Beobachtungen aus der Provinz


Ähnliche Veranstaltungen habe ich seit 1990 schon viele erlebt. Ich weiß noch, wie mir 1990 in Leipzig ein Freund zuraunte, mit dem ich oben auf der Tribüne stand: „Ein Rauschen im Blätterwald – und weg sind sie“. Was er meinte: politische Stimmungen wechseln.
Und so war es ja dann auch.
Ich habe seither so manchen kommen und auch wieder gehen sehen.
So mancher, der anfangs ähnlich euphorisch gefeiert wurde, wurde wenige Monate später – nicht selten von den eigenen Leuten – heftig angegriffen.
So ist Politik.
Den Nominierungsparteitag in Berlin-Treptow habe ich bei phoenix verfolgt, weil mich interessiert hat, wie „die Stimmung“ derzeit ist und was konkret denn gesagt wird.
Bei dem „was gesagt“ wird, weiß ich wohl, wie solche Reden gemacht werden.
Da wird nur sehr wenig dem Zufall überlassen. Und man hat vorher bereits Aussagen in der Öffentlichkeit „getestet“. Das Team registriert sehr genau, was „ankommt“ und was weniger.
All dieses Handwerkliche ist mir bekannt und auch vertraut.
Und mit diesem geschärften Blick habe ich mir angesehen, was da heute in Berlin-Treptow vor sich gegangen ist.
Manches, was da heute an Stimmung zu beobachten war, wird sich ändern. Bis zur Wahlentscheidung im September ist noch ein sehr langer Weg zu gehen. Und schon vierzehn Tage sind in politics eine lange Strecke. Bis zum September sind es aber noch Monate.
Schulz weiß das. Und sein Team weiß das auch.
Aber drei Punkte sind aus meiner Sicht dennoch besonders:
1. Es gab noch nie in der langen Geschichte der Sozialdemokratie eine Wahl zum Vorsitz, die mit 100% für den Kandidaten entschieden wurde. Selbst die legendären Ergebnisse von Kurt Schumacher lagen darunter. Insofern ist das Datum eines, das in die Chroniken eingehen wird.
2. Wer der Rede des Kandidaten aufmerksam zugehört hat, wer seine Körpersprache, seine Mimik, seine Gestik zu interpretieren wusste, wer gemerkt hat, wo die „Textbausteine“ anfingen und wo es engagiert persönlich wurde – der konnte finden, dass der Kandidat beim Thema „Europa“ und bei der Auseinandersetzung mit den „Rechten“ besonders engagiert wurde. Da hat ein Mann gesprochen, dem Europa wirklich und aus tiefster Überzeugung am Herzen liegt. Und zwar deshalb, weil er Europa sehr gut kennt.
Das ist – gerade in der gegenwärtigen Situation – nicht nur wichtig, das ist nötig. Deshalb ist es gut und ein wichtiger Impuls für die ganze nun folgende Auseinandersetzung, dass da von Anfang an dieser starke europäische Impuls zu hören und zu sehen war.
3. Die politische Auseinandersetzung mit den Völkischen wird nun aufgenommen. Und zwar tritt da eine Partei an, die sich – anders lässt sich das Wahlergebnis nicht interpretieren – geschlossen hinter ihrem Kandidaten versammelt hat. Da kämpft nicht nur ein Kandidat. Da kämpft nun eine Mann- und Frauschaft von über 400.000 Mitgliedern.
Die Sozialdemokraten haben sehr viel Erfahrung in der Auseinandersetzung mit völkischem Gedankengut. Und diese Erfahrung werden sie nun einbringen.

Für mich ist diese Veranstaltung deshalb durchaus eine besondere gewesen, auch wenn ich sie nur aus der Provinz beobachten konnte. Sie war keine, „wie andere auch“.
Der politische Wettbewerb wird nun nach und nach konkreter werden und er wird auch an Schärfe gewinnen. Es ist eine große Sache. Denn Deutschland ist kein kleines Land in Europa.
Deshalb fand ich es sehr beachtlich, dass da ein politisch in Europa beheimateter, sehr erfahrener Kandidat von „Würde“ sprach. Und davon, für die eigenen Positionen zu werben. Damit war der Stil angesprochen, mit dem man die Auseinandersetzung zu führen gedenkt.
Derlei ist – gerade in Zeiten von fake news, überbordendem Hass und schlechtem Umgangsstil insbesondere in social media – durchaus bemerkenswert.

Ich habe so manche Wahlauseinandersetzung erlebt, auch selbst bestritten und manchmal habe ich in den zurückliegenden Jahren auch Müdigkeit empfunden.
Aber auf diese Auseinandersetzung, auf die freue ich mich.

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