Kategorie-Archiv: Afghanistan

Etwas von den “Langnasen”. Oder: über internationale Beziehungen. Oder den 22. Februar 1928


“Die Geschichte der Beziehungen zwischen Afghanistan und Deutschland muß noch geschrieben werden” hat kürzlich ein Professor gesagt. Und der muß es wissen. Ist ja schließlich Professor.
Also: Vorsicht ist angesagt bei diesem sensiblen Thema.
Deshalb kann ich gar nicht “die Beziehungen” darstellen. Ich kann etwas erzählen von meinen Begegnungen mit Menschen in diesem schönen Land.
Und ich kann ein paar links einfügen.

Was ich von einem guten Kenner des Landes weiß: sie nennen uns “Langnasen”.
Und im Grunde mögen sie die Deutschen.
Und die Deutschen mögen – eigentlich – die Leute vom Hindukusch.

Als König Amanullah am 22. Februar 1928 am Lehrter Bahnhof in Berlin eintraf, gaben ihm die Deutschen einen sensationellen Empfang. Die “Welt” hat daran erinnert.
Der Hintergrund war “große Politik”: die Afghanen brauchten die Deutschen – gegen die Briten.
Dr. A. Samad Hamed hat es hier näher beschrieben.

Im Dezember 1923 wurde die erste deutsche Gesandtschaft in Kabul eröffnet.
Seit den dreißiger Jahren bis zum kommunistischen Umsturz gab es keine Regierung, in der nicht wenigstens ein Minister entweder Absolvent der deutschen “Nedjat-Oberrealschule” gewesen war oder in Deutschland studiert hatte. Es fing also mit den Schulen an. Deshalb mögen es die Afghanen, wenn gerade die Deutschen jetzt in ihrem Lande wieder Schulen bauen…. . Die Deutschen waren seither “Modernisierungspartner” für Afghanistan. So sagt es Dr. Samad Hamed.
Seit 1938 gab es regelmäßigen Flugverkehr zwischen Berlin und Kabul. Man flog “Lufthansa”….
1952 wurde ein afghanisches Kulturamt in München eröffnet. Zwischenzeitlich waren etliche afghanische “Staatsstipendiaten” in Deutschland zur Ausbildung und etliche deutsche Ingenieure und Techniker in Afghanistan als “Modernisierungspartner” eingetroffen.
1958 gab es ein neues Abkommen zwischen beiden Ländern, das die Beziehungen regelte.
Als die Russen am 29. Dezember 1979 in Afghanistan einmarschierten, war die lange Zeit guter Beziehungen zu Deutschland zunächst einmal beendet.  Die letzten deutschen Berater verließen Afghanistan 1980.
Während der russischen Besatzung gab es etliche öffentliche Veranstaltungen im Deutschen Bundestag, die die Unabhängigkeit Afghanistans und den Abzug der Russen forderten.

Viele Tausend afhganische Flüchtlinge fanden eine Zukunft in Deutschland (aktuell ca. 90.000).

Im Dezember 2001 eröffnete wieder eine deutsche Botschaft in Kabul ihr Büro, zunächst als “Deutsches Verbindungsbüro”.
Deutschland hat sich in all den Jahren sehr um gute Beziehungen bemüht, wie dieser Text mit Textausschnitten des  Auswärtigen Amtes zeigt:
Auch aktuell – während des Krieges – sind viele zivile Organisationen in Afghanistan tätig. Die Botschaft in Kabul hat davon die Übersicht.

Allerdings - seit 2001 ist der “Bündnisfall” gegeben und Deutschland ist nun auch mit Soldaten im Lande. Anfangs überwog der “eher zivile” Aspekt: Sanitätssoldaten, Infrastrukturentwicklung etc. Mittlerweile jedoch ist sogar die KSK, die “Sondertruppe” der Bundeswehr auch an “Offensivhandlungen” beteiligt.
Und das spricht sich im Lande herum.

