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Für einen kurzen hellen Moment hatte ich gehofft….


Für einen kurzen hellen Moment hatte ich gehofft, die internationale Staatengemeinschaft hätte sich angesichts ihrer jüngsten Erfahrungen im “Kampf gegen den internationalen Terrorismus” (zum Beispiel in Afghanistan) darauf verständigt, die etwa eine Milliarde Dollar pro Monat (!), die der militärische Einsatz gegen den IS nach Schätzungen der US-Regierung kostet, in Entwicklungszusammenarbeit in eben jene instabilen Staaten zu investieren, aus denen sich die IS-Terroristen rekrutieren, statt wieder – wie in Afghanistan – nach Militär zu rufen.

So weit ist die Staatengemeinschaft jedoch noch nicht.
Die alten, vielfach gescheiterten Prioritäten der Weltgemeinschaft sind nach wie vor: zuerst das Militär, dann erst – sehr viel später – wirkliche Hilfe, wenn überhaupt.
Nationale Interessensicherung geht vor Weltinnenpolitik.
Die Folgen sind sichtbar:
Die UN haben gerade veröffentlicht, dass man beim Hilfswerk UNHCR nun die Lebensmittelrationen für die syrischen Flüchtlinge kürzen müsse, einfach, weil das benötigte Geld für die Flüchtlingshilfe fehle.

Also: eine Milliarde Dollar pro Monat für Militär sind vorhanden. Schließlich sind eigene Interessen berührt.
Geld für die Ernährung von Flüchtlingen fehlt, denn das liegt nicht mehr im nationalen Interesse.
Von wirklicher struktureller Hilfe, von wirklicher Weltinnenpolitik (Willy Brandt)  redet niemand. Das ist ja auch nur Pazifisten-Gedöns. Das braucht man nicht ernstnehmen.
So sind die Realitäten.
Seltsam ist nur, dass die “Flüchtlingshilfe” als Argument für den Einsatz des Militärs herhalten muss.
Man sagt, jetzt könne “nur noch das Militär” den Flüchtlingen helfen. Gern wird in dem Zusammenhang der Hitler zitiert. Auch den hätte man schließlich nur mit Waffen besiegen können.
Das klingt aber, bei genauerem Hinsehen, als wolle man den syrischen Flüchtlingskindern Patronen zu essen geben.

Die UN-Vollversammlung hat in der vergangenen Woche einige wichtige Reden hören lassen, bei denen über Gründe und Ursachen von Terrorismus nachgedacht wurde. Es waren nur einige wenige, dafür aber um so wichtigere Reden. Da war von den Folgen der Kolonialzeit die Rede; von bestehenden und wachsenden Ungerechtigkeiten zwischen reicher und armer Welt. Da war davon die Rede, dass die reiche Welt nicht unbeteiligt war am Erstarken des Terrorismus weltweit. Wenige, wichtige Reden. Kaum gehalten, waren sie schon wieder überhört.

Diese wenigen Reden enthielten aber Hinweise darauf, dass es womöglich auf ein neues Denken ankäme, um die bestehenden Probleme erfolgreicher anzugehen, als in der Vergangenheit.
Gibt es erste Bausteine für ein solches neues Denken?
Neu wäre es, wenn nicht mehr das Denken in militärischen, sondern ein Denken in zivilen Kategorien Priorität bekäme.
Das allerdings wird in den gängigen Sonntagsreden gern als Scharlatanerie abgetan. Es handle sich um “Träumereien”, so wird geäußert, so als sei es eine gesicherte Erkenntnis, dass ein Denken in zivilen Kategorien per se nicht erfolgreich sein könne – dabei ist es noch nie gewagt worden.
Gewalt löst keine Gewalt – das ist seit langem bekannt (interessanter Weise rufen vor allem alte Männer nach solcher Gewalt, die selber gar nicht mehr in Verlegenheit kommen, eingezogen zu werden).
Deshalb ist es an der Zeit, ja geradezu notwendig, Neues zu wagen.
Wenn die etwa eine Milliarde Dollar pro Monat in Entwicklungszusammenarbeit investiert würde (verbunden natürlich mit dem gesamten Instrumentarium, über das moderne Entwicklungszusammenarbeit mittlerweile verfügt, von capacity building, über Ausbildung bis hin zu microfinance) statt in Zerstörung (bekanntlich wachsen der Hydra mit jedem abgeschlagenen Kopf mehrere neue nach) – dann könnte das ein wirkungsvoller neuer Ansatz sein. Eingeschlossen sind selbstverständlich auch gerechtere Regelungen, was den Zugang zum Weltmarkt anbelangt.

Doch davon ist die Weltgemeinschaft weit weit entfernt. Zu groß ist der Einfluss alten Denkens. Zu eingeschliffen sind die alten Rituale der Konfliktlösung im Interesse meist reicherer Nationalstaaten. Zu wenig Bereitschaft ist vorhanden, wirklich neue, mutige Wege zu gehen.
Es will partout nicht gelingen, neues Denken durchzusetzen.
Immer wieder wird mit alten Rezepten auf neue Herausforderungen reagiert.
Man kann die Ursachen von Terror und Gewalt aber nicht mit Militär bekämpfen. Es genügt nicht, die eigenen Interessen als die “guten” und die anderen als die “bösen” zu kategorisieren.
Auch das ist bekannt und wird immer wieder gesagt.
Aber die konkreten Prioritäten im konkreten Handeln sind dann eben doch immer wieder die alten.
Eine Milliarde Dollar pro Monat für Luftangriffe und Waffenlieferungen.
Fehlendes Geld für wirkliche Hilfe.
Das ist der Stand der Erkenntnis.
Zu mehr hat es noch nicht gereicht.

 

Kein Friede ohne Gerechtigkeit – etwas über die Quellen des Terrorismus


Nach dem 11. September 2001 fragten einige wenige, zudem zaghafte Stimmen: “Was haben wir euch getan, dass ihr uns so sehr hasst?” Eine Frage, der man nicht weiter nachging.
Dabei ist es die eigentlich wesentliche Frage: was sind Gründe für Terrorismus?
Statt nach den Gründen zu fragen, begnügten sich die Handelnden jedoch, Terror zu “bekämpfen”. Und zwar mit militärischen Mitteln.
Das Ergebnis war ein Erstarken der privatisierten Gewalt.
Vor der UN-Vollversammlung hat der iranische Präsident Hassan Rohani nun erneut nach den Gründen für Terrorismus gefragt.
Und er hat die Frage mit den Sätzen beantwortet:
Terrorismus sei das Ergebnis von Armut, Unterentwicklung, Diskriminierung, Demütigung und Ungerechtigkeit. “Man muss diese Wurzeln kennen, wenn man die Quellen des Terrorismus austrocknen will.” Das habe der Westen nicht verstanden. “Die heutige Feindseligkeit gegen den Westen ist das Ergebnis des Kolonialismus von gestern und des Rassismus von gestern.” (Deutschlandfunk vom 25. 9. 2014)

