Begonien im Frost.(2)


Dr. Rupert Neudeck am Eingang vom Moranbong Hotel Pjönjang.
Sonntag, 15. Februar 2004

IMG_20190719_121841

Programm:
7.30 Uhr Frühstück, ab Hotel 8.40 Uhr
Kususan Memorial Place (Mausoleum); Dr. Neudeck: Bong So Church Teilnahme an einem koreanischen Gottesdienst
Besichtigung Buddhistenkloster und Aussichtspunkt
12.00Uhr Lunch im Hotel
14.00 Uhr Besuch eines privaten freien Marktes im Neubauviertel (bitte keine Fotos und keine Interviews)
16.00 Uhr Meeting mit dem Präsidenten von APIETE, Herrn Kim Hung Rim.
18.00 Uhr Dinner hosted by APIETE.
Frau Botschafterin Doris Hertrampf hatte mit sehr viel Einsatz und in mühsamer Absprache mit den staatlichen Stellen ein gutes Programm zusammenstellen können. Da aber der Geburtstag des „Großen Führers“ am 16. Februar unmittelbar bevorstand, waren die ersten beiden Tage für Pflichttermine (Mausoleum) und für touristische Angebote gesetzt. Durch das kleine Aufzeichnungsgerät von SONY, das ich bei meinen Reisen immer als „elektronisches Notizbuch“ mitführe, konnten aber dennoch interessante Einzelheiten notiert und festgehalten werden. Ergänzt wurden diese Aufnahmen selbstverständlich durch ein schriftliches Tagebuch, das ich hier in Auszügen zur Verfügung stelle:
„Heute soll ich das Mausoleum des Großen Führers besuchen. Frau Hertrampf hat mich vorgewarnt, es könne sein, daß ich mich ins Gästebuch eintragen solle. „Na, da werde ich mal einen schönen Psalmvers hineinschreiben“ sag und sie lacht. Vielleicht schreib ich ja auch: „Hier liegt ein toter Mann und die Erde dreht sich weiter…..“
Unsere Handys sind wir am Flughafen losgeworden – gegen Quittung. Wir werden später noch mehr lernen über das Thema „Telefonieren in Nordkorea“. Im Hotel gab es gestern Abend eine erste Programmbesprechung. Mr. Kim Ki Su, der Vizepräsident der „Gesellschaft zur Förderung des Internationalen Wirtschaftlichen und Technischen Austauschs“ (APIETE) versteht kein Englisch – er tut jedenfalls so -, und ob der Herr daneben irgendwas versteht, ist völlig offen. Er lächelt jedenfalls freundlich.
Als wir abends vergeblich im Hotel nach einem Abendbrot gesucht hatten, hatte mich Rupert auf sein Zimmer eingeladen mit den Worten „ich hab noch eine Stulle von zu Hause, die können wir teilen.“ Und dann saßen wir bei ihm im Zimmer und teilten uns das Käsebrot, das ihm die Christel gemacht hatte.
Finanziell werden wir an dieser Reise auch beteiligt, haben wir erfahren. die Nacht im Hotel kostet 65 Euro, plus 40 Euro pro Tag für einen Nissan. Gestern wurden wir mit einem alten blauten Daimler geholt, dafür wollen die Koreaner 60 Euro. Dann verhandeln sie noch, ob wir nicht doch lieber ein größeres Auto wollen – wir einigen uns schließlich auf einen Kleinbus für 45 Euro pro Tag. Chronischer Devisenmangel…..
Der Tag heute gehört also der Stadt Pjönjang, denn am Vorabend des Geburtstags des „Großen Führers“ ist an politische Gespräche nicht zu denken, aber das wussten wir bereits“.
Pjönjang. Am Triumpfbogen mit Dolmetscher Pak:
IMG_20190719_121244Die Stadt bereitet sich auf den Geburtstag vor:
IMG_20190719_121323

Kims Mausoleum ist riesig. Der Personenkult findet hier seinen Höhepunkt:Vor dem riesigen Mausoleum des Diktators