Wie Entwicklungshelfer berichten, werden sie von Menschen angesprochen, man könne sie “nicht mehr unterscheiden”, sie mögen doch “andere Fahrzeuge” benutzen (die Welthungerhilfe hat z.B. davon berichtet). Und die Sicherheit nicht nur der Entwicklungshelfer wird nicht besser, sie wird schlechter. Seit es sogar Angriffe auf Entwicklungshelfer gibt, ist deutlich, wie angespannt die Situation vor Ort ist.
Die Stimmung beginnt nicht erst seit heute, sich zu drehen.
Deutsche Soldaten werden zunehmend als “Teil des Westens” wahrgenommen. Und die Stimmung in der Bevölkerung dreht sich schon seit längerem – gegen den Westen.
Nicht zufällig hat General Petraeus in seinem Brief vom Januar 2011 an die Soldaten der ISAF darauf hingewiesen, man müsse der Bevölkerung “klarmachen, daß es ihr unter der jetzigen Regierung besser gehe als unter den Taliban.” – Ich hatte diesen Brief im blog ausführlich kommentiert. -

Die Deutschen und die Afghanen haben – eigentlich – sehr gute Beziehungen.
Aber diese guten Beziehungen sind im Moment “angeschlagen”.
Und je stärker auch Offensivkräfte wie die KSK in der nun kommenden Märzoffensive der Allianz beteiligt sein werden, je mehr Zivilisten Opfer dieses Krieges werden, um so “angeschlagener” werden auch die deutsch-afghanischen Beziehungen sein.

Es ist vielleicht gerade jetzt hilfreich, jetzt, kurz vor der Märzoffensive, an der 300.000 Soldaten der Allianz beteiligt sein werden, darunter auch deutsche Offensivkräfte – sich an die Geschichte der Beziehungen zwischen Deutschland und Afghanistan zu erinnern.
Am besten waren diese Beziehungen, wenn deutsche Techniker, Landwirte und Verwaltungsfachleute im Lande waren, wenn Schulen gebaut wurden und wenn afghanische Gaststudenten in Deutschland eine gute Ausbildung bekamen.

Rosen aus Afghanistan – etwas über Wirtschaftsförderung


Ein kleiner Artikel über den ersten Stand Afghanistans auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin brachte mich auf die Idee, über Wirtschaftsförderung zu schreiben.
Es sind die Bilder im Kopf, die uns verwirren: Bilder von Bomben, von Krieg, von Entwicklunghilfe a la Schulbau (der wichtig ist!). Ziviler Aufbau bedeutet jedoch eigentlich: Handeln auf gleicher Augenhöhe.
Wer den Handel mit Afghanistan fördert, fördert das Land.
“Rosen statt Heroin” oder “Der Krieg der Blumen” wie in diesem wunderbar erzählten Beitrag vom “Tagesspiegel” aus dem Jahr 2008 zu lesen steht. Rosen gegen Mohn. In Ost-Afghanistan. Mitten im Taliban-Land.
Ein Liter Rosenöl ist sehr wertvoll: etwa 6.000 Dollar, vielleicht sogar mehr.
Hier der Film dazu

Nun also gibt es eine deutsch-afghanische Firma, die auch Rosenöl verkauft. Ein ehemaliger Mitarbeiter der GTZ und seine Frau haben die Idee aufgegriffen.
Ich bin mit dem Gedanken infiziert und mache mich weiter auf die Suche. Und finde eine weitere Firma, die fair gehandelte Ledertaschen aus Afghanistan vertreibt.

