Alternativen zum Krieg (4) – Interview mit Malte Fähnders


Die GRÜNHELME wurden „als zivile Antwort auf den 11. September“ von Dr. Rupert Neudeck gegründet.
Dr. Neudeck kannte Afghanistan schon von seiner Zeit mit der CAP ANAMUR, deshalb waren die GRÜNHELME von Anfang an in Afghanistan engagiert.
Die GRÜNHELME wollen in konkreten Projekten der Wiederaufbauarbeit Christen und Muslime, Juden, Buddhisten und „Menschen guten Willens“ in gemeinsamen Arbeitsteams zusammenführen, damit man gemeinsam „den Frieden bauen“ kann.
Es gibt ein paar „Regeln“ bei den GRÜNHELMEN. Zu den wichtigsten gehört: die GRÜNHELME wohnen nicht in einem Hotel, sondern bei den Menschen.

Malte Fähnders war 2004 und 2005 für die Grünhelme in Afghanistan.


Am 28. Januar 2011 hat der Deutsche Bundestag das ISAF-Mandat für die
Bundeswehr verlängert.
Ich sprach deshalb mit jemandem, der das Land aus eigener ziviler Aufbauarbeit kennt, über seine Einschätzung der Situation in Afghanistan.

UK: Malte Fähnders, Sie waren 2004 und 2005 für die Grünhelme in Afghanistan, um zivile Aufbauhilfe zu leisten.
Die Grünhelme sind gegründet worden „als zivile Antwort auf den 11. September“.
Was haben Sie in Afghanistan genau getan?

MF: Im Juli 2004 bin ich gemeinsam mit drei anderen Grünhelmen zu einem dreimonatigen ehrenamtlichen Einsatz nach Qarabagh in der Provinz Herat gereist. Unser Plan war, den Bau einer Kinderklinik und einer Schule zu organisieren. Die Grünhelme hatten in der Provinz bereits eine Schule und eine Tischlerei fertig gestellt, zwei weitere Schulen und eine weitere Tischlerei befanden sich im Bau. Ich habe in den drei Monaten am Bau der Klinik und der Tischlerei in Qarabagh mitgewirkt, habe Maschinen für die Tischler-Werkstatt besorgt und den ersten holzhandwerklichen Workshop in Qarabagh begonnen.
Als ich im Oktober 2004 aufbrach, versprach ich meinen afghanischen Freunden, vier Monate später wieder zu kommen.
Tatsächlich brach ich im Februar 2005 wieder nach Afghanistan auf und startete den zweiten Workshop in der „Najari Maktab“, der Tischler-Schule.
Zu der Zeit war ich der einzige Deutsche in Qarabagh. Ich traf fast alle meine männlichen Kumpels wieder, mit Frauen hatte ich bis dato keinen Kontakt.
Einzig als ich mit den sieben Lehrlingen zu Anfang Schneidebretter gebaut hatte, brachten sie mir von ihren Müttern ein paar gezuckerte Brote mit. Es gab also durchaus gegenseitige Sympathien, auch ohne persönlichen Kontakt.
Da die Ibn-Sina-Klinik, benannt nach einem Mediziner des 11. Jahrhunderts, inzwischen fertig gebaut worden war, bauten wir Mobiliar und Einrichtungen für die Büros und Untersuchungsräume. Unsere Wickelkommode mit vereinfachter orientalischer Ornamentik möchte ich hier gerne  hervorheben.
Die gefiel auch dem ersten Mediziner-Team der Grünhelme, welche ich die letzten zwei Wochen meines zweiten Einsatzes noch unterstützen konnte. Wie sich herausstellte, taugte ich jedoch wenig als hinterm Vorhang kauernder Dolmetscher während einer Geburt, verwechselte die Vokabeln für „pressen“ mit „Knopf drücken“ und verwirrte damit wohl eher als zu unterstützen.
„Ein Grünhelm ist 24 Stunden am Tag im Dienst“, hatte uns Christel Neudeck während des Vorstellungstreffens am 1. Mai 2004 ans Herz gelegt.
Das bedeutete für uns, die Zeit vor Ort wirklich zu nutzen.
Mindestens ebenso wichtig wie die baulichen und handwerklichen Tätigkeiten waren schließlich auch die privaten Kontakte zu den Afghanen.
Jede Unterhaltung zählte, jede Geste und Mimik war wichtig. Und tatsächlich war das Dasein sehr intensiv.

