Sprache und Klimawandel. Ein Klärungsversuch


Die veröffentlichte Rede über den Klimawandel strotzt nur so von unklaren Begriffen. Unklare Begriffe aber führen zu unklarem Denken. Und am Ende kommt nicht selten ein Streit heraus, bei dem es um die abstruse Frage geht, ob man „an den Klimawandel glaubt“ oder nicht.
Deshalb will ich einen bescheidenen Beitrag zur begrifflichen Klärung beisteuern.
1. Klimawandel.
Das Klima wandelt sich, seit es diese Erde gibt.
Die Frage ist also nicht, ob sich das Klima wandelt.
Die wichtige Frage ist, ob und wenn ja, welchen Einfluss „der Mensch“ (gemeint ist die Summe der Folgen menschlichen Handelns) auf den Wandel des Klimas hat und welche Folgen dieser vom Menschen beeinflusste Wandel auf das Gesamtsystem Erde und damit auf den Menschen selbst hat.
Die internationale Klimawissenschaft ist sich sicher:
die großen Abweichungen im Verhalten des Weltklimas im Vergleich zu vorherigen Abweichungen lassen sich nicht aus nur rein natürlichem Verhalten des Erdsystems erklären.
Diese beobachtbaren Abweichungen im Verhalten des Weltklimas lassen sich nur dann erklären, wenn man den Einfluss des Menschen berücksichtigt.
Und da eben zeigt sich, dass der Einfluss des Menschen auf das Weltklima erheblich ist.
Die von der Klimawissenschaft zunehmend präziser bereitgestellten Modelle des Weltklimas versuchen gegenwärtig, immer genauer diesen Einfluss des Menschen aus den gewaltigen Datenmengen, die von den weltweiten Meßsystemen bereitgestellt werden, herauszufiltern und genauer zu bestimmen. Das ist wissenschaftlich überaus anspruchsvoll, erfordert die stärksten Rechner und gelingt nur im internationalen Verbund. Wer sich in diese faszinierende Disziplin einarbeiten möchte, kann mit dem Deutschen Klimarechenzentrum Kontakt aufnehmen.

2. „Klimaschützer. Klimaschutz
Man kann das Weltklima nicht „schützen“, weil wir als Menschen nur Teil des Gesamsystems Erde sind. Deshalb sind die Wörter „Klimaschützer“ oder „Klimaschutz“ eigentlich Schimären.
Was also meinen diese Worte eigentlich, wenn man „das Klima“ gar nicht „schützen“ kann?
Sie meinen,
a) dass sich „der Mensch“ auf die Folgen des beschleunigten Wandels des Klimas vorbereiten (dazu hat sich in den vergangenen Jahren die relativ junge Disziplin der Klimafolgenforschung etabliert; beispielhaft am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und
b) seinen Beitrag zum beschleunigten Wandel des Klimas möglichst reduzieren muss. Hierbei geht es vor allem um die Auswirkungen der menschlichen Nutzung von fossilen Energien. Die Stichworte heißen „Energiewende“, „Erneuerbare Energien“ etc.

Nun haben sich diese unklaren Worte „Klimaschutz“ und „Klimaschützer“ leider schon so sehr eingeschliffen, dass wir wohl mit ihnen als Krücken werden leben müssen. Wichtig ist aber, das man ihre begriffliche Unklarheit klar vor Augen hat, sonst gibt’s argumentatives Durcheinander.

3. an besonderen Ereignissen (Starkregen, Flutkatastrophen, Trockenheiten etc.) sei „der Klimawandel schuld
Der Klimawandel ist an gar nix „schuld“, denn Schuld ist eine ethische Kategorie.
Die Frage ist also präziser, ob besondere Ereignisse (Starkregen etc.) die Folgen des durch den Menschen verursachten schnelleren Klimawandels sind.
Dies ist im Einzelfall nur äußerst schwer nachzuweisen. Weiter oben ist ja auf die Schwierigkeit hingewiesen worden, aus den weltweit gesammelten Messdaten exakt den „Anteil des Menschen“ herauszufiltern.
Allerdings zeigt sich in der Gesamtschau, dass der Einfluss des Menschen und die Wirkungen seines Handelns auf das Weltklima und die daraus entstehenden Folgen, dass die enormen Veränderungen, die gegenwärtig beobachtet werden, auf sein Handeln zurückgeführt werden müssen, weil sie anders gar nicht erklärbar sind.
Sofern man überhaupt ethische Kategorien verwenden will, ist also nicht die Frage, ob „der Klimawandel schuld“ ist, sondern, ob „der Mensch schuld“ ist.

