Seid ungehorsam! Eine Anmerkung zu den weltweiten Schülerstreiks


Ungehorsam ist eine wesentliche Quelle für gesellschaftlichen Fortschritt.
Das ist meine Lebenserfahrung.

„Bediene dich deines eigenen Verstandes – und sei ungehorsam.
Lebe verantwortlich für deine eigenen Entscheidungen und delegiere Verantwortung nicht an andere, in dem du ihnen einfach gehorchst. Darauf kommt es an“.
So lautet meine Antwort auf die Frage von Jüngeren, worauf es ankommt im Leben.

Wenn ich die zurückliegenden Lebensjahre revue passieren lasse, ist das ein Kontinuum: bediene dich deines eigenen Verstandes und sei ungehorsam, wenn es nötig ist. Das war überlebenswichtig in der Diktatur.
Wer nicht völlig verblöden und in der inneren Emigration, oder, noch schlimmer, im Gefängnis oder „im Westen“ landen wollte – der brauchte diesen letzten Rest an Selbstachtung, der aus Ungehorsam erwächst. „Und wenn sie alle rennen – ich renne noch lange nicht, nur weil sie alle rennen“. So bin ich erzogen worden. Deshalb habe ich nie ein Pionierhemd getragen und nie eine FDJ-Bluse; deshalb war ich zur Zeit der Diktatur nie bei einer Wahl und auch nicht bei der Armee. Nun, man hatte dafür einen Preis zu zahlen natürlich, man konnte nicht studieren, was man wollte, sondern musste längere, oft sehr unbequeme Wege gehen.  Natürlich wurden wir belächelt, auch versuchte man, uns lächerlich zu machen. Das aber machte uns nur noch stärker. Wir drei Geschwister wussten die Eltern hinter uns. Sie stärkten uns den Rücken und brachten uns bei, wie man aufrecht geht. Dafür danke ich ihnen noch heute.

Mir scheint, die jungen Leute von #FridaysForFuture haben das verstanden und auf ihre Zeit gedolmetscht:
Sei ungehorsam! Wenn du merkst, dass die Befolgung der alten Regeln dazu führt, dass sich die Menschheit selber umbringt – dann ändere die Regeln. Höre auf, den alten Regeln zu folgen. Das erzeugt starke Reaktionen: man wird versuchen, euch lächerlich zu machen; man wird euch verleumden; man wird euch angreifen – aber ihr werdet am Ende doch erfolgreich sein.

Bediene dich deines eigenen Verstandes – uns sei ungehorsam.
Das ist es, worauf es mehr denn je ankommt.

Greta Thunberg hat heute (21. 2. 2019) in Brüssel gesprochen. Sie hat gesagt: „Wir streiken deshalb während der Schulstunden, weil wir unsere Hausaufgaben gemacht haben.“ Und sie fügte in Richtung der Erwachsenen hinzu: „Wir räumen Euren Mist auf. Und wir hören damit erst auf, wenn die Arbeit getan ist.“
Das ist ein gutes und frisches Selbstbewusstsein. Das ist etwas völlig anderes als die sonst so oft anzutreffende ölige Angepasstheit, die jeder Mode und jeder Masse einfach hinterherläuft.
Ich wünsche den jungen Leuten viel Erfolg auf ihrem Weg und ich will gemeinsam mit anderen, die mittlerweile „in die Jahre gekommen“ sind, meinen Beitrag leisten, dass die jungen Leute erfolgreich sein können. Wir tun das zum Beispiel mit dem Netzwerk Fuer-unsere-Enkel.org.

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Die dumme Rede vom „Retten der Welt“


„Na, warst Du wieder die Welt retten?“ fragen manche Eltern ihre Kinder, wenn die grad von #FridaysForFuture kommen. Beispielsweise.
Andere sagen von sich: „So, jetzt war ich den ganzen Tag die Welt retten, jetzt ist Feierabend“.
Diejenigen, die sich für mehr als sich selber engagieren, werden nicht selten von denen verächtlich gemacht, die gern bequem auf dem Sofa sitzen und die Weltlage lediglich kommentieren. Davon gibt es reichlich.
Es ist in ihren Augen verächtlich, verachtenswert, wenn andere sich engagieren und „die Welt retten“, während sie selber in ihrer Tatenlosigkeit eingemauert zu Hause sitzen. Man schimpft deshalb auch gern über diese „Gutmenschen“. Sie halten einem selber, der man so gern bequem auf dem Sessel sitzen bleibt, nämlich einen ziemlich unbequemen Spiegel vor Augen: „Schau genau hin. Der da sitzt und nur meckert – das bist du!“

