus | Christophstraße 34

à mehr: http://www.bawue.rosalux.de/event/53530

Original ansehen

Klimaschutz eine Aufgabe der Nationalen Verteidigung? Neue Töne aus den USA


Klimaschutz ist nix für irgendwelche Ökopaxe. Das ist nun Angelegenheit des Militärs.
Neue Töne aus den USA.
Präsident Obama hat in einer Rede vor Kadetten, die ihre Ausbildung abgeschlossen haben, genauer erläutert, wie er das sieht mit dem Klimawandel (climate change) und dem Militär. Es lohnt, diese Rede genauer zu studieren.
Was ist der Kern seiner Rede?
“And this brings me to the challenge I want to focus on today — one where our Coast Guardsmen are already on the front lines, and that, perhaps more than any other, will shape your entire careers — and that’s the urgent need to combat and adapt to climate change“.

Klimawandel – nur etwas für Ökopaxe? Weit gefehlt, denn nun führt er seine Unterstützer ein:
“But the best scientists in the world know that climate change is happening. Our analysts in the intelligence community know climate change is happening. Our military leaders — generals and admirals, active duty and retired — know it’s happening. Our homeland security professionals know it is happening. And our Coast Guard knows it’s happening”.

Das sind neue Töne.
Klimawandel wird zum Thema von Geheimdiensten, Militär und sogar vom “Homeland Security”. Und da hört für einen Amerikaner nun wirklich der Spaß auf.
Das ist Chefsache.

Nun weiß der aufmerksame Beobachter der amerikanischen Politik, dass sowohl Geheimdienste als auch Militär schon vor etwa drei Jahren davon gesprochen haben, der Klimawandel sei für die USA “ein größeres Risiko als der internationale Terrorismus”.
Aber wenn nun der “Oberbefehlshaber” in einer öffentlichen Rede, die auch noch ausführlich vom Weißen Haus in alle Welt kommuniziert wurde, klar macht, dass die “nationale Sicherheit” berührt sei, dann muss man das registrieren.
Denn es wird Auswirkungen haben. Zum Beispiel auf die NATO.
Die werden sich nun nach einer Rede des Präsidenten nicht gleich alle grüne Mützchen aufsetzen oder eine Solaranlage auf den Panzer schrauben, aber sie werden miteinander besprechen, was denn der Klimawandel für die Sicherheit des Bündnisses bedeutet.
Kritiker meinen: “So eine Rede hat keinerlei Bedeutung. Obama ist eine “lamed duck”, eine “lahme Ente”, weil er gar nicht die benötigten Mehrheiten in Kongress und Senat hat, um konkrete Politik zu ändern. Mag sein.
Dennoch ist er noch im Amt. Er kann freier sprechen, als wenn er noch eine Wahl zu bestehen hätte.
Er kann Orientierung geben.
Noch ist er der Oberbefehlshaber des amerikanischen Militärs.

Und interessanter Weise hat Hillary Clinton das Thema “climate change” zum Wahlkampfthema gemacht.

Man darf gespannt sein, was sich da tut jenseits des großen Teichs.

De-invest. Oder: wie Kapitalismus funktioniert. Geld und Klimawandel


Es gibt sie noch, die guten Nachrichten. Heute (7.5.2015) kam wieder so eine dieser guten Nachrichten:
Eine der weltweit größten Banken, die Bank of America zieht ihr Geld aus Kohle-Projekten ab.
Ebenso die Church of England.
Nach und nach greift eine weltweite Kampagne, die ein De-Investment zum Ziel hat.
Zieht das Geld ab aus Investments in klimaschädliche Projekte! Das ist die simple Botschaft.
Es ist nicht unerheblich, was sich gerade in den USA tut.
Gemessen an den gewaltigen Aufgaben sind es zwar immer noch erst kleine Schritte, selbst, wenn nun eine so große Bank wie die Bank of America neue Wege geht.
Aber: die amerikanische Wirtschaft ist nach wie vor wichtig für die Weltwirtschaft. Sie hat nach wie vor Auswirkungen auf andere Wirtschaftsräume.
Und die Amerikaner nutzen die Hebel des Kapitalismus: Investitionen und De-Investments.
Denn: Geld regiert die Welt.
Es ist nicht unerheblich, was Banken mit dem ihnen anvertrauten Geld tun.
Europa glaubt, vor allem mit Förderprogrammen und Verboten, mit Normen und Regelwerk voran zu kommen.
Der stärkere Hebel aber ist das Geld selbst: man kann es abziehen aus schädlichen Projekten.
Und in klimafreundlichere Projekte investieren.

