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Das kommt mir spanisch vor. Oder: etwas von der Madonna.


"Rex Christos" am Ende Europas mit dem Blick nach Afrika.....Tarifa liegt in Andalusien. Dieser “letzte Ort Europas” an der Straße von Gibraltar birgt zahlreiche Zeugnisse der Begegnung zwischen Afrika und Europa, zwischen Islam und Christentum, zwischen reicher und ärmerer Welt. Ein Foto geht mir nach. Man sieht im kleinen Hafen von Tarifa auf der Kaimauer eine Statue, die nach Afrika hinüber blickt. Auf dem Sockel der Statue eingraviert ein lateinisches “R” und ein “chi”. “Rex christus”. Das ist gedacht gewesen als Kampfansage des katholischen Spanien gegenüber “den Muslimen”, die, zunächst 710 mit einer kleinen Gruppe von Kundschaftern kommend, dann ab 711 im Lande nach und nach die Macht übernahmen, bis sie – in Tarifa 1292, in anderen Orten später – wieder vertrieben wurden und der spanische Katholizismus seine Macht festigte. Noch heute feiert man diese Ereignisse. Noch heute ist die Auseinandersetzung zwischen spanischem Katholizismus und Islam in den Feierlichkeiten wirksam. Noch heute findet sich der Zusatz “….de la Frontera” in der Ortsbezeichnung so mancher andalusischen Stadt. Orte “an der Front”.
Vor dieser Statue auf der Kaimauer ist ein Polizeischiff der Küstenwache zu sehen. Es dient auch der Abwehr von Flüchtlingen.
Ich finde solche Zeugnisse bedrückend.
Als sich politische Macht das Christentum aneignete und instrumentalisierte, geschah etwas Ungeheuerliches: der die Gewaltlosigkeit predigende Sohn eines jüdischen Zimmermanns, aufgewachsen in ärmlicher Umgebung, wurde zum Machtsymbol.
Eine entsetzlichere Verdrehung der Botschaft des Christentums ist nicht vorstellbar.
Wenn man sich mit der Geschichte der Entdeckung der “Neuen Welt” befasst (das bleibt nicht aus, wenn man in Spanien ist), mit der Unterwerfung der dort lebenden Bevölkerungen – in nicht wenigen Gegenden kam diese Unterwerfung praktisch einer Ausrottung gleich- wird erschreckend deutlich, wozu ein missverstandenes “macht Euch die Erde untertan” geführt hat.
Gegenwärtig rüstet Europa wieder und weiter auf. Vor allem gegen Flüchtlinge aus Afrika. Viele Millionen Dollar werden ausgegeben, um Zäune zu errichten,  um Schiffe auszurüsten, um Fluchtwege zu “verstopfen”.
Dieses Foto mag ein Symbol dafür sein. Wie ein Menetekel steht es da und kündigte schon vor etlichen Jahrhunderten an, worum es gehen würde. Um die Abwehr des Bruders.
Es geht darum, die eigene Macht zu behaupten. Und dabei soll auch die Madonna helfen.

Madonna und Bodega. Prozession in Sevilla

Madonna und Bodega. Prozession in Sevilla

Wenn man in Andalusien Gelegenheit hat, an einer der vielen dort üblichen Prozessionen teilzunehmen, bei der eine Madonnenfigur aus der Heimatkirche herausgetragen, durch den Ort geführt, öffentlich gezeigt und dann wieder in die Heimatkirche getragen wird, dann wird man den Eindruck nicht los, dass es bei diesen Prozessionen auch darum geht, zu zeigen, wer die Macht im Lande hat. Diese Prozessionen hinterlassen sogar bei Menschen, die sich für areligiös halten, einen starken Eindruck. Über 80 Bläser gehen, in langsamen Schritt, mit Posaunen, Oboen, Klarinetten, Saxophonen, Pauken und Becken musizierend hinter der schwankenden Patronin her, die von Freiwilligen getragen wird, die sich die Augen haben verbinden lassen, nur geführt von sparsamen Signalen eines Vormannes. Junge Männer, denen es eine Ehre ist, die zentnerschwere Madonna zu tragen.
Die Plätze sind voll. Zu Tausenden stehen die Menschen, begrüßen die Madonna, die gleichzeitig immer auch Patrona des Ortes oder einer Zunft ist, klatschen, fotografieren, wollen in ihrer Nähe sein. Man kann den Eindruck haben, da würde eine ägyptische Gottheit durch die Stadt getragen. Ganz Ursprüngliches wird da bei den Menschen berührt. Und die Menschen wollen es. Beteiligen sich. Freiwillig. Kommen zu Tausenden, nicht nur als Besucher, sondern sie wollen “mit der Madonna mitgehen”.
“Ich bin da. Ihr braucht euch nicht fürchten” so ist eine der Botschaften, die von der Patrona ausgeht, wenn sie mitten durch die Märkte, durch die engen Gassen voller Cafes und Restaurants, vorbei an Kneipen und Bodegas getragen wird. Mitten im andalusischen abendlichen Alltag erscheint sie, geht durch das Volk, und verschwindet wieder…..
Sie zeigt auch, wer die Macht tatsächlich hat im Lande.
Parteien kommen und gehen. Die Madonna bleibt.
Und das Volk liebt sie auf eine Weise, gegen die die scheinbar Mächtigen ganz und gar ohnmächtig sind. Weshalb sie sich mit ihr verbünden.
Das ist jedoch nicht unproblematisch, insbesondere, wenn es um die Beziehungen zu anderen, beispielsweise muslimischen Völkern geht.
Die Geschichte der Verfolgung Andersgläubiger ist lang in Spanien. Schon 100 Jahre vor der Inquisition hat man in Sevilla systematisch mit der Verfolgung von Juden begonnen, denen man vorwarf, nicht wirklich zum Christentum konvertiert zu sein. Die gebildeten Juden flohen in die Metropolen Europas – nach Paris, Hamburg, in die Türkei. Die Handwerker flüchteten nach Nordafrika. Es ist eine grausame, tief schwarze Geschichte, die da in Andalusien und anderen Orten stattgefunden hat. Vom jüdischen Viertel Santa Cruz in Sevilla steht praktisch nur noch ein einzelnes Grab – mitten in einem Autoparkplatz, alles andre ist Legende für Touristen. Von den zahlreichen Synagogen des Viertels gibt es faktisch keine mehr. Sie sind längst zu katholischen Kirchen geworden. Santa Cruz ist das zentrale Beispiel dafür.
Wie also wird es weitergehen zwischen katholischem Christentum und Islam?
Die Auseinandersetzung ist uralt. Gegenwärtig eskaliert die Auseinandersetzung erneut. Das christliche Abendland hat eine Allianz von über 40 Staaten gegen einen radikalen IS geschmiedet, der alles zerstören will, was sich nicht seinem Willen unterwirft.
Die entscheidende Frage aber wird wohl nicht sein, wer gegen wen gewinnt, sondern, ob und wie es nach all der fürchterlichen Geschichte der Intoleranz und gegenseitigen Vernichtung nicht doch endlich gelingen kann, dass die Bruderreligionen in der einen Welt friedlich nebeneinander und vielleicht sogar miteinander leben. Dass die Begegnung der Kulturen auch zu wundervollem Reichtum führen kann, zeigt ja auch gerade Andalusien. Die Begegnung der arabischen Architektur mit der Gotik ist sicher eines der beeindruckendsten Beispiele dafür. Zu besichtigen zum Beispiel in Grenada.
Wie also kann es gelingen, dass die Bruderreligionen lernen, nebeneinander und vielleicht gar miteinander zu leben?
Es wird dabei auf diejenigen in beiden Religionen ankommen, die sich nicht von der Gewalt, sondern vom eigentlichen, ursprünglichen Kern ihrer Religion bestimmen lassen. Es wird dabei auf diejenigen in beiden Religionen ankommen, die von der Versöhnung, von der Begegnung, von der wechselseitigen Bereicherung sprechen und in ihr eine wirkliche Perspektive gemeinsamen Lebens erkennen.
Solche Stimmen haben es gegenwärtig schwer. Es kommt darauf an, sie zu stärken.