Aber auch Engagierte nutzen die Redewendung vom „Retten der Welt“.
Und auch sie nutzen sie zu Unrecht.
Denn die Redewendung enthält die Behauptung, Menschen könnten „die Welt retten“. Das können sie nicht.
Die Rede von „die Welt retten“ ist also in jeder Hinsicht ein unpassende Rede.
Niemand kann „die Welt retten“. Auch alle gemeinsam können das nicht.

Man kann allerdings seine konkrete eigene Verantwortung wahrnehmen. Das allerdings.
Das ist allerdings sehr viel mühsamer. Denn dazu muss man ja erstmal herausfinden, was genau man selber denn überhaupt am Zustand der Welt ändern kann.
Kann ich einen Preis für Flugbenzin festlegen? Nein. Ich kann ihn fordern, mehr aber auch nicht.
Kann ich verhindern, dass Unkrautvernichtungsmittel auf Äckern ausgebracht wird? Eher selten. Es sei denn, der Acker gehört mir oder es ist kommunaler Acker und ich sitze im Gemeinderat oder es ist kirchlicher Acker und ich sitze im Gemeindekirchenrat. Dann kann ich dort einen Antrag stellen, dass „unser“ Acker künftig nicht mehr mit Unkrautvernichtungsmittel besprüht werden darf. Ob ich davon eine Mehrheit bekomme, hängt von Verschiedenem ab.

Kann ich verhindern, dass in Indien Kohlekraftwerke gebaut werden? Wohl eher nicht. Es sei denn, ich bin indischer Ministerpräsident.

Kann ich verhindern, dass immer mehr Autos in unseren Städten fahren?
Nein. Aber ich kann mein eigenes Auto abschaffen. Das schon. Das ist allerdings ein wenig unbequem.

Kann ich verhindern, daß RWE „Tatsachen schafft“ und weiter rodet, obwohl der Kohle-Ausstieg beschlossen ist? Ich kann es gemeinsam mit anderen versuchen. Der Ausgang der Sache ist ungewiss. Die Chancen stehen allerdings nicht mehr ganz so schlecht wie noch vor ein paar Wochen.

Wenn ich zu einer Demonstration für einen schnelleren Kohle-Ausstieg gehe, rette ich „die Welt“ in keiner Weise. Ich mache bestenfalls gemeinsam mit anderen öffentlich deutlich, welcher Ansicht ich bin. Und appelliere an andere, etwas zu tun. Deshalb ist die Rede, die Schülerinnen und Schüler, die wöchentlich bei #FridaysForFuture demonstrieren, wollten „die Welt retten“ eine despektierliche Rede, die die jungen Leute lediglich lächerlich machen soll. Die jungen Leute retten „die Welt“ ganz gewiss nicht, aber sie machen endlich deutlich, was ihre Interessen sind: nämlich eine lebenswerte und  einigermaßen intakte Umwelt zu „erben“. Und je mehr dieses Interesse äußern, um so klarer wird ihre Botschaft an diejenigen, die in Staat und Verwaltung die Macht innehaben.

Man kann auf die Rede vom „Retten der Welt“ (oder auch vom „Retten des Klimas“) getrost verzichten.
Sehr viel gescheiter und anregender ist die Rede von der konkreten eigenen persönlichen Verantwortung. Die kann damit beginnen, dass ich meinen eigenen Lebensstil überdenke und gegebenenfalls weiter ändere und zum Beispiel das Auto abschaffe, weniger fliege, die Ernährung umstelle usw.
Und sie kann darin weiter gehen, dass ich mich in eine Gruppe einbringe – eine kommunale vor Ort, eine übergreifende, vielleicht gar in eine internationale, in ein Netzwerk.
Je konkreter, je besser ist es.