Was ist die Antwort der Weltgemeinschaft auf den Terror des “Islamischen Staates”?
Die Antwort ist wieder vor allem militärischer Natur.
Wieder wird nicht nach den Gründen für die Zunahme der privatisierten Gewalt gefragt.
Doch nicht nur militärische “Antworten” (vor allem Luftangriffe) werden gegeben, sondern eine Verschärfung der Sicherheitsbestimmungen, die mit einer überaus fraglichen Einschränkung von bislang geltenden Individualrechten einhergeht, ist ebenso die Folge.
In einer einstimmig angenommenen Resolution hat der UN-Sicherheitsrat nun die Möglichkeit eröffnet, “Terroristen” die Staatsbürgerschaft zu entziehen.
Die  Staaten können nun also Menschen, die sie zu “Terroristen” erklärt haben – auf Empfehlung der Geheimdienste – im eigenen, nationalen Interesse, zu Staatenlosen machen. Es ist übrigens wenig überraschend, dass diese Resolution einstimmig verabschiedet wurde, denn sie eröffnet den Staaten nun die Möglichkeit im Namen der “Bekämpfung des internationalen Terrorismus” gleich auch noch andere aus ihrer Sicht notwendige Regelungen zur Verbesserung der eigenen Sicherheit zu regeln. Es genügt ja nun, Menschen unter Terrorverdacht zu stellen. Und die Geheimdienste werden genügend “Anhaltspunkte” finden, um gegenüber der Öffentlichkeit Menschen zu “potenziellen Terroristen” erklären zu können.
Die damit verbundene Hoffnung, man könne den Terrorismus auf diese Weise austrocknen, ist jedoch irrig.
Denn diese “Antworten” auf den Terror des IS beseitigen nicht die Ursachen des Terrors.

Friede ist nicht ohne Gerechtigkeit zu haben. Das wissen schon die alten Texte, die uns in der Heiligen Schrift überliefert sind.
Es ist eine sehr alte Erkenntnis.
Aber sie ist angesichts der aktuellen Auseinandersetzung um den “internationalen Terrorismus” verloren gegangen.
Deshalb sei an diese alte Einsicht jetzt erinnert.
Solange Staaten glauben, sie dürften im eigenen, nationalen Interesse andere Länder und Völker demütigen, sie in Armut halten, ihre Rohstoffe ausbeuten, ihre Umwelt zerstören, ihnen Zugang zum Welthandel verwehren – solange sprudeln die Quellen des Terrors weiter. Und kein Krieg wird das ändern. Ganz im Gegenteil, der “Krieg gegen den Terror” wird die Not der Menschen noch mehr vergrößern – vor allem das Elend der vielen Millionen Flüchtlinge. (2013 gab es über 51 Millionen Flüchtlinge weltweit. Der höchste Stand seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Hauptfluchtursache: die zunehmende Zahl von Kriegen. Sagt das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR).

Wenn die reichen Staaten nicht endlich ihren Beitrag zu mehr Gerechtigkeit in der Welt leisten
wenn die reichen Staaten nicht aufhören, ärmere Staaten auszubeuten, deren Natur und natürlichen Lebensbedingungen irreversibel zu zerstören (Klimawandel!),
wenn die reicheren Staaten nicht aufhören, “Kolonialismus mit anderen Mitteln” im Namen von “Freiheit und Wachstum” fortzusetzen
dann wird der Terror nicht enden. Er wird noch nicht einmal weniger werden, sondern eher zunehmen.
Die Völker der Welt werden diesen alten Zusammenhang neu buchstabieren müssen: Frieden gibt es nicht ohne Gerechtigkeit.
Damit ich nicht missverstanden werde: Terror ist niemals zu entschuldigen.
Aber wenn man ihn erfolgreich bekämpfen will, muss man nach seinen Ursachen fragen und nicht nur einfach “draufhauen”.

Die Herausforderung ist enorm, denn die Gewalt nimmt zu. Nicht nur die Gewalt, die vom Terror ausgeht, auch die Gewalt, die mit den Mitteln des Marktes durchgesetzt wird.
Deshalb sind die sogenannten “Freihandelsabkommen”, die zwischen den Staaten der reicheren Welt abgeschlossen wurden und noch abgeschlossen werden sollen genau daraufhin zu prüfen, ob sie nicht einen weiteren Beitrag zur Ausbeutung der ärmeren durch die reichere Welt leisten.
Ein Wirtschaftssystem, das vor allem auf Kosten der ärmeren Länder lebt und noch weiter wachsen will – das ist das erklärte Ziel dieser sogenannten Freihandelsabkommen – ein solches Wirtschaftssystem leistet einen nicht unerheblichen Beitrag dafür, dass der Terror weltweit zunimmt. Das muss man sehen, auch wenn es unbequem ist.
Terrorismus ist das Ergebnis von Armut, Unterentwicklung, Diskriminierung, Demütigung und Ungerechtigkeit. Man muss diese Wurzeln kennen, wenn man die Quellen des Terrorismus austrocknen will.

 

Nachdenken über 9/14


Ausgerechnet am Gedenktag des Anschlags auf das World-Trade-Center vor 13 Jahren hat der amerikanische Präsident eine Rede gehalten, in der er darlegt, die USA seien nun nicht nur zu Luftangriffen gegen den IS im Irak, sondern auch zu Luftschlägen in Syrien bereit.
Seine Begründung lautet:
“Obwohl wir noch keine spezielle Verschwörung gegen unser Heimatland entdeckt haben, haben IS-Anführer Amerika und unsere Verbündeten bedroht.” So berichtet das ZDF.

Festzuhalten ist:
die USA wurden nicht angegriffen.
Es gibt nach Auskunft des Präsidenten nicht mal Hinweise auf eine “spezielle Verschwörung gegen unser Heimatland.”
Ein UN-Mandat für diesen “Kampf gegen den IS” gibt es bislang nicht.

Es ist völlig unklar, auf welcher völkerrechtlichen Grundlage nun diese “Allianz der Willigen und Fähigen” (John Kerry) gebildet werden soll und ja schon ist.
Deutschland ist diesmal mit Waffenlieferungen an die Peshmerga im Nordirak mit von der Partie.
Als Haupt”argument” wird immer wieder vorgetragen, man könne “dem Morden durch die IS nicht einfach tatenlos zusehen.”
Zudem wird auf Flüchtlingsströme hingewiesen, die es zu schützen gelte.
Deshalb sei dem IS nun nur noch mit militärischen Mitteln beizukommen.

Besonders bedrückend ist, dass sich etliche, auch öffentlich wahrgenommene protestantische Theologen völlig unnötig und beinahe anbiedernd zum Sprachrohr der Waffenlieferanten machen. 

Keiner spricht über politische Lösungsansätze.
Niemand unternimmt ernsthaft den Versuch, dem IS die Geldquellen zu entziehen.
Niemand unternimmt den Versuch, eine politische Allianz zu schmieden, die dem IS die Grundlage entzieht.
Niemand fragt ernsthaft nach den Gründen für das Erstarken des IS.

Die Öffentlichkeit ist weitgehend dem Denken in militärischen Kategorien verfallen. Der Aussenpolitiker der Union Mißfelder, schließt gar einen “Kampfeinsatz der Bundeswehr nicht aus”. (Quelle hier).
Ein Denken in politischen Kategorien gilt als “unrealistisch”, als “realitätsfern”, wird verhöhnt, lächerlich gemacht.