Da ist die Staatsanwaltschaft Sachsen wohl zu weit gegangen….


Lothar König ist mein Nachfolger als Stadtjugendpfarrer in Jena. Ich kenne ihn seit der Ausbildung als engagierten und oftmals unbequemen, aber geradlinigen Menschen. Albrecht Schröter ist ein langjähriger Kollege, sowohl im Pfarramt als auch später in langen Jahren des politischen Engagements. Was da durch sächsische Behörden in Jena geschehen ist, nämlich die Durchsuchung einer Pfarrerdienstwohnung in Abwesenheit des Jugendpfarrers, geht offensichtlich zu weit. Deshalb ist Solidarität vonnöten mit engagierten Menschen.

Dr. Albrecht Schröter hat als Jenaer Oberbürgermeister klare Worte gefunden, die hier wiedergegeben werden sollen. Es ist sicher nicht nur für ihn und Lothar König wichtig, daß eine breitere Öffentlichkeit von den Vorgängen erfährt und sich zu Wort meldet.

Es ist ein guter und großer Unterschied zu früheren Zeiten, in den Behörden ähnlich gegen engagierte Jugendpfarrer vorgingen, dass die Sache nun sowohl im thüringischen wie im sächsischen Landtag ein politisches Nachspiel haben wird.

Ich wünsche Albrecht Schröter und der Stadt Jena, für die er spricht, sehr, dass seine Rede vor der Johannisstraße 14 von heute gute Verbreitung findet.

Gelassenheit. Eine Erinnerung


Der Erfurter Meister Ekkehart (1260-1328) hat das Wort von der Gelassenheit geprägt und die deutsche Sprache um dieses schöne Wort bereichert.
Gemeint ist: Gegründet sein. Seinen Ort gefunden haben, ein-gelassen sein. Verbunden sein mit dem Grund, der alles trägt.
Gelassenheit ist eine rare Tugend in Zeiten wie unseren, die von täglich neuer Aufregung geprägt sind.

Meine Erinnerung geht an einen Ort, an dem Gelassenheit anschaulich geworden ist. Volkenroda bei Meiningen.
1131 wurde jener Ort von ein paar Männern gegründet, die ihrem Zeitgeist widersprochen und Mönche geworden waren – Zisterzienser.
Sie wollten nicht länger vom Ertrag des Zinses, von der Rendite des Geldes, sondern von ihrer Hände Arbeit leben.
Deshalb gründeten sie die Klöster ihrer Lebensgemeinschaft abseits von den aufstrebenden Städten, in denen die reichen Händler lebten; weit draußen auf dem Lande, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.
Jene Orte des Protestes gegen den Zeitgeist wurden jedoch über die Jahrhunderte Stätten der Kultur, der Gelassenheit, der Gesundheit.
Denn die Wurzeln, die sie tief in die Erde trieben und die Äste, die sie dem Himmel entgegenstreckten waren so kräftig und gesund, daß über die Jahrhunderte hinweg Menschen in ihnen Orientierung und Halt fanden.
Die Menschen kamen und suchten diese besonderen Orte auf. Denn es waren Kraft-Orte. Orte der Orientierung in orientierungsloser Zeit.
Orte der Verwurzelung in einer entwurzelten Gesellschaft.
Orte, an denen Gelassenheit erfahrbar wurde.

Thomas Müntzer hat 1525 mit seinen kriegerischen Bauern jenen alten Ort weitgehend zerstört.
Alle Versuche, den Ort wieder herzurichten, blieben erfolglos.
In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war der Ort praktisch nur noch eine vermüllte Ruine.

Heute jedoch, zwanzig Jahre später, lebt der Ort, der auf der EXPO 2000, der Weltausstellung, die Aufmerksamkeit der Welt auf sich lenkte.
Denn auf der EXPO wurde jener “Christus-Pavillon” zum ersten mal gezeigt, der nun in Volkenroda neben der alten Kirche der Zisterzienser ein Zentrum der ganzen Anlage geworden ist.
Gelassenheit.
An diesem Ort kann man sie finden.
Der Ort selbst spricht mit seiner Geschichte das Wort aus.

1000jährige Eiche in Volkenroda/Thüringen

In Volkenroda fand ich heute am Morgen auch einen alten Baum.
Etwa 1000 Jahre alt ist er.
Auch er ein Zeichen von tief gegründeter Gelassenheit.