4. „den Klimawandel stoppen
Das kann niemand. Denn Klimawandel findet statt, seit es die Erde gibt.
Deshalb sind auch Sprüche wie „wir retten das Weltklima“ weitgehend sinnfrei.
Was also ist eigentlich gemeint?
Es geht um die Frage, was getan werden muss, damit die Folgen des durch menschliche Aktivität beeinflussten beschleunigten Klimawandels möglichst vermieden oder zumindest reduziert werden.
Ich gehöre zu denjenigen, die es für aussichtlos halten, den menschlichen Anteil an der Beschleunigung des Klimawandels zu stoppen. Dazu sind die Entwicklungen schon viel zu weit fortgeschritten und die Wissenschaft hat an zahlreichen Beispielen aufgezeigt, dass nicht wenige sogenannte Kipp-Punkte (tipping points) in den natürlichen Kreisläufen bereits überschritten, das bedeutet, unumkehrbar geschädigt sind. Was in dem Zusammenhang gern übersehen wird: Das CO2 (Kohlendioxid) hat einen Kreislauf von etwa 200 Jahren, bis es am Meeresboden eingelagert wird. Selbst wenn man alle menschenverursachten Emissionen sofort anhalten würde, würde sich das Klimasystem dennoch beschleunigt verändern.
Deshalb geht es vor allem um die Frage, ob man die Folgen des menschenverursachten Klimawandels wenigstens begrenzen kann und was dafür erforderlich ist.
Die Weltgemeinschaft hat sich in Paris darauf verständigt, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur bis Ende des Jahrhunderts auf 2 Grad zu begrenzen. Denn ein weiterer Anstieg würde zu katastrophalen Veränderungen führen.
Ob dieses anspruchsvolle Ziel tatsächlich erreicht wird, ist offen, denn im Moment steigen die aus menschlicher Aktivität verursachten Emissionen nach wie vor weiter kräftig an.
Es gibt sogar Versuche, den Anstieg der Durchschnittstemperatur auf 1,5 Grad zu begrenzen. Das allerdings halte ich persönlich für noch unwahrscheinlicher, weil ein Anstieg um 1,2 Grad bereits erreicht ist.
Viele Klimawissenschaftler und auch nicht wenige Klimapolitiker äußern deshalb zunehmend öffentlich, dass ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um 3 Grad und mehr (bis zu 6 oder gar 11 Grad!) nicht unwahrscheinlich ist. Wenn nicht massiv und unter höchster politischer Priorität gegengesteuert wird.

Bei allem ist eines sicher, das sagen uns die an der Klimaforschung beteiligten Disziplinen, die Physiker, Chemiker, Biologen, Geologen, Soziologen etc. :
die Folgen der dramatischen Beschleunigung des Klimawandels, verursacht durch menschliche Aktivität (insbesondere die Nutzung der fossilen Energien) werden gewaltig und extrem teuer sein.
Und je länger die Menschheit zögert, diskutiert, nicht entscheidet – um so gewaltiger und teurer werden sie sein. Wer diese Zusammenhänge aus der Sicht des langjährigen Direktors des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung nachlesen will, der lese sein Buch Selbstverbrennung.

Verschont mich mit bunten Bildchen! Werdet konkret


Das kommende Wahlkampf-Jahr wird uns wieder eine Flut von bunten Bildchen bescheren. Die bunten Bildchen interessieren mich aber nicht.
Ich hätte es gern konkreter.
Ich will vor allem von den kandidierenden Parteien zwei Fragen beantwortet haben
1. Ab welchem Jahr werden auch in Deutschland keine Fahrzeuge mehr zugelassen, die mit Diesel oder Benzin betrieben werden?
Norwegen hat sich festgelegt: dort soll das ab 2025 der Fall sein.

2. Bis wann wird der Bund die Rückstellungen für die Pensionen der Bundesbeamten aus Investments in fossile Energien abgezogen haben?

Von der Beantwortung dieser beiden Fragen werde ich meine Wahlentscheidung abhängig machen.