Wirtschaftsförderung ist ein mühsames Geschäft. Denn die eigentlich gehandelte Ware ist Vertrauen. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich war gemeinsam mit “German Trade&Invest” viel im Ausland unterwegs, um ausländische Investoren für Deutschland zu gewinnen. Ich hatte als Repräsentant der deutschen Regierung die Rolle des “Türöffners” und “key note speakers”. Zuletzt war ich in Tokio, Hongkong und Seoul, in jenen gewaltigen Mega-Städten Asiens.
Etwa sieben Jahre braucht man als Unternehmer, bevor man wirklich in einem ausländischen Markt “angekommen” ist. Deshalb wundert es mich nicht, daß das Rosenprojekt mit ersten Erkundungen schon vor 13 Jahren begonnen hat. Und nun erste Früchte trägt.
Das “Rosenprojekt” der Welthungerhilfe ist ganz sicher ein “Vorzeigeprojekt”. Und, daß es nun sogar auf der weltgrößten Ernährungsgütermesse, der Grünen Woche, angekommen ist, zeigt eben den “Vorzeigecharakter”. Es ist ein sehr sehr langer Weg bis dorthin. Recherche vor Ort. Dann einen “Projektleiter” finden, nicht selten von einer non-governmental-Organisation (NGO), dann Partner im Land finden. Die Produktion aufbauen. Den Vertrieb aufbauen, Kunden gewinnen. Messen besuchen. Dafür braucht man Partner.
Deshalb ist nach Strukturen zu fragen.
Wer fördert den Handel mit Afghanistan?
Ich recherchiere weiter.
Und finde: den Peace Dividend Trust, der auch in Afghanistan daran arbeitet, Produzenten, Händler und Kunden zusammenzubringen. Selbst eine nicht-staatliche Organisation mit Unterstützung der UNO.
Etwa 6.000 afghanische Firmen sind dort registriert und können über die Website ihre Kontakte beginnen.
Die afghanische Exportpromotionsagentur hilft, so gut sie kann und vermittelt Kontakte zum Exportministerium und zu Firmen. Man sieht an der Website, daß die Afghanen sich um die großen Messen in Schanghai (Weltausstellung 2010), Berlin (Grüne Woche 2011) und Moskau kümmern. Was richtig ist.
Interessant ist das “deutsch-afghanische Netzwerk” an der deutschen Botschaft in Kabul. Es ist neu (Herbst 2010) und wird von einem erfahrenen GTZ-Mitarbeiter betreut.

Die Außenhandelskammern Deutschlands sind ein überaus schlagkräftiges Netzwerk, jedoch leider noch nicht in Afghanistan mit einem eigenen Büro vertreten. Aber die AHK-Büros in Asien verfügen sicher über wertvolle Kontakte auch nach Afghanistan.

Wie sind die Strukturen in Deutschland?
BMZ, GTZ, Auswärtiges Amt. Gut. Und wichtig.
Dann: einzelne Geschäfte, die faire trade Produkte handeln, wie wir oben gesehen haben.
Wer edle afghanische Teppiche mag, und gleichzeitig darauf achtet, daß sie nicht in Kinderarbeit hergestellt werden, ist hier richtig:
Ganz sicher hilft auch die deutsch-afghanische Initiative weiter, ein Netzwerk zwischen Deutschen und Afghanen, die gemeinsam am zivilen Aufbau des Landes arbeiten.

Eine Rose hat mich drauf gebracht.
Auf das wichtige Thema Wirtschaftsförderung.

Ich staune immer wieder, was in den Dingen verborgen ist ……

“Danke für Eure großartige Arbeit!” – die Botschaft des Generals.


Das ist sie, die Botschaft des Generals.
Der General ist Jahrgang 1952 und hat folgende Biografie:
Übersetzt (Unterstreichungen und Hervorhebungen von mir):

An die Soldaten des Heeres, der Marine und der Luftwaffe, die Marineinfanteristen, die Männer der Coast Guard und die Zivilisten der International Security Assistance Force / ISAF der NATO

Betreff: Lagebeurteilung des ISAF-Kommandeurs

Ich dachte, es könnte nützlich sein, wenn ich zu Beginn des Jahres 2011 eine Einschät­zung der Situation in Afghanistan vornehme.

Vorneweg möchte ich euch aber wissen lassen, dass ihr und eure afghanischen Kamera­den 2010 ein gewaltiges Werk vollbracht habt. In der Tat haben die ISAF und die afghani­schen Streitkräfte eindrucksvolle Fortschritte bei (der Erfüllung) unserer Mission erzielt – einer Mission, die nicht nur für jedes unserer Länder und Afghanistan, sondern auch für diese Region und die ganze Welt von enormer Bedeutung ist.

Wie ihr euch erinnern werdet, ist es unser Hauptziel, sicherzustellen, dass Afghanistan nie wieder zur Zufluchtsstätte für Al-Qaida oder andere international operierende Extremisten werden kann. Wenn wir dieses Ziel erreichen wollen, müssen wir den Afghanen helfen, die Fähigkeit zu entwickeln, sich selbst zu sichern und zu regieren. Dies erfordert hinwieder­um eine umfassende zivil-militärische Kampagne, die wir in enger Verbindung mit unseren afghanischen Partnern durchführen müssen, um afghanische Sicherheitskräfte aufzubauen und die Errichtung einer stabilen Regierung und die Entwicklung der Wirtschaft zu för­dern.

