Martin Buber und Dag Hammarskjöld


In Martin Bubers „Nachlese“ (Verlag Lambert Schneider 1966) finde ich heute diesen wunderbaren Text über die Begegnung der beiden Männer und teile ihn wegen seiner Bedeutung:

Martin Buber: Erinnerung an Hammarskjöld.
1962.
Rede für den Schwedischen Rundfunk.

Ich bin ersucht worden, den Hörern des Schwedischen Rundfunks etwas über mich selbst zu sagen.
Da ist es wohl das beste, ich erzähle Ihnen von meinen Beziehungen zu einem großen Sohn des schwedischen Volkes, Dag Hammarskjöld.
Als ich im Frühjahr 1958 Gastvorlesungen an der Universität Princeton hielt, schrieb mit Hammarskjöld, er habe in meinem Buch „Pointing the Way“ meine Reden und Aufsätze über die politischen Grundprobleme dieser Stunde gelesen. „I want to tell you“, schrieb er, „how strongly I have respondet to what you write about our age of distrust and to the background of your observations which I find in your philosophy of unity created ‚out of the manifold'“.
Als wir dann in New York in dem Haus der merkwürdigerweise so genannten United Nations zusammenkamen, zeigte es sich, daß es uns beiden in der Tat um das gleiche ging:
ihm, der an dem vorgeschobensten Posten internationaler Verantwortung stand, und mir in der Einsamkeit eines Geistesturms, der in Wahrheit ein Wachtposten ist, von dem aus man alle Fernen und Tiefen der planetarischen Krisis zu erspähen hat. Daß es uns, sage ich, um das gleiche ging.

Uns beide peinigte gleicherweise die von einem fundamentalen gegenseitigen Mißtrauen durchsetzte Scheinsprache der Vertreter von Staaten und Staatengruppen, die in der unveränderlichen Rolutine aneinander vorbei zu den Fenstern hinausreden.

Wir beiden hofften, wir beiden glaubten daran, daß doch noch zur rechten Zeit vor der Katastrophe treue, ihrer wahren Sendung treue Vertreter der Völker miteinander in ein echtes Gespräch, in eine echte Verhandlung treten würden, in der es sich in aller Klarheit ergeben müßte, daß die gemeinsamen Interessen der Völker noch stärker sind als die einander entgegengesetzten.
Eine echte Verhandlung, in der es sich ergeben müßte, daß ein Zusammenwirken – ich sage nicht: „eine Koexistenz“, das ist nicht genug, ich sage und meine trotz all der ungeheuren Schwierigkeiten:
eine Kooperation dem gemeinsamem Untergang vorzuziehen ist.

Denn es gibt kein Drittes, nur eins von beiden: gemeinsame Realisierung der großen gemeinsamen Interessen oder das Ende all dessen, was man auf der einen und auf der anderen Seite die menschlichte Zivilisation zu nennen pflegt.

Damals, im Hause der „Vereinigten Nationen“ einander gegenübersitzend, erkannten wir beide, Dag Hammarskjöld und ich, was es im Grunde war, das uns miteinander verband.
Aber ich spürte, ihn anschauend und anhörend, noch etwas, das ich mir nicht zu erklären vermochte, etwas Schicksalhaftes, das irgendwie mit dieser Weltstunde, mit seiner Funktion in dieser Weltstunde zusammenhing.

Bald darauf, im Juni 1958, legte er in einer Dankrede an der Universität Cambridge, die ihm das Ehrendoktorat verliehen hatte, Zeugnis für unsere Gemeinsamkeit ab, indem er mit besonderer Betonung einen großen Teil der Ansprache vorlas, die ich 1952 in New York gehalten hatte, und zwar den Teil, dessen Gegenstand die Bekämpfung des allgemeinen existentiellen Mißtrauens war.

Im Januar 1959 besuchte mich Hammarskjöld in Jerusalem.
Im Mittelpunkt unseres Gesprächs stand das Problem, das mich im Lauf meines Lebens immer wieder beansprucht hat:
das Scheitern des geistigen Menschen in seinen geschichtlichen Unternehmungen.
Ich exemplifizierte es an einem der höchsten uns bekannt gewordenen Beispiele: an dem Mißlingen von Platons Versuch, in Sizilien seinen Staat der Gerechtigkeit zu begründen.
Ich empfand, und Hammarskjöld, das war mir gewiß, empfand es wie ich: auch wir waren Empfänger jenes Briefs, in dem Platon von seinemn Scheitern und von seiner Überwindung dieses Scheiterns erzählt.

Im August 1961 schrieb mir Hammarskjöld über seine Eindrücke vom Lesen einiger meiner philosophischen Werke.
Er wolle, schrieb er, eins dieser Bücher ins Schwedische übersetzen: „so as to bring you closer to my countryman“, fügte er hinzu und fragte noch an, welches Buch ich dafür für das geeignetste halte.
In meiner Antwort empfahl ich ihm, das Buch „Ich und Du“ zu übersetzen.
Er ging sogleich an die Arbeit.
In dem Brief, in dem er mir darüber berichtete, bezeichnete er das Buch als „key-work“, decisive in its message.

Ich erhielt jenen Brief eine Stunde, nachdem ich am Radio die Nachricht von seinem Tode gehört hatte.
Wie mir hernach berichtet worden ist, hat er noch auf seinem letzten Flug an der Übertragung von „Ich und Du“ gearbeitet.“

(a.a.O. S.33-36).

Ich wünschte mir in diesen Tagen der Weltkrise, das wir anknüpfen könnten an jenem Gespräch über das Mißtrauen zwischen den Völkern und die Notwendigkseit sähen, unsere Welt als ein gemeinsam zu verantwortendes zu begreifen.

„Denn es gibt kein Drittes, nur eins von beiden:
gemeinsame Realisierung der großen gemeinsamen Interessen oder das Ende all dessen, was man auf der einen und auf der anderen Seite die menschlichte Zivilisation zu nennen pflegt“.

Beide Männer, Buber und Hammarskjöld, waren „Stilleerfahrene“. Sie kamen beide vom Hören des Wortes her. Sie kamen beide vom Dialog, von der wirklichen Begegnung.
Ich bin im Buch deshalb auf beide Männer eingegangen. Sie sind zu Weggefährten geworden:

http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=339747

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