Tod und Sterben werden Thema bei den Schülerstreiks


Die in FridaysForFuture Rhein Sieg 15.3.2019

Das ist bemerkenswert. Junge und sehr junge Menschen gehen seit Monaten „wegen Klimaschutz“ auf die Straßen – aber nun bringen sie die Themen „Tod“ und „Sterben“ zur Sprache. Am 15. März 2019 ist das geschehen und die Gruppe von FridaysForFuture Rhein Sieg hat diese im Jargon „Die in“ genannte Aktion durchgeführt und fotografiert.
Sie schreiben dazu auf ihrer facebook-Seite:

„Auf der Demo am Freitag fanden sich spontan Jugendliche zusammen um mit einem Die-In auf die Klimakrise und deren Folgen aufmerksam zu machen.

Auch passte diese Aktion zur Rede der Internationale Jugend Rheinland,
die darauf aufmerksam machte, dass Millionen Menschen aufgrund der Umweltzerstörung ihre Heimat verlassen müssen oder durch die vom Klimawandel entstehenden Dürren, Überschwemmungen,… sterben.

Passionszeit 2019. Fastenzeit. Gesonderte Zeit.

Zeit, über die Themen „Tod“ und „Sterben“ nachzudenken.  Nicht nur individuell, auf eigenes Leid, auf den eigenen Tod bezogen – sondern politisch.
Bezogen auf die polis, auf die Bürgerschaft dieser Einen Welt.

Für mich ein sehr starker Impuls, die Passionszeit 2019 einmal anders wahrzunehmen und zu gestalten als sonst.
Anlass, das „Leiden der Welt“ (bei Paulus ist vom „Seufzen aller Kreatur“ die Rede) hinein zu nehmen in mein Nachdenken über das, was uns trägt.

Niemand hat das Recht, diesen Jugendlichen Oberflächlichkeit vorzuwerfen. Politiker wie Frau Kramp-Karrenbauer oder Herr Lindner tun das gern. Sie meinen, die Jugendlichen gingen auf die Straßen „um zu schwänzen“. Diese Leute haben gar nichts verstanden und sie äußern sich aus eiskaltem strategischem politischem Kalkül. Denn die Jugendlichen, die sich „zum Sterben auf die Straßen legen“ sind ihnen gefährlich geworden.
Über 1,5 Millionen Menschen waren am 15. März 2019 auf den Straßen der Welt. Das ging von Asien über Europa und Afrika bis nach Nord- und Südamerika, Australien, Neuseeland – die Welt steht auf.
Und zwar die junge Welt.  Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ist um die oder unter 15 Jahre alt. Dort sind die Mehrheiten.

Und diese jungen Leute überall auf der Welt kümmern sich nun mit höchstem Engagement, auch viel Mut um ihre eigene Zukunft. Sie machen Zusammenhänge deutlich, die die „Alten“ gern verdrängen: wegen unserem Lebensstil sterben in anderen Teilen der Welt bereits Menschen.

Zeit, inne zu halten.

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Die Schülerstreiks wirken wie eine ansteckende Gesundheit


Übermorgen ist es soweit.
In 1235 Orten in 98 Ländern (Stand 13. 3. 2019) werden junge Menschen auf die Straßen gehen und ihre Zukunft einfordern.
Das ist die größte selbstorganisierte Klimaschutz-Demonstration, die die Erde bislang gesehen hat.
Das, was da auf den Plakaten zu lesen sein wird, ist keine leichte Kost.
„Eure Klimapolitik tötet“ steht da zum Beispiel.  FridaysForFuture Deutschland hat heute früh erste Entwürfe gepostet und von den Vorbereitungen berichtet.
Darüber wird zu reden sein.
Junge Menschen bedienen sich ihres eigenen Verstandes, organisieren sich weltweit und machen den Mund auf: laut und deutlich.

Mich erinnern diese Tage und Wochen an das Ende der DDR, als aus winzig kleinen Grüppchen, die sich versteckt in den Kirchen zu „Friedensandachten“ versammelt hatten, immer größere Veranstaltungen wurden bis sie so groß wurden, dass die Räume nicht mehr reichten und man auf die Straße musste, ob man wollte oder nicht.
Angst war natürlich ein Thema.
Aber wachsender Mut eben auch.
Und mit jeder öffentlichen Kundgebung, mit jeder noch so kleinen öffentlichen Demonstration wuchs der Mut.
Die Menschen begannen endlich, aufrecht zu gehen.

