1,2 Zettabyte – Fragen in der digitalen Welt – wer wird mein Nachbar sein?


Bis 2020 wird sich die Datenmenge im Internet um das 44 fache gesteigert haben, schreibt der kurier am 7.5.2010 aus Österreich.

http://kurier.at/techno/1999804.php

Da ist ein Rauschen um den Globus, ein Wellen und Wabern, „zu 90% aus Bildern bestehend“.
Ich versuche mir für einen Moment diese Erde aus dem Weltall gesehen anzuschauen.
Versuche, mir diesen Datenstrom vorzustellen, der da anschwillt und den Globus wie eine „zweite Atmosphäre“ umschließt.
Zehn Jahre noch.
Dann, so sagen die Forscher, sind wir bei 1,2 Zettabyte angelangt.

Der Strom schwillt weiter an. Tag für Tag. Die Wachstumsraten bei den online-Diensten sind groß.
Am Ende könnte jeder mit jedem sprechen.
Von jedem Sofa der Welt könnte man mit jeder Hütte in Afrika Kontakt aufnehmen.
Sozusagen.
So aber wohl doch nicht.
Denn:
Die Themen-Wellen verstärken sich durch „retweeds“. Was nicht „retweeted“ wird, „fällt durch“.
Die Masse entscheidet, was wichtig ist.
Die Masse entscheidet, was eine richtige „Welle“ im Netz wird.
Was oft „retweedet“ wird, kann eine „Welle“ werden.
Blitzschnell geht das.
Die Masse der Nutzer entscheidet  – und ein paar wichtige „Netzwerkknoten“, die wie große Beschleuniger in diesem Datenozean wirken.
Große Zeitungen zum Beispiel, deren Nachrichten häufig weiter geschickt werden; große blogs auch.

Ich versuche, für einen Moment ein Gefühl für diese Entwicklungen zu bekommen, es will nicht recht gelingen.
Wie fühlt sich das an, was da zu erwarten ist?
Könnte man das malen?
Könnte man da ein Gedicht drüber schreiben?
Wie klingt ein Musikstück, das diese Entwicklungen ausdrückt?
Oder bleibt am Ende nur ein „großes Rauschen“ einer Menschheit, die sich um sich selber dreht wie die Erde selbst?

Ich ahne, daß es „Gewinner“ und „Verlierer“ dieser Entwicklung geben wird.
„Verlierer“ sind, auf den ersten Blick jedenfalls, alle diejenigen, die keinen Zugang zum Netz haben.
Es soll ja Menschen auf der Welt geben, die nicht mal sauberes Wasser haben….. (etwa 2 Milliarden sind es im Moment).

Nehmen wir für einen Moment das Bild, daß jeder mit jedem vernetzt ist und theoretisch alles über ihn erfahren kann, weil das Netz und seine wenig geschützten Daten Vorgänge und Prozesse immer transparenter machen (Datenschutz).
Da sehe ich sie sitzen an ihren Laptops und Handys, an ihren e-books und PCs, wie sie vernetzt sind mit allem und jedem – und doch ihren Nacharn nicht kennen.

Wird eine solche Entwicklung zu mehr Nähe zwischen den Menschen führen? Zu mehr Verständnis füreinander?
Oder wird sie lediglich eine „Verkopfung“ befördern, die ja längst eingetreten ist?
Wird sie jene Trennung von Kopf und Körper befördern, die ja heute schon problematisch genug ist?
Was wird mit der bekannten aber zu wenig berücksichtigten Tatsache, daß über 90% unseres Verhaltens unbewußt gesteuert ist, in einer Welt, die zu 90% aus „bewußten“ Bildern besteht und kognitiv-visuell aufgenommen und verarbeitet wird?
Wird es zu „Eruptionen“ des Unbewußten kommen? Denn: man weiß ja, daß sich das Unbewußte, wenn man nicht um seine Kraft und Bedeutung weiß, um so mächtiger zu Wort meldet.
Was für „Wellen“ werden dann entstehen in jenem gewaltigen Datenstrom, der da jede Minute um den Globus rauscht?

