Bautzen-Forum II: Wenn der Geheimdienst die Seelen zerstört


13.30 Uhr Fortsetzung. Podium: Moderation: Michael Beleites (Leiter der Gauck-Behörde Sachsen).

“Formen und Folgen von Willkür und Gewalt im kommunistischen Herrschaftssystem”

Dr. Doris Denis, Spezialistin für posttraumatische Störungen; berichtet anhand eines Einzelschicksals eines 55jährigen Mannes, der vor 25 Jahren traumatisiert worden war, über Details dieser schweren seelischen Folgen von Knasterfahrungen und die Möglichkeiten, ihm therapeutisch zu helfen.

Sind Folgen von Haft behandelbar?
Ja. Was sind Beschwerden? Posttraumatisches Belastungsstörung: Wiedererleben; Gerüche, Geräusche, Schlafstörungen, hohe Reizbarkeit in der Familie;
konkretes Fallbeispiel. Heute 55; mit 18 im Knast wegen Republikflucht; Schlafentzug in der sechswöchigen U-Haft; 72 Stunden ununterbrochen befragt; Dunkelzelle; Schläge; psychischer Druck mit der herzkranken Mutter; Stehkarzer dunkel; nach 6 Wochen Verurteilung zu 18 Monaten; in d er Haft setzt er sich für Mithäftlinge ein, bekommt dafür Arrest, wird mehrfach von den Wärtern vergewaltigt (Haftzeit: 70iger Jahre). Nicht die Regel, aber auch kein Einzelfall.
Symptome: seit der Haft: ständige Anspannung; bei jede Klingeln und Türklopfen; geht nur in Begleitung der Frau aus dem Haus; fühlt sich schnell beobachtet; beginnt zu zittern und zu schwitzen; Alpträume; Wenn er im Fernsehen Gewalt sieht, muss er aus dem Zimmer; braucht stunden, um sich wieder zu erholen; versucht, sich von Sex frei zu halten, weil es ihn belastet; Partnerschaft leidet darunter; unter Männern fühlt er sich sehr unwohl; fürchtet, dass man ihm ansehe, dass er vergewaltigt worden sei;
er war 18, als er im Knast war. Kann man so einem Mann helfen?
25 Jahre lange Folgestörungen?
Kann man so einem Mann helfen?
Ja, man kann.
60 therapeutische Sitzungen über 2 Jahre; keine Albträume; gute Sexualität; keine Schuldgefühle mehr; besserer Schlaf; Erinnerungsbilder an die Haft wurden schwächer;
was war in der Therapie passiert?
Anfangs Informationen, warum ihn die Bilder nicht losließen und was er tun konnte für sich.
Er verstand, dass er sich in einer anderen Art und Weise zu erinnern als bisher.
Er lernte, Erlebnisse auszusprechen und zu benennen.
Es war sehr schmerzhaft, aber es erleichterte ihn.
Er erzählte zum ersten Mal den Geschwistern von seiner Haft und bekam ermutigende Antworten.

Er lernte, sich außerhalb der Wohnung zu bewegen.
Positive Bilanzen wurden verstärkt.

Er lernte Schritt für Schritt.

Er musste lernen, dass die alten Gefühle heute nicht mehr gefährlich sind.

Das war nur möglich weil Herr M. den Mut hatte, sich auf einen neuen Weg zu begeben.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen bestimmten Formen von Gewalt und bestimmten Folgen dieser Gewalterfahrung? Macht es einen Unterschied, ob jemand wegen seiner Herkunft oder wegen seiner aktiven Rolle verfolgt wurde?
Antwort: Man kann unterscheiden. Alle Formen der Verfolgung können zu psychischen Folgen führen. Aber: Knasterfahrung bleibt etwas Besonderes. Es macht einen Unterschied, ob ich politisch aktiv war und deshalb verfolgt wurde, oder ob ich eher “passiv” die Repression ertragen musste. Wer aktiv war, findet eher einen “Sinn” in der Repression und kann mit de Folgen eher besser umgehen.

