TABU und solche Worte. Etwas über #S21


Ich bin zufällig in der Stadt. Weil man mich eingeladen hat. Und ich habe Zeit zum Zuhören. Will etwas erfahren von den Menschen, die hier leben; wie sie denken, wie sie fühlen.

Es sind alles Zufallsbekanntschaften. Keine Auswahl nach Kriterien. Menschen, die mir so über den Weg laufen und mit denen ich spreche.
Ich hör den Menschen gern zu. Man kann etwas mitbekommen von der Stimmung in einer Stadt, wenn man den zufälligen Bekanntschaften zuhört.

„Schau mal, wie schön die Bäume da im Park sind“ sagt Mann noch im Zug, der vor der Tür des Waggons steht zu dem kleinen Jungen ihm gegenüber. „Da sind zuviele Menschen, die zuviel Geld damit verdienen“. Er meint den neuen Bahnhof, den man hier bauen will.
„Der wird schon lange geplant“ sagt die Frau. „Da haben die Leute nicht aufgepasst. Da hätten sie sich früher für interessieren sollen“.
„Da wurde zielgerichtet Information vorenthalten“ erwidert der Mann. „Wenn man sich mal genauer damit beschäftigt.“

Am Abend zeigt mir ein Pfarrer die Stadt. Er kennt die Menschen gut. „Wissen Sie, was mir aufgefallen ist, als ich diese vielen tausend Zettel las, die man vor dem Bahnhof an diesem Zaun angebracht hat? Ich hab mir sie genau angeschaut. Und ich hab etliche darunter gefunden, die ich aus der Beratung kenne. Da scheint sich etwas wie in einem Ventil Luft zu verschaffen. Es macht sich am „Bahnhof“ fest, aber da sind auch private Sachen vielleicht mit ein Motiv für den Frust, der sich da Luft macht.“

Der Mann in der Buchhandlung erzählt mir von seiner alten Zahnärztin: „Wissen’s Herr S., i hab mein Lebtag immer CDU gwählt. Aber diesmal ist Schluss. Diesmal wähl i die Grüne“.

Und der Mann ergänzt und sagt zu mir: „Wissen Sie, diese Wasserwerfer, das war zuviel für die Leute. Als ich das erlebt hab, und ich war dabei, mich haben sie auch nassgespritzt, obwohl ich weiter hinte stand, als ich das erlebt hat, wie sie in die Leute reingehalten haben einfach so, da hab ich mir gedacht: das war’s jetzt für den Mappus“. „Sie müssen mal hören, wie man in den Vereinen redet. Das kippt ganz gewaltig. Da ist viel Unruhe im Land und viel Empörung.“

Als wir uns abends den Platz mit den Bäumen anschauen, sehe ich, daß man die alten Bäume mit Namen versehen hat. Rote Grablichter stehe unten an den Wurzeln rings um den Stamm. „Oh oh, das ist Religion“ sage ich zu meinem Begleiter. „Dagegen kommt man mit Argumenten nicht an“.

Und in einer Buchhandlung erfahre ich: „Wissen Sie, diese Bäume da, die hat man sogar im kalten Winter 46 stehen gelassen. Die ware TABU für die Leute. Sie haben damals alles verheizt, was aus Holz war. Aber die haben sie stehen gelassen. Und als dann diese Maschinen kamen und sie einfach abgeknipst haben – da wurden die Leute zornig.“

„TABU“ sage ich. „Das ist ein interessantes Wort. Das erklärt mir ein wenig die Stimmung, die ich hier spüren kann. Ich bin ja nur auf der Durchreise hier und höre den Leuten zu, aber diese Stimmung, die kann ich sofort spüren.“

Gestern fand unter großer Medienbeteiligung und unter Leitung von Heiner Geißler ein Vermittlungsgespräch statt. Und mir erzählten genaue Beobachter der Stuttgarter Verhältnisse, die schon lange in der Stadt leben und mit vielen Menschen in Kontakt kommen: „Ich glaube, daß sich da grad was verändert. Der Geißler war gut. Der ist den Experten immer ins Wort gegangen und hat gesagt, sie sollen so reden, daß die Leute draußen es verstehen. Sowas kommt gut an. “

