Ein Zivilist zwischen den Fronten – Henry Dunant


Die Schlacht von Solverino (24. Juni 1859) hat das Leben des Kaufmanns Henry Dunant völlig verändert. Eigentlich war er geschäftlich unterwegs. Doch:
„Am Abend nach der entscheidenden Schlacht des italienischen Unabhängigkeitskrieges zwischen den verbündeten Truppen Frankreichs und Sardiniens auf der einen Seite und Österreichs auf der anderen Seite lagen mehr als 40.000 Tote und Verwundete unversorgt auf dem Schlachtfeld. Ohne Ausrüstung begab sich der Zivilist Dunant in dieses Inferno und organisierte spontan Hilfe für die Verwundeten jeder Nationalität. Er ließ Karren und Wagen mit Zugtieren bespannen und auf ihnen die Verwundeten in die Kirchen, Klöster und öffentlichen Gebäude der Umgebung bringen. Die kleine Stadt Castiglione wurde das Zentrum des freiwilligen Helferdienstes, und in dieser Atmosphäre wurde die Idee des Roten Kreuzes geboren. … 1862 veröffentlichte Dunant die Erlebnisse von Solferigno in seinem Buch „Un Souvenir de Solverino“ und verschickte es an Freunde und Weggefährten sowie an einflussreiche Persönlichkeiten im In- und Ausland, darunter die wichtigsten Staatsführer Europas. Das Echo war überwältigend.“ (Clemens Haustein, Henry Dunant ; http://www.drk.de/ueber-uns/geschichte/themen/henry-dunant.html)

Mir begegnet dieser außergewöhnliche Mann erneut am 25.4.2010.
Deutschland ist gemeinsam mit einer Allianz aus über 40 Staaten an einem Krieg beteiligt, der immer mehr Opfer fordert (vor allem Zivilisten).
Am 4. September 2009 war es zu einem Vorfall in der Nähe von Kunduz gekommen, bei dem „mehr als 142 Tote, darunter viele Zivilisten“ zu beklagen waren. Dieser Vorfall hatte den Rücktritt des deutschen Verteidigungsministers sowie die Entlassung seines Staatssekretärs und des Generinspekteurs der Bundeswehr zur Folge. Das Parlament setzte einen Untersuchungsausschuss ein.

Der Krieg in Afghanistan wird im Bündnis der Staaten mit dem „Kampf gegen den Terrorismus“ begründet. Seit einem Anschlag vom 11. September 2001, bei dem über 3.000 Menschen im New Yorker World Trade Center ums Leben gekommen waren, wird dieser „Krieg gegen den Terror“ geführt.
Er hat inzwischen mehr Opfer gefordert, als der Anschlag auf das World Trade Center.
In Zeiten der „privatisierten Gewalt“ (Erhard Eppler), in Zeiten, in den Zivilisten zivile Verkehrsmaschinen (Flugzeuge z.B.) zu Massenvernichtungswaffen machen können, kommen die herkömmlichen Verteidigungsstrukturen an ihre Grenzen. Gegen solche „privatisierte Gewalt“ lässt sich mit Armeen nicht wirklich wirksam vorgehen – die Zahl sowohl von gestorbenen Soldaten, aber vor allem die Zahl von getöteten Zivilisten steigt und steigt, ohne daß ein „Sieg über den Terror“ erkennbar wäre. Selbst die Strategie des „gezielten Tötens“ von führenden „Gegnern“ führt zu einer hohen Zahl von zivilen Opfern.
Auch insofern ist der 4. September 2009 eine Zäsur im „Kampf gegen den Terror“, weil er die Grenzen dieser Strategien deutlich werden lässt.
Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes beurteilen diesen Vorfall ebenfalls kritisch (ARD „Monitor“ vom 22. 4. 2010), denn die sehr strengen Regeln für die „Strategie des gezielten Tötens“ sehen vor, daß bei derartigem Vorgehen Zivilisten besonders zu schützen sind. Offenbar jedoch wurde der Tod der Zivilisten beim nächtlichen Angriff auf die entführten Tanklastwagen wissentlich in Kauf genommen.

