Wir haben keine Feinde in Afghanistan!


Es gibt keinen Weg zum Frieden am Hindukusch als die Erkenntnis, daß wir keine Feinde haben in Afghanistan.

Mit großer Sorge sehe ich, wie altes Feindbild-Denken fröhliche Urständ feiert im Alltagsdenken und in der Alltagssprache.
Immer tiefer verbreitet sich die Rede, Deutschland hätte „Feinde“ in Afghanistan. Nachdem erneut 4 Soldaten im Krieg geblieben sind, flammt die Diskussion um den Einsatz der Bundeswehr – gemeinsam mit den Bündnispartnern – in Deutschland neu auf. Zwar lehnen über 60% – manche Agenturen sprechen gar von über 70%  der deutschen Bevölkerung – den Krieg in Afghanistan ab, aber dennoch ist selbst in Artikeln der eher linken politischen Szene häufig von diesen „Feinden“ die Rede, gegen die Deutschland sich zu verteidigen habe.

Man dürfe die Soldaten „jetzt nicht allein lassen“ ist zu hören und zu lesen. Deshalb ist die Militärobrigkeit auch flugs dabei und fordert schwerere Waffen. Neuerdings will man gar Panzerhaubitzen einsetzen in einem Agrarland, in dem die Häuser aus Lehm gebaut sind. Große Teile der Bevölkerung sind Analphabeten. Und sie sind Muslime. Angehörige der Bruderreligion des Christentums.
Panzerhaubitzen gegen unsere Brüder.
Zu Frieden wird dies nicht führen.

Verteidigungsminister und Kanzlerin sprechen zwar neuerdings vom „Krieg“ in Afghanistan, in dem wir längst sind. Aber ihre Rede hat keinerlei Konsequenz.
In der Bevölkerung mehrt sich der Zorn über die mutlose Unklarheit in Parlament und Kabinett, die eine Ursache hat in einer tief sitzenden begrifflichen Unklarheit in der Sprache der Politik. Viel zu lange haben sich Parlament und Regierung davor gescheut, sich einzugestehen, daß man in einen Krieg hineingeraten ist, den eigentlich niemand wollte.
Und viel zu lange hat man unreflektiert und abgedroschen davon gesprochen, Deutschland müsse „gegen die Taliban“ „unsere Freiheit verteidigen“.

Dieses Denken in Feindbildern sitzt tief.
Folgt man diesem Denken, sind wir sind auf der „richtigen“ Seite der westlichen Koalition und die anderen auf der „falschen“ Seite – der „Taliban“.

So einfach dieses Denken ist, so falsch ist es. Es ist gefährlich.
Denn in Zeiten „privatisierter Gewalt“ (Erhard Eppler) muß differenzierter gesprochen werden. Auch und vor allem in der Sprache einer Kanzlerin und eines Verteidigungsministers.
Wer unklar und verworren in ständiger Rede wiederholt, „die Taliban“ seien „unsere Feinde“, der wird aus der Spirale der Gewalt, die sich in besorgniserregender Weise weiter hoch schraubt, nicht herauskommen, denn er ist einem Denken verhaftet, daß im Kern zwischen „richtig“ und „falsch“, zwischen „wir“ und „die anderen“; zwischen „unsere Freiheit“ und „eure Interessen“ unterscheidet.
Es ist ein dualistisches, ein trennendes Denken.
Ein solches dualistisches Denken führt zum Krieg.
Ein solches Denken kostet Menschenleben.

Romain Rolland, jener  bedeutende französische Literaturnobelpreisträger, den manche als „das Gewissen Europas“ beschrieben haben, schreibt während des Ersten Weltkrieges, als jenes dualistische Denken, das die Welt in „richtig“ und „falsch“ einteilt, zu Millionen von Toten geführt hatte, in einem Brief an Stefan Zweig:
(15. März 1915):
„Wenn Christus heute wiederkehrte, dann würde er nicht gekreuzigt werden, weil er gesagt hat: „Ich bin Gottes Sohn“, sondern weil er sagte:
Ich bin ein Mensch wie ihr. Wir sind Brüder.
Sagen wir es also an seiner Stelle!“ (Romain Rolland. Das Gewissen Europas, Band I, Rütten & Loening Berlin 1969, S. 344).

Ähnlich wie Stefan Zweig ist Rolland eines „unverantwortlichen Pazifismus“ verdächtigt worden. Schließlich hätten sich die Nationalstaaten „zu verteidigen“. (Rolland wurde von beiden kriegführenden Seiten bekämpft).
Das Ergebnis solcher trennenden Rede allerdings war verheerend.
Wenn eine Bischöfin heutzutage mit dem Hinweis auf wachsende Unsicherheit im Lande formuliert „nichts ist gut in Afghanistan“, dann wird sie erneut eines „billigen Pazifismus“ bezichtigt.
Das ist alles nicht neu.
Was mir aber Sorge macht: „Pazifismus“ wird erneut zum Schimpfwort. Ein weiteres Indiz, daß wir uns im Krieg befinden, denn: „Pazifismus“ war in Kriegszeiten schon immer das zentrale Schimpfwort, mit dem die Militärs sich zu allen Zeiten gegen jene zu verteidigen suchten, die gegen Feindbilder und ihre Folgen argumentierten.