Im internationalen Netzwerk Fuer-unsere-Enkel.org geht es deshalb sehr konkret zu. Wir stärken diejenigen jungen Leute, die für eine lebenswerte, intakte Umwelt demonstrieren, in dem wir mit Hilfe unserer Smartphones, Laptops, Pcs etc. nach und nach eine Gegenöffentlichkeit zu denjenigen aufbauen, die den dringend notwendigen engagierten Klimaschutz verhindern wollen. Die sind momentan noch sehr zahlreich. Wir arbeiten gemeinsam mit vielen tausenden junger Leute daran, dass sich das rasch ändert.

Angst ist ein sehr schlechter Ratgeber, nicht nur, wenn es um Klimawandel geht.


Der Klimawandel sei die größte Angst der meisten Menschen. So stand es Anfang Februar in vielen Zeitungen. Radio- und Fernsehsender berichteten ebenfalls über die Ergebnisse der weltweiten Befragung.

Was ist davon zu halten?

Angst ist zunächst mal eine natürliche, lebenserhaltende Reaktion. Hätten Menschen und Tiere keine Angst, könnten sie nur schwer überleben.

Allerdings hat Angst natürlicherweise zwei mögliche Reaktionen: Flucht oder Angriff.  „Sich tot stellen“ oder kämpfen.

„Angst ist ein schlechter Ratgeber“ weiß der Volksmund. Das gilt allgemein, besonders aber bei hochkomplexen Sachverhalten wie dem Klimawandel.
Menschen, denen Denken in hochkomplexen Zusammenhängen eher schwer fällt, werfen ja sogar Klimaforschern, nüchternen Naturwissenschaftlern also, die ihre Forschungsergebnisse veröffentlichen „Panikmache“ vor. Ein Zeichen dafür, dass sie mit den veröffentlichten Daten nicht umgehen können – sie machen ihnen „einfach nur Angst“.
„Panikmache“ – ein beliebter Vorwurf sogar an Naturwissenschaftler – vorgetragen von Menschen, die „nicht hingucken“ wollen, die der Herausforderung „nicht in die Augen sehen“ wollen – weil eine tiefe Angst sie treibt. Sie reagieren auf das, was uns die Naturwissenschaft nun schon seit Jahrzehnten über den Klimawandel und seine Ursachen erklärt, mit einem „Totstellreflex“.  Das ist nun allerdings angesichts der eingetretenen Situation die schlechteste aller denkbaren Reaktionen.

Wenn das Boot, in dem du unterwegs bist, undicht ist und Wasser eindringt – was wirst du tun? Wirst du aufgeben und ertrinken? Oder wirst du schöpfen so lange du kannst, in der Hoffnung, eine Insel zu erreichen?

Das ist in etwa die Situation, in der die Menschheit angesichts des Klimawandels ist.
Man kann angesichts der Daten sagen: „es hat ja doch alles keinen Sinn mehr. Es ist ja schon „fünf nach zwölf“.“ Der Mensch gibt auf.
Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.“ (Die Bibel, 1. Brief an die Korinther, Kapitel 15, Vers 32).
Das ist eine mögliche, aber äußerst egoistische Sichtweise, denn: da sind ja noch Kinder und Enkel und vielleicht sogar bereits Urenkel.

Was ist angesichts der naturwissenschaftlichen Daten also zu tun?
„Angriff“. Wir müssen endlich handeln. Man weiß ja sehr genau, was zu tun ist:
1. Aufhören, die fossilen Energien auch noch zu subventionieren. Es ist ja völliger Irrsinn, eine wesentliche Quelle der Zerstörung auch noch mit etwa 600 Milliarden Dollar pro Jahr zu fördern.

2. Das in fossile Energien investierte Geld dort abziehen und in Erneuerbare investieren. (Das kann jeder „kleine Sparer“ ebenfalls tun.) Die weltweite Bewegung #Divest kommt zwar voran (mittlerweile sind mehr als 5 Billionen Dollar aus fossilen Energieprojekten abgezogen), aber noch viel zu langsam.

3. Einen Mindestpreis für Kohlendioxid (CO2). Wer CO2 emittiert, zahlt. Wer viel emittiert, zahlt viel, wer wenig emittiert, zahlt wenig. Die Einnahmen werden unter anderem dafür eingesetzt, für sozialen Ausgleich zu sorgen. Das Geld geht zu großen Teilen an die Bevölkerung zurück.

4. Klare politische Vorgaben, die den naturwissenschaftlichen Herausforderungen auch tatsächlich entsprechen. – Deshalb ist ein Kohleausstieg 2038 in Deutschland deutlich zu spät. Das kann und das muss sehr viel schneller gehen, da haben die Schülerproteste (#FridaysForFuture) völlig Recht.

