Ein Dank an die Weggefährten


Die Kampagne ist beendet.
Dankbarkeit ist da für die Menschen, mit denen ich ein Stück des Weges gegangen bin.
Christoph Giesa mit der von ihm gegründeten Facebook-Gruppe für Joachim Gauck; Ulla Bitz, die so fleißig gepostet hat, damit die Seite wächst; Gisela Teuchert- Benker, die regelmäßig am nachmittag oder abend mithalf; Christian Edom, der so viele kluge Texte beigetragen hat; Rainer Schnittka; Sven Haetscher; Günther Bach mit seiner wohltuenden kritischen Nachdenklichkeit; Philipp Eichentopf mit seinen engagierten Beiträgen; Mirza Kehonjic; Yvonne Mockenhaupt; Rainer Ohliger, der die Demos für Gauck koordiniert und ermutigt hat; Stephan Steinlein mit seiner stillen, konkreten und sehr präzisen Arbeitsweise; Daniela Lindemann und Jens Tüngerthal mit dem Reichtum ihrer schönen Sprache, Frank Happel mit seiner immer wieder erdenden Skepsis – und und und. Es sind viele viele  Menschen, ich kann sie gar nicht alle aufzählen, die Wegbegleiter waren in den zurückliegenden Tagen und Wochen.

Die meisten von ihnen habe ich bislang nie gesehen.
Wir kennen uns „nur“ aus dem Netz.

Aber wir haben ein gemeinsames Ziel: wir wollen unseren Beitrag leisten, damit die Demokratie mit Leben erfüllt wird.
Es ist unser Land. Wir sind seine Bürger.
Dieses Land gehört den Parteien nicht.
Parteien sind an der Willensbildung im Volk lediglich „beteiligt“, wie es unsere kluge Verfassung weiß.
Sie sind notwendig, aber sie sind nicht alles.
Manchmal allerdings ist es nötig, daß die Bürgerinnen und Bürger den einen oder die andere daran wieder erinnern müssen…

Die Kampagne zur Unterstützung der Kandidatur für Joachim Gauck hat dieses Ziel erreicht.
Viele Initativen, Gruppen, Seiten kamen zusammen – für ihren Kandidaten, für eine lebendige Demokratie.
Menschen aus allen Parteien waren dabei. Sehr viele Parteilose.

Die Menschen holen sich nun mit Hilfe des Internets Schritt für Schritt und Kampagne für Kampagne etwas zurück von dem, was die Verfassung eigentlich als Grundlage unseres Gemeinwesens voraussetzt:
Alle Macht geht vom Volke aus.
Das ist eine wohltuende Entwicklung.

Ich konnte diese Entwicklung bislang in drei Kampagnen mitverfolgen und mitgestalten: bei der Kampagne zur Petition in Sachen Kinderschutz (Internetsperren; über 100.000 Teilnehmer); bei der Kampagne zur Einführung einer Finanztransaktionssteuer (über 60.000 Teilnehmer); nun bei der Kampagne zur Unterstützung von Joachim Gauck (über 50.000 Teilnehmer, man kann die Zahlen nur grob schätzen, weil so viele Initativen beteiligt waren).

Und heute morgen – am Tag nach der Präsidentenwahl, empfinde ich eine große Dankbarkeit über die Begegnung mit den vielen vielen engagierten und kreativen Menschen, denen ihr Land nicht egal ist.
Sie sind zu Weggefährten geworden.
Wir sind ein Stück unseres Lebensweges gemeinsam gegangen.

Viele haben in den letzten Wochen und Monaten „gekämpft“, haben sich „ins Zeug gelegt“, haben teilweise sogar Urlaub genommen dafür.
Manche haben nur sehr wenig geschlafen deshalb; haben auf Kosten ihrer Gesundheit gelebt; sind bis an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit gegangen.
Ehrenamtlich versteht sich.
Freiwillig, versteht sich.
Parteiübergreifend, versteht sich.
Mit wachem Verstand und heißem Herzen – so habe ich die vielen erlebt, die sich einbrachten.

Wir haben unsere „Kieselsteine in den Strom“ geworfen.
Sie haben erhebliche Wellen geschlagen und starke Reaktionen ausgelöst.
Von einem „Hype“ war gar die Rede – (ich verstehe allerdings immer noch nicht genau, was damit eigentlich gesagt sein soll, es sei denn, man will das, was da grade in der Gesellschaft vor sich geht „nicht so ganz ernst nehmen“?)
Große Resonanz gab es: im Fernsehen, im Rundfunk, in den politischen Magazinen, in den Tageszeitungen.
Sie haben die öffentliche Meinung stark beeinflusst.
Und damit auch die Bundesversammlung.
Es hat dieses Land weiter verändert.
Hin zu mehr direkter Bürgerbeteiligung.
Hin zu mehr direkter Demokratie.
Hin zu einer Erweiterung der Möglichkeiten unseres Gemeinwesens.

