Yout get what you are – du bekommst was du bist


Der Spruch klingt brutal.
Ich fand ihn im Netz gestern Nacht.
Er tauchte auf in einem längeren Gespräch über die Möglichkeiten der Politik, das Leben der Menschen zu verbessern. Er stand mitten in einer großen „KLAGE ÜBER DIE POLITIK“.
Von Mißtrauen war da die Rede; davon, daß „die Politiker“ doch nur sehen, daß sie reich werden; davon, daß sie die Menschen betrügen und nur an den eigenen Vorteil denken. Man könne doch die Menschen verstehen, die über solche Politiker nur noch kopfschüttelnd und ohne Vertrauen redeten.

Diese KLAGELIEDER sind in Mode.
Man braucht nur im Internet mal ein paar Dialoge über politische Themen zu verfolgen.
Schnell werden sie gesungen, diese KLAGELIEDER, die vielleicht jenen nicht unähnlich sind, die wir aus unserer Kultur kennen, jenen KLAGELIEDERN, die in hebräischer Sprache verfasst, später von Luther und andern übersetzt wurden. Man findet sie in jener Bibliothek, die man „biblia“ nennt.

You get what you are.
Das meint: du erlebst die Welt als korrupt, weil du selbst korrupt bist.
Du erlebst die Welt als betrügerisch, weil du selbst betrügst.
Du erlebst die Welt als nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht, weil du selbst nur an deinen eigenen Vorteil denkst.

Das klingt brutal.
Der Satz meint: du wirst die Welt um dich herum solange als „negativ“ erleben, wie du „in Resonanz“ mit dem Negativen bist.
Einem Instrument ähnlich, das mitklingt, wenn neben ihm ein Ton gespielt wird.

Der Satz meint indirekt: erst, wenn sich die Menschen selbst „erneuern“, wird die Welt um sie herum „besser“.
„Bring dich selbst in Ordnung und die Welt um dich herum wird in Ordnung kommen“.

In der ZEN-Tradition Asiens kennt man den Satz:  „innen wie außen“.
Er meint ziemlich dasselbe wie der Satz „you get what you are“.
Der Satz aus dem ZEN meint: es gibt keinen Unterschied zwischen deinem Innen und einem Außen.
Dieses Gegenüber von innen und außen ist eine Illusion.
Deshalb kannst du die Welt friedlicher machen, wenn du selbst innerlich wirklich friedlich wirst.
Das ist aber ein schwerer Kampf, den du zu fechten hast.
Denn, innerlich wirklich friedlich zu werden, bedeutet, einen sehr langen Weg zu gehen.
Wenn du dich selbst innerlich in Ordnung bringst, wird die Welt um dich herum in Ordnung kommen.
Deshalb kannst du, von diesem archimedischen Punkt aus, die Welt aus den Angeln heben.
Meditationserfahrene wissen, wovon ich spreche.

Innen wie außen – you get what you are:
Wenn du dich klein fühlst – wirst du Mißerfolg haben.
Wenn du dich abhängig machst – werden die Mächtigen ihr Spiel mit dir treiben.
Wenn du dich hilflos machst – wirst du nicht handeln können.

Es ist ein harter Satz: you get what you are.
Ich kann ihn einerseits bestätigen: ich kenne Tage, an denen scheint mir alles zu gelingen, weil ich selbst „gut drauf“ bin, weil ich gut über meine Energie verfügen kann.
Dann gibt es Tage, die sich grau anfühlen und vergeblich – weil ich meine Kraft nicht spüren kann, sondern meine Niedergeschlagenheit wahrnehme.

Aber: da ist etwas, was mich weiter nach-denken lässt.

Es geht in diesem Satz im Kern um das Menschenbild. Um die Vorstellung vom Menschen. Um die Idee, wie „der Mensch“ eigentlich ist.
„You get what you are“ sagt: du bist für alles selbst verantwortlich.
Solange du dich nicht selbst in Ordnung bringst – solange wird die Welt um dich herum auch chaotisch sein.
Solange du nicht in Kontakt gehst mit den positiven Energien – solange wird die Welt um dich herum dir negativ erscheinen.
Du selbst hast es in der Hand.
Es gibt psychotherapeutische Klinken, die haben am Eingang einen großen Spiegel gehängt, in dem sich jeder sofort wahrnimmt, der die Klinik betritt.
Über dem Spiegel ist zu lesen: „Hier gibt es nur einen, der verantwortlich ist – Sie“. Ich konnte dies in Hessen sehen, als ich einen Freund in einer Kur besuchte.

„you get what you are“. Du selbst bist verantwortlich für dein Leben. Niemand sonst. Kein Politiker, keine Eltern, keine Geschwister, keine „Verhältnisse“ – nur du selbst.
Der Satz klingt brutal.
Er zwingt den Menschen ins Erwachsen werden.
Er macht dem kindlichen Verhalten ein Ende, das so weit verbreitet ist in unserem Reden.
„Schadet meiner Mutter gar nichts, daß ich an den Händen friere – warum kauft sie mir keine Handschuhe!“ sagt der Vierjährige.
Das Kind klagt.
Die Mutter ist verantwortlich dafür, ob es dem Kind gut geht.
Statt sich selbst die Handschuhe anzuziehen.
Das aber kann das Kind noch nicht.
Es wird es lernen müssen.
Das moderne „KLAGELIED“ auf „die Politik“ ist so etwas Kindliches.
Da will man nicht wirklich Verantwortung übernehmen.
Man scheut das erwachsen werden.
Man macht sich klein – und erlebt die anderen als übermächtig.

You get what you are.

Es gehts ums Menschenbild.
Vom asiatischen Menschenbild haben wir gehört.
Ich lese deshalb nach in Texten unserer eigenen, abendländischen Tradition.

Und finde dies:

„….aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge
hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen….
Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk;
den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:
was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst;
und des Menschen Kind, daß du dich seiner annimmst?
Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott,
mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.
Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk.
Alles hast du unter seine Füße getan:
Schafe und Rinder allzumal,
dazu auch die wilden Tiere.
die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer
und alles, was die Meere durchzieht…..“

(Psalm 8 in Luthers Übersetzung aus dem Hebräischen).

da ist offensichtlich von VERANTWORTUNG die Rede.
Hier wird gesprochen von der VERANTWORTUNG des erwachsenen Menschen.
Hier hat die kindliche Klage über „die Verhältnisse“ oder „die Politik“ keinen Platz mehr.
Hier ist vom Erwachsenen die Rede und von seiner Verantwortung für alles, was uns „unter die Füße getan“ ist.
Es ist die Verantwortung des Menschen, der „nur wenig niedriger“ gemacht ist als die Wirklichkieit, die unsere Tradition „Gott“ nennt.

Vielleicht hängen ja beide Sätze – der asiatische und der orientalische Satz – miteinander zusammen.

Denn: es geht nicht nur darum, wie du die Welt „erlebst“.
Es geht – nicht nur – darum, mit welcher Energie du in Resonanz gehst.
Sondern: es geht – auch – darum, wie du sie gestaltest; wie wir mit den „Rindern und Schafen allzumal….und den Fischen im Meer“ in unserem täglichen Leben umgehen….

Wenn wir nicht wieder zurückfinden zum Wesen unseres Selbst – zum Wesentlichen,

dann könnte sich möglicherweise als Prophezeiung herausstellen, was da klingt, wenn wir hören:

you get what you are.

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