Eben das kann ich jetzt wiedererkennen bei den Schüler- und Studentengruppen überall auf der Welt. Manchmal sind es winzige Grüppchen, irgendwo in Mecklenburg, manchmal sogar nur ein einzelner Schüler – wie in Uganda zu sehen war -; andernorts sind Zehntausende auf den Straßen, wie kürzlich in Amsterdam, wo sich 40.000 ! Menschen hinter den Schülerinnen und Schülern versammelt haben.

Bediene dich deines eigenen Verstandes und übernimm Verantwortung für dein Leben – darum ging es am Ende der DDR und genau das genau geschieht nun wiederum, allerdings in einem viel größeren Maßstab, denn diesmal geht es rund um die Welt.
Die jungen Leute tun das. Sie lassen sich nicht mehr Angst machen von irgendwelchen Lehrern oder Ministern. Sie gehen aufrecht.

Das wirkt wie eine ansteckende Gesundheit. Immer mehr Menschen kommen dazu, immer mehr solidarisieren sich. Gestern vor der Bundespressekonferenz: „Scientists4Future“: mehr als 12.000 Wissenschaftler sagen: die Schüler haben Recht! Es ist höchste Zeit, konsequenten und engagierten Klimaschutz zu betreiben und sehr viel früher aus der Kohle auszusteigen, als das die „Kohlekommission“ vorgeschlagen hat. Das ist ein bemerkenswerter Vorgang, denn Akademiker sind gewöhnlich in solchen Angelegenheit überaus zurückhaltend. Nun aber ändert sich da was. Da wirkt etwas wie eine ansteckende Gesundheit.

Und die wird so dringend gebraucht angesichts des so sehr verbreiteten Duckmäusertums, angesichts der vielen Verdrossenheit und Verdrießlichkeit, angesichts des so sehr verbreiteten folgenlosen Meckerns über „die Verhältnisse“.

Ein frischer Wind kommt da gezogen.
Diese Streiks sind für die Regierenden sehr unbequem, denn man kann sie nun nicht mehr verschweigen, so groß sind sie geworden. Ich kann nur hoffen, dass sich die jungen Menschen und alle, die sie mittlerweile unterstützen, nicht „einwickeln“ lassen, sondern sehr klar bleiben in ihren Forderungen.
„Wir wollen, dass die Europawahlen eine Abstimmung über den Klimaschutz werden“ hat gestern ein Vertreter von FridaysForFuture in der Bundespressekonferenz gesagt. Das ist eine überaus klare Ansage.
Diese Streiks müssen unbequem sein – sonst ändert sich nichts.
Und gerade weil sie unbequem sind, sind sie auch eine große Wohltat.
Endlich! kommt da etwas in Bewegung.
Endlich! bricht da etwas auf und Neues kann werden.
Es ist höchste Zeit.

12.000 Wissenschaftler stützen #FridaysForFuture – und wie geht’s weiter?


Zunächst: heute ist ein guter Tag, denn das sehr gut begründete Engagement von vielen Zehntausenden Schülern rund um die Welt hat eine wichtige Unterstützung bekommen: in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterstützen (Stand 12.3.2019) mehr als 12.100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einen Text, der kurz und bündig zusammengefasst lautet: „Die Jugendlichen haben sehr Recht, wenn sie wirkliche engagierten Klimaschutz verlangen.“ Dr. Gregor Hagedorn, Wissenschaftlicher Leiter am Naturkundemuseum in Berlin hatte mir den Text in der Vorwoche gemailt mit der Bitte, doch „mal drüber zu schauen“, was ich gern getan habe. Heute nun war die Bundespressekonferenz, bei der Dr. Eckhart von Hirschhausen, Prof. Dr. Maja Göpel und Prof. Volker Quaschning die Erklärung der Wissenschaftler öffentlich vorgestellt haben. Unterstützt wurde die Sache unter anderem vom früheren Chef der Berliner Charité, Professor Ganten.