Ich war an jenen Ort gekommen, weil mich jemand eingeladen hatte. Dr. Schoedl, den Leiter des europäischen Jugendbegegnungszentrums Volkenroda hatte ich bei einer Gesprächsrunde im Mitteldeutschen Rundfunk kennen gelernt. Wir sprachen damals über die Stille. Über unsere schnelle, laute und oftmals krankmachende Gesellschaft; wir dachten nach über die Not-Wendigkeit, in aller Hektik und Betriebsamkeit die Orientierung und vor allem, eine gute Verwurzelung zu behalten. Zuviele Entwurzelte leben in unserer Gesellschaft, die sich immer schneller nur noch um sich selber dreht.

Nun kamen da vier zusammen an jenem Ort in Thüringen: der Computerfachmann und Fotograf Markus Spingler, der mit wundervollen schwarz-weiß Fotografien und einfühlsamen Texten dem Thema “Stille” nachspürt.
Der Saxophonist Rainer Schwander und der Gitarrist Bernhard von der Goltz, die beide seit über dreißig Jahren der Musik nachspüren, jener Brückenbauerin zwischen Himmel und Erde. Wer den Jan Garbarek einmal gehört hat, der hat eine Vorstellung, wie das Sopransaxophon von Rainer Schwander im abendlichen Pavillon in Volkenroda gestern geklungen hat.

Ich hatte ein paar Texte mitgebracht, die vom Hören sprechen, von der Not-Wendigkeit einer wirklichen Orientierung in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt. Einen Text hatte ich auch, der handelt von der Musik, vom “sound of silence”, den nicht nur Simon&Garfunkel kannten.
Und siehe da: es fügte sich ein wundervoller Abend in uraltem Gelände.
Männer, die sich nie vorher gesehen, geschweige denn, je etwas gemeinsam gemacht hatten, fügten ihre Arbeiten zu einem sehr schönen Ganzen zusammen: Bild, Wort, Musik.
Und: sie “verstanden” sich.
Jeder in seiner Sprache, in der Sprache der Musik, des Bildes, des Wortes – und doch sprachen wir von gemeinsamer Erfahrung.

Spät noch am Abend standen wir draußen im Hof der alten Klosteranlage bei einem Gläschen Rotwein und spürten dem nach, was da gerade geschehen war:
eine Erfahrung von Gelassenheit.

Das wird bleiben: die Erinnerung
an  denkwürdigen Ort, der scheinbar hoffnungslos verlassen war – und doch neu aufgeblüht ist.
Die Erinnerung an den Baum – der so viel mehr gesehen hat als eine Menschengeneration sehen kann.
Die Erinnerung an die Klänge des Abends und die Bilder, die eine Brücke schaffen zwischen Himmel und Erde.

Ein guter Ort.
Uralt.
Gut verwurzelt.
Ein Ort der Gelassenheit.

Essen – fressen – messen. Etwas zur Grünen Woche


Impuls 1: Ich les ja gern im “KLUGE”. Denn das “Etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache” (24. Auflage!)  fördert oft etwas zu Tage, das in den Worten steckt. Verborgen meist. Und doch wirksam.
Weshalb ich heute beim Wörtchen “essen” nachschaue, das usprünglich “beißen” meinte. Da es verwandt ist mit dem Wörtchen “fressen”, lese ich dort und finde, daß dieses Wort “aufessen, verzehren” meint und lerne weiterhin, daß die Unterscheidung zwischen “essen” beim Menschen und “fressen” beim Tier erst in mittelhochdeutscher Zeit beginnt. (Kluge, S. 316). Also erst um 1050-1350. Also aus der Zeit der Staufer stammt.

Impuls 2: Die Grüne Woche ist die weltgrößte Ernährungsgütermesse. Der Besucher kann sehen und essen, was es so zu essen gibt. Bei uns.
Manche Berliner nennen sie die “Fressmesse”.
Was etwas über das Tier sagt. Das da wohl im Menschen steckt.
Denn “fressen”, so lernten wir eben, sagt man etwa seit 800 Jahren – vom Tier.

Impuls 3: nun hatten wir gestern bei facebook ein interessantes Gespräch über den Zusammenhang unserer Ess- und Konsumgewohnheiten und dem Hunger in der Welt. Auslöser war mein Satz: “So ein Stand der Welthungerhilfe wäre doch auch irgendwie passend auf der Grünen Woche….”. An diesem Satz “entzündete” sich das Gespräch.
Über das “aufessen” oder “fressen” oder “beißen” – um wieder beim KLUGE vorbeizuschauen.

Impuls 4: Das Wort “Messe” findet sich in zweierlei Bedeutung: einmal als “Gottesdienst, kirchliches Fest, Jahrmarkt, Großausstellung”.  Abgeleitet aus “Ite missa est” (“Gehet, es ist entlassen”), mit denen ursprünglich die zum Abendmahl nicht Berechtigten bei Beginn der Abendmahlsfeier entlassen wurden.
Und es findet sich als “Messe” der Offiziere an Bord eines Schiffes (aus französisch mess); üblich seit dem 19. Jahrhundert, und bezeichnet den gemeinsamen Speiseraum der Seeoffiziere,  in dem man verzehrt, was “aus der Küche geschickt” wurde.

Dies alles steckt also in den Worten, die wir benutzen.
Folgt man Jean Ziegler, dem langjährigen Sonderberichterstatter der UN für Welternährung in seiner Argumentation, die insbesondere europäische Agrarsubventionen, multinationale Lebensmittelkonzerne, fehlende Kontrolle und zaghafte Parlamente kritisiert; verbunden mit dem Hinweis, die Erde hätte durchaus genug Ressourcen, um alle Menschen zu ernähren,  – kann man eine enge Verwandtschaft zum volkstümlichen Denken erkennen, das im Wort von der “Fressmesse” sichtbar wird.
Da sitzen offenbar “Tiere” zusammen (fressen wird seit 800 Jahren dem Tier zugeordnet), die “beißen” und “sich einverleiben” was “aus der Küche geschickt” wurde. Wobei mit “Küche” wohl jene Länder zu verstehen sind, “die zubereiten müssen, was wir verzehren”. Entwicklungsländer an erster Stelle.

Der Film “we feed the world” (Wir essen die Welt) macht es deutlich.
Was also findet da in diesem “Gottesdienst”, in diesem “Jahrmarkt”, in dieser “Großausstellung”, die man die “Grüne Woche” nennt, statt?
Was wird da gefeiert und ausgestellt?

Da feiert sich die reiche Welt. Offensichtlich.
Da feiern die “Beißer”, was ihnen “aus der Küche geschickt wird” und lassen die Korken knallen.

