Dimensionen des Wandels. Es gibt keine Ausreden mehr


Alte Schlehen-Hecke bei Güterberg (Uckerland)
Alte Schlehen-Hecke bei Güterberg (Uckerland)

Wir pflanzen auf unserem Land. Aus guten Grund.
Denn der Klimawandel geht mit einem Tempo vor sich, dass einem der Atem stocken könnte. Wir sind verpflichtet zu handeln. Wir sind es unseren Kindern und Enkeln schuldig. Es gibt keine Ausreden mehr. 
Morgens ist in Uckerland Lektüre-Zeit. Deshalb habe ich mir eine Studie angesehen, die das Max-Planck-Institut für Chemie (Deutschland) und das Cyprus-Institut in Nicosia (Griechenland) veröffentlicht hat.
Zwei Annahmen liegen der Prognose bis 2050 zugrunde (das ist schon in 34 Jahren!)
a) Es gelingt der Weltgemeinschaft tatsächlich, die CO2-Emissionen so zu begrenzen, das die weltweite Durchschnittstemperatur nicht mehr als 2 Grad ansteigt. Selbst dann wäre die beschriebene Region von katastrophalen Hitzewellen heimgesucht.
b) alles läuft weiter wie bisher: dann steigt die Durchschnitts-Temperatur um 4 Grad.
Das aber hält der Mensch nicht mehr aus.

Das aber macht große Teile Nordafrikas und des Nahen Ostens unbewohnbar.
500 Millionen Menschen leben in dieser Region. Und sie werden sich auf den Weg machen.
Israel wird betroffen sein: all die Jahrzehnte, die der Jüdische Nationalfonds in mühsamer Arbeit in Bewaldung investiert hat – vergeblich.
Jordanien wird betroffen sein. Dort sind die Bedingungen schon jetzt katastrophal.
Nordafrika – von dort kommen jetzt schon die boat people.

2050.
Das ist in 34 Jahren. Eine winzige Zeitspanne. Ein Wimpernschlag.
Unsere Gesellschaften aber dümpeln vor sich hin, nur mit sich selbst beschäftigt, nur auf den eigenen Wohlstand bedacht – dass einen das blanke Entsetzen packen kann.

Ich weiß wohl, dass sich auch etwas tut in der Welt.
Die divestment-Bewegung macht Fortschritte. Mehrere Billionen (!) Dollar sind bereits aus Kohle-Investments abgezogen worden, obwohl die weltweite Kampagne noch relativ jung ist.
Erneuerbare Energien werden – auch in China und Indien – in großem Maßstab eingesetzt. Selbst Saudi-Arabien bereitet sich auf den Ausstieg aus dem Ölgeschäft vor.

Allerdings: die Zeit reicht voraussichtlich nicht mehr. Denn Investitionen in Erneuerbare benötigen ebenso Zeit wie gesellschaftliche Prozesse des Umdenkens.
Pflanzungen benötigen ebenfalls Zeit, bis sie ihre volle Wirkung entfalten können. Etwa 20 – 30 Jahre braucht eine neue Pflanzung dafür.

Wer eher pessimistisch veranlagt ist, wird angesichts dieser gewaltigen Dimensionen des Wandels sagen: Die Erneuerbaren, die Aufforstung, das Divestment – alles gut gemeint, aber: Zu spät.
Lasst uns noch ein paar Jahre feiern. Nach uns die Dürre.

In trüben Momenten fliegen mich derlei Gedanken auch an, ich sag es offen.
Dann allerdings gehe ich zurück in den gegenwärtigen Moment. Den nur den „haben“ wir, flüchtig, wie er ist.
Was also kann ich heute tun? Gestern ist vergangen und was morgen sein wird, kann ich nicht wissen. Ich habe nur den heutigen Tag. Was also kann ich tun?
Ich kann die Pflanzungen weiter vorbereiten, die für den Herbst auf Kirchenland vorgesehen sind.
Denn: wir haben Verantwortung. Es gibt keine Ausreden mehr.
Wer sich beteiligen will, kann das hier tun.

