Koalieren mit den Erben der Diktatur?


21. Bautzen-Forum FES Büro Leipzig 6.-7. Mai 2010
6. Mai

Schon beim Frühstücksgespräch an meinem Tisch beginnt es. Ich rede mit Herrn Dieter Rother (Vom sowjetischen. Militärtribunal 1950 wegen “konterrevolutionärer Propaganda“ verhaftet, 4 Jahre Zuchthaus Bautzen I). Er erzählt mir, er habe sich gestern den Knast angesehen, in dem er als 19-jähriger für 3 Jahre gesessen hatte. Er hatte als Jugendlicher Parolen an die Wände gemalt und war verurteilt worden. Er kennt Menschen, die hatten Schuhe aus dem Russen-Magazin geklaut “in den schlechten Jahren.” “Man hat sie nicht verurteilt zu 3 Monaten auf Bewährung, wie man erwarten könnte, sondern zu 25 Jahren Gefängnis” erzählt Rother, der morgen mit mir im Podium sitzen wird.

Gebürtig in Frankfurt/Oder macht er sich heute “zunehmend” Vorwürfe wegen seines Handelns damals, denn “meine Mutter wusste ein Vierteljahr lang nicht, wo ich bin”. Die “Sekundäropfer” melden sich.
Für mich ist es interessant, wie Menschen, die selbst Opfer der Willkür der Diktatur waren, durch die Entwicklung von Schuldgefühlen versuchen, mit diesem Schicksal umzugehen.

Ich erinnere mich noch, wie wir bei der FES in der Wendezeit mit dem Bautzen-Forum anfingen: Gustav Just, der „Vater der Brandenburgischen Verfassung“ und Vater meines früheren Kollegen Martin Just, hatte uns darum gebeten, dieses Forum für die Opfer der Diktatur einzurichten. Holger Börner hatte sofort verstanden, um welche Dimension es geht.

Es sind viele traurige Lebensgeschichten hier im Saal versammelt. Traumatisierungen werden erkennbar.

Begrüßung Mattias Eisel, Leiter FES Leipzig

Erinnert an den Gefangenenaufstand von 1950 (60-jähriges Jubiläum).

Harald Möller, Vorsitzender des Bautzen-Komitees

Dank an die FES und an “Stiftung Aufarbeitung”; Foren sind wichtiges Instrument zur Aufklärung geworden; erinnert an die Tage der Aufstände 13. und 31. März 1950 im “Gelben Elend” in Bautzen; Zeitzeugen Walter Kempowski, Wolfgang Hardegen; “viele leiden noch heute an den Folgen der Haftbedingungen; viele können heute noch nicht nach Bautzen reisen, weil sie noch immer traumatisiert sind; nur noch wenige können als Zeitzeugen danach erinnern – eine wachsende Aufgabe für Historiker“;

Sabine Friedel, MdL für die SPD

Sie habe 15 Jahre in der DDR gelebt als Jugendliche;  warum ist die Frage “war die DDR ein Unrechtsstaat” eine schwierige Frage? Viele waren in den Blockparteien; viele waren unangepasste; viele Menschen wissen aus ihrem Alltagsleben heraus keine einfache Antwort auf die Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei; Umfragen zeigen, dass viele Ostdeutsche die Schattenseiten der DDR zunehmend ausblenden und sich vor allem an die “Vorteile” (Arbeitsplätze, niedrige Mieten; Kinderkrippenplätze) erinnern; Maßstäbe verschieben sich; viele hatten weder Staatsmacht noch wurden sie zu Opfern; dennoch waren sie “Eingesperrte” im System, in dem die Handlungsmacht des Staats Vorrang hatte; man hatte nur die “Freiheit in der Nische”; verblassende Erinnerungsbilder; unscharfe Maßstäbe; die DDR hat ihre Sozialpolitik zur Stabilisierung des Systems “missbraucht” (Richard Schröder auf dem vorletzten Bautzen-Forum). Aufklärung ist wichtig; Bautzen-Forum leistet einen wichtigen Beitrag dazu

Marko Schiemann MdL (CDU)

