Meine Geschichte mit der Stasi


Da werde ich also am Dritten Advent 2016 früh morgens um fünf Uhr wach, weil mich da etwas beschäftigt. Meine alte Stasi-Geschichte beschäftigt mich. Und eine Personalentscheidung.
In Berlin soll nun also ein Mann Staatssekretär werden, der sich noch im Jahr der politischen Wende, 1989, dafür entschieden hatte, bei der Stasi Karriere zu machen.
Wie geht es mir, wenn ich das lese?
Nun, meine alten Geschichten „fallen mir wieder ein“. Sie kommen mir wieder hoch.
Die Stasi und ich. Das ist ein Kapitelchen meiner Lebensgeschichte. Ein prägendes Kapitel zudem.
Ich wohne in Berlin-Hohenschönhausen nur wenige Schritte von der Gedenkstätte für die Opfer der Stasi entfernt. Ich habe das Thema also regelmäßig „vor Augen“.
Die andre Sache ist: ich kenne meine Stasi-Akte und weiß, was sie mit mir vor hatten. 19 Inoffizielle Mitarbeiter hatten sie „angesetzt“, wie das im Jargon hieß. Und sie hatten ein Ziel, das hatten sie in zwei „Maßnahmeplänen“ schriftlich fixiert. Das Ziel hieß, mich „zu zerstören“.
Was ihnen aber nicht gelungen ist. Weil die Mauer fiel. Wäre sie nicht gefallen, würde ich jetzt wohl, unter Drogen gesetzt, in der geschlossenen Abteilung des Psychiatrie-Krankenhauses in Stadtroda (Thüringen) vor mich hin dämmern. Denn genau das hatten sie vor.
Ich kann mich noch sehr gut an die Jahre der Wende erinnern, als ich von dieser Akte erfuhr. Ich weiß noch sehr genau, wie es mir damals ging. Es ging mir schlecht, ich hab gekotzt, um es mal offen zu sagen. Und zwar tagelang.
Weil da etwas sichtbar wurde, das ich nicht für möglich gehalten hatte.