Spuren im Sand


Je älter ich werde, um so öfter steigt die Frage auf: „Welche Spuren soll man dereinst von Dir finden?“ Man weiß ja schließlich nicht, wie lange man lebt, welche Lebenszeit einem vergönnt ist.
Seit Kindertagen schon habe ich als Antwort auf diese Frage ein „inneres Bild“: einen Baum.
Wenn ich aufmerksam durch Landschaften gehe, in denen ältere und alte Bäume stehen, denke ich fast immer an diejenigen, die diese Bäume vor langer Zeit einmal gepflanzt haben und stelle mir vor, weshalb sie so handelten.
Manch einer wird es einfach getan haben, weil es sinnvoll ist.
Wieder andere werden es getan haben, weil sie ihren Acker schützen wollten.
Von wieder anderen weiß ich, sie haben Bäume als „Versicherung“ gepflanzt. Bauern zum Beispiel, die auf dem schlechtesten ihrer Böden ein „Bauernwäldchen“ anlegten, damit sie „für schlechte Zeiten“ einen Stamm Holz hatten, den sie verkaufen konnten.
Manch einer pflanzt einen Baum, wenn ein Kind geboren wird. Oder gar ein Enkelkind.
Die Motive sind zahlreich.

Ich habe viele Bäume gepflanzt in meinem Leben.
Mit der Hand, aber auch mit Mitteln der Politik. Ein Kirchenwald-Gesetz zum Beispiel ist so entstanden, da war ich noch im Präsidium der Synode in Magdeburg.
In Deutschland, aber auch in anderen Ländern habe ich gepflanzt oder pflanzen lassen. Etliche von internationalen Kampagnen und Projekten habe ich unterstützt, weil es nichts Sinnvolleres gibt, als Bäume zu pflanzen, wenn man praktisch „etwas tun“ will für die kommenden Generationen.

Nun ist da ein neues Projekt entstanden. Wieder ein Beteiligungs-Projekt. Die Kirchgemeinde in Uckerland (das liegt ganz im Norwesten Brandenburgs) stellt 5 Meter breite Streifen ihres Landes zur Verfügung und lädt ein, Bäume und Sträucher zu pflanzen.
Und zwar mit Hilfe des Internets. Betterplace (die größte Spendenplattform Deutschlands) und facebook, twitter & Co sind behilflich.
Ein Abschnitt von 100 Metern kostet etwa 2000 Euro (Zaunbau eingerechnet).
Für 20 Euro also hat man einen Meter (mal 5 Metern Breite) bepflanzt.
Diese Abschnitte tragen Kindernamen. Sie heißen so, wie Kinder heutzutage heißen. Ein Abschnitt heißt „Janine“, einer heißt „Fritz“, andere Abschnitte werden andere Namen tragen.

Wenn man möchte, kann man sich persönlich so einen Abschnitt „vornehmen“ und in seinem Freundes- und Bekanntenkreis dafür um Spenden bitten.
Auf diese Weise kann ein Freundeskreis, sagen wir, innerhalb eines Jahres (vielleicht auch schneller) 2000 Euro einwerben, damit die Kirchgemeinde in Uckerland wieder ein Stück von 100 Metern neu anlegen kann. (Die Erfahrung zeigt allerdings, dass sich so ein 100-Meter-Abschnitt innerhalb von zweieinhalb Tagen finanzieren lässt, wenn man betterplace.org und facebook zu Hilfe nimmt. Der Abschnitt „Janine“ ist so entstanden.)

Hier gehts zum Projekt: Das Hecken-Projekt in Uckerland

Und die dazugehörige Facebook-Seite findet man hier: Facebook-Seite zum Projekt in Uckerland:

Vielleicht hat ja der eine oder andere Leser dieses blogs Freude daran, sich mitsamt seinem Freundeskreis so einen Abschnitt „vorzunehmen“.
Damit man eines Tages Spuren von ihm findet.
Spuren im Sand.

 

 

 

Wenn euch jemand befiehlt „Helm auf!“ – nehmt den grünen.


Als mich Dr. Rupert Neudeck vor einigen Jahren fragte, ob ich für das Kuratorium der Grünhelme zu gewinnen sei, habe ich ihm sofort zugesagt.
Der Grund dafür war simpel:
Das Kuratorium ist überkonfessionell und überparteilich zusammengesetzt.
Und wir brauchen dringend Menschen, die Gräben zuschütten.
Menschen, die Gräben ausheben und vertiefen, gibt es schon genug.
Die Grünhelme folgen einer alten Idee von John F. Kennedy. Es geht darum, in Krisengebieten mit kleinen Aufbauteams, die möglichst überkonfessionell zusammengesetzt sind, konkrete gemeinsame Aufbauarbeit zu leisten: Schulen, Krankenhäuser, feste Böden für Zelte (wie gerade in Idomeni), Ausbildung von Handwerkern.