Eine kleine Vorbereitung auf den Bundestagswahlkampf 2017. Fragen eines zeitungslesenden Wählers


Die Zeit läuft. Und die Natur wartet nicht. Schon gar nicht auf bunte Bildchen.

Gegenwärtig werden die Kandidaten aufgestellt für den Bundestagswahlkampf 2017. Das übliche Hauen und Stechen ist im Gange, vor allem um die begehrten vorderen Listenplätze.
Mich interessieren aber andere Fragen.
Ich möchte vor allem wissen, welche Vorschläge die Parteien dem Wähler vorlegen, um das vermutlich größte politische Problem der Gegenwart anzupacken: den Klimawandel.
Denn dieses gewaltige politische Problem hat Auswirkungen auf alle anderen Politikfelder. Deshalb ist es so wichtig.
Ein paar der besonders betroffenen Politikfelder will ich erwähnen (Auswahl):
1. Finanzen: Geht der Klimawandel ungebremst weiter (darauf deuten im Moment alle Indikatoren hin), sind die nationalen Haushalte enorm betroffen. Vor allem sind Schäden zu regulieren.
Darüber hinaus sind dringende Investitionen vorzunehmen, die a) eine Anpassung an den Klimawandel ermöglichen und b) massive Investitionen in Energieeffizienz und Erneuerbare Energien gewährleisten.
Mich interessiert deshalb, was die Parteien konkret vorschlagen, um den Bundeshaushalt auf diese Herausforderungen einzustellen.

2. Städtebau, Verkehr
Die Infrastrukturen in der Bundesrepublik Deutschland sind besonders vom Klimawandel betroffen. Nicht nur Häfen und Küsten, auch Kanäle, Straßen, Innenstädte müssen sich mit großem Tempo vorbereiten. Ganze Infrstrukturen sind anzupassen.
Der Verkehr ist bereits zu großen Teilen elektrifiziert (Bahn, S- und U-Bahn). Problematisch sind Individualverkehr und Güterverkehr auf der Straße und auf dem Meer.
Mich interessiert, was die Parteien vorschlagen, um dieses bislang viel zu zögerlich angepackte Problem nun endlich massiv und systematisch anzupacken.

3. Gesundheitssystem
Der Klimawandel wird starke Auswirkungen auf das Gesundheitssystem haben (neue Krankheitserreger z.B.; Hitzeperioden etc.) Mich interessiert, was die Parteien konkret vorschlagen, wie sie das Gesundheitssystem auf die bevorstehenden Veränderungen einstellen wollen.

4. Land- und Forstwirtschaft, Fischerei
Der Klimawandel betrifft bereits jetzt diese Wirtschaftszweige in besonderem Maße.
Mich interessiert, was die Parteien konkret vorschlagen, um Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft
a) bei den notwendigen Anpassungen zu unterstützen und
b) was sie zur konkreten Prävention vorschlagen

5. Innenpolitik
Es ist damit zu rechnen, dass es zunehmende Flüchtlingszahlen geben wird, weil die Zahl der Klimaflüchtlinge steigen wird.
Wie wollen die Parteien die Gesellschaft angesichts bereits jetzt bestehender innenpolitischer Konflikte auf dieses absehbare Problem vorbereiten?

6. Außen- und Sicherheitspolitik
Konflikte werden angesichts des Klimawandels zunehmen. Das Auswärtige Amt hat schon 2006 publiziert, was nach Auskunft der Klimafolgenforscher im Bereich der Sicherheit und politischen Stabilität ganzer Staatsordnungen zu erwarten sein wird: je höher die weltweite Durchschnittstemperatur steigt, um so instabiler werden Staaten, besonders gefährdet sind die jetzt schon instabilen Staaten. Was schlagen die Parteien vor, um einen wirksamen deutschen Beitrag in der Außen- und Sicherheitspolitik zu leisten?

7. Wirtschaftspolitik
Angesichts des Klimawandels steht ein dramatischer Wandel der bestehenden Wirtschaftsstrukturen bevor.
Die zwingend notwendige Dekarbonisierung der Wirtschaft erfordert massive Umsteuerungen nicht nur in der Energieerzeugung (Schließung der Kohleförderung und Kohleverstromung; vorrangige Investitionen in Effizienz, Erneuerbare Energien) und hat Auswirkungen auch auf die Distribution von Waren und Produkten (Verkehre).
Was schlagen die Parteien konkret vor, um die Volkswirtschaft auf den bevorstehenden dramatischen Wandel wirksam vorzubereiten?