Ein Ausstiegsszenario? Gibt es nicht.
Ein klares politisches Ziel? Gibt es nicht.
Die Dauer dieser “Kampagne” (Obama): “mindestens drei Jahre”.
Die völkerrechtliche Grundlage? Fehlanzeige
Die Folgen insbesondere für syrische und irakische Flüchtlinge? Ihre Zahl wird noch größer werden.

Dem IS ist es offensichtlich gelungen, eine große Zahl von Staaten in einen Konflikt hineinzuziehen, der militärisch nicht lösbar ist. Das hat die Welt nicht zuletzt in Afghanistan gesehen, als es schon einmal darum ging, dem “islamistischen Terror” militärisch zu begegnen. Das Ergebnis war, dass der IS stark wurde. Wenn es dem IS gelingt, der Welt ein Denken in militärischen Kategorien aufzuzwingen, hat er ein wesentliches Ziel erreicht. Denn seinen “Kämpfern” ist es egal, ob sie ums Lebens kommen.
Alle in dieser “Allianz der Willigen und Fähigen” beteiligten Staaten werden nun potentielle Ziele sein in einer “Zeit der privatisierten Gewalt” (Eppler).

Und am Ende des Tages wird man wohl vermutlich wieder erkennen, was ja in Afghanistan und anderen Orten bereits zu besichtigen war: Gewalt gebiert neue Gewalt. Mit jedem Kopf, den man der Hydra abschlägt, werden zwei neue nachwachsen.
Blut kann man nicht mit Blut abwaschen (v. Suttner).

 

 

Unausweichlich.


Neue Sanktionen seien “unausweichlich” sagt der Russlandbeauftragte der Bundesregierung am 29. August 2014.
Ich denke diesem Wort nach.
“Unausweichlich”.
Da kommt man nicht mehr dran vorbei.
Das kriegt man nicht weg.
Das ist so gut wie sicher.
Dem kann man nicht mehr ausweichen, das wird so kommen, egal, was man unternimmt.
Dieses Auto wird an den Baum knallen – das ist unausweichlich bei dem Tempo, mit dem es angerast kommt.
Diese Eskalationsstufe ist unausweichlich – so, wie ein Berg, so, wie eine Betonmauer, so, wie ein Naturereignis.
Sagt er, der Beauftragte.
Und er meint damit: wir werden gemeinsam mit anderen weitere Sanktionen beschließen.
Da tut also einer was.
Was er auch nicht tun könnte.
Was also bedeutet “unausweichlich”? Ist es lediglich eine Behauptung? So, wie dieses seltsame Wort “alternativlos” eine Behauptung ist, eine schlichte zudem?
Es klingt jedenfalls ähnlich.
So, als gäbe es nichts andres.
Waffenlieferungen in Krisengebiete sind nun auch “alternativlos” und “unausweichlich”.
Es ginge jetzt nicht mehr anders, wird behauptet.
Nun müsse man sogar in Krisengebiete Waffen liefern, das sei unausweichlich.
Da kann man nun nichts mehr machen.
Der Zug rast mit hohem Tempo auf den Felsen zu und dort wird er zerschellen, das ist unausweichlich.

Oder doch nicht?
Wenn eine Entwicklung wirklich für “unausweichlich” erklärt wird – dann ist das das Ende von Politik.
Das ist die Kapitulation vor der Eskalation, an der man selber beteiligt war, Schritt für Schritt.
Irgendwann ist dann der Punkt erreicht, an dem es kein zurück mehr gibt. Point of no return.
Dann knallt es – unausweichlich.
Wenn eine weitere Eskalationsstufe “unausweichlich” ist, dann kann man auch nach Hause gehen. Dann gibt es ja nichts mehr zu tun.
Es wird knallen.
So ist das dann.

Allerdings ist es nicht wirklich so.
Denn jeder einzelne Schritt wird besprochen, überlegt und dann entschieden. Schritt für Schritt, Stufe um Stufe.
Also gibt es doch Alternativen.
Den nächsten Schritt nicht zu gehen zum Beispiel.
Weil er einen an einen Punkt bringen würde – wo das Brett bricht. Unausweichlich.

Vor dem Ersten und auch vor dem Zweiten Weltkrieg haben Politiker den Menschen erklärt, ein Waffengang sei “nun unausweichlich.”
Wie viele Schritte brauchen wir noch, bis es knallt?
Noch einen? Noch zwei?
Oder sind wir schon den letzten Schritt gegangen, den wir noch frei entscheiden konnten?
Vielleicht ist es so.
Dann wird eine Entwicklung eintreten, die der Welt ganz und gar nicht gefallen kann.
Unausweichlich.

Kühne Hoffnung


“Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.”
(1. Brief des Paulus an die Gruppe der Christen in Korinth, Kapitel 13, Vers 12-13.
Ein Text etwa aus dem Jahre 54/55 n.Chr, geschrieben in Ephesus.)

Das ist die vielleicht kühnste Hoffnung, zu der Menschen fähig sind.
Denn die tagtäglich erfahrbare Realität widerspricht ihr in allem.
Die Liebe scheint keinesfalls die größte unter den dreien, sondern der Hass, die Ausgrenzung, das Feindbild.
Vor allem der Hass auf Menschen, die anders “glauben”, die politisch anders denken, die einem anderen Kulturkreis entstammen, einer anderen religiösen Tradition und Praxis.
Die Religionen haben leider einen großen Anteil an diesem Desaster, an dieser Zerstörung.
Wenn die Rechthaberei zur eigentlichen “Religion” wird, dann wird die Liebe erneut gekreuzigt.
Der Streit zwischen den Religionen, wer “richtig” glaube, oder wessen Gott der “wahre” Gott sei ist, neben anderen, ein wesentlicher Grund für die zahlreichen Konflikte der Gegenwart, das ist nicht zu übersehen. Dieser Streit kommt mir vor wie der Streit von Kindern, wen der Papa am liebsten habe. Das ist verständlich, aber kindlich. Es ist an der Zeit, erwachsen zu werden.

Weil aber Religionen nicht unerheblich zu den bedrückenden Konflikten in der Welt beitragen, drängt sich die Frage auf, ob und was sie beitragen könnten zum Frieden?
Dass sie einen Beitrag zum Krieg leisten können, ist offensichtlich.
Aber: welchen Beitrag können sie zum Frieden leisten?

Es gibt da einen uralten, sehr klugen Hinweis im ersten Buch Mose, im Kapitel 2, Vers 15, da ist “vom Beginn der Welt” die Rede.
Man kann dort lesen:
“Und Gott setzte den Menschen (Adam) in einen Garten, um ihn zu pflegen und zu bewahren.”
Der “Garten” bezeichnet offensichtlich die “Welt”.
Da steht nicht: er setzte “einen Christen” in den Garten; auch steht da nichts von einem “Juden” oder einem “Buddhisten” oder einem “Muslim”. Da steht: “einen Menschen”.
Und der Auftrag des Menschen ist es, diesen Garten zu pflegen und zu bewahren.
Er ist ihm anvertraut.
Diesen Hinweis könnten die Religionen beisteuern.
Sie könnten an diesen uralten Auftrag, an diese uralten “Einsetzungsworte” erinnern und vor allem: danach handeln.