Vielleicht ist es nicht zufällig, dass die De-Invest-Bewegung in den Mutterländern des Kapitalismus, in Großbritannien und den USA beginnt. Man kann den stärksten Hebel dieser Wirtschaftsordnung nutzen, um im Klimaschutz voran zu kommen. Das geht schneller, als Parlamente brauchen, um neue Gesetze erlassen können.

An dieser weltweiten Bewegung können sich nicht nur Kirchen und Gewerkschaften beteiligen, nicht nur einzelne Banken und der Staat selbst, sondern vor allem die Kunden der Banken können sehr Sinnvolles tun:
Sie können klimaschädlichen Projekten das Geld entziehen.
Mehr als 5 Billionen haben allein die Deutschen auf ihren Konten.

Die weltweite Kampagne “De-invest”, die vor allem von 350.org betrieben wird, zeigt erste Wirkungen.
Es gibt sie noch, die guten Nachrichten.

Konkret. Praktisch. Gut. The Guardian


Dass eine große und weltweit anerkannte Zeitung wie “The Guardian” eine journalistisch hervorragend gearbeitete Kampagne gegen den Klimawandel organisiert, ist eine Wohltat.
Mit den besten Mitteln eines modernen Journalismus stellt sich diese Zeitung klar auf die Seite derjenigen, die konkrete Entscheidungen treffen wollen, um die Weltwirtschaft Schritt für Schritt umzubauen.
Deshalb geht es um Geld.
Um sehr viel Geld.
Allein die Deutschen haben über 5 Billionen (!) Euro auf ihren Sparkonten.
Und sie können entscheiden, was die Banken, denen sie ihr Geld anvertrauen, mit diesem Geld machen.
“De-invest” heißt deshalb die Kampagne, die The Guardian weltweit unterstützt.
“De-investieren” – zieht euer Geld ab aus Technologien, die den Klimawandel weiter beschleunigen.
Steckt es in Technologien, die zukunftsfähiger sind.

“Keep it in the Ground” ist eine Teilkampagne.
Die zwei weltgrößten Privaten Stiftungen (eine davon ist die Bill-Gates-Foundation) werden aufgefordert, ihr Kapital nicht mehr länger in “alte Technik” zu investieren.
Es geht darum, das Öl, das Gas, die Kohle in der Erde zu lassen. Mutter Natur hat offenbar aus sehr guten Gründen diese Energiequellen unter die Erde gepackt.
Es geht darum, Energieeinsparung, Effizienz und Erneuerbare Energien weltweit zu unterstützen.

Was kann ein Einzelner tun?
Er kann via social media die Kampagne von The Guardian teilen.
Er kann via blog von der Kampagne berichten.
Er kann andere dazu ermuntern, sich zu beteiligen.

Das sind konkrete Möglichkeiten, die jeder hat.
Weshalb ich nun diesen kurzen Text geschrieben habe, damit diese wichtige Sache Verbreitung findet in der Informationsflut.

Zur Kampagne geht es hier lang.

Für Leute ab 50.


1000jährige Eiche in Volkenroda/Thüringen

1000jährige Eiche in Volkenroda/Thüringen

Ab ungefähr 50 Jahren kann man Enkel haben. Deshalb gibt es jetzt eine facebook-Gruppe, die solche Menschen sammelt.
Menschen, die sich für ihre Enkel engagieren wollen.
Mit ihrer Lebenserfahrung, mit ihrer Berufserfahrung, mit ihrem Humor, ihrem Witz, ihrem Wissen.
Mit ihrer Geduld, mit ihrer Zeit, mit ihren Möglichkeiten.