Die Politik reagiert ratlos.
Zwar stockt man die Mittel für den zivilen Aufbau weiter auf.
Zwar stärkt man die Mittel für den Aufbau einer eigenen afghanischen Armee.
Aber im Kern bleibt die Strategie unverändert.
Der Widerstand in der Bevölkerung gegen diesen Krieg wächst von Tag zu Tag.
Die Bilder von den Beerdigungen der gestorbenen Soldaten lassen die Menschen zunehmend nach dem Sinn dieses Krieges fragen.
Die Rhetorik, die man bei Regierungserklärungen, Parlamentsdebatten und Traueransprachen beobachten kann, ist Ausdruck dieser Hilflosigkeit in Regierung und Parlament, denn die Sprache in diesen Reden knüpft an an die Rhetorik früherer Zeiten, die das Phänomen der „privatisierten Gewalt“ noch nicht kannten :
die Soldaten seien „für unsere Freiheit gestorben“ heißt es beispielsweise.
Es wird gesagt, man könne „stolz“ sein auf die toten Soldaten.
Sie hätten ihr Leben „für unsere Sicherheit“ gegeben.
Dies jedoch ist in Zeiten von „privatisierter Gewalt“ ein schwerer Trugschluss, denn auf diesem militärischen Wege lassen sich Anschläge wie die vom 11. September 2001 eben nicht ausschließen.
Es gibt Kommentatoren der Ereignisse, die meinen gar „für jeden getöteten Zivilisten wachsen 100 neue anschlagsbereite junge Männer nach“.

Es fehlt das Eingeständnis, daß die westliche Strategie des „Kampfes gegen den Terror“ gescheitert ist.
Diese Strategie hatte immer zwei Teile: zivilen Aufbau und militärische „Sicherung“ dieses Aufbaus (inklusive des Aufbaus der afghanischen Armee, damit die Regierung dieses Landes in die Lage versetzt wird, ihre Sicherheit selbst zu ordnen.).
Die fatale Entwicklung jedoch zeigt: die Sicherheit im Lande wird nicht besser, sondern schlechter.
Das gilt in besonderer Weise für die Region Kunduz, die noch vor wenigen Jahren als die friedlichste Region im ganzen Lande galt.

Nun hat das deutsche Parlament einen erheblichen Teil der Verantwortung für diese Entwicklung zu tragen.
Denn es hat in mehreren Abstimmungen diesen von der jeweiligen Regierung geforderten Mandaten für die Bundeswehr zugestimmt.
Die Entscheidungen des Parlaments wurden auf fatale Weise Voraussetzung für eine Fehlentwicklung, die in den Ereignissen rund um den Angriff auf einen entführten Tanklastwagen in der Nähe von Kunduz besonders deutlich wird.
Entsprechend sind auch die Reaktionen, denn es ist überaus schwer, sich diesen Fehler einzugestehen: das Parlament wehrt in seiner Mehrheit bislang die Forderung nach einem schnellen Abzug der Truppen der Allianz ab. Das geschieht aus vielerlei Gründen, nicht zuletzt aus parteitaktischen und innenpolitischen Gründen, aber auch aus Gründen, die die Rolle Deutschlands im Bündnis und insbesondere im Verhältnis zu den Amerikanern betreffen.

Deshalb ist nun eine Situation eingetreten, bei der man lediglich sagen kann:
das bestehende (obwohl erneuerte und veränderte) Mandat kann nicht ausschließen, daß es erneut zu Vorfällen wie dem in Kunduz kommt.
Das Mandat kann weiterhin nicht ausschließen, daß eine hohe Zahl von Zivilisten insbesondere in Afghanistan betroffen sein wird.
Die Zahl der Opfer wird weiter steigen.
Wenn jedoch solche Angriffe wie der in Kunduz nicht definitiv ausgeschlossen werden können; wenn umgekehrt auch Attentate wie das vom Karfreitag auf deutsche Soldaten nicht ausgeschlossen werden können, dann gibt es nur noch den Weg des Dialogs mit denjenigen Kräften, die von der Rhetorik gern als „Gegner“ dargestellt werden.

Es ist an der Zeit, diesen Konflikt nicht länger aus der Perspektive einer einseitigen „Sicherheit“ zu betrachten.
Es ist an der Zeit, sich an das Konzept der „gemeinsamen Sicherheit“ zu erinnern, wie es maßgeblich von Egon Bahr und Willy Brandt vorbereitet worden ist in Zeiten, in denen in Europa die Militärblöcke des Ostens und des Westens hochgerüstet einander gegenüber standen.

In der Einen Welt gibt es keine Sicherheit mehr nur für eine Seite.
Es gibt nur noch die Eine, unteilbare Sicherheit.
Deshalb müssen aus „Gegnern“ Dialogpartner werden.

Es ist Zeit, den „Krieg gegen den Terror“ nur noch aus der Perspektive der Opfer zu sehen.
Opfer auf beiden Seiten.
Soldaten und Zivilisten.

Henry Dunant ist ein Beispiel für solches Denken.

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