Die Mär vom gefallenen Soldaten – Erich Maria Remarque


Soldaten fallen nicht.
Es zerfetzt ihnen den Bauch oder die Gliedmaßen, ihnen platzt der Kopf oder sie ersticken im gepanzerten Fahrzeug.
Aber sie „fallen“ nicht.
Die Rede vom „gefallenen Soldaten“ ist eine beschönigende, verharmlosende Rede derer, die ein Interesse daran haben, daß das Vaterland „verteidigt“ wird.
Vor dem „Feind“ natürlich. Und wer der „Feind“ ist, bestimmt die Obrigkeit. Aus strategischen Gründen.

Soldaten fallen nicht. Sie sterben einen fürchterlichen Tod.
Das ist die Botschaft von Erich Maria Remarque in seinem Buch „Im Westen nichts Neues“. Das Buch erschien erstmals ab dem 10. November 1928 in der Vossischen Zeitung als Vorabdruck, in Buchform am 29. Januar 1929. Der Roman wurde noch 1929 in 26 Sprachen übersetzt. Bis heute gibt es Ausgaben in über 50 Sprachen, die geschätzten Verkaufszahlen weltweit liegen bei über 20 Millionen.

Am Anfang eines Krieges werden noch Reden gehalten an den Metallsärgen, wenn sie mit den Resten der getöteten Soldaten aus fernen Landen zurückkehren in die Heimat.
Man stellt Fahnen auf und hält die Rede vom „gefallenen Soldaten“.
Wenn aber die Zahl der Getöteten steigt, werden die Reden weniger.
Anfangs gibt es noch offizielle Trauerbekundungen. Sogar die Kinder des Ministers sind noch „stolz“ auf die toten Männer. Man achtet darauf, daß von diesem „Stolz“ der Kinder des Ministers in den Gazetten berichtet wird. Das ist hilfreich, um den „Stolz“ auf die Toten im Volk zu verbreiten.
Wenn aber die Zahl der Getöteten steigt, wird man sie gleich vor Ort begraben müssen.
Am Ende des Krieges ist selbst dafür keine Gelegenheit mehr.
Die Männer liegen dort, wo sie den Tod getroffen haben.

Wie ist es mit den Kindern?

Sagen wir, mit Kindern, die zu einem stecken gebliebenen LKW laufen, da auf der Sandbank, mitten im Fluss.
Sie tragen leere Eimer und Flaschen. Wenn sie haben, auch einen alten Kanister.
Die Kinder wollen Treibstoff holen von diesem LKW da, der stecken geblieben ist in der Nacht, draußen auf der Sandbank im Fluss.
Treibstoff wollen sie holen für das kleine Dieselaggregat auf dem Hof des Vaters, damit ein wenig Strom da ist im Haus des Bauern.
Wie ist es mit den Kindern, wenn sie ums Leben kommen auf diesem Gang, sagen wir, durch Granaten, die auf Befehl eines deutschen Oberst auf sie abgeschossen wurden?

Man sagt, „bis zu 142 Menschen – darunter viele Zivilisten“ seien bei Kundus auf diese Weise ums Leben gekommen.
Auf Befehl eines deutschen Oberst, der, um das Leben seiner Soldaten zu schützen, diesen Angriff befahl.

Wie ist es mit diesen Bauern und ihren Kindern, die da, auf dieser Sandbank, in diesem Fluss, ihr Leben verloren?
Sind sie „gefallen“?
Für wen?

Was werden nun die Angehörigen und Nachbarn im Dorf von diesem Tag ihren Enkeln erzählen, eines Tages, später, wenn sie mal wieder davon sprechen, von diesem plötzlichen Tod, der damals über das Dorf gekommen ist?
Was werden sie sagen?
Werden sie sagen: „die Deutschen haben uns damals gegen die Taliban verteidigt“?

Erich Maria Remarque hat eindringlich wie kaum jemand gezeigt, daß es im Krieg nur Opfer gibt.
Auf beiden Seiten.
Auf beiden Seiten sterben die Menschen auf brutale und fürchterliche Weise.
Es gibt im Krieg keine Gewinner, nur Tod.

Remarque schreibt aus der Sicht eines jungen Kriegsfreiwilligen. Er nennt sie wie Ernest Hemingway „die verlorene Generation“, die als Heimkehrer mühsam versuchen, wieder ins normale Leben zurück zu finden. In der „ZEIT“ kann ich im April das Jahres 2010 von solchen Kriegsfreiwilligen lesen, die, als schwer Verletzte heimgekehrt aus fernen Landen, mühsam versuchen, wieder ins normale Leben hinein zu finden.

In einem Interview mit Friedrich Luft sagte Remarque 1963:
„Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, daß es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hingehen müssen.“

2010. Deutschland ist im Krieg.
Wir müssen aufhören mit der beschönigenden Rede vom „gefallenen Soldaten“.
Denn die Wahrheit des Krieges ist sehr konkret: explodierte Soldaten müssen beerdigt werden, die in die Luft flogen, als sie mit ihrem gepanzerten Wagen auf eine Mine fuhren.
Und Kinder, denen es die Körper zerriss, als ein Offizier den Angriff befahl, weil er seine Soldaten schützen wollte.

Wenn ein Soldat stirbt in einem solchen Krieg, dann sind seine letzten Gedanken vielleicht diese:
„..aber ich dachte nur an dein Gewehr, dein Bajonett, die Handgranaten. Wenn wir das Alles wegwerfen würden, könnten wir Brüder sein, aber sie wollen nicht dass wir das erkennen; und so handeln.
Wir dürfen die Wahrheit nicht erfahren, wir haben alle Mütter, Väter, die gleiche Angst vor dem Tod, den gleichen Schmerz.
Es gibt keinen Unterschied, es ist unmenschlich, vergib mir Kamerad.“ (Erich Maria Remarque, Im Westen nichts Neues).

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s