Man darf das wichtige Thema “Klimawandel” nicht der Politik überlassen oder der “Wirtschaft” oder den “Gewerkschaften”.
Da sind zu viele Einzelinteressen im Spiel.

Man braucht Gruppen, parteiübergreifend und generationenübergreifend.
Gruppen von Menschen, die sich für ihre Enkel engagieren wollen, weil sie verstanden haben, dass es beim riesigen Thema “Klimawandel” auf jeden einzelnen Menschen ankommt.
Denn unsere Enkel – wahrscheinlich schon unsere Kinder – werden eine völlig veränderte Welt vorfinden, in der die Ressourcen extrem knapp und die daraus entstandenen Probleme extrem groß geworden sein werden.

Vieles von dieser Entwicklung können wir jetzt schon messen.
Den Anstieg des Meeresspiegels – er geht etwa dreimal so schnell, wie man noch in den neunziger Jahren annahm.
Das Wachsen der Wüsten.
Der Verknappung trinkbaren Wassers.
Die Zunahme regionaler Konflikte.
Immer mehr Flüchtlinge.

All diese Entwicklungen, die von weitsichtigen Forschern schon vor Jahrzehnten publiziert wurden, können wir jetzt bereits in ihren konkreten Auswirkungen sehen. Und wir wissen längst mehr, als wir tun.

Deshalb braucht man ein neues Bündnis zwischen den Generationen.
Aktive, erfahrene, engagierte Menschen ab 50, die vielleicht schon eigene Enkel haben.
Die man nicht erst lange überzeugen muss, sondern die zum Handeln bereit sind.
Jeder mit seinen Möglichkeiten.
Der eine ist Dichter – also wird er Texte beisteuern.
Der andere ist Musiker – also wird er vielleicht ein Lied beisteuern.
Wieder einer ist Journalist – der kann helfen, das Projekt voran zu bringen.
Ein vierter ist vielleicht erfahren im Umgang mit Videos – auch er oder sie kann einen Beitrag leisten.
Maler können malen; Zeichner können zeichnen; Karikaturisten können Karikaturen liefern.
Es gibt beinahe unendliche viele Möglichkeiten des persönlichen Engagements.

Damit das Thema “Klimawandel” in den Köpfen der Menschen ankommt.
Damit wir die zu sehenden Zusammenhänge auch verstehen.
Damit wir konkret etwas für unsere Enkel tun.

Wer daran mitarbeiten möchte ist eingeladen.
Für Menschen ab ungefähr 50 Jahren, die nicht nur labern, sondern sich verbindlich und engagiert beteiligen wollen.
Kurz: für Menschen, die noch nicht fertig sind mit ihrem Leben.

Und hier geht’s zur Gruppe:

Ok. Reden wir vom Geld


5021 Milliarden € hatten die Deutschen im Jahr 2013 auf ihren Sparkonten. Das ist etwa das Zwanzigfache (!) des Jahres 1970.
Schellnhuber Das ist ne Menge. Eine große Menge. Etwa so groß wie die gesamte Wirtschaftsleistung der Europäischen Union!
Die Frage ist, was die Banken, denen wir unser Geld anvertrauen, die also das Giro- und vielleicht auch ein kleines Sparkonto betreuen, damit machen.
Ich will gar nicht wissen, bei welcher Bank Sie Ihr Konto haben, aber vielleicht wollen Sie ja wissen, was Ihre Bank mit Ihrem Geld so macht? Haben Sie Ihre Bank schon mal danach gefragt? Online-Auskünfte sind ja meist dürftig. Von Ausnahmen einmal abgesehen.
Also: Erster Schritt: ich frage meine Bank, was sie mit meinem Geld eigentlich so tut. In welche Fonds oder Aktien oder Branchen sie investiert. Es mag sein, dass der Kollege am Bankschalter ein wenig irritiert ist über diese Frage, aber das macht ja nichts.

