Die Hysterie hat einen Namen


Nie sei die Sicherheit Deutschlands so bedroht gewesen, wie in diesen Tagen, verkündet der eigentlich recht still agierende Bundesinnenminister vor laufenden Kameras und die Gazetten drucken eifrig ab, was ihnen da präsentiert wird.
Und siehe da:
Pünktlich vor der Innenministerkonferenz findet sich ein „gefährliches Gepäckstück“ in einem Flugzeug aus Namibia, das Richtung Deutschland unterwegs ist.
Waffenstarrende Polizei ist plötzlich auf den Straßen, „sichert“ Bahnhöfe und Sparkassen.
Der Chef der Polizeigewerkschaft GdP lässt öffentlich beim Bundesinnenminister anfragen, wie sich denn die Bevölkerung nun verhalten solle.
Den Polizeibeamten wird gar der Urlaub gestrichen, weil Gefahr im Verzuge sei.
Hoch schwillt die Welle der Angst.
Online-Ausgaben von Zeitungen testen ihre Leserschaft mit der Frage nach deren Sicherheitsgefühl.

Und siehe da:
Kaum ist die Innenministerkonferenz vorüber, eilt der Bundesinnenminister erneut vor die Mikrofone, um der erstaunten Öffentlichkeit mitzuteilen, jenes Gepäckstück dort im fernen Afrika sei ein „Testkoffer“ gewesen und er könne nicht ausschließen, dass eben jener „Testkoffer“ „von deutschen Sicherheitsbehörden platziert“ worden sei.

Ja, wo samma denn?

„Er könne nicht ausschließen?“
Was weiß der Innenminister eigentlich?
Wie koppelt er sich eigentlich mit dem Kanzleramt?
Es ist unglaublich lächerlich.
Avanti Dilettanti!
Der ganze Vorgang zeigt grobe handwerkliche Fehler in einem hochsensiblen Feld: der Innenpolitik.
Das Parlament reagiert prompt.
Debatten nach „Vorratsdatenspeicherung“ werden erneut lautstark geführt.
Die Protagonisten der jeweiligen Position tönen ihre alten Argumente erneut in immer noch bereitstehende Mikrofone.
Das Land erregt sich.

Und fängt schließlich an zu lachen.
Bei facebook und twitter werden die Kommentare bissig und zynisch. Die Leute beginnen, „die da oben“ einfach auszulachen.
Man amüsiert sich über den „Testkoffer am Welttoilettentag“
Der „Test“ geht nach hinten los.
Typischer „Testkoffer“: ein Furz eben.
Diese ganze Sicherheitshysterie ist ein gewaltiger Irrglaube: dass der Staat die Menschen von Anschlägen sichern könnte in Zeiten privatisierter Gewalt. (Eppler)
Es ist ebenso ein gewaltiger Irrtum, zu glauben, dass sich die Sicherheit durch „Warnungen“ wie die des Bundesinnenministers erhöhen ließe.
Studien vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zeigen, dass häufig das Gegenteil der Fall ist.
Im Übrigen zeigt die nüchterne Statistik, dass die Wahrscheinlichkeit, durch einen Terroranschlag ums Leben zu kommen, um ein Vieltausendfaches niedriger liegt, als im Lotto einen Sechser zu gewinnen.

Die Sicherheitsbehörden sollen in der Stille ihre Arbeit tun so gut sie können.
Aber sie sollen aufhören, mit der Angst der Leute zu spielen.

Was also ist die Botschaft jener bizarren Geschichte vom „Testkoffer aus Namibia“?
Die Botschaft soll sein: „wir haben alles im Griff. Die Sicherheitsbehörden funktionieren. Der Staat ist handlungsfähig.“
Aber das ist nicht die Botschaft.
Die reale Botschaft ist: „wir haben euch verklapst. Wir haben mit euren Ängsten gespielt. Denn wir wissen wie Ihr: eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Kann es nicht geben. Denn das Leben lässt sich nicht versichern.“

Des Pudels Kern wird am Abend des 19. November ersichtlich: Der Bundesinnenminister sieht eine „Sicherheitslücke“. Und die Innenminister der Länder fordern eine schnelle Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung.

Was wie eine farce klang und wirkte, erweist sich als solche.
Das Spiel mit den Ängsten der Menschen – um ein innenpolitisches Ziel durchzudrücken.

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3 Gedanken zu “Die Hysterie hat einen Namen

    1. ja. ich sprach gestern mit meinem langjährigen Freund Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime darüber. Er machte mich darauf aufmerksam, daß die weitaus meisten Anschläge in muslimischen Ländern stattfinden. Die aktuelle Debatte in vielen Medien will den Menschen weismachen, es handele sich um eine Auseinandersetzung zwischen „Muslimisch geprägten“ und „christlich geprägten“ Ländern. Das ist falsch. In den muslimisch geprägten Ländern selbst finden die meisten Anschläge statt, denn es geht im Kern um eine Auseinandersetzung zwischen Fundamentalisten und Menschen, die eine freiheitliche Ordnung bevorzugen. Auch in den USA und Deutschland und anderen Staaten der Erde gewinnt der Einfluss an fundamentalistisch denkenen Menschen (auch christlichen). Weshalb es sehr sinnvoll ist, sich mit den Menschen zu verknüpfen und zu verbinden, die den Fundamentalismen jeder Coleur die Stirn bieten.

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