Vom Sitzen. Oder: wie Texte entstehen


Im Zentrum der Übung liegt ZAZEN (sprich: Sasén).
Die Entgiftung gelingt mir nicht ohne diese tägliche Übung.
ZAZEN muß man tun.
Es ist nichts für den Kopf.
Es ist nichts für Worte.
Denn Worte hören im ZAZEN auf.
Der Wort- und Datenmüll, der unseren Alltag füllt, verschüttet den Zugang zum Kern. Ständig. Immer wieder.
Deshalb ist die Übung erforderlich.
Täglich.
Das „Reinigen der Schale“.
Es ist eine Frage der Seelenhygiene. So, wie das Duschen und Zähneputzen zur Körperhygiene gehören.
Die Übung scheint einfach:
sitz aufrecht. schweig. atme. atme vor allem lang aus.
Die Mitte deines Körpers liegt zwei Zentimeter unter dem Bauchnabel.
Dort hast du deine Hände zusammengelegt.
Mich erstaunt nach der täglichen Übung des ZAZEN oft, welche unglaublichen Mengen an Gedanken- und Wortmüll sich in mir angesammelt haben.
Alles unwichtiges Zeugs, das den Spiegel der Seele beschmutzt.
ZAZEN hilft mir, daß der Spiegel der Seele wieder klar wird.
Es ist eine einfache, schlichte Übung.
Aber sie hat sehr große Kraft.
Schwertkämpfer trainieren ZAZEN.
Es ist das Training der Wachheit.
HIER und JETZT.
Keine Gedanken mehr, kein Wollen mehr. Ganz gegenwärtig sein.
Wenn der Schwertkämpfer nicht im HIER und JETZT ist, wird er es sehr bald spüren: sein Kampfpartner wird ihm kräftig „eins überziehen“.
Die Wachheit für den gegenwärtigen Augenblick.
Darum geht es.
Du hast nur diesen gegenwärtigen Augenblick. Er ist dein ganzes Leben.
Das Vergangene ist vergangen, was kommen wird, kannst du nicht wissen.
Nur HIER und JETZT.
Übe die Achtsamkeit für das, was jetzt gerade ist.
Alle Sorgen, alle Ängste, aller Zorn und aller Kleinmut verlieren ihre Kraft.
Die „Mühle im Kopf“ kommt zum Stillstand.
Klarheit breitet sich aus in dir.
Namenlose Klarheit.
Gegenwart.

Ich habe viel ausprobiert in meinem Leben, um im Gleichgewicht zu bleiben: bin gelaufen, habe Yoga trainiert; bin geschwommen und habe die „fünf Tibeter“ praktiziert.
Das ZAZEN jedoch ist wegen seiner Einfachheit und Klarheit die mir entsprechende tägliche Übung.
Denn sie hilft mir, die „Mühle im Kopf“ abzustellen.
Sie hilft mir, innerlich in der Balance zu bleiben, wenn sich starke Gefühle melden.
Dann setz dich aufrecht.
Atme.
Nimm wahr, was jetzt ist: hör die Geräusche um dich herum, schmecke, was du gerade schmeckst; rieche, was wahrzunehmen ist; nimm wahr, was in deinem Körper ist. Schau dir an, was sich in der Seele zeigt: schau dir das Gefühl an – wie in einem Spiegel.
Du bist nicht das Gefühl.
Es ist nur ein Schatten im Spiegel.

Das wichtigste am ZAZEN:
man kann davon eigentlich nicht sprechen.
Man muß es tun.

Anfangs kommen sehr große innere Widerstände: eine große Unruhe zeigt sich; dir ist, als müsstest du „weglaufen“; man sieht es am Schwanken des Körpers, an der Unruhe des flachen Atems.
Widerstand.
Die „Affen im Kopf“ fangen an zu tanzen.
Lass dich nicht irritieren.
Schau deinem Atem zu. Er führt dich.
Und dann schau sie dir an, diese Affen. Wie sie tanzen.
Wenn sie Gewalt über dich zu gewinne scheinen: kehre zum Atem zurück.
Er verbindet dich mit dem Leben.
Der Atem ist der „Hauch Gottes“.
Dann kehre zurück zu den Affen. Schau sie dir an. Wie sie tanzen.
Sie sind nur eine Illusion. Sie tun nur so, als wären sie da.
Sie werden gehen eines Tages.

