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Samstagsfoto


Mobilität

Mobilität

Die Sonne bringt einen schönen Herbsttag, die Luft ist kühl.
Das Foto finde ich bei Google+ und betrachte es lange.
Wohin sind die Menschen auf diesem Bild unterwegs? Wohin entwickeln sich die Städte? Was ist das Ziel von Politik?
Das Bild springt mich an mit solchen Fragen.
“Der helle Wahnsinn” kommentiert ein Facebook-User das Bild spontan.
Ich weiß von vielen Reisen rund um die Welt, dass über die Hälfte der Weltbevölkerung in megacities lebt. Solche Städte sind nicht selten das Ziel der Wünsche der Menschen, weil sie hoffen, dort ausreichend Nahrung und Arbeit zu finden für sich und ihre Kinder.
Das Bild ist Symbol für die Leistungsgesellschaft westlicher Prägung; Synonym für Industriealisierung, Mobilität, Energieverbrauch, Naturzerstörung, Krieg um letzte Rohstoffe, Massengesellschaft. Das Individuum, der einzelne Mensch – wird zur Nummer, zum Datensatz, zur Kennziffer.
Ist ein solcher Lebensraum ein für Menschen lohnendes Ziel?
Leben Menschen glücklicher in solchen Städten?
“Die Stadt” ist zum Synonym geworden für eine unkontrollierbare Entwicklung, Synonym für Zerstörung. Der Seelen vor allem.
Die Menschen verlieren den Kontakt zu sich und zur Natur. Lichtsmog und Lärm vernebeln ihnen die Sinne. Sie können nur noch schwer wahrnehmen, was an Reichtum eigentlich da ist.
“Entschleunigung” ist ein Wort unserer Tage. Auch “Depression”. Die Zahl seelischer Erkrankungen in den Industrienationen wächst stark.
Was wären “Maßstäbe des Menschlichen”?
Lässt sich überhaupt eine Politik denken, die solche Prozesse zu steuern noch in der Lage ist?
Ein hochrangiger Kommunalpolitiker in Neu Delhi sagte mir auf einer Dienstreise: “Diese Stadt kann man eigentlich nicht regieren. Wir wissen ja nicht mal, wo sie anfängt…..”.
Das Bild ist ein Synonym geworden für “noch mehr”, “noch schneller”, “noch gewaltiger”. Ich sehe es in den Tagen, in denen über “Rettungsschirme” gesprochen wird. Der “Zusammenbruch des Euroraumes” wird befürchtet, die “Griechenland-Krise” wirft ihre Schatten.
Das Bild zeigt: wir leben über unsere Verhältnisse. Seit etwa 150 Jahren nutzt man das Auto. In dieser Zeit haben wir mehr als die Hälfte der Rohstoffe durch die Motoren gejagt, die in Milliarden von Jahren in der Erde entstanden sind. Nimmt man das Lebensalter der Erde zum Maßstab und setzt es als vierundzwanzig Stunden bis heute, dann haben wir in den letzten Sekunden verbrannt, was während des ganzen Lebens gewachsen ist. Es ist wie ein Feuerwerk. Der Wahnsinn nennt es “Fortschritt”. Und in den Hirnen vieler Menschen, vor allem in Wirtschaft und Politik, geistert das Wort vom “Wachstum” immer noch als lohnenswertes Ziel.
Die Prozesse der Naturzerstörung beschleunigen sich.
Aber vielleicht wächst durch die zunehmende Vernetzung der Menschen untereinander durch die neuen sozialen Netzwerke auch ein Bewusstsein dafür, wie sehr wir abhängig sind von der Erde, die unsere Zivilisation trägt. Es ist nur eine vage Hoffnung, denn die Netzwerke werden auch genutzt, um das Wachstum der Wirtschaft noch schneller voran zu treiben.
Auf vielen Dienstreisen rund um die Welt hatte ich oft Gelegenheit, solche Riesenstädte aus der Luft zu sehen – beim Landeanflug auf einen der vielen Flughäfen, die solche Städte oftmals haben.
Fliegt man über Städte wie Tokyo, Delhi, Hongkong, Buenos Aires und andere, kann einen der Gedanke anwehen, als wären diese Städte wie wildwuchernde Krebsgeschwüre auf der Haut der Erde…..
In solche Städte fliegt die Umwelt-Community, um wieder mal eine Konferenz zum Klimaschutz abzuhalten. Man jettet von Großstadt zu Großstadt, um die Welt zu retten. Vergeblich. Denn die Emissionen steigen weiter stark an, die Zerstörung nimmt weiter zu.

Das Bild lässt mich auch ratlos. Denn es gibt keine einfachen Antworten auf die Frage, wie denn diesen Wahnsinn Einhalt geboten werden könnte. Zu vernetzt ist die Zivilisation. Komplex verwoben ist sie. Wenn sich etwas in einem Teil der Erde verändert, verändert sich das gesamte System. Weshalb einfache Antworten nicht mehr möglich sind. Immer wenn ich in politischen Programmen lese “nur so” sei die Lösung eines Problems erreichbar, blättere ich weiter. Denn “nur so” ist vereinfachtes Denken, das der Komplexität unserer Welt nicht mehr angemessen ist.

Ein Weg ist natürlich, bei sich selbst zu beginnen und diesen “Wahnsinn” nicht mehr mitzumachen. Viele Menschen gehen diesen Weg, so gut sie können.
Aber, schaut man auf den Globus, kann man sehen, dass der größere Teil der Weltbevölkerung weiterhin in diese Städte zieht. Umweltzerstörung, Klimawandel, Hoffnung auf ein wenig mehr Nahrung und Arbeit treiben die Menschen hin zum Moloch.

Aus einem Langstreckenflieger oder gar aus dem Weltall können solche Städte auch “schön” aussehen, wenn sie in der Dunkelheit leuchten. Aber, kaum ist man gelandet, zeigt “die Stadt” ihre andere Seite.

