Essen – fressen – messen. Etwas zur Grünen Woche


Impuls 1: Ich les ja gern im „KLUGE“. Denn das „Etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache“ (24. Auflage!)  fördert oft etwas zu Tage, das in den Worten steckt. Verborgen meist. Und doch wirksam.
Weshalb ich heute beim Wörtchen „essen“ nachschaue, das usprünglich „beißen“ meinte. Da es verwandt ist mit dem Wörtchen „fressen“, lese ich dort und finde, daß dieses Wort „aufessen, verzehren“ meint und lerne weiterhin, daß die Unterscheidung zwischen „essen“ beim Menschen und „fressen“ beim Tier erst in mittelhochdeutscher Zeit beginnt. (Kluge, S. 316). Also erst um 1050-1350. Also aus der Zeit der Staufer stammt.

Impuls 2: Die Grüne Woche ist die weltgrößte Ernährungsgütermesse. Der Besucher kann sehen und essen, was es so zu essen gibt. Bei uns.
Manche Berliner nennen sie die „Fressmesse“.
Was etwas über das Tier sagt. Das da wohl im Menschen steckt.
Denn „fressen“, so lernten wir eben, sagt man etwa seit 800 Jahren – vom Tier.

Impuls 3: nun hatten wir gestern bei facebook ein interessantes Gespräch über den Zusammenhang unserer Ess- und Konsumgewohnheiten und dem Hunger in der Welt. Auslöser war mein Satz: „So ein Stand der Welthungerhilfe wäre doch auch irgendwie passend auf der Grünen Woche….“. An diesem Satz „entzündete“ sich das Gespräch.
Über das „aufessen“ oder „fressen“ oder „beißen“ – um wieder beim KLUGE vorbeizuschauen.

Impuls 4: Das Wort „Messe“ findet sich in zweierlei Bedeutung: einmal als „Gottesdienst, kirchliches Fest, Jahrmarkt, Großausstellung“.  Abgeleitet aus „Ite missa est“ („Gehet, es ist entlassen“), mit denen ursprünglich die zum Abendmahl nicht Berechtigten bei Beginn der Abendmahlsfeier entlassen wurden.
Und es findet sich als „Messe“ der Offiziere an Bord eines Schiffes (aus französisch mess); üblich seit dem 19. Jahrhundert, und bezeichnet den gemeinsamen Speiseraum der Seeoffiziere,  in dem man verzehrt, was „aus der Küche geschickt“ wurde.

Dies alles steckt also in den Worten, die wir benutzen.
Folgt man Jean Ziegler, dem langjährigen Sonderberichterstatter der UN für Welternährung in seiner Argumentation, die insbesondere europäische Agrarsubventionen, multinationale Lebensmittelkonzerne, fehlende Kontrolle und zaghafte Parlamente kritisiert; verbunden mit dem Hinweis, die Erde hätte durchaus genug Ressourcen, um alle Menschen zu ernähren,  – kann man eine enge Verwandtschaft zum volkstümlichen Denken erkennen, das im Wort von der „Fressmesse“ sichtbar wird.
Da sitzen offenbar „Tiere“ zusammen (fressen wird seit 800 Jahren dem Tier zugeordnet), die „beißen“ und „sich einverleiben“ was „aus der Küche geschickt“ wurde. Wobei mit „Küche“ wohl jene Länder zu verstehen sind, „die zubereiten müssen, was wir verzehren“. Entwicklungsländer an erster Stelle.

Der Film „we feed the world“ (Wir essen die Welt) macht es deutlich.
Was also findet da in diesem „Gottesdienst“, in diesem „Jahrmarkt“, in dieser „Großausstellung“, die man die „Grüne Woche“ nennt, statt?
Was wird da gefeiert und ausgestellt?

Da feiert sich die reiche Welt. Offensichtlich.
Da feiern die „Beißer“, was ihnen „aus der Küche geschickt wird“ und lassen die Korken knallen.

Es hat für mich etwas vom „Tanz ums goldene Kalb“ um jenes uralte Bild zu zitieren, das uns überliefert wurde, um den „Abfall“ vom eigentlich gelingenden Leben zu illustrieren.
Daß das „ite missa est“ (ihr seid entlassen) auf eine Aus-schließlichkeit hinweist, sei nur am Rande vermerkt.
Da werden offensichtlich Menschen „vom Tisch entlassen“. Oder anders: „nicht zugelassen“.

Was zu kritisieren ist.
Denn: es gibt nur die Eine Welt.
Und niemand gibt uns das Recht, den Menschen neben uns den Tisch zu verweigern.
Noch dazu, wenn sie ihn uns gedeckt haben…

Deshalb wäre es ja vielleicht doch eine gute Idee, die „Grüne Woche“ mit ihren vielen Tausend Besuchern, die sich die Gaumen verwöhnen und die Bäuche stopfen lassen, die sich „einverleiben“, was ihnen andre „aus der Küche geschickt“ haben, zu verbinden mit dem Thema „Gerechtigkeit“.
Warum sollte eine „Grüne Woche“ nicht ein Begleitprogramm entwickeln, in dem man in Tagungen, Konferenzen, Seminaren, Diskussionen, Filmvorführungen, Interviews etc. pp. auf die vielfachen und äußerst verzwickten Zusammenhänge zwischen unserem europäischen Wohlstand und dem Hunger in der Welt hinweist und mehrheitsfähige Alternativen entwickelt, die schließlich politikwirksam werden könnten?

Es ist eine Überlegung wert.
Wünsche guten Appetit.

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2 Gedanken zu “Essen – fressen – messen. Etwas zur Grünen Woche

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