5. Sehr viel ambitionierterer Ausbau der Erneuerbaren Energien. (Not-wendig ist eine Vervierfachung des Ausbautempos).

Ja, der Klimawandel ist die größte Herausforderung unseres Jahrhunderts, denn die Stabilität ganzer Staaten steht auf dem Spiel, Trinkwasser wird fehlen, die Zahl der Flüchtlinge, die wegen steigendem Meeresspiegel in andere Gebiete ziehen müssen, wird stark steigen. Die Konflikte werden massiv zunehmen. Klimawandel wird zum Sicherheitsrisiko – deshalb setzt Deutschland völlig zu Recht das Thema innerhalb des UN-Sicherheitsrates ganz oben auf die Agenda.

Angst ist angesichts dieser Sachlage wirklich kein guter Ratgeber.
Erforderlich ist, dass die Mutigen nun entschlossen voran gehen – so, wie in den USA Abgeordnete nun einen NEW GREEN DEAL vorschlagen – ein Umweltprogramm in einem Volumen wie das Mond-Programm der NASA.

Die Zeit ist gekommen, den Kampf gegen den Klimawandel wirklich aufzunehmen. Alle werden gebraucht: Politiker, Gewerkschaftler, Journalisten, Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten, junge Menschen, ältere Menschen, alte Menschen. Alle. Jeder, der einen Laptop zu bedienen weiß ist ebenso nötig, wie jeder, der ein Unternehmen führt.
Der internationale Klimastreik am 15. März 2019, der mittlerweile in über 40 Ländern dieser Erde vorbereitet wird, wird eines zeigen: die Zahl der Menschen, die angesichts der Lage zu kämpfen bereit ist, wächst.

Lasst uns kämpfen. Jeder an seinem Platz, jeder mit seinen Möglichkeiten.
Die Herausforderung ist groß. Sie ist die größte, vor der die Menschheit je gestanden hat.
Angesichts der eingetretenen Lage aufzugeben, bevor der Kampf überhaupt begonnen hat, ist keine Möglichkeit.
Denn: wir sind verantwortlich auch für die jungen Menschen, die nach uns kommen.

Jugend und Klimaschutz. Eine Erinnerung mit Konsequenzen


#FridaysForFuture lautet der hashtag zur weltweiten Kampagne, die von Woche zu Woche größer wird. Jetzt haben auch Schülergruppen aus den Vereinigten Staaten mitgeteilt, dass sie sich mit einbringen werden in dieses stark wachsende internationale Netzwerk. Ich habe in den zurückliegenden Wochen wie viele andere  sehr aufmerksam verfolgt, was sich da entwickelt. Angefangen hatte es am 20. August 2018 mit einer 16 jährigen Schülerin in Schweden. Die hatte ein selbstgebasteltes einfaches Papp-Plakat dabei und ging nicht mehr zur Schule – weil sie auf ein gewaltiges Problem aufmerksam machen will. Climate Change. Mittlerweile gehen die jungen Leute nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz (65.000) in Belgien (35.000) in Österreich, Italien, Australien und etlichen anderen Ländern auf die Straßen.
Und ernten viel Zustimmung, aber auch sehr viel Widerspruch.
Da regen sich zum Beispiel Kulturminister auf, die jungen Leute sollten doch bitte zur Schule gehen und nach der Schule streiken, es gäbe schließlich eine Schulpflicht. Ah ja. Man argumentiert mit der Pflicht.
Das hat eine Tradition. Weshalb Hannah Arendt aus guten Gründen und in gründlicher Reflexion dieser Tradition formuliert hat: „Niemand hat das Recht zu gehorchen“. Ich stimme ihr sehr zu. Das Recht zu gehorchen hatte man selbst in der Diktatur nicht. Sondern man hatte auch schon damals, als ich noch ein junger Pastor war, die Pflicht zum selber Denken. Was unter den Bedingungen der Diktatur mitunter erhebliche Konsequenzen hatte.