“Pflegen und bewahren” bedeutet zunächst: dem anderen Adam, der da mit im “Garten” wohnt, oder der anderen “Eva”, nicht das Lebensrecht und das Recht auf ihre eigene Spiritualität und Frömmigkeit abzusprechen.
“Pflegen” bedeutet: niemand gibt mir das Recht, meinen eigenen Glauben, meine eigene Frömmigkeit von anderen Menschen zu verlangen oder sie sogar wegen ihrer Frömmigkeit zu bekämpfen.
“Pflegen” bedeutet: ich brauche selbst eine gute Praxis in meinem “eigenen Garten”.
Erst wenn meine eigene Spiritualität und Frömmigkeit wirklich “gute Praxis” ist, dann erst kann  ich mich um den “großen Garten” kümmern. Erst dann kann ich einen einigermaßen sinnvollen Beitrag liefern.
Solange ich das nicht tue, solange ich meinen “eigenen Garten” nicht pflege und bewahre, solange ich selber keine “gute Praxis” habe, solange kann ich dem Frieden nicht dienlich sein. Denn dann bliebe ich in der Logik des Hasses und der Gewalt gefangen.

Gute spirituelle oder religiöse Praxis führt zum Abbau von Aggression gegen andere, weil ich mein eigenes Aggressions- und Zerstörungspotential Schritt für Schritt, Stufe um Stufe wahrnehmen lerne. Ich lerne es wahrzunehmen, es anzuerkennen, es nicht zu verleugnen. Und eines Tages gelingt es vielleicht, es zu verwandeln, damit die darin enthaltene, zerstörerisch wirkende Energie, allmählich positiv wirksam werden kann.
Das ist der Weg der konsequenten Meditation, das ist der Weg des Gebets, das ist der Weg der “guten Praxis”.
Allerdings ist das ein durchaus mühsamer Weg.
Ein “steiler Pfad”.
Ein “schmaler Pfad”.
Diese Pforte ist eng.
Das weiß man in allen Religionen. Und das ist ein wichtiges Wissen.

Deshalb ist die oben formulierte Hoffnung so kühn.
Gegen allen alltäglichen Anschein wird hier eine Hoffnung formuliert, die kühner nicht sein könnte.
Denn: wer beginnt, diesen “steilen, schmalen Pfad” zu ersteigen?
Wer macht sich auf den Weg?
Wer beginnt mit der guten Praxis? Wer beginnt mit dieser großen Übung, an deren Ende die Einsicht steht: am Ende bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe. Und die Liebe ist die größte unter ihnen?

Für mich kann ich sagen: diese kühne Hoffnung hält mich am Leben.
Wenn mir auch die täglichen Nachrichten einreden wollen, der Hass sei “der größte unter ihnen”, wenn man zunehmend die Ansicht vertritt, angesichts aktueller Konflikte könne “nur noch militärische Gewalt” helfen – will ich daran festhalten, dass wir am Ende unseres Weges, auf dem wir so oft nur “wie durch einen Spiegel” schauen, also verzerrt, ausschnitthaft, vorläufig – die Wahrheit selbst erkennen.
Wenn diese kühne Hoffnung trügerisch wäre; wenn die Liebe (als Selbst- und Nächstenliebe) nicht “die größte” unter den dreien wäre, dann hätte das Leben seinen Sinn verloren.
Dann blieben nur noch Hass und Zerstörung,
Wenn sie aber “die größte” unter den dreien ist – dann gilt es, sich auf den Weg zu ihr zu machen.
Zu tun ist genug. Innen und außen.
Der Garten ist uns anvertraut, damit wir ihn pflegen und bewahren.

Beobachtungen eines Zeitungslesers


Wenn Waffen “Güter” genannt werden, ist Aufmerksamkeit nötig.
Denn die Sprache verrät, wenn sich fundamentale Sachverhalte ändern, sehr früh, dass sie sich ändern.
In der Pressekonferenz des deutschen Aussenministers und der Bundesverteidigungsministerin am 20. August 2014 konnte man dies beobachten: “Waffen” wurden zu “Gütern”, die man nun in den Nordirak bringen wolle. (20-Uhr-“Tagesschau” vom 20. 8. 2014) Nach langem Abwägen und langem Zögern, schweren Herzens und so weiter.
Da ändert sich also etwas.
Was ändert sich?
Zunächst: der bisherige Grundsatz deutscher Aussenpolitik, der aus guten Gründen lautet: “Keine Waffen in Krisengebiete”.
Das ist seit dem 20. August 2014 nun auch offiziell anders. Es handelt sich um einen Paradigmenwechsel.
Damit entstehen neue Fragen:
1. In welche Krisengebiete darf geliefert werden? Wenn in den Nordirak mit der Begründung, dort sei das Elend der Flüchtlinge groß und man dürfe nicht zusehen – weshalb dann nicht auch nach Syrien? Dort ist die Not noch größer.
2. Wer entscheidet? Es war zu erleben, dass zwei deutsche Minister vor die Presse traten und der Öffentlichkeit ihre Entscheidung mitteilten.
Was aber ist mit dem Parlament? Was ist mit der Opposition in Zeiten einer Großen Koalition, die von 80% der Abgeordneten getragen wird?
Es wird erst in der kommenden Woche mit der Angelegenheit befasst (Sondersitzung am Mittwoch), mal abgesehen von der Befassung im für Außenpolitik vorgesehen Ausschuss, was aber eine Selbstverständlichkeit ist.

Was ändert sich noch?
Die politische Sprache verändert sich in diesen Tagen auf dramatische Weise. Menschen, die Waffenlieferungen in Krisengebiete ablehnen, werden als “unverantwortlich”, als “Spinner”, als “weltfremde Träumer”, als “realitätsferne Gutmenschen” verunglimpft. (Zahlreiche Belege im Spiegel, Welt, Focus, Frankfurter Rundschau etc.), besonders in sozialen Medien.
Das Wort “Pazifist” ist (wieder!) zum Schimpfwort geworden.
Die Sprache verroht.
Sie ist Ausdruck eines verrohten Denkens.
Wenn die Sprache verroht, ist der Krieg nicht mehr fern. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele aus der Vergangenheit. Das war vor dem Ersten Weltkrieg nicht anders als vor dem Zweiten.
Mit der Sprache fängt es an.
Der vorläufige Gipfel dieser Entwicklung besteht womöglich in einem Text im FREITAG, in dem behauptet wird: “Pazifisten töten” – die Flüchtlinge nämlich, denen nicht durch Ausstattung kurdischer Einheiten mit Waffen geholfen würde.
Verdrehung der Fakten.
Wer den Einsatz von Waffen ablehnt, tötet.
Wer welche liefert, dient dem Leben.
Da steht die Welt auf dem Kopf.

Es fällt in diesen Tagen auf, dass die Befürworter von Waffenlieferungen in Krisengebiete – diskutiert wird das gegenwärtig am Beispiel des Vormarsches der IS im Irak – an Zahl zunehmen. Die print-Medien überwiegen in der Befürwortung von Waffenlieferungen.
Texte, die Waffenlieferungen in Krisengebiete ablehnen, nehmen an Zahl ab.
Es sind nur noch wenige Stimmen, die warnen.
Selbst Leute wie Rupert Neudeck fallen um (ZDF vom 20. August 2014) und befürworten Waffenlieferungen.
Und zwar Lieferungen von einigen NATO-Mitgliedsstaaten, keineswegs von allen.
Es gibt weder ein UN-Mandat in der Sache, noch einen hinreichend klaren Beschluss des Weltsicherheitsrates angesichts der Entwicklungen im Irak.
Einige europäische Staaten wollen Teile der Kurdischen Militäreinheiten mit Waffen ausrüsten.
Und Amerika fliegt Kampfeinsätze gegen die IS.