Es hat für mich etwas vom “Tanz ums goldene Kalb” um jenes uralte Bild zu zitieren, das uns überliefert wurde, um den “Abfall” vom eigentlich gelingenden Leben zu illustrieren.
Daß das “ite missa est” (ihr seid entlassen) auf eine Aus-schließlichkeit hinweist, sei nur am Rande vermerkt.
Da werden offensichtlich Menschen “vom Tisch entlassen”. Oder anders: “nicht zugelassen”.

Was zu kritisieren ist.
Denn: es gibt nur die Eine Welt.
Und niemand gibt uns das Recht, den Menschen neben uns den Tisch zu verweigern.
Noch dazu, wenn sie ihn uns gedeckt haben…

Deshalb wäre es ja vielleicht doch eine gute Idee, die “Grüne Woche” mit ihren vielen Tausend Besuchern, die sich die Gaumen verwöhnen und die Bäuche stopfen lassen, die sich “einverleiben”, was ihnen andre “aus der Küche geschickt” haben, zu verbinden mit dem Thema “Gerechtigkeit”.
Warum sollte eine “Grüne Woche” nicht ein Begleitprogramm entwickeln, in dem man in Tagungen, Konferenzen, Seminaren, Diskussionen, Filmvorführungen, Interviews etc. pp. auf die vielfachen und äußerst verzwickten Zusammenhänge zwischen unserem europäischen Wohlstand und dem Hunger in der Welt hinweist und mehrheitsfähige Alternativen entwickelt, die schließlich politikwirksam werden könnten?

Es ist eine Überlegung wert.
Wünsche guten Appetit.

Das Fanal – Erinnern an die Selbstverbrennung des DDR-Pfarrers Oskar Brüsewitz 1976


Am 18. August 1976 verbrannte sich Pfarrer Oskar Brüsewitz aus Rippicha öffentlich in der Innenstadt der DDR-Kreisstadt Zeitz.
Er hatte zwei selbstgemalte große Plakate aufgestellt:
“Funkspruch an alle….Funkspruch an alle….
Die Kirche in der D.D.R. klagt den Kommunismus an! wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen.”

Ich war zu seiner Beerdigung. Sie fand am 26. August 1976 nachmittags um 14.00 statt. Wir waren zu viert im Auto von Naumburg nach Rippicha gefahren.
Zusammen mit Rainer Bohley, unserem Rektor am Proseminar, einer kleinen kirchlichen Schule, in der man Abitur machen konnte.
Die Linie führt von Brüsewitz’ Selbstverbrennung über die Ausweisung von Wolf Biermann zu den bei der Rosa-Luxemburg-Demonstration 1988 zu Unrecht Inhaftierten über die Friedensgebete, aus denen die “Montagsdemonstrationen” wurden direkt bis zum “Fall der Mauer” 1989.

Nun, im Januar 2010, halte ich “Das Fanal” in den Händen.
Die Geschichte von Schuld und Verstrickung.
Eine Geschichte von Staatssicherheit, Kirche, SED und Spitzeltum; eine Geschichte von Gerüchten und Verdächtigungen, von Angst und Mut.
Ein Buch, das versucht, die genauen Vorgänge zu rekonstruieren. Es ist schon 1999 erschienen, doch heute erreicht es mich erst.
Alte Bilder werden lebendig.
Die vielen vielen Menschen. Die “schwarze Reihe” der Männer und Frauen in Talar.
Die Staatssicherheit.
Die Fernsehkameras der ARD.
Die anschließende “Ausweisung” des ARD-Korrespondenten Lothar Loewe, man entzog ihm die Akkreditierung.
Die folgenden heißen Diskussionen, nächtlichen Gespräche im Freundes- und Bekanntenkreis über den Tod des Pfarrers.
In meinem Tagebuch von 1976 lese ich von den “regelrechten Hetzkampagnen der SED-Zeitung ‘Neues Deutschland’ gegen Brüsewitz”.
Die “Schaukästen” meines Vaters, in denen er als Pfarrer, der das offene Wort pflegte, gegen das “Neue Deutschland” wetterte unter der Überschrift: “Halbe Wahrheiten sind ganze Lügen”.
Das “ND” hatte versucht, Pfarrer Brüsewitz als “geisteskrank” und “anormal” darzustellen.

Mir begegnen sehr viele vertraute Namen in dem Buch.
Bischof Krusche, Propst Bäumer, OKR Stolpe, OKR Schultze, OKR Detlev Hammer…
Menschen, die ich persönlich kenne oder kannte. Einige sind schon gestorben.
Ich tauche ein in ein Stück eigener Geschichte, hole Bilder wieder in die Gegenwart, die schon so lange versunken schienen.

Vielleicht ist es ja nicht zufällig, dass mir das Buch in diesen Tagen begegnet, in denen eine erneute öffentliche Debatte um den “Kommunismus” aufgeflammt ist.
Brüsewitz hat seinen Tod als Zeugnis “gegen den Kommunismus” verstanden. So jedenfalls hat er es vor seinem Tod dem behandelnden Arzt in Halle gesagt.

Das Buch ist gut geschrieben. Bis Redaktionsschluss zugängliche Dokumente sind sorgfältig ausgewertet, einige Dokumente sind nachträglich vielleicht noch zugänglich geworden, das schadet dem Ganzen aber nicht.
Es gewährt auch den Jüngeren Einblick in eine Gesellschaft, die nach dem Willen der SED, der Blockparteien (maßgeblich in dem Zusammenhang die CDU) und der Staatssicherheit geformt werden sollte.
Es gewährt Einblick in ein kompliziertes Beziehungs- und Begründungsgeflecht, das das stets angespannte Verhältnis zwischen Kirche und Staat betrifft.
Es ist insofern ein Lehr-Buch. Ein Lehr-Buch über die Zweite deutsche Diktatur.

“Das Fanal” ist ein bemerkenswertes Buch. Denn es versucht, in ein kompliziertes Geflecht von individueller Biografie, schuldhaftem Verhalten von Kirche und SED-Staat ein wenig mehr Licht zu bringen, damit das Verständnis wachsen kann für das Verhältnis zwischen Staat und Kirche in der Zweiten Deutschen Diktatur.
Dieses Leben in der Diktatur war hoch komplex und oft auch kompliziert; die Charaktere der im “Fall Brüsewitz” Handelnden waren sehr verschieden.
Es gab Angepasste und Ängstliche, aber es gab auch klare und mutige Menschen. Es gab Taktiker und Denunzianten, aber es gab auch Freunde und Gefährten.