Die Einführung unserer (neuen) Strategie im Jahr 2010 wurde beträchtlich erleichtert durch den Einsatz zusätzlicher ISAF-Truppen, das Wachstum der afghanischer Armee und Polizei, die Vergrößerung der Anzahl unserer zivilen Partner und die Bereitstellung der Mittel, die all das ermöglichten. Tatsächlich ist es durch den Aufbau zusätzlicher Orga­nisationen, die Verfeinerung unserer Strategie und die zusätzlichen Mittel im vergangenen Herbst möglich geworden, in Afghanistan zum ersten Mal “alles richtig zu machen”.

Unsere Anstrengungen haben weiteren Auftrieb erhalten durch die Anteilnahme der Füh­rer unserer Länder auf dem (NATO-) Gipfel in Lissabon. In Lissabon haben sich unsere Führer dazu verpflichtet, die Unterstützung zu gewähren, die wir brauchen, um das Ziel des Präsidenten Karzai zu verwirklichen, der möchte, dass die afghanischen Streitkräfte bis Ende 2014 im ganzen Land die Oberhand gewinnen.

Im vergangenen Jahr habt ihr mit unseren afghanischen Partnern zusammengearbeitet,
um die in großen Teilen des Landes weiter abnehmende Sicherheit in einigen Gebieten von großer Bedeutung wieder herzustellen. So hat zum Beispiel trotz gelegentlicher An­griffe die Sicherheit in der Provinz Kabul in der zweiten Hälfte des Jahres 2010 eindrucks­voll zugenommen – und das ist besonders bemerkenswert, weil in Kabul und seinem Umland ein Fünftel der afghanischen Bevölkerung lebt und die afghanischen Streitkräfte bis auf einen Distrikt in der ganzen Provinz die Oberhand gewonnen haben.

Hart errungene Fortschritte sind auch in den Provinzen Helmand und Kandahar zu ver­zeichnen – durch einen großartigen Einsatz der Truppen der Koalition und Afghanistans, die in diesen Gebieten erfolgreich und tapfer gekämpft haben. Teilerfolge gab es auch in zahlreichen Gebieten im Osten, Westen und Norden des Landes; sie wurden möglich durch die Verstärkung der afghanischen Streitkräfte und der ISAF-Truppen, den beginnen­den Aufbau lokaler afghanischer Polizeikräfte durch die Reintegration versöhnungsbereiter Aufständischer und durch erbarmungslos und schnell durchgeführte gezielte Operationen von Spezialkräften der Afghanen und der ISAF. Obwohl klar ist, dass wir in zahlreichen Gebieten noch viel Arbeit haben, ist es ebenso klar, dass die ISAF und die afghanischen Truppen der mittleren Ebene der Taliban und des Haqquani-Netzwerkes im ganzen Land enorme Verluste zugefügt und einige ihrer wichtigsten sicheren Schlupfwinkel eingenommen haben. Jetzt gehen die Operatio­nen meistens von uns und nicht mehr von den Aufständischen aus, und es gibt zahlreiche Berichte über eine noch nie da gewesene Uneinigkeit zwischen den Mitgliedern der Quetta Shura, des höchsten Führungsgremiums der Taliban.

Die Fortschritte im letzten Jahr waren sicher nicht leicht zu erzielen. Ganz im Gegenteil mussten wir unsere Erfolge hart erkämpfen und schwere Verluste und Rückschläge hin­nehmen. Außerdem mussten wir uns von intensiven Kämpfen auf komplizierte Stabilisie­rungsoperationen umstellen – und das sogar abwechselnd mehrmals am gleichen Tag. Eure Anpassungsfähigkeit, eure Geschicklichkeit, eure Entschlossenheit und euer Mut werden in die Geschichte eingehen. Deshalb waren wir auch bemüht, eure Leistungen an­zuerkennen und einzelne Soldaten und Einheiten entsprechend zu würdigen.