8. Zuwanderung
Deutschland wird angesichts des Klimawandels vor allem eins brauchen: Kreativität.
Das Land braucht die besten Köpfe, um mit diesem komplexen Problem angemessen umgehen zu können. Das Land befindet sich aber in einem globalen Wettbewerb um diese überall auf der Welt gesuchten Fachleute.
Was schlagen die Parteien vor, um dem Problem der oftmals fehlenden Kreativität zu begegnen?

9. Wissenschaft
Wissenschaftliche Erkenntnisse finden nach wie vor unzureichend Echo in der Politik.
Obwohl zahlreiche international anerkannte deutsche Institute auf dem Feld der Klimafolgenforschung arbeiten und weltweit anerkannte Ergebnisse publizieren, werden ihre zahlreichen Vorschläge politisch zu zögerlich oder gar nicht umgesetzt.
Was schlagen die Parteien vor, um diesem Problem zu begegnen?

10. Priorisierung
Meine zentrale Frage an die Kandidatinnen und Kandidaten ist folgende:
Was gedenken Sie zu tun, um dem Mega-Thema climate change die ihm gebührende Priorität im politischen Alltagsgeschäft einzuräumen?
Bislang ist climate change vor allem ein Thema der Umweltpolitik. Das aber genügt bei Weitem nicht, weil climate change auf alle Politikfelder Auswirkungen hat und zunehmend haben wird.
Es bedarf also einer glasklaren und konsequenten Priorisierung.
Deshalb interessiert mich, was die Parteien konkret vorschlagen, um diese Priorisierung zu erreichen.

Man wird uns im Bundestagswahlkampf wieder mit allerlei bunten Bildchen und Materialien überschwemmen. Diese bunten Bildchen sind mir allerdings herzlich egal.
Mich interessiert, was die kandidierenden Parteien und ihre Kandidaten konkret bis wann mit wem und mit welchen Strategien zu tun gedenken, um endlich das dringendste politische Problem auch wirklich anzupacken.

Die Zeit läuft. Und die Natur wartet nicht.

Eine Lanze für die Bundespolizei


Ich schreibe diesen Text als Privatperson. Aber ich schreibe ihn auch, weil ich als Seelsorger mit den Beamten der Bundespolizei zu tun habe. Mir genügt es als Seelsorger nicht, ihnen nur zuzuhören, sondern ich will sie auch unterstützen, so gut ich kann.
Ich schreibe diesen Text, weil die Beamten der Bundespolizei bislang keinen unabhängigen Ansprechpartner im Parlament haben, so wie ihn die Bundeswehr mit dem Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages hat.
Ich finde, die Bundespolizei braucht einen solchen unabhängigen Ansprechpartner und Anwalt auf parlamentarischer Ebene.
Da es ihn aber (bislang) noch nicht gibt, will ich eine Lanze brechen für die Kolleginnen und Kollegen der Bundespolizei, mit denen ich dienstlich zu tun habe.
Die Erwartungen an die Bundespolizei steigen ständig.
Gerade in Zeiten der privatisierten Gewalt, die von Anschlägen, Amok-Läufen und anderen Risiken gekennzeichnet ist, braucht unser Land die hohe Qualifikation und den hohen Ausbildungsstand der Bundespolizisten für ihre Kernaufgabe: Gefahrenabwehr, Ermittlung und Aufklärung.
In der Vergangenheit wurden den Kolleginnen und Kollegen immer mehr Aufgaben auf die Schultern gepackt.
Die Aufgaben nahmen zu – aber das Personal wurde immer weniger.
Jetzt gehen auch noch die geburtenstarken Jahrgänge nach und nach in den Ruhestand – was die Situation weiter verschärft.
Ich sehe zwei Möglichkeiten:
a) entweder gibt der Dienstherr (also der Deutsche Bundestag) deutlich mehr Personal
b) oder er entlastet die Bundespolizisten von Aufgaben, die nicht zu ihren zentralen Aufgaben gehören sollten.
Bislang gehört es nach Bundespolizeigesetz zu den Aufgaben der Bundespolizei, auf Bundesverkehrswegen auch Fans zu begleiten, die zu Sportveranstaltungen unterwegs sind. Hier hat man es zunehmend mit Gewalt, mit Alkoholisierung, mit Randale zu tun. Die Deutsche Bahn weiß auch ein Lied davon zu singen.
Diese Begleitung von Fans erfordert erheblichen Zeit- und Personalaufwand und bindet Ressourcen, die dringend für die eigentlichen Aufgaben der hochqualifizierten Bundespolizisten benötigt würden. Die Kolleginnen und Kollegen schieben daher riesige Berge von Überstunden vor sich her. Der Krankenstand legt ein beredtes Zeugnis von ihrer Be- und Überbelastung ab.
Deshalb sollte und muss die Bundespolizei entlastet werden.
Die Beaufsichtigung von betrunkenen Fußballfans muss Aufgabe der Fussballklubs werden.
Wer die Fete will, der muss sie auch bezahlen. Das gilt auf jedem Dorffest.
Ich schreibe dies, weil ich einen Beitrag dazu leisten möchte, dass sich auch im Parlament (und nur das Parlament kann das Bundespolizeigesetz ändern) eine entsprechende Lobby von Abgeordneten für die Anliegen der Bundespolizei bildet.
Wir haben nicht erst in den zurückliegenden Wochen und Monaten gesehen, dass die Bundespolizei hervorragende Arbeit leistet. Und viele Menschen im Land sind dankbar für diese Arbeit zum Gemeinwohl der Gesellschaft.
Aber nun ist der Moment gekommen, an dem man die Kolleginnen und Kollegen, die ihren Dienst für die Gesellschaft tun, auch öffentlich unterstützen muss.
Denn: man kann von Menschen in Uniform nicht immer nur mehr verlangen.
Man muss sie auch unterstützen, damit sie tun können, was wir von ihnen erwarten.