Im Mausoleum
„Das Auto wird abgestellt. Den Mantel soll ich im Auto lassen. Wir stellen uns auf und werden registriert. Dann gibt einer ein Kommando, wir sollen uns, ich als ausländischer Gast in der Mitte, in die erste Reihe stellen. Dann gehen wir los. Man fährt über vier viele hundert Meter lange Strecken mit einer Art Rolltreppe, ebenerdig, ähnlich den Transportbändern am Frankfurter Flughafen. Links und rechts stehen Wächterinnen, im langen Kleid, schweigend. Kein Tageslicht. Leise gedämpfte Musik. Dann fährt die rollende Treppe um die Ecke, es geht hinab, dann wieder hinauf, auch oben stehen Wächter und bedeuten uns, anzuhalten. Wir stehen. Nun ein Handwink. Wir dürfen die Große Halle betreten: an der Wand uns gegenüber das große Denkmal des Führers in Gold, die Wand hinter ihm unten knallrot und nach oben hin ins blau verdämmernd und die getragene Musik dazu. Es klingt so ähnlich wie „Unsterbliche Opfer“.
Wir stehen an einem weißen Strich vor dem goldenen Denkmal. Dann wieder ein Handwink, wir gehen nach rechts weiter, immer neben den normalen Gästen, die in nicht enden wollenden Schlangen stehen – viele tausende. Privilegierter Ausländer besucht toten Diktator.
Vor einer Luftschleuse warten. Lange Minuten. Dann wieder der Wink mit der Hand, winzig nur, aber sehr bestimmt. Ein Zischen, die Luftschleuse öffnet, wir treten einzeln hindurch und werden wie mit einem riesigen Fön von der Seite angeblasen. Kein Stäubchen soll den Raum erreichen, den wir nun betreten.
Die riesige Halle mit dem gläsernen Sarg in der Mitte.
Ich war innerlich auf den toten Stalin eingestellt. Man kennt diese Bilder vom Fernsehen. Aber nun beschleicht mich der alte protestantische Gedanke: der da liegt, ist ein wächserner dicker und sehr toter alter Mann.
Mir fallen Psalmverse ein: „Des Menschen Leben ist wie Gras und wie eine Blume auf dem Felde. Wenn der Wind darüber geht, so ist sie nicht mehr da.“ Der da liegt, ist nicht mehr da. Der da ist ein toter Götze, der wie Schneewittchen im Glaskasten liegt.
Man steht an in der Schlange und man geht ein paar Schritte, bis man genau in der Mitte vor der Fußseite des Sarges steht. Einige verneigen sich. Einige tief, andere kaum merklich. Dann geht’s an die linke Seite des Sarges, die Prozedur wird wiederholt, dann die Kopfseite, an der rechten Seite hat die Konzentration schon merklich nac hgelassen und man wird in den nächsten Raum geführt: die „Halle der Tränen“. Aber ich will genau sein: ich sehe auch den einen oder anderen sichtlich gerührt tehen. Ich sehe auch Tränen in den Augen der Menschen.
Dann also die „Halle der Tränen“. Man drückt mir ein kleines Gerät in die Hand, das ich an mein Ohr drücken soll und in dem in schepperndem Deutsch in andachtsvollem Ton auf die Trauer hingewiesen wird, die das Volk befallen hat, als der Große Führer gestorben war.
Mir fällt eine junge Frau auf, eine „Führerin“ offensichtlich, die vor einer Gruppe von Soldaten versucht, diese alte Trauer des Volks darzustellen und nachzuempfinden. Das wirkt, wenn man es schauspielerisch betratet, echt. Aber es ist dennoch alles sehr routiniert, was hier abläuft und erinnert mich an Fernsehbilder von dem, was man von den Pharaonen weiß. Hier liegt ein alter toter Pharao. Ein Gott-König.
Ich kann mir vorstellen, dass im alten Ägypten unter solchen Umständen Ähnliches vonstatten gegangen ist. Ich erlebe nun also einmal selbst, was es mit dem Personenkult auf sich hat. Nicht nur aus dem Fernsehen mit Bildern vom toten Stalin, sondern in Pyongyang im Mausoleum des „Großen Führers“. Vieles, was ich hier sehe, erinnert mich an Fenrshbilder meiner Kindheit vom toten Stalin aus den Fünfziger Jahren.
Aber auch den hier hat der Tod gefällt. Die „Sonne des 21. Jahrhunderts“ liegt da nun also in einer Glaskiste.
Man zeigt mir nun den „Saal der Orden“. In einem riesigen Raum sind all die riesigen Orden in Vitrinen aufgereiht, die man dem „Großen Führer“ in seinem Leben mal an den dicken Bauch geheftet hat.
Dann bitett man mich – Frau Botschafterin hatte mich vorgewarnt – um einen Eintrag ins Gästebuch. Ich war vorbereitet: Ich habe ein Zitat ins Buch geschrieben, Psalm 8, Vers 1:
„Herr unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen“. Wohl wissend, dass das Alte Testament einen sehr anderen meint als diesen dicken toten Mann da im Glaskasten…
Nach dem dicken Toten kommen wir wieder an die frische Luft. Es ist Vorfrühling. Wir fahren ein paar Meter, stellen uns auf zum Erinnerungsfoto gemeinsam mit dem Parteisekretär, der uns die ganze Woche über begleiten wird.
Rupert Neudeck erzählt uns seine Erinnerung an seine Begehung des Mausoleums später so:

