Schreiben in Zeiten des Krieges – Martin Luther King


Am 4. April 1968 wurde der Friedensnobelpreisträger von 1964, Martin Luther King, erschossen. Den Gewaltbereiten wurde zuviel, wie dieser gewaltlose Visionär die amerikanische Gesellschaft veränderte.
Ich war zehn Jahre alt.
An Kings Tod kann ich mich nicht mehr aktiv erinnern, in dunkler Erinnerung sehe ich meinen Vater vor dem Radio sitzen und „RIAS Berlin“ oder „SFB Feature“ hören;
mit 1968 verbinde ich eine andere Erinnerung: die des Einmarsches der Nationalen Volksarmee in Prag. Ich erinnere das deshalb so genau, weil es einer der wenigen Momente war, in denen ich meinen Vater habe weinen sehen: „Nun haben sie das letzte Stück Freiheit verraten“ hat er damals gesagt, als die Hoffnung für eine Veränderung im Sozialismus, die sich in der Person von Dubcek gründete, mit Panzern der „Freunde“ (wie wir die Russen nannten) niedergemacht wurde.
Martin Luther King’s Botschaft hat meine Familie geprägt.
„Passiver Widerstand“ und die Bereitschaft, die Folgen des eigenen Handelns zu ertragen – das waren die „Stichworte“, mit denen unsere Familie in der Diktatur zu überleben versuchte.
Die Eltern waren, als die deutsche Grenze noch offen und die Mauer noch nicht gebaut war, im Jahr 1961 bewußt im Osten geblieben, und nicht, wie so viele ihrer Freunde, in den Westen „abgehauen“, weil sie hier einen Auftrag für sich sahen, von der Hoffnung zu sprechen. Mein Vater hatte, nach einer Schriftsetzerlehre in Halle beim Landgericht in der Registratur angefangen.
Dann kam Hilde Benjamin. Die „rote Hilde“. Diese „Justizministerin“ zog gegen ihre Genossen zu Felde, die es wagten, dem Zentralkomitee der SED offen zu widersprechen.
Mutige Kommunisten waren das. Viele von ihnen waren grade aus einem KZ gekommen, hofften auf einen Neuanfang im „Neuen Deutschland“.
Die „rote Hilde“ stellte sie vor Gericht, weil sie die Politik der „Gruppe Ulbricht“ störten.
Diese „Dessauer Prozesse“ sind gut dokumentiert. Die „rote Hilde“ stellte ihre eigenen kommunistischen Genossen vor „Gericht“ und ließ sie unter anderem in den „Roten Ochsen“ nach Halle bringen, einem Zuchthaus, das schon den Nazis als Folterort gedient hatte.
Das war der Moment, wo Vater seinen Beruf bei der Justiz in Halle quittierte.
„In diesem Staat kann man kein Recht sprechen. Das ist Willkürjustiz.“ Er fing seine dritte Berufsausbildung, ein Theologiestudium an – in der schönen Lutherstadt Wittenberg – und wurde Pfarrer in der Diktatur. Ein kritischer Geist allenthalben, kein  Freund der Obrigkeit, gewiß nicht.
„Steh zu deinen Entscheidungen“ – trage die Folgen deines Handelns aufrecht. Damit sind wir groß geworden. Und deshalb war es eigentlich nur selbstverständlich, daß wir drei Jungs weder bei den Pionieren, noch bei der FDJ, weder im Armeelager noch bei der Armee waren.
An „Wahlen“ nahmen wir nie teil. Denn alleine schon die Teilnahme an einer Wahl galt als „Bekenntnis zum sozialistischen Staat“.
Als die staatlichen Wahlhelfer am Wahlsonntag – nach der Gottesdienstzeit versteht sich – ins Pfarrhaus kamen, um doch noch mal einen Versuch zu machen, diesen renitenten Pfarrer von der Notwendigkeit der Stimmabgabe zu überzeugen, pflegte meine Mutter zu sagen:
„Wollen Sie einen Kaffee? Ist auch ein guter“ (von der Patengemeinde aus dem Westen, nicht so ein Kaffeeersatz aus dem Osten, den wir in Anlehnung an „Jacobs Krönung“ „Erichs Krönung“ nannten).
Dann ging sie in die Küche und kam mit einem Holzteller herein, auf dem ein Apfel lag.
Diesen Teller stellte sie vor die beiden Herren und meinte trocken: „Bitte, greifen Sie doch zu! Wählen Sie sich doch einen aus!“
Das war dann das Ende des „Gesprächs“.
„Je klarer du bist, um so einfacher ist es“- das hatten wir im Elternhaus gelernt und es ist richtig. Denn man wußte uns schon bald „einzuordnen“.
Wir galten in politischer Hinsicht als „unverbesserlich“ und „nicht zu überzeugen“. Ok. Dann war es eben so.
Allerdings: obwohl wir drei zu den Klassenbesten gehörten, durften wir an einer „Erweiterten Oberschule“ kein Abitur ablegen.
Margot Honecker hatte was dagegen.
Da war die Konsequenz des Handelns zu tragen. Es gab glücklicherweise noch jene drei kleinen kirchlichen Schulen, in denen man ein ordentliches humanistisches Abitur ablegen konnte: in Naumburg, in Potsdam-Hermannswerder und im kleinen Moritzburg in Sachsen. Ich hatte meine helle „Freude“ an Latein und Griechisch in Naumburg…..oh oh, das war eine harte Schule, aber es war eine sehr gute Schule.
Etliche der Gründer der ostdeutschen Sozialdemokratie haben in Naumburg oder Hermannswerder ihr Abitur gemacht. Die Geschichte dieser Schulen muß erst noch geschrieben werden.
Die Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz in der Nachbarstadt Zeitz gehört in jene Zeit. Ich war zu seiner Beerdigung. Sie wurde zum Fanal gegen die Diktatur. Das ZDF berichtete live. Der Korrespondent durfte anschließend nicht mehr in der DDR drehen.

Leiste „passiven Widerstand“ bedeutete: beteilige dich nicht an einem System, das selbständiges Denken verhindert und widersprich, wo du es für geboten hältst. Folge deinem Gewissen.
Aber, sei bereit, die Konsequenzen deines Handelns zu tragen. Mit diesen „Leitsätzen“ sind wir groß geworden. Übrigens sehr fröhlich, wie angemerkt sei.

Martin Luther King galt uns für solches selbstbestimmtes Leben als leuchtendes Vorbild.
Es gibt einen sehr beeindruckenden Film über King: „… dann war mein Leben nicht umsonst“. Filmbiografie, USA 1970, Regie: Sidney Lumet, Ely Landau, Joseph L. Mankiewicz, Buch: Sidney Lumet, Ely Landau und Joseph L. Mankiewicz, Produzent: Ely Landau. Mit: Paul Newman, Joanne Woodward, Ruby Dee, Clarence Wilson, Burt Lancaster.

Ich habe diesen Film, der über den „Filmverleih“ des Evangelischen Jungmännerwerkes auszuleihen war (schon wieder ein Wunder mitten in der Diktatur), in der Universitätsstadt gezeigt, später, um gemeinsam mit den Jugendlichen, für die ich als Jugendpfarrer Verantwortung trug und mit denen ich jene Pazifismusstudien betrieb, über die ich hier schreibe, anschaulich zu machen, wovon wir sprachen, wenn wir Gewaltlosigkeit einübten.
Die Räume waren rappelvoll. Kein Sitzplatz mehr zu haben. Man saß oder stand, wo grade noch irgendwie Platz war.
Damals, Anfang der achtziger Jahre, war eine solche Sache ein Affront gegenüber dem Staat. Diese Filmvorführung wurde jedenfalls von den „staatlichen Stellen“ so verstanden.
Ich mußte gemeinsam mit dem Superintendenten „zum Rapport“ beim Rat des Bezirks und zur Kreisleitung der SED. Die Jungs in Lederjacke waren auch immer freundlich, wenn sie am Gespräch teilnahmen.
Heutzutage gibts ja kaum etwas harmloseres, als bei youtube oder amazon oder wem auch immer eine DVD zu bestellen und in einer größeren Versammlung zu zeigen.
In den achtzigern war das anders, wenn es so ein Film war und wenn um einen herum die Diktatur alles beherrschte.

In diesem Film singen sie, nachdem die Polizei sie mal wieder zusammengeknüppelt hatte, nach all dem vielen schweren körperlichen Leid, das für die eigene Überzeugung zu tragen war – da singen sie, diese Schwarzen, die mit Martin Luther King gemeinsam gewaltlos ankämpften gegen die Ungerechtigkeit.
Sie hatten bei Gandhi gelernt.
Sie singen „We shall over come“.

Es hat mich seither immer sehr seltsam berührt, wenn dieses Lied auf dem „Festival des politischen Liedes“, das regelmäßig in Berlin abgehalten wurde, von FDJ-Liedergruppen gesungen wurde, so, als hätten die jemals auch nur irgendetwas für die eigene Überzeugung aushalten müssen. Dieses Lied gehörte zum Standardrepertoire von FDJ Singeklubs. Ich habe das immer wie eine „Enteignung“ empfunden. Denn dieses Lied gehörte Menschen, die bereit waren, für ihre Überzeugungen etwas auf sich zu nehmen, aber es gehörte nicht jenen, die angepasst und „immer schön mit der Masse mit“ in ihren mehr oder weniger frisch gebügelten blauen Hemden da standen und nichts auszuhalten hatten außer ihrer eigenen Langeweile.
Das Lied wurde aber auch gesungen in kirchlichen Jugendgruppen.
Später habe ich es wieder gehört in der Friedensbewegung, da gehörte es auch hin, da wurde Widerstand geleistet.
Und jedes Mal klang es anders.

Deutschland im Kriegsjahr 2010.
Wenn ich richtig sehe, sind wir mal wieder in der Minderheit, wenn wir ein neues Mandat für die Bundeswehr fordern.
Macht nix.
Willkommen zu Hause.

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