4.9.2009: „Bis zu 142 Tote, darunter viele Zivilisten“ – man will uns weismachen, dieser Krieg sei nötig.


Der 4. 9. 2009 ist eine Zäsur im Krieg in Afghanistan, die meine Beurteilung dieses Krieges völlig verändert hat.
Denn an diesem Tag hat ein deutscher Offizier, weil er seine Soldaten schützen wollte, einen entführten Tanklaster angegriffen, um „führende Taliban“ zu treffen.
Die Amerikaner hatten ihn gewarnt.
Er befahl den Angriff trotzdem.
Im Ergebnis gab es „bis zu 142 Tote, darunter viele Zivilisten.“
Ein Minister, ein Staatssekretär, ein Generalinspekteur der Bundeswehr mussten wegen dieses Angriffs eines deutschen Offiziers auf Zivilisten inzwischen zurücktreten.
Das Parlament hat einen Untersuchungsausschuss eingesetzt.
Der gegenwärtige Minister sagt: „aus heutiger Sicht“ sei die „Aktion“ „nicht zu verantworten“ gewesen.

Die Opfer bekommen bislang keine Entschädigung.
Die Kanzlerin sagt, dieser Krieg sei „notwendig für unsere Sicherheit“.

Ich glaube solcher Rede nicht mehr und bin nicht bereit, ihr länger zu folgen.
Der Außenminister meinte gestern, ein erster Teilabzug der Soldaten aus Afghanistan könne „Ende 2011“ beginnen. Er sagt das am Tag nach der Regierungserklärung der Kanzlerin und der folgenden Debatte im Parlament.
Ich halte diese Rede für eine Replik auf den zunehmenden Druck in der deutschen Bevölkerung, diesen Krieg endlich zu beenden.
Denn: am selben Tag ist Mc Chrystal in Deutschland, um eine „Großoffensive“ in Afghanistan vorzubereiten.
Die Amerikaner wollen gemeinsam mit der Allianz und Teilen der neuaufgebauten afghanischen Armee einen „entscheidenden Schlag“ gegen „die Taliban“ führen.
Dann wollen sie ihren Abzug beginnen.
Sagen sie.

Ich beobachte jedoch, daß in den Reden die rhetorische Aufrüstung weiter voran schreitet.
Im Parlament versteigt sich ein CDU Bundestagsabgeordneter (Andreas Schockenhoff) gar zu der Aussage: „Fällt Afghanistan, dann fällt Pakistan und dann haben wir eine Atombombe über einer deutschen Stadt“ .

Ich poste in diesem Beitrag „Kriegsbilder“, wie man sie in unseren Zeitungen nicht findet.
Denn: nicht ein einziges Menschenleben rechtfertigt, daß man in einen Krieg zieht. Und sei es ein „Krieg gegen den Terrorismus“, wie uns die Kriegsrhetorik weismachen will.
Mittlerweile sind im Afghanistan-Krieg mehr Menschen umgekommen, als beim Terrorangriff auf das World-Trade-Center.
Man kann Blut nicht mit Blut abwaschen.
Deshalb schicke ich diese Bilder, die die Opfer der gegenwärtigen Kriege zeigen.
Man findet sie kaum in den Zeitungen, weil solche Bilder die „Strategien“ stören.

Die Kanzlerin und andere haben gestern in der Bundestagsdebatte erneut der deutschen Öffentlichkeit weismachen wollen, dieser Krieg, der nun schon länger dauert, als der II. Weltkrieg gedauert hat, sei „not-wendig“.
Ich hatte das auch einmal geglaubt.

Ich habe den Mandaten für den Einsatz der Bundeswehr zugestimmt.
Es gibt keine Entscheidung, die ich mehr bereue, als diese.
Denn durch dieses Mandat wurde der 4. September 2009 überhaupt erst möglich.
Ich trage, gemeinsam mit meinen Kollegen, die dem Mandat für die Bundeswehr ebenfalls zugestimmt haben, die politische Verantwortung für diese Toten.
Das ist so und es lässt sich nicht wegargumentieren.
Wir haben mit unserem Mandat den 4. September 2009 ermöglicht.

Wir können politisch nicht ausschließen, daß es nicht erneut zu solchen „Vorfällen“ wie auf jener Sandbank im Fluss in der Nähe von Kunduz kommt.
Wir dürfen andererseits aber jene Opfer unter den Zivilisten nicht einfach „in Kauf nehmen“.
Deshalb gibt es nur den Weg des Abzugs der Truppen.

Ich schicke diese Kriegsbilder, weil ich diejenigen Kräfte im Lande unterstützen will, die für einen schnellen Abzug der Truppen aus Afghanistan eintreten.
Für mich war der 4. September 2009 die entscheidende Zäsur in der Beurteilung dessen, was Deutschland im Rahmen der Allianz in Afghanistan tut.
Ich bin seither nicht mehr bereit, jenen zu folgen, die diesen Krieg für „not-wendig“ halten.
Ich beurteile diesen Krieg nur noch aus einer Perspektive.
Aus der Perspektive derer, die ihm zum Opfer fallen.
Soldaten und Zivilisten.
Auf beiden Seiten.
Es gibt keine Rechtfertigung für diesen Krieg, die mich noch überzeugen könnte.
Denn: Blut kann man nicht mit Blut abwaschen (Bertha von Suttner).

Es gibt nur einen Weg, den ich bereit bin, mit zu gehen: Abzug aller Soldaten des Bündnisses.
Aus meiner Sicht gibt es nur noch die Möglichkeit, in einen Dialog einzutreten mit den Menschen, die eine westliche Kriegsrhetorik zum „Feind“ erklärt hat.
Es gibt keine Alternative.

Am Abend dieses Tages finde ich im Internet den Hinweis auf die neue Ausgabe des „Freitag“. Die Zeitung weist auf eine Ausstellung hin, die ab dem 24. April 2010 zu sehen ist. Der Journalist Christof Reuter (stern) und der Fotograf Marcel Mettelsiefen haben Menschen interviewt und fotografiert, die vom Bombenangriff in Kunduz direkt betroffen waren. Die „Gesichter hinter dem Krieg“.
hier der link:

http://www.freitag.de/wochenthema/1016-skandal-mit-versp-tung

Ich wünsche dieser Ausstellung viele Besucher und dem dazugehörigen Buch viele Leser.

Nachtrag: am 6. 10. 2016 erreicht mich die Nachricht, dass der Bundesgerichtshof eine Klage der Angehörigen der Opfer von Kundus auf Entschädigung abgewiesen hat.
Der Offizier, der den Befehl zur Bombardierung damals gab, wurde mittlerweile befördert.
Den Opfern verwehrt man Entschädigung.
Beinahe zeitgleich hat sich eine „Geberkonferenz“ darauf verständigt, Afghanistan etwa 12 Milliarden Dollar zu gewähren, wenn das Land die afghanischen Flüchtlinge, die das Land mittlerweile verlassen haben, wieder zurücknimmt.
Ich halte beide Entscheidungen für schamlos und empörend.

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