Werbeanzeigen

Begonien im Frost. Nordkorea im Februar 2004. (1). Eine Reise in memoriam Dr. Rupert Neudeck. Podcast in mehreren Teilen.


Es ist lange her und doch sind die Notizen von dieser besonderen Reise eine Erinnerung wert. Eine Erinnerung an Dr. Rupert Neudeck, mit dem ich befreundet war – eine Erinnerung aber auch an ein Land, über das so wenig bekannt ist und über das deshalb so viele Vorurteile kursieren.
Hier nun sollen Aufnahmen und Notizen bereitgestellt werden, die ich im Februar 2004 in Nordkorea aufgenommen und aufgezeichnet habe. Informationen aus erster Hand. Vielleicht dienen sie ja dazu, sich ein wenig gründlicher mit jenem seltsamen Land zu beschäftigen, von dem der Westen nur in Kategorien wie „Diktatur“, „Atombombe“ und „Hunger“ denken kann. Mehr als zwei Jahre habe ich mich auf diese Reise vorbereitet. Unser Ziel bestand in zweierlei: zu erkunden, ob wir mit den „Grünhelmen“ hilfreich sein könnten und wir wollten zweitens das Thema „Erneuerbare Energien“ politisch platzieren – weshalb ich eine nordkoreanische Übersetzung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes als Gastgeschenk für unsere politischen Gesprächspartner mitgenommen hatte. Das Thema „Energie“ hat uns die ganze Reise über begleitet.
Wir beginnen am Samstag, 14. Februar 2004, dem Tag unserer Anreise:

 

 

In memoriam Matthias Domaschk (1957-1981). Ein Kapitel über die Stasi.


Matthias ist 1981 im Stasi-Knast Gera ums Leben gekommen. Er wurde 23 Jahre alt. Die Umstände sind mysteriös. Ich erinnere mich, dass die Stasi in einer Nacht-und-Nebel-Aktion den für ihn extra angefertigten Grabstein vom alten Historischen Friedhof an der Friedenskirche in Jena „abholte“. Wir wohnten damals dort im alten „Gärtnerhaus“, der Vorgang fand unmittelbar vor unserer Haustür statt. Der Tod von Matthias war lange Jahre ein Tabu, kein Wunder, wenn die Stasi die Finger im Spiel hat.
Seit 2015 aber wird gründlicher recherchiert, Informationen werden zusammengetragen und verdichtet. In diesem Jahr soll nun ein Bändchen in der Jenaer Geschichtswerkstatt erscheinen, das den Recherchestand publiziert.
Damit das Bändchen erscheinen kann, werden 1.500 Euro benötigt, für die via Internet gesammelt wird.
Ich hab mich an dieser Sammlung gern beteiligt und bitte auch andere darum.
Weshalb?
Nun, einmal, weil ich Matthias kannte. Dann, als Erinnerung an einen Weggefährten, der im selben Jahr auf diese Welt kam wie ich selber, er wäre in diesem Jahr 62 geworden, wurde aber nur 23 Jahre alt.
Und schließlich, um Unterschiede deutlich zu machen:
während die Leipziger Philharmonie sogar nach dem massiven Protest von über 400 Bürgerrechtlern immer noch an ihrer Einladung an Gregor Gysi, zum 30sten Jahrestag der Friedlichen Revolution in der Peterskirche in Leipzig zu sprechen, festhält – sammle ich mit anderen, die damals gegen die Partei von Gysi gearbeitet haben Geld, um die Opfer seiner Partei nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Das eben ist der Unterschied.
Wer fünf Euro oder mehr spendiert – das geht hier ganz bequem online – bekommt das Heft über die genaueren Umstände des Todes von Matthias Domaschk im Stasiknast Gera zugeschickt.
Ein Dank an alle, die daran im dreißigsten Jahr der Friedlichen Revolution mittun.