Wenn man in diesen Tagen die Nachrichten aufmerksam liest und sich auf die Seele fallen lässt, könnte man verzagen. Denn diejenigen, die von „Abgrenzung“ oder gar „Ausgrenzung“ reden, sind viel  zu laut.
Die Eine Welt braucht aber vor allem Zusammenarbeit, nicht Auseinandersetzung.
Und deshalb sind die Grünhelme nötiger denn je.
Ich habe eine sehr große Achtung vor den jungen Menschen, die als Tischler, Maurer, Elektriker und aus anderen Gewerken einfach „raus gehen“. Für drei Monate zunächst. Für ein Taschengeld und eine kleine Versicherung.
Das sind Menschen, die brauchen keine „Selfies“, weil sie für andere Menschen in Not konkret anpacken.
Das sind Menschen, die reden auch nicht lange, sondern packen an.
Einige von diesen besonderen jungen Menschen habe ich persönlich kennengelernt bei einem Workshop der Grünhelme in der Nähe von Bonn vor einigen Jahren. Und mir hat die unaufgeregte, konkrete und sachliche Art sehr gefallen, mit der diese jungen Leute da ihre Aufgabe wahrnehmen.
Freiwillige allesamt.
Da ist keiner, der ein „Amt“ will, keiner, der die Öffentlichkeit sucht.
Keiner, dem es um Selbstdarstellung ginge.
Bescheidene, engagierte, gut ausgebildete junge Leute, Handwerker zumeist, die ihre Gaben und Fähigkeiten für eine gemeinsame Sache zur Verfügung stellen, die Gräben zwischen Religionen und Konfessionen überwinden durch konkrete, gemeinsame Arbeit.
So kann Frieden wachsen.
Und diese jungen Leute geben mir Hoffnung.
Deshalb unterstütze ich die Grünhelme gern. Und ich wünsche mir, dass der Kreis der Unterstützerinnen und Unterstützer weiter wächst.
Man findet sie nicht nur über ihre Homepage, sondern natürlich auch auf facebook.
Und: Weitersagen hilft ihnen.

Über den Tag hinaus….. Teil 2


Computer machen es möglich, längere Trends in wenigen Minuten zu verdeutlichen. Das erleichtert es, einen gewissen Überblick zu behalten über das, was wichtig und das, was weniger wichtig ist.

Heute morgen kam via vox.com ein 5-Minuten-Video, das das Wachstum der Weltbevölkerung zeigt. Die Jahre 0 bis 2050 in 5 Minuten.
Man kann es hier anschauen.

Nach dem Ansehen dieses Videos ist eines sehr deutlich: die Weltbevölkerung wächst schneller, als es für den Planeten gut ist und kann deshalb nicht so weiter gehen.

Das Problem ist schon länger bekannt und die Staaten – insbesondere in Asien – haben allerlei versucht, angemessen damit umzugehen, allerdings mit wenig Erfolg. Die Weltbevölkerung wächst weiter rasant.

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille.
Wenn man über dieses Video die entsprechenden Grafiken zum Klimawandel legt (die zum Meeresspiegelanstieg beispielsweise), dann sieht man: die Küsten sind besonders betroffen, weil in einem Küstenstreifen von etwa 100 Kilometern etwa ein Drittel der Weltbevölkerung lebt. In den Mega-Cities der Welt (und sehr viele davon liegen an Küsten) lebt über die Hälfte der Weltbevölkerung.

Da rasen also zwei ICEs aufeinander los.

Das UNHCR rechnet wegen dieser Entwicklungen mit einer stark ansteigenden Zahl von Umweltflüchtlingen. Von etwa 250 Millionen bis 2050 ist die Rede (gegenwärtig sind es 60 Millionen weltweit, Kriegsflüchtlinge eingerechnet).
Da sind Großstädte umzubauen in höheres Gelände; da fehlt es einerseits an der Versorgung mit frischem Trinkwasser (sowohl in den Städten als auch auf dem Land); da wird das Wachstum der Städte weiter zunehmen (weil Menschen vom Land in die Städte fliehen in der Hoffnung, dort noch „etwas“ zu finden).
Gleichzeitig stehen die Küsten-Städte aber vor enormen Herausforderungen, die von der Meerseite aus kommen.