Oskar Brüsewitz war kein einfacher Mensch.
Er war gradeaus. Unkonventionell.
Er war ein wichtiger Mensch. Und ein mutiger Mensch zudem.
Seine persönliche, direkte und konsequente Verkündigung als Pfarrer in der Zweiten deutschen Diktatur hat mit dem “unterirdischen Beben”, das sie auslöste, einen großen Beitrag geleistet zum Fall der Mauer.

Lohnenswerte Lektüre:
Helmut Müller-Enbergs; Wolfgang Stock, Marco Wiesner.
Das Fanal.
Das Opfer des Pfarrers Brüsewitz aus Rippicha und die evangelische Kirche.
Aschendorff-Verlag 1999
ISBN 3-402-05263-6.

Gott 9.0 – ein Zwischenruf zum neuen Buch von Tiki Küstenmacher


Was für eine schlechte Sprache! Ich bin entsetzt.
“Nach Gott 4.0 müssen Sie sich zu Gott 5.0 weiterentwickeln” lese ich schon auf Seite 15 des neuen Buches von Tiki Küstenmacher und lege das Buch zur Seite. Nein, auf eine solche Sprache habe ich eigentlich keine Lust.
“So kommt es durchaus vor, dass Menschen ein Glaubenssystem mit Gott 4.0 haben, im Berufsleben reibungslos in 5.0 funktionieren, in Partnerschaft und Freundeskreis aber ist für sie bereits 6.0 Standard” gehts gleich danach weiter.
Was sagt eigentlich solche Sprache? Sie sagt nichts. Sie ist hohl. Sie ist eine Phrase, die sich “modernem” Sprechen anbiedert. Mir ist ohnehin der Bezug zwischen Religiosität, Spiritualität und der Computersprache überaus fremd. Möglicherweise ist solche Sprache Absicht. In der Hoffnung vielleicht, Menschen anzusprechen, die sich mit Computersprache ausdrücken. Mir ist es fremd. Denn es gibt kaum etwas lebendigeres als wache, wachsende Spiritualität und kaum etwas abgestorbeneres als diese Computerplastiksprache, die sich im Kern mit Programmierung beschäftigt. Weshalb sich die Frage aufdrängt, warum sich ein Buch, das sich mit spirituellem Wachstum beschäftigt, sich solch anbiedernder Sprache bedient.
Nun lese ich weiter von der Einteilung der Menschen in “Typen”, lese von “Bewusstseinsstufen” und spüre weiteren inneren Widerstand. Bin drauf und dran, zornig zu werden. Ich habe Tiki Küstenmacher als fröhlichen und warmherzigen Menschen erlebt, der seinen Vortrag klug entwickelt und sehr authentisch spricht. Ich habe ihn als Kreativen wahrgenommen. Und nun kommt er mir mit Einteilungen daher. Mit Fragmentierungen. Mit einem System gar. Ich mag Systeme nicht. Weil sie die fließende Wirklichkeit unseres Lebens niemals wirklich erfassen. Ständig schwappt da was über die Ränder der Systemkästen. Weil es lebendig ist. Was also soll mir ein Buch, das einen erneuten Versuch unternimmt, lebendiges Leben in ein System zu zwängen? Soetwas ist vielleicht etwas für den Kopf. Die Seele macht es nicht satt. Inneres Wachstum lebt von erzählten Geschichten, nicht von Baukastensystemen.

Nun habe ich Tiki Küstenmacher glücklicherweise persönlich erlebt als einen warmherzigen, humorvollen, sehr geschickt Vortragenden. Deshalb will ich für einen Moment weiter seiner Sprache folgen. Aber: der erste Schock sitzt. Solche Sprache verrät nichts Gutes.

Nach einer kurzen Erklärung der Forschungsarbeiten des amerikanischen Erkenntnistheoretikers Clare Graves – wesentliche Grundlage des vorliegenden Buches – lese ich: “Paulus könnte man als Apostel für die Ich-Stufen bezeichnen” (S. 44). Aha. Auf das Schubfach. Paulus rein. Ein wenig nachstopfen, damit er ins neue System passt. Fertig. Und nichts ist gewonnen. Ich möchte rufen: “Tiki, was machst du da? Mal lieber eine schöne heitere Zeichnung vom Apostel, aber doch nicht sowas! Schubfächer sind nicht deine Sache! Deine Sache sind die Bilder!” Aber nein. Es geht weiter mit den Schubfächern.

Dann folgt das Kapitel “Gott 1.0 – Beige”. Und ich beschließe, das Buch nicht weiter Seite für Seite zu lesen. Ich werde es überblättern. Werde mir nur die interessanter klingenden Abschnitte ansehen. Ich kann nichts anfangen mit einen “Gott 1.0 – Beige”. Da schau ich mir lieber die Fenster in St. Stephan in Mainz an. Die sind von Chagall. Und erzählen mir mehr über die Wirklichkeit, die unsere Sprache “Gott” nennt. Denn mit diesen Bildern kann ich wirklich (etwas) anfangen. Mit Schubfächern nicht. Die kann ich nur auf- und zuschieben.

Lesenswerter finde ich den Abschnitt “Zustände”. Da geht es um lebendige Spiritualität. Und stolpere schon wieder: “Wir teilen Wilbers Überzeugung, dass die saubere Unterscheidung zwischen Stufen und Zuständen das heutige Verständnis von Religion revolutionieren kann, weil sie “den einzigen und wichtigsten Schlüssel zum Verständnis des Wesens spiritueller Erfahrungen enthält.” (S. 237).
Ah, da ist es wieder. Dieses Wörtchen, das ich so sehr liebe: “einzig”. Der “einzige und wichtigste Schlüssel” also. Zum Verständnis.
Nein! Tiki, nein! Es ist ein Schlüssel.
Neben vielen anderen.
Ob ein solches Verständnis von Religion der “wichtigste Schlüssel” ist, sollen Spätere entscheiden.
Solche exklusive – ausschließende – Sprache sagt mir nicht zu.
Sie ist nicht einladend. Sie ist nicht offen.
Sie erzählt nicht. Solche Sprache deklamiert. Ich fühle mich angepredigt, nicht eingeladen.
Großartig stattdessen Marc Chagall. Der malt mir ein Bauernhäuschen mit einer offenen Tür. Einladend. Eine solche Tür braucht gar keinen Schlüssel. Denn sie ist offen.
Damit man eintreten kann.
In ein “erkenntnistheoretisches System” noch dazu “mit einem einzigen und wichtigsten Schlüssel” kann ich nicht eintreten.
Will ich auch nicht.