Erinnert an die Lebensleistung der Menschen, die im Osten gelebt haben. Viele haben hart gearbeitet für wenig Geld; Dank an die Opfer, die Jahr für Jahr nach Bautzen kommen; Dank an die Veranstalter; an die FES; das Bautzen-Forum kann deutsche Geschichte besser schreiben, als es Universitäten tun können, denn hier kann man das Gespräch mit den Zeitzeugen führen;
“Die Erinnerung muss sich gegen das Vergessen richten”; Trend zu immer mehr Verklärung, Vertuschung in den letzten Jahren; erinnert auch an den großen Häftlingsaufstand in Bautzen; “Folter und Spitzelsystem waren Voraussetzungen, damit die SED überleben konnte”. erinnert an die “menschlichen” Lehrer, die versucht haben, ohne Drangsalierung mit ihren Schülern umzugehen; in der Volkspolizei waren 99% Mitglied in der SED; nur 1% in einer anderen Partei; die Kirchengruppen waren das “Rückgrat der friedlichen Revolution”;
Das noch vorhandene SED Geld auf Schweizer und anderen Banken muss für die Arbeit der Opferverbände eingesetzt werden

Christian Schramm (Oberbürgermeister Bautzen; CDU)

Besonderes Forum, weil es im 20. Jahr des wiedervereinigten Deutschlands stattfindet; das Forum hilft, “tiefe Narben in der Lebensgeschichte zu betrachten”; Die Schwierigkeiten begannen, als mir der Glauben schwer gemacht wurde, als die Umwelt geschädigt wurde, als die zunehmende Militarisierung einsetzte; als ich nicht mehr die Musik machen durfte, die ich wollte; Städte verfielen; die staatlichen Lügengespinste wurden immer größer; wir stellten uns zunehmend die Frage, ob man etwas ändern könnte. Wahrheit und Freiheit lassen sich nicht dauerhaft unterdrücken – das war das Motiv, das zu den Wendeereignissen führten;
“Mielkes Privatknast Gelbes Elend” – Bautzen hat tiefe Spuren in seiner Geschichte aus jener Zeit. Bautzen hält in seiner Geschichte ein wichtiges Stück deutscher Geschichte wach. Neben der schönen Altstadt sollte man auch die Gedenkstätte Bautzen II besuchen. Die Stadt Bautzen steht für eine Erinnerungskultur gegen das Vergessen.

10.45 Vortrag Dr. h.c. Joachim Gauck (Vorsitzender Gegen Vergessen – für Demokratie e.V.): Unrechtsstaat DDR – Willkür. Gewalt. Macht.

Wir brauchen die Kultur des Erinnerns. Die Menschen hier im Saal sind Garanten einer eigenständigen Freiheit; einer Sehnsucht nach Würde. Etliche hier haben das Auf und Ab von Würdigung und erneutem Vergessen erlebt.
Der “Zeitgeist” geht oft eigene Wege. Er verdrängt gern das, was weh tut.
Es muss schon verwundern, dass ausgerechnet aus der unaufgeklärten Linken die Kritik an der angeblichen “Unschärfe” des Begriffes “Unrechtsstaat” kommt. Diese Partei braucht so etwas wie ein “inneres 68”; sie muss sich mit den Dingen befassen, dir wirklich weh tun; sie muss es glaubwürdig tun.
Das kathartische Element trat im Westen 1968 erst in dem Moment auf, als man sich nach der Kenntnisnahme der Fakten fragte: “Und ich? Und meine Familie?”. Dieses kathartische Element fehlt noch im Osten.
Wenn man dem eigenen Dunkel und der eigenen Schande nicht mehr entfliehen muss, sondern hinschaut; wenn man Schuld nicht mehr nur dort sucht, so kriminelle Schuld liegt; dann verändert sich eine Gesellschaft und sie wird glaubwürdig.
Dieses innere Erwachen muss im “linken Lager” erst noch eintreten. Dann könnte ich sie für glaubwürdiger halten.
Es wird noch eine ganze Zeit dauern, bis es in dem angedeuteten Sinne bei der Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur zu dem notwendigen “kathartischen Element” kommen wird. Das ist dadurch erschwert, weil die Diskurshoheit eine westdeutsche ist. An den Universitäten, an den Theatern. Die Mehrheit der öffentlichen Meinung ist eine westdeutsche! Deshalb haben viele Ostdeutsche das Gefühl, sie müssten gegenüber den Mehrheitsdeutschen noch mal “rumtrotzen”.
Die “altlinken” mögen den Diskurs nicht, weil sie dann “alt” aussehen, gegenüber denen, die die Mehrheit haben, den “Wessis”. Irgendwann müssen wir aber hinschauen, welchen Anteil wir selbst an der Schuld hatten. Aber soweit sind wir noch nicht.
Eine zweite Schwierigkeit:

Es scheint so zu sein, dass wir Deutschen eine große Bereitschaft haben, eine möglichst große Nähe zu den jeweils Herrschenden zu haben.
Anders die Polen, die das Sprichwort haben: “Glaube niemandem, der dir erklären will, dass du mit dem Kopf nicht durch die Wand kommst”.
Das gute Verhältnis der Deutschen zu ihren Obrigkeiten ist womöglich tatsächlich eine weitere Schwierigkeit, sich mit den Schattenseiten, mit dem “kathartischen Element” auseinander zu setzen.

Auch in den Familien der Widerständler gibt es Menschen, die sich immer wieder auf die Seite der “Sicherheit” begeben und sich unterwerfen, wo sie noch Widerstand leisten könnten. Nicht nur die Mitläufer haben das System stabilisiert, wir alle haben daran mitgestrickt. Eine Diktatur lebt nicht nur von den menschenfeindlichen Oberen, sondern, weil wir mit unseren Kräften ja auch “hoch kommen” wollen, weil unsere “Vernunft“ uns sagt, es sei “unvernünftig“, Widerstand zu leisten, denn: was kann denn der Einzelne schon gegen eine Diktatur ausrichten. Die Dikatur lebt, weil es eine “unüberzeugte Minimalloyalität” gibt: Innerlich denke ich vielleicht anders, aber ich mache dennoch mit.
Wie viele von uns sind am Wahlabend zur Wahl gegangen, obwohl sie “eigentlich“ anders dachten; wie viele von uns sind, obwohl sie “eigentlich” anders dachten, dennoch am 1. Mai mitmarschiert?

Sie haben innerlich vielleicht anders gedacht, aber sie sind dennoch mitgelaufen.

Was haben sie gefühlt, als sie mit den anderen mitgegangen sind? Wie ging es Ihnen da?
Als ich am 18. März 1990 zum ersten Mal frei wählen durfte, war ich 50 Jahre alt geworden. In dem Moment hatte ich starke Gefühle. Ich habe fünfzig Jahre lang nicht wählen dürfen. Deshalb war ich jetzt glücklich. Mir liefen die Tränen über das Gesicht und Freunde fragten mich, was mit mir sei: “Ich bin glücklich” habe ich ihnen gesagt. Ich hatte selber mitwirken dürfen, dass wir so wählen konnten.
Und was hast du gefühlt, als du in den Wahlraum gegangen bist zu DDR-Zeiten?
Nun ich war frech, ich war ja Pastor und glaubte mich im “Widerstand“. Ich hatte mir die Gefühle abgewöhnt. Wo waren damals eigentlich die Gefühle der Entfremdung? Wo war mein Zorn, dass ich ein Sklave war und – zum Beispiel bei der Wahl – mitmachte, obwohl ich “eigentlich“ anders dachte?
Ich hatte mir diese Gefühle abgewöhnt.
Es ist nicht gut, wenn man sich authentische Gefühle abtrainiert.
Wenn die Täter sich nicht an ihre Gefühle erinnern wollen, wissen wir, warum, sie wollen sich nicht erinnern.
Was ist mit der großen Gruppe derer, die mitgelaufen sind; die nicht überlegt haben: muss ich alles mitmachen?

Und so kommen wir dazu, dass wir zweierlei Arten von Nostalgie kennen:

Es sind die “alten Roten”, die sich nicht erinnern wollen. Sie verlangen einen “Systemwechsel” ohne etwas Besseres an der Hand zu haben. So etwas ist leicht zu bekämpfen. Man braucht nur etwas Mut.
Aber die unpolitische Nostalgie, die unpolitisch daher kommt, ist schwerer zu bekämpfen.