All das deutet auf die Zunahme von Konflikten hin.
Weshalb nicht nur das Auswärtige Amt, sondern auch die Regierungen der USA, Englands und anderer Staaten den Klimawandel als Sicherheitsrisiko betrachten. Über die entsprechenden Studien (die vom AA stammt schon von 2006) hatte ich ja hier schon geschrieben.

Nur diese beiden Trends (es gibt auch noch andere Indikatoren) bedeuten eines ganz sicher: die in Europa gegenwärtig geführte Debatte um „Obergrenzen“, „Zäune“, „Schießbefehle“ etc. ist schlicht lächerlich.

Wir reden über den Zeitraum bis 2050. Das ist in 35 Jahren. Der Fall der Mauer liegt 25 Jahre hinter uns und wir wissen, das ist, als sei es gestern gewesen.
35 Jahre sind eine verflixt kurze Zeit.

Nun hat die Völkergemeinschaft zwar in Paris beschlossen, beim Klimawandel etwas zu tun, aber klar ist auch: selbst wenn es gelingt, die dort vereinbarten Ziele tatsächlich zu erreichen, führt das bestenfalls zu einer Verlangsamung des Zusammenpralls beider „Züge“, um im Bild zu bleiben. Verhindern kann man den Zusammenprall nicht, denn beide Systeme reagieren ausgesprochen träge.

Man kann deshalb- aus klar erkennbaren Gründen – mit einer Zunahme der weltweiten Gewalt rechnen. Weil diejenigen, die noch etwas „haben“, eben diesen Wohlstand „gegen“ die anderen, die weniger oder nichts haben, verteidigen wollen.
Dieses Gewaltpotenzial lässt sich vermindern.
Wenn man einsieht, dass der Wohlstand in den Industrieländern auf dem gegenwärtigen Stand nicht zu halten sein wird.
Beide hier im Text skizzierten Trends bedeuten eines: die Welt wird lernen müssen, die knappen Ressourcen, die angesichts des Wachstums der Weltbevölkerung und angesichts des Klimawandels überhaupt noch zur Verfügung stehen, zu teilen. 
Ob das gelingt, ist offen.

 

 

 

Über den Tag hinaus….


Im vergangenen Jahr gab es weltweit 60 Millionen Flüchtlinge. Das war der höchste Stand seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
In zweieinhalb Legislaturperioden, also in etwa 10 Jahren, werden es 250 Millionen sein. So sagt es das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, UNHCR.
Man weiß auch: einer der wichtigsten Treiber dieser Entwicklung ist der Wandel des Klimas.
Ein geringer Teil dieser gegenwärtig 60 Millionen erreicht Europa. Ein noch kleinerer Teil davon Deutschland. Und dennoch sind Reaktionen bereits jetzt enorm. Rechtsradikalismus macht sich breit, Gewalt nimmt zu. Der sächsische Polizeipräsident warnt öffentlich vor einer gefährlichen Pogromstimmung.
Gegenwärtig, also im Jahre 2016, schlagen nun einige vor, Menschen, die zu uns kommen, als „ultima ratio“ „mit dem Einsatz von Waffengewalt“ abzuwehren.
Erstens kann bei diesem Vorschlag von „ratio“ keine Rede sein und zweitens werden selbst diese Leute einsehen, dass man 250 Millionen Menschen nicht einfach erschießen kann.

Die Kanzlerin hat früh erkannt, dass die „Flüchtlingsfrage“ eine globale Frage ist, auf die Europa als Kontinent und politische Gemeinschaft eine Antwort entwickeln muss, weil Nationalstaaten dazu nicht mehr in der Lage sind.
Wir erleben jedoch gegenwärtig überall in Europa eine Zunahme nationalstaatlichen Denkens, was aber den „Problemen“, die da auf uns zu kommen, nicht angemessen ist.

Willy Brandt hat vor langen Jahren davon gesprochen, man müsse „mehr Demokratie wagen.“ Er hat die Republik damit zukunftsfähiger gemacht.
Mir scheint die Zeit gekommen zu sein, wo man sagen muss:
Wir müssen mehr internationale Kooperation wagen„.

Denn: wenn schon in zehn Jahren 250 Millionen Menschen auf der Flucht sein werden – nicht nur aus Gründen von Konflikten und Kriegen, sondern eben auch, weil sich das Klima so verändert, dass viele Menschen zu Hause „nichts mehr haben“, wie gerade jetzt in Äthiopien, wo die schlimmste Dürre seit 30 Jahren herrscht – dann wird man nur durch mehr internationale Kooperation zu angemessenen Lösungen kommen.