Nun denn, das ist alles lange her, aber ich merke, dass mich die Sache immer dann beschäftigt, wenn  diese alte Geschichte „berührt“ wird.
Wie ist es also mit jenem Mann, der noch 1989 Karriere bei der Stasi machen wollte und der jetzt Staatssekretär für DIE LINKE werden soll?
Der Mann ist mir egal. Ich hab ihm nichts am Zeug zu flicken.
Aber der politische Vorgang ist mir nicht egal.
Ich war selber Staatssekretär. Nicht auf Landesebene, sondern beim Bund.
Nach der Wende war das. Ich kam aus der DDR-Opposition in die Politik und ich hab mich nie um dieses Amt beworben. Man hatte mich gefragt. Und ich hab ja gesagt, weil ich der Ansicht war, man müsse nun auch Verantwortung übernehmen. Ich weiß also aus eigener Erfahrung um die Grenzen und auch um die Möglichkeiten, die eine solche Stelle „im Maschinenraum des Staates“ hat.
Nun ist ein Staatssekretärsposten in einem Bundesland im Bauressort politisch nicht besonders brisant.
Wollte man einen Mann mit einer solchen Geschichte zum Innensenator machen, wäre die Sache sicher noch brisanter.
Dennoch: wie wirkt das auf mich, wenn ich das in diesen Tagen lese, 25 Jahre nach Untergang der DDR?
Eine solche Personalentscheidung wirkt auf mich geschichtsvergessen, unsensibel und frech. Ich finde sie dreist.
Es gibt Menschen, die die Ansicht vertreten, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer müsse es doch nun endlich mal gut sein mit den „alten Geschichten“. Da sage ich mal „es kommt drauf an“.
Ich gehöre zu denjenigen, die der neuen Generation, die da herangewachsen ist, durchaus eine Chance in der Demokratie geben wollen. Man soll den jungen Leuten nicht die Schandtaten ihrer Eltern vorwerfen. Jede Generation ist für sich selbst verantwortlich.
Wenn aber jemand, der sich als mündiger und erwachsener Mensch noch 1989 freiwillig (niemand hat ihn gezwungen!) zu einer Karriere bei der Stasi entschieden hat (wie politisch blind muss man eigentlich im Jahre 89 gewesen sein, noch so etwas zu planen?), nun Staatssekretär werden soll – dann ärgert mich das.
Wenn DIE LINKE, die Nachfolgerin der SED, nun glaubt, sie könne eine solche politische Entscheidung 25 Jahre nach dem Fall der Mauer „einfach so“ durchziehen, dann täuscht sie sich.
Denn: die Menschen, die damals unter der Stasi gelitten haben, leben noch.
Menschen vergessen ihre eigene Lebensgeschichte nämlich nicht.
Menschen können vergeben, klar können sie das. Und als Seelsorger sage ich: sie sollten es auch, wenn es ihnen irgend möglich ist.
Ich hab diesem Manne, der da Staatssekretär werden soll, persönlich auch nix am Zeug zu flicken, ich hab ihm auch nix zu „vergeben“. Ich kenne ihn ja nicht mal persönlich. Wenn jemand, der damals schon „Karriere machen“ wollte, nun wieder „Karriere machen“ will, dann wird er auch heute „Karriere machen“ wollen. So what. Menschen sind halt, wie sie sind.
Mir könnte die Sache also egal sein. Ist sie aber nicht.
Weil es sich um eine politische Entscheidung einer Partei handelt, die zahlreiche Opfer zu verantworten hat. Und die Stasi war die Speerspitze jener „Partei des Volkes“.
Es ist nach wie vor üblich, nach Wahlen Abgeordnete auf eine Zusammenarbeit mit der Stasi zu überprüfen. Ich halte das auch nach wie vor für richtig, weil schon zu viel gelogen wurde. Man muss nachschauen. Sonst werden einem Märchen erzählt.
Bislang war es üblich, Belastete nicht in öffentliche Ämter zu heben.
Nun kann man argumentieren, im konkreten Fall läge keine „Belastung“ vor, der Mann könne nun also auch Bundeskanzler werden.
Das jedenfalls läge in der Logik des Arguments.
Allerdings weiß ich, dass dann nicht nur mir, sondern vor allem denjenigen, die im Knast gesessen haben (was mir erspart geblieben ist), die alten Geschichten „wieder hoch kommen“ würden.
Mich bedrückt schon, dass zahlreiche derjenigen, die damals Verantwortung hatten, nun Sonderrenten bekommen, während zahlreiche derjenigen, die in Knast gesessen haben, um ihre Rente kämpfen müssen. Mit Mitteln der Justiz kann man eine wirkliche Aufarbeitung des Gewesenen eben nicht bewerkstelligen.
Aber nun jemanden, der als freier und mündiger und erwachsener Mann dieser DDR im Staatssicherheitsdienst dienen wollte, zum Staatssekretär eines Bundeslandes zu machen – nein, das ist falsch.

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19 Gedanken zu “Meine Geschichte mit der Stasi

  1. Unterstützung erhielt Holm am Montag nicht nur von der Linken, für deren Bausenatorin Katrin Lompscher er arbeiten soll. Auch prominente Sozialdemokraten erklärten sich solidarisch. Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sagte der Berliner Zeitung: „Andrej Holm und der Koalition jetzt ein Stasi-Problem vorzuwerfen, halte ich für einigermaßen unanständig und übrigens auch für unchristlich.“ Die Demokratie setze auf Veränderbarkeit von Menschen. „Was ein 18-Jähriger am Ende der DDR getan hat, sollte durch seine 26-jährige berufliche und politische Biografie im gemeinsamen Deutschland abgegolten und erledigt sein.“

    1. ja, das habe ich zur Kenntnis genommen. Allerdings auch den Kommentar des Historikers Stefan Wolle heute bei DeutschlandRadio Kultur. Ich bin in dem Fall eher bei Stefan Wolle denn bei Wolfgang Thierse.

  2. Andrei Holm ist mit seiner politischen Haltung eine Persönlichkeit die man durchaus als Stützte der deutschen Demokratie bezeichnen kann und das trotz seiner Verwirrungen als 19-Jährigem.