Gysi als Festredner zu 30 Jahren Friedliche Revolution in Leipzig. Das ist sicher ein Versehen


Gestern Abend kam dieser Zeitungstext durch das Internet zu mir geflogen. Aus ihm geht hervor, dass die Philharmonie Leipzig am 9. Oktober 2019 in der Peterskirche zu Leipzig ein Gedenkkonzert anlässlich von 30 Jahren Friedlicher Revolution abzuhalten gedenkt, bei dem der Herr Dr. Gregor Gysi die Festansprache halten solle. Und dann steht da noch – als ich das las, war der Moment gekommen, wo ich mir dann doch ein kleines Schnäpschen gegönnt habe:
„Für die Philharmonie Leipzig ist es eine Ehre, dass Gregor Gysi an diesem historischen Datum die Festrede hält. Er gilt in Politik, Wissenschaft und Medien seit vielen Jahren als kompetenter Meinungsführer und ist ein gefragter Autor und Interviewpartner. Sachsen und seinen Menschen fühlt sich Gysi stark verbunden“.

Jürgen, hörst du das? Mein lieber Jürgen Fuchs, hast du das mitgekriegt? Der Gregor Gysi soll in Leipzig die Festrede zu 30 Jahren Friedliche Revolution halten?
Da rumpelt er in seinem Grabe, der gute Jürgen.
Das geht dann ja doch vielleicht ein wenig gar zu weit. Das findet nicht nur er. Das finde ich auch.

Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk hat sich schon im Jahre 2006 über „das kurze Gedächtnis“ vieler Menschen gewundert und jetzt sind wir etliche Jahre später – die Menschen scheinen mittlerweile ihr Gedächtnis völlig verloren zu haben. Ich erlaube mir deshalb, diesen Text von Dr. Kowalczuk hier nochmals zu erinnern, denn er gehört zum Zusammenhang.

Was sagen eigentlich Freya Klier und Katja Havemann zu dem Vorgang?
Was sagen eigentlich die vielen Menschen, die im Stasiknast in Hohenschönhausen gesessen haben, zu diesem Vorgang? Beifall werden sie nicht klatschen, das ist eher unwahrscheinlich. Ich habe diesen Stasiknast jeden Tag vor meiner Nase, denn ich wohne in der Gegend.
Meine 19 Spitzel, die die olle DDR auf mich „angesetzt“ hatte, die werden sich freuen, da bin ich gewiss. Endlich widerfährt ihnen Gerechtigkeit und der Gysi hält die Festrede zu 30 Jahren Friedliche Revolution. Na, da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt. Wo leben wir denn?
Nicht nur deshalb widerstrebt es mir gewaltig, ausgerechnet Herrn Dr. Gregor Gysi zum 30. Jubiläum der Friedlichen Revolution als Festredner ertragen zu müssen.
Gysi war nämlich einer, der das System stabilisiert hat, das wir Bürgerrechtler bekämpften.
Gysi stand für uns „auf der anderen Seite“. Und es ist wirklich schwer zu ertragen, was da vor sich gehen soll. Ich finde auch, das kann nicht so bleiben.

Mir ist auch, als wolle Wolf Biermann gleich wieder zur Gitarre greifen und ein fröhlich Liedlein anstimmen.

Nein, also, liebe Philharmoniker da in Leipzig, ich weiß ja nicht, welcher Teufel euch da geritten hat, als ihr ausgerechnet auf den Herrn Dr. Gregor Gysi als Festredner zu 30 Jahren Friedlicher Revolution verfallen seid – mit historischer Sachkenntnis hat diese Einladung jedenfalls gar nichts zu tun und der Gysi hat mit der Friedlichen Revolution ungefähr so viel zu tun wie eine Nonne mit einem Puff, nämlich gar nichts.
Diese Einladung ist vielmehr eine Beleidigung gegenüber all denen, die das System, das Gysi gestützt hat, bekämpften, also das glatte Gegenteil der Würdigung der Leistung der Bürgerrechtler, die die olle DDR niedergerungen haben.