Dr. Sandra Pingel-Schliemann; Spezialistin für „Zersetzungsmaßnahmen“ der Stasi, die sie seit 1976 als „neue Maßnahmen“ einsetzte.

Die Dimension der Zersetzungsmassnahmen ahnte ich anfangs nicht. Starke posttraumatische Belastungsstörungen auch bei Zersetzungsopfern; nicht nur bei Menschen, die im Knast waren.

Ging es der Stasi auch um eine “Bestrafung ohne Urteil”?
Ja. Maßnahmen zielten darauf ab, Lebenskrisen hervorzurufen, vor allem im privaten Bereich. Die Zersetzung war politisch intendiert, spielte sich aber vor allem im privaten Bereich ab.

Können Sie Beispiele für “Zersetzung” nennen?

Mielke hat 1976 die Richtlinie 1/76 eingeführt, in der zum ersten Mal “Zersetzungsmaßnahmen” für die Stasi normiert wurden. Honecker wollte damals außenpolitisch anerkannt werden. Es war nicht mehr so einfach, politische Gegner einfach zu verhaften. Also ist im MfS eine neue “Strategie” entwickelt worden: man ging verdeckt gegen politische Gegner vor. Diese “Zersetzungsmaßnahmen” sollten so umgesetzt werden, dass nicht erkennbar ist, wer der Urheber der Eingriffe in Biografien ist. Das unterscheidet sie von Folter, Haft und Tötung, denn sie ist anonym umgesetzt, sie war sehr persönlichkeitsorientiert; sehr aufwändig.
Die Stasioffiziere waren oft wochenlang mit der Erarbeitung neuer Pläne für Zersetzungsmaßnahmen befasst und sie brauchten eine großes Netz von Menschen, die mit ihnen kooperierten.
Politische Verurteilen gingen in den 70igern zurück; Zersetzungen nahmen zu.

Z.B. Beispiel:

Schweriner Kinderärztin in der Friedensbewegung, u.a. eine der Freundinnen wurde als IM verdächtigt, dadurch zerbrach die Freundschaft; Gerüchte, sie sei fachlich nicht kompetent; OV “STellvertreter”; MfS nahm Einblick in die Krankenakte und fand heraus, dass sie manisch depressiv sei.
MfS besorgten sich Nachschlüssel für die Wohnung und verstellten wochenlang Gegenstände in der Wohnung.

Der Krankheitsbefund der Ärztin hat sich verschlechtert, politisch zog sie sich zurück und nahm sich 1989 das Leben. Das MfS hat in diesem Fall nicht aufgehört, die Zersetzungsmaßnahmen einzustellen, obwohl sie selbst immer wieder notiert haben, dass die Frau längst politisch aufgehört hatte zu arbeiten.

Dr. Udo Grashoff, Historiker. Befasst sich mit den Selbsttötungen in der DDR.

Gab es politische Ursachen für die hohe Zahl der Selbsttötungen?
Wenn man international vergleicht, dann sieht man, dass die DDR ein Land war, das bei internationalen Vergleichen immer bei den Spitzenwerten in Bezug auf die Selbsttötungen lag. Hat das etwas zu tun mit der Diktatur, mit der permanenten Unfreiheit?
Das war die Ausgangsfrage der Untersuchung.

Ist die Selbsttötungsrate ein Indikator für die verborgene Repression in der Diktatur?

Man muss die Qualität der Statistiken prüfen. Die Selbsttötungsstatistiken waren relativ genau, aber streng geheim. Man musste diese Statistiken nicht fälschen, weil sie nur sehr wenige Menschen kannten.

Wie kriegt man die Motive heraus, die die Menschen zum Suizid trieben? Immerhin nahmen sich 5. – 6.000 Menschen pro Jahr das Leben.