Anschaulich erzählt sind Abschnitte im Buch wie “Das Sakrament des Augenblicks” (S. 241 ff). Da geht es um Achtsamkeit, um Wachsamkeit für das Leben im Jetzt. Da geht es um die Wiederentdeckung einer lebendigen Spiritualität. Dazu habe ich besseren Zugang. Auch was über die “Tiefseetaucher des Bewusstseins” (S. 242) geschrieben ist, ist mir zugänglich. Vielem kann ich zustimmen, was da über die großen Lehrer der Religionen geschrieben steht. Aber schon wieder kommt da so eine Tabelle daher. Zwar hübsch und heiter gezeichnet, wie es Küstenmachers Art ist – man sieht diverse Knollennasenmännchen in Meditation versunken – aber eben doch als “Tabelle”. Und da es mit dem “Wilber-Combs-Raster” (S. 245) weitergeht, lese ich das Schlusskapitel.

Den letzten Worten kann ich zustimmen.
Hier wird Paulus zitiert:
“In Wirklichkeit ist Gott
jedem von uns überhaupt nicht fern.
Denn wir leben in ihm.
Wir sind mit unserem ganzen Leben und Sein
in ihn hinein verwoben.
An seinem göttlichen Wesen
haben wir teil.”

Ich wünsche, daß “Gott 9.0″ zu dieser Erkenntnis beiträgt.
Denn der Anspruch des Buches ist gewaltig: 100.000 Jahre menschliche Geistesgeschichte zwischen zwei Buchdeckel zu kriegen.

Ob das Buch aber nur ein “gemalter Kuchen” ist, etwas für den Kopf oder ob es auch die Seele sättigt, das mögen die Leser für sich herausfinden.

Für mich ist es so: dieses Buch wirkt auf mich wie ein “gemalter Kuchen”.
Von jenem sagt man im ZEN: “Ein gemalter Kuchen macht nicht satt.”

Da nehme ich mir nun doch zur Versöhnung lieber den Chagall aus dem Regal und betrachte seine Bilder. Oder ich nehme den Martin Buber, diesen großartigen “Steller der Schrift”, wie er sich selbst bezeichnet hat und lese eine chassidische Geschichte.
Die hat mehr Nährwert.

Es ist Krieg – entrüstet Euch! Nachdenken über das Motto der Friedensdekade


Das  Motto klingt anstößig. Frech vielleicht sogar. Klingt in den Ohren schrill.
Die evangelische und katholische Kirche in Deutschland veranstalten nun schon seit langen Jahren immer im Herbst, kurz vor der Adventszeit, die “Friedens-Dekade”.
Zehn Tage, an denen schwerpunktmäßig die Themenfelder abgeschritten und bedacht sein wollen, die unsere Welt oft so unfriedlich sein lassen.

Ich finde, dieses Motto “Es ist Krieg – entrüstet Euch!”  ist von den Vorbereitungsgruppen für die diesjährige Dekade glücklich gewählt worden.
Denn: es ermöglicht eine breite Diskussion, vielfältige Zugänge, die Wurzeln des Unfriedens freizulegen.

a. Der Zugang zum militärisch verursachten Unfrieden: da fallen mir die vielen militärischen Konflikte und Kriege ein, an denen auch Deutsche beteiligt oder in sie “verwickelt” sind: Afghanistan, Horn von Afrika, Bürgerkriege in Afrika, Irak etc. Wir haben eine breite Debatte in unserem Land über die Frage, ob es im Januar eine weitere Verlängerung des Mandats für deutsche Soldaten in Afghanistan geben sollte. Ich gehöre zu denen, die für einen schnellstmöglichen Abzug plädieren.

b. Der Zugang zum ökologischen Unfrieden: Wir wissen, daß die Zerstörung der Welt exponentiell wächst, nicht linear. Die Stichworte: Artensterben (ökonomische Schäden von mehreren Billionen Dollar stehen uns bevor, wenn wir nicht umsteuern); Klimawandel: unsere Fachleute im Ministerium, internationale Experten der Klimaforschung, Sicherheitsexperten z.B. des amerikanischen Militärs sagen uns: der Klimawandel ist die Herausforderung schlechthin, vor der die Menschheit steht.  Der Stern-Report von Sir Nicolas Stern hat ökonomisch vorgerechnet, weshalb schneller und wirksamer Klimaschutz nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll ist: wir könnten die Schäden nämlich nicht mehr bezahlen und die Folgen für den Globus wären, was zunehmende Kriegsgefahren, Völkerwanderungen (Klimaflüchtlinge) etc. anbetrifft nur noch von den “reichen” Staaten zu bewältigen.

c) Der Zugang zum sozialen Unfrieden: die Konflikte zwischen Arm und Reich nehmen zu. Bildungsarme Schichten gegen Bildunseliten; einkommensarme Schichten gegen eine kleine Gruppe von Menschen, die man zu den “Superreichen” zählt – die sozialen Spannungen wachsen. Bei uns im Land und im globalen Maßstab. Die Ursachen sind zahlreich, Lösungen nicht einfach.

c) Der Zugang zum Unfrieden in der Sprache. Es fällt auf, daß in unserer von Massenmedien (wozu ich auch das Internet und Web 2.0 zähle) geprägten Welt die Bereitschaft zur gewaltsamen Sprache zunimmt.
Solche Sprache ist Folge gewaltsamen Denkens. Und Folge der gewaltsamen Sprache ist Gewalt in der Gesellschaft.

Dies deutet darauf hin, daß in unserem Inneren offenbar etwas nicht mehr “stimmt”: woher kommt die Bereitschaft zu zunehmend gewaltsamem “Denken” – zu gewaltbereiter, unüberlegter Sprache und in der Folge zur Gewaltbereitschaft auch im Tun?

Wir werden also durch das Motto der Dekade auch auf die seelischen Prozesse hingewiesen, die in uns ablaufen und unser Tun bestimmen.

Ein sehr breiter Fächer tut sich auf, in diesen Tagen im Herbst 2010 gründlich inne zu halten, nach- zu denken. Neue Wege zu entdecken.