Es ist Samstag.
Herbst.
Die Sonne wärmt einen schönen Tag.
Die Erde dreht sich weiter um sich selbst und umkreist die Sonne. Politiker reden, Zeitungen schreiben, Musiker spielen, Kinder lachen, Mönche schweigen.
Und die alte Sonne wärmt das alles, gibt Wasser und Brot, wie sie es seit Jahrmilliarden getan hat….

Es ist Krieg – entrüstet Euch! Nachdenken über das Motto der Friedensdekade


Das  Motto klingt anstößig. Frech vielleicht sogar. Klingt in den Ohren schrill.
Die evangelische und katholische Kirche in Deutschland veranstalten nun schon seit langen Jahren immer im Herbst, kurz vor der Adventszeit, die “Friedens-Dekade”.
Zehn Tage, an denen schwerpunktmäßig die Themenfelder abgeschritten und bedacht sein wollen, die unsere Welt oft so unfriedlich sein lassen.

Ich finde, dieses Motto “Es ist Krieg – entrüstet Euch!”  ist von den Vorbereitungsgruppen für die diesjährige Dekade glücklich gewählt worden.
Denn: es ermöglicht eine breite Diskussion, vielfältige Zugänge, die Wurzeln des Unfriedens freizulegen.

a. Der Zugang zum militärisch verursachten Unfrieden: da fallen mir die vielen militärischen Konflikte und Kriege ein, an denen auch Deutsche beteiligt oder in sie “verwickelt” sind: Afghanistan, Horn von Afrika, Bürgerkriege in Afrika, Irak etc. Wir haben eine breite Debatte in unserem Land über die Frage, ob es im Januar eine weitere Verlängerung des Mandats für deutsche Soldaten in Afghanistan geben sollte. Ich gehöre zu denen, die für einen schnellstmöglichen Abzug plädieren.

b. Der Zugang zum ökologischen Unfrieden: Wir wissen, daß die Zerstörung der Welt exponentiell wächst, nicht linear. Die Stichworte: Artensterben (ökonomische Schäden von mehreren Billionen Dollar stehen uns bevor, wenn wir nicht umsteuern); Klimawandel: unsere Fachleute im Ministerium, internationale Experten der Klimaforschung, Sicherheitsexperten z.B. des amerikanischen Militärs sagen uns: der Klimawandel ist die Herausforderung schlechthin, vor der die Menschheit steht.  Der Stern-Report von Sir Nicolas Stern hat ökonomisch vorgerechnet, weshalb schneller und wirksamer Klimaschutz nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll ist: wir könnten die Schäden nämlich nicht mehr bezahlen und die Folgen für den Globus wären, was zunehmende Kriegsgefahren, Völkerwanderungen (Klimaflüchtlinge) etc. anbetrifft nur noch von den “reichen” Staaten zu bewältigen.

c) Der Zugang zum sozialen Unfrieden: die Konflikte zwischen Arm und Reich nehmen zu. Bildungsarme Schichten gegen Bildunseliten; einkommensarme Schichten gegen eine kleine Gruppe von Menschen, die man zu den “Superreichen” zählt – die sozialen Spannungen wachsen. Bei uns im Land und im globalen Maßstab. Die Ursachen sind zahlreich, Lösungen nicht einfach.

c) Der Zugang zum Unfrieden in der Sprache. Es fällt auf, daß in unserer von Massenmedien (wozu ich auch das Internet und Web 2.0 zähle) geprägten Welt die Bereitschaft zur gewaltsamen Sprache zunimmt.
Solche Sprache ist Folge gewaltsamen Denkens. Und Folge der gewaltsamen Sprache ist Gewalt in der Gesellschaft.

Dies deutet darauf hin, daß in unserem Inneren offenbar etwas nicht mehr “stimmt”: woher kommt die Bereitschaft zu zunehmend gewaltsamem “Denken” – zu gewaltbereiter, unüberlegter Sprache und in der Folge zur Gewaltbereitschaft auch im Tun?

Wir werden also durch das Motto der Dekade auch auf die seelischen Prozesse hingewiesen, die in uns ablaufen und unser Tun bestimmen.

Ein sehr breiter Fächer tut sich auf, in diesen Tagen im Herbst 2010 gründlich inne zu halten, nach- zu denken. Neue Wege zu entdecken.

Damit wir friedlicher werden.

Im Denken.
In der Sprache.
Und im Tun.

Mich hat der Ökumenische Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung politisch geprägt. Ich bin sozusagen “zu Hause” in diesen Themen. Der Prozess hat mich eines Tages gar in die Politik geführt.
Es ist gut, wieder inne zu halten. Zu stoppen für 10 Tage. Das Nach-Denken zu üben.

Damit wir nicht Wege weitergehen, die sich als falsch herausgestellt haben.

“20 Jahre” – ein eher persönliches Kapitel zum Gedenktag


Als ich zwanzig wurde, stand Westdeutschland unter dem Schock der Entführung der “Landshut”; Hanns Martin Schleyer wurde ermordet, die RAF bestimmte die Schlagzeilen.
Für mich war der Alltag in der Diktatur Normalität. Die “Landshut” oder die RAF erreichten mich nur über den SFB oder den RIAS, den Deutschlandfunk natürlich auch, einen Fernseher besaßen wir nicht.
Mein Alltag bestand darin, Griechisch und Latein zu lernen, Aufsätze über “Jakob der Lügner” zu schreiben und Studientage vorzubereiten. “Schüler unterrichten Schüler” – ein neues, gutes Konzept. An einer kleinen kirchlichen Schule in Naumburg, die es noch gab in der Diktatur. Es war ein gutes Jahr: das mittlere von drei anstrengenden Jahren. Wir hatten noch ein wenig Zeit bis zum Abitur. Margot Honecker hatte es nicht zugelassen, daß ich ein staatliches Abitur machen durfte – meine Nichtmitgliedschaft bei Pionieren, FDJ, vormilitärischen Ausbildungslager und anderem, was der Staat erwartete, hatte dies zur Konsequenz.  Wir zahlten den Preis gern, wenn er auch das “Aus” für bestimmte Berufswünsche bedeutete.