Trotz der Leistungen im Jahr 2010 bleibt für das Jahr 2011 noch viel harte Arbeit übrig. Und wie immer in Afghanistan wird auch der weitere Weg schwierig bleiben. Wie Präsident Karzai versprochen hat, muss die Sicherheitszone um Kabul auch auf die benachbarten Provinzen ausgedehnt werden. Die im Süden und Südwesten erzielten Geländegewinne müssen gesichert, miteinander verbunden und ausgeweitet werden. Die von den Aufstän­dischen in den letzten Jahren erzielten Teilerfolge im Norden und im gebirgigen Nordosten müssen gestoppt und wieder rückgängig gemacht werden.

Um den Zuwachs an Sicherheit, den wir 2010 erreicht haben, nutzen zu können, müssen wir die Unterstützung der afghanischen Behörden fortsetzen, damit die Bevölkerung mehr Vertrauen in sie setzt. Wir müssen unsere Hilfe zur Verbesserung der grundlegenden Dienstleistungen afghanischer Institutionen beibehalten, damit das afghanische Volk er­kennt, dass es unter der jetzigen afghanischen Regierung eine bessere Zukunft hat, als unter einer erneuten brutalen und repressiven Herrschaft der Taliban. Zusätzlich müssen wir die afghanischen Offiziellen verstärkt bei der Durchsetzung der Absicht des Präsiden­ten Karzai unterstützen, die Korruption und die kriminelle Vetternwirtschaft zu beseitigen, die verhindern, dass effektive afghanische Behörden entstehen können. Unser Beitrag zur Bekämpfung der Korruption besteht darin, darauf zu achten, dass auch beim Einsatz von Vertragsfirmen und bei Beschaffungsmaßnahmen nicht bestochen wird.

Es muss nicht daran erinnert werden, dass die Taliban und andere Feinde der Sicherheit in Afghanistan hart fighten werden, um uns an der Erfüllung unserer Aufgaben zu hindern. Aber angesichts der Geschicklichkeit und des Einsatzwillens, die ihr und unsere afghani­schen Partner im vergangenen Jahr gezeigt haben, weiß ich, dass ihr mit ihnen gemein­sam auch die noch vor uns liegenden schweren Aufgaben meistern werdet.

Wir müssen sämtliche Operationen zur Unterstützung unserer afghanischen Partner ge­meinsam durchführen. Das ist ja schließlich ihr Land, und wir arbeiten gemeinsam für eine bessere Zukunft für sie und ihre Kinder. Die Afghanen möchten verständlicherweise immer selbständiger in ihrem eigenen Land agieren. Darüber sollten wir uns freuen; wenn es die Sicherheitslage zulässt, werden wir in diesem Jahr in ausgewählten Gebieten mit der Übertragung der Verantwortung auf die afghanischen Streitkräfte beginnen und damit der afghanischen Regierung auch mehr souveräne Entscheidungen ermöglichen. Wo uns das gelingt, sollten wir mit unseren afghanischen Partnern feiern, denn ihr Erfolg ist natürlich auch unser Erfolg.

Unterm Strich brachte das Jahr 2010 bedeutende und hart erkämpfte Fortschritte. Das vor uns liegende Jahr wird wahrscheinlich genau so hart werden. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir durch gemeinsam Anstrengungen der ISAF und der afghanischen Streitkräfte auch 2011 wichtige Erfolge erzielen werden.

Ich möchte euch wie immer für eure außerordentlichen Leistungen, eure Opfer, euren Ein­satz und eure Entschlossenheit danken. Jeder von euch gehört zu der neuen Greatest Ge­neration eures Landes, und es ist das Privileg meines Lebens, mit euch an diesem wichtigen Unternehmen teilnehmen zu dürfen.

Handschriftlicher Zusatz:                                                     In Bewunderung und Anerkennung

Danke für eure großartige Arbeit! David H. Petraeus

General der US-Army Kommandeur der ISAF und der US-Streitkräfte in Afghanistan

Soweit der Text.
Er ist eine Herausforderung für den studierten Exegeten, der die Methodik zur Verfügung hat, einen solchen Text auf seine eigentlichen Aussagen zu zerlegen, dies an diesem Exempel auch zu tun. Ich erspare mir das jedoch. Wir sind hier nicht im exegetischen Seminar.
Aber auf ein paar Dinge will ich dennoch hinweisen: auf die “Botschaft hinter der Botschaft”.