Die SED hatte eine eigene politische Kriminalpolizei bei der Stasi. Diese untersuchte alle diese Todesfälle, die in irgendeiner Weise mit politischen Gründen zu tun hatten.
Sie haben nur etwa 1% von den 5.000 untersucht.
Von diesen 1% sind nur ganz wenige politisch motiviert. Die meisten sid Selbsttötungen von Stasileuten, Angehörigen des Staatsapparates etc, die sich in den allermeisten Fällen aus persönlichen Gründen getötet haben.
Dann hat er einen anderen Weg in der Untersuchung versucht:
Er habe versucht, den entgegengesetzten Weg zu gehen: über die Betroffenen. Im “Stacheldraht” Betroffene gesucht.
Interviews mit Angehörigen.
Es gibt eine große Überlieferung im Bereich der Volksbildung in Bezug auf Selbsttötungen von Schülern und Kindern.
Etwa in 100 Fällen konnten die Bedingungen rekonstruiert werden.
In fast allen Fällen war der politische Aspekt nur ein Teilaspekt; meistens hatten die menschen auch andere Probleme, es kam eins zum andern. Der politische Konflikt war vielleicht der Hauptkonflikt, aber nicht der einzige.
Ergebnis: der Einfluss der Stasi auf die Häufigkeit von Selbsttötungen ist vermutlich in der Vergangenheit wohl überschätzt worden.

Aber: wenn man sich besondere Gruppen ansieht, verändert sich das Bild.
Es gab in der Geschichte der DDR bestimmte Situationen, in denen bestimmte Gruppen unter besonderen Druck kamen.Zwangskollektivierung

Allerdings gibt es nicht viele Beispiele, wo man diese Zusammenhänge nachweisen kann.

Teilstudie zu den Gefängnissen der DDR:
große Überraschung: die Häufigkeit der Suizide war nicht besonders hoch.

Drei bis viermal höher ist die Häufigkeit in westdeutschen Gefängnissen!
Hauptgrund: die Überwachung der Gefängniszellen war im Osten anders als im Westen. Die an Folter grenzende Überwachung der Häftlinge führte dazu, dass es in den DDR Gefängnissen eine sehr niedrige Selbsttötungsrate gegeben hat. Dennoch gab es eine hohe Rate an Verzweifelten, die sich gern das Leben genommen hätten.
Jeder fünfte Untersuchungshäftling der Stasi hat es versucht, aber keinem ist es gelungen, wegen der Überwachungsmaßnahmen.

Nachfrage: Psychoterror gehört zum Repertoire der Stasi. Gibt es in der Gruppe der OVs eine erhöhte Suizidrate?

Antwort: ich weiß nicht, wie viele Leute, die in OVs bearbeitet wurden, sich das Leben genommen haben. Ich weiß nur, es waren wenige. Dass jemand von der Stasi in den tod getrieben wurde, erscheint aus meiner sicht als seltener Einzelfall.

Er habe 1.400 Fälle durchgesehen. Einen vergleichbaren Fall wie den aus Schwerin geschilderten habe er nicht gefunden.

Wenn man mit Angehörigen redet, kann man beobachten: es gab noch eine ganz andere folge der Diktatur: das Leiden der Angehörigen.

Es war ohnehin schon schwer, über Suizid zu reden, um so mehr, wenn er etwas mit politischen Konflikten zu tun hatte.

Manche Angehörigen suchen nach Antworten und reagieren: “Vielleicht hat sich mein Angehöriger nicht von sich aus das Leben genommen, sondern ist von der Stasi dahin getrieben worden.” Wenn man die Fälle aber überprüft, lässt sich das nicht nachweisen.
D.h.: Angehörige wollen “die Wahrheit” manchmal gar nicht wissen, sondern sie brauchen Hilfe.