Im September 2005 reiste ich mit meiner Frau mein bisher letztes Mal nach Afghanistan.
Die „nur“ sechs Monate Einsatz in Afghanistan hatten mich so bewegt, dass meine Frau das Gleiche erleben sollte und wollte.
Bevor wir uns zu einer längeren Tätigkeit in Klinik und Werkstatt entschließen würden, sollte sie einen ersten Eindruck bekommen.
Jedoch war die Sicherheitslage schon schlechter geworden. Unter den mir gewohnten Bedingungen hätten wir zu der Zeit nicht mehr in dem Dorf leben können. Es fiel uns schwer, den Plan fallen zu lassen.

UK:   Arbeiten die Grünhelme im Projekt mit Militärs zusammen? Wie sind Ihre Erfahrungen?

MF:  Die Grünhelme sind ja eher dort, wo sonst keine Organisation hinkommt , geschweige denn Militär.
Die einzigen Berührungspunkte mit Soldaten hatte ich, wenn ich mal in der Provinz-Hauptstadt Herat war. Es kamen aber nie Gespräche zustande.
Die italienischen Soldaten ignorierten mich auf gleiche Weise wie die anderen Passanten.
Wir Grünhelme lebten ja alle in den Dörfern, in denen wir unsere Projekte organisierten.
Deshalb waren wir Gäste dort und standen unter einem besonderen Schutz.
Hinzu kam, dass die Leute mehrfach Vorteile von den Projekten hatten: die Männer hatten Arbeit, für die die Grünhelme sie bezahlten – so ehrenamtlich wie wir Grünhelme konnten die Einheimischen aus Gründen des puren Überlebens leider nicht mitmachen – , außerdem lernten die Mitarbeiter neue Techniken und schließlich und endlich bekam das Dorf eine neue Schule, Klinik oder Tischlerei.
Ein ganz besonderer Umstand war die Ehrenamtlichkeit der Grünhelme.
Die afghanischen Mitarbeiter war sehr überrascht, wenn ich ihnen erklärte, dass sie mehr verdienten als ich.
Einige meinten, dann müsse ich doch Moslem sein, wenn ich für sie diesen Aufwand betreibe und mich den Gefahren ausliefere.
Nach diesen Aussagen fühlte ich mich sehr willkommen und auch sicher.

UK:     Wie hat sich nach Ihrer Einschätzung die Situation im Lande  verändert?

MF:   Nachdem die Taliban vertrieben worden waren, hat es eine Ruhephase gegeben.
Ich habe vielen Afghanen angemerkt, dass sie eine friedliche und harmonische Gesellschaft herbei sehnten. Aber nach derart vielen Jahren Bürgerkrieg sind viele Menschen roh geblieben. Konflikte werden mit Hilfe von Gewalt gelöst, besonders unter den unterschiedlichen Ethnien. Dass es auch anders funktioniert, habe ich in dem Dorf Totechi erfahren. Dort leben Tadschiken, Paschtunen und Turkmenen friedlich in einem Dorf zusammen. Die Taliban hatten es nie geschafft, Totechi für sich einzunehmen. Selbstverständlich gab es aber auch dort manchmal Unstimmigkeiten zwischen Tadschiken und Paschtunen, an deren Ende eigenartigerweise ein tadschikischer Mullah häufig verprügelt wurde.
Ich habe immer noch Kontakt zu Afghanen in Herat.
Sie schreiben mir, dass ich nach wie vor nicht so in Qarabagh leben könnte, wie ich es getan habe, allein in einem Haus, mich auf den Straßen und außerhalb des Dorfes frei und friedlich bewegend.

UK:   Was wäre aus Ihrer Sicht besonders wichtig?

MF:  In Qarabagh fehlt eine ganz wichtige Grundlage: Wasser. Es gibt einfach zu wenig Wasser.
Bis zu 15 Meter tiefe Brunnen mussten wir bohren, damit wir die Klinik-Baustelle mit Wasser versorgen konnten. Außerhalb von Qarabagh sieht es größtenteils noch viel schlimmer aus. Wer in dieser Gegend die Wasserversorgung regelt, hat viel Macht.