Aber, wie nun weiter?
Nun, am 15. März wird zunächst ein weltweiter „Klimastreik“ stattfinden. Die größte Klimademonstration aller Zeiten. Auf die Beine gestellt von jungen Menschen, denen ihre Zukunft nicht egal ist. In mehr als 900 Städten in über 80 Ländern der Erde wird es Klimastreiks geben. Großartig.

Aber, wie dann weiter?
Das wird von Land zu Land unterschiedlich sein. In Europa geht es darum, „die Europawahlen zur Abstimmung über engagierten Klimaschutz zu machen“. Denn demnächst sind Europa-Wahlen und das Thema Klimawandel muss ganz oben auf die Agenda. Wer sich nicht wirklich glaubwürdig und engagiert für wirksamen Klimaschutz einsetzt, wird nicht mehr gewählt. Da haben die Vertreter von FridaysForFuture heute in der Bundespressekonferenz den Finger genau auf die richtige Stelle gelegt, als man sie fragte, „wie lange“ sie denn „noch streiken“ wollen. „Bis sich endlich etwas ändert“ ist die glasklare Antwort.

Der nächste Schritt also: Europa-Wahlen. 23. – 26. Mai 2019 europaweit.
Bis dahin muss das Thema Klimawandel/Klimakrise/climate change ganz oben auf die Agenda.

Dabei unterstützen wir von Fuer-unsere-Enkel.org die jungen Leute sehr gern.
Und wir wissen, dass die neuen Netzwerke parents-for-future und scientists-for-future ähnlich arbeiten werden.

Bildbetrachtung in Zeiten des Klimawandels


Der letzte Baum. Eddy Gonzales Yoga Internet März 2019

Künstler sehen schärfer als andere Menschen. Sie sehen genauer. Sie sehen tiefer. Weil ihre Sinne schärfer sind. Künstler sind wie Seismografen. Sie deuten auf Ereignisse hin, die noch nicht eingetreten sind, die man aber schon spüren kann. Wenn man die Sensibilität eines Künstlers hat und „mit allen Sinnen“ wahrnimmt, was sich da andeutet.
Ob die hier gezeigt Arbeit von Eddy Gonzales Yoga stammt, kann ich nicht sagen, ich habe sie heute auf seiner Facebook-Seite gefunden. Die Arbeit heißt „Der letzt Baum“. Sie heißt nicht „Der letzte Mensch“. Auch darauf hätte man ja kommen können.
Ein übergroßer Mensch zieht mit Hilfe einer Atemmaske den letzten Sauerstoff aus einem verschwindend winzigen Bäumchen. Illustriert wird ein amerikanischen Indianern zugeschriebener Text, der weit verbreitet und sehr bekannt ist:
„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

Ob der Text tatsächlich indianischen Ursprungs ist, soll hier nicht diskutiert werden. Er ist in jedem Falle aussagekräftig genug, um auf die immense Bedeutung der fälschlicherweise als „Um-Welt“ bezeichneten Mit-Welt hinzuweisen, ohne die wir Menschen nicht existieren können und deren Teil wir sind.
Der übergroße Mensch hängt von einer winzig gewordenen „Um-Welt“ ab – so ist es in der fotografierten Arbeit zu sehen. Und so ist es mittlerweile Realität geworden – der „Fußabdruck“ des Menschen ist gewaltig. Er hat Dimensionen angenommen, dass Wissenschaftler mittlerweile vom „Anthropozän“ sprechen – dem „Erdzeitalter des Menschen“.  Das alles zeigt die abgebildete Plastik.

Eine eindrückliche Arbeit.