Die Kanzlerin hat die Dimension der Fragestellung verstanden, weshalb sie konsequent versucht, eine europäische Lösung zu finden.
Man wird ihr eines Tages noch sehr dankbar sein, dass sie so weitsichtig war und sich davon auch nicht abbringen läßt.
Dass alle diejenigen, die nun von „mehr Kontrollen“, „besser geschützten Grenzen“, gar vom „Einsatz von Schusswaffen“ reden, viel zu kurz springen, ist offensichtlich, wenn man die Trends ansieht, die ja bekannt sind. Sogar auf dem gerade erst zu Ende gegangenen Weltwirtschaftsforum in Davos hat man sich mit der Angelegenheit befasst, weil sie sich nicht „wegdiskutieren“ lässt.

Also: etwa 250 Millionen in den nächsten zehn bis 15 Jahren.
Nun sagt aber die Klimaforschung – der Weltklimagipfel in Paris hat das ja weltöffentlich gemacht – die eigentliche Herausforderung kommt erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts.
Denn: allein mehr als eine Milliarde Menschen lebt in Küstengebieten.
Die Zahl der Umweltflüchtlinge wird also weiter stark ansteigen.

Da helfen auch keine Zäune und keine Kontrollen. Und: man kann diese Menschen nicht einfach erschießen, wie die AfD vorschlägt und das auch noch „ultima ratio“ nennt.

Was ist zu erwarten und was bleibt zu tun?
Diese abzusehende Entwicklung kann zu mehr Nationalismus führen.
Das tritt dann ein, wenn die Hetzer gewinnen und die Menschen „ihr letztes Hab und Gut“ gegen andere „verteidigen“ wollen.
Das wäre der Zerfall Europas und das würde Kriegsgefahr bedeuten. Auch in Europa.

Diese abzusehende Entwicklung kann aber auch zu mehr Kooperation führen.
Denn eine“Krise“ ist immer auch eine Chance.
Die Krise kann „zum Tode“ führen, wie bei einer ernsten Erkrankung, sie kann aber auch zur Heilung führen, wie bei einer ernsten Erkrankung.

Leadership, also wirklich weitsichtige politische Führung, müsste die Chance zu mehr internationaler Kooperation zum Leitbild machen.
Und zwar sehr viel deutlicher als bislang.
Denn es genügt ja bei Weitem nicht, wenn Landes- und Bundes- und Europapolitik sich immer nur auf den status quo und die jeweils gerade im Kalender stehenden Wahltermine orientiert. Das wäre viel zu kurz gesprungen.
Zehn Jahre sind nicht lang.
Das sind nur zweieinhalb Legislaturperioden.
Jetzt sind es 60 Millionen Flüchtlinge weltweit, dann sind es 250 Millionen.
Und dreißig Jahre sind auch nicht lang. Gerade mal so eine Generation. dann kommt die eigentliche Herausforderung.

Ich weiß auch, Politik ist vor allem Tagesgeschäft. Es geht um das möglichst schnelle Lösen von aktuellen Konflikten.
Dennoch muss ein Denken über den Tag hinaus möglich sein.
Dummerweise lassen sich die Ursachen der abzusehenden Entwicklung – also der Klimawandel beispielsweise – nicht „einfach abstellen“. Und zwar deshalb nicht, weil das Klima langsam reagiert.
Deshalb muss gegenwärtig beides gelingen:
Die Versorgung der Flüchtlinge aktuell. Und zwar europäisch und wesentlich kooperativer als bislang. Darin ist die Kanzlerin unbedingt zu unterstützen.
Gleichzeitig jedoch muss mit starker Energie die internationale Kooperation in Sachen Klimavorsorge und Flüchtlingsfürsorge vorangetrieben werden. Denn im Klimawandel liegt eine der Hauptursachen für die abzusehende Entwicklung.

Ich weiß nicht, ob es gelingt, diese große Herausforderung zu bewältigen.
Falls es nicht gelingt, wird es Krieg geben. Auch in Europa.
Es gibt aber Hinweise dafür, dass es gelingen kann. Weil die Zahl der Menschen wächst, die bereit sind, über den Tag hinaus zu denken.  Das hat man beim Weltklimagipfel in Paris sehen können.
Wir müssen mehr Kooperation wagen, denn die Zahl der Menschen, die gegen Kooperation und für mehr nationalstaatliche Lösungen argumentieren, wächst leider gegenwärtig auch in ganz Europa.

