Meine alte Tante Hildegard


Am Nikolaustag hab ich sie wiedergetroffen. Meine alte Tante Hildegard. Sie ist alt und sie ist frech. Je älter sie wird, umso frecher wird sie.
Meine alte freche Tante ist fromm und sie hat ne dicke rote Nase. Das eine kommt vom Krieg, das andre vom Schnaps.
Ich unterhalt mich gern mit ihr.
Sie ist eine Seele von Mensch.
„Na, Jung, willste was trinken?“ fragt sie immer, wenn ich in der Tür steh, um sie zu besuchen.
Und dann hocken wir uns zueinander und besprechen die Dinge der Welt.
Gestern hat sie gemeint: „Jung, vorige Woche bin ich in Köln in den Zug gestiegen. Da saß mir ein Mann gegenüber im Abteil. Den hab ich gefragt: „Und wohin wollen Sie?“ Da hat er gemeint: „nach München“. Und ich hab gesagt: „Und ich will nach Berlin.“ Da hat er gesagt: „Ist doch doll, wieweit die Technik heutzutage ist, nicht? Da sitzen wir beide im selben Abteil und der eine fährt nach München und der andre nach Berlin“…..

Es bleibt ja nicht aus, dass wir ab und an auch über Politik sprechen.
Da lacht sie mich immer aus, meine alte freche Tante.
„Ach, Du immer mit deine Politik“ sagt sie.
„Ich hab als Kind noch den Kaiser gesehen mit seinem Pummel auf dem Helm. Und dann kam der Zeppelin über die Dörfer geflogen. Und dann war die schwere Zeit.
Dann kam der Verrückte, der Adolf.
Und dann der Hornickel, oder wie der hieß.
Nee nee, weißt du, ich hab all die Tage immer in meinem Gesangbuch gelesen. Das taugt mehr als die alle zusammengenommen.“

„Glaubst du ans Ewige Leben?“ hab ich sie kürzlich gefragt.
Da hat sie gemeint:
„Ich weiß nicht so recht, wie das sein wird. Aber ans Fegefeuer glaub ich.
Ich finde, die beste Strafe in der Ewigkeit wär, wenn die Politiker in alle Ewigkeit ihre eigenen Reden anhören müssten“.

Da hab ich es verstanden.
Das mit dem Fegefeuer.

Meine alte Tante Hildegard ist ja eigentlich sowas wie eine adoptierte Schwester meiner Mutter.
Sie waren auf der Flucht in jungen Jahren. Vor den Russen.
Später hat sie bei der Bank gearbeitet.
Mit den Männern hat es nicht so geklappt in ihrem Leben, aber mit dem Humor um so besser.
Vielleicht kommt ja das eine vom andern.
Wenn wir abends telefonieren, sagt sie mir manchmal:
„So mein Lieber, und nun trink ich noch mein Bierchen zum Abend. Und du, mach dir mal auch eins auf. Prost, alter Junge! Und pass auf, daß du nicht so gesund lebst, sonst stirbste am Ende noch“ kichert sie ins Telefon, und mein Abend ist gerettet.

Manchmal erzählt sie mir was von früher. Brüder hat sie gehabt. „Alles große Kerle!“ sagt sie stolz und reibt sich die rote Nase.
„Unser Zweiter, der war besonders kräftig.
Der hatte bei der Armee so einen verrückten Hauptmann.
Der wollte, daß die Jungs im kalten Wetter in der Oder schwimmen sollten.
Aber der blöde Heini hat sich nur aufgeblasen und hatte keine Ahnung.
Wenn der gewusst hätt, wie gut die Jungs schwimmen können.
Aber unser Zweiter, der hat sich gedacht bei dem Appell „Na warte Alter, Dir werd ich mal einen einschenken!“
Und dann hat er zu seinem Hauptmann gesagt, daß er nicht wimmen könnte.
Der blies sich immer mehr auf und hat rumgebrüllt, er solle endlich ins Wasser springen.
Da ist er gesprungen.
Und hat sich unten im Fluss an der Kaimauer an der Leiter festgehalten.
Unter Wasser.
Hatte ordentlich tief Luft geholt. Und saß nun da unten.
Und blieb und blieb.
Und da oben der Affe wurde immer bleicher und bleicher.
Dann hat er gebrüllt, zwei andre sollten hinterherspringen und den blöden Bauern da wieder hochziehen, solche Angst hatte er plötzlich, daß der ertrunken sein könnte.
Mein Bruder hat immer Tränen gelacht, wenn er die Geschichte erzählt hat.
Aber dann haben sie ihn doch abgeschossen.
Über dem Kanal.
Ich habs die Nacht vorher geträumt.
Ja, so war das, mien Jung.
Na, denn prost!“
Sagt sie und ich fühle mich geborgen in ihrer Gegenwart.
Wie eine alte Indianerin kommt sie mir manchmal vor.
Vom Wetter gegerbt, das Herz auf dem rechten Fleck.
Weiß Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Seit ich sie getroffen hab, meine alte frechte Tante, weiß ich, was das Wort „Familienbande“ bedeutet…..

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5 Gedanken zu “Meine alte Tante Hildegard

  1. Du kannst richtig gut erzählen; der Stil erinnert mich an die Geschichten vom Förster Dachs, die früher bei uns zu Hause manchmal vorgelesen wurden; wird Dir sicher nichts sagen. Nur bei der Vorstellung vom Fegefeuer bin ich nicht so sicher: ich halte es für denkbar, dass Frau mrkl ihre Reden auch dann noch schön finden wird.

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