1. Wenn im Text von “sollten” die Rede ist, bedeutet das, das es nicht immer so ist. Z.B. beim Thema “Vergabe von Aufträgen an Partnerfirmen”. Hierbei “sollte” die Korruption bekämpft werden. Will sagen: es gibt bei dieser Vergabe Korruption…..
2.Wenn im Text von “mehr” die Rede ist, bedeutet das, das es noch zu wenig ist.
3. Deutlich wird: man hat lediglich Sicherheitsinseln im Land. Man ist bemüht, sie zu verbinden.
4. Wenn Sicherheitsinseln “ausgedehnt” und “verbunden” werden sollen, heißt da ja wohl, dass zwischen diesen “Inseln” ein ziemliches weites “Meer” ist: also große Gebiete, die die ISAF nicht kontrollieren kann.

5. wenn die afghanische Regierung “mehr souveräne Entscheidungen treffen” können soll, dann heißt da ja wohl, daß sie es im Moment nicht kann. Wer regiert das Land? die ISAF?

6. Wenn “das afghanische Volk erkennen soll, daß es jetzt eine bessere Regierung hat als unter den Taliban”, dann heißt das ja wohl, daß das Volk andrer Meinung ist …..

Ich will mich mit diesen Hinweisen begnügen. Meine Unterstreichungen deuten ja ausreichend auf die Sachverhalte hin, die hinter der formulierten Botschaft stecken. Hilfreich ist es immer auf Komparative zu achten, denn sie beschreiben indirekt die wahrgenommene Realität. (mehr, besser, sicherer etc.).

7. Was ist das Ziel dieses Briefes, was ist der “scopus”, wie der Exeget fragen würde?
Der Brief erscheint, kurz nach dem General Petraeus per Video-Botschaft auf den Beginn der “fighting season”, der “Kampf-Saison” im März diesen Jahres hingewiesen hatte.
Das Ziel des Briefes ist es, die Truppen zu motivieren.
Man fragt sich, weshalb das nötig ist …..

Medien im Krieg – zivile Berichterstattung stärken!


Seit das Parlament die Verlängerung des Krieges beschlossen hat, versuche ich mit Freunden gemeinsam, das vielbeschworene zivile Element des Aufbaus zu stärken.
Nur zuschauen geht ja nicht.
Deshalb versuche ich seit einigen Tagen, zivile Nachrichten über Afghanistan zu sammeln, zu verdichten und zu schicken.
Denn: schon eine erste Recherche zeigt: die “offiziellen” Nachrichten und vor allem die Nachrichten über Militär, Soldaten etc. überwiegen.
Ich schätze nach mehreren Tagen Recherche das Verhältnis zwischen “militärischen” Nachrichten und solchen von Entwicklungshelfern, NGOs (nichtstaatlichen Organisationen), humanitären Helfern etc. auf 95 zu 5%.
Wir sehen: unser Bild von Afghanistan wird vom “militärischen” dominiert.
Es fehlen die Nachrichten über die konkrete zivile Aufbauarbeit.
Ich versuche, mit Hilfe der Netze etwas dagegen zu tun.
Eines der wenigen Beispiele, das aus der konkreten Sicht von im Lande tätigen Entwicklungshelfern berichtet, ist die hier eingefügte Sendung vom Bayrischen Rundfunk. (28.1.2011)

Das neue Mandat. Was brauchen Entwicklunghelfer?
Dieser podcast von BR 2 zeigt, daß die Arbeit der Hilfsorganisationen schwieriger wird. Entwicklungshelfer sagen, es sei für ihre Sache besser, sich von den Militärs fern zu halten.
Wenn ich nach Deutschland komme und mir die Medien anschaue, kann man den Eindruck bekommen, daß es Fortschritte gäbe. Das ist ein Bild, das die Regierung so wünscht. Die Wahrheit ist aber oft eine andere” sagt der deutsch-afghanische Entwicklungshelfer, der in Kabul arbeitet.

Ich versuche derzeit mit Hilfe eines Internetfachmanns die “zivilen” Nachrichten im Kurznachrichtendienst twitter zu stärken. Diese Informationen sammle ich in der zweimal am Tag aktualisierten Internet-Zeitung (die im Grunde eine Suchmaschine ist) “Afghanistan-Nachrichten deutsch“, die ich über facebook und twitter “teile”.
Wer sich daran beteiligen möchte, hilft, etwas mehr “zivile” Berichte aus dem Lande zu verbreiten, das nun schon über 30 Jahre Krieg erlebt.