    Man könnte sozusagen unterstellen das er aus seinen Fehlern gelernt hat. Andrei Holm ist für Berlin vielleicht einer der best – qualifiziertesten Staatssekretäre die jemals in diesem Verantwortungsbereich (Wohnungsbau) gearbeitet haben. Er ist nicht nur ein Hofnungschimmer, er ist der absolute Gleucksfall fuer diesen Posten!!!

    Während Andrei Holm also seinen Weg gefunden hat, vom verirrten Sohn hin zum Standbein der Demokratie haben viele von den sogenannten Buergerrechtlern den Weg in die andere Richtung angetreten. Leute die vormals angeben habne für die Demokratie zu kämpfen schrieben später in rechten Schmierbalettern wie der Jungen Freiheit (Wolfgang Templin) oder publizieren wie Vera Lengsfeld auf PI-News. Es gibt noch viele mehr wie Sie vielleicht in Ihrem weiteren Bekanntenkrei gemerkt haben Herr Kasparick.

    Da sind mir doch Leute die aus Ihren Fehlern lernen können und die Demokratie unterstützen wesentlich lieber als Leute die angeblich für dieses Land gekämpft haben sich heute aber mit den Demokratiefeinden des rechten Randes abgeben.

    1. da sind wir schnell beieinander. Das ist aber nicht mein Punkt. Mein Punkt ist: wie wirkt eine solche Personalentscheidung auf diejenigen, die wirklich unter der Stasi gelitten haben? Und: kann man darüber einfach so hinweggehen?

      1. Die Antwort ist relativ einfach; das Gleichniss vom verlorenen Sohn.
        Die Stasiopfer und alle die sich dafür halten kommen mir manchmal so ein bisschen wie der gute Sohn vor…

        Ich lebe gerade in Israel und bin jeden Tag dankbar dafür das die Juden uns Deutsche durchaus differenziert betrachten.
        Und genau das müssen wir mit den sogenannten Stasileuten natürlich auch machen. Und ich verlange auch von Opfern: jeden Fall differenziert betrachten, nicht alle über einen Kamm scheren und entsprechend pauschal verurteilen.

        Andrei Holm war mein Nachbar, wir habe ziemlich schnell geklärt das wir 89 auf unterschiedlichen Seiten standen. Andrei Holm hat nie ein Geheimnis aus seiner Vergangenheit gemacht. Andrei Holm ist der letzte dem man Karrieregeilheit oder irgendwas in der Art vorwerfen kann. Eigentlich hat er alles getan um trotz grossartigem Wissens und hoher Inteligenz keine Karierre zu machen. Andrei hat sich immer engagiert und voll eigesetzt für Sachen an die er glaubt (und das waren oft Sachen die sich auf dem Lebenslauf nicht gut machen). Eine von diesen Sachen ist bezahlbarer Wohnraum für alle. Das Andrei Holm jetzt diesen Posten bekommen hat stärkt meinen Glauben an die deutsche Demokratie.

      2. nee, ich bin weder der Vater noch der Richter von Herrn Holm. Es geht auch gar nicht um ihn. An ihm wird nur etwas deutlich. Dass sich nämlich grad etwas geändert hat. Bislang galt: keine hohen Staatsämter für Stasi-Leute. Das ist nun anders. Heute wurde „auf Probe“ berufen. So ist der Sachstand.