Vielleicht schlafen Sie ja nochmal über diese Sache. Ein oder zwei Nächte vielleicht. Und dann hören Sie sich mal die Lebensgeschichten derer an, die in der DDR gelitten haben. Und dann vergegenwärtigen Sie sich doch bitte nochmals gründlich die Rolle, die Gysi in der DDR gespielt hat.
Wenn Sie alleine nicht weiterkommen, nehmen Sie doch einfach die Sachkenntnis der Stiftung Aufarbeitung des DDR Unrechts zu Hilfe. Wir haben diese Stiftung nämlich vor einigen Jahren mit kluger Absicht eingerichtet, weil wir verhindern wollten, dass die Menschen vergesslich werden.

Und wenn Sie das alles getan haben, dann lassen Sie zum Jubiläum vielleicht eine oder einen Bürgerrechtler sprechen, der wirklich beteiligt war am Ende der DDR, ein paar davon leben ja noch……

 

 

Die Regierung soll endlich aufhören, die Zerstörung des Klimasystems zu finanzieren!


Die CO2-Emissionen steigen und steigen; Deutschland erreicht die selbst gesteckten Ziele der Emissionsminderung nicht nur nicht, sondern bezahlt sogar noch mit öffentlichem Geld weitere Klimazerstörung. Noch verrückter geht es wirklich nicht. Deutschland hängt nicht nur beim Ausbau der Erneuerbaren den eigenen Zielen hinterher, Deutschland schafft nicht nur die Reduktionsziele für CO2 nicht – Deutschland finanziert sogar noch die weitere Zerstörung:
viele Milliarden an Rücklagen für Renten und Pensionen sind nach wie vor in Kohle, Öl und Gas investiert. Die ZEIT hatte darüber berichtet.
Eine solche Zerstörung der Zukunft muss endlich aufhören, da hat der UN-Generalsekretär Antonio Guterres sehr Recht.

Deshalb haben sich nun Netzwerke zusammengetan.
FridaysForFuture, GenerationenStiftung, KlimaDelegation, FossilFree, Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen und auch Fuer-unsere-Enkel.org wollen in einem #BündnisDerGenerationen, dass der Bund zur Vernunft kommt.
In einem gemeinsamen Offenen Brief an die Mitglieder des Deutschen Bundestages und an die Ministerinnen und Minister dieser Regierung fordern wir, dass Deutschland endlich aufhört, Zukunftszerstörung weiter zu finanzieren und sich denen anzuschließen, die #Divest längst vollzogen und realisiert haben.
Die weltweite #Divest-Bewegung wächst. Mehr als 5 Billionen Dollar sind bereits aus Kohle, Öl und Gas abgezogen und in Erneuerbare investiert. Wir wissen, dass es funktioniert.
Viele Kirchgemeinde,, kirchliche Banken, staatliche Versicherungsfonds, Versicherungsgesellschaften, sogar große institutionelle Investoren ziehen sich immer mehr aus Investments in Kohle, Öl und Gas zurück.
Es ist höchste Zeit, das auch die Rücklagen für Renten und Pensionen überprüft und „umgeschichtet“ werden: raus aus Kohle, Öl und Gas und angelegt in Erneuerbare Energien.

In einem ersten Anlauf hatte Fuer-unsere-Enkel.org mehr als 15.000 Unterschriften gesammelt, um das Anliegen von #divest in Deutschland zu unterstützen.
Der zuständige Finanz-Staatssekretär hatte auf die Petition mit einem sehr allgemeinen, aber ablehnenden Brief geantwortet. Unser Hinweis, das Land Berlin und andere hätten ja mittlerweile gezeigt, dass #Divestment funktioniere, wurde mit der Beobachtung abgebürstet, der Bund sei „größer als Berlin“, die Sache sei „nicht so einfach“. Mittlerweile gibt es eine Kommission, die die Bundesinvestitionen auf Nachhaltigkeit hin „begleitet“.
Aber entschieden wurde bislang gar nichts, die Sache geht weiter wie gehabt.
Also machen wir das Bündnis breiter.
Und lassen nicht locker.

Den Brief kann man ab sofort hier mitzeichnen. Und man kann die Sache natürlich weitersagen.

