Massenpsychologie und web 2.0 – mehr als 2.000 Fernsehsender online. (2)


Man kann das für Fortschritt halten. Muß man aber nicht. Daß man nun allein auf i-see-tv.org mehr als 2.000 Fernsehsender online sehen kann.
Der Mensch bastelt sich seine Welt zusammen.
Wählt aus, was er sehen will, was er hören will.
Der Trend heißt: Individualisierung.
Man könnte auch sagen: Zersplitterung der Gesellschaft in einzelne Menschen.

Die Frage entsteht: was verbindet sie noch?
Daß man einen gemeinsamen tv-Favoriten hat?
Daß man ähnliche Musik mag? Oder gar Bücher?

Was hält eine massenmedial kommunizierende Gesellschaft noch zusammen, in der der Trend zur Individualisierung (seit längerem beschrieben und auch für die Unternehmen bestens ausgewertet) derart überhand nimmt?

Gemeinsame Werte erodieren. Gemeinsame Orientierungen allemal. Eher zufällig bildet sich Wählerverhalten in einer Bevölkerung, die an Dauermitgliedschaften in irgendwelchen Organisationen (Parteien, Verbänden, Kirchen) jedes Interesse verliert.
Atomisierte Gesellschaft. Jeder sein eigener Unterhalter als Konsument von nur für ihn und von ihm selbst maßgeschneiderten Informationsangeboten, aus denen er sein Weltbild zusammenzimmert.

Was ist das Bindeglied, was ist der Kitt, der die Steinchen beieinander hält, damit das Haus nicht einstürzt?
Vielleicht: daß jeder jedem irgendwas verkaufen will?

Religion ist es nicht. Denn die religiösen Anschauungen sind so vielfältig wie die Nationalitäten, die in der Bevölkerung vertreten sind.
Politik ist es schon lange nicht mehr.

Wie verführbar ist eine derart atomisierte Gesellschaft geworden? Wie bilden sich Mehrheiten, wie bilden sich gemeinsame Anschauungen und Überzeugungen?
Jeder ist sein eigener Redakteur, sein eigener Hörer, sein eigener Designer.

Einsamkeit ist ein Thema. Ganz gewiß. Ein Tabu zumal.
Man zwitschert und mailt, bloggt und „kontaktiert“ – aber wirkliche Begegnung gerät immer mehr zur seltenen Ausnahme.

Wie verführbar ist eine solche Massengesellschaft, die in höchstem Maße weiter individualisiert?

Die Vermutung liegt nahe, daß die Verführbarkeit der indivualisierten Masse in dem Maße steigt, in dem der Grad der Individualisierung zunimmt.
Denn: Gemeinsames geht verloren. Gemeinsame Anschauungen und Überzeugungen beispielsweise, die ein Geländer, vielleicht auch ein Schutz sein könnten gegen politische und wirtschaftliche Verführung.

In dem Maße, in dem jeder – auf sich gestellt – zum Hersteller des Wertekanons, von Grundüberzeugungen und Glaubensinhalten, von Lebenseinstellungen und politischen Vorlieben wird; in dem Maße, wie der Konsum von Massenmedien immer mehr individualisiert und auf „Zielgruppen“ zugeschnitten konsumierbar wird – in dem Maße steigt die Überforderung an den Einzelnen.

Wenn in einer solch atomisierten Gesellschaft, in der das Verbindende vielleicht die Erfahrung von „jeder gegen jeden und Hauptsache irgendwie nach oben“ ist, Angebote von Gemeinschaft, von Gemeinsinn, von überzeugenden gemeinsamen Erfahrungen ermöglicht werden – und solche „Heilsbringer“ sind ja längst in verschiedenster Gestalt unterwegs – was hat denn der Einzelne solchen Angeboten noch entgegenzusetzen?
Die Verführbarkeit steigt.

Es ist im Grunde nur eine Frage der Cleverness der Anbieter, auf welchem Wege (via TV, Radio, print oder Web) man den Einzelnen erreicht.
Die Festung scheint sturmreif geschossen.
Nur der Einzelne steht diesem unglaublichen Überangebot an Informationen, an Wertung, an Urteil gegenüber, daß ihm nun dargeboten wird – im Namen des „Fortschritts“.
Die Frage ist: wie lange wird der Einzelne diesem Druck standhalten?

Gut, es gibt da den besagten Knopf am Fernseher oder Radio oder PC, mit dem der ganze Zauber einfach abzuschalten ist.

Aber dann?