  3. Natürlich bekommt in unserer demokratischen Gesellschaft jeder eine Chance zur Rehabilitierung, selbst ein Gewalttäter, das sieht schon unser Rechtssystem vor und das ist auch gut so…
    Selbst eine Partei, die bewusst und konkret tausendfach Menschenleben Andersdenkender vernichtet hat, hat in unserer Demokratie die Möglichkeit der Weiterexistenz erhalten…ist das gut so?
    Und auch ein ehemaliger Mitarbeiter der Staatssicherheit kann heute frei von Sanktionen und unbelastet von der Öffentlichkeit sein privates Leben gestalten..
    Er oder sie kann in der Wirtschaft Karriere machen, er oder sie kann sich frei von Angst politisch äußern, auch öffentlich, ohne Sorge zu haben gebranntmarkt zu werden, denn die Mitarbeit bei der Staatssicherheit liegt meistens im Verborgenen, da die Akten zum Schutz der Opfer, aber auch zum Schutz der Täter nicht öffentlich gemacht wurden.
    Es gibt eine Ausnahme und die ist, wenn es sich um ein politisches Amt oder um eine besondere Stellung in der Gesellschaft handelt, die im öffentlichen Interesse ist…und das ist gut so.
    Aus diesem Grunde frage ich mich, warum wird von Mitarbeitern der Stasi oder auch von IM der Staatssicherheit in vielen Fällen ein politisches Amt im Wissen der eigenen Vergangenheit angestrebt? Auch im Wissen, dass durch das Streben nach solchen Ämtern bei vielen Opfern der Staatssicherheit große Betroffenheit und Verletzungen hinterläßt. Ist es wirklich so schwer in die zweite Reihe zu treten?
    Ist genau das, was als einzige Konsequenz, die aus dem Unrechtssystem heute zu tragen ist, wirklich zu viel verlangt?
    PS:
    Es liegt mir eigentlich nicht, ohne meinen Klarnamen meine Meinung abzugeben, aber ich möchte hier eine Ausnahme machen, da ich mit der „Dame von Welt“ „auf Augenhöhe“ sein möchte…denn bei Leuten aus diesem Spektrum ist das leider üblich sich nicht erkennen zu geben…

  4. Lieber Ulrich Kasparick,
    dem Mann Andrej Holm wollen Sie nicht am Zeug flicken und tun es doch, indem Sie ihn zu einer Art „lebenslänglich“ verurteilen.

    So weit bekannt ist, stammt er aus einer Stasifamilie, unterzeichnete im Alter von 14 Jahren die Bereitschaftserklärung, nach der Schule Berufsoffizier im Ministerium für Staatssicherheit zu werden. Er wurde mit 18 Offiziersschüler beim Stasi-Wachregiment Feliks Dzierzynski, war kein halbes Jahr offizieller Mitarbeiter der Stasi und verschwieg seine Stasivergangenheit zu keinem Zeitpunkt.

    Waren Sie zwischen 14 und 18 tatsächlich schon „erwachsen und mündig“ und haben in dieser Zeit keine Fehler gemacht, die sich katastrophal auf andere Menschen und auf Ihr weiteres Leben hätten auswirken können? Falls das so ist, wären Sie sehr glücklich zu schätzen.

    Wissen Sie denn auch, daß Andrej Holm im Sommer 2007 unter einem äußerst dünnen Verdacht auf ‚Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung‘ verhaftet und er und seine Familie jahrelang – auch nach Einstellung des albernen Verfahrens Jahre später – überwacht wurden, möglicherweise immer noch werden? Das fällt in der aktuellen Diskussion stets unter den Tisch, denn offenbar fallen kaum jemandem die Schnittmengen von Stasi- und Verfassungsschutz-Methoden auf. Hat Holm (und Familie) auf diese Weise noch nicht genug gebüßt?

    Ich halte Andrej Holm für sogar sehr geeignet für das Amt des Staatssekretärs für das Wohnungswesen. Es gibt weder in Berlin noch sonstwo in Deutschland einen fachkundigeren und engagierteren Gegner der kaum gebremsten Geldmacherei mit Wohnraum auf Kosten fast der gesamten Bevölkerung. Die Linke hat im rot-roten Berliner Senat (genau, der mit dem Sarrazyniker) das Rückgrat einer Nacktschnecke bewiesen (anders als Sie, danke dafür) – auch, was die Versilberung der Berliner Sozialbauten und die gesamte Wohnungspolitik angeht. Die Nominierung von Holm läßt mich hoffen, daß die Linke ihre damaligen Katastrophenfehler endlich erkannt hat und – eigentlich schon viel zu spät – wenigstens ein bißchen korrigieren will.

    Bitte erlauben Sie mir noch ein paar persönliche Anmerkungen: es tut mir sehr leid, daß Sie unter der Stasi zu leiden hatten und ich (als eine aus dem Westen) kann mir nicht anmaßen, das nachfühlen oder gar beurteilen zu können, weil: ich habe keine Ahnung, was das für Auswirkungen auf Ihr Leben genommen hat und wie es sich anfühlt, u.U. sogar von eng Vertrauten und in der Familie bespitzelt und vom System Stasi beschädigt worden zu sein.