Und dann kann ich mich entscheiden, ob ich das “so lassen”, oder ob ich “das ändern” will.
Es gibt eine weltweite Kampagne von überwiegend jungen Leuten, die den Hebel für verantwortliches Investment genau an dieser Stelle ansetzt. Unter dem Titel “De-invest” fordert sie dazu auf, das eigene Geld aus solchen Branchen abzuziehen, die klimaschädliche Investitionen tätigen.

5021 Milliarden € privates Geldvermögen. Nur in Deutschland. Immobilien und anderes sind da noch nicht mitgerechnet.
Darum geht es.

Das Spendenaufkommen in Deutschland betrug im Jahr 2014 knapp 5 Milliarden €, also nur ein Bruchteil der Summe, über die eigentlich zu sprechen wäre.
Es ist erfreulich, dass die Deutschen so viel spenden. Gewiss.
Aber der Hebel, den sie eigentlich in ihren Händen halten, ist größer. Etwa tausendfach größer: 5021 Milliarden.

Schritt 2 ist also: ich kann mir überlegen, ob ich die Bank wechsle und mein Geld einer solchen Bank anvertraue, die nicht an klimaschädlichen Investitionen beteiligt ist. Ich kann entscheiden, ob ich mein Geld aus klimaschädlichen Investitionen abziehe, so, wie es die Kampagne “Deinvest” tut.
Zu Recht werden in diversen Kampagnen und Zeitungsartikeln, Fernseh- und Radiosendungen klimaschädliche Investitionen kritisiert. Das ist auch einfach. Man muss ja dabei selber nichts tun.
Die Frage allerdings, was ich mit meinen Spargroschen anfange, die muss ich schon selber beantworten. Da wird die Sache konkret.
5021 Milliarden €. Darum geht es.

Egal, wie Sie sich entscheiden. Sie treffen in jedem Fall eine Entscheidung.
Entweder Sie investieren Ihr Geld in die Zerstörung des Planeten, oder in seine Erhaltung.
Sie haben die Wahl.

Angemerkt sei:
natürlich hat auch jede Kirchgemeinde, jede Kommune, jeder Landkreis, jede Universität, jedes Unternehmen, jeder Verein und jede Stiftung die Wahl, wo die Spargroschen anlegt werden. Und wenn die Abgeordneten oder anderen Aufsichtsgremien in einem Kommunalparlament oder in einem Kreistag oder anderswo entscheiden, wie es angelegt werden soll, dann übernehmen auch sie damit Verantwortung.

 

black out. Etwas vom Versagen


Havanna Februar 2015 Hafenstraße Malecon. Windstärke 3 an einem normalen Tag

Havanna Februar 2015 Hafenstraße Malcon. Windstärke 3 an einem normalen Tag

Unsere gegenwärtigen politischen Systeme sind offensichtlich nicht in der Lage, dieses im Bild sichtbare Problem angemessen zu lösen: Klimawandel. Die wohl größte Herausforderung unseres Jahrhunderts.

