„20 Jahre“ – ein eher persönliches Kapitel zum Gedenktag


Als ich zwanzig wurde, stand Westdeutschland unter dem Schock der Entführung der „Landshut“; Hanns Martin Schleyer wurde ermordet, die RAF bestimmte die Schlagzeilen.
Für mich war der Alltag in der Diktatur Normalität. Die „Landshut“ oder die RAF erreichten mich nur über den SFB oder den RIAS, den Deutschlandfunk natürlich auch, einen Fernseher besaßen wir nicht.
Mein Alltag bestand darin, Griechisch und Latein zu lernen, Aufsätze über „Jakob der Lügner“ zu schreiben und Studientage vorzubereiten. „Schüler unterrichten Schüler“ – ein neues, gutes Konzept. An einer kleinen kirchlichen Schule in Naumburg, die es noch gab in der Diktatur. Es war ein gutes Jahr: das mittlere von drei anstrengenden Jahren. Wir hatten noch ein wenig Zeit bis zum Abitur. Margot Honecker hatte es nicht zugelassen, daß ich ein staatliches Abitur machen durfte – meine Nichtmitgliedschaft bei Pionieren, FDJ, vormilitärischen Ausbildungslager und anderem, was der Staat erwartete, hatte dies zur Konsequenz.  Wir zahlten den Preis gern, wenn er auch das „Aus“ für bestimmte Berufswünsche bedeutete.

In Ost-Berlin wurden im Oktober 1977 nach einem Rockkonzert Jugendliche verhaftet. Ich finde in meinen Notizen:

Am 7.10.1977 wird ein Rockkonzert vorzeitig beendet, zahlreiche Jugendliche beginnen zu grölen und zu pöbeln. Volkspolizisten schwärmen aus, zücken ihre Gummiknüppel und schlagen auf die jungen Leute ein, die sich jedoch zur Wehr setzen.  ARD-Korrespondent Fritz Pleitgen berichtet am Tag darauf: „Über die schweren Tumulte, die sich in der letzten Nacht auf dem Alexanderplatz, vermutlich im Zusammenhang mit einer Musikveranstaltung ereigneten, liegen bis zur Stunde widersprüchliche Nachrichten vor. Dass es zu einem massiven Polizeieinsatz gekommen ist, steht außer Frage.“ Bis heute kann nicht genau rekonstruiert werden, was sich damals auf dem Berliner Alex abspielte. Während die DDR-Führung nur von einigen, wenigen Schreihälsen sprach, berichteten Westmedien über drei Todesopfer, davon zwei Polizisten, und etwa 200 Verletzte. Jegliche Berichterstattung wurde brutal unterbunden. Die Schlägerei auf dem Alexanderplatz hatte für die meisten Jugendlichen ein juristisches Nachspiel. Drakonische Strafen wurden verhängt, viele landeten in Jugendwerkhöfen oder im Gefängnis. Die DDR fuhr einen harten Kurs gegen die eigene Jugend, wie FDJ-Chef Egon Krenz öffentlich erklärte:
„Wir messen einen jungen Menschen nicht in erster Linie an Äußerlichkeiten, andererseits treten wir entschieden gegen jene Wenigen auf, die versuchen, durch rowdyhaftes Verhalten, Rechtsverletzungen und Alkoholmissbrauch die kulturvolle Atmosphäre in den Jugendveranstaltungen zu stören.“
Uns ging das nur am Rande an, hatten wir doch mit dem strengen Unterricht, mit Chören und Musik genug um die Ohren.
Thomas Mann war uns wichtiger und Rainer Maria Remarque. Marc Chagall und Stefan Zweig.
Aber diese politischen Dinge beschäftigten uns, wenn wir nachts auf dem Zimmer hockten und diskutierten.
Ich merke heute, wenn ich versuche, mich zu erinnern, daß die Erinnerung unzuverlässig wird. Ich muß im Tagebuch nachschauen.

