Tante Hildegard und der Talg-Meister


Tante Hildegard ist alt. Und sie ist frech. Ich sagte es schon.
„Na Jung, willste was zu trinken?“ begrüßt mich meine alte Tante Hildegard.
Ich bin mal wieder zu Besuch. So zu den Feiertagen.
„Ja, ’nen Kaffee würd‘ ich nehmen. Passend zum Tag gern einen mit Schuss…“ sag ich, und die Alte grient.
„Mit Schuss? Hab ich“ meint sie und gießt mir einen ein.
„Und? Wat is los in der Welt?“
„Och“ sag ich, „jetzt schreiben die Zeitungen, da sei ein Talk-Master nach Afghanistan gereist.“

„Wer?“ fragt Tante Hildegard.
„Ein Talk-Master“.
„Wie jetzt. Jetzt schicken sie schon Kerzenmacher dahin? Ist’s denn so dunkel da?
Früher, weißt du, da hatten wir diese Talg-Meister bei uns auf dem Dorfe. Die waren sehr geschickt. Im Kerzenmachen.
Ist wohl wegen der Adventszeit, daß sie den dahin schicken? Damit die auch ein paar Kerzen haben zum Fest?“

„Er reist mit dem Armeeminister. Und seiner Frau.“
„Wieso nehmen die einen Talg-Meister mit? Brauchen die mehr Licht am Fahrrad?“ frotzelt Tante Hildegard.

„Ich könnt mich schon wieder aufregen über sowas“ ärgere ich mich endlich.
„Da reist dieser geölte Minister mitten in der Adventszeit zur Truppe im fernen Afghanistan. Nimmt seine Frau und diesen Talg-Meister mit.
Und es ist jetzt schon klar, daß nix dabei herauskommen wird. Reine PR ist das Ganze.
Es soll so menschlich wirken, so volksnah, so persönlich. Und dabei ist das alles knallhart inszeniert.“

„Mach mal langsam, Jung“ sagt Tante Hildegard. „Aufregen lohnt nicht. Nimm mal lieber noch einen. Gern auch mit Schuss…“
„Die Leute sind ja nicht doof. Kannste glauben.
Schau mal, als ich noch ’ne junge Frau war, da habe ich das doch auch schon erlebt bei dem Adolf, dem Verrückten. Der hatte doch diesen Kino-Minister, wie hieß der doch gleich? Der mit dem Klumpfuss.
Joseph hieß der. —- Ja, Joseph. Aber nicht der von der Krippe, nee der nich.
Der Jöbbels Joseph. Der wusste schon jenau, wie dat is mit den Bildern und dem Kino. Wenn der Fernsehn jehabt hätt, ick sage dir, da wär’n noch mehr Leute auf ihn reinjefallen.
Als es ganz schwer wurde im Krieg, weißte Jung, als sie bei Stalingrad die Schlacht schon verloren hatten – da haben sie zu Hause solche Filme gezeigt. Solche heiteren.
„Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ haben sie in diesen Filmen gesungen – und da war schon längst alles verloren.“

„Meinst du, Tante Hildegard?“
„Meinst du, die Sache da in Afghanistan ist auch so verloren?“

„Ja klar“ sagt Tante Hildegard bestimmt.
„Ick bin ja ne olle Frau, ick kann ja sagen, was ich denk. Klar ist das da verloren.
Rat mal, warum die da jetzt son Gewese drum machen! Grad weil das da verloren ist.
Da machen sie schöne Bilder für zu Hause. Is doch schließlich Weihnachten!
Deshalb nehmen sie diesen Talg-Meister mit. Kannste mir glauben.
Ich  bin ne olle Frau, ich weiß sowas.
Ich kann mich noch gut erinnern. An diese Kriegs-Weihnachten. Da hat dieser Jöbbels Joseph aus allen Ländern, wo die Soldaten standen, eine Rundfunksendung gemacht. Und denn haben sie sich gemeldet aus Norwegen und aus Russland, aus Frankreich und aus Italien, aus Nordafrika und von überall. Und denn haben sie alle zusammen jesungen „Stille Nacht, heilige Nacht“. Weiß ich noch janz jenau. Ick hör die Sendung heute noch in den Ohren klingen, wenn ich das Lied hör….“

Naja, bei Tante Hildegard weiß ich nie, ob’s ihre Weisheit ist oder vom Schnaps kommt.
Aber vielleicht hat sie ja recht.
Die kluge alte Tante, vielleicht nehmen sie ja deshalb diesen Talg-Meister mit. Weil die Sache verloren ist…..

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