Ich erinnere mich an meine erste Arbeitsstelle: Stadtjugendpfarrer in der Industrie- und Universitätsstadt Jena. Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, am Ende des vorigen Jahrtausends, kurz vor dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch eines politischen Weltsystems. Wir waren jung, wir waren engagiert, wir wollen uns einmischen und Verantwortung für das Land übernehmen, in das wir lebten. Um „Ausreise“ ging es nie, das war keine Option. Es ging darum, „dieses Land zu verändern“. Also machte ich einen „Arbeitskreis Umweltschutz beim Stadtjugendpfarramt“ auf, richtete eine Umweltbibliothek ein und sammelte junge Leute. Schon sehr bald bekamen wir massive Probleme mit der Obrigkeit. Denn, wir lebten in einem Land, dass Umweltschutz nicht kannte. Wer auf Umweltprobleme aufmerksam machte, galt sehr schnell als Netzbeschmutzer, als „Kritikaster“ und – davon sprechen Stasiakten dicke Bände – sogar als Staatsfeind. Besonders deutlich wurde das, als Tschernobyl in die Luft flog. Rings um die DDR gingen die Messwerte für Radioaktivität durch die Decke – die größte DDR der Welt blieb davon verschont……
Schließlich lebten wir in der Diktatur und nur die SED sagte die Wahrheit. Und nach deren Wahrheit gab es keine Umweltprobleme.
Ich erinnere noch genau ein Staat-Kirche-Gespräch mit dem Jenaer Oberbürgermeister, bei dem wir Kirchenleute die massiven Umweltprobleme (insbesondere der Luft) in der Stadt ansprachen. Die Luft war oftmals dermaßen dreckig, dass der Ruß sogar durch geschlossene Doppelfenster in die Wohnungen gelangte und innen auf den Fensterbrettern lag. Die Kinder lagen mit schweren Atemwegserkrankungen im Krankenhaus, die jungen Mütter erzählten uns Kirchenleuten offen, was los war. Also sprachen wir das an. Der SED Mann wusste von nix.
Kurz: Ihm sei „soetwas nicht bekannt“ war seine Reaktion.
Wenig später war er nicht mehr Oberbürgermeister, die SED musste abtreten und es begannen neue Zeiten. Auch, weil wir nicht locker ließen.

An diese Kriminalisierung und Verächtlichmachung von Umweltengagierten erinnere ich mich in diesen Tagen, in denen wieder junge Leute auf die Straßen gehen und wieder verächtlich gemacht werden.
Es geht nicht mehr so hart zu wie in den Zeiten der Diktatur – aber viele „Argumente“ kommen mir doch sehr bekannt vor. Vor allem die Angst der Etablierten vor Regelverletzung. Und dabei wissen wir – nicht erst seit der Bürgerrechtsbewegung in den USA, die ja bekanntlich mit einer Regelverletzung begann, dass in bestimmten Zeiten die Regeln verletzt werden müssen, denn diese Regeln führen ja zu dem Notstand, der abgestellt werden muss. Wenn wir uns unter den Bedingungen der Diktatur an deren Regeln gehalten hätten, wäre es nicht viel geworden mit der „Wende“.

Deshalb gefällt mir nicht nur, was die Schülerinnen und Schüler da jetzt weltweit auf die Beine stellen, sondern wir unterstützen sie, so gut wir können mit unserem auch internationalen Netzwerk Fuer-unsere-Enkel.org

Woher kommt die Kraft der jungen Leute? Im Moment kommt sie aus zwei Quellen: „Wir sind alle jung und es geht um unsere Zukunft. Das verbindet uns“.
Das sagte Luisa, eine junge, 22-jährige Aktivistin in der vorigen Woche auf der Demonstration vor dem Bundeswirtschaftsministerium in Berlin. Ich habe lange über diesen Satz nachgedacht.
Er enthält eine ungeheure Sprengkraft: Wir sind jung – das heißt: „ihr seid nicht mehr jung. Euch geht die Kraft aus. Um euch geht es nicht mehr“.
Und: „es geht um unsere Zukunft“ – nicht um eure. Das ist starker Tobak.
In Magdeburg bei der Demonstration war der Spruch zu lesen: „Ihr liegt in zwanzig Jahren im Grab – und wir sitzen dann hier bei 60 Grad.“ Es geht also um die Grundlagen. „Weshalb soll ich Abitur machen, wenn ich keine Zukunft habe?“ fragen andere Plakate. Das will erstmal beantwortet sein. Und zwar so, dass es auch wirklich gehört werden kann.