    Mich hat vor Jahren ein Buch über die Gespräche zwischen Karin Lenz, Irena Kukutz und Katja Havemann sehr beeindruckt: Geschützte Quelle.

    Nach Katastrophen wie Diktaturen, Kriegen, Bürgerkriegen, Genoziden muß ja immer und überall mit denen weitergemacht werden, die noch da sind – denn es gibt kein anderes Volk als das vorhandene (gelernt in Kambodscha, in einigen Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit)

    Sie können sich jedenfalls des Beifalls all derjenigen sicher sein, die bestrebt sind, die DDR mit dem 3. Reich gleichzusetzen, die keine Probleme mit den zahllosen Nazis in Politik, Justiz, Verwaltung und anderen Schaltstellen der Macht im Westen nach 1945 hatten, die nun keine haben mit Renten für in Deutschland nie angeklagte SS-Täter und keine mit der Hartleibigkeit in Politik, Justiz und Polizei, rechtsradikale Terroristen zu solchen zu erklären und entsprechend zu verfolgen. Bei Linken fällt die Verfolgung als Terrorist oder Sympathisant auch im Vorwende-Westen immer schon sehr viel leichter.

    Weder der Westen noch der Osten noch die Linke als Nachfolgerin der SED noch kaum ein Mensch aus einer der 4 Himmelstichtungen ist sich seit der Wende gleich geblieben.
    Wäre das anders, wäre alles umsonst.

    Freundliche Grüße
    dvw

    1. Ich weiß ja nicht, wer Sie sind, weil Sie nicht unter Klarnamen schreiben. Ich verurteile niemanden. Ich diskutiere hier die Frage, ob man einem ehemaligen Stasimann ein hohes Staatsamt geben sollte oder nicht. Und ich finde, Ministerpräsident Bodo Ramelow (LINKE) in Thüringen hat richtig entschieden. „Unter meiner Leitung wird es für ehemalige Stasi-Leute keine Staatsämter in Thüringen geben.“
      Das finde ich klar und verständlich.

      1. Nur der guten Ordnung halber: ich schreibe unter einem Internet-Pseudonym, weil ich keinen Wert auf Nazibesuche, Unterlassungserklärungen einschlägig verurteilter Pädokrimineller und auf andere „Aufmerksamkeiten“ mehr durch die Wahl bestimmter Themen lege. Würden Sie denn auf Inhalt und Fragen eingehen, wenn Sie wüßten, wie ich im analogen Leben heiße? Dann schrübe ich Ihnen eine Email, mit der Bitte um Verschwiegenheit.

        Bodo Ramelow hat bestimmt richtig entschieden, keine ehemaligen Stasi-Leute in thüringischen Staatsämter zu wollen, nachdem er in Thüringen nun wirklich genug andere Probleme zu bewältigen hat, als zusätzlich auch noch kontrovers diskutierte Personalien zu brauchen. Das ist nicht nur „klar und verständlich„, sondern er macht es sich auch – aus nachvollziehbaren Gründen – leicht.

      2. nee, das hier ist eine öffentliche Veranstaltung, keine Sache der Verschwiegenheit. Deshalb gilt hier die Regel: man kann sich am öffentlichen Diskurs beteiligen oder eben nicht.

  5. Mit Verlaub, das sehe ich komplett anders. Ich bin etwas jünger als Holm, im Prenzlauer Berg aufgewachsen und habe mitgeholfen im Herbst 89 die Jusos in der DDR mit zu gründen. Meine politische Sozialisation fand im Gegensatz zu der Holms nicht in einem gleichgeschalteten Umfeld statt, sie geschah zwischen Elternhaus, Schule und einem ziemlich oppositionell geprägtem kirchlichem Umfeld.

    Wenn ich jetzt bei Ihnen lese: „Wenn aber jemand, der sich als mündiger und erwachsener Mensch noch 1989 freiwillig (niemand hat ihn gezwungen!) zu einer Karriere bei der Stasi entschieden hat (wie politisch blind muss man eigentlich im Jahre 89 gewesen sein, noch so etwas zu planen?), nun Staatssekretär werden soll – dann ärgert mich das.“, dann ärgert mich das. Sie waren Pfarrer, von denen habe ich in meinem Leben immer wieder und ganz viel von Vergebung gelernt.