Damit wir friedlicher werden.

Im Denken.
In der Sprache.
Und im Tun.

Mich hat der Ökumenische Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung politisch geprägt. Ich bin sozusagen “zu Hause” in diesen Themen. Der Prozess hat mich eines Tages gar in die Politik geführt.
Es ist gut, wieder inne zu halten. Zu stoppen für 10 Tage. Das Nach-Denken zu üben.

Damit wir nicht Wege weitergehen, die sich als falsch herausgestellt haben.

Uwe-Carsten Heye – hier ist Widerspruch nötig! Anmerkung zu einem Artikel im “vorwärts”.


Uwe-Carsten Heye schreibt im “Vorwärts” u.a. über 20 Jahre DDR über das DDR-Bildungssystem:

“Bildungsfähigkeit – unabhängig von der Herkunft
Nur die „Stasi“ wird ewig leben, als Chiffre längst nicht nur für das ehemalige Ministerium für Staatssicherheit. Wie ein großes schwarzes Loch schluckt sie dabei alles, was sich auch positiv mit der DDR verbinden ließe und zieht wie in einem gigantischen Mahlstrom alles herunter, was das Arbeiter- und Bauernparadies auch sein wollte: der erste sozialistische Staat auf deutschem Boden. Und dazu gehörte unter anderem ein Bildungssystem, das jedem Schüler, jeder Schülerin selbstverständlich Bildungsfähigkeit zuerkannte – unabhängig von der Herkunft.”

Ich muß ihm durchaus sehr widersprechen.
Denn dieses Bildungssystem gewährte gerade nicht! unabhängig von der Herkunft “jedem Schüler, jeder Schülerin selbstverständlich Bildungsfähigkeit”.

Das DDR-Bildungssystem war zentraler Bestandteil der Diktatur.
Schon die Grundschüler sollten möglichst alle in die Pioniere, später in die FDJ.
Die Debatten um die Einführung der “vormilitärischen Ausbildung” beschäftigten sehr viele Synoden. Hunderte von Eltern waren nicht bereit, ihre Kinder in diese Lager zu schicken. Und sie bekamen die Konsequenzen zu spüren: ihre Kinder durften kein Abitur machen. Ihnen war damit ein Hochschulstudium verwehrt.
Gerade die Eltern, die sich in christlichen Kirchen und Gemeinden engagagierten, wissen davon viele Strophen zu singen.
Es gibt kaum ein Thema, das in dieser gewaltigen Dimension die Synoden der Kirchen beschäftigt hat.
Immer wieder wurde es zum Thema, denn die Not in der Diktatur gerade in dieser Frage war sehr groß.

Wie kaum ein anderes Feld war das Bildungssystem der DDR gerade nicht vom Geist der Freiheit und Unabhängigkeit des Denkens geprägt.
Das Ziel des DDR-Bildungssystems bestand ja gerade darin, ordentliche “Staatsbürger” im Sinne der SED zu erziehen – dies ist nachzulesen in den Dokumenten aller Parteitage der SED, die sich mit der Bildungsfrage beschäftigten.

Es ist eine üble Legende, wenn nun im “Vorwärts” die These vorgetragen wird, das DDR-Bildungssystem habe es “jedem Schüler und jeder Schülerin unabhängig von der Herkunft” ermöglicht, sich ausbilden zu lassen.

Ich gehöre zu denen, die trotz exzellenter schulischer Leistungen aus politischen Gründen – mein Vater war Pfarrer und wir drei Brüder waren selbstverständlich weder bei den Pionieren, noch in der FDJ, noch im Armeelager, noch bei der Armee – keine Zulassung zum staatlichen Abitur bekamen. Wir galten als “politisch unzuverlässig”.

Wir hatten zwei Möglichkeiten: wir konnten in den Westen gehen. Das hätte die SED gern gesehen, denn dann wäre sie uns los gewesen. Wir aber wollten bleiben.
Also blieb noch die Möglichkeit, an einer der drei kleinen Schulen in kirchlicher Trägerschaft (Naumburg, Potsdam-Hermannswerder, Moritzburg) ein Abitur zu erwerben (sehr solide mit Griechisch, Latein, Geschichte, Literatur, Kybernetik, Mathematik, Biologie und allem, was zu einem ordentlichen humanistischen Gymnasium gehört).

Dieses Abitur nun allerdings wurde von Margot Honecker nicht anerkannt.

Man konnte mit diesem Abitur Theologie studieren – an einer kirchlichen Hochschule selbstverständlich, oder an der Universität. Dann allerdings mit einer erneuten “Sonderreifeprüfung”.
Oder man konnte in den Westen gehen.

Doch dieser Weg schied für uns aus. Denn wir wollten bleiben.

Ich muss diesem Text von Uwe-Carsten Heye deshalb so vehement widersprechen, weil sich sonst falsche Legenden bilden.
Die Kanzlerin behauptet öffentlich unter Bezug auf ihre FDJ-Mitgliedschaft, es habe “keine andere Möglichkeit gegeben”, als Mitglied in der FDJ zu sein.

Dies ist ein Schlag ins Gesicht all der vielen hunderte von Kindern und Familien, die einen anderen Weg gegangen sind.
Meine  Biografie ist nur eine von vielen hundert.

Es gab diese andere Möglichkeit.

Und sie erforderte einen hohen Preis.
Aber wir waren bereit, diesen Preis zu zahlen.

Wir haben uns nicht angepasst. Wir sind nicht mitmarschiert. Wir waren nicht Mitglied in den Pionieren, nicht in der FDJ, nicht im Armeelager, nicht bei der Armee.
Wir sind grade geblieben.

Trotz DDR-Bildungssystem…..

Vielleicht ist ja dies etwas, das man als “positive Errungenschaft” des DDR-Bildungssystems nun 21 Jahre nach dem Fall der Mauer erinnern könnte…..

Eigentlich mag ich keine Krimis – eine Rezension


Lothar Petzold ist mehrfacher Preisträger (u.a. Paul-Gerhard-Preis 2007). Eigentlich ist er Lieddichter, Lyriker, schreibt aber auch Prosa. Zum Beispiel: “Der wunderbare Tausch”. Ein Kriminalroman.
Im kleinen Crivitz-Verlag in Schwerin erschienen.