Was nicht nur mir gut gefällt:
Die jungen Leute kümmern sich um ihre eigene Zukunft.
„Demokratie – das ist die Einmischung in die eigenen Angelegenheiten“ sagte mein Freund Jürgen Fuchs, den die Stasi umgebracht hat. Er hatte sehr Recht.
Das galt damals schon, als die Bedingungen sehr viel härtere waren und man erhebliche Konsequenzen bis hin zu Gefängnis und Berufsverbot zu befürchten hatte.
Und es gilt heute ebenso.

Deshalb ist den jungen Leute von heute zu sagen: Lasst Euch nicht irre machen!
Kämpft den Kampf, den ihr kämpfen müsst.
Ihr habt sehr Recht, wenn ihr uns Älteren vorwerft, dass wir nicht genug getan haben, um die Lebensgrundlagen zu schützen.
Aber vielleicht könnt ihr es – trotz des berechtigten Zorns – gestatten, dass wir nun diesen Kampf um Klimagerechtigkeit, diesen größten Kampf des Jahrhunderts, gemeinsam durchfechten.

Unterwegs Fuer-unsere-Enkel.org. Station Wien. Januar 2019


Begonnen hatte die Angelegenheit mit einer Anfrage des früheren Präsidenten des Diakonischen Werkes Österreich, Michael Chalupka per facebook. Ob ich mir vorstellen könnte, anlässlich des Neujahrsempfangs der Diakonie Österreich Anfang 2019 nach Wien zu kommen, um zum Thema „Klimawandel und unsere Verantwortung“ zu sprechen. Ich konnte mir das sehr gut vorstellen und sagte zu.
Daraus entstand nach und nach ein sehr umfängliches Begegnungs-Programm, aus dem einige Akzente besonders erwähnt werden sollen:
Beim sehr gut besuchten Neujahrs-Empfang war Gelegenheit, in einem etwa halbstündigen Podiums-Gespräch, moderiert von der Radio-Journalistin Renata Schmidtkunz vom Österreichischen Rundfunk das internationale Netzwerk Fuer-unsere-Enkel.org vorzustellen und auch darauf hinzuweisen, dass wir bereits mit einem account in Wien vertreten sind.

Gesprächsrunden in Schulen (10. und 12. Klasse) waren möglich und ein ausführlicher Austausch über die Frage, inwiefern das Thema Klimawandel den Lebensalltag österreichischer Jugendlicher bereits jetzt bestimmt und was sie angesichts der „Horrorbilder aus aller Welt“, wie sich ein Jugendlicher ausdrückte, angemessen getan werden kann, ohne sich selbst zu überfordern. Was noch deutlicher wurde: die jungen Leute fühlen sich angesichts ihrer alltäglichen schulischen Herausforderungen vom Thema climate change überlastet. Sie fühlen sich ohnmächtig. Sie können nicht erkennen, an welcher Stelle sie sich engagieren können, ohne sich zu viel zuzumuten. Genau das war ja der Grund, weshalb wir das Netzwerk Fuer-unsere-Enkel.org gegründet haben: es geht um Entlastung der Jüngeren.

Eine abendliche Gesprächsrunde, organisiert von der Wiener Zeitung und von der Diakonie Österreich war eine weitere Gelegenheit, das Netzwerk auszubauen. Vor allem bei den kleineren Gesprächsrunden nach dem „offiziellen“ Teil der überaus gut besuchten Veranstaltung, die vom Chefredakteur der Wiener Zeitung, Dr. Hämmerle (re) moderiert wurde.