Was werden wir wissen im Jahr 2053, wenn wir uns an das Jahr 2010 zurückerinnern? An das zwanzigste Jahr der deutschen Einheit?
„Weltwirtschaftskrise“ wird uns vielleicht noch einfallen. „Gescheiterter Klimagipfel von Kopenhagen“ vielleicht auch. „Afghanistan“ vielleicht. Vielleicht werden sich manche erinnern, daß damals eine Ostdeutsche Kanzlerin war.
Mein Tagebuch wird die Notizen über „Stuttgart 21“ ebenso enthalten und jenen neuen Zaun, den man pünktlich zum Tag der Einheit aufgebaut hat, um den Staat vor den Bürgern zu schützen, wie es das „Sabbathjahr“ enthalten wird mit seinen neuen Erfahrungen nach zwanzig Jahren hauptberuflicher Politik, fünf Jahre davon in der Regierung.

Vor zwanzig Jahren stand ich mitten im Getümmel. War von Anfang an dabei, als wir neue Parteien gründeten und versuchten, auf dem Schutt der Diktatur eine Demokratie zu errichten.
Egon Krenz hat es ebenso hinweggefegt wie Ibrahim Böhme, die Stasi ebenso wie den ganzen zerrütteten Staat.
Wir standen mitten im Tornado. Und übernahmen Verantwortung. Als das Alte verging und relativ wenig wirklich Neues wurde.
Diese Erfahrung hat uns geprägt: dass ein politisches System über Nacht verschwinden kann.
Das bringen die Ostdeutschen mit in die Einheit: die Erfahrung, daß ein politisches System verschwinden kann. Über Nacht. Plötzlich und unerwartet, fällt etwas, das man für „ewig“ gehalten hatte….

Gestern sprach ich mit einer Gruppe von angehenden Journalisten der Jahrgänge 1989-92 über die Wechselwirkung von social web und „alten Medien“ und die Veränderung der Demokratie.
Die jungen Leute wissen nichts mehr von der Diktatur, sie wissen Weniges von den Wendejahren, jenen Jahren, in denen sie zur Welt kamen.
Ich komme mir alt vor, wenn ich erzähle.
Die heute etwa Zwanzigjährigen sind in Europa aufgewachsen. Die Mauer gibt’s nur noch in Erzählungen und in Museen. Man twittert aus Singapore oder von den Azoren, aus Indien oder aus dem Sauerland.
Neue Medien verändern Möglichkeiten der Teilhabe. Kostenloses Bürgerfernsehen via Handycam verändert die Demokratie und lässt so manchen Minister zittern.

Seit ich viel von der Welt gesehen habe, kommt mir die Debatte um die Deutsche Einheit noch provinzieller vor, als all die Jahre ohnehin schon.
Ich mag diese deutsche Nabelschau nicht. Schon am ersten Tag der Deutschen Einheit bin ich aus Berlin weggefahren an die See. Da waren mir zuviele Fahnen vor dem Reichstag. Das war mir zu dicke, ich wollte Abstand.
Seit ich den Slum in Nairobi gesehen habe und das gewaltige Technologiezentrum in Seoul, das man, den Klimawandel ignorierend, nur einen Meter über dem Meeresspiegel in den Sand setzt; seit ich in Nordkorea die bittere Not im Lande sah und in Moskau die Ölmagnaten im Ausschuss „Energie“ der Duma – seither sind mir die europäischen und globalen Themen noch wichtiger geworden, als sie schon in der Abiturzeit waren. Jenes „global denken und lokal handeln“, das den konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung so sehr prägte, prägt mich heute noch.
Ich mag diese deutsche Nabelschau nicht.
Denn dieses reiche Land hätte eigentlich so gewaltige Aufgaben zu erfüllen – einen wirklich maßgeblichen Anteil zu erbringen für mehr Klimaschutz, für mehr Gerechtigkeit zwischen Reicher und Armer Welt, für eine bessere Europäische Integration, für eine bessere Flüchtlingspolitik.
Aber wir beschäftigen uns mit uns selbst und diskutieren schlechte Bücher von seltsamen Bankern…

Nun gehen solche Jahrestage ja glücklicherweise auch vorüber.
Mich tröstet der Orion am morgen. Er grüßt wie schon immer das Siebengestirn und erlaubt mir, ein wenig Abstand zu nehmen.
Was sind schon zwanzig Jahre, wenn einen der Orion grüßt am Morgen?

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