Wir werden diese wunderbare Bereitschaft zum Engagement und das hohe Maß an Kreativität brauchen; das, was die Internetcommunity als „Schwarmintelligenz“ bezeichnet.
Denn die Probleme, mit denen sich unsere Welt auseinandersetzen muß, nehmen an Komplexität zu.
Kreativität ist angesichts der hohen Komplexität nötiger denn je.
Und wir können bereits jetzt sehen, daß die Kreativität der bestehenden politischen Systeme nicht ausreicht, die großen Probleme unserer Zivilisation angemessen zu lösen.
Der „Klimawandel“ und die völlig unzureichenden politischen Reaktionen darauf sind nur ein besonders dramatisches Beispiel dafür.

Heute ist ein neuer Tag.
Es gibt einen gewählten Präsidenten.
Die Weggefährten gehen nun wieder auseinander.
Aber wir wissen nun voneinander.
Das Netz wächst.
Kontakte bestehen.

Es ist gut, nun, am Ende der Kampagne auszuatmen.
Es ist gut, die Dinge gehen zu lassen.
Nicht anhaften. Nichts festhalten.
Auch die eigenen Wünsche und Enttäuschungen nicht.
Sie sind von gestern.
Heute ist ein neuer Tag.

Joachim Gauck ist zu danken. Er hat sich in vielerlei Hinsicht für unser Land verdient gemacht und ich hätte es ihm und uns gewünscht, daß er der neue Präsident geworden wäre.
Die Bundesversammlung hat anders entschieden.
Auch das hat seinen Sinn – den wir vielleicht erst später erkennen werden.
Joachim Gauck ist zu danken, daß er sich zur Verfügung gestellt hat.
Ein Mann in seinem Alter und mit einer solchen Biografie könnte in der Tat auch andere Dinge tun, als sich den verschiedensten Interessen der politischen Gruppen, den Kämpfen und Beleidungen, den engen Terminen und anderen Herausforderungen auszusetzen.
Aber Joachim Gauck hat sich zur Verfügung gestellt.
Als Kandidat für mehr Demokratie.
Als Projektionsfläche auch für die verschiedensten Erwartungen und Wünsche.
Seine Kandidatur hat sehr viel ermöglicht an Aufbruch, auch an Erfahrung über das bestehende politische System.
Deshalb: Dank an Joachim Gauck.

Präsidentschaftswahl.
Vier Wochen im Juni 2010.
Sie gehören mit zu den großartigsten politischen Erfahrungen in meinem Leben.
Denn diese Kampagne mit ihrer Kreativität, mit ihrem Ideenreichtum, mit ihrem Kampfeswillen und vor allem: mit diesem Höchstmaß an Konstruktivität!
Hier sind endlich Menschen für etwas losgegangen, statt, wie viel zu oft, „gegen“ etwas zu sein.
Es wurde dadurch eine wunderbare positive, nach vorn gerichtete Kraft frei.
Ich bin reicher geworden durch diese schöne Erfahrung und habe sehr viel gelernt.
Über das Internet. Über die Möglichkeiten, die das Netz uns Bürgern bietet.
Über den Mut und die Hoffnung.

Dank an die Weggefährten!

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12 Gedanken zu “Ein Dank an die Weggefährten

    1. hallo Bernd, ach, was ist das Internet für eine schöne Sache! Danke dir für deine mexikanischen Grüße! Ja, das waren gute Wochen mit viel positiver Energie. Das hat mal wieder richtig Freude gemacht. Ich erinnere mich gern an unser gemeinsames Waldprojekt vor etlichen Jahren. Als wir auch anfangs allen Widerstand gegen uns hatten und am Ende hatten wir ein wunderbares neues Gesetz durchs Parlament gebracht für mehr Klimaschutz durch Aufforstung auf Kirchenland. Mit denen, die am wenigsten an ihre Kraft glaubten, haben wir angefangen, weißt du noch? Mir hat auch in diesen Wochen wieder am meisten gefallen, wie die Menschen zu ihrer eigenen Kraft zurückfanden und sich engagierten. Es war wunderbar zu sehen, welche Kraft da im Lande ist.

  1. lieber uli,
    zwei dinge habe ich an dir wieder entdeckt in diesem text: deine fähigkeit, menschen zu aktivieren und worte zu finden, die menschen anrühren…
    daran haben die letzten 25 jahre nichts geändert.
    und das ist gut so! danke dir uli

  2. Lieber Ulrich, liebe Unterstützerinnen, liebe Unterstützer,
    dass waren 4 großartige Wochen für unsere Demokratie und für unser Land. Ich habe gestern nach dem ersten Wahlgang Hoffnung gehabt, dass es mit der Wahl von Joachim Gauck zum Bundespräsidenten klappt. Dieser Mann hätte unserem Land und unserem Volk gutgetan. Als er nach dem ersten Wahlgang in unsere Fraktion kam, bekam er Standing Ovations und einige waren sehr gerührt, ich auch. Es war so eine Aufbruchstimmung und eine gelöste Athmosphäre, das habe ich in meiner Partei lange nicht erlebt. Danke auch dafür. Was die vielen Unterstützer in den letzten Wochen im Netz geleistet haben, ist nicht mit Worten zu beschreiben. Diese Netzunterstützung für Joachim Gauck ist der erste Schritt für eine ganz neue Art positive Politik zu vermitteln und mitzugestalten. Ich hoffe, dass alle, die sich beteiligt haben , bei der Stange bleiben. Sich einmischen gehört zur Veränderung dazu.