In Ost-Berlin wurden im Oktober 1977 nach einem Rockkonzert Jugendliche verhaftet. Ich finde in meinen Notizen:

Am 7.10.1977 wird ein Rockkonzert vorzeitig beendet, zahlreiche Jugendliche beginnen zu grölen und zu pöbeln. Volkspolizisten schwärmen aus, zücken ihre Gummiknüppel und schlagen auf die jungen Leute ein, die sich jedoch zur Wehr setzen.  ARD-Korrespondent Fritz Pleitgen berichtet am Tag darauf: “Über die schweren Tumulte, die sich in der letzten Nacht auf dem Alexanderplatz, vermutlich im Zusammenhang mit einer Musikveranstaltung ereigneten, liegen bis zur Stunde widersprüchliche Nachrichten vor. Dass es zu einem massiven Polizeieinsatz gekommen ist, steht außer Frage.” Bis heute kann nicht genau rekonstruiert werden, was sich damals auf dem Berliner Alex abspielte. Während die DDR-Führung nur von einigen, wenigen Schreihälsen sprach, berichteten Westmedien über drei Todesopfer, davon zwei Polizisten, und etwa 200 Verletzte. Jegliche Berichterstattung wurde brutal unterbunden. Die Schlägerei auf dem Alexanderplatz hatte für die meisten Jugendlichen ein juristisches Nachspiel. Drakonische Strafen wurden verhängt, viele landeten in Jugendwerkhöfen oder im Gefängnis. Die DDR fuhr einen harten Kurs gegen die eigene Jugend, wie FDJ-Chef Egon Krenz öffentlich erklärte:
“Wir messen einen jungen Menschen nicht in erster Linie an Äußerlichkeiten, andererseits treten wir entschieden gegen jene Wenigen auf, die versuchen, durch rowdyhaftes Verhalten, Rechtsverletzungen und Alkoholmissbrauch die kulturvolle Atmosphäre in den Jugendveranstaltungen zu stören.”
Uns ging das nur am Rande an, hatten wir doch mit dem strengen Unterricht, mit Chören und Musik genug um die Ohren.
Thomas Mann war uns wichtiger und Rainer Maria Remarque. Marc Chagall und Stefan Zweig.
Aber diese politischen Dinge beschäftigten uns, wenn wir nachts auf dem Zimmer hockten und diskutierten.
Ich merke heute, wenn ich versuche, mich zu erinnern, daß die Erinnerung unzuverlässig wird. Ich muß im Tagebuch nachschauen.

Was werden wir wissen im Jahr 2053, wenn wir uns an das Jahr 2010 zurückerinnern? An das zwanzigste Jahr der deutschen Einheit?
“Weltwirtschaftskrise” wird uns vielleicht noch einfallen. “Gescheiterter Klimagipfel von Kopenhagen” vielleicht auch. “Afghanistan” vielleicht. Vielleicht werden sich manche erinnern, daß damals eine Ostdeutsche Kanzlerin war.
Mein Tagebuch wird die Notizen über “Stuttgart 21″ ebenso enthalten und jenen neuen Zaun, den man pünktlich zum Tag der Einheit aufgebaut hat, um den Staat vor den Bürgern zu schützen, wie es das “Sabbathjahr” enthalten wird mit seinen neuen Erfahrungen nach zwanzig Jahren hauptberuflicher Politik, fünf Jahre davon in der Regierung.

Vor zwanzig Jahren stand ich mitten im Getümmel. War von Anfang an dabei, als wir neue Parteien gründeten und versuchten, auf dem Schutt der Diktatur eine Demokratie zu errichten.
Egon Krenz hat es ebenso hinweggefegt wie Ibrahim Böhme, die Stasi ebenso wie den ganzen zerrütteten Staat.
Wir standen mitten im Tornado. Und übernahmen Verantwortung. Als das Alte verging und relativ wenig wirklich Neues wurde.
Diese Erfahrung hat uns geprägt: dass ein politisches System über Nacht verschwinden kann.
Das bringen die Ostdeutschen mit in die Einheit: die Erfahrung, daß ein politisches System verschwinden kann. Über Nacht. Plötzlich und unerwartet, fällt etwas, das man für “ewig” gehalten hatte….

Gestern sprach ich mit einer Gruppe von angehenden Journalisten der Jahrgänge 1989-92 über die Wechselwirkung von social web und “alten Medien” und die Veränderung der Demokratie.
Die jungen Leute wissen nichts mehr von der Diktatur, sie wissen Weniges von den Wendejahren, jenen Jahren, in denen sie zur Welt kamen.
Ich komme mir alt vor, wenn ich erzähle.
Die heute etwa Zwanzigjährigen sind in Europa aufgewachsen. Die Mauer gibt’s nur noch in Erzählungen und in Museen. Man twittert aus Singapore oder von den Azoren, aus Indien oder aus dem Sauerland.
Neue Medien verändern Möglichkeiten der Teilhabe. Kostenloses Bürgerfernsehen via Handycam verändert die Demokratie und lässt so manchen Minister zittern.

Seit ich viel von der Welt gesehen habe, kommt mir die Debatte um die Deutsche Einheit noch provinzieller vor, als all die Jahre ohnehin schon.
Ich mag diese deutsche Nabelschau nicht. Schon am ersten Tag der Deutschen Einheit bin ich aus Berlin weggefahren an die See. Da waren mir zuviele Fahnen vor dem Reichstag. Das war mir zu dicke, ich wollte Abstand.
Seit ich den Slum in Nairobi gesehen habe und das gewaltige Technologiezentrum in Seoul, das man, den Klimawandel ignorierend, nur einen Meter über dem Meeresspiegel in den Sand setzt; seit ich in Nordkorea die bittere Not im Lande sah und in Moskau die Ölmagnaten im Ausschuss “Energie” der Duma – seither sind mir die europäischen und globalen Themen noch wichtiger geworden, als sie schon in der Abiturzeit waren. Jenes “global denken und lokal handeln”, das den konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung so sehr prägte, prägt mich heute noch.
Ich mag diese deutsche Nabelschau nicht.
Denn dieses reiche Land hätte eigentlich so gewaltige Aufgaben zu erfüllen – einen wirklich maßgeblichen Anteil zu erbringen für mehr Klimaschutz, für mehr Gerechtigkeit zwischen Reicher und Armer Welt, für eine bessere Europäische Integration, für eine bessere Flüchtlingspolitik.
Aber wir beschäftigen uns mit uns selbst und diskutieren schlechte Bücher von seltsamen Bankern…

Nun gehen solche Jahrestage ja glücklicherweise auch vorüber.
Mich tröstet der Orion am morgen. Er grüßt wie schon immer das Siebengestirn und erlaubt mir, ein wenig Abstand zu nehmen.
Was sind schon zwanzig Jahre, wenn einen der Orion grüßt am Morgen?