Es gibt keinen Weg zum Frieden als die Erkenntnis, daß wir keine Feinde haben in Afghanistan.
Dort leben Menschen wie wir.
Sie sind unsere Brüder!
Ich zitiere Romain Rolland fast 100 Jahre nach diesem oben zitierten Brief an Stefan Zweig, weil unser Alltagsdenken und unsere Alltagssprache erneut die Sorgfalt benötigen, die sein Denken geprägt hat.
Ich zitiere ihn, wie ich ihn 1983 zitiert hatte, in den großen Auseinandersetzungen um die Pershings und die SS-20, damals lebte ich noch auf der östlichen Seite der Mauer. Und die Oberen bezichtigten mich eines „Pazifismus“, der „zu einfach“ sei. Man meinte, ich sei „politisch unzuverlässig“ und „naiv“. Der Friede sei nur zu „sichern“, wenn er „bewaffnet“ sei („Frieden schaffen gegen NATO-Waffen“; „Der Friede muß bewaffnet sein“).
Es war ein grundfalsches Denken. Gut, daß der ganze falsche Zauber schon 7 Jahre später in sich zusammenbrach und sich auflöste wie eine Theaterwolke auf der Bühne der Geschichte.
Wir hielten den Oberen damals unsere selbstgebastelten Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ entgegen und trugen mehr oder weniger mit Fassung, was uns solches Verhalten einbrachte.
Viele junge Menschen litten sehr unter der Behandlung durch die Obrigkeit wegen ihrer Aufnäher, verzichteten auf Ausbildung und Karriere, gingen sogar ins Gefängnis.
Alles ist gut dokumentiert und besprochen worden.
Heute, im Jahr 2010, dem Jahr, als die aus Ostdeutschland stammende Bundeskanzlerin wieder von einem „Krieg“ zu sprechen beginnt, an dem deutsche Soldaten beteiligt sind; heute, nachdem erneut 4 Soldaten ums Leben gekommen sind (43 sind es mittlerweile) müssen wir uns dringender denn je um Sorgfalt des Denkens und der Sprache bemühen.
Denn aus falschem Denken kommt falsche Sprache.
Aus falscher Sprache wächst falsches Handeln.
Wir müssen endlich mit unserer ganzen Existenz begreifen, daß sich Frieden niemals „gegen“ den andern durchsetzen läßt.
Wir sind eine Menschheit.
Es ist nicht so, daß wir auf der „richtigen“ Seite stehen und die anderen auf der „falschen“.
Wir brauchen nicht schwerere Waffen in Afghanistan.
Man schießt nicht mit Haubitzen auf Lehmhütten, wenn man den Frieden will.
Die Muslime sind unsere Brüder und Schwestern. Der Islam ist die Bruderreligion des Christentums.
Wir haben keine Feinde in Afghanistan.
Eine weitere Aufrüstung der Armee der Koalition wird nicht zu mehr Frieden, sondern zu immer mehr Toten führen.

Von der SPD erwarte ich, daß sie mutig eingesteht und erkennt, daß wir den falschen Weg gegangen sind. (Ich selbst habe nach langen Debatten noch bis ins Jahr 2009 die Politik des Bündnisses mitgetragen und habe den Einsätzen der Bundeswehr zugestimmt. Ein Abstimmungsverhalten allerdings, das ich mittlerweile, nach dem von Oberst Klein angeordneten Angriff auf den Tanklastzug mit vielen zivilen Todesopfern und den neueren Entwicklungen im Lande, sehr bedauere).
Ich erwarte von der SPD, die ich seit 1989 in Ostdeutschland mit aufgebaut habe und der ich seit 20 Jahren angehöre, daß sie mit großer Kraft und Klarheit einer Kanzlerin die Gefolgschaft verweigert, die unreflektiert einfach „weiter so“ machen will, obwohl das Mandat, mit dem die Soldaten nach Afghanistan geschickt wurden, die gegenwärtige Situation in keiner Beziehung mehr abdeckt.

Die Bundeswehr braucht ein neues Mandat. Ein Mandat, das den Abzug aus Afghanistan regelt und den zivilen Aufbau stärkt.
Denn die Teilnahme an einem Krieg ist der Bundeswehr vom Grundgesetz her verboten.
Deutschland ist nun aber im Krieg.

Wir müssen uns eingestehen, daß die Strategie des Westens in Afghanistan gescheitert ist.
Das erfordert Mut.
Frieden hat schon immer Mut erfordert.
Die niederländische Sozialdemokratie hat diesen Mut aufgebracht. An der Frage der Ausweitung der militärischen Beteiligung im Bündnis der NATO in Afghanistan ist die Regierungskoalition zerbrochen. Die niederländischen Sozialdemokraten haben die Regierung verlassen. Aber sie hatten den Mut, offen einzugestehen, daß eine immer höhere Aufrüstung nicht zum Ziel führen wird.
Denn mittlerweile lässt sich das Gegenteil beobachten:
Die Region Kundus (und andere Regionen des wunderschönen Landes Afghanistan, zu dem gerade die Deutschen eine eigentlich großartige gemeinsame Geschichte der friedlichen Kooperation haben) hat sichvon der ehemals friedlichsten Region des Landes in eine der unsichersten und gefährlichsten Regionen entwickelt.
Die militärische Auseinandersetzung ist der falsche Weg. Eine weitere und stärkere Bewaffnung wird nicht zu mehr Frieden, sondern zu mehr Toten führen.

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