Dimensionen des Wandels. Es gibt keine Ausreden mehr


Alte Schlehen-Hecke bei Güterberg (Uckerland)
Alte Schlehen-Hecke bei Güterberg (Uckerland)

Wir pflanzen auf unserem Land. Aus guten Grund.
Denn der Klimawandel geht mit einem Tempo vor sich, dass einem der Atem stocken könnte. Wir sind verpflichtet zu handeln. Wir sind es unseren Kindern und Enkeln schuldig. Es gibt keine Ausreden mehr. 
Morgens ist in Uckerland Lektüre-Zeit. Deshalb habe ich mir eine Studie angesehen, die das Max-Planck-Institut für Chemie (Deutschland) und das Cyprus-Institut in Nicosia (Griechenland) veröffentlicht hat.
Zwei Annahmen liegen der Prognose bis 2050 zugrunde (das ist schon in 34 Jahren!)
a) Es gelingt der Weltgemeinschaft tatsächlich, die CO2-Emissionen so zu begrenzen, das die weltweite Durchschnittstemperatur nicht mehr als 2 Grad ansteigt. Selbst dann wäre die beschriebene Region von katastrophalen Hitzewellen heimgesucht.
b) alles läuft weiter wie bisher: dann steigt die Durchschnitts-Temperatur um 4 Grad.
Das aber hält der Mensch nicht mehr aus.

Das aber macht große Teile Nordafrikas und des Nahen Ostens unbewohnbar.
500 Millionen Menschen leben in dieser Region. Und sie werden sich auf den Weg machen.
Israel wird betroffen sein: all die Jahrzehnte, die der Jüdische Nationalfonds in mühsamer Arbeit in Bewaldung investiert hat – vergeblich.
Jordanien wird betroffen sein. Dort sind die Bedingungen schon jetzt katastrophal.
Nordafrika – von dort kommen jetzt schon die boat people.

2050.
Das ist in 34 Jahren. Eine winzige Zeitspanne. Ein Wimpernschlag.
Unsere Gesellschaften aber dümpeln vor sich hin, nur mit sich selbst beschäftigt, nur auf den eigenen Wohlstand bedacht – dass einen das blanke Entsetzen packen kann.