Über den “bürgerlichen Ungehorsam” – Nach-lese.


Im Nachdenken über die aktuellen globalen Krisen, in denen wir stecken, und auf der Suche nach gehbaren Auswegen begegnet mir heute dieser Text von Martin Buber von 1963, den ich wegen seiner Bedeutung für uns gern weitergebe:

“Ich werde immer wieder gefragt, woran – nicht in einer bestimmten geschichtlichen Situation, sondern ganz allgemein – die civil disobedience ihre Legitimität erweisen kann. Darauf weiß ich zunächst nichts anderes zu antworten: Ungehorsam solcher Art ist dann rechtmäßig, wenn er in Wahrheit Gehorsam ist, Gehorsam einer höheren Instanz gegenüber als der man jetzt und hier nicht gehorcht, genauer: Gehorsam der höchsten Instanz gegenüber.
Nun aber wird mir mit einer neuen Frage entgegnet: Woher ich denn das Gebot der höchsten Instanz für diese Situation jetzt und hier kenne.
Man kann diese Frage in die Sprache des evangelischen Gleichnisses etwa so übersetzen: “Wo ist die Grenze dessen, was ich je und je Cäsar zu geben habe?”

Jeder Versuch, diese Frage auf der Ebene einer allgemeingültigen Begrifflichkeit unangreifbar zu beantworten, muß fehlschlagen.
Das Absolute kann sich in unserer Welt nicht als allem Relativen unbedingt überlegen erweisen, weil die stimmmächtigen Affen des Absoluten ihre Ansprüche, jeder den seinen, mit den erforderlichen dialektischen Mitteln wirksam darzutun verstehen, um den Ungehorsam zu brandmarken.

Jeder Cäsar, jede Cäsarität, gleichviel, in welcher Form sie erscheint, jede geschichtliche konsistente Macht, figuriert den ihr Untergebnen gegenüber als von Gottes Gnaden bestehend, gleichviel, welchen Namen der Gott führen mag.
Wir werden somit schließlich doch wieder genötigt, dem Fragen und Antworten in allgemeinen Begriffen ein Ende zu machen und unmißverständlich deutlich zu machen, daß man fragend und antwortend die Situation unablässig im Auge behalten muß.
Nicht wo zu allen Zeiten und in allen Räumen legitimerweise mein gehorchender Ungehorsam beginnt, habe ich zu sagen, sondern wo er jetzt und hier beginnt.

Das aber ist in der Situation, in der wir leben, leichter zu sagen geworden als in irgendeiner früheren des Menschengeschlechts.

Denn der Mensch ist drauf und dran, sich durch seine eigenen Handlungen seinen Anteil an der Bestimmung seines Schicksals entgleiten zu lassen.
Die heute allumfassende Vorbereitungen treffen, verweigern sich der Vorstellung, welche Möglichkeit sich durch eben diese Vorbereitungen eröffnet.
Es ist die Möglichkeit, daß im Gang der einander überbietenden wechselseitigen kriegerischen Überraschungen von seiten der beiden Partner sozusagen – bei scheinbarer Fortdauer der menschlichen Anordnungen – das gefährlichste unsrer Gemächte das Spiel autonom fortsetzt, bis es ihm gelingt, den menschlichen Kosmos in ein Chaos zu verwandeln, über das hinaus wir nicht mehr zu denken vermögen.

Können die Gebieter der Stunde dem Getriebe, das sie nur zum Schein beherrschen, Halt gebieten?
Werden sie noch rechtzeitig den pantechnischen Krieg verhüten können?
Mit anderen Worten: Werden sie statt des üblichen “politischen” Aneinandervorbeiredens über mächtige Fiktionen zueinander über die Wirklichkeit reden lernen, das heißt miteinander die wirklichen beiderseitigen Interessen klären, die gegensätzlichen und die gemeinsamem vergleichen und aus diesem Vergleich die Folgerungen ziehen, die heute schon jeder unabhängig Denkende zu ziehen vermag?

Können aber, wie ich meine, die Gebieter der Stunde das nicht, wer soll hier noch rechtzeitig einspringen, wenn nicht die “Ungehorsamen”, die der irregehenden Macht als solcher personhaft entgegentreten?
Muß nicht eine planetarische Front solcher civil disobedients bereitstehn, bereit nicht wie sonst Fronten zum Kampf, sondern zum rettenden Gespräch?
Wer aber sind diese, wenn nicht diejenigen, welche die Stimme hören, die sie aus der Situation, der Situation der menschlichen Krisis, anspricht und ihr gehorchen?

(Martin Buber. Nachlese. Verlag Lambert Schneider, Heidelberg 1966, S. 215 ff).

Die andern geben’s aus – wir sammeln ein. Ein Tag in Bielefeld


Wo liegt eigentlich Bielefeld?
Heute liegts im Zentrum der Welt, sag ich mal. Denn das Büro der deutschen Sektion von Opportunity International befindet sich in Bielefeld. In der Ritterstraße.

Als ich heute morgen in Berlin aufbrach, um den CEO von OI in Deutschland, Stefan Knüppel zu besuchen, habe ich die Fahrt im Zug durch blühende Rapsfelder sehr genossen.
Ich bin früher oft diese Strecke gefahren, wenn ich nach Bonn in den Bundestag mußte.
Bilder aus zurückliegenden Zeiten waren wieder da, Erinnerungen an Präsidenten, Abgeordnete, Kanzler und Minister.

