Schreiben in Zeiten des Krieges – Mahatma Gandhi


Von Tolstoi führt die Spur direkt zu Gandhi.
Über den Mahatma („Große Seele“) ist viel geschrieben worden. Der Film über ihn hat mehrere Oscars gewonnen. Man glaubt deshalb, Gandhi zu „kennen“.
Ich fürchte, das ist eine Täuschung.
Während der Diktatur wurde Ghandi für uns wichtig, weil er uns half, harte Gespräche mit der Obrigkeit vorzubereiten.
Die FDJ an der Universität hatte auf den Bergen des Saaletals „Tribunale“ gegen uns abgehalten. Deftig garniert mit brennenden Fackeln zog man über jene „Träumer“ und „Visionäre“ her, die „Schwerter zu Pflugscharen“ auf ihren Jacken trugen. Wir sollten „endlich aufwachen“ wurde uns gesagt und „die Realitäten anerkennen“, der „Friede muß bewaffnet sein“! Die „Errungenschaften des Sozialismus“ seien „zu verteidigen“.
Wir hielten solcher Rede ein Zitat entgegen: „Schwerter zu Pflugscharen!“ – ein Zitat aus dem Alten Testament. (Micha 2)
Auf dem Aufnäher war jene große Metallarbeit zu sehen, die die Sowjetunion der UNO geschenkt hatte: man sieht, wie ein Mann ein Schwert zu einer Pflugschar umschmiedet.
Es war Anfang der achtziger Jahres des vorigen Jahrhunderts.
Wenige Jahre nur vor dem völligen Zusammenbruch eines politischen Systems, das sich in „ewiger Freundschaft“ mit der Sowjetunion verbunden glaubte…..

Nun also hatte die SED den Gedanken, einen „Dialog“ zu führen mit denjenigen, die sie eigentlich für „politisch unzuverlässig“ hielt – z.B. den Theologen da oben in ihrer kleinen Sektion (das Wort „Fakultät“ wurde erst nach der Wende wieder eingeführt) an der Universität.
Das Papier zur „Gemeinsamen Sicherheit“, das zwischen SPD und SED ausgehandelt und bereits auf etlichen kirchenlichen Großveranstaltungen (auch kleineren) diskutiert worden war; die Prozesse in der Sowjetunion hin zu mehr Öffnung und Dialog (Gorbatschow kam mit dem Buch „Perestroika“ erst 1987) und die wachsende Ausreisewelle hatten zu einer gewissen „Gesprächsbereitschaft“ geführt. Das Ziel dieser „Gespräche“ bestand darin, wieder Ruhe in die Gesellschaft zu bringen.

Wie war mit dem „politischen Gegner“ in Zeiten der Diktatur ein wirkliches Gespräch zu führen?
Wie war mit jemandem zu reden, der einen für „rückschrittlich“ und „fehlorientiert“ einschätzte und tagtäglich in der Arbeit bekämpfte? (ich habe später im „Maßnahmeplan“ der Stasi dokumentiert gefunden, daß man mithilfe der 19 IMs, die man „angesetzt“ hatte, vorhatte, mich zu „zerstören“.)

Nun, wir haben uns gründlich vorbereitet. Wir haben Gandhi gelesen.
Es war klar: diese „Gespräche“ würden sowohl von der SED, von der Parteileitung, von der FDJ und auch von der Staatssicherheit gründlich ausgewertet werden (was sich später in meiner Akte umfänglich beschrieben  wiederfand). Man würde „nichts dem Zufall überlassen“. Eine tatsächliche Gesprächsatmosphäre würde voraussichtlich nicht entstehen, denn die „Christlichen Kreise“ (darin waren vor allem CDU-Mitglieder organisiert) hatten diesen „Dialog“ mit uns unangepassten Kirchenleuten häufig im Auftrag der SED zu führen.

Was also konnten wir selbst angesichts solcher Rahmenbedingungen dazu beitragen, daß dennoch möglichst ein offenes Gespräch entstand?
Wie konnten wir vermeiden, daß es nur zu einem Schlagabtausch wurde, bei dem sich jede „Seite“ die je eigenen Argumente wie Plakate vor die Nase hielt oder um die Ohren schlug?
Konkret: was konnten wir selbst zur Befriedung der Situation beitragen?

Man würde uns angreifen, keine Frage. Die FDJ hatte sich gut vorbereitet. Wir kannten die Argumente. Der Saal war voll mit Funktionären. Wir waren nur zu dritt.
Würde es gelingen, ohne Aggression zu antworten?

Ghandi musste helfen.
Dieser große Inder, der soviel Erfahrung gesammelt hat im gewaltfreien Widerstand.
Im Kreis der jungen Leute, die ich um mich hatte – ich war damals für kirchliche Jugendarbeit verantwortlich – haben wir ihn studiert.
Und haben im Rollenspiel eingeübt, wie ein friedlicher Dialog trotz Angriffen durchzuhalten wäre – oft, das sei nebenher bemerkt, zum Verdruß von Armee und Staatssicherheit, weil wir in diesen Rollenspielen beispielsweise Musterungen zur Armee „durchspielten“, um den jungen Männern Argumentationssicherheit zu geben, wenn sie sich zu den „Bausoldaten“ mustern ließen.
Wir hatten gewaltfreie Kommunikation zu lernen.
Nicht die anderen.
Wir haben sie eingeübt, haben studiert und sind immer wieder bei Gandhi in die Lehre gegangen.
Grundlage dieser Vorbereitungen war seine Autobiografie „Meine Experimente mit der Wahrheit“, ein Buch, das erst 1982 in erster Auflage beim Union Verlag Berlin erschienen war – eine Sensation!