Es ist ein kleiner, aber vielleicht wirksamer Beitrag zu etwas mehr Zivilität und Frieden.
Ein “Kieselstein” eben, der vielleicht eine kleine Welle auslöst…..

Damit auch facebook nicht zu kurz kommt, habe ich dort eben eine Seite eingerichtet, die solche zivilen Nachrichten sammelt und verbreitet. Hier ist Platz für Berichte von Entwicklungshelfern, privaten Organisationen, Journalisten, die lange im Lande leben und eben für Berichte, die in den “normalen” Medien viel zu kurz kommen.
Der link dazu hier:

Der Kampf um die Kinder – ARD Film zur Kinderhilfe Afghanistan e.V.


Was kann man als Zivilist tun nach dem Beschluss zur Verlängerung des Krieges?
Man kann die zivilen Kräfte stärken.
Deshalb habe ich hier auf dem blog eine Interview-Reihe eingerichtet, in der ich wichtige Stimmen von Praktikern versammle: Vertreter von Organisationen, die das Land seit jahrelanger Arbeit kennen und die am zivilen Aufbau in Afghanistan beteiligt sind, oft schon seit Jahrzehnten.
Dr. med. Reinhard Erös, ehemaliger Oberstarzt der Bundeswehr, ist einer von ihnen.
Die ARD hat nun in einer Dokumentation über seine Arbeit berichtet.
Ich schicke diese Dokumentation, weil ich die zivilen Kräfte stärken will. Vielleicht findet sich der eine oder andere, der diese Dokumentation über die Netzwerke weiter teilt, damit in der Fülle der uns heutzutage erreichenden Informationen und Bilder jene Verstärkung bekommen, die Verstärkung verdienen.
Hier nun der Film: “Der Kampf um die Kinder”. Da er bei Youtube nicht ungeteilt vorliegt, schicke ich die einzelnen, jeweils etwa 10 Minuten langen Abschnitte.

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Ich wünsche diesem Film gute Verbreitung.

Alternativen zum Krieg (8). Prof. Dr. Johan Galtung, Oslo


Manche Menschen entdeckt man fast zu spät.
Warum habe ich Prof. Galtung nicht schon früher wirklich wahrgenommen? Nun, ich hatte von ihm gelesen, gewiß. Der Träger des Alternativen Nobelpreises und international anerkannte Friedensforscher war mir bei der einen oder anderen Lektüre durchaus schon mal “über den Weg gelaufen”, wie man so sagt. Aber wirklich befaßt habe ich mich mit ihm bislang nie. Das ist ein großes Versäumnis.
Gestern Nacht bin ich auf ihn gestoßen, bei der Recherche zu verlässlichn Quellen und Alternativen zum Afghanistan-Krieg.

Prof. Galtung hat schon im September 2001 (!) für Dialog mit den Taliban geworben, wie hier im “Spiegel” dokumentiert ist.
Er sagte damals, unittelbar nach den Anschlägen auf das World Trade Center:

“Fünf Dinge sind nötig.
Erstens: Denkpause. Zweitens: Dialog. Drittens: Versuche, zu verstehen, worum es geht. Viertens: Versöhnung. Und fünftens: die Konflikte lösen.
Dieses Schema muss punktuell angewandt werden bezüglich Afghanistan, Irak, Palästina/Israel und so weiter.
Konkret schlage ich vor, dass drei Leute wie zum Beispiel Jimmy Carter, Nelson Mandela und Frederik Willem de Klerk mit den Parteien reden, um die Spirale der Gewalt zu vermeiden.”

Man hat nicht auf ihn gehört.
Der Krieg geht nun ins zehnte Jahr, im März wird eine neue “Offensive” der NATO-geführten ISAF-Truppen beginnen.
Und es zeigt sich immer klarer, daß es keine Alternative zum Dialog gibt, “denn auch der Extremist hat seine Gründe”….

Galtung wurde als Sohn eines Arztes 1930 in Norwegen geboren. Weil er nicht Soldat werden wollte, saß er im Gefängnis, denn es gab damals noch keinen Zivildienst.