Weil wir im Netzwerk Fuer-unsere-Enkel.org um die enorme Bedeutung der Wälder wissen, und weil wir auch wissen, dass der weltweite Baumbestand weiter abnimmt (!), deshalb haben wir gestern mit der Organisation Plant-for-the-Planet Kontakt aufgenommen.
Es geht darum, das große Anliegen von Felix Finkbeiner und seinen MitstreiterInnen zu unterstützen.
Worum geht es? Es geht um Bäume. Etwa 10 Milliarden werden jährlich neu gepflanzt. Aber 13 Milliarden gehen verloren. Der weltweite Baumbestand nimmt also ab. Die Gründe dafür sind zahlreich.
Was will Plant-for-the-Planet?
Dieses, mittlerweile von der UNO unterstützte Projekt will das Hundertfache des bisher jährlich Gepflanzten in die Erde bringen: 1000 Milliarden Bäume.
Und dabei wollen wir helfen. In dem wir davon erzählen und andere einladen, das auch zu tun.
Sagt es weiter: es gibt diese großartige Initiative Plant-for-the-Planet.
Und man kann sich auf vielfältige Weise an ihr beteiligen.
Damit nicht eintritt, was in der gezeigten Skulptur zu sehen ist……

Museumsbesuch. Oder: etwas über Vorurteile


Berlin-Karlshorst

Berlin-Karlshorst. Zwieseler Straße 4, 10318 Berlin.
Hier wurde die bedingungslose Kapitulation Hitler-Deutschlands unterschrieben. Heute beherbergt das Haus ein Deutsch-Russisches Museum. Für jeden Berlinbesucher ein „Muss“. Denn es gibt wenige Orte, die für Europa von so einschneidender Bedeutung waren.
Gestern war ich nun endlich einmal da. Hatte mir viel Zeit mitgebracht, wollte in Ruhe besehen, was da an Weltgeschichte zu besehen ist.
Die Deutschen und die Russen. Die Russen und die Deutschen. Europa und die Russen. Die Russen und Europa – was für eine große, wechselvolle Geschichte. Zeiten der Konfrontation und des Krieges – aber auch Zeiten der Entspannung und Kooperation. Ein überaus interessanter Ort mit einer sehr sorgfältig gearbeiteten Dauer-Ausstellung.
Es gibt im Hause auch eine kleine Bücherstube mit sehr bemerkenswerter Literatur.  Auf ein Buch will ich besonders hinweisen:  „Unsere Russen. Unsere Deutschen. Bilder vom Anderen. 1800 bis 2000.“ Erschienen im Christoph-Links-Verlag Berlin, ISBN 978-3-86153-460-0.
Es geht um Vor-Urteile. Die Vorurteile zwischen Russen und Deutschen, Deutschen und Russen. Und die haben eine sehr lange, wechselvolle Geschichte.

Der SPIEGEL 5. März 2007
Titelbild

Exemplarisch sei das hier im Beitrag an einem Plakatmotiv gezeigt, das wohl jedem in Deutschland bekannt vorkommt. Man „kennt das“:
Der „bedrohliche Russe“, der den Westen „fest im Blick“ hat und ihn „abhängig machen“ will.
Nun hat dieses Motiv jedoch eine sehr lange Geschichte, die im Band glücklicherweise erzählt wird.
Es ist die lange Erzählung vom „Antikommunismus“, vom „Antibolschewismus“ (unter Hitler war noch die Rede vom „jüdischen Bolschewismus“, den es zu „vernichten“ gelte).
Länger als ein halbes Jahrhundert wirkt dieses Motiv bis tief ins Unterbewusstsein.
„So ist der Russe“ soll die Botschaft sein. „Er bedroht uns“. „Gegen den müssen wir uns schützen“…..
Eine solche Rede ist allerdings meilenweit entfernt von der Entspannungspolitik unter Willy Brandt in den siebziger Jahren.
Das ist auch meilenweit entfernt von jener bemerkenswerten Rede, die der russische Präsident in deutscher Sprache im Deutschen Bundestag gehalten hat – am 25. September 2001; auf Einladung des deutschen Bundeskanzlers.
Ich erinnere mich noch sehr genau, ich war junger Abgeordneter. Putin hat damals unter anderem vor dem Erstarken des IS gewarnt und eine internationale Zusammenarbeit gegen den IS gefordert – man hat nicht auf ihn gehört.
Im Jahre 2007 sah die Welt schon wieder anders aus, da tauchte „das Motiv“ wieder auf. Auf der Titelseite des SPIEGEL. Der Hauch des Kalten Krieges war wieder zu spüren. Aus jenen Jahren stammt das hier verhandelte Plakatmotiv: aus dem Jahre 1953, um genau zu sein:

Geschichte eines Plakat-Motivs von 1953 bis 2007

da ist das Plakat der CDU von 1953 (links oben);
und das Plakat der NPD von 1972 (rechts oben);
dann ist da ein amerikanisches Plakat von 1982 – und immer hat man diesen „Russenblick“ und die „roten Linien“, die von ihm ausgehend, den Betrachter des Szene bedrohlich fixieren.