Zeitungstext. Für unsere Enkel.


Die Katastrophe in Zahlen: 415.09 pars per million

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nein, niemand kann die Welt retten. Die Rede vom „Retten der Welt“ ist eine sehr dumme Rede. Die Welt ist so alt und hat schon so viel kommen und auch wieder gehen sehen – sie hat vermutlich noch nicht mal bemerkt, dass wir auf ihr herumlaufen und uns selber umbringen, indem wir die Grundlagen zerstören, von denen wir leben.
Wenn es gut geht, können wir uns selber retten – aber auch das ist mittlerweile mehr als zweifelhaft.  Denn die Fakten sind erdrückend.

Folgt man den veröffentlichten nüchternen naturwissenschaftlichen Messergebnissen und Beobachtungen, lässt sich leicht bestätigen, was Sir David Attenborough, einer der einflussreichsten Naturfilmer der Gegenwart so ausdrückt: „Den Garten Eden gibt es nicht mehr. Wir haben ihn zerstört.“
Gerade haben die Vereinten Nationen einen großen Bericht zum weltweiten Artensterben vorgelegt:
„Die Rate der globalen Veränderungen in der Natur in den vergangenen fünf Jahrzehnten ist beispiellos für die Geschichte des Menschen“, so das Fazit der Wissenschaftler. Schlussendlich trage dies dazu bei, dass der Homo sapiens seine eigene Existenz bedrohe: „Die Gesundheit der Ökosysteme, von der wir und alle anderen Spezies abhängen, verschlechtert sich schneller als je zuvor. Wir zerstören damit die Grundlagen unserer Wirtschaft, der Ernährungssicherheit, unseres gesundheitlichen Wohlergehens und unserer Lebensqualität“, konstatiert der IPBES-Vorsitzende Robert Watson. (Quelle: IPBES Global Assessment Report 6. Mai 2019).

Beim Klimawandel sieht es nicht besser aus. Am 3. Mai 2019 erreichte die Messskala im für die Klimadaten maßgeblichen Mauna Loa Obervatory den Wert von 415,09 ppm Kohlendioxid (CO2) in der Atmosphäre.
Dieser Wert ist katastrophal.
Es ist der höchste je gemessene CO2-Wert in der Geschichte der Menschheit. Der menschliche Körper kennt eine solche CO2-Konzentration nicht. Wir leben wie auf einem fremden Planeten – wir gehen in unbekanntem Gelände. Solange es die Menschheit gibt, gab es einen solch hohen Wert nicht – und die CO2-Konzentration steigt weiter an.
Weil wir immer mehr Kohle, Öl und Gas verbrennen, statt einzuhalten.
Wir sind dabei, uns umzubringen.
„Das gleicht einem kollektiven Selbstmord“ sagt Professor Hans-Joachim Schellnhuber in seinem bemerkenswerten wissenschaftlichen „Testament“, in seinem 700 Seiten starken Buch „Selbstverbrennung“. Schellnhuber war Gründungsdirektor und langjähriger Chef am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in Deutschland und ist einer der weltweit anerkanntesten Klimaforscher.
Das ist keine „Panikmache“, wie so oft abwehrend behauptet wird, das sind Messergebnisse. Nüchterne Daten und Messreihen und diese gemessenen Werte haben selbstverständlich Folgen, denn die Natur folgt ihren Gesetzen konsequent.
Wir wissen beispielsweise seit 1824, dass es den „Treibhaus-Effekt“ gibt: je mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre ist, um so stärker heizt sie sich auf. Man kennt diese Zusammenhänge schon sehr lange und hat sie seither immer genauer untersucht und versteht sie mittlerweile sehr genau. Mit modernsten Höchstleistungscomputern kann man mittlerweile sogar Modelle rechnen, die, je nach angenommener CO2-Konzentration bereits sehr exakt angeben können, wozu welche CO2-Konzentration führen wird. Solche „Szenarien“ sollen der Politik helfen, kluge Entscheidungen zu treffen.
Je wärmer die Atmosphäre ist, je mehr Energie enthält sie – die Wetter werden extremer, Hitzewellen häufen sich; Extremwetterereignisse (Fluten, Dürren) häufen sich, die Meere steigen – der Mensch gerät in Gefahr.
Die größten Städte der Welt sind Küstenstädte, mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in solchen Mega-Cities – wenn der Meeresspiegel weiter so dramatisch schnell steigt, erleben wir in diesem Jahrhundert eine Völkerwanderung „biblischen Ausmaßes“, wie der frühere Chef des UN-Umweltprogramms, Professor Klaus Töpfer einmal formuliert hat.