    1. hallo michaela, danke für das feed-back. wir haben in der kampagne, spät abends war es oft, lächelnd gesagt, als es spannend wurde: „nicht daumen drücken – tasten drücken!“ Die freien bürger dieses freien landes entdecken neue möglichkeiten der teilhabe. das ist spannend. aber es wird auch das zusammenspiel zwischen parlament und gesellschaft sehr stark verändern. ich bin gespannt, wie sich das parlament auf diese neuen dialogmöglichkeiten einstellen wird. mit den online-petitionen ist eine erste möglichkeit eröffnet. aber das genügt nicht. die menschen sind sehr kreativ, sie sind engagiert, sie sind bereit, sich einzubringen, wenn sie das gefühl haben, daß sie auch wirklich wahrgenommen und gehört werden. es ist im moment noch völlig unklar, wie das eingebunden werden könnte in parlamentarische abläufe. aber das wird kommen müssen. es wird sehr darauf ankommen, ob es mandatsträgerinnen und -träger gibt, die es verstehen, diesen notwendigen und sicher nicht immer konfliktfreien dialog so zu moderieren, daß man zu praktikablen lösungen kommt. die menschen werden auf dauer nicht damit zufrieden sein, daß sie online-petitionen unterschreiben können. das wird alles noch sehr spannend. auch fürs parlament.

  3. Lieber Ulrich,
    da geht es mir wie Claudia. Ich meine die Tränen.
    Es waren so tolle Wochen. Wir waren ein so gutes Team. Immer hast Du wieder motiviert! Dafür danke ich Dir ganz, ganz herzlich.
    Die Menschen, die mitgemacht haben, haben dies alle mit heißem Herzen getan. Für etwas wirklich Gutes!
    Nein, wir kennen uns nicht persönlich, aber ich finde, wir sind uns so nah gewesen.
    Diese Kampagne hat mir Spaß gemacht und hat mir gut getan, auch wenn ich ihr ein anderes Ergebnis gewünscht hätte.
    Euch allen „Gute Nacht, Freunde!“

  4. Ich mag diese /Eure ruhigen und nachdenklichen Worte sehr, sie helfen mir Abschied zu nehmen von einem Traum, der uns alle beflügelt hatte und mich jetzt wieder meinen Alltagsaufgaben zuzuwenden. Im ‚Netz‘ bewege ich mich nicht so selbstverständlich, wie wohl die meisten hier. Facebook war bisher ein Ort, Gedanken und Fotos mit meinen Kindern auszutauschen. Aber ich nehme das gute Gefühl mit, mich für ein gemeinsames Ziel eingesetzt zu haben. Ich bin sicher, wir sind auf dem richtigen Weg, wenn wir die Möglichkeiten miteinander ins Gespräch zu kommen auch über das Internet nutzen! Ich werde Euren Weg mit großem Interesse weiter verfolgen und wenn möglich begleiten.
    Danke für die gemeinsame Zeit!
    Renate

  5. Lieber Ulrich,

    ich bin nahe am Wasser gebaut, ich habe tatsächlich ein paar Tränen in den Augen, Tränen der Freude, Tränen der Dankbarkeit. Dankbarkeit für die letzten vier Wochen, die wir gemeinsam für EIN Ziel gekämpft haben.

    Joachim Gauck ist zwar nicht unser Bundespräsident geworden, aber es gibt eindeutig einen Gewinner: Unsere Demokratie ist zu neuem Leben erwacht. Wir haben eine Knospe zum blühen gebracht.

    Nun gilt es dieses zarte Pflänzchen zu hegen und zu pflegen, damit wir alle möglichst laaaaange etwas gemeinsam davon haben, wir weiterhin viel Freude damit haben.

    Einen lieben Gruß, Claudia Laux
    (Initiatiorin für den noch zu gründenden Verein MEHR DIREKTE DEMOKRATIE e.V.)

    1. Hallo Claudia, ja, es waren großartige Wochen. Und das Netzwerk der Menschen guten Willens wächst und wächst. Das macht viel Hoffnung! Wir werden das Pflänzchen der Demokratie gut bewahren und dafür Sorge tragen, daß es weiter wachsen kann! Liebe Grüße! Ulrich.

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