Wenn ich heute dieses Buch aus dem Regal nehme, diese „Experimente mit der Wahrheit“, wenn ich die vielen Zettel in seinen Seiten stecken sehe – beinahe auf jeder Seite habe ich mir wichtige Stellen angestrichen, kommentiert, große Teile auch exzerpiert, das Tagebuch gibt umfangreich Auskunft – und wenn ich mich frage, was von diesen Mühen in der Diktatur eigentlich geblieben ist, heute, zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer, dann ist es dies:

Die wirkliche Veränderung beginnt immer bei dir selbst.

Verlange niemals eine Veränderung von einem anderen, solange du nicht selbst bereit bist, dich zu verändern.

Versuche, die Wahrheit im Argument des anderen zu entdecken.

Das war sehr schwer für uns einzusehen.
Denn wir waren eine bekämpfte Minderheit in einer Gesellschaft, deren überwiegende Mehrheit selbstverständlich bei Pionieren, FDJ, in Parteien und bei der Armee organisiert war und alles mehr oder weniger engagiert „mitmachte“, was die Oberen verlangten.
Ich muss heute öfter lächeln, wenn so mancher, der damals FDJ-Funktionär war, und uns das Leben schwer machte, weil wir nicht „zur Wahl“ gingen, heute als „Widerständler“ gilt und hohe politische Ämter inne hat.

Aber gerade wir, die wir in der Minderheit waren, wir Kirchenleute und die mutigen jungen Leute noch viel mehr, die in ihren Schulen, an der Hochschule oder im Betrieb sich tagtäglich noch ganz anders auseinandersetzen mussten als wir, die wir bei der Kirche arbeiteten – gerade von uns wurde unerbittlich verlangt, zunächst an uns selbst zu arbeiten. Zum Beispiel an der eigenen Bereitschaft zur Aggression im Gespräch.
Gandhi verlangte es.
Wenn man dieses Buch „Meine Experimente mit der Wahrheit“ in einer Diktatur liest – dreißig Jahre meines Lebens habe ich diese Lebenserfahrung gemacht -, dann bekommt man ein Gespür für die Unerbittlichkeit, die Gandhi von sich und seinen Leuten verlangte.

Er war unerbittlich gegenüber seinen Leuten, mit denen er schließlich im gewaltfreien Widerstand die Engländer aus dem Lande trieb und Indien zur freien Nation machte, weshalb man ihn heute noch den „Vater der Nation“ nennt.
Er war noch unerbittlicher gegen sich selbst.
Möglicherweise konnten wir nur dank seiner Schule mit unserem „gewaltlosen Widerstand“ einen Beitrag leisten, so daß die Mauer fiel.

Wir sind im Kriegsjahr 2010.
Und ich erinnere mich an die frühen achtziger Jahre.
Weshalb?
Weil wir heute wieder in einer Minderheit sind, wenn wir ein neues Mandat für die Bundeswehr verlangen, nachdem die Kanzlerin und ihr Minister offen von einem „Krieg“ sprechen, in dem Deutschland sich befindet, ohne das Mandat zu ändern, das unter anderen Bedingungen gegeben worden war.

Den Einwand, die „Linke“ sei als einzige Fraktion im Parlament für den Abzug aus Afghanistan, lasse ich nicht gelten, denn es mutet mich immer noch sehr seltsam an, das ausgerechnet diejenigen, die schon Kinder und junge Jugendliche in eine vormilitärische Ausbildung zwangen; ausgerechnet die, die den Wehrdienstverweigerern während der Diktatur das Leben überaus schwer machten, ihnen Berufsperspektiven und Ausbildung verweigerten; ausgerechnet die, die mit oft unglaublicher Rafinesse gegen Andersdenkende vorgingen; daß ausgerechnet die, die einzigen seien, die glaubwürdig einen Pazifismus verträten – das ist aus meinem Blickwinkel die pure Heuchelei.
Ich gestehe zu, daß etliche jüngere Leute mittlerweile bei der früheren SED mitmachen, die erst knapp über die zwanzig Lenze zählen und nicht verantwortlich gemacht werden können für die Diktatur.
Das ändert jedoch nichts an der einfach zu durchschauenden Taktik einiger Parteistrategen, dieses „Thema“ überaus populistisch für sich zu besetzen.

Nein, das Wort „Minderheit“ bezieht sich auf die anderen im Bundestag vertretenen Parteien.
Ich kann derzeit noch keine Mehrheit erkennen, die einen schnellen Abzug der Bundeswehr zulassen würde – es sei denn Sozialdemokraten und Grüne würden durch einen eigenen Antrag die Regierung dazu zwingen, der Bundeswehr ein neues Mandat zu geben, das mit der Verfassung übereinstimmt.

Wieder ist Mut gefordert.
Und Ausdauer.

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2 Gedanken zu “Schreiben in Zeiten des Krieges – Mahatma Gandhi

  1. Lieber Ulrich!

    Ich bin froh, diese Seite gefunden zu haben. Danke!

    „Wenn du im Recht bist,
    kannst du dir leisten,
    die Ruhe zu bewahren;
    Und wenn du im Unrecht bist,
    kannst du dir nicht leisten,
    sie zu verlieren.“

    Mahatma Gandhi

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