Mein Exemplar stammt aus der 15. Auflage des Buches „Verklungen Horn und Geläut. Die Chronik des Forstmeisters Franz Mueller-Darß“. Diese Auflage erschien im Jahre 1994. In dieser Ausgabe (1994!) kann man zum Beispiel folgende Sätze lesen:
„Etwa im Jahre 1937 kam auch General Keitel zum ersten Male auf den Darß, ein kräftig gebauter, ruhiger, freundlicher und nachdenklicher Mann, der manche gute Stunde in meinem Walde und an meinem Kamin mit mir verbrachte …….Ich denke, daß ihm schweres Unrecht angetan worden ist, nicht nur durch den schmählichen Prozeß in Nürnberg, der ihn ein Opfer politischer Rache werden ließ, sondern auch durch das schnell fertige Urteil aller jener, die den Beweis schuldig geblieben sind, daß sie selbst in seiner Stellung richtiger, klüger, verantwortungsbewußter und tapferer gehandelt hätten. …..Dies muss gesagt werden um der Gerechtigkeit willen.“ (a.a.O, S. 331/332).

Da schreibt also ein ehemaliger SS-Generalmajor im Jahre 1954, der Herr Mueller-Darss nämlich, der Herr Feldmarschall Keitel sei in Nürnberg im großen Kriegsverbrecher-Prozeß ein „Opfer politischer Rache“ geworden, im Übrigen sei der ganze Prozess ein „schmählicher Prozess“ gewesen. (Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, von 1938 – 1945 Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, wurde im Nürnberger Prozess in allen neun Punkten für schuldig gesprochen und am 16. Oktober 1946 in Nürnberg durch den Strang hingerichtet.)

Man muss wissen: die erste Ausgabe dieses Machwerks vom Herrn Mueller-Darß erschien 1954, also knapp zehn Jahre nach Kriegsende. Es erschien nicht in Deutschland, da wäre das nicht möglich gewesen, es erschien in der Schweiz. Dieses Buch, das als „Chronik“ angelegt ist, hat einen einzigen Zweck: die lange NS-Vergangenheit des Herrn „Forstmeisters“ zu verschleiern, seine SS-Mitgliedschaft zu bagatellisieren und seine Biografie zu „begradigen“. Das ist das eigentliche Ziel dieses schwülstigen Waldromantik-Buches. Es ist kein Wunder, dass dieses Machwerk in rechtsradikalen Kreisen nach wie vor gern gelesen wird. 15 Auflagen kommen ja nicht von ungefähr.

Man kann allerdings am Text nachweisen, worum es dem „Forstmeister“ mit dem Buch eigentlich geht. Über seine SS-Mitgliedschaft – die nur ein einziges Mal im ganzen dicken Buch überhaupt Erwähnung findet -, ist folgendes zu lesen:

„Etwa um die gleiche Zeit (Sommer 1940) wurde mir die Einberufung zugestellt. Göring befahl mich als „forstlichen Verbindungsmann zur Waffen-SS mit der Aufgabe, in den der Waffen-SS zugefallenen Waldgebieten der besetzten Länder die forst- und wildwirtschaftliche Kontrolle und Verwaltung zu üben.“ (a.a.O. S. 345) – So eine Art „SS-Oberförster über Russland und angrenzende Gebiete also“.
Der Mann lügt schlicht und einfach.
So einen SS-Wald-Verbindungs-Menschen hat es nie gegeben.
Wie aber ist er wirklich zur SS gekommen? Er hat sich, wie die hier im blog bereits veröffentlichten Dokumente zeigen, schon 1936 um die Aufnahme in die SS geradezu gedrängelt, weil er bei der SA nichts mehr werden konnte. Er hat weiterhin in der SS eine überaus steile Karriere gemacht, weil er engste Beziehungen zu Himmler und Pohl (Chef vom WVHA der SS) unterhielt. Und bei seinen SS-Freunden, insbesondere seinem „lieben Oberführer“ hat er dafür gesorgt, dass er aus der Zuständigkeit der Wehrmacht eben zur SS kam, „dass sie mich nicht etwa plötzlich einziehen“, wie wir im Dokument (von 1943!!) sehen können.

Nein, der Herr Mueller war nicht bei der Wehrmacht. Und er war auch kein „Verbindungsmann“ wegen irgendwelcher forstlichen Angelegenheiten. Er war seit 1941 im Persönlichen Stab des Reichsführers SS und ab 1942 dessen „Beauftragter für das Diensthundewesen“ – dazu gehörten Such-, Melde-, Munitionsspür-, Panzerabwehr- und eben KZ-Wachhunde. Er war der Herr über zuletzt 50.000 solcher Hunde, die Himmler gern „zu reißenden Bestien“ erzogen sehen wollte, damit sie Häftlinge zerreißen, die etwa die Absicht haben, aus dem KZ-Außenkommando zu fliehen, wie es in Born vorgekommen ist.

Im Übrigen: seit 1940 waren die ersten KZ-Häftlinge auf dem Darss. In Zingst und in Wieck und dann auch in Born direkt. Mueller-Darss war der zuständige SS-Mann mit besten Verbindungen zum Reichsführer SS persönlich, in dessen „Persönlichem Stab“ er ja diente.
Darüber allerdings erfährt man in jenem Büchlein auch in der fünfzehnten Auflage nicht ein Sterbenswörtchen.
Davon, das er sich persönlich vier KZ-Häftlingsfrauen als Bedienstete im „Forsthaus“ hielt; davon dass die SS mitten im Dorf ein KZ-Außenlager mit über 100 russischen Kriegsgefangenen betrieb; davon, dass die SS eine Meilerei im Dorf betrieb, wofür die Häftlinge im Darßer Wald Stubben sprengen mussten – von alldem erfährt der interessierte Leser nichts. Es ging im Buch darum, die Biografie zu „begradigen“. Und das geschah vor allem durch Verschweigen und durch nachweislich falsche Behauptung.

Immerhin schrieb man schon das Jahr 1954, als die „Chronik des Forstmeisters“ zum ersten Mal erschien, da passte sowas nicht mehr ins Bild, darüber schrieb man nicht, das verschwieg man.
SS? NSDAP? SA? – Nie gehört.

Denn schließlich hatte man ja schon einen neuen Arbeitgeber: seit 1948 arbeitete der ehemalige „Forstmeister“ und Generalmajor der Waffen-SS Franz Mueller-Darss zunächst für die „Organisation Gehlen“, dann für den Bundesnachrichtendienst. Das ist aktenkundig.
Auch davon ist im 1954 erschienen Büchlein nichts zu erfahren.
Kein Sterbenswörtchen.

Anmerkung: Das Buch wurde von Wolfgang Frank geschrieben, geht aber in den biografischen Details selbstverständlich auf die Angaben von Mueller-Darss persönlich zurück. Wolfgang Frank war ein NS-Schriftsteller.

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