Was man hier sehen kann, ist ein “normaler Tag”. Die Prognose beim kompletten Abschmelzen des Grönlandeises sieht einen Anstieg des Meeresspiegels um etwa 6 Meter. Einige Szenarien rechnen gar mit 8 Metern. Noch in diesem Jahrhundert, von dem schon 15 Jahre vergangen sind. Havanna wird im Wasser stehen.
Dieses Bild steht für viel: denn etwa ein Drittel der Menschheit lebt in Hafenstädten in einem Küstenstreifen von ca. 50 Kilometern.
Es besteht dringender Handlungsbedarf. Aber die Klimaverhandlungen kommen nicht voran. Das 2-Grad-Ziel ist ganz offensichtlich nicht mehr zu erreichen. Weil der CO-2-Kreislauf ein träger Kreislauf ist. Selbst wenn man alle Emissionen sofort auf Null stellen würde, würden die Emissionen weiter steigen.
Klaus Töpfer, mit dem ich in Tokyo darüber sprechen konnte, rechnet mit etwa 500 Millionen Umweltflüchtlingen (gegenwärtig hat die Welt etwa 51 Millionen). Deshalb zwingt der Klimawandel zu einer vernünftigen Flüchtlingspolitik. Doch davon ist weltweit nichts zu erkennen. Der Trend heißt: Abschottung. Doch das wird keine Lösung sein.
Wir beobachten weltweit eine Zunahme von Konflikten. Große Länder wie China stecken ein Vielfaches ihrer Umwelt-Ausgaben in Aufrüstung. Auch in Deutschland spricht man über mehr Geld fürs Militär.
Das wird jedoch herzlich wenig helfen, die notwendigen Anpassungen der Infrastruktur nicht nur in den Hafenstädten zu finanzieren…..
Erheblich betroffen ist die Landwirtschaft. Wassermangel auf dem Festland. Wassermangel auf den Inseln. Denn das steigende Salzwasser dringt in die Grundwässer ein und versalzt sie. Dürren verhindern eine Bewässerung der Felder auf dem Festland. Landwirtschaft ist das zentrale Thema für etwa die Hälfte der Weltbevölkerung. Die andere Hälfte lebt bereits in den Mega-Städten dieser Welt.
Ist die Entwicklungszusammenarbeit auf den Klimawandel vorbereitet? Offensichtlich nicht. Wenn, dann nur in ersten Ansätzen. Beispiel: die Gelder, die Mosambique für Entwicklungshilfe erhält, benötigt das Land, um steigende Spritpreise zu finanzieren…..Und ein paar Solaranlagen in ein paar abgelegenen Dörfern werden das Problem auch nicht wirklich lösen – wenn es am Wasser mangelt.
Was wir sehen können: die enorme Herausforderung Klimawandel zeigt ein komplettes Versagen der bestehenden politischen Systeme. Die langsamen Verfahren, denen Politik unterworfen ist; das enge nationalstaatliche Denken – all das verhindert eine sinnvolle und effektive internationale Kooperation, die dringend erforderlich wäre. Weil die Auswirkungen dieser größten Herausforderung unseres Jahrhunderts so hoch komplex sind, dass sie nur in internationaler Arbeitsteilung zu lösen sind. Nationalstaaten allein können das nicht mehr schaffen. Auch die reichsten Länder der Welt können das nicht mehr alleine. Aber von wirklicher, zielgerichteter Kooperation ist weit uns breit nichts oder nur sehr wenig zu entdecken. Was man finden kann zu Hauf: nationalstaatliche Eigeninteressen.
Statt mehr Kooperation erleben wir gegenwärtig mehr Abgrenzung. Exemplarisch zu studieren am Verhältnis Europas zu Russland. Wir erleben also das glatte Gegenteil dessen, was eigentlich erforderlich wäre. Sir Nicolas Stern hat schon vor Jahren eine Zahl genannt: nötig wären Klimaschutz-Investitionen von etwa 5% des BIP.
Wir sind meilenweit davon entfernt.

Gleichzeitig erleben wir, dass neue Handelsabkommen geschlossen werden sollen, die vor allem ein Ziel haben: noch mehr wirtschaftliches Wachstum. Stichworte sind TTIP und andere.
Das bedeutet: noch mehr Emissionen. Denn: eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Emissionen ist bislang nicht gelungen. Der zu erwartende Trend heißt also:
noch schneller steigende und noch mehr Emissionen.
Ökologen sagen uns: wir haben es bei den Zerstörungen mit einem exponentiellen Wachstum zu tun. All das ist seit vielen Jahren bekannt, es ist “nichts neues” (als ob das ein Kriterium wäre!).
Neu ist die Nachricht vom vergangenen Jahr: das Schmelzen des Eises auf der Südhalbkugel ist offenbar unumkehrbar. Da ist ein weiterer Kipp-Punkt erreicht worden.

Deshalb ist für mich die alles entscheidende, zentrale Frage, um die sich aber alle Parlamente und Regierungen herumdrücken: Wie viel ist genug?