Als er mir später die Stelle im Park zeigt, wo die acht Meter hohen Halbkugeln sein sollen, durch die eines Tages das Licht für den unterirdischen Bahnhof fallen soll, wenn sich die derzeitige Planungen durchsetzen meine ich zu ihm: „Na, daran könnte man doch bestimmt noch was ändern! Es muss doch andre Möglichkeiten geben, einen Bahnhof zu beleuchten, als mit solchen Monstern! Wegen einer Beleuchtung muss man doch nicht Bäume fällen, die den Leuten offenbar sehr wichtig sind, daß sie sogar Kreuze aufstellen, mit den Namen drauf, die sie den Bäumen gegeben haben. Und den Grableuchten davor.“

„Ja“ meint er. „Ich glaube auch. Am Ende wird es Kompromisse geben müssen. Da müssen die Techniker nun mal zeigen, dass sie auch kreativ sein können.“

Als wir über die vielen Tausend Zettel und Plakate sprechen, die die Menschen an der „Mauer“, genauer, an einem Zaun, aufgehängt haben, erfahre ich, daß sich mittlerweile internationale Künstler dafür interessieren. Sie sind fasziniert von der enormen Kreativität, die dort sichtbar wird.
Und er erzählt mir, wie „die Leute“ mittlerweile in vielen Vereinen, die er kennt, reagieren: „Den lachen wir aus – dem Amt“ sagen sie über den Ministerpräsidenten. „Der schwäbische Humor – dagegen kommt keiner an.“

Ich sage: „Mich erinnert das sehr an die Demonstrationen vor 21 Jahren. da war auch so viel Kreativität und Humor. Und gegen diesen Humor, gegen diese Witzigkeit – dagegen kam niemand an. Es ist nicht vergleichbar, das weiß ich auch. Aber diese Bilder werden wieder in mir wach, wenn ich das hier sehe. Damals hat sich auch etwas Bahn gebrochen. Auch damals waren es die unterschiedlichsten Motive: politische, private, ökonomische; das war alles ähnlich unübersichtlich.

Und dann die Macht der Bilder. Als wir in Berlin und im Osten diese Bilder sahen von den Wasserwerfern, die man auf alte Menschen gerichtet hatte und auf Schüler, da haben etliche gesagt: „Und wir dachten immer, sowas hätten wir in Leipzig ein für alle Mal beendet?“
Diese Bilder weckten seltsame Erinnerungen bei vielen, die damals dabei waren und mit denen ich gesprochen habe.

Ich bin zufällig in der Stadt.

Und ich hab kein abschließendes Urteil darüber, wie das hier weitergehen wird. Daß man miteinander redet und daß der Vermittler offenbar erfolgreich versucht, daß man zur „Sachlichkeit“ kommt, sich mit den einzelnen Argumenten Schritt für Schritt auseinandersetzt, ist sicher gut.
Aber ich weiß aus meiner Zeit als Abgeordneter auch, wie gefährlich solche Stimmungen sind. Wenn die Leute in den Vereinen erstmal anfangen, anders zu denken, als sie bisher immer gedacht haben – dann kommt etwas ins Rutschen.

Morgen soll ich hier reden. Über das Vertrauen.
Ich nehme ein Lied zur Grundlage, das uns in jenen Jahren, die nun schon so lange zurück liegen, geholfen hat: „Vertraut den neuen Wegen.“

Ganz offensichtlich verändert sich unser Land. Die Demokratie verändert sich. Internet, facebook, twitter, Handyfotos – all das ist neu und spielt eine große Rolle. Die Menschen sind klug und wollen nicht mehr länger hingehalten werden. Sie wollen, daß man sie hört. Sie wollen mitreden, sie sind auch bereit, sich mit Sachargumenten auseinanderzusetzen.

Aber da sind auch nichtrationale Dinge im Spiel. Und die sind für Politiker und Entscheider extrem schwer zu handhaben.
Man kann sie spüren, wenn man den Menschen zuhört. Den Menschen, die man zufällig trifft. In der Straßenbahn, in einer Buchhandlung, bei einem Stadtspaziergang.
Selten fand ich eine Situation so spannend, wie die, die man hier in diesem Herbst 2010 in Stuttgart spüren kann.

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