Ich weiß wohl, dass sich auch etwas tut in der Welt.
Die divestment-Bewegung macht Fortschritte. Mehrere Billionen (!) Dollar sind bereits aus Kohle-Investments abgezogen worden, obwohl die weltweite Kampagne noch relativ jung ist.
Erneuerbare Energien werden – auch in China und Indien – in großem Maßstab eingesetzt. Selbst Saudi-Arabien bereitet sich auf den Ausstieg aus dem Ölgeschäft vor.

Allerdings: die Zeit reicht voraussichtlich nicht mehr. Denn Investitionen in Erneuerbare benötigen ebenso Zeit wie gesellschaftliche Prozesse des Umdenkens.
Pflanzungen benötigen ebenfalls Zeit, bis sie ihre volle Wirkung entfalten können. Etwa 20 – 30 Jahre braucht eine neue Pflanzung dafür.

Wer eher pessimistisch veranlagt ist, wird angesichts dieser gewaltigen Dimensionen des Wandels sagen: Die Erneuerbaren, die Aufforstung, das Divestment – alles gut gemeint, aber: Zu spät.
Lasst uns noch ein paar Jahre feiern. Nach uns die Dürre.

In trüben Momenten fliegen mich derlei Gedanken auch an, ich sag es offen.
Dann allerdings gehe ich zurück in den gegenwärtigen Moment. Den nur den „haben“ wir, flüchtig, wie er ist.
Was also kann ich heute tun? Gestern ist vergangen und was morgen sein wird, kann ich nicht wissen. Ich habe nur den heutigen Tag. Was also kann ich tun?
Ich kann die Pflanzungen weiter vorbereiten, die für den Herbst auf Kirchenland vorgesehen sind.
Denn: wir haben Verantwortung. Es gibt keine Ausreden mehr.
Wer sich beteiligen will, kann das hier tun.

Spuren im Sand


Je älter ich werde, um so öfter steigt die Frage auf: „Welche Spuren soll man dereinst von Dir finden?“ Man weiß ja schließlich nicht, wie lange man lebt, welche Lebenszeit einem vergönnt ist.
Seit Kindertagen schon habe ich als Antwort auf diese Frage ein „inneres Bild“: einen Baum.
Wenn ich aufmerksam durch Landschaften gehe, in denen ältere und alte Bäume stehen, denke ich fast immer an diejenigen, die diese Bäume vor langer Zeit einmal gepflanzt haben und stelle mir vor, weshalb sie so handelten.
Manch einer wird es einfach getan haben, weil es sinnvoll ist.
Wieder andere werden es getan haben, weil sie ihren Acker schützen wollten.
Von wieder anderen weiß ich, sie haben Bäume als „Versicherung“ gepflanzt. Bauern zum Beispiel, die auf dem schlechtesten ihrer Böden ein „Bauernwäldchen“ anlegten, damit sie „für schlechte Zeiten“ einen Stamm Holz hatten, den sie verkaufen konnten.
Manch einer pflanzt einen Baum, wenn ein Kind geboren wird. Oder gar ein Enkelkind.
Die Motive sind zahlreich.

Ich habe viele Bäume gepflanzt in meinem Leben.
Mit der Hand, aber auch mit Mitteln der Politik. Ein Kirchenwald-Gesetz zum Beispiel ist so entstanden, da war ich noch im Präsidium der Synode in Magdeburg.
In Deutschland, aber auch in anderen Ländern habe ich gepflanzt oder pflanzen lassen. Etliche von internationalen Kampagnen und Projekten habe ich unterstützt, weil es nichts Sinnvolleres gibt, als Bäume zu pflanzen, wenn man praktisch „etwas tun“ will für die kommenden Generationen.

Nun ist da ein neues Projekt entstanden. Wieder ein Beteiligungs-Projekt. Die Kirchgemeinde in Uckerland (das liegt ganz im Norwesten Brandenburgs) stellt 5 Meter breite Streifen ihres Landes zur Verfügung und lädt ein, Bäume und Sträucher zu pflanzen.
Und zwar mit Hilfe des Internets. Betterplace (die größte Spendenplattform Deutschlands) und facebook, twitter & Co sind behilflich.
Ein Abschnitt von 100 Metern kostet etwa 2000 Euro (Zaunbau eingerechnet).
Für 20 Euro also hat man einen Meter (mal 5 Metern Breite) bepflanzt.
Diese Abschnitte tragen Kindernamen. Sie heißen so, wie Kinder heutzutage heißen. Ein Abschnitt heißt „Janine“, einer heißt „Fritz“, andere Abschnitte werden andere Namen tragen.