Jede Politik, die auf “mehr Wachstum” setzt, ist eine zerstörerische, antiquierte Politik und den eigentlichen Herausforderungen unseres Jahrhunderts nicht gewachsen.
Viele Menschen sehen diese Entwicklungen mit großer Sorge. Viele fühlen sich ohnmächtig angesichts der hohen Komplexität der beschriebenen Herausforderung. Viele haben resigniert, weil trotz jahrelanger Klimadiplomatie, trotz Demonstrationen und trotz so mancher sinnvoller Gesetzgebung die Emissionen dennoch weiter stark ansteigen und sich das zerstörerische Rad immer schneller dreht. Ich kann solche Reaktionen verstehen.

Weltweit sind glücklicherweise auch andere Entwicklungen zu beobachten: da finden sich Menschen, die sich vom immerwährenden wirtschaftlichen Wachstum verabschieden. Sie leben in Genossenschaften, entwickeln behutsame Tourismuskonzepte, arbeiten an Modellen von besserer wirtschaftlicher Gerechtigkeit, sorgen für mehr fairen Handel, investieren klug. Zaghafte, winzige, erste Ansätze einer dringend notwendigen neuen Ökonomie. Das Internet gibt die Möglichkeit, sich schnell miteinander zu verbinden. Das ist eine Chance. Immerhin.

Allerdings ist wohl eines abzusehen: die bestehenden politischen Systeme, die von Egoismen, Einzelinteressen und “Denken bis zum eigenen Tellerrand” geprägt sind, werden weiter an Bedeutung verlieren – wenn sie sich nicht dazu aufraffen, die wirklich großen politischen Themen zu fokussieren und gezielt und in internationaler Kooperation anzugehen.
Ich weiß nicht, wozu diese zu beobachtende Entwicklung führen wird.
Ich gestehe aber: meine Skepsis nimmt zu, je älter ich werde. Gerade weil ich das politische Geschäft von innen kenne. Stephe Hawkins hat kürzlich gemeint: wenn es den Menschen nicht gelingt, ihre Aggression (die sich ja auch im immerwährenden wirtschaftlichen Wachstum zeigt!) in den Griff zu bekommen und lebenserhaltend einzusetzen, dann sieht er wenig Chancen für eine gute Entwicklung.

Bedrückend ist dabei vor allem: diejenigen, die für den Klimawandel am wenigsten können, werden am stärksten seine Folgen spüren.
Manchmal stelle ich mir vor, dass die Generation der kommenden Enkel uns eines Tages fragen wird: ihr habt das alles gewusst. Was habt ihr unternommen?
Und dann werden da Tage sein, da wird man noch lauter als jetzt schon einen Internationalen Umwelt-Straf-Gerichtshof fordern, vielleicht ja auch in Den Haag, um diejenigen zur Verantwortung zu ziehen, die dafür Verantwortung trugen. Bei genauem Hinsehen wird sich dann aber schnell zeigen: das sind wir alle mit unseren Erwartungen, unseren Zielen, unserem Alltagsverhalten.
Das, was sich abzeichnet, ist ein black out. Ein komplettes Versagen.
Ich weiß, dass diese Zeilen hier “in den Wind geschrieben” sind.
Das macht aber nichts. Sie mussten geschrieben werden.