Wunderbar die Sprache.
Beinahe nebensächlich die Handlung.
Poetisch die Spiegelung der Natur im Wort.
Anrührend viele Dialoge zwischen Frauen und Männern.
Eine Liebeserklärung an eine Stadt in Mitteldeutschland, die sich “Hartenberg” nennt, ein Musterbeispiel von Renaissance-Architektur am Strom, verschont geblieben im Krieg, frisch gemacht nach der Diktatur.

“Ich sehe mir zwar manchmal einen Krimi an, aber eigentlich mag ich die vielen Krimis nicht” lässt er eine seiner Figuren, Frau Jäger, Wirtin von Kommissarin Magdalena Jäger sagen. “Einesteils ist die Welt kaputt, andererseits werden mir viele Kriminalbeamte wie Rächer der Kaputten vorgeführt – und nun habe ich selber so einen Menschen in der Wohnung.”

Deshalb ist die Handlung auch beinahe nebensächlich: ein versuchter Mord wird aufgeklärt. Ein Mord allerdings, der in einer Kirchgemeinde geplant wurde.
Das öffnet hin zu wesentlicheren Themen.

Was mir gut gefällt an diesem Buch: es verrät den Liederdichter, besonders, wenn er Natur beschreibt:
“Sturm peitscht das Buschwerk. Schwarze Drachenkrallen reißen den Abendhimmel auf, brechen herunter auf das bleiche Band der Landstraße. Darüber stechen Sterne. Rechts kreischen und seufzen Unholde aus nachtschwarzem Wald, links torkeln Moorgeister aus dem Nebel. Hier geht kein Mensch, der nicht gehen muss. ….Hinter dem Regenvorhang glimmen Lichter. Da muss die Unfallstelle sein. Dicht am Waldrand schleicht sie zum Tatort. ….” (27/28).

An-sprechend die persönlichen Texte.
Tochter Claudia spricht in ihrem Zimmer zu ihrer im Krankenhaus liegenden beinahe tödlich verunglückten Mutter:

“Mutter, ich kann dich nicht finden. Technik verstellt dich. Du wirst betrieben als wärst du nicht. Draußen hockt die Sonne im Baum, du siehst nicht die glänzenden Blätter. Der Wind tanzt durch die Äste, du fühlst nicht, wie er ums Haus springt. Mutter, ich sehe dich, du aber siehst mich nicht; ich spreche zu dir, du aber sprichst zu mir nicht – ich spüre: Werde ich nicht gesehen, reicht meine Sicht nicht; wird mit mir nicht gesprochen, versprechen meine Worte nichts. Solange du fern von mir bist, friere ich. Mutter, die alten Bilder verblassen, sie gehen hinter dich zurück. Immer warst du zuverlässig da: Im Urlaub beim Baden im See, während der Ausgabe der Zeugnisse in der Aula, beim Essen am Tisch. Aber du bist nicht mehr an den vertrauten Orten, schon gar nicht bei mir. Mir ist, als nähme ich von meiner Vergangenheit Abschied, und Gegenwart ist jetzt nur noch Pflicht. Ich bin nicht mehr zu Hause.” (55/56).

Bewegend auch die Worte, die der Mann an seine verletzte Frau richtet:
“Hier war ich zu Hause, Katrin, solange du bei mir warst, so dass ich mich fühlen konnte. Immer, wenn ich dich spürte, wusste ich, dass ich bin: Hier in diese Räme gehören wir, hier zogen wir ein, stellten die Möbel hin und sagten: Wir wollen bleiben.
Aber du bist nicht mehr hier und ich weiß nicht, wer ich bin oder nicht bin.
Meine Tage sind Arbeit, nur noch Arbeit – ohne Freude. Und meine Nächte sind ohne Träume.
Ich rede nicht mehr mit den Blumen, seit wir nicht mehr miteinander sprechen. Seither gedeihen die Pflanzen nicht mehr wie vorher in der Gärtnerei. Ich gehe deine Wege, wünsche mir, du würdest mit mir gehen und dabei verliere ich mich.
Du b ist fortgegangen. Da vorn, da wo der Weg zwischen den Bäumen endet, sehe ich gerade noch deinen Schatten. Ich möchte dir hinterher rufen: Warte! Möchte mit dir den Sonntag vereinbaren, die Fahrt mit den Rädern hinter die Felder.
Vor allem musst du warten, ehe du fortgehst, weil ich vergaß, dich zu bitten: Habe Geduld mit mir. Ich weiß, manchmal bin ich streitbar. Wenn ich hochfahre, verschattet Angst dein Gesicht. Ich aber möchte dir nicht wehtun, ich will lernen, meine Wahrheiten zu sagen, ohne dich zu verletzen.
Du hast mich weinen gesehen und mich getröstet. Ich, der sich meist versteckt, gab mich dir preis. Du hast nicht gefragt: Was hast du? Du hast geschwiegen, meinen Kopf an deine Brust gelegt und gewartet, bis meine Erschütterung abklang.
Du warst immer da. Ganz selbstverständlich. Schon morgens, wenn ich erwachte, warst du da. Du hast aus dir herausgeblickt – warst ganz bei mir. Ich nahm dich selbstverständlich, nie sagte ich staunend zu dir: Gut, dass du da bist – ich liebe dich. Jetzt, während du nicht da bist, möche ich das lösende Wort sprechen.”
(92).

An-schaulich der Garten des Liederdichters:
“Anders als für Johannes, kann für Karin der Sommer nicht heiß genug sein. Mit Vergnügen trägt sie am Abend kalten Wein hinter die Kirche in den Garten. Dorthin lockt sie ihren Mann, legt ihm Papier und Stifte hin. Sie weiß: Wenn der sich genügend entspannt fühlt, schreibt er neue Verse.
Johannes verliert sich an einen Mitsommertraum: Er beschreibt Sommer und Sonne am Sonntag, nach Karins Meinung verdankt er diesen Text dem Wein:

Der Sommer erobert mit glühender Hand
sich Gräser und Wasserlinsen.
Er walzt durch die Wiese, wälzt sich am Strand
und pfeift mit dem Wind durch die Binsen…….
(S. 119 f.).

Ich empfehle dieses Buch allen, die an schöner Sprache ihren Gefallen haben.

Lothar Petzold
Der wunderliche Tausch
Wieden-Verlag Schwerin
ISBN 978-3-9811832-8-3
14 Euro.

http://www.wieden-verlag.de/index.php5?go=buecher_detail&goid=23

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