Heute war es anders.
Heute bin ich nicht in Bonn, sondern in Bielefeld ausgestiegen.
Stefan stand am Bahnhof und wir fuhren mit Mieträdern 10 Minuten zum Büro.
Das Netbook nebst Kamera und Stativ auf dem Rücken.

Ein wenig verrückt sind wir schon.
Während im Parlament über 450 Milliarden Euro Staatsgarantien im reichen Europa verhandelt wird, planen wir etwas völlig andres.
Wir wollen Banken gründen.
Nein, nicht solche, wie wir sie in Deutschland kennen.
Nicht solche.
Sondern Mikrobanken.
Mikrobanken setzt man ein, um den Menschen auf der Welt, die auf einer “normalen Bank” niemals Zugang zu Kapital bekommen würden, weil sie nichts haben als Garantie oder “Sicherheit”, ein wenig Geld zur Verfügung zu stellen, damit sie ein winziges Unternehmen gründen können.
Microkredite.
Durchschnittlich 160 Euro pro Kreditnehmer.
Er (meist ist es eine “sie”) bekommt das Geld, investiert es – zum Beispiel in eine Nähmaschine.
Und von dem verdienten Geld zahlt sie den Kredit nebst einem kleinen Zins an die Microbank zurück.
Dann wird das Geld erneut eingesetzt.
Entweder für einen anderen Kreditnehmer, oder zur Vergrößerung des “Geschäfts”.

Dieses Konzept ist überaus erfolgreich.
Opportunity International hat mittlerweile etwa 400 Millionen US Dollar in seinem Microbanken “im Umlauf”.
Mehr als 1,6 Millionen Menschen bekommen auf diesem Wege Unterstützung.

Wir geben keine Almosen, sondern wir wollen Chancen ermöglichen.
Die Mikrokreditbewegung ist 2006 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden.
Der “Vater” der Bewegung, Prof. Yunus aus Bangladesh, hat ihn in Empfang genommen. Er sagte in seiner Rede, daß er den Preis auch “in Namen der vielen Gruppen” in Empfang nehme, die sich um diese wichtige Arbeit bemühen.

Da sitzen wir nun also im kleinen Team von OI Deutschland in der Ritterstraße in Bielefeld und überlegen, wie wir eine Kampagne für 100 neue Mikrobanken für Afrika auf die Beine stellen könnten.
Das Ziel ist anspruchsvoll, denn zur Gründung einer “microbank” braucht man ca. 5.000 Euro.
Wir reden also über eine halbe Million.
“Naja”, denk ich mir, “wenn die andern über 450 Milliarden sprechen, dann sprechen wir eben über 500.000″.
Das Ziel ist ambitioniert. Aber es gibt Möglichkeiten.

Wir sprechen über die Chancen des Internets. Wir werten die zurückliegende Kampagne “100 Microschools” aus, die sehr erfolgreich war.
Auch die Aktion “D-Mark-Dedektive”, bei der zahlreiche Schülergruppen nach noch vorhandenem D-Mark-Geld fahndeten und es in Euro zugunsten von opportunity umtauschten, was sehr erfolgreich und hat viele junge Menschen mobilisiert.

Diese Erfahrungen wollen wir nun erweitern durch die Chancen des Web 2.0.
Deshalb nehme ich am Ende unserer Gespräche ein kleines Video auf.
Die Handycam und das Stativ hab ich mitgebracht, damit die Qualität auch einigermaßen “stimmt” und die Bilder nicht “wackeln”.
Dann, am Abend, nach der Rückkehr, setzt ich mich schnell an den PC, lade das Video von der Kamera auf den Rechner, schneide, mache eine kleine Textüberblendung – und lade es auf das Youtube-Konto hoch, das ich für das Projekt “100 Microbanken für Afrika” eingerichtet habe.

Nach wenigen Minuten “steht es im Netz” und unserer Arbeit zur Verfügung.
Ein kleiner technischer Fehler hat sich eingeschlichen, ein Standbild von 3 Sekunden, aber: es funktioniert.

Die Mittel sind einfach, die wir einsetzen.
Unser eigentliches Kapital sind die Menschen, die verstanden haben, um was es im Kern geht.
Es geht darum, die Spaltung zwischen reicher und armer Welt zu bekämpfen.
Wir wollen “einen Stein in den Strom werfen”.
Wir wollen den Menschen eine Perspektive geben, denen “normale Banken” keine gewähren.
Wir wollen die Chance geben, daß sie “die unterste Sprosse der Leiter” ergreifen können (Jeffrey Sachs), um dann allein weiter zu gehen.

Den Sommer haben wir uns vorgenommen, um das feintuning der Kampagne zu machen. Da ist noch viel Arbeit.
Im November beim Stiftungstag in Dresden, bei der viel Politiprominenz und Fachleute anwesend sein werden, wollen wir auf das Projekt aufmerksam machen.
Im Netz beginnen wir jetzt schon damit.
Facebook, Twitter, YouTube, ein blog.

Und der Kreis der Unterstützer wächst.

Ich fühl mich wohl dabei.
Und es macht Freude.

Heute schon ‘ne Bank gegründet? Charity:microbanks.


Wir von opportunity international haben vor, bis Ende kommenden Jahres 100 neue Trustbanks zu gründen.
Wir arbeiten unter dem label “Charity:microbanks”.
Gestern habe ich ein erstes Video dazu geschickt.
Während Europa über gewaltige Milliarden diskutiert, die gegen “Spekulanten” mobilisiert und der Sicherung des eigenen Wohlstandes dienen sollen, verfolgen wir weiter und beharrlich das Projekt der Kleinkreditförderung.
Warum?
Weil unsere Nachbarn in den “Entwicklungsländern” sehr viel mehr unter den Folgen der Weltwirtschaftskrise zu leiden haben als wir.
Wir fühlen uns in der Verantwortung und wollen einen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit zwischen Nord und Süd leisten.
Die Kleinkreditförderung ist eines des wirksamsten Instrumente bei der Armutsbekämpfung.
Oft werden wir gefragt, wie das denn funktioniert mit diesen Kleinkrediten.