    Andrej Holm war zur Wende 19 Jahre alt, er stammt aus einer systemtreuen Familie und ist schon dadurch ganz anders sozialisiert worden, als nahezu Alle, die ich aus den Kreisen der Opposition je kennen gelernt habe. Trotzdem wird dem jetzt 46 Jahren alten Mann seine früheste Jugend vorgeworfen, ohne überhaupt drauf einzugehen, dass er seit langem ein ziemlich anständiges Leben führt und in seiner Funktion als Wissenschaftler, der sich um die Forschung hinsichtlich Gentrifikationsmechanismen verdient gemacht hat, eine durchaus wertvolle Stimme im demokratischen Meinungsbildungsprozess darstellt. Was ihm jetzt vorgeworfen wird, kann man schön in der B.Z. nachlesen, ich muss es nicht extra zitieren: http://www.bz-berlin.de/berlin/die-stasi-akte-andrej-holm

    Und ja, ich fasse mir doch auch an den Kopf, wie man im Herbst 89 zum Wachregiment gehen konnte. Ich hätte damals mit so einem Typen nichts zu tun haben wollen, er wäre mein Gegner gewesen. Solche Typen waren (neben ganz vielen Älteren) dabei, als ich am 7. Oktober 89 verhaftet und verprügelt und nach Rummelsburg verbracht wurde. Doch wie lange will ich so etwas Menschen nachtragen? Wann kann ich ihr späteres Leben so würdigen, dass ich diese Menschen respektabel finde. Wir reden hier ja auch nicht von einem langjährigen Mitarbeiter, der jahrelang die Opposition ausgespitzelt und erniedrigt hat, er hatte gerade Anfang September seinen Dienst erst begonnen. Einen Dienst, der dir in der DDR den Weg zu einigen Karrieren eröffnet hätte, nicht nur der in der Stasi. Die Phrasen, die die B.Z. dort zu Beurteilung wiedergibt zeigen doch wie dünn die Vorwürfe sind. Solche Beurteilungen gab es doch über nahezu jeden DDR-Jugendlichen, von ganz wenigen Ausnahmen mal abgesehen. Wie sollten die Lehrer auch dastehen, wenn sie ihren Schülern keinen „Festen Klassenstandpunkt“ attestierten. Ich fiel da, wie einige Oppositionelle, zu denen ich mich mit damals 16 Jahren natürlich nicht wirklich zählen konnte, sicher durchs Raster, deswegen wurde mir der Gang zum Abitur auch verwehrt. Aber diesen Maßtab an die Breite der ostdeutschen Jugendlichen anzulegen ist nicht fair. Heute schon gar nicht mehr.

    1. Die Frage ist, ob es zwingend notwendig ist, ausgerechnet Herrn Holm dieses relativ hohe Staatsamt zu geben. In Thüringen hat man sich entschieden, so etwas nicht zu tun. Ich finde diese thüringische Entscheidung richtig. Berlin ist groß genug und es gibt genügend Fachleute, die in der Lage sind, ein solches Amt auszuüben.
      Zum Thema „Vergebung“ will ich noch sagen: richtig. Vergebung ist nicht nur sinnvoll, sondern auch hilfreich. Und zwar nicht für jemanden, der sich etwas zu schulden hat kommen lassen, sondern vor allem für denjenigen, der etwas zu ertragen hatte. Verkürzt gesprochen: Das „Opfer“ muss dem „Täter“ vergeben. Dennoch wird jemand, der so seine Erfahrungen mit der STasi gemacht hat, diese Erfahrungen niemals in seinem Leben vergessen. Und wenn eine solche Personalentscheidung wie die hier diskutierte getroffen wird, dann werden die „alten Geschichten“ wieder wach und sind wieder da.
      Vergeben kann man nicht als unbeteiligter Dritter, weil Vergebung immer eine Sache zwischen zwei Menschen ist.
      Ich kenne Herrn Holm nicht und ich hab ihm deshalb auch nix zu „vergeben“. Darum geht es auch gar nicht. Sondern es geht um die Frage, was eine solche Personalentscheidung politisch bedeutet. Und politisch halte ich diese Entscheidung für falsch. Richtig finde ich den Weg, für den man sich in Thüringen entschieden hat. Wie sagte Bodo Ramelow? Unter seiner Leitung wird es keine ehemaligen Stasi-Leute in Regierungsämtern geben. Das ist klar und eindeutig. So einen Weg kann man auch in Berlin gehen.