Wir sehen mittlerweile an den Anfragen nach Möglichkeiten der Mitarbeit, die unser Netzwerk erreichen, dass der Besuch in Wien überaus hilfreich war zum weiteren Ausbau des Netzwerkes. Die Diakonie Österreich ist mit ihren zahlreichen Einrichtungen schon seit etlichen Jahren dabei, sehr konkreten Klimaschutz zu realisieren. Aber: man will mehr tun. Deshalb stand das Thema in diesem Jahr im Zentrum des Neujahrsempfangs und der zugehörigen Termine. Unser Dank geht an Michael Chalupka und all die vielen Helferinnen und Helfer, die diese Woche ermöglicht haben.
Im Februar wird Gelegenheit sein, das Netzwerk in Baden-Baden zu erweitern. So kommen wir voran. Schritt für Schritt, Besuch für Besuch, Interview um Interview. Den vielen Menschen, die mittlerweile in Deutschland, Österreich, Schweiz, Belgien, Frankreich, Dänemark und anderen europäischen Ländern daran mittun, sei herzlich Danke gesagt.
Jane Goodall, die vielfach ausgezeichnete britische Forscherin und Umweltschützerin, hat das notwendige Engagement auf eine einfache Formel gebracht: „Alles was du tust, macht einen Unterschied. Du musst jedoch entscheiden, welche Art von Unterschied du willst.“
Greta Thunberg, die junge Klima-Aktivistin aus Schweden, hat verstanden, wovon die Rede ist. Sie und viele andere aus der jüngeren Generation brauchen Unterstützung. Deshalb gibt es Fuer-unsere-Enkel.org. Jeder, der daran mittun möchte, dass das Netzwerk weiter wächst und seine Wirkung entfalten kann, ist herzlich eingeladen.

Greta Thunberg und die Schulstreiks. Eine kleine Dankesrede


Es gibt gute Tage. Heute ist so einer. Heute haben überall auf der Welt junge Menschen demonstriert. Sie haben ihre Schulen verlassen, so, wie das Greta Thunberg schon seit längerem regelmäßig tut und sie haben gesagt, was sie von denen, die an der Macht sind in Bezug auf den dringend notwendigen Klimaschutz erwarten: Tut endlich was!
Noch vor wenigen Wochen waren es erst wenige hundert junge Menschen, die sich unter dem hashtag #fridaysforfuture versammelt haben.
Heute waren es allein in Deutschland mehr als 25.000 in über 50 Städten. Auch in Belgien (12.000) und in der Schweiz (ca. 20.000), in Italien und anderen Ländern sind junge Leute in Bewegung gekommen, weil sie überzeugt hat, was die fünfzehnjährige Greta Thunberg angefangen hatte. Seit sie vom UN-Generalsekretär auf der Weltklimakonferenz in Katowice der Weltöffentlichkeit gezeigt worden war, seit sie nun sogar zum eher konservativen Weltwirtschaftsforum nach Davos eingeladen wurde – seither tut sich eine Menge unter den jungen Leuten.
Man kann stolz sein auf solche engagierten jungen Leute, die sich wie heute zwei und mehr Stunden bei Minusgraden vor ein Rathaus oder einen Landtag oder vor den Reichstag in Berlin stellen und laut werden.
Lehrer oder Kultusministerien, die ein solches Engagement bestrafen wollen – auch das gibts – haben offenbar nicht im geringsten verstanden, um was es geht.
„Wir sind die letzte Generation, die noch etwas tun kann – deshalb sind wir auf der Straße“ bringt es einer der vielen tausend Demonstranten auf den Punkt.
Und deshalb unterstützen wir von Fuer-unsere-Enkel.org diese engagierten Leute.
In der kommenden Woche werde ich in Wien sein, dort mit Schülern, Zeitungen und dem Rundfunk über unser Netzwerk Fuer-unsere-Enkel.org sprechen. Ich werde die Gelegenheit nutzen und die vielen jungen Leute loben, die da heute auf die Straße gegangen sind und in den kommenden Wochen auf die Straßen gehen werden.
Anders wird es nämlich keine Veränderung geben. Von alleine geschieht nichts. Man muss kämpfen um eine bessere Klimapolitik. Die jungen Leute um Greta Thunberg haben das verstanden. Dafür gebührt ihnen Dank.

Leben in zwei Systemen. Kapitel 3. Unterschriften sammeln


Die Unterschiede könnten nicht größer sein.
Unterschriften sammeln gehörte in der Diktatur zu den Tätigkeiten, die strengster staatlicher Kontrolle unterlagen.
Der Staat sammelte selbst welche. Zum Beispiel setzte sich die Pionierorganisation „Ernst Thälmann“ und auch die „Freie Deutsche Jugend“ mit Hilfe von „Postkartenaktionen“ und „Unterschriftensammlungen“ für die Freilassung von Angela Davis ein. Die saß in den USA als Bürgerrechtlerin im Gefängnis.
Die Aktion an sich war schon ein Witz: denn für eine Bürgerrechtlerin Unterschriften zu sammeln in einer Diktatur – das „hat was“. Natürlich wurde gesammelt, weil sie in den USA im Gefängnis saß. Da sah man mal wieder, „was das für ein System“ war in den USA.
Man sammelte auch Unterschriften um den Fünf-Jahres-Plan zu erfüllen.
Man sammelte Unterschriften, um die Regierung in ihrer „Friedens- und Sozialpolitik“ zu unterstützen. Aber alldas war harmlos, war völlig ungefährlich und führte am Ende zu gar nichts außer dazu, dass die Stasi-Leute in den Betrieben sehr fein registrierten, wer solche Sammlung nicht (!) unterschrieb.