Deshalb stelle ich diese Arbeit heute anhand von einem Beispiel aus Ghana vor.
Dieses Projekt wurde von einem privaten Kreis von Förderern aus der Weser-Ems-Region in Deutschland finanziert.
Den ausführlicheren Projekt-Bericht als pdf findet man am Ende dieses Textes (mit Fotos).

Die Trustbank-Methode
In dem Projekt „Kleinkredite für starke Frauen in Ghanas Volta-Region“ greifen wir
auf den ganzheitlichen Ansatz des Trustbank-Prinzips zurück. Eine Trustbank ist eine
Gruppe von ca. 15 – 30 Kreditnehmern, die füreinander bürgen und sich gegenseitig bei
ihrer Geschäftsidee unterstützen.
Diese Gruppen treffen sich einmal wöchentlich zu Schulungen, denn Opportunity International
verfolgt im Rahmen seiner Kleingewerbeförderung nicht nur eine finanztechnische
Unterstützung sondern einen ganzheitlichen Ansatz der Entwicklungsförderung.
Einerseits werden die Teilnehmerinnen zur Erhöhung der Erfolgsaussichten ihres
Kleingewerbes in technischen und betriebswirtschaftlichen Fragen geschult. Dies erfolgt
durch Mitarbeiter vor Ort oder externe Referenten und umfasst die Vermittlung einfacher
betriebswirtschaftlicher Kenntnisse wie Geschäftsführung, Buchführung, Kostenrechnung,
Planung, Marketing und Kundenpflege.
Andererseits gibt es darüber hinaus Informationen und Beratung zu Themen und Problemen
der allgemeinen Lebensführung, die sich u.a. auf die Bereiche Gesundheit, Ernährung,
Familienplanung, Kindererziehung, Konfliktbewältigung, Bürgerrechte und
Gemeinwesenentwicklung beziehen.
Auch eine funktionale Alphabetisierung gehört dazu. Gerade die Aufklärung zur Gesundheitsvorsorge
und die Prävention von HIV/Aids soll zu einer nachhaltigen Verbesserung
der Lebensbedingungen beitragen.
Diese Schulungen sind untrennbar mit der Vergabe der Kleinkredite verbunden und für
alle Kundinnen verpflichtend. Sie sind wichtiger
und regelmäßiger Bestandteil der wöchentlichen
Treffen der Trustbank. Wir verfügen über
geschulte Mitarbeiter, die in der Lage sind den
Kunden viele dieser Themen nahe zu bringen.
Die Kosten für die Schulungen der Kreditnehmer
liegen bei 19 Euro pro Person (15.200 Euro
für alle 800 Teilnehmer) und umfassen Ausgaben
für Verpflegung, Transport und Schulungskosten.

(für den kompletten Projektbericht den folgenden link bitte kopieren und oben in die Adresszeile des Browsers kopieren, damit er sich öffnet):

http://www.oid.org/cms/upload/004_projekte/Projektinfos/Projektinfo_Voltaregion.pdf

wie eine trust-group arbeitet, ist hier zu sehen:

Chancen geben – opportunity international


Während Europa über “Rettungsschirme” von 720 Milliarden Euro verhandelt, um den Euro zu stabilisieren gegen “Angriffe” von “Spekulanten”, arbeiten wir in aller Ruhe, aber mit Konsequenz an einer alternativen Kampagne.
Wir wollen nicht warten, bis sich eine Finanztransaktionssteuer durchgesetzt hat, damit 100 Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich für Entwicklungshilfe gegeben werden können.
Wir wollen jetzt schon Alternativen zeigen und Pflanzen der Hoffnung in die Erde bringen. Damit die Menschen, die besonders hart von der Weltwirtschaftskrise getroffen wurden, eine Chance erhalten, sich und ihre Familien selbst zu ernähren.
Wir wollen die Menschen nicht durch Spenden erniedrigen, wir wollen Chancen geben. opportunities.
Deshalb planen wir von Opportunity International Deutschland eine Kampagne:

100 Trust-banks wollen wir  (http://www.oid.org) mit der Hilfe vieler Menschen im kommenden Jahr neu gründen.
Das Netzwerk von Oppotunity International mit seinen Zentren in den USA, England und Kontinentaleuropa unterstützt mittlerweile etwa 1,8 Millionen Menschen.

Nun sollen es 100 Gruppen mehr werden.
100 neue Trust-banks.
Für Menschen, denen keine “normale” Bank je einen Kredit geben würde, weil sie über keinerlei materielle Sicherheit verfügen.

Eine “Trust-bank” ist das Startkapital für eine Gemeinschaft von Kreditnehmern, die in Entwicklungsländern Kleinstkredite erhalten, um ein kleines Unternehmen zu gründen oder zu erweitern.
Die Menschen in einer solchen Gruppe bürgen füreinander – das gegenseitige Vertrauen ist das eigentliche Kapital.
Da es sich um einen winzigen Kredit handelt, fließt das Geld zurück – und kann erneut eingesetzt werden.
Ein Kreislauf kommt in Gang.
Mit einer einmaligen Gabe kann auf diese Weise Hunderten von Menschen geholfen werden.
Dieses Konzept ist überaus erfolgreich, denn es ermöglicht den Ärmsten der Armen, “die unterste Sprosse der Leiter zu ergreifen”, wie es der Ökonom Jeffrey Sachs in seinem Buch “Das Ende der Armut” eindrücklich formuliert hat. Das Konzept ist aber immer noch zu wenig bekannt.
Deshalb wollen wir unsere Kampagne durch die neuen Medien, insbesondere durch social media unterstützen, weil uns am Dialog liegt.
Die Mikrokreditbewegung hat 2006 den Friedensnobelpreis erhalten.
Prof. Yunus ist internationaler Schirmherr von Opportunity International Deutschland.
Seit etlichen Jahren habe ich die Arbeit von OID als Schirmherr in Deutschland unterstützt.
Nun will ich helfen, daß die Kampagne für 100 neue trust-banks (Kreditnehmergruppen) erfolgreich wird.

