Schreiben in Zeiten des Krieges – Stefan Zweig


Thomas Mann sagt 1952 anlässlich des zehnten Todestags von Stefan Zweig über dessen Pazifismus:
„Es gab Zeiten, wo sein radikaler, sein unbedingter Pazifismus mich gequält hat. Er schien bereit, die Herrschaft des Bösen zuzulassen, wenn nur das ihm über alles Verhaßte, der Krieg, dadurch vermieden wurde. Das Problem ist unlösbar. Aber seitdem wir erfahren haben, wie auch ein guter Krieg nichts als Böses zeitigt, denke ich anders über seine Haltung von damals…“

Deutschland ist im Krieg.
Kanzlerin und ihr Minister gebrauchen dieses Wort, nachdem man anfänglich jahrelang herumgedruckst hatte, ob es sich bei dem „Einsatz“ der Bundeswehr am Hindukusch um einen „Kampfeinsatz“ oder um einen „Krieg im umgangssprachlichen Sinne“ handeln könne.
Die Worte werden gewechselt.
Die Politik wird nicht geändert – man macht weiter wie bisher.

Die Zahl der getöteten Zivilisten steigt, die Zahl der getöteten Soldaten ebenfalls.
Die Zahl der getöteten Zivilisten steigt schneller.

In solchen Zeiten des Krieges ist es gut, sich an die inneren Verbündeten zu erinnern, an die Stützen eines europäischen Pazifismus, der – allenthalben verlacht zu seiner Zeit – gegen alles Gebrüll in Medien und Gesellschaft sich nicht beirren lässt.

Stefan Zweig gehört für mich neben Bertha von Suttner, Romain Rolland und anderen, über die noch zu schreiben sein wird, zu jenen wenigen stillen Denkern, die mir ein inneres Überleben während der Diktatur ermöglicht haben.
Als wir verlacht und ausgegrenzt wurden, weil wir uns weigerten, der „Nationalen Volksarmee“ zu „dienen“; als wir schon vorher daran gehindert wurden – trotz bester schulischer Leistungen – ein Abitur an einer staatlichen Schule abzulegen und entsprechend frei ein Studium zu wählen; als die FDJ „Tribunale“ auf den Bergen des Jenaer Saaletals gegen uns veranstaltete, die wir für „Frieden schaffen ohne Waffen“ und „Schwerter zu Pflugscharen“ eintraten – seit damals gehört Stefan Zweig, dieser stille Mann, der am 22. Februar 1942 in Brasilien „aus freiem Willen und mit klaren Sinnen“ aus dem Leben gegangen ist, zu den wichtigsten Stützen und Wegbegleitern in meinem Leben.
Er hat mir ein Überleben in der Diktatur ermöglicht. Bei ihm war ich innerlich zu Hause.

Sein Buch über einen der mächtigsten Männer des französischen Geheimdienstes  „Joseph Fouche“ erschien in zweiter Auflage überraschend 1983 im Verlag der Nation in Ost- Berlin und war uns ein „Paradetext“ für unseren alltäglichen Umgang mit der Staatssicherheit.

Sein „Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt“, schon aus dem Exil geschrieben, war das Fundament unseres inneren Widerstandes gegen die Diktatur schlechthin.
Ich hatte einen kleinen Kreis junger Leute um mich gesammelt während der Diktatur und wir lasen diese Texte, um innerlich irgendwie am Leben zu bleiben.
Diese Worte gaben Kraft für den täglichen kleinkarierten Alltag in der Diktatur, der von einem ständigen „Nein!“ sagen geprägt war.
„Nein!“ zur Mitgliedschaft in Pionieren und FDJ; „Nein!“ zu einer Teilnahme an der vormilitärischen Ausbildung; „Nein!“ zur Nationalen Volksarmee; „Nein!“ zu einer Beteiligung an Wahlen, die ja gar keine freien Wahlen waren. Wir hatten dafür Konsequenzen zu tragen und wir trugen sie.
Weil wir Stefan Zweig im Gepäck hatten.

Als die Aufrüstungsdebatte ihren Höhepunkt erreichte – in Bonn versammelten sich über 500.000 Menschen, um gegen Pershings zu demonstrieren; in Ostdeutschland eskalierte die Auseinandersetzung zwischen der SED, der FDJ und den kirchlichen Jugendgruppen („Gegen NATO-Waffen Frieden schaffen!“ und „Schwerter zu Pflugscharen!“), kehrten wir immer wieder zu Stefan Zweig und seinen stillen präzisen Texten zurück, um uns zu vergewissern, ob wir noch auf dem richtigen Kurs unterwegs waren.

Heute, im Kriegsjahr 2010, ist es gut, sich an diesen kompromisslosen Pazifisten und großen Europäer zu erinnern.
Wieder geht es um das große Thema „ein Gewissen gegen die Gewalt“ wie Zweig es im „Castellio“ so wunderbar präzis entfaltet hat.

Wieder ist es an der Zeit, „Nein!“ zu sagen.
„Nein!“ zu einem „weiter so“ der Bundeswehr in Afghanistan.
Die Strategie des „christlichen“ Westens in diesem tief religiösen muslimischen Land ist gescheitert.
Mit Soldatenstiefeln kann man die Herzen der Menschen nicht gewinnen.
Wenn eine Kanzlerin von „Krieg“ spricht, dann ist der Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch nicht mehr durch das Grundgesetz legitimiert.
Denn es verbietet deutschen Soldaten, an einem Krieg teilzunehmen.

Das klare und kompromißlose „Nein!“ des stillen Mannes Stefan Zweig ist heute nötiger denn je.

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