Freud hat unter Verwendung einer Arbeit von le Bon auf die gewaltigen unbewußten Sehnsüchte hingewiesen, die der Grund für die Verführbarkeit der Massen immer waren: der Wunsch nach Anerkennung wurde den Massen zum Verhängnis, als ein „Führer“ sich anbot, dem sie dienen konnten. Plötzlich wird aus einer Ansammlung von gut ausgebildeten, mehrere Sprachen sprechenden Intelektuellen – eine Horde. Eine Horde von ähnlich empfindenden und sehnsüchtigen Menschen, denen nichts besseres einfällt, als das eigene Denken auszuschalten und einem Führer nachzulaufen.
Ein kurzes Zitat mag genügen:
„Wir sind von der Grundtatsache ausgegangen, daß ein einzelner innnerhalb einer Masse durch den Einfluss derselben eine oft tiefgreifende Veränderung seiner seelischen Tätigkeit erfährt. Seine Affekttivität wird außerodentlich gesteigert, seine intellektuelle Leistung merklich eingeschränkt, beide Vorgänge offenbar in der Richtung einer Angleichung an die anderen Massenindividuen; ein Erfolg, der nur durch die Aufhebung der jedem einzelnen eigentümlichen Triebhemmungen und durch den Verzicht auf die ihm besonderen Ausgestaltungen seiner Neigungen erreicht werden kann. …. der Grundtatsache der Massenpsychologie, den beiden Sätzen von der Affektsteigerung und der Denkhemmung in der primitiven Masse, ist ….nicht widersprochen worden….“ (Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, Fischer, S. 51).

Was hat der Einzelne, der Mensch in der atomisierten, in höchstem Grade atomisierten Gesellschaft solchen Angeboten entgegenzusetzen?
Wie lange wird er dem Werben standhalten können?

Was passiert, wenn im Netz eine solche „zufällige“ Autorität entsteht, das kann eine Person oder eine Idee sein?
Was geschieht, wenn sich diese Person oder diese Idee mit der Kraft des Netzes verbindet und sich über die persönlichen Netzwerke, die jeder unterhält, wie ein Virus verbreitet, basierend auf dem Vertrauen, daß die Netzwerkmitglieder untereinander entwickelt haben, durch die Spiele, die sie miteinander spielen; durch die Geschäftskontakte, die sie miteinander aufgebaut haben; durch die nächtlichen Dialoge, die sie miteinander geführt haben?
Wird eine solche „Welle“, wenn sie durch das Netz geht, in wenigen Stunden und Tagen eine Masse formen, die allen Gesetzen der Massenpsychologie folgend, zunächst jene ausgrenzen wird, die anderer Ansicht sind?

Wir sehen derzeit in einigen europäischen Ländern auch politische Gewinne der Neuen Rechten.
Wir sehen in anderen Kontinenten der Welt die Zunahme von Fundamentalismen.
Einfache Antworten auf komplexe gesellschaftliche Fragen kommen immer mehr in Mode.
Es ist die Stunde der Verführer.

Wozu eine Masse gut ausgebildeter, international erfahrener, mehrere Sprachen sprechender Menschen „fähig“ ist, wenn sie den Rattenfängern ins Netz geht, hat uns das 20. Jahrhundert auf furchtbare Weise gelehrt.
Es war das Zeitalter der industriealisierten Massenvernichtung. In den Lagern des Gulag, in Kambodscha, in Deutschland und anderswo.
Der sogenannte „aufgeklärte“ Mensch hatte – getrieben von den mächtigen unbewußten Sehnsüchten seiner Seele – dem Werben der Verführer nichts mehr entgegenzusetzen und verfiel dem Wahn der „Gemeinschaft“, die einem „Führer“ folgte.
Tagsüber hörten die Schlächter Mozart – dann gingen sie ins Lager, um andere hinzurichten.
Bildung ist offenbar kein Schutz gegen Verführung.
Was aber geschieht, wenn sich solche – im Netz bilden sie sich „zufällig“, abhängig von retweets beispielsweise – Verführer der Macht des Netzes bedienen und binnen weniger Sekunden in beinahe jeden Haushalt gelangen können?

Ich kann es nicht für einen Fortschritt halten, daß wir nun allein auf einer Plattform über 2000 Fernsehsender online sehen können.
Es ist für mich eher ein Zeichen einer aufs Höchste vorangetriebenen Individualisierung, die den Einzelnen immer mehr überfordert und ihn anfällig macht für die Verführung.
Wenn erst die „Freunde“ im Netzwerk einen bestimmten Sender empfohlen haben; wenn erst die „Kontakte“ bei XING oder anderen geschäftlich orientierten Netzwerken einen „Tipp“ gegeben haben; wenn das eigentliche Kapital des Netzes, das „Vertrauen“ und „Authentizität“ heißt – eingesetzt worden ist, um für eine „Idee“ oder eine „Person“ zu werben – dann sind der Verführbarkeit Tor und Tür geöffnet.

Was aber hat unsere atomisierte Gesellschaft einer solchen Entwicklung wirklich entgegenzusetzen?
Was könnte sie wappnen vor der Verführbarkeit?