Wie werden sich politische Systeme verändern in einer Welt, in der praktisch nichts mehr „nichtöffentlich“ ist?
Werden am Ende diejenigen die Gewalt über die „Wellen“ im Netz haben, die gut kalkulierten Zugang zu den „Knoten“ im Netz pflegen, ihre sonstigen Aktivitäten aber aus guten Gründen nicht veröffentlichen?

90% Bilder.
Lese ich.
Und stelle mir für einen Moment die Verkürzung der Botschaft vor, die in dieser Aussage enthalten ist.
Was werden die Menschen voneinander „wissen“, wenn sie nur noch im „Meer der Bilder“ schwimmen?

Etliches scheint sich abzuzeichnen:
die parlamentarischen Demokratien stehen vor gewaltigen Veränderungen. Denn das Tempo ihrer Entscheidungsfindung: über Kandidaturen, Wahlen, Mehrheitsfindungsprozesse etc. wird hinter dem weiter wachsenden Tempo, mit dem „Wellen“ im Netz entstehen – und natürlich die Parlamente beeinflussen – noch mehr zum Problem werden.
Sie werden sich anpassen müssen.

Im Moment machen Parlamente erste Erfahrungen mit online-Petitionen.
Man kann sehen, wie innerhalb kürzester Zeit über Web 2.0 oder 3.0 oder 4.0 oder was da alles noch kommen mag, Themen zu wirklich politisch relevanten „Themen“ werden, auf die man reagieren muß.
Kampagnen machen die Erfahrung, daß sie „etwas bewegen können“, wenn sie das web nutzen.
Die Möglichkeiten der direkten Teilhabe an politischen Prozessen im Parlament vergrößern sich.

Wenn sich dieser Trend jedoch verstärkt: wie ist es dann um die Bedeutung von Wahlen bestellt?
Wird man die althergebrachten Wahlprozesse noch benötigen? Oder entscheiden am Ende die „neuen Mehrheiten“, die sich – von wem eigentlich gesteuert? – zu „Wellen im Netz“ entwickeln und „thematische Mehrheiten“ entwickeln?

Im Moment haben noch längst nicht alle Politiker und NGos die Chancen des dialogischen Prinzips der neuen Medien für sich entdeckt.
Im Moment überwiegt noch die Zahl derjenigen, die das Internet lediglich nutzen wie einen öffentlichen Markt, auf den sie „ihr Plakat“ stellen.
Das ändert sich gerade.
Die „Chance für den Dialog“ wird zunehmend mehr gesehen: online-Tagungen mit chat; blogs, Videogestützte Veranstaltungen wachsen.

Doch: wie ist es mit der durch Wahlen begründeten parlamentarischen Demokratie, wenn sich in solchen Dialogprozessen neue „Themen“ und „Mehrheiten“ herausbilden, die sich so im Parlament selbst nicht finden lassen?
Werden die Abgeordneten diesen neuen „Wellen“ folgen? Oder werden sie auf ihre eigenen Meinungsfindungsprozesse vertrauen, wie sie eingeübt sind im Zusammenspiel von Arbeitsgruppen, Ausschüssen, Fraktionen; zwischen Parlament und Regierung; zwischen Bundestag und Bundesrat; zwischen Nationalstaaten und Europa; zwischen den Kontinenten und der UNO beispielsweise?

Was ich mir nicht vorstellen mag, ist ein Bild von einer Welt, in der nicht alle Menschen Zugang zu den Chancen des Internets haben.
Was ich mir nicht vorstellen mag, ist ein Bild von einer Welt, in der die Armen, die nicht mal sauberes Wasser zum Trinken haben, noch mehr abgeschnitten werden vom „Rest der Welt“.
Ich mag mir auch keine Welt vorstellen, in der zwar alle mit allen „vernetzt“ sind, aber dennoch nichts vom Nachbar wissen.
Sie kennen seine Wünsche und Sehnsüchte nicht.
Sie können ihn nicht berühren und trösten.
Sie können nicht wirklich „in Kontakt gehen“ zu dem, der neben ihnen lebt.

Was wird überwiegen?
Die Chancen oder die Gefahren einer Entwicklung, die sich abzeichnet schon für die nächsten zehn Jahre?

Im Moment überwiegen die Fragen.

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