UK:   Wie beurteilen Sie die Verlängerung des ISAF-Mandats durch den  Deutschen Bundestag?

MF:  Es fällt mir nicht leicht, das ISAF-Mandat zu beurteilen. Eigentlich weiß ich zu wenig über die Erfolge der Bundeswehr in Afghanistan. Liegt es daran, dass es zu wenig Erfolge gibt? Keine Ahnung.
Ich habe nur Vorstellungen, wie eine große Gruppe von Leuten mit mächtigem Aufwand das große Regelwerk der Bundesrepublik nach Afghanistan transportiert.
Dort wird dann versucht, das, was nicht passt, passend zu machen.
Doch das Überleben der Familie diktiert in Afghanistan die Regeln, allein deshalb ist die Gesellschaft dort so unglaublich strukturiert.
Dort wo die Bundeswehr stationiert ist, sorgen afghanische Bürgermilizen für Sicherheit. Inzwischen werden diese von den Amerikanern unterstützt.
Ich hoffe, dass die Bundeswehr wenigstens zum Teil an der Sicherung der Gegend beteiligt ist. Ist es anders, macht der Einsatz wenig Sinn.
Die militärische Logik erwartet wohl eine „robustere“ Auslegung des Mandats, damit der Einsatz Sinn macht.
Höchstwahrscheinlich sind viele Einsätze von Soldaten der Bundeswehr bereits wesentlich kriegerischer als wir hier ahnen, weil die Situation vor Ort sie dazu zwingt.
Die politische Aufklärung der Öffentlichkeit in Deutschland hinkt der Situation in Afghanistan sicherlich weit hinterher.
Eine der Folgen ist, dass sich die heimkehrenden Soldaten in Deutschland nicht ausreichend gewürdigt fühlen.
Dabei bin ich mir sicher, dass in der Bevölkerung viele mit ihnen mitfühlen, obwohl sie den Sinn des Einsatzes anzweifeln.
Das ist auch unbedingt notwendig, schließlich überlassen Bundestag und Bundeswehr die Wiedereingliederung der Soldaten in die Gesellschaft größtenteils ihrem privaten sozialen Umfeld.
Ich würde mich gerne mal mit Soldaten der Bundeswehr über die unterschiedlichen Erfahrungen in Afghanistan unterhalten.

Ich denke, dass die finanziellen Mittel viel sinnvoller eingesetzt werden könnten.
Mehr Geld für die Wasserversorgung und weniger für Panzerhaubitzen, wäre zum Beispiel ein Vorschlag.
Mehr Hilfe zur Selbsthilfe. Bessere Ausbildungschancen für in Deutschland „geduldete“ Afghanen.
Es gibt vieles, was den Prozess in Afghanistan besser unterstützt als die Bundeswehr.

Malte Fähnders ist auch bei facebook zu erreichen.
Wer von seinen Erfahrungen und Kontakten profitieren möchte: er ist unter facebook.com/marto.flanders erreichbar.

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2 Gedanken zu “Alternativen zum Krieg (4) – Interview mit Malte Fähnders

  1. Danke. Dieses bestätigt indes, was ich gestern bereits zu einem ihrer Artikel auf Facebook schrieb. Es ist gut zu wissen, dass jemand der mitten drin war, die Lage so beschreibt, wie ich sie mir als Aussenstehender vorgestellt habe.
    Auch er hat seine Schwierigkeiten mit dem Militär.

    Danke nochmals.

    1. Gern. Ich habe den Text gerade durch ein Interview mit Dr. Rupert Neudeck ergänzt. Er kennt das Land wie kein anderer. Es ist wichtig, von diesen konkreten Erfahrungen zu berichten. Denn das Bild, das man in Deutschland von diesem schönen und stolzen Land hat, ist „ergänzungsbedürftig“. Deshalb sind die sozialen Netzwerke hilfreich. Sie können helfen, das Bild von Afghanistan und der dort notwendigen Arbeit zu verändern.

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