Selbst Kirchenleute wie der bayrische Landesbischof Bedford-Strohm befürworten den Einsatz militärischer Mittel.
Der Ruf wird immer lauter: “Zu den Waffen!”
Anders als vor dem Ersten Weltkrieg, gewiss.
Es geht – bislang – nicht darum, Truppen zu schicken.
Allerdings ändert sich die Sprache:
Allerdings ändert sich das bisherige Paradigma deutscher Aussenpolitik.
Allerdings ändert sich die Stimmung in maßgeblichen Medien (print, TV, besonders social media)
Allerdings ändert sich die Stimmung in der Bevölkerung.
Der Ruf wird immer lauter: “Zu den Waffen!” “Nur noch Waffen können helfen!”
Verknüpft ist dies mit der durch nichts bewiesenen überaus schlichten Behauptung: “Pazifisten sind weltfremde Spinner und tragen nichts zur Lösung der Konflikte bei.” (Joschka Fischer: “Gebetskreise helfen nicht gegen Terror”).

Ich schreibe diesen kurzen Text, weil ich vor allem auf die Veränderung der politischen Sprache in diesen Krisenzeiten aufmerksam machen will. Und auf die Folgen, die aus einer solchen Veränderung resultieren.
Denn mit der veränderten Sprache beginnen die tatsächlichen Veränderungen.
Wenn “Waffen” zu einfachen “Gütern” werden, die man nun in den Nordirak bringen müsse, dann findet eine Vernebelung, Verharmlosung und unredliche Schönrednerei eines faktischen Paradigmenwechsels hin zu mehr Militarisierung deutscher Aussenpolitik statt.
Wenn die Bundesverteidigungsministerin davon redet, es ginge darum “Tabus abzubauen” – dann ist das Gemeinte immerhin klarer.
Es geht um mehr militärische Beteiligung Deutschlands bei Lösungsversuchen in internationalen Konflikten.
Das muss jedem klar sein.

Und das kann nicht unwidersprochen bleiben.
Wenn eine veränderte Sprache zu verändertem Denken und damit zu verändertem politischen Handeln führt, wenn nun auch Waffenlieferungen in Krisengebiete als “alternativlos” kommuniziert werden, dann ist Wachheit notwendig.
Denn solches Denken stand bei etlichen großen Kriegen Pate.
Das war vor dem Ersten Weltkrieg nicht anders als vor dem Zweiten.

social media als Chance zur Deeskalation


Ein Geschenk Russlands an die UNO: Schwerter zu Pflugscharen

Ein Geschenk Russlands an die UNO: Schwerter zu Pflugscharen

Feindbilder haben Konjunktur.
Wer die Debatte um die Ukraine, Russland und die Krim verfolgt, bemerkt es sofort.
Unsere Gesellschaften haben es wie einen Reflex erlernt: zeichnet sich eine scharfe Kontroverse ab, die aus verschiedenen Interessen resultiert, antworten die am Konflikt beteiligten Parteien mit Feindbildern, die nicht selten zur militärischen Eskalation führen.
Die Frage ist:
Wie lernt man Frieden?
Wie lernt man Deeskalation?
Es beginnt mit der persönlichen Begegnung und mit der Anerkenntnis, dass jeder Mensch das gleiche Recht auf Leben hat.
Das ist eine wichtige Erfahrung aus der Zeit, in der die politischen Blöcke im geteilten Deutschland scheinbar unversöhnlich gegenüber standen.
Social media kann wie kaum ein anderes Instrument diese dringend notwendige persönliche Begegnung zwischen den “Fronten” anbahnen und fördern.
Es ist schnell.
Es ist direkt.
Es ist öffentlich und kann viele Millionen Menschen erreichen.
Leider werden die neuen technologischen Möglichkeiten bislang überwiegend dafür verwendet, die jeweiligen Feindbilder zu pushen. Der “Krieg” findet auch im Netz statt.
Man muss sich daran aber nicht beteiligen.
Was fehlt, sind Plattformen, Netzwerke, Gruppen, die den Dialog zwischen den Konfliktparteien, genauer: zwischen den Bevölkerungen befördern. Und zwar dergestalt, dass sich nicht Ministerpräsidenten, Generäle und diverse andere beteiligen, sondern Zivilisten. Schüler, Eltern, Lehrer, Pensionäre, Männer und Frauen.
Wenn sich die Zivilgesellschaften am Dialog beteiligen, in dem sie zueinander Kontakt aufnehmen, haben die “Falken” weniger Chancen, ihre “entweder-oder” Politiken umzusetzen.
Diese technischen Möglichkeiten, die uns heutzutage zur Verfügung stehen, sind neu.
Sie sind in Friedensprozessen noch wenig erprobt.
Aber sie liegen bereit.
Es liegt an den Nutzerinnen und Nutzern des Internets selbst, ob sie dieses Instrument einsetzen, um Feindbilder zu verstärken, oder ob sie es einsetzen, um Begegnung zwischen Menschen zu unterstützen.
Wenn die Zivilgesellschaften erkennen würden, was sie da für ein großartiges Instrument zur Verfügung haben, um Friedensprozesse, gegenseitige Verständigung und Kompromisse und Dialog zu unterstützen, könnte die internationale Friedensarbeit wesentliche neue Impulse bekommen.
Wir müssen angesichts der hochkomplexen Konflikte in der Einen Welt dazu lernen.
Wir müssen lernen, miteinander auszukommen.
Wechselseitige Feindbilder und in ihrer Folge nicht selten militärische Konflikte dienen diesem Ziel nicht.
Das Internet und insbesondere social media jedoch sind eine große Chance, Gewalt nicht eskalieren zu lassen, sondern zur Verständigung zwischen den Menschen zu kommen.
Es liegt auch an uns, ob Frieden wird.

Zum Gedenkjahr 2014. Die bedeutenden Europäer und Pazifisten (2) Leo Tolstoi


Leo Tolstoi gehört natürlich in diese Reihe. Viel ist von und über ihn geschrieben worden. Hier soll nur jener legendäre Brief wiedergegeben werden, den er kurz vor seinem Tode, knapp vier Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, an den jungen Anwalt Gandhi geschrieben hat, der damals noch in Südafrika arbeitete:

An M.K. Gandhi, Johannesburg, Transvaal, Südafrika.
7. September 1910, Kotschety.
Ich habe Ihre Zeitschrift Indian Opinion erhalten und freute mich, kennenzulernen, was darin über die Anhänger des Verzichtes auf alle Gegenwehr durch Gewalt geschrieben wird. Zugleich überkam mich das Verlangen, Ihnen die Gedanken auszudrücken, die durch die Lektüre in mir erweckt wurden.
Je länger ich lebe – und besonders jetzt, da ich den Tod deutlich herannahen fühle -, desto stärker drängt es mich, auszusprechen, was ich vor allem andern lebhaft empfinde und was meiner Meinung nach von ungeheurer Wichtigkeit ist: es handelt sich darum, was man den Verzicht auf allen Widerstand durch Gewalt heißt, worin sich aber letzten Endes nichts anderes ausdrückt, als die durch Truggespinste noch nicht entstellte Lehre vom Gesetz der Liebe. Die Liebe, mit anderen Worten das Streben der Menschenseelen nach Vereinigung und ihr daraus sich ergebendes Verhalten untereinander, sie stellt das höchste und einzige Gesetz des Lebens dar – das weiß und fühlt ein jeder in der Tiefe seines Herzens (wie wir es am deutlichsten an den Kindern sehen); er weiß es, solange er nicht in die Lügennetze weltlichen Denkens verstrickt ist. Dieses Gesetz ist von allen Weltweisen, den indischen sowohl wie den chinesischen und jüdischen, den griechischen und römischen, verkündet worden. Am klarsten ist es, glaube ich, von Christus ausgesprochen, der geradezu sagte, daß darin alles Gesetz und die Propheten enthalten seien. Doch nicht genug damit, in Voraussicht der Verzerrung, die dieser Erkenntnis widerfährt und jederzeit widerfahren kann, wies er ausdrücklich auf die Gefahr einer Entstellung hin, wie sie Leuten naheliegt, die von weltlichen Interessen leben, nämlich daß solche sich das Recht nehmen könnten, ihre Interessen mit Gewalt zu verteidigen oder, wie er es ausdrückt, Schlag mit Schlag zu vergelten, sein entwendetes Eigentum mit Gewalt zurückzuholen und so weiter und so weiter. Er wußte, wie es jeder verständige Mensch wissen muß, daß jede Anwendung von Zwang unvereinbar mit der Liebe als dem höchsten Lebensgesetz ist und daß, sobald Vergewaltigung auch nur in einem einzigen Fall als zulässig erscheint, damit zugleich dies Gesetz negiert wird. Die ganze, äußerlich so glanzvolle, christliche Zivilisation erwuchs aus diesem offenbaren und seltsamen, zum Teil absichtlichen, größtenteils aber unbewußten Mißverständnis und Widerspruch. Im Grunde aber galt das Gesetz der Liebe nicht mehr und konnte nicht mehr gelten, sowie daneben die Abwehr mittels Gewalt gestellt wurde – galt aber einmal das Gesetz der Liebe nicht, so gab es überhaupt kein Gesetz außer dem Recht des Stärkeren. So lebte die Christenheit durch neunzehn Jahrhunderte hindurch. Allerdings ließen sich die Menschen zu allen Zeiten von der Gewalt als oberstem Prinzip in ihrer Gesellschaftsordnung leiten. Der Unterschied zwischen den christlichen und allen anderen Nationen bestand nur darin, daß im Christentum das Gesetz der Liebe so klar und bestimmt gegeben war wie in keiner anderen Religion und daß seine Anhänger sich feierlich dazu bekannten, trotz alledem aber Gewaltanwendung für zulässig erachteten und ihr Leben auf Vergewaltigung gründeten; daher ist das Leben der christlichen Nationen ein einziger großer Widerspruch zwischen dem, was sie bekennen, und dem, worauf sie ihr Dasein aufbauen: ein Widerspruch zwischen der Liebe, die das Gesetz des Handelns vorschreiben soll, und der Vergewaltigung, die unter verschiedenen Formen anerkannt wird, als da sind: Regierungen, Gerichte und Militär, die als notwendig hingestellt und gepriesen werden. Dieser Widerspruch verschärfte sich mit der Entwicklung des geistigen Lebens der Christenheit, und er ist in der letzten Zeit zur höchsten Spannung gediehen. Die Frage steht jetzt so: eins von beiden müssen wir wählen; entweder zugeben, daß wir überhaupt keine religiöse Sittenlehre anerkennen und uns nur vom Recht des Stärkeren in unserer Lebensführung bestimmen lassen, oder fordern, daß alles zwangsweise Erheben von Abgaben eingestellt, all unsre gerichtlichen und polizeilichen Institutionen und vor allem das Militär aufgehoben werden.
In diesem Frühjahr prüfte beim Religionsexamen an einem Töchterinstitut Moskaus zuerst der Religionslehrer und dann der gleichfalls anwesende Erzbischof die Mädchen über die zehn Gebote und im besonderen über das fünfte. Auf das richtige Hersagen des Gebotes hin stellte der Erzbischof jeweils meist noch die Frage: ist das Töten immer und in allen Fällen durch das Gesetz Gottes verboten? Und die unglücklichen, durch ihre Lehrer verdorbenen Mädchen mußten antworten und antworteten auch: nicht immer, denn im Kriege und bei Hinrichtungen darf getötet werden. Als aber einem dieser unglücklichen Geschöpfe (was ich erzähle, ist keine Anekdote, sondern tatsächlich passiert und mir von einem Augenzeugen berichtet) die übliche Zusatzfrage gestellt wurde, ob denn das Töten immer Sünde sei, da wurde das Mödchen rot und entgegnete erregt und entschieden: “Ja, immer!” Und auf all die herkömmlichen Sophismen des Erhzbischofs blieb es unerschütterlich dabei: Töten sei unter allen Umständen untersagt, auch schon im Alten Testament, Christus aber habe nicht nur zu töten verboten, sondern überhaupt dem Nächsten Böses zu tun. Der Erzbischof in all seiner Majestät und Redegewandtheit verstummte, und das Mädchen behielt den Sieg.
Ja, wir können in den Zeitungen von unsern Fortschritten in der Beherrschung der Luft schreiben, von verwickelten diplomatischen Beziehungen, von verschiedenen Klubs, von Entdeckungen, von allerhand Bündnissen, von sogenannten Kunstwerken, und wir mögen darüber hinweggehen, was jenes Mädchen entgegnete: totschweigen können wir es jedoch nicht, weil es ein jeder Christenmensch fühlt, mag er es auch noch so unklar fühlen. Sozialismus, Kommunismus, Anarchismus, Heilsarmee, Zunahme von Verbrechen, Arbeitslosigkeit, der wachsende widersinnige Luxus der Reichen und die Verelendung der Armen, das furchtbare Anschwellen der Selbstmordzahlen, all das sind Merkmale jenes inneren Widerspruches, der gelöst werden muß und gelöst werden wird. Und selbstverständlich so gelöst werden muß, daß das Gesetz der Liebe anerkannt und jede Gewaltanwendung verworfen wird. Daher steht Ihre Wirksamkeit in Transvaal, das für uns am Ende der Welt liegt, dennoch im Mittelpunkte unserer Interessen und stellt die wichtigste Betätigung dar, an der die Welt augenblicklich teilnehmen kann und woran nicht nur die christlichen, sondern alle Völker der Welt teilnehmen werden.
Ich denke, es wird Sie freuen, zu hören, daß auch bei uns in Rußland eine solche Agitation schnell um sich greift, daß die Weigerungen, Militärdienst zu leisten, sich von Jahr zu Jahr mehren. Wie gering auch bei Ihnen noch die Zahl derjenigen ist, die auf alle Gegenwehr mit Gewalt verzichten, und wie klein auch bei uns die Anzahl der Leute, die jeden Heeresdienst verweigern – die einen wie die andern dürfen sich sagen: Gott ist mit uns. Und Gott ist mächtiger denn die Menschen.
In dem Bekenntnis zum Christentum, wenn auch nur zu einem derart entstellten Christentum, wie es bei uns gelehrt wird, und in dem Glauben zugleich an die Notwendigkeit von Heeren und ihrer Ausrüstung zu Schlächtereien allergrößten Maßstabes, darin liegt ein solch offenbarer, himmelschreiender Widerspruch, daß er über kurz oder lang, wahrscheinlich aber sehr bald in voller Nacktheit zutage treten muß; das aber wird entweder die christliche Religion vernichten, die zur Aufrechterhaltung der Staatsgewalt nicht zu entbehren ist, oder es wird das Militär und alle damit verbundene Gewaltanwendung, die der Staat nicht weniger benötigt, hinwegfegen. Diesen Widerspruch empfinden alle Regierungen, Ihre britische ebensowohl wie unsere russische, und daher wird die Erkenntnis dieses Widerspruchs von den Regierungen aus Selbsterhaltungstrieb energischer verfolgt als jede andere staatsfeindliche Tätigkeit, wie wir es in Rußland erlebt haben und wie es aus den Aufsätzen Ihrer Zeitschrift hervorgeht: die Regierungen wissen, woher ihnen die größte Gefahr droht, und wahren mit wachsamem Auge in dieser Hinsicht nicht mehr bloß ihre Interessen, sondern kämpfen hier geradezu um ihr Sein oder Nichtsein.
Mit vorzüglicher Hochachtung.
Lew Tolstoi”
(Romain Rolland, Das Gewissen Europas, Ruetten&Loening, a.a.O. S.214-216).