Ich freue mich sehr darüber, daß zunehmend auch die blogger-Szene sich des Themas annimmt und Opportunity International unterstützt.
Man bindet Videos z.B. von der facebook-Seite von opportunity international Deutschland/Schweiz auf seiner Seite ein, man kommentiert, man macht Freunde und Bekannte auf das Projekt aufmerksam.
Das ist eine sehr große Hilfe.

Wir machen diese Arbeit nicht für uns, wir tun es sozusagen für unsere Familie in der Einen Welt.

Wenn Sie das Projekt unterstützen wollen: jede Hilfe ist willkommen.
Social media ist ein wunderbares Instrument, Menschen guten Willens zueinander und zu einem gemeinsamen Projekt zu führen.

Auf der Suche nach einem vielleicht passenden Song für unser Vorhaben ist mir der folgende bei youtube begegnet.

Gute Wünsche zum Wochenende!

Wohin steuert diese Republik?


Nachdenklichkeit bleibt, während die einen “wir sind wieder da!” rufen, die anderen einen “herben Verlust” beklagen und wieder andere ihren “Einzug in den Landtag” feiern. Daß die “schwarz-gelbe Landesregierung abgewählt” wurde, ist nur ein kurzer Trost.
Während fast jeder zweite Wähler im bevölkerungsreichsten Bundesland bei der Wahl zu Hause blieb, schnürten die europäischen Finanzminister in eiligen Nachtsitzungen ein gewaltiges 720 Milliarden -”Paket” zur Rettung des Euro. Die Währung wackelt.
Ein Erdbeben kündigt sich an.

Deshalb bleibt eher eine Nachdenklichkeit am Tag nach dieser Wahl.
Denn die politischen Unübersichtlichkeiten nehmen zu in der stärksten Volkswirtschaft Europas.

Wohin geht diese Demokratie?
Es scheint so, als müsse man sich auf Dauer an ein Fünf-Parteien-System gewöhnen, das mit überaus knappen Wählerentscheidungen irgendwie fertig werden muss. 6.200 Stimmen fehlten der SPD, um mit den Grünen eine neue Regierung bilden zu können. Nun bleiben Große Koalition oder rot-rot-grün oder eine Minderheitenregierung mit wechselnden Mehrheiten.
Es bedeutet in jedem Fall: Das Regieren wird immer schwieriger.
Die Gruppe der Nichtwähler wächst, weil die Unübersichtlichkeit zunimmt.
Egal, wie die Gremien sich entscheiden – es wird Protest dagegen geben. Die an einer Koalition beteiligten Parteien werden Zustimmung verlieren.

Während überaus schwierige Gespräche zur Bildung einer neuen Landesregierung zu erwarten sind, beschleunigt sich das Tempo auf europäischer Ebene:
die Finanz- und Wirtschaftskrise schwört eine “Inflation” herauf.  Die gemeinsame Währung wackelt. Selbst Konservative wie Bundeswirtschaftsminister Brüderle warnen vor einer solchen Entwicklung.
Zwar stemmen sich die EU-Finanzminister mit einem nie dagewesenen “Rettungsschirm” von 720-Milliarden gegen die Spekulanten, die mit großen Einsätzen gegen den Euro spekulieren.
Am Ende jedoch werden die Spekulanten gewinnen, die mit einer Inflation rechnen, denn es ist der Politik nicht gelungen, sie im Zaum zu halten.
Eine Finanztransaktionssteuer hat keine Mehrheiten in Europa.

Wohin geht diese Demokratie?

Während in NRW Nachdenklichkeit einzieht über die tatsächliche Handlungsmöglichkeit rechnerisch möglicher Regierungsbündnisse, während in dringenden Nachtsitzungen versucht wird, das europäische Finanzsystem zu stabilisieren, schickt der deutsche Verteidigungsminister neue Panzer nach Afghanistan. Es wird weiter aufgerüstet.

Wohin steuert diese Demokratie?

Die Kanzlerin wird zentrale “Projekte” wie Gesundheitsreform, Finanzreform, Bildungs”offensive” nicht umsetzen können. Das freut die einen, ärgert die anderen.
Politischer Stillstand droht mehr noch, als er bislang zu Tage trat. Denn ein “Patt” im Bundesrat engt die Handlungsmöglichkeiten für politische Projekte weiter ein. Deutschland musste in den vergangenen Jahren mehrmals mit diesem “Patt” zwischen Bundestag und Bundesrat umgehen und hat dabei die Erfahrung gemacht: Stillstand droht.
Einmal, weil das Geld fehlt – was vorher schon die Spatzen von den Dächern pfiffen -, zum anderen, weil die Mehrheiten im Bundesrat nun nicht mehr vorhanden sind.
Immer weniger “geht”, denn nun fehlen die Mehrheiten.
Der Spielraum für Politik wird noch enger.

Deshalb bleibt vor allem Nachdenklichkeit.
Es gibt keine klaren Wählervoten mehr.
Zwar hat in der Wahl der Wähler “gesprochen”.

Nur: was hat er denn eigentlich gesagt?
Das Bild wird immer schillernder, seit die “Linken” in die Landtage einziehen – vor allem auf Kosten der SPD, die für sie der erklärte Gegner ist.
Regierungsbildungen werden immer schwieriger.
Die Wahlbeteiligung nimmt ab, die Unübersichtlichkeit nimmt zu.