Starke Gefühle können sich zeigen:
unbändige Wut; große Trauer, starker Zorn.
Aber auch Hingabe wird möglich.
Wenn die starken Gefühle kommen; wenn Tränen fließen; wenn der Körper sich schüttelt: kehre zurück zum Atem.
Er führt dich.
Die starken Gefühle sind alt.
Alte, frühe Verletzungen werden so wieder fühlbar.
Schau sie dir an im Spiegel.
Sie werden schwächer und schwächer, je öfter du sie angeschaut hast.
Sie kommen immer wieder, gewiß.
Aber sie verlieren ihre Kraft.
Sie melden sich – wie alte Bekannte.
Du lernst, deine inneren Landschaften zu kennen.
Du lernst dich kennen.
Du lernst, wenn du atmest und zuschaust, was sich da alles zeigt: wieviele alte Gefühlsreste du mit dir herumschleppst.
Dann atmest du aus.
Und lässt sie gehen.
Sie sind nicht mehr wichtig.

SAZEN ist „einfach“.
Gerade deshalb ist es eine „Große Übung“.

Ich hätte den Text „Mitten im Lärm der Stadt betrete ich die Stille“ nicht schreiben können ohne diese Erfahrung.

http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=339747

http://www.facebook.com/pages/Nachtgesprache/126836900686268?ref=ts

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2 Gedanken zu “Vom Sitzen. Oder: wie Texte entstehen

  1. Willkommen in der Gemeinde!

    Zu einer weiteren Dimension des Zazen hat Willigis Jäger in seinem neuen Buch gerade geschrieben (Auszug):

    Der Westen muss aus der Verhaftung in seinen Individualismus herausfinden und der Osten aus seiner Überbetonung der Leere. Beide fanden bis jetzt nicht in eine zeitgerechte soziale Verantwortung. Zen besitzt in unseren Tagen auch einen Auftrag auf der sozialen und ökologischen Ebene.

    Dabei geht es nicht um eine moralische Verpflichtung. Die Erfahrung der Einheit lässt für den Mitmenschen Sorge tragen. Wem sie geschenkt wird, der kann sich einer sozialen und gesellschaftspolitischen Verantwortung nicht entziehen …
    Das Mitgefühl muss sich auch auf das ganz konkrete Leben richten. Das sind Leid, Hunger, Ausbeutung, Folter, Krieg. Auch die Erfahrung der Leere löst uns nicht aus der ganz konkreten Situation.

    Oft sind physische Hindernisse wie Armut der Grund, warum Menschen nicht zum Zazen kommen können. Sie müssen zuerst für sich und ihre Familien die materiellen Grundlagen des Lebens schaffen. Wer sich ausschließlich anstrengen muss, um für seine Kinder etwas zu essen zu finden, dem bleibt keine Zeit für etwas anderes. Zen neigt manchmal zur Passivität und zum Quietismus. Denn: Aktionen können schlechtes Karma bringen und verursachen eine niedrige Wiedergeburt. Der Mensch ist aber ein ganzheitliches Wesen.

    Die Bedeutung des Augenblicks, das Hier und Jetzt, spielt die entscheidende Rolle. Wir können nicht so tun, als ob uns die Welt und die hungernden Menschen um uns herum nichts angehen. Auch der Terror, der Krieg, die Armut haben ihren Platz im Mitgefühl und führen zum Handeln. Die Einheitserfahrung, die in ein absolutes Mitgefühl einfließt, führt zum ganz konkreten Leid und zur ganz konkreten Not des Mitmenschen. Sie führt in die soziale und ökologische Verantwortung. Da meine menschliche Gestalt mir die Möglichkeit gibt, zu planen und zu organisieren, fühle ich mich verantwortlich für diese Spezies und ihre Zukunft. Seitdem wir Geist erreicht haben, sind wir gleichsam auch Kokreatoren geworden. Mir scheint, dass der Westen die Effizienz der Einheitserfahrung in dieser Richtung in Zen einzubringen hat. Es bedeutet einen wesentlichen Beitrag zur Hinführung der Menschheit in eine neue Bewusstseinsebene.

    Liebe Grüße

    Bernd

    1. Hallo Bernd, ich mag die Texte von Willigis Jäger, aber bei dem hier bin ich ein wenig zögerlich. Das ist sehr viel „Kopf“ und sehr viel „müssen“. Wenn es sich ergibt ist es ok. Wenn es sich nicht ergibt, ist es auch ok. Zustimmen kann ich in der Beobachtung, daß SAZEN nie ohne Folgen ist. Aber es ist ein Über-fluss, nicht ein „machen“. Wenn ich „Hinführung der Menschheit in eine neue Bewußtseinsebene“ lese, spüre ich Widerstand. Denn: das ist nicht die Aufgabe. Nicht unsere. Wenn es sich vollzieht, ist es so. Wenn es sich nicht vollzieht, ist es so. Was wir „tun“ können: den Spiegel putzen.

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