 

Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk (Historiker, Gauck-Behörde Berlin)

Die Diktatur gab es für 4 Jahrzehnte. Die jüngeren kannten den Terror der Frühphase nicht mehr. Viele Opfer sind dreimal erniedrigt worden: als sie enteignet wurden; als sie jahrelang nicht darüber sprechen durften; und dann in den 90igern, als die Gesellschaft nicht angemessen reagierte.
Man muss bedenken, dass es viele Formen der Gewalt in der Diktatur gab: das Verbreiten von Angst (offener Terror in den Anfangsjahren); aber subtiler in den Folgejahren. Von dieser Atmosphäre der Angst waren alle (auch Polizei und Militär) betroffen. Gewalt und Willkür bezieht sich nicht nur auf Stasi, Armee etc. sondern dazu gehören auch Bildungswesen, Medien.

Zwei Gruppen von Opfern:
a) welche, die aus “objektiven Gründen” (vom sozialen Hintergrund, als Eigentümer; aus dem “falschen Elternhaus” etc.) zu Opfern gemacht wurden.
b) politische Akteure, die auf Grund ihres Widerstandes in die Lager und Gefängnisse kamen.

Nachfrage: es gab verschiedene Formen der Willkür. Es gab aber auch immer Widerstand. Ist die Repression erfolgreich gewesen? Ist sie immer gleich erfolgreich gewesen?

Antwort:

Man muss unterscheiden vor 1961 und danach.

Vorher war die Repression offener. Auch Widerstand und Opposition waren von prinzipieller und fundamentalerer Ausrichtung gekennzeichnet. Vor 1961 konnte man sich viel leichter einer Verhaftung entziehen.

Nach der Mauer wurde das schwieriger. 1973 Einzug der DDR in die UNO; KSZE Schlussakte; alles hatte innenpolitische Folgen: die Stasi verfeinerte ihre Methoden.

Der Mauerbau war nicht nur herrschaftsstabilisierend, er auch das Widerstandspotenzial verändert, denn er machte 17 Millionen zu “Insassen”.

Wenn der Westen z.B. in den Tagen des jährlichen Jubiläums über den 17. Juni berichtet hat, dann ist automatisch im Osten der Widerstandsgeist gestiegen. (Einfluss der Westmedien auf den Osten).
Berichtete das Westfernsehen nicht darüber, dann passierte in der DDR weniger (um den 17. Juni herum). Das gibt auch einen Hinweis auf die Verantwortung des Westens für das, was im Osten geschah: man musste informieren, über das, was im Osten vorging, weil es sonst keinen anderen “Kanal” gab.

Wenn ich mich frage, was ich jetzt, vor der Kaffeepause, innerlich erlebe, dann fühle ich Trauer.
Es ist viel unbewältigtes Leid in diesem Raum. Ich kann diese große Trauer fühlen. Und meine eigene Trauer über diese schweren Lebensjahre, die schon so lange hinter mir liegen.

Viel Kluges und Nachdenkliches ist gesagt worden. Innere Bilder sind wieder in mir aufgestiegen. Szenen aus einem gelebten Leben.

Junge Historiker, Psychologen, Therapeuten und Statistiker befassen sich nun mit meinem Leben.

Viel Richtiges ist gesagt worden.

Aber das Gefühl im Moment ist Trauer.

Sie haben uns ziemlich übel mitgespielt, die Kommunisten. Vieles haben wir geahnt, vieles nicht gewusst. Aber wir haben es gelebt, dieses verdammte Leben in der Diktatur.
Ich höre Systematisches und Grundsätzliches von den Vortragenden.  Ich aber: ich sehe Gesichter, höre Stimmen.
“Die Wahrheit” ist eben sehr individuell und persönlich.
Johannes Bobrowski fällt mir wieder ein. Er hat die “zerschossenen Dörfer wieder hingestellt” in seinen Texten. Vielleicht ist ja so etwas auch nötig von der Lebenszeit aus der ollen DDR.

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