Kühne Hoffnung


„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“
(1. Brief des Paulus an die Gruppe der Christen in Korinth, Kapitel 13, Vers 12-13.
Ein Text etwa aus dem Jahre 54/55 n.Chr, geschrieben in Ephesus.)

Das ist die vielleicht kühnste Hoffnung, zu der Menschen fähig sind.
Denn die tagtäglich erfahrbare Realität widerspricht ihr in allem.
Die Liebe scheint keinesfalls die größte unter den dreien, sondern der Hass, die Ausgrenzung, das Feindbild.
Vor allem der Hass auf Menschen, die anders „glauben“, die politisch anders denken, die einem anderen Kulturkreis entstammen, einer anderen religiösen Tradition und Praxis.
Die Religionen haben leider einen großen Anteil an diesem Desaster, an dieser Zerstörung.
Wenn die Rechthaberei zur eigentlichen „Religion“ wird, dann wird die Liebe erneut gekreuzigt.
Der Streit zwischen den Religionen, wer „richtig“ glaube, oder wessen Gott der „wahre“ Gott sei ist, neben anderen, ein wesentlicher Grund für die zahlreichen Konflikte der Gegenwart, das ist nicht zu übersehen. Dieser Streit kommt mir vor wie der Streit von Kindern, wen der Papa am liebsten habe. Das ist verständlich, aber kindlich. Es ist an der Zeit, erwachsen zu werden.

Weil aber Religionen nicht unerheblich zu den bedrückenden Konflikten in der Welt beitragen, drängt sich die Frage auf, ob und was sie beitragen könnten zum Frieden?
Dass sie einen Beitrag zum Krieg leisten können, ist offensichtlich.
Aber: welchen Beitrag können sie zum Frieden leisten?

Es gibt da einen uralten, sehr klugen Hinweis im ersten Buch Mose, im Kapitel 2, Vers 15, da ist „vom Beginn der Welt“ die Rede.
Man kann dort lesen:
„Und Gott setzte den Menschen (Adam) in einen Garten, um ihn zu pflegen und zu bewahren.“
Der „Garten“ bezeichnet offensichtlich die „Welt“.
Da steht nicht: er setzte „einen Christen“ in den Garten; auch steht da nichts von einem „Juden“ oder einem „Buddhisten“ oder einem „Muslim“. Da steht: „einen Menschen“.
Und der Auftrag des Menschen ist es, diesen Garten zu pflegen und zu bewahren.
Er ist ihm anvertraut.
Diesen Hinweis könnten die Religionen beisteuern.
Sie könnten an diesen uralten Auftrag, an diese uralten „Einsetzungsworte“ erinnern und vor allem: danach handeln.

„Pflegen und bewahren“ bedeutet zunächst: dem anderen Adam, der da mit im „Garten“ wohnt, oder der anderen „Eva“, nicht das Lebensrecht und das Recht auf ihre eigene Spiritualität und Frömmigkeit abzusprechen.
„Pflegen“ bedeutet: niemand gibt mir das Recht, meinen eigenen Glauben, meine eigene Frömmigkeit von anderen Menschen zu verlangen oder sie sogar wegen ihrer Frömmigkeit zu bekämpfen.
„Pflegen“ bedeutet: ich brauche selbst eine gute Praxis in meinem „eigenen Garten“.
Erst wenn meine eigene Spiritualität und Frömmigkeit wirklich „gute Praxis“ ist, dann erst kann  ich mich um den „großen Garten“ kümmern. Erst dann kann ich einen einigermaßen sinnvollen Beitrag liefern.
Solange ich das nicht tue, solange ich meinen „eigenen Garten“ nicht pflege und bewahre, solange ich selber keine „gute Praxis“ habe, solange kann ich dem Frieden nicht dienlich sein. Denn dann bliebe ich in der Logik des Hasses und der Gewalt gefangen.

Gute spirituelle oder religiöse Praxis führt zum Abbau von Aggression gegen andere, weil ich mein eigenes Aggressions- und Zerstörungspotential Schritt für Schritt, Stufe um Stufe wahrnehmen lerne. Ich lerne es wahrzunehmen, es anzuerkennen, es nicht zu verleugnen. Und eines Tages gelingt es vielleicht, es zu verwandeln, damit die darin enthaltene, zerstörerisch wirkende Energie, allmählich positiv wirksam werden kann.
Das ist der Weg der konsequenten Meditation, das ist der Weg des Gebets, das ist der Weg der „guten Praxis“.
Allerdings ist das ein durchaus mühsamer Weg.
Ein „steiler Pfad“.
Ein „schmaler Pfad“.
Diese Pforte ist eng.
Das weiß man in allen Religionen. Und das ist ein wichtiges Wissen.

Deshalb ist die oben formulierte Hoffnung so kühn.
Gegen allen alltäglichen Anschein wird hier eine Hoffnung formuliert, die kühner nicht sein könnte.
Denn: wer beginnt, diesen „steilen, schmalen Pfad“ zu ersteigen?
Wer macht sich auf den Weg?
Wer beginnt mit der guten Praxis? Wer beginnt mit dieser großen Übung, an deren Ende die Einsicht steht: am Ende bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe. Und die Liebe ist die größte unter ihnen?

Für mich kann ich sagen: diese kühne Hoffnung hält mich am Leben.
Wenn mir auch die täglichen Nachrichten einreden wollen, der Hass sei „der größte unter ihnen“, wenn man zunehmend die Ansicht vertritt, angesichts aktueller Konflikte könne „nur noch militärische Gewalt“ helfen – will ich daran festhalten, dass wir am Ende unseres Weges, auf dem wir so oft nur „wie durch einen Spiegel“ schauen, also verzerrt, ausschnitthaft, vorläufig – die Wahrheit selbst erkennen.
Wenn diese kühne Hoffnung trügerisch wäre; wenn die Liebe (als Selbst- und Nächstenliebe) nicht „die größte“ unter den dreien wäre, dann hätte das Leben seinen Sinn verloren.
Dann blieben nur noch Hass und Zerstörung,
Wenn sie aber „die größte“ unter den dreien ist – dann gilt es, sich auf den Weg zu ihr zu machen.
Zu tun ist genug. Innen und außen.
Der Garten ist uns anvertraut, damit wir ihn pflegen und bewahren.

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