Denn man erinnert sich doch nicht am liebsten an die Krisenzeiten seines Lebens, sondern die Menschen erinnern sich an die schönen Zeiten im Leben.

Diese “wohlmeinende Schönung der Vergangenheit” können wir auf “politisch” und auf “unpolitisch”.

Was kann man dagegen tun?

Wenig.
Weil es ein Schutzmechanismus ist.
Was wir aber tun können: wir können mit den Menschen sprechen, ohne sie gleich als “Systemträger” zu verdächtigen. Und wir können uns erzählen, woran wir uns erinnern. Und ich kann erzählen, wie ich mich gefühlt habe in den Situationen, in denen ich mich zu entscheiden hatte.
Vielleicht fangen dann einige an und können diese Tür dieses verschlossenen Raumes zu ihren verschütteten Gefühlen endlich öffnen.
Und vielleicht fängt dann dieses “innere Erschrecken” an, die “Kathartische Erinnerung”, die so nötig ist zur Versöhnung.Nicht jeder, der nostalgisch denkt, ist ein verkommener Reaktionär, sondern sie sind normale Menschen, die Schmerzen vermeiden wollen.

Erzählen Sie Ihre Geschichte

Sie haben eine eigene Würde.

Vielleicht erwacht bei denen, die Ihnen zuhören, das eigene innere Erwachen: – “ach, ich hab ja mitgemacht. Ich habe dieses System, unter dem Sie gelitten haben, auf meine Weise stabilisiert. Es tut mir leid”.

Zum Beispiel Günther Schabowski.
“Wenn Sie sehen, wie so ein Mann bei dieser inneren Wahrheit angekommen ist, dann können sie ihm vergeben. Er kann sie vierzig Jahre lang unterdrückt haben: wenn Sie ihm ins Gesicht schauen, wenn er von diesem Punkt, von dieser innere Wahrheit, spricht – dann können Sie ihm glauben, dann können Sie ihm vergeben“.
Wenn ein Land sich innerlich versöhnen soll, dann erwächst dies aus einem Prozess.
Die Wahrheit ist das wichtigste Element dieses Prozesses.

Wenn unsere eigenen ehemaligen Unterdrücker zu dieser Wahrheit kommen: “Dafür hatte ich Verantwortung – und es tut mir leid”. Dann beginnt das Land sich zu verändern.

Aber:

es gibt auch die “Angst vor der Freiheit”. Denn der Gehorsam ermöglicht es mir, mich vor der Verantwortung zu drücken. (Erinnerung an Erich Fromms Buch). Und wir alle tragen diesen Wunsch in uns, die Verantwortung nicht tragen zu müssen. Ich hatte lange Zeit in meinem Leben gedacht, alle Menschen hätten eine Sehnsucht nach der Freiheit. Aber ich habe gelernt:
Es ist nicht so, dass alle die Freiheit und damit die eigene Verantwortung lieben.Deshalb ist es ein merkwürdiges Amalgam, das die Klärung der Vergangenheit behindert

a) Es sind die handfesten Kräfte der Politik, die Macht ausüben und Unrecht schaffen, die Menschen Leid zufügen.
b) Aber es sind auch die inneren seelischen Kräfte, die innere Bereitschaft, sich zu unterwerfen,

die “Angst vor der Freiheit”.
Darum erzählen wir die Geschichten unseres Lebens. Und wir werden nicht damit aufhören.”

 

“Ich hab den Vortrag auch für mich gehalten” meint er und ich sehe noch die innere Bewegung in seinen Augen. Ich kann diese Bewegung verstehen, wenn ich an den Absatz seines Vortrags erinnere, als er sich an seine verdrängten Gefühle erinnert, als er in die Wahlkabine ging zu DDR-Zeiten. Dieser Mann versucht, sich selbst Rechenschaft zu geben. Einer, der als “Widerständler” gilt, fragt sich, ob er klar genug war, ob er nicht doch auch “angepasst” war, und “mitgemacht” hat (z.B. bei den “Wahlen”), obwohl er “eigentlich” anders dachte.
 

 

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