Es ist interessant, wie die europäische Wahrnehmung des „Russen“ von diesem Motiv geprägt worden ist. Ein halbes Jahrhundert – das ist nicht wenig.
Verfolgt man die aktuelle Debatte um die russisch-europäischen Beziehungen, wird man wieder auf diese sehr alten Vor-Urteile stoßen.
Da ist er wieder, der „bedrohliche Russe“……
Es ist ein großes Verdienst dieses sehr sorgfältig gearbeiteten, umfangreichen Buches vom Chr. Links Verlag, der langen wechselvollen Geschichte der gegenseitigen Vorurteile einmal nachzugehen, sie genau aufzuzeigen – damit sie ihre Macht verlieren können und Verständigung möglich wird.

Erhard Eppler ist in Anknüpfung an Egon Bahr zuzustimmen: Friede zwischen Europa und Russland wird nur mit Russland gelingen, niemals gegen Russland. Deshalb ist es gut und richtig, die gegenseitigen Vorurteile wahrzunehmen – und sie dann beiseite zu legen.
Denn sie behindern, was dringend notwendig ist: den Dialog.

Lasst Euch nicht einwickeln! Eine Nachricht an #FridaysForFuture


Liebe junge Leute überall auf der Welt, die ihr bei #FridaysForFuture auf die Straßen geht. Mit großer Sympathie sehe nicht nur ich, was ihr da weltweit auf die Beine gestellt habt und was ihr noch vorhabt.
Ich gehöre zu einer Generation, denen ihr sehr berechtigte Vorwürfe macht. „Hättet Ihr Eure Hausaufgaben gemacht, müssten wir jetzt nicht auf die Straßen!“ sagt Ihr und habt damit Recht.
Selbst die Umweltengagierten unter uns Älteren müssen sich diesen Vorwurf gefallen lassen. Ich selbst bin im Grunde mein ganzes Leben lang an diesem Überlebensthema der Menschheit „dran“ und engagiere mich mit meinen Möglichkeiten – und trotzdem sage ich: Ihr habt Recht mit Eurem Vorwurf. Denn: Wir waren nicht klar genug, wir waren nicht engagiert genug, wir haben uns viel zu früh mit falschen Kompromissen zufrieden gegeben.

Aber gerade deshalb will ich Euch sagen: Lasst Euch jetzt nicht einwickeln!

Viele der jetzt Mächtigen werden schon sehr bald versuchen, mit Euch „in einen Dialog“ einzutreten. Sie werden Euch zu Podien einladen, zu Umweltausschüssen, kurz „zur Mitarbeit“. Sie werden sagen, ihr könntet doch Mitglied in einer Partei werden und all das. Sie versuchen, Euch „einzuwickeln“.
Damit wäre Eurem Protest aber die Spitze abgebrochen. Es ist nicht Eure Aufgabe, den Job der gewählten Politiker und Politikerinnen zu machen. Nein, das ist nicht auch noch Eure Aufgabe.
Deshalb: passt genau auf.
Dialog ist wichtig und natürlich redet man miteinander, das ist gar keine Frage. Aber: passt auf, dass Euch jetzt die „Erwachsenen“ nicht einfach eine Aufgabe über den Tisch schieben, die sie gefälligst selbst zu erledigen haben.

Ich kenne solche „Dialogversuche“ der Mächtigen noch sehr gut aus der Zeit der Diktatur und auch aus den Jahren nach dem Fall der Mauer.
Wenn Protestgruppen zum „Dialog“ eingeladen werden, ist höchste Aufmerksamkeit geboten, denn es geht meistens im Kern darum, dass „alles so bleibt wie es ist“. Und genau darum kann es nicht mehr länger gehen.