Aber dieses Wagnis zu mehr Kooperation müssen wir eingehen.
Nicht allein der Flüchtlinge wegen, sondern auch um unser selbst willen.

 

 

Kein Offener Brief an Frau Wagenknecht und Herrn Seehofer


Liebe Frau Wagenknecht, lieber Herr Seehofer, meine alten Ohren mussten in den zurückliegenden Tagen öfter aus Ihrem gewählten Munde die Rede vom “Gastrecht” vernehmen. Und meine alten Augen mussten davon lesen.
Sie führten unter anderem aus, dass dieses Gastrecht den Deutschen gehöre und vor allem, dass dieses Gastrecht mißbraucht werden könne.
Weshalb Sie die Ansicht vertreten, dass Menschen, die “unser Gastrecht missbrauchen” möglichst schnell woandershin weitergeschoben werden sollten.
Ich will Sie deshalb etwas fragen:
Als Sie liebe Frau Wagenknecht und Sie lieber Herr Seehofer, auf diese schöne Welt kamen, da war diese schöne Welt doch schon da, oder irre ich mich?
Hm.
Und eines fernen Tages – der Herr schenke Ihnen einen langes und arbeitsreiches Leben – werden Sie diese schöne Welt in einer Kiste (vermutlich) wieder verlassen und weiter ziehen.
Sie beiden sind also, wie wir alle, Durchreisende in einer Welt, die uns nicht gehört.
Haben wir darin Übereinstimmung?
Nun. Dann meine einfache Frage:
Wenn uns diese Erde nicht gehört, sondern wir Menschen alle nur Durchreisende sind, wie alle unsere Vorfahren und Nachkommen, wie kommen Sie dann auf die Idee, ein Teil dieser Erde – sagen wir Bayern -, gehöre nur den Deutschen?
Und die Deutschen hätten ein “Gastrecht” zu vergeben?
Also: schlafen Sie doch noch mal eine Nacht über Ihrer Rede vom Gastrecht und dann packen Sie mal etwas von dem Überfluss aus, der in unseren Schränken und Häusern und auf unseren Konten anzufinden ist und zeigen Sie sich mal von der menschlichen Seite.
Wir geben unserem Kumpel und seiner Frau, die da auf der Durchreise sind, schlicht etwas ab von dem, was wir zu viel haben.
Schließlich können wir sie ja verstehen.
Denn wir sind ja selber nur auf der Durchreise.
Mit freundlichen Grüßen Ulrich Kasparick Dorfpastor

 

Weshalb schweigt die Kanzlerin?


Der Bundestag schickt 1200 Männer und Frauen nach Syrien in den Krieg gegen den Terror – und die Kanzlerin gibt nicht mal eine Regierungserklärung dazu ab. Sie schweigt.
Wegen jeder Kleinigkeit wird eine Regierungserklärung gegeben. Vor Europa-Gipfeln ebenso, wie bei wichtigen politischen Entscheidungen. Bei Rentenerhöhungen ebenso wie in anderen Politikfeldern.
Alle Kanzler haben sich, wenn es um fundamentale Fragen von Krieg und Frieden ging, öffentlich erklärt.
Das kann man nicht nur erwarten, das muss man erwarten.
Bei der jetzt vom Deutschen Bundestag beschlossenen Beteiligung von 1200 Soldatinnen und Soldaten am Krieg gegen den Terror in Syrien – kein Ton.
Nichts.
„Ich habe nichts anzukündigen“ meint der Pressesprecher der Regierung, Seibert auf die Frage von Journalisten, wann denn eine Regierungserklärung zum Syrien-Krieg zu erwarten sei.

Ist der Eintritt der Deutschen in die „Allianz gegen den Terror“ nicht der Rede wert?
Hat sich Deutschland mittlerweile so sehr an Kriegseinsätze ohne Mandat gewöhnt, dass die Entsendung von 1200 Soldatinnen und Soldaten „nicht der Rede wert“ ist?
Ist es das?

Ich kann und will das nicht glauben.

Die Kanzlerin ist es mindestens den Soldatinnen und Soldaten und ihren Angehörigen schuldig.

Eine so fundamentale Entscheidung zu treffen wie die vom heutigen Tage – und dann kommt nichts aus dem Kanzleramt.

Das geht gar nicht.