Wenn man möchte, kann man sich persönlich so einen Abschnitt „vornehmen“ und in seinem Freundes- und Bekanntenkreis dafür um Spenden bitten.
Auf diese Weise kann ein Freundeskreis, sagen wir, innerhalb eines Jahres (vielleicht auch schneller) 2000 Euro einwerben, damit die Kirchgemeinde in Uckerland wieder ein Stück von 100 Metern neu anlegen kann. (Die Erfahrung zeigt allerdings, dass sich so ein 100-Meter-Abschnitt innerhalb von zweieinhalb Tagen finanzieren lässt, wenn man betterplace.org und facebook zu Hilfe nimmt. Der Abschnitt „Janine“ ist so entstanden.)

Hier gehts zum Projekt: Das Hecken-Projekt in Uckerland

Und die dazugehörige Facebook-Seite findet man hier: Facebook-Seite zum Projekt in Uckerland:

Vielleicht hat ja der eine oder andere Leser dieses blogs Freude daran, sich mitsamt seinem Freundeskreis so einen Abschnitt „vorzunehmen“.
Damit man eines Tages Spuren von ihm findet.
Spuren im Sand.

 

 

 

Wenn euch jemand befiehlt „Helm auf!“ – nehmt den grünen.


Als mich Dr. Rupert Neudeck vor einigen Jahren fragte, ob ich für das Kuratorium der Grünhelme zu gewinnen sei, habe ich ihm sofort zugesagt.
Der Grund dafür war simpel:
Das Kuratorium ist überkonfessionell und überparteilich zusammengesetzt.
Und wir brauchen dringend Menschen, die Gräben zuschütten.
Menschen, die Gräben ausheben und vertiefen, gibt es schon genug.
Die Grünhelme folgen einer alten Idee von John F. Kennedy. Es geht darum, in Krisengebieten mit kleinen Aufbauteams, die möglichst überkonfessionell zusammengesetzt sind, konkrete gemeinsame Aufbauarbeit zu leisten: Schulen, Krankenhäuser, feste Böden für Zelte (wie gerade in Idomeni), Ausbildung von Handwerkern.

Wenn man in diesen Tagen die Nachrichten aufmerksam liest und sich auf die Seele fallen lässt, könnte man verzagen. Denn diejenigen, die von „Abgrenzung“ oder gar „Ausgrenzung“ reden, sind viel  zu laut.
Die Eine Welt braucht aber vor allem Zusammenarbeit, nicht Auseinandersetzung.
Und deshalb sind die Grünhelme nötiger denn je.
Ich habe eine sehr große Achtung vor den jungen Menschen, die als Tischler, Maurer, Elektriker und aus anderen Gewerken einfach „raus gehen“. Für drei Monate zunächst. Für ein Taschengeld und eine kleine Versicherung.
Das sind Menschen, die brauchen keine „Selfies“, weil sie für andere Menschen in Not konkret anpacken.
Das sind Menschen, die reden auch nicht lange, sondern packen an.
Einige von diesen besonderen jungen Menschen habe ich persönlich kennengelernt bei einem Workshop der Grünhelme in der Nähe von Bonn vor einigen Jahren. Und mir hat die unaufgeregte, konkrete und sachliche Art sehr gefallen, mit der diese jungen Leute da ihre Aufgabe wahrnehmen.
Freiwillige allesamt.
Da ist keiner, der ein „Amt“ will, keiner, der die Öffentlichkeit sucht.
Keiner, dem es um Selbstdarstellung ginge.
Bescheidene, engagierte, gut ausgebildete junge Leute, Handwerker zumeist, die ihre Gaben und Fähigkeiten für eine gemeinsame Sache zur Verfügung stellen, die Gräben zwischen Religionen und Konfessionen überwinden durch konkrete, gemeinsame Arbeit.
So kann Frieden wachsen.
Und diese jungen Leute geben mir Hoffnung.
Deshalb unterstütze ich die Grünhelme gern. Und ich wünsche mir, dass der Kreis der Unterstützerinnen und Unterstützer weiter wächst.
Man findet sie nicht nur über ihre Homepage, sondern natürlich auch auf facebook.
Und: Weitersagen hilft ihnen.