Zum Gedenkjahr 2014. Die bedeutenden Europäer und Pazifisten. (1) Bertha von Suttner


Lasst uns vom Frieden sprechen.
In diesem Gedenkjahr 2014.
Wir werden viel Militärisches zu sehen und zu lesen bekommen in diesem Jahr.
Weshalb eine Erinnerung an die großen Europäer und Pazifisten nicht schaden kann.
Beginnen will ich mit Bertha von Suttner.
Die Waffen nieder!” heißt ihr vermutlich bekanntestes Werk. Es wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und war bis “Im Westen nichts Neues” (1929) von Remarque das vermutlich wichtigste Antikriegsbuch der Neuzeit.
Man sollte es wieder lesen in diesem Jahr der Erinnerung an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Schon 1889 hatte die Suttner gewarnt vor einem neuen Kriege. Vergebens.
Man hat sie geehrt, aber nicht auf sie gehört. Man hat ihr 1905 den Friedensnobelpreis verliehen, aber man hat sie dennoch verlacht. 1914 brach eben jener Krieg aus, vor dem sie immer gewarnt hatte.

“Die Waffen nieder!” Vielleicht kann man dieses Buch ja auch der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen schenken, denn dieses Buch ist geschrieben aus der Sicht einer Frau.
Vielleicht nicht uninteressant für eine Frau, die sich für Kindertagesstätten und mehr “Familienfreundlichkeit” in der Armee einsetzt.
Eins scheint gesichert: Die Verteidigungsministerin wird den Friedensnobelpreis nicht bekommen.
Bertha von Suttner hat ihn. Als erste Frau.
Lesenswert: ihre “Lebenserinnerungen”. Ich habe eine Ausgabe von 1970 im Regal, vielfach gelesen. Erschienen im “Verlag der Nation” Berlin.
Interessant auch der Film über ihr Leben: “Herz der Welt“. Produziert 1952. 

Ausgewählte Texte der Bertha von Suttner sind in einem kleinen Heft enthalten, das ich Anfang der achtziger Jahre mit Hilfe einer ORMIG-Vervielfältigungsmaschine (sie brachte maximal 50 Abzüge!) angefertigt habe als Lektüremöglichkeit für junge, interessierte Menschen, die sich nicht abfinden wollten mit der weiteren Aufrüstung auf beiden Seiten der Mauer. Texte, die jungen Leuten Argumente bereitstellen sollten, die ihre Grundeinstellung, die sich in “Schwerter zu Pflugscharen” äußerte, verteidigen wollten gegenüber massiven Angriffen von Lehrerschaft, Parteien und Öffentlichkeit in der zweiten deutschen Diktatur.
“Die groß waren durch ihren Geist – pazifistisches Traditionen des 19. und 20sten Jahrhunderts”. So hieß die Veranstaltungsreihe für junge Leute, die ich damals im Stadtjugendpfarramt in Jena für Schülerinnen und Schüler, für Studentinnen und Studenten und andere Interessierte anbot.
Es waren bewegte Zeiten.
SED und Staatssicherheit fanden überhaupt nicht gut, was wir da lasen.
Das war subversiv.
Das passte nicht zur “Staatsraison”.
Das passte nicht zur Ideologie.
Wir lasen dennoch.
Und sprachen darüber.
Schärften unsere Argumente gegenüber denen, die skandierten “Der Friede muss bewaffnet sein!” und “Gegen NATO-Waffen Frieden schaffen”.
Wir wurden eingeladen von der FDJ zu öffentlichen Diskussionen innerhalb der Universität.
Zum “Dialog”. Der aber keiner war, wie die Akten der Staatssicherheit mittlerweile kundtun.
Man hielt damals Tribunale ab auf den Jenaer Bergen gegen uns.
Man hat uns als “Spinner”, als “Utopisten”, als “nicht klassenbewusst” beschimpft. Man müsse doch endlich begreifen, dass der Frieden militärisch verteidigt werden müsse. Alles andre sei doch Träumerei….

Wenn man die Autobiografie der Bertha von Suttner liest, wird man finden, dass derlei”Argumente” nicht neu sind.
Immer sind Kriegsgegner beschimpft worden.
Immer hat man ihnen vorgeworfen, sie seien “unpolitisch”, seien “nicht realistisch”, seien “Träumer”, manchmal gar “gefährliche Träumer”.
Die Beschäftigung mit den großen Europäern und Pazifisten hat so manchem Schüler, so mancher Schülerin geholfen, derlei “Argumente” auszuhalten. Denn sie wussten nun, dass solche Vorwürfe nicht neu waren.
Sie konnten sich einreihen in die Reihe der Menschen, die trotz allem Widerstand für eine friedlichere Welt warben, die ihre Konflikte nicht mit Waffen, sondern durch den mühsamen, oft nicht ungefährlichen und von Rückschlägen geplagten politischen Dialog lösen wollten.

Vielleicht ist dieses Gedenk-Jahr 2014, in dem sich viele Menschen mit den Ursachen, den Strömungen, Konflikten, politischen Einstellungen, die zum Ersten Weltkrieg führten, beschäftigen, auch eine gute Gelegenheit an die große Tradition des Pazifismus in Europa zu erinnern.