Wir wissen das alles spätestens seit 1972, seit dem Bericht des Club of Rome über „die Grenzen des Wachstums“. Aber: wir machen weiter, als wäre nichts gewesen. Schlimmer noch, wir machen immer schneller weiter. Das Eis in der Arktis schmilzt mittlerweile sechsmal schneller als noch in den neunziger Jahren.
„Kehrt um!“ möchte man rufen. Diesen uralten prophetischen Ruf, von dem die Heiligen Schriften berichten, möchte man anstimmen.
„Kehrt um! Wenn ihr so weiter macht, werdet ihr euch und eure Kinder töten!“
Plötzlich klingen für mich diese uralten Worte sehr modern.
Nicht zuletzt deshalb sind die Weltreligionen und alle Konfessionen gefordert, sich dem Wahnsinn entgegen zu stellen. Der Vatikan hat mit der Enzyklika Laudato Si (2015) wichtiges beigesteuert. Die Ökumene hat mit dem Konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung schon in den achtziger Jahren wesentliches beigetragen. Und möglicherweise werden die Kirchen und Weltreligionen das entscheidende Zünglein an der Waage sein, denn die politischen Parteien alleine sind ja ganz offensichtlich nicht in der Lage, das Problem zu lösen. Sie brauchen Unterstützung aus der ganzen Gesellschaft.

Wir haben nur noch etwa 10 Jahre Zeit. So sagte es die beim letzten Welt-Klima-Gipfel in Katowice 2018 versammelte Klimawissenschaft. Wenn wir unter 2 Grad Erhitzung bleiben wollen – und das müssen wir, weil uns sonst die Welt um die Ohren fliegt, weil sie aus dem Gleichgewicht geraten ist – wenn wir unter 2 Grad bleiben wollen, dann haben wir nur noch ein CO2-Budget von maximal 10 Jahren.
In dieser Zeit muss es gelungen sein, den Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas unumkehrbar gemacht zu haben. Das ist eine gewaltige Aufgabe, weil schon so viele Jahrzehnte ungenutzt verstrichen sind.

Damit das aber vielleicht doch noch gelingen kann, werden die älteren Menschen gebraucht.
Die jungen Leute von FridaysForFuture alleine schaffen das nicht. Alle werden gebraucht.
Deshalb habe ich gemeinsam mit vielen anderen das Europäische Netzwerk Fuer-unsere-Enkel.org ins Leben gerufen, angelehnt an eine Idee von Nelson Mandela und Kofi Annan, die das Netzwerk The Elders gegründet haben. Ältere, erfahrene Menschen tun sich mit all ihren Kontaktnetzwerken, mit all ihrer Erfahrung und all ihren Ressourcen zusammen, um die jungen Leute beim größten Kampf dieses Jahrhunderts zu unterstützen, dem Kampf gegen den Klimawandel.
Unsere Kinder und Enkel werden nichts mehr ändern können an der Veränderung der Erdatmosphäre. Wir sind die letzte Generation, die das wenigstens noch versuchen kann.
Es ist unser Kampf. Aber wir fechten ihn nicht mehr für uns, sondern für unsere Enkel.  Ob es gelingt, steht dahin. Dietrich Bonhoeffer wusste auch nicht, ob sein Kampf erfolgreich sein würde. Er sagte über sein Engagement und ich beziehe es auf unsere Arbeit:
„Es mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir unsere Arbeit für eine bessere Welt aus der Hand legen. Vorher aber nicht.“

 

Gandhi und Extinction Rebellion (Aufstand gegen das Aussterben). Oder etwas über sehr große Schuhe


Man bezieht sich ausdrücklich auf Mahatma Gandhi und seinen gewaltlosen Widerstand gegen die britischen Kolonialherren. Gewaltlosigkeit soll oberstes Prinzip sein bei den nun beginnenden Aktionen von Extinction Rebellion, was in etwa „Aufstand gegen das Aussterben“ bedeutet. Die Bewegung findet heute (15. April 2019) in 33 Ländern der Welt ihren Anfang und hat in Großbritannien mit der Besetzung von Verkehrsinfrastruktur (Brücken) begonnen.
Die Menschen, die sich bei Extinction Rebellion verbinden, sind bereit, für den Schutz des Planeten ins Gefängnis zu gehen.

