Category Archives: Martin Buber

Alte Texte


Ich lebe in Worten. Worte sind Heimat und Fremde seit Jugendtagen. Worte bergen und zerstören. Worte halten und lassen.
In diesen Tagen, in denen die Erde wankt, lese ich alte Worte. Denn die Worte meiner Zeit erweisen ihr Unvermögen.
Seit Jahrtausenden wurden diese alten Worte weitergegeben von Generation zu Generation, von Vater zu Sohn, von Mutter zu Tochter.
Es sind hebräische Worte.
Der große “Steller der Schrift” Martin Buber hat sie verdeutscht, hat ihre Sperrigkeit und Vorzüglichkeit  in Worte unserer Sprache umgegossen, ihre Form und Gestalt, ihr Inneres bewahrend, damit sie auch bei uns und in unserer Sprache funkeln wie Edelsteine.
Ich lese sie am Morgen nachdem man gestern den Tod gefunden hatte. Man fand ihn in Pfützen. Man fand ihn im Rauch. Man fand ihn in der Erde. Man fand ihn im Meer.
Gestern erfuhr die Welt, dass im fernen Japan, das uns doch so nah ist, der Tod gefunden wurde in Fukushima. 10.000fach seien die Grenzwerte überschritten in jenen Pfützen von Kühlwasser, die man in Kellerräumen fand unter den Reaktoren. Unsere Vorstellungskraft wird gesprengt. Da liegt ein Material in den Kellern, daß noch nach 340.000 Jahren den Tod bringt. Nun tritt es an den Tag.
Behälter bersten und geben den Tod frei.
Er kommt still.
Man findet ihn in Pfützen, man findet ihm im Rauch, man findet ihn im Meer.
Nur der Ticker des Zählers zeigt ihn an.
Unsere Kraft, sich vorzustellen, was das bedeutet für die vielen Millionen Menschen, die in der Umgebung leben, reicht nicht aus.
Dafür haben wir keine Bilder, keine Sprache. Dunkle Ahnungen vielleicht. Annäherungen an das Unvorstellbare. Mehr nicht. 1 Kilogramm dieses Materials genüge, so sagen es Physiker, die Menschheit zu zerstören. Man weiß aber, daß in jenen feuchten Kellern mehrere Kraftwerksladungen lagern….

Die Erde bebte. Und das Meer erhob sich.
Nur eine Welle kam.
Gemessen an der Größe des Ozeans eine winzige. Gemessen an der Größe unserer Zivilisation eine gewaltige.
Sie spülte einfach hinweg, was wir “Zivilisation” nennen. Ganze Orte. Ganze Häuser. Viele zehntausend Menschen mitsamt ihren Autos und Fernsehern, Kühlschränken und Computern.
Die Zerbrechlichkeit unserer “stolzen Zivilisation” stand uns plötzlich vor Augen.
Das Menetekel an der Wand. Die Schrift, die der König nicht zu lesen verstand.
In diesen Stunden, in denen das Unvorstellbare Realität wird Stunde um Stunde, Tag um Tag, lese ich alte Worte.
Man hat sie weitergegeben von Generation zu Generation, von Jahrtausend zu Jahrtausend.

Das Menschlein, wie des Grases sind seine Tage,
wie die Blume des Feldes, so blühts:
wenn der Wind drüber fährt, ist sie weg,
und ihr Ort kennt sie nicht mehr.
Aber SEINE Huld,
von Weltzeit her und für Weltzeit
ist über den ihn Fürchtenden sie,
seine Bewährung für Kinder der Kinder
denen, die seinen Bund hüten,
denen, die seiner Verordnungen gedenken,
sie auszuwirken.
ER hat seinen Stuhl im Himmel errichtet,
und sein Königtum waltet des Alls.
Segnet IHN, ihr seine Boten
-starke Helden, Werker seiner Rede-,
im Horchen auf den Schall seiner Rede!
Segnet IHN, ihr all seine Scharen,
die ihm amten, Werker seines Gefallens!
Segnet IHN, ihr all seine Werke
an allen Orten seines Waltens!
Segne, meine Seele, IHN!