Alternativen zum Krieg (10) – Welthungerhilfe


VDr. Wolfgang Jamann Welthungerhilfe

Dr. Wolfgang Jamann Welthungerhilfe

Vor einiger Zeit hatte ich begonnen, Persönlichkeiten vorzustellen, die mit ihrer Arbeit “Alternativen zum Krieg” entwickeln. Denn mir scheint eine Bereitschaft übergroß, sehr schnell und unreflektiert in allerlei Konfliktherden der Welt nach der militärischen Option zu rufen. Zuletzt konnte ich diese weit verbreitete Bereitschaft wieder im Zusammenhang mit den Prozessen in Nordafrika beobachten.
Zivile Arbeit, die sich den Ursachen von Konflikten zuwendet – und nicht selten ist der Hunger großer Bevölkerungsgruppen eine Ursache für politische Konflikte – erweist sich als dauerhaft tragfähiger als militärische Optionen. Ich habe mich deshalb per mail an Persönlichkeiten und Hilfsorganisationen gewandt und sie gebeten, mir ein paar kurze Fragen zu beantworten.
Dr. Jamann war so freundlich und hat mir nun seine Antworten geschickt:

Herr Dr. Jamann, seit wann unterstützt die Welthungerhilfe den Wiederaufbau Afghanistans?
Seit 1980 unterstützte die Welthungerhilfe afghanische Flüchtlinge in Pakistan durch Nothilfemaßnahmen (Versorgung von Flüchtlingscamps).
Seit 1993 ist die Welthungerhilfe durchgehend mit eigenen Projektstrukturen in Afghanistan tätig und unterstützt die Zivilbevölkerung, insbesondere
im ländlichen Raum. In den letzten 10 Jahren wurden dabei über 100 Projektvorhaben mit einem Gesamtvolumen von über 80 Mio Euro durchgeführt.

Was sind die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Die Schwerpunkte der Arbeit sind:
Förderung des landwirtschaftlichen Anbaus und Ernährungssicherung; Rehabilitierung kommunaler und ländlicher Basisinfrastruktur
(Trinkwasserversorgung und sanitäre Anlagen, Bewässerungsanlagen, etc.); Ressourcenschutz (Aufforstung); Stärkung der Zivilgesellschaft auf
kommunaler Ebene (National Solidarity Programme, NSP); Projekte der Not- und Übergangshilfe

Welche Erfahrungen haben Sie in Deutschland gemacht in Bezug auf
Ihre Unterstützerarbeit? Wie ist Ihre Erfahrung in Bezug auf die
Zusammenarbeit mit der afghanischen Bèvölkerung?

Es gibt in Deutschland traditionell großes Interesse an Afghanistan, sowohl wegen der politischen und humanitären Lage aber auch wegen der langjährigen Partnerschaft der beiden Länder. Leider ist es so gut wie unmöglich, für Afghanistan Spenden zu sammeln, obwohl es hervorragende Projekte gibt, die es sich zu unterstützen lohnt. In diesen Projekten (z.b. bei der Produktion von Rosenöl in Jalalabad) werden echte Fortschritte für die Menschen vor Ort erzielt, und die afghanischen Partner über Jahre selbst gefördert und in die Lage versetzt, nachhaltige Entwicklungsschritte zu machen.

Wenn Sie sich das veröffentliche Bild über Afghanistan in deutschen Medien anschauen: was fehlt?

Es fehlt der Blick für die guten Nachrichten. Afghanistan ist ein Land das nach 30 Jahren Bürgerkrieg und Unterdrückung noch einen langen Weg vor sich hat, und auf diesem Weg gibt es wirkliche Fortschritte. Leider ist die Berichterstattung zu oft überlagert von den kriegerischen Auseinandersetzungen, und das deutsche Engagement wird vor allem bei den militärischen Interventionen dargestellt. Dies verstellt den Blick auf die Notwendigkeit und die Chancen, die der zivile Aufbau bietet.

Der Deutsche Bundestag hat am 28. Januar 2011 das ISAF-Mandat
erneut um ein Jahr verlängert.
Wäre eine Mandatierung zugunsten eines zivilen Aufbaus hilfreich
gewesen? Ist eine Kopplung zwischen militärischem Engagement und
ziviler Aufbauarbeit hilfreich?

Die Mandatsverlängerung für die Beteiligung am ISAF Einsatz ist eine politische Entscheidung über eine militärische Frage, die wir als Welthungerhilfe nicht kommentieren wollen und können. Wir sind eine zivile Hilfsorganisation und darauf stützt sich unsere Expertise. Aus unserer Arbeit vor Ort wissen wir aber, dass vor allem zivile Unterstützung durch zivile staatliche und nicht-staatliche Organisationen notwendig und gewünscht ist. Die Welthungerhilfe hat sich mehrfach gegen die Vermischung von militärischem und zivilen Mandat ausgesprochen, nicht zuletzt weil dies unsere Helfer gefährden kann.

Was ist aus Ihrer Sicht in Afghanistan im Moment besonders dringlich?
Die Verbesserung der Lebensgrundlage und die Schaffung alternativer Einkommensmöglichkeiten für die Zivilbevölkerung, insbesondere in ländlichen Gebieten. Dies wird und kann nur erfolgen, wenn sich die Sicherheitslage für die afghanische Zivilbevölkerung, die unter den Folgen der bewaffneten Auseinandersetzungen am meisten leidet, erheblich verbessert. In diesem Kontext wird der “Sicherheitsbegriff” als erweiterter Begriff im Sinne der “menschlichen Sicherheit” verstanden. Hierzu zählt neben der Sicherstellung der physischen Unversehrtheit auch das Recht auf Nahrung, der verbesserte Zugang zu medizinischen Einrichtungen und Bildungsmöglichkeiten, verlässliche afghanische Behörden auf Distrikt- und Provinzebene sowie Rechtssicherheit.
Um dieses Ziel zu erreichen, müssen weitere Anstrengungen und die Ausweitung des zivilen Aufbaus unter verstärkter Einbeziehung der afghanischen Zivilbevölkerung erfolgen. An den Bedürfnissen der afghanischen Bevölkerung ausgerichtet müssen internationale Hilfsprogramme noch gezielter auf vorhandene Entwicklungschancen und -potentiale abgestimmt werden (ganz im Sinne der “Hilfe zur Selbsthilfe).
Als politische Forderung kann formuliert werden:
Die Einbeziehung der afghanischen Zivilbevölkerung in den politischen und sozialen Wiederaufbau des Landes sollte gestärkt und gegenüber der afghanischen Regierung die Wahrung der Menschenrechte (gemäß der afghanischen Verfassung) mit Nachdruck eingefordert werden.

Wie kann Ihre Arbeit konkret unterstützt werden?
Indem deutlich auf den großen Bedarf an Unterstützung der afghanischen Zivilbevölkerung, insbesondere in ländlichen Gebieten (wo z.B. weniger als 30% der Bevölkerung Zugang zu sauberem Trinkwasser hat, jedes 5. Kind vor Vollendung des 5. Lebensjahres an vermeidbaren Krankheiten stirbt, 60-70% Analphabeten sind, etc.) hingewiesen wird. Sowohl die Grundbedürfnisversorgung als auch die Verbesserung der Lebensperspektiven der afghanischen Bevölkerung muss weiter langfristig unterstützt werden.
Viele humanitäre Hilfsorganisationen und internationale NGOs wie die Welthungerhilfe führen landesweit Projekte und Programme zur Armutsreduzierung und des zivilen Wiederaufbaus durch. Um deren Arbeit auch in Zukunft zu fördern ist eine Konditionierung der öffentlichen Mittelvergabe für die Durchführung von armutsorientierten Entwicklungshilfeprojekten, u.a. aus sicherheitspolitischen Überlegungen heraus, abzulehnen und nicht zielführend.

 

 


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