Umgekehrt jedoch: wenn eine private Initiative in der DDR Unterschriften sammelte, dann war das sofort „politisch“ und die Staatssicherheit (STASI) interessierte sich für die Sache. Nichts war auffälliger, als wenn man die Obrigkeit in der Diktatur mit Hilfe einer Unterschriftensammlung an die Einhaltung von Bürgerrechten erinnern wollte. Es war schon schwierig, Unterschriften dafür zu bekommen, denn natürlich wusste jeder, was es bedeutete, wann man mit Namen und Anschrift unter so einem Papier zu lesen stand. Die Angst regierte das Land.
Wer also im Lande selbst etwas verändern wollte und dafür Unterschriften sammelte – das ging mit Listen aus Papier und handschriftlicher Unterschrift und durfte selbstverständlich nicht auf öffentlichen Plätzen stattfinden -, stand sofort unter Beobachtung. Nicht selten endeten solche Aktionen im Gefängnis und anschließend nach der „Ausreise“ im Westen. Derlei Lebensgeschichten sind zahlreich und in den DDR-Museen mittlerweile gut dokumentiert.

Ganz anders dreißig Jahre später.
Die Mauer ist gefallen, man sieht noch spärliche Reste, eingelassen in manche Straßen in Berlin, damit man nicht vergisst, wo sie einmal gestanden hat.
Dreißig Jahre später haben wir eine Inflation von Unterschriftensammlungen.
Allenthalben werden Unterschriften gesammelt. Mit und ohne Listen. Mit und ohne Papier. Für und gegen Kohleausstieg. Für und gegen moderne Landwirtschaft. Für und gegen Gentechnik. Überall wird gesammelt.
Seit uns das Internet über E-mail und insbesondere social media-Anwendungen auch auf den Smartphones die Möglichkeit gibt, in Echtzeit miteinander zu kommunizieren, geht die ganze Sache natürlich auch online. Eine Möglichkeit, von der die Oppositionsgruppen in der DDR nicht mal träumen konnten.

Allerdings: die Bedeutung solcher Sammlungen hat sich völlig verändert.
Wurden „zu Ost-Zeiten“, wie man heute sagt, auch die zahlenmäßig kleinsten Sammlungen sehr genau registriert und politisch „ausgewertet“ (ohne dass sich am Sachverhalt selbst etwas änderte), sind Unterschriftensammlungen heute beinahe alle völlig wirkungslos. Es gibt nur wenige Beispiele, bei denen solche – online durchgeführten – Sammlungen tatsächlich zu Veränderungen führten.
Etwas anderes ist aber wichtig: Unterschriftensammlungen zeigen heutzutage Kräfteverhältnisse. Selbst wenn man die automatisierten Unterschriften von bots herausrechnet, zeigen online durchgeführte Unterschriftensammlungen, wie stark eine Interessengruppe in etwa ist.
Und: Unterschriftensammlungen dienen auch dem Sammeln von Daten.
Natürlich hat eine Organisation, die sich auf online durchgeführte Unterschriftensammlungen spezialisiert hat (das geht nicht ohne eine e-mail-Adresse) politische Macht, denn sie kann, wenn Thema und Zeitpunkt „stimmen“ große Menschenmassen mobilisieren.
So mancher fragt sich deshalb, ob er sich überhaupt an einer solchen „Unterschriftenaktion“ beteiligen solle. Man kann es tun, wohl wissend, dass sich am Sachverhalt selbst so schnell nichts ändern wird durch eine Unterschrift.
Wohl aber kann man das Lager derer stärken, die für das unterstützte Anliegen eintreten.
Haftstrafen jedenfalls gibt es für das Sammeln von Unterschriften nicht mehr…..