Damit also beginnt die Karwoche 2019: mit Demonstrationen einer Organisation, die einen „radikalen Klimaschutz“ einfordert. Man müsse „die Regeln brechen“, die sich ein Wirtschaftssystem gegeben hat, das die Welt zerstört.

Zunächst: der Vortrag, den Nick Holzberg über die Bewegung Extinction Rebellion gehalten hat, und den man sich hier anschauen kann, ist nach meinem Urteil sehr gut. Der Erste Teil bezieht sich auf die wissenschaftlich bekannten Fakten, referiert sie unter Angabe sehr guter Quellen umfänglich und endet mit dem Stichwort „Trauer„. Denn: es ist bereits „fünf nach zwölf“.
Der Zweite Teil (etwa ab Minute 52) befasst sich mit der Frage, was trotz des katastrophalen Befundes noch getan werden kann.

Dieser Aspekt hat mich besonders interessiert, deshalb habe ich mir heute die live-streams aus Oslo, Berlin und Kopenhagen angesehen, in denen zu sehen ist, wie die „Aktionen“ nun beginnen. Überall sieht man heute den „schwarzen Sarg“ getragen von den Menschen, deren Symbol die Sanduhr ist: die Zeit läuft ab.

Dann kamen Reden. Jedenfalls in Berlin. Die haben mich weniger überzeugt und ich fand: die Schuhe, die uns Mahatma Gandhi hinterlassen hat, sind doch ziemlich groß für das, was da heute zu sehen war. Schon die Sprache ließ mich an einer wirklichen Gewaltlosigkeit zweifeln. Gut, die Redner waren verschieden, Charaktere sind verschieden – aber überzeugend fand ich das (noch) nicht.

Es ist ein sehr großer Anspruch, bei Gandhi anzuknüpfen. Wer sich intensiv mit seinem Leben befasst hat, sieht: Gandhi hat vor allem seinen inneren Unfrieden bekämpft, damit er wirklich gewaltfrei sein konnte. Es ist vor allem dieser unbedingte Anspruch an sich selbst, der die Meßlatte so hoch hängt.
Gut, man hat Rudi Dutschke zitiert mit seinem Satz, glaubwürdige Gesellschaftskritik sei unabdingbar verknüpft mit Selbstkritik – in den Worten von Extinction Rebellion Berlin hieß das „wir alle sind Teil des Systems, das die Erde zerstört“ – aber, ob die unbedingte Arbeit an sich selbst wirklich Voraussetzung dafür ist, was man „auf den Straßen“ erreichen möchte, das war zumindest heute noch nicht wirklich zu erkennen.

Bei der Sprache beginnt es nämlich. Und wenn ich jemandem zuhöre, der alles andre als friedlich spricht, dann überzeugt mich das nicht, wenn er von Gewaltlosigkeit redet. Aber: jedem seine Chance.

Was wir in diesen Wochen und Monaten sehen: überall auf der Welt entstehen solche Gruppen und Netzwerke: FridaysForFuture, ParentsForFuture, Scientists4Future, GrandparentsForFuture, Fuer-unsere-Enkel.org (die gibts schon seit September 2017…..), 350.org und nun also auch Extinction Rebellion, deren Mitglieder allerdings mit der Bereitschaft gegebenenfalls auch ins Gefängnis zu gehen.

All diese Netzwerke, Gruppen und „Bewegungen“ stehen miteinander im Kontakt. 
Das wird nicht ohne Auswirkungen bleiben, wenn am 26. Mai 2019 ein neues Europäisches Parlament gewählt wird.  Diese Europwahl muss zur Klima-Wahl werden. Wir haben nur noch 10 Jahre, um das Ruder herumzureißen und die Hälfte dieser Zeit wird das nun zu wählende neue europäische Parlament maßgeblich mitbestimmen.  Meine Hoffnung ist: dass die zivilen Netzwerke bis Mitte Mai immer stärker werden. Wir arbeiten gemeinsam mit vielen Menschen in Europa weiter daran. Am 26. 5. wird dann gewählt.