      1. Sie schreiben: „Die Frage ist, ob es zwingend notwendig ist, ausgerechnet Herrn Holm dieses relativ hohe Staatsamt zu geben. In Thüringen hat man sich entschieden, so etwas nicht zu tun.

        Hmnuja, statt „so etwas“ gab es in Thüringen einen obersten Verfassungsschützer namens Helmut Roewer, der im Amt höchstwahrscheinlich Rechtsterroristen begünstigte, wenn er gerade mal nicht zu betrunken war und der sich heute mit äußerst eigenwilligen Geschichtsinterpretationen der Hintergründe des 1. und 2. Weltkriegs in Buch- und Videoform profiliert.

        Sie: „Ich kenne Herrn Holm nicht und ich hab ihm deshalb auch nix zu „vergeben“. Darum geht es auch gar nicht. Sondern es geht um die Frage, was eine solche Personalentscheidung politisch bedeutet.

        Politisch bedeutet die Nominierung von Andrej Holm vor allem den ersten Silberstreif am Horizont, daß aberwitzige Mietsteigerungen unter Verdrängung der nichtwohlhabenden Bevölkerung nicht länger als Naturgesetz betrachtet wird.

      2. Da würde ich in vielem mitgehen. Auch wenn mich die Pauschalität angesichts der inzwischen vergangenen Zeit stört. Lieber wäre mir ein Umgang mit Augenmaß und mit dem Einzelfall. Was mich noch stört, ist die Einordnung eines 19-jährigen, der ein paar Monate dort seinen Armeedienst abgeleistet hat, als „ehemaligen Stasi-Leute“. Ich finde das Geschütz schwer aufgefahren und frage mich, ob die Streuwirkung da nicht überhand nimmt. Die Differenzierung würde so vollkommen aufgegeben. Wollen wir wirklich, Menschen, die damals nach dem Gesetz gerade erwachsen waren, bis in alle Ewigkeit von Ämtern ausnehmen? Ohne Betrachtung ihrer eigentlichen Tätigkeit bei der Stasi und ohne Betrachtung, wie wichtig ihr Beitrag in der Nachwendezeit für die politische Kultur war? Wir hatten einen Aussenminister der früher Steine auf Polizisten geworfen hat und es war gut, dass er es trotzdem werden konnte. Dies haben später auch viele Menschen so gesehen, die das anfangs so skandalisiert haben, wie heute die „Stasiverstrickungen“ Holms.

        Holm stellt für viele junge Linke, Grüne und auch Sozialdemokraten eine echte Hoffnung dar, die Wohnungsmarktprobleme der Hauptstadt anders angehen zu können, als es in den letzten Jahren der Fall war. Sie atmen auf und erwarten viel. Ob er als Politiker taugt, mag ich noch gar nicht beurteilen, wie auch. Aber als Wissenschaftler war er eine Leuchtfigur in einem für die Berliner Linke wichtigem Feld, damit ist er ist nicht beliebig austauschbar. Es ist zudem kein leichter Gang aus der theoretischen Kritik hin zur praktischen Gestaltung und es ist gewiss kein Freifahrtschein zu irgendeiner Karriere, die kann man sich damit eher schnell mal versauen. Die RRG-Regierung kann froh sein, wenn engagierte und kompetente Bürger bereit sind, sich der Verantwortung zu stellen und tut gut daran, Holm solange das Vertrauen zu geben, wie es keine schwerwiegenderen Vorwürfe gibt, als die, die derzeit im Raum stehen.

  6. Es wäre evtl. wichtig es mehr öffentlich zu machen, wer da in ein politisches Amt berufen wird. Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen kann nicht im Verborgenen geschehen. Es geht hier doch nicht um Rache, sondern um Wiedergutmachung an den Opfern. Als Gruppe, die durch diesen Stasimann persönlich gelitten haben, müsste das der Allgemeinheit (mit Namensnennung, wie bei Verbrechern der NS-zeit) bekannt gemacht werden.

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