Orientierung finden in Zeiten des Krieges


Im Krieg stirbt zuerst die Wahrheit. Ein bekannter Satz. Er gilt auch heute.
Statt mit der Wahrheit werden wir aber von allen Seiten mit Propaganda zugeschüttet. Schützengräben werden ausgehoben. Lager bilden und verhärten sich. Bekämpft wird, wer anders denkt.
Am Ukraine-Konflikt ist alles dies zu beobachten.
Für die einen ist “Putin” der Bösewicht, der den Konflikt schürt.
Für die anderen ist es “Europa” oder sind es “die Amerikaner”.
Für wieder andere sind es “die Separatisten”.
Jedes Lager sammelt Munition in Form von Bildern und Texten. Bilder vor allem,
Grafiken. Karikaturen, “Geheime Strategiepapiere”. Via youtube, twitter, facebook und all den Instrumenten wird der Krieg geführt. Jedes Lager schießt aus allen Rohren.
Und die Menschen werden dadurch beeinflusst und lassen sich beeinflussen.
Denn sie haben nur diese medial vermittelten “Informationen”. Kaum einer verfügt über eigene, persönliche Kontakte und Informationen. Und selbst wenn, sind auch die weitgehend beeinflusst vom Denken in “pro” und “contra”, je nachdem, mit wem man spricht.
Die Lage spitzt sich immer mehr zu.
Manöver finden statt. Demonstrative Handlungen. Begleitet von den dazu passenden Bildern. Man sieht Panzer. Man findet “geheime Strategiepapiere”. Man sieht Fotos. Man sieht Filmchen.
Kaum eine dieser “Informationen” ist wirklich überprüfbar.
Anhand der Auswahl der Fotos kann man immerhin noch erkennen, in welcher Absicht sie geschickt wurden: ein “Putin” in aggressiver Pose soll deutlichen machen, “wie er in Wahrheit ist”. Ähnliche Bilder gibt es auch von anderen Handelnden.
Die Stimmung ist aufgeheizt und aggressiv. Und mit jedem ungeprüften posting wird die Lage brenzliger.
Verteufelt wird, wer anderer Ansicht ist, als man selbst.
Alles dies führt am Ende, wenn keine Deeskalation gelingt, zum Krieg. Entweder zum “Kalten” oder gar zum “heißen” Krieg.
Für mich erschreckend und bedrückend, wie sehr sich auch Intellektuelle, Theologen, Autoren, Schriftsteller und Politiker an diesem Treiben beteiligen.
Ohne wirklich überprüft zu haben, werden Texte und Fotos, die die eigene Sicht der Welt belegen sollen, weiter geschickt und die Atmosphäre weiter vergiftet.
Jeder, der so handelt, beteiligt sich selbst aktiv an einer weiteren mentalen und materiellen Aufrüstung.
Es sind nicht nur “die Medien”, es sind nicht nur “die Politiker”, es ist jeder, der ungeprüft Bilder, Filme und Videos weitergibt mit der Behauptung, “die Wahrheit” zu kennen – über den anderen.

Wie kann man sich in einer solchen Situation angemessen verhalten?
Wie kann man sich orientieren in einer Atmosphäre, die von tatsächlichem und gedrucktem Pulverdampf vergiftet ist? Wie kann man Orientierung finden in Zeiten des Krieges?
Man kann diese Schützengräben verlassen.
Man muss sich nicht daran beteiligen, die Atmosphäre weiter zu vergiften und weiter den Konflikt anzuheizen.
Man kann sich konsequent auf die Seite derer stellen, die die ersten Opfer sind: Zivilisten.
Kinder, Greise, Mütter und Väter.
Zivilisten sind die ersten, die einem Denken, das nur noch “Freund” oder “Feind” kennt, zum Opfer fallen.
Es ist deshalb sehr sinnvoll, die Schützengräben zu verlassen, sich an der weiteren Aufrüstung nicht mehr zu beteiligen und sich auf die Seite derer zu stellen, denen der Schutz der Zivilbevölkerung zum Anliegen geworden ist.
Das Internationale Kommitee vom Roten Kreuz ist so eine Organisation, die man unterstützen kann.
Oder der Rote Halbmond – die große Hilfsorganisation der Muslimischen Welt.
Beide arbeiten eng zusammen und zeigen, dass Kooperation auch in schwierigen Zeiten gelingen kann.

Man kann und man muss sich entscheiden.
Will ich meine Lebens-Energie dafür verwenden, Konflikte weiter anzuheizen? Will ich mit verantwortlich sein für eine Eskalation der Konflikte?
Oder will ich die mir gegebene Lebenszeit dafür verwenden, Leben zu schützen?
Jeder hat die Wahl.
Und jeder ist verantwortlich für das, was er tut.

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