Ich wünsche Euch jedenfalls von Herzen, dass Ihr weiterhin sehr klar und sehr laut seid. Ich wünsche Euch auch, dass die Zahl der Unterstützerinnen und Unterstützer von Tag zu Tag, von Woche zu Woche wächst und immer lauter wird. Damit nicht nur geredet wird, sondern, damit sich endlich unser Verhalten ändert.

Es gibt keinen Planeten B. Und die Zeit drängt sehr.

Mit herzlichen Grüßen

Ulrich Kasparick
Parlamentarischer Staatssekretär a.D.
Gründer von Fuer-unsere-Enkel.org

Seid ungehorsam! Eine Anmerkung zu den weltweiten Schülerstreiks


Ungehorsam ist eine wesentliche Quelle für gesellschaftlichen Fortschritt.
Das ist meine Lebenserfahrung.

„Bediene dich deines eigenen Verstandes – und sei ungehorsam.
Lebe verantwortlich für deine eigenen Entscheidungen und delegiere Verantwortung nicht an andere, in dem du ihnen einfach gehorchst. Darauf kommt es an“.
So lautet meine Antwort auf die Frage von Jüngeren, worauf es ankommt im Leben.

Wenn ich die zurückliegenden Lebensjahre revue passieren lasse, ist das ein Kontinuum: bediene dich deines eigenen Verstandes und sei ungehorsam, wenn es nötig ist. Das war überlebenswichtig in der Diktatur.
Wer nicht völlig verblöden und in der inneren Emigration, oder, noch schlimmer, im Gefängnis oder „im Westen“ landen wollte – der brauchte diesen letzten Rest an Selbstachtung, der aus Ungehorsam erwächst. „Und wenn sie alle rennen – ich renne noch lange nicht, nur weil sie alle rennen“. So bin ich erzogen worden. Deshalb habe ich nie ein Pionierhemd getragen und nie eine FDJ-Bluse; deshalb war ich zur Zeit der Diktatur nie bei einer Wahl und auch nicht bei der Armee. Nun, man hatte dafür einen Preis zu zahlen natürlich, man konnte nicht studieren, was man wollte, sondern musste längere, oft sehr unbequeme Wege gehen.  Natürlich wurden wir belächelt, auch versuchte man, uns lächerlich zu machen. Das aber machte uns nur noch stärker. Wir drei Geschwister wussten die Eltern hinter uns. Sie stärkten uns den Rücken und brachten uns bei, wie man aufrecht geht. Dafür danke ich ihnen noch heute.

Mir scheint, die jungen Leute von #FridaysForFuture haben das verstanden und auf ihre Zeit gedolmetscht:
Sei ungehorsam! Wenn du merkst, dass die Befolgung der alten Regeln dazu führt, dass sich die Menschheit selber umbringt – dann ändere die Regeln. Höre auf, den alten Regeln zu folgen. Das erzeugt starke Reaktionen: man wird versuchen, euch lächerlich zu machen; man wird euch verleumden; man wird euch angreifen – aber ihr werdet am Ende doch erfolgreich sein.

Bediene dich deines eigenen Verstandes – uns sei ungehorsam.
Das ist es, worauf es mehr denn je ankommt.

Greta Thunberg hat heute (21. 2. 2019) in Brüssel gesprochen. Sie hat gesagt: „Wir streiken deshalb während der Schulstunden, weil wir unsere Hausaufgaben gemacht haben.“ Und sie fügte in Richtung der Erwachsenen hinzu: „Wir räumen Euren Mist auf. Und wir hören damit erst auf, wenn die Arbeit getan ist.“
Das ist ein gutes und frisches Selbstbewusstsein. Das ist etwas völlig anderes als die sonst so oft anzutreffende ölige Angepasstheit, die jeder Mode und jeder Masse einfach hinterherläuft.
Ich wünsche den jungen Leuten viel Erfolg auf ihrem Weg und ich will gemeinsam mit anderen, die mittlerweile „in die Jahre gekommen“ sind, meinen Beitrag leisten, dass die jungen Leute erfolgreich sein können. Wir tun das zum Beispiel mit dem Netzwerk Fuer-unsere-Enkel.org.