(aus Psalm 8, verdeutscht von Martin Buber und Franz Rosenzweig. Stuttgart 1976).

Vom Lesen am Morgen


Am Morgen, die Stadt wird laut, Autos und Straßenbahnen fahren, der Tag hebt an mit seinem Lärm,
finde ich diesen uralten Text über die Stille.
Verdeutscht vom “Steller der Schrift”, Martin Buber.

Die Himmel erzählen die Ehre Gottes,
die Tat seiner Hände meldet das Gewölb:
Sprache sprudelt Tag dem Tag zu,
Kunde zeigt Nacht der Nacht an,
kein Sprechen ists, keine Rede,
unhörbar bleibt ihre Stimme,-
über alles Erdreich fährt ihr Schwall,
an das Ende der Welt ihr Geraun.
.
(aus: Die Schrift. Verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig. Band 4 Die Schriftwerke, S. 31. Preisungen.XIX; 6. Auflage; Verlag Lambert Schneider, 1962)

Yout get what you are – du bekommst was du bist


Der Spruch klingt brutal.
Ich fand ihn im Netz gestern Nacht.
Er tauchte auf in einem längeren Gespräch über die Möglichkeiten der Politik, das Leben der Menschen zu verbessern. Er stand mitten in einer großen “KLAGE ÜBER DIE POLITIK”.
Von Mißtrauen war da die Rede; davon, daß “die Politiker” doch nur sehen, daß sie reich werden; davon, daß sie die Menschen betrügen und nur an den eigenen Vorteil denken. Man könne doch die Menschen verstehen, die über solche Politiker nur noch kopfschüttelnd und ohne Vertrauen redeten.

Diese KLAGELIEDER sind in Mode.
Man braucht nur im Internet mal ein paar Dialoge über politische Themen zu verfolgen.
Schnell werden sie gesungen, diese KLAGELIEDER, die vielleicht jenen nicht unähnlich sind, die wir aus unserer Kultur kennen, jenen KLAGELIEDERN, die in hebräischer Sprache verfasst, später von Luther und andern übersetzt wurden. Man findet sie in jener Bibliothek, die man “biblia” nennt.

You get what you are.
Das meint: du erlebst die Welt als korrupt, weil du selbst korrupt bist.
Du erlebst die Welt als betrügerisch, weil du selbst betrügst.
Du erlebst die Welt als nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht, weil du selbst nur an deinen eigenen Vorteil denkst.

Das klingt brutal.
Der Satz meint: du wirst die Welt um dich herum solange als “negativ” erleben, wie du “in Resonanz” mit dem Negativen bist.
Einem Instrument ähnlich, das mitklingt, wenn neben ihm ein Ton gespielt wird.

Der Satz meint indirekt: erst, wenn sich die Menschen selbst “erneuern”, wird die Welt um sie herum “besser”.
“Bring dich selbst in Ordnung und die Welt um dich herum wird in Ordnung kommen”.

In der ZEN-Tradition Asiens kennt man den Satz:  “innen wie außen”.
Er meint ziemlich dasselbe wie der Satz “you get what you are”.
Der Satz aus dem ZEN meint: es gibt keinen Unterschied zwischen deinem Innen und einem Außen.
Dieses Gegenüber von innen und außen ist eine Illusion.
Deshalb kannst du die Welt friedlicher machen, wenn du selbst innerlich wirklich friedlich wirst.
Das ist aber ein schwerer Kampf, den du zu fechten hast.
Denn, innerlich wirklich friedlich zu werden, bedeutet, einen sehr langen Weg zu gehen.
Wenn du dich selbst innerlich in Ordnung bringst, wird die Welt um dich herum in Ordnung kommen.
Deshalb kannst du, von diesem archimedischen Punkt aus, die Welt aus den Angeln heben.
Meditationserfahrene wissen, wovon ich spreche.

Innen wie außen – you get what you are:
Wenn du dich klein fühlst – wirst du Mißerfolg haben.
Wenn du dich abhängig machst – werden die Mächtigen ihr Spiel mit dir treiben.
Wenn du dich hilflos machst – wirst du nicht handeln können.