Nun mag eine insgesamt älter werdende Bevölkerung zunehmend auf die “sichere Karte” setzen, also auf möglichst breite politische Mehrheiten – das könnte auf  eine Große Koalition in NRW hindeuten;
andererseits drängen insbesondere jüngere und sogenannte “Linke” auf ein neues politisches “Projekt”: Rot-Rot-Grün.
Wobei niemand sagt, worin denn dieses Projekt inhaltlich bestehen könnte, außer, daß man “schwarz-gelb” ablöst.
Machtoptionen allein sind noch keine Politik.
Was sollte denn inhaltlich das “Projekt” für Rot-Rot-Grün sein, außer: Studiengebühren abzuschaffen (was die chronische Unterfinanzierung der Universitäten auch nicht behebt); am Atomausstieg festzuhalten (ein eher “bewahrendes”, also konservatives Projekt, das, inhaltlich gut begründbar, aber dennoch kein wirklich “neues” Projekt ist).
Was also könnte ein schlagkräftiges rot-rot-grünes “Projekt” sein?
Es bleibt diffus.
Hinzu kommt die Schwierigkeit mit der gespaltenen Linken:

Im Osten ist sie nach wie vor die Partei der Alt-Kader, die für die zweite Diktatur wesentlich Verantwortung trugen und sich ihrer Schuld nach wie vor nicht stellen. Veranstaltungen wie das 21. Bautzen-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung haben das wieder sehr deutlich gezeigt.
Im Westen ist diese Partei eher eine Art politisches Amalgam aus ehemaligen SPDlern, Gewerkschaftern und Alt-Linken des früheren Westens der siebziger Jahre.
Allein der Umstand, daß diese politische Mischung, die sich ‘”die Linke” nennt, nun in den maßgeblichen Landtagen sitzt, sagt noch nichts über ihre Fähigkeit, mit hochkomplexen politischen Projekten verantwortungsbewußt umgehen zu können.
Die Schreihälse, denen es vor allem um die Machtoption (“Hauptsache, im Landtag!”) geht, müssen ihre politische Weitsicht allemal erst noch unter Beweis stellen.
Sie werden zwar womöglich bald schon die Gelegenheit dazu bekommen, wenn sie – wie in Sachsen-Anhalt -, die Aussicht erhalten, neue Mehrheiten bilden zu können; denn in diesem Bundesland haben sie reelle Chancen dazu, nachdem sie die Oberzentren bei der Bundestagswahl für sich gewinnen konnten (in den Städten Magdeburg, Halle und Dessau leben etwa die Hälfte der Bevölkerung des Bundeslandes).
Doch: selbst wenn es im kommenden Jahr einen “linken” Ministerpräsidenten geben sollte: er wird mit demografischem Wandel, überaus klammen öffentlichen Kassen und weiter abnehmenden Zuweisungen des Bundes an die Länder angesichts steigender Bedarfe an öffentliche Finanzierung umgehen müssen: viele “Wunschprojekte” werden sich schlicht nicht finanzieren lassen.

Dies alles geschieht auf dem Hintergrund einer abnehmenden Bedeutung der Nationalstaaten in einem zusammenwachsenden Europa.
Die politische Bedeutung von Landtagen schwindet weiter, so, wie auch die Bedeutung der alten Nationalstaaten in dem Maße abnimmt, wie Europa zusammenwächst.

Gleichzeitig müssen die Parteien mit einem Generationenwechsel umgehen, der an ihre strukturelle Substanz geht:
die traditionelle Wählerbindung nimmt weiter ab, die Gruppe der Wechselwähler wächst, die Zahl der Mitglieder stagniert (im Osten seit 1990 bei etwa 5.000 Mitgliedern pro SPD-Landesverband), Projektgruppen im Internet gewinnen an Bedeutung.
Die Formen der politischen Teilhabe verändern sich dramatisch durch die sozialen Netzwerke.
Blogs und handygestützte Netzwerke werden zum politischen Faktor, der überaus schwer zu “kalkulieren” ist, weil er nicht mit “Dauermitgliedschaften” einher geht.

Wohin steuert diese Republik? Wohin steuert Europa?
Bislang ist es nicht gelungen, den viel geforderten politischen Primat z.B. gegenüber Spekulanten an den großen internationalen Börsen wirklich durchzusetzen: eine wirksame Finanztransaktionssteuer hat (noch) keine Mehrheiten. Sie könnte zumindest einen Beitrag leisten, daß Spekulanten einen Anteil an den extrem hohen Kosten aufbringen müssten, die sie dem Gemeinwesen durch ihre abenteuerlichen Spekulationen aufgebürdet haben (allein 720 Milliarden! wurden in der Nacht vereinbart, um den Euro zu stützen!).
Aber die Spekulation auf einen schwachen Euro und womöglich sogar auf eine Inflation geht munter weiter.
Die Typen in Nadelstreifen an den Börsen machen weiter ungestört ihre Spielchen auf Kosten des Gemeinwohls und die Demokratien sind nicht in der Lage politische Mehrheit zu organisieren, um diesem Verhalten einen wirksamen Riegel vorzuschieben.

Selbst wenn die nun tagenden Gremien sich auf ein “rot-rot-grünes” “Projekt” verständigen sollten – was heftige Reaktionen hervorrufen würde -, müsste eine solche Koalition mit leeren Kassen, weiter zurückgehenden öffentlichen Finanzen, geringer werdenden politischen Spielräumen und abnehmendem Interesse, sich dauerhaft in politischen Parteien zu organisieren, umgehen.
Manch “Wunschprojekt” bliebe schlicht unfinanzierbar, weil das knappe öffentliche Geld längst in “Rettungsschirmen” auf nationaler und zunehmend internationaler Ebene gebunden und verplant ist.
Die Umverteilung von unten nach oben geht munter weiter, ohne daß die Demokratie die Kraft findet, dem ein wirksames Ende zu bereiten.

Deshalb bleibt eher eine Nachdenklichkeit am Tag nach der kleinen Bundestagswahl.
Denn es ist offener denn je, wohin diese Republik insgesamt steuert.

Ein Trend allerdings scheint sich zu verstärken: die “normal” werdende Zersplitterung in nun fünf Parteien schwächt die politische Kraft der Demokratie noch mehr.
Die Zocker auf der anderen Seite scheinen davon zu profitieren.

Wenn jedoch die Kraft der Parlamente weiter sinkt – und wenn die Macht der Spekulanten weiter wächst:
Wohin steuert diese Republik?

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