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2 Gedanken zu “Massenpsychologie und web 2.0 – mehr als 2.000 Fernsehsender online. (2)

  1. Ja, auch dabei kann ich zustimmen. Ich selbst mache immer wieder die Erfahrung, daß aus „virtuellen“ Kontakte, tatsächliche Kontakte werden. Grade gestern abend war es wieder so, als ich mit Facebook-Freunden beim Weine saß… Die positiven Möglichkeiten des Netzes und der social networks sehe ich durchaus. Wenn man in den Texten hier ein wenig weiter vorn schaut: da habe ich etliches dazu geschrieben. Auch im Zusammenhang mit der Kampagne zur Bundespräsidentenwahl etc.
    Der Impuls zum Thema „Massenpsychologie und web 2.0“ kam eher von außen. Als ich mich bei meiner Lektüre mit dem Phänomen beschäftigte – da war diese Frage da, wie sich die unglaubliche Kraft des Netzes möglicherweise entwickeln kann, wenn Situation und technische Möglichkeit mit den Kräften der Masse zusammentreffen.
    Konkreter: ich glaube, die demokratischen Parteien in Deutschland sind noch nicht wirklich darauf vorbereitet. Man weiß, daß traditionelle Wählerbindungen weniger werden. Die Menschen wählen mal dies, mal jenes, je nachdem, welche wahlentscheidenden Faktoren (Kandidatenpersonlichkeit, aktuelle Themen etc.) gerade das größere Gewicht haben. Man weiß, daß die letzten vier Wochen vor einer Bundestagswahl die entscheidenden sind. Manche glauben sogar, es sei die letzte Woche vor dem Wahltermin, denn die Zahl der bis zum Wahltag Unentschiedenen nimmt auch von Wahl zu Wahl zu.
    Wenn man sich nun anschaut, daß mit Hilfe des Netzes innerhalb von wenigen Tagen sehr große „Massen“ entstehen können – für oder gegen etwas, wenn man andererseits sieht, das z.B. bei der letzten Bundestagswahl 4.500 Stimmen darüber entschieden, wer die Regierung stellt – dann bekommt man ein Gefühl dafür, daß das Netz mit seiner Kraft zu überraschenden Wahlergebnissen führen kann – denn die Stärke des Netzes besteht ja gerade darin, daß es innerhalb kürzestester Zeit sehr große „Massen“ bewegen kann. Wir haben das bei der online-Petition zum Thema Internetsperren gesehen (über 100.000 Unterzeichner); bei der online-Petition zur Anhörung zur Finanztransaktionssteuer (innerhalb von vier Wochen über 50.000), bei der Bundespräsidentenwahl (für Gauck über 50.000 Netzwerke) etc.
    Deshalb: neben den großen Vorteilen, die social web beispielsweise für das Kennenlernen „fremder“ Menschen etc, für kritische Reflexion veröffentlichter Meinung etc. spielt, hat es eben auch – vielleicht – ein riskantes Potential, das sich beispielsweise bei Wahlen sehr überraschend auswirken kann. Darauf müssen die demokratischen Parteien vorbereitet sein.
    Vielleicht ist es jetzt, am Beginn der verstärkten Nutzung des Netzes auch in Deutschland, günstig, darüber nachzudenken, damit die Überraschung nicht zu groß wird….

  2. Ich lese mit großem Interesse ihre beiden Beiträge zur Massenpsychologie – dieses Nachdenken ist ungeheuer wichtig. Und hochaktuell, wenn man z.B. Wikileaks anschaut mit seinen Wirkungen und Unwirkungen, wo man sich fragen darf: Cui bono?

    Trotzdem kann ich einer strikten Gegenüberstellung von Leben und Internet nicht viel abgewinnen (ich beschäftige mich gerade mit Künstlern, die kurz nach 1900 „gebloggt“ haben, was das Zeug hielt, eben auf Papier). Natürlich ist das Internet immer auch ein Propagandainstrument und Kriege ließen sich sogar virtuell führen. Es lässt sich aber auch FÜR den Menschen einsetzen. Kleines Beispiel:

    „Man zwitschert und mailt, bloggt und „kontaktiert“ – aber wirkliche Begegnung gerät immer mehr zur seltenen Ausnahme.“

    Ist das denn wirklich so oder wird das immer nur behauptet? Die Menschen um mich herum, die das tun, treffen sich nach wie vor mit ihren Freunden, reden am Zaun mit dem Nachbarn. Viele werden mobiler, treffen spontan wildfremde Menschen aus Social Media, verabreden Thementreffen etc. Bekanntschaften aus dem Internet werden manchmal zu echten Lebensfreunden. Das Internet ist ein Mittel, schneller Bekanntschaften zu schließen. Niemand hätte früher um die Menschheit gebangt, als man dazu noch in Kneipen gehen musste, um zwielichtige Gestalten anzureden…

    Ich glaube, es ist wichtig, auf die Auswüchse und Gefahren zu schauen, um sie bewusst zu machen. Wir sollten aber auch auf die Menschen sehen, die kritisch und eigen-mächtig mit dem Internet umgehen. Da können wir nämlich über Medienkompetenz und kritische Recherche (Beispiel: Blogger entdeckten die gefälschten Bilder von BP und analysierten sie öffentlich!) lernen und darüber, wie man Werte, die man im Leben hat, auch im Internet behält. Und da ist der Ausschaltknopf in der Tat das Mittel der Wahl, um nachzudenken.

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