Es ist ein harter Satz: you get what you are.
Ich kann ihn einerseits bestätigen: ich kenne Tage, an denen scheint mir alles zu gelingen, weil ich selbst “gut drauf” bin, weil ich gut über meine Energie verfügen kann.
Dann gibt es Tage, die sich grau anfühlen und vergeblich – weil ich meine Kraft nicht spüren kann, sondern meine Niedergeschlagenheit wahrnehme.

Aber: da ist etwas, was mich weiter nach-denken lässt.

Es geht in diesem Satz im Kern um das Menschenbild. Um die Vorstellung vom Menschen. Um die Idee, wie “der Mensch” eigentlich ist.
“You get what you are” sagt: du bist für alles selbst verantwortlich.
Solange du dich nicht selbst in Ordnung bringst – solange wird die Welt um dich herum auch chaotisch sein.
Solange du nicht in Kontakt gehst mit den positiven Energien – solange wird die Welt um dich herum dir negativ erscheinen.
Du selbst hast es in der Hand.
Es gibt psychotherapeutische Klinken, die haben am Eingang einen großen Spiegel gehängt, in dem sich jeder sofort wahrnimmt, der die Klinik betritt.
Über dem Spiegel ist zu lesen: “Hier gibt es nur einen, der verantwortlich ist – Sie”. Ich konnte dies in Hessen sehen, als ich einen Freund in einer Kur besuchte.

“you get what you are”. Du selbst bist verantwortlich für dein Leben. Niemand sonst. Kein Politiker, keine Eltern, keine Geschwister, keine “Verhältnisse” – nur du selbst.
Der Satz klingt brutal.
Er zwingt den Menschen ins Erwachsen werden.
Er macht dem kindlichen Verhalten ein Ende, das so weit verbreitet ist in unserem Reden.
“Schadet meiner Mutter gar nichts, daß ich an den Händen friere – warum kauft sie mir keine Handschuhe!” sagt der Vierjährige.
Das Kind klagt.
Die Mutter ist verantwortlich dafür, ob es dem Kind gut geht.
Statt sich selbst die Handschuhe anzuziehen.
Das aber kann das Kind noch nicht.
Es wird es lernen müssen.
Das moderne “KLAGELIED” auf “die Politik” ist so etwas Kindliches.
Da will man nicht wirklich Verantwortung übernehmen.
Man scheut das erwachsen werden.
Man macht sich klein – und erlebt die anderen als übermächtig.

You get what you are.

Es gehts ums Menschenbild.
Vom asiatischen Menschenbild haben wir gehört.
Ich lese deshalb nach in Texten unserer eigenen, abendländischen Tradition.

Und finde dies:

“….aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge
hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen….
Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk;
den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:
was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst;
und des Menschen Kind, daß du dich seiner annimmst?
Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott,
mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.
Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk.
Alles hast du unter seine Füße getan:
Schafe und Rinder allzumal,
dazu auch die wilden Tiere.
die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer
und alles, was die Meere durchzieht…..”

(Psalm 8 in Luthers Übersetzung aus dem Hebräischen).

da ist offensichtlich von VERANTWORTUNG die Rede.
Hier wird gesprochen von der VERANTWORTUNG des erwachsenen Menschen.
Hier hat die kindliche Klage über “die Verhältnisse” oder “die Politik” keinen Platz mehr.
Hier ist vom Erwachsenen die Rede und von seiner Verantwortung für alles, was uns “unter die Füße getan” ist.
Es ist die Verantwortung des Menschen, der “nur wenig niedriger” gemacht ist als die Wirklichkieit, die unsere Tradition “Gott” nennt.

Vielleicht hängen ja beide Sätze – der asiatische und der orientalische Satz – miteinander zusammen.

Denn: es geht nicht nur darum, wie du die Welt “erlebst”.
Es geht – nicht nur – darum, mit welcher Energie du in Resonanz gehst.
Sondern: es geht – auch – darum, wie du sie gestaltest; wie wir mit den “Rindern und Schafen allzumal….und den Fischen im Meer” in unserem täglichen Leben umgehen….

Wenn wir nicht wieder zurückfinden zum Wesen unseres Selbst – zum Wesentlichen,

dann könnte sich möglicherweise als Prophezeiung herausstellen, was da klingt, wenn wir hören:

you get what you are.

Haltet ein!


Am Abend dieses Tages schicke ich nun noch diesen Text von Martin Buber.

Der Text stammt von 1957 und ist, wie kann es bei Buber anders sein, hineingesprochen, genauer: hineingerufen in eine konkrete Situation; die der fundamentalen Konfrontation der Blöcke mitten im Kalten Krieg.
Dennoch: was er auf die damalige Situation bezog, gilt in neuer Weise heute, in der sich zuspitzenden Krise, die mit “Klimawandel”; “Bankenkrise”, “wachsender Ungerechtigkeit” ihre Stichworte gefunden hat.
Damals wie heute geht es um das geschwundene Vertrauen.
Damals wie heute geht es darum, mit Hilfe der Sprache zu einem wirklichen Dialog zurückzufinden, der notwendig ist, um das Gemeinsame gegenüber dem Zerstörerischen zu stärken.
Es geht darum, zu einem wirklichen Dialog, zu einem wirklichen Gespräch zu finden:

Martin Buber
Haltet ein!
(1957)
Es ist höchste Zeit, daß wir Menschen den Politikern unseren Standpunkt klarmachen.
Wir wollen nicht, daß die Menschheit sich selbst zu vernichten beginnt.
Hört auf mit diesem Spiel, bei dem unser aller Leben zum Einsatz kommt und bei dem beide Partner verlieren müssen!
Wir gaben euch die Macht, über die ihr heute verfügt, weil dir dachten, ihr seiet Persönlichkeiten, die immer und unter allen Umständen wissen, was sie tun.
Wir sehen nun ein, daß wir uns getäuscht haben.
Die Spielleidenschaft hat euch der Fähigkeit beraubt, die wahre Natur des Spieles, das ihr treibt, zu erkennen und zu sehen, wohin es führen kann. Ihr kennt euch aus in allen Tricks des Spieles und wandelt sie methodisch ab, aber ihr seid nicht gewahr, daß das Spiel selbst in euren Händen zu etwas anderem geworden ist.
Nun wird das Spiel mit euch gespielt.
Ihr seht nicht ein, daß, wenn ihr jetzt nicht haltmacht, der Moment kommen muß, und dies vielleicht schon sehr bald, wo der weitere Ablauf der Ereignisse nicht mehr von euch abhängen wird und wo es auch nicht mehr möglich sein wird, innezuhalten.
Wir kennen diesen Ablauf aus früheren Erfahrungen – aber selbst die schlimmste jener Erfahrungen wird ein Kinderspiel sein gegenüber dem, was diesmal kommen wird – wenn es kommt.
Diesmal bedeutet das Kriegsspiel Zerstörung aller Länder und Völker – bis es nichts mehr zu zerstören gibt und niemanden, der zerstören kann.
Das Grundgesetz alles Spieles heißt: die Erfolgschance darf nicht kleiner sein als das Risiko. Diesmal wird das Risiko unendlich groß, die Chance eines Erfolges gleich Null sein.
Haltet ein, solgane ihr noch könnt!
Und wenn man uns fragt, was dieses “Einhalten” im vorliegenden Fall bedeuten soll, so muß die Antwort lauten:
Es hat zu allen Zeiten und überall Interessenkonflikte gegeben, es gibt sie jetzt, und sie werden ausgefochten. Doch ist solchen Streitigkeiten eine Grenze gesetzt – es kommt der Moment, wo ein Kompromiß der einzig vernünftige Ausweg ist.
Darunter verstehen wir keine sogenannte Versöhnung oder Befriedung, sondern ein wohlabgewogenes Abkommen, das vor kommenden Generationen vertreten werden kann, einen Ausgleich der Interessen, der den lebenswichtigen Bedürfnissen der Völker beider Seiten – nachdem die nichtlebenswichtigen zuvor ausgeschieden worden sind – gerecht wird.
Der kritische Moment ist gekommen.
Was zieht ihr Wissenschaftler selbst vor: Gegenseitige Zugeständnisse auf Grund sorgfältiger und fairer Überlegung – oder den ungewollten Selbstmord der Menschheit?”

und in seiner Ansprache anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels führt Buber 1953 aus:

“….Die Krisis des Menschen, die in unseren Tagen kenntlich geworden ist, gibt sich am deutlichsten als Krisis des Vertrauens kund, wenn wir diesen Begriff des Wirtschaftslebens so gesteigert anwenden wollen. Man fragt: Vertrauen zu wem? Aber die Frage enthält schon eine Begrenzung, die hier nicht zulässig ist. Es ist das Vertrauen schlechthin, das dem Menschen dieses Zeitalters immer mehr abhanden gekommen ist. Und damit ist aufs engste die Krisis der Sprache verbunden; denn im wahren Sinn zu einem sprechen kann ich nur, wenn ich erwarten darf, daß er mein Wort wahrhaft aufnehme. ….Dieser Mangel an Vertrauen zum Sein, diese Unfähigkeit zum rückhaltlosen Umgang mit dem Andern weisen auf eine innerste Erkrankung des Daseinssinns hin. Eine der Äußerungsformen dieser Erkrankung, und die aktuellste von allen, ist das, wovon ich ausgegangen bin:
daß ein echtes Wort zwischen den Lagern nicht aufkommt.
Kann solche eine Krankheit heilbar sein? Ich glaube, daß sie es ist, und von diesem meinem Glauben aus spreche ich zu Ihnen. Ich habe keine Beweise für meinen Glauben, ein Glaube ist nicht beweisbar, sonst wäre er nicht, was er ist, das große Wagnis. Statt eines Beweises rufe ich den potentiellen Glauben eines jeden meiner Hörer an, der ihn zu glauben vermag.
Wenn es Heilung gibt, wo kann die heilende Handlung ansetzen? Vielmehr, wo muß die Wesensumkehr beginnen, auf die die heilenden Mächte, die Heilsmächte auf dem Grunde der Krisis warten?
Daß die Völker, die Völkermenschen kein echtes Gespräch mehr miteinander führen können, ist nicht bloß das aktuellste, es ist auch das uns am dringensten anfordernde Phänomen der Pathologie unserer Zeit.
Ich glaube trotz allem, daß die Völker in dieser Stunde ins Gespräch, in ein echtes Gespräch miteinander kommen können.
Ein echtes Gespräch ist eins, in dem jeder der Partner den andern, auch wo er in einem Gegensatz zu ihm steht, als diesen existenten Andern wahrnimmt, bejaht und bestätigt; nur so kann der Gegensatz zwar gewiß nicht aus der Welt geschafft, aber menschlich ausgetragen und der Überwindung zugeführt werden.
Zum Beginnen des Gesprächs sind naturgemäß jene berufen, die heute in jedem Volk den Kampf gegen das Widermenschliche kämpfen.
Sie, die die ungewußte große Querfront des Menschentums bilden, sollen sie bewußt machen, indem sie rückhaltlos miteinander sprechen, nicht über das Trennende hinweg, sondern entschlossen, es gemeinsam zu tragen.
Ihnen entgegen steht der Nutznießer der Völkertrennung, das Widermenschliche im Menschen, welches das Untermenschliche ist, der Feind der werden wollenden Menschheit.

Das Wort Satan bedeutet im Hebräischen Hinderer.
Das ist die rechte Bezeichnung des Widermenschlichen im Menschen und im Menschengeschlecht.
Lassen wir uns von dem satanischen Element darin nicht hindern, den Menschen zu verwirklichen! Erlösen wir die Sprache aus ihrem Bann! Unterfangen wir uns, trotz allem, zu vertrauen!”

Ich füge an diese hier zitierten Worte des großen Denkers Martin Buber nur an:
immer wenn mir jemand einreden will, weshalb (um nur einen der zahlreichen Konflikte zwischen den Völkern zu benennen; man könnte ebenso beispielsweise die weiterhin scheiternden Verhandlungen zu einem wirksamen Klimaschutzabkommen exemplifizieren) das westliche Bündnis beispielsweise in Afghanistan mit Panzerhaubitzen und dergleichen Kriegsgerät einen Beitrag leiste, zur Verständigung zwischen den Völkern beizutragen; immer wenn man ohne Beweis behauptet, “die Taliban” seien vom westlichen Bündnis aus was auch immer für Interessen zu “bekämpfen”:
dann erinnere ich mich an diese hier zitierten Worte über das wirkliche Gespräch zwischen den Völkern;
an diese tiefen Worte über das wirkliche Gespräch zwischen den Kulturen.

Dieser wirkliche Dialog ist dringender ist denn je.

Denn die Alternative ist die Selbstzerstörung.

(die Zitate stammen aus: Martin Buber. Nachlese. Verlag Lambert Schneider. Heidelberg 1966; S. 228 ff.)

Über den “bürgerlichen Ungehorsam” – Nach-lese.


Im Nachdenken über die aktuellen globalen Krisen, in denen wir stecken, und auf der Suche nach gehbaren Auswegen begegnet mir heute dieser Text von Martin Buber von 1963, den ich wegen seiner Bedeutung für uns gern weitergebe:

“Ich werde immer wieder gefragt, woran – nicht in einer bestimmten geschichtlichen Situation, sondern ganz allgemein – die civil disobedience ihre Legitimität erweisen kann. Darauf weiß ich zunächst nichts anderes zu antworten: Ungehorsam solcher Art ist dann rechtmäßig, wenn er in Wahrheit Gehorsam ist, Gehorsam einer höheren Instanz gegenüber als der man jetzt und hier nicht gehorcht, genauer: Gehorsam der höchsten Instanz gegenüber.
Nun aber wird mir mit einer neuen Frage entgegnet: Woher ich denn das Gebot der höchsten Instanz für diese Situation jetzt und hier kenne.
Man kann diese Frage in die Sprache des evangelischen Gleichnisses etwa so übersetzen: “Wo ist die Grenze dessen, was ich je und je Cäsar zu geben habe?”

Jeder Versuch, diese Frage auf der Ebene einer allgemeingültigen Begrifflichkeit unangreifbar zu beantworten, muß fehlschlagen.
Das Absolute kann sich in unserer Welt nicht als allem Relativen unbedingt überlegen erweisen, weil die stimmmächtigen Affen des Absoluten ihre Ansprüche, jeder den seinen, mit den erforderlichen dialektischen Mitteln wirksam darzutun verstehen, um den Ungehorsam zu brandmarken.

Jeder Cäsar, jede Cäsarität, gleichviel, in welcher Form sie erscheint, jede geschichtliche konsistente Macht, figuriert den ihr Untergebnen gegenüber als von Gottes Gnaden bestehend, gleichviel, welchen Namen der Gott führen mag.
Wir werden somit schließlich doch wieder genötigt, dem Fragen und Antworten in allgemeinen Begriffen ein Ende zu machen und unmißverständlich deutlich zu machen, daß man fragend und antwortend die Situation unablässig im Auge behalten muß.
Nicht wo zu allen Zeiten und in allen Räumen legitimerweise mein gehorchender Ungehorsam beginnt, habe ich zu sagen, sondern wo er jetzt und hier beginnt.

Das aber ist in der Situation, in der wir leben, leichter zu sagen geworden als in irgendeiner früheren des Menschengeschlechts.

Denn der Mensch ist drauf und dran, sich durch seine eigenen Handlungen seinen Anteil an der Bestimmung seines Schicksals entgleiten zu lassen.
Die heute allumfassende Vorbereitungen treffen, verweigern sich der Vorstellung, welche Möglichkeit sich durch eben diese Vorbereitungen eröffnet.
Es ist die Möglichkeit, daß im Gang der einander überbietenden wechselseitigen kriegerischen Überraschungen von seiten der beiden Partner sozusagen – bei scheinbarer Fortdauer der menschlichen Anordnungen – das gefährlichste unsrer Gemächte das Spiel autonom fortsetzt, bis es ihm gelingt, den menschlichen Kosmos in ein Chaos zu verwandeln, über das hinaus wir nicht mehr zu denken vermögen.

Können die Gebieter der Stunde dem Getriebe, das sie nur zum Schein beherrschen, Halt gebieten?
Werden sie noch rechtzeitig den pantechnischen Krieg verhüten können?
Mit anderen Worten: Werden sie statt des üblichen “politischen” Aneinandervorbeiredens über mächtige Fiktionen zueinander über die Wirklichkeit reden lernen, das heißt miteinander die wirklichen beiderseitigen Interessen klären, die gegensätzlichen und die gemeinsamem vergleichen und aus diesem Vergleich die Folgerungen ziehen, die heute schon jeder unabhängig Denkende zu ziehen vermag?

Können aber, wie ich meine, die Gebieter der Stunde das nicht, wer soll hier noch rechtzeitig einspringen, wenn nicht die “Ungehorsamen”, die der irregehenden Macht als solcher personhaft entgegentreten?
Muß nicht eine planetarische Front solcher civil disobedients bereitstehn, bereit nicht wie sonst Fronten zum Kampf, sondern zum rettenden Gespräch?
Wer aber sind diese, wenn nicht diejenigen, welche die Stimme hören, die sie aus der Situation, der Situation der menschlichen Krisis, anspricht und ihr gehorchen?

(Martin Buber. Nachlese. Verlag Lambert Schneider, Heidelberg 1966, S. 215 ff).

Martin Buber und Dag Hammarskjöld


In Martin Bubers “Nachlese” (Verlag Lambert Schneider 1966) finde ich heute diesen wunderbaren Text über die Begegnung der beiden Männer und teile ihn wegen seiner Bedeutung:

Martin Buber: Erinnerung an Hammarskjöld.
1962.
Rede für den Schwedischen Rundfunk.

Ich bin ersucht worden, den Hörern des Schwedischen Rundfunks etwas über mich selbst zu sagen.
Da ist es wohl das beste, ich erzähle Ihnen von meinen Beziehungen zu einem großen Sohn des schwedischen Volkes, Dag Hammarskjöld.
Als ich im Frühjahr 1958 Gastvorlesungen an der Universität Princeton hielt, schrieb mit Hammarskjöld, er habe in meinem Buch “Pointing the Way” meine Reden und Aufsätze über die politischen Grundprobleme dieser Stunde gelesen. “I want to tell you”, schrieb er, “how strongly I have respondet to what you write about our age of distrust and to the background of your observations which I find in your philosophy of unity created ‘out of the manifold'”.
Als wir dann in New York in dem Haus der merkwürdigerweise so genannten United Nations zusammenkamen, zeigte es sich, daß es uns beiden in der Tat um das gleiche ging:
ihm, der an dem vorgeschobensten Posten internationaler Verantwortung stand, und mir in der Einsamkeit eines Geistesturms, der in Wahrheit ein Wachtposten ist, von dem aus man alle Fernen und Tiefen der planetarischen Krisis zu erspähen hat. Daß es uns, sage ich, um das gleiche ging.

Uns beide peinigte gleicherweise die von einem fundamentalen gegenseitigen Mißtrauen durchsetzte Scheinsprache der Vertreter von Staaten und Staatengruppen, die in der unveränderlichen Rolutine aneinander vorbei zu den Fenstern hinausreden.

Wir beiden hofften, wir beiden glaubten daran, daß doch noch zur rechten Zeit vor der Katastrophe treue, ihrer wahren Sendung treue Vertreter der Völker miteinander in ein echtes Gespräch, in eine echte Verhandlung treten würden, in der es sich in aller Klarheit ergeben müßte, daß die gemeinsamen Interessen der Völker noch stärker sind als die einander entgegengesetzten.
Eine echte Verhandlung, in der es sich ergeben müßte, daß ein Zusammenwirken – ich sage nicht: “eine Koexistenz”, das ist nicht genug, ich sage und meine trotz all der ungeheuren Schwierigkeiten:
eine Kooperation dem gemeinsamem Untergang vorzuziehen ist.

Denn es gibt kein Drittes, nur eins von beiden: gemeinsame Realisierung der großen gemeinsamen Interessen oder das Ende all dessen, was man auf der einen und auf der anderen Seite die menschlichte Zivilisation zu nennen pflegt.

Damals, im Hause der “Vereinigten Nationen” einander gegenübersitzend, erkannten wir beide, Dag Hammarskjöld und ich, was es im Grunde war, das uns miteinander verband.
Aber ich spürte, ihn anschauend und anhörend, noch etwas, das ich mir nicht zu erklären vermochte, etwas Schicksalhaftes, das irgendwie mit dieser Weltstunde, mit seiner Funktion in dieser Weltstunde zusammenhing.

Bald darauf, im Juni 1958, legte er in einer Dankrede an der Universität Cambridge, die ihm das Ehrendoktorat verliehen hatte, Zeugnis für unsere Gemeinsamkeit ab, indem er mit besonderer Betonung einen großen Teil der Ansprache vorlas, die ich 1952 in New York gehalten hatte, und zwar den Teil, dessen Gegenstand die Bekämpfung des allgemeinen existentiellen Mißtrauens war.

Im Januar 1959 besuchte mich Hammarskjöld in Jerusalem.
Im Mittelpunkt unseres Gesprächs stand das Problem, das mich im Lauf meines Lebens immer wieder beansprucht hat:
das Scheitern des geistigen Menschen in seinen geschichtlichen Unternehmungen.
Ich exemplifizierte es an einem der höchsten uns bekannt gewordenen Beispiele: an dem Mißlingen von Platons Versuch, in Sizilien seinen Staat der Gerechtigkeit zu begründen.
Ich empfand, und Hammarskjöld, das war mir gewiß, empfand es wie ich: auch wir waren Empfänger jenes Briefs, in dem Platon von seinemn Scheitern und von seiner Überwindung dieses Scheiterns erzählt.

Im August 1961 schrieb mir Hammarskjöld über seine Eindrücke vom Lesen einiger meiner philosophischen Werke.
Er wolle, schrieb er, eins dieser Bücher ins Schwedische übersetzen: “so as to bring you closer to my countryman”, fügte er hinzu und fragte noch an, welches Buch ich dafür für das geeignetste halte.
In meiner Antwort empfahl ich ihm, das Buch “Ich und Du” zu übersetzen.
Er ging sogleich an die Arbeit.
In dem Brief, in dem er mir darüber berichtete, bezeichnete er das Buch als “key-work”, decisive in its message.

Ich erhielt jenen Brief eine Stunde, nachdem ich am Radio die Nachricht von seinem Tode gehört hatte.
Wie mir hernach berichtet worden ist, hat er noch auf seinem letzten Flug an der Übertragung von “Ich und Du” gearbeitet.”

(a.a.O. S.33-36).

Ich wünschte mir in diesen Tagen der Weltkrise, das wir anknüpfen könnten an jenem Gespräch über das Mißtrauen zwischen den Völkern und die Notwendigkseit sähen, unsere Welt als ein gemeinsam zu verantwortendes zu begreifen.

“Denn es gibt kein Drittes, nur eins von beiden:
gemeinsame Realisierung der großen gemeinsamen Interessen oder das Ende all dessen, was man auf der einen und auf der anderen Seite die menschlichte Zivilisation zu nennen pflegt”.

Beide Männer, Buber und Hammarskjöld, waren “Stilleerfahrene”. Sie kamen beide vom Hören des Wortes her. Sie kamen beide vom Dialog, von der wirklichen Begegnung.
Ich bin im Buch deshalb auf beide Männer eingegangen. Sie sind zu Weggefährten geworden:

http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=339747

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