Kein Friede ohne Gerechtigkeit – etwas über die Quellen des Terrorismus


Nach dem 11. September 2001 fragten einige wenige, zudem zaghafte Stimmen: „Was haben wir euch getan, dass ihr uns so sehr hasst?“ Eine Frage, der man nicht weiter nachging.
Dabei ist es die eigentlich wesentliche Frage: was sind Gründe für Terrorismus?
Statt nach den Gründen zu fragen, begnügten sich die Handelnden jedoch, Terror zu „bekämpfen“. Und zwar mit militärischen Mitteln.
Das Ergebnis war ein Erstarken der privatisierten Gewalt.
Vor der UN-Vollversammlung hat der iranische Präsident Hassan Rohani nun erneut nach den Gründen für Terrorismus gefragt.
Und er hat die Frage mit den Sätzen beantwortet:
Terrorismus sei das Ergebnis von Armut, Unterentwicklung, Diskriminierung, Demütigung und Ungerechtigkeit. „Man muss diese Wurzeln kennen, wenn man die Quellen des Terrorismus austrocknen will.“ Das habe der Westen nicht verstanden. „Die heutige Feindseligkeit gegen den Westen ist das Ergebnis des Kolonialismus von gestern und des Rassismus von gestern.“ (Deutschlandfunk vom 25. 9. 2014)

Was ist die Antwort der Weltgemeinschaft auf den Terror des „Islamischen Staates“?
Die Antwort ist wieder vor allem militärischer Natur.
Wieder wird nicht nach den Gründen für die Zunahme der privatisierten Gewalt gefragt.
Doch nicht nur militärische „Antworten“ (vor allem Luftangriffe) werden gegeben, sondern eine Verschärfung der Sicherheitsbestimmungen, die mit einer überaus fraglichen Einschränkung von bislang geltenden Individualrechten einhergeht, ist ebenso die Folge.
In einer einstimmig angenommenen Resolution hat der UN-Sicherheitsrat nun die Möglichkeit eröffnet, „Terroristen“ die Staatsbürgerschaft zu entziehen.
Die  Staaten können nun also Menschen, die sie zu „Terroristen“ erklärt haben – auf Empfehlung der Geheimdienste – im eigenen, nationalen Interesse, zu Staatenlosen machen. Es ist übrigens wenig überraschend, dass diese Resolution einstimmig verabschiedet wurde, denn sie eröffnet den Staaten nun die Möglichkeit im Namen der „Bekämpfung des internationalen Terrorismus“ gleich auch noch andere aus ihrer Sicht notwendige Regelungen zur Verbesserung der eigenen Sicherheit zu regeln. Es genügt ja nun, Menschen unter Terrorverdacht zu stellen. Und die Geheimdienste werden genügend „Anhaltspunkte“ finden, um gegenüber der Öffentlichkeit Menschen zu „potenziellen Terroristen“ erklären zu können.
Die damit verbundene Hoffnung, man könne den Terrorismus auf diese Weise austrocknen, ist jedoch irrig.
Denn diese „Antworten“ auf den Terror des IS beseitigen nicht die Ursachen des Terrors.

Friede ist nicht ohne Gerechtigkeit zu haben. Das wissen schon die alten Texte, die uns in der Heiligen Schrift überliefert sind.
Es ist eine sehr alte Erkenntnis.
Aber sie ist angesichts der aktuellen Auseinandersetzung um den „internationalen Terrorismus“ verloren gegangen.
Deshalb sei an diese alte Einsicht jetzt erinnert.
Solange Staaten glauben, sie dürften im eigenen, nationalen Interesse andere Länder und Völker demütigen, sie in Armut halten, ihre Rohstoffe ausbeuten, ihre Umwelt zerstören, ihnen Zugang zum Welthandel verwehren – solange sprudeln die Quellen des Terrors weiter. Und kein Krieg wird das ändern. Ganz im Gegenteil, der „Krieg gegen den Terror“ wird die Not der Menschen noch mehr vergrößern – vor allem das Elend der vielen Millionen Flüchtlinge. (2013 gab es über 51 Millionen Flüchtlinge weltweit. Der höchste Stand seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Hauptfluchtursache: die zunehmende Zahl von Kriegen. Sagt das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR).

Wenn die reichen Staaten nicht endlich ihren Beitrag zu mehr Gerechtigkeit in der Welt leisten
wenn die reichen Staaten nicht aufhören, ärmere Staaten auszubeuten, deren Natur und natürlichen Lebensbedingungen irreversibel zu zerstören (Klimawandel!),
wenn die reicheren Staaten nicht aufhören, „Kolonialismus mit anderen Mitteln“ im Namen von „Freiheit und Wachstum“ fortzusetzen
dann wird der Terror nicht enden. Er wird noch nicht einmal weniger werden, sondern eher zunehmen.
Die Völker der Welt werden diesen alten Zusammenhang neu buchstabieren müssen: Frieden gibt es nicht ohne Gerechtigkeit.
Damit ich nicht missverstanden werde: Terror ist niemals zu entschuldigen.
Aber wenn man ihn erfolgreich bekämpfen will, muss man nach seinen Ursachen fragen und nicht nur einfach „draufhauen“.

Die Herausforderung ist enorm, denn die Gewalt nimmt zu. Nicht nur die Gewalt, die vom Terror ausgeht, auch die Gewalt, die mit den Mitteln des Marktes durchgesetzt wird.
Deshalb sind die sogenannten „Freihandelsabkommen“, die zwischen den Staaten der reicheren Welt abgeschlossen wurden und noch abgeschlossen werden sollen genau daraufhin zu prüfen, ob sie nicht einen weiteren Beitrag zur Ausbeutung der ärmeren durch die reichere Welt leisten.
Ein Wirtschaftssystem, das vor allem auf Kosten der ärmeren Länder lebt und noch weiter wachsen will – das ist das erklärte Ziel dieser sogenannten Freihandelsabkommen – ein solches Wirtschaftssystem leistet einen nicht unerheblichen Beitrag dafür, dass der Terror weltweit zunimmt. Das muss man sehen, auch wenn es unbequem ist.
Terrorismus ist das Ergebnis von Armut, Unterentwicklung, Diskriminierung, Demütigung und Ungerechtigkeit. Man muss diese Wurzeln kennen, wenn man die Quellen des Terrorismus austrocknen will.

 

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3 Gedanken zu “Kein Friede ohne Gerechtigkeit – etwas über die Quellen des Terrorismus

  1. Im Grundsatz stimme ich zu.
    Im Alltagsprozess politischen Handelns muss aber zwischen verschiedenen Zeit- bzw. Geschwindigkeitsarten unterschieden werden. Es gibt die komplexe Problemstruktur, die nur langfristig angegangen werden kann. Diese wird in dem Beitrag angesprochen. Und es gibt die akute Bedrohungssituation, die für viele Menschen lebensgefährlich ist und deshalb ein schnelles, kurzfristiges Handeln erfordert, das meistens nur als ein „Eingreifen“ vorstellbar ist. Das ist das Tagesgeschäft der Politiker.
    Wichtig ist, dass beide Zeitarten gesehen und komplementär verstanden werden. Ist es nicht töricht, beides gegeneinander auszuspielen, wie es in den Debatten immer wieder geschieht, statt dass kurzfristig Gebotene und das langfristig Notwendige sinnvoll zu verbinden?
    Gewiss werden von den verschiedenen Diskursteilnehmern entsprechend ihrer Stellung in der Gesellschaft die beiden Seiten unterschiedlich gewichtet werden. Das ist gut und richtig so. Ebenso wichtig ist aber, dass es in der öffentlichen Diskussion Stimmen gibt, die zwischen beidem vermitteln und uns alle daran erinnern, dass kurzfristiges Eingreifen und langfristiges Gestalten immer wieder austariert werden müssen.

    1. die angesprochene Ungleichzeitigkeit im politischen Prozess ist mir aus meiner jahrelangen parlamentarischen und administrativen Arbeit in der Regierung vertraut. Diese Ungleichzeitig darf aber nicht bedeuten, dass man nicht zunächst nach den Ursachen von Konflikten fragt, bevor man handelt. Wenn man denn sinnvolle Lösungen erarbeiten will. Es fällt gegenwärtig sehr auf, wie wenig nach Ursachen gefragt wird. Entsprechend kurzatmig ist das, was da gegenwärtig getan wird.

      1. Danke für die schnelle Antwort.
        Wir sind uns sicher weitgehend einig. Auch ich sehe es so, dass die Frage nach den Ursachen nie ausgeblendet werden darf, auch und nicht zuletzt um der gesellschaftlichen Diskussion und politischen Bildung willen.

        Ich habe speziell das Internet im Blick, in dem auch wir uns ja gerade austauschen. In den Onlineforen und Leserforen sehe ich vergleichsweise sehr wenige besonnene Stimmen, die der Komplexität und den unterschiedlichen Handlungszeitarten Rechnung tragen. Diese (durchaus erklärbare) Einseitigkeit führt aber zu einer Eskalation im Diskurs. In deren Folge wird das Austauschen von Argumenten und das Suchen nach Lösungen, die sowohl die Not des Augenblicks als auch die Notwendigkeit langfristiger Strategien im Blick haben, erschwert. Wenn der Druck oder die Gereiztheit entsprechend groß ist, blendet man einfach aus, was quer zum eigenen Ansatz steht. Die Energie, die darauf verwendet wird, fehlt dann bei dem Bemühen, das Unmögliche möglich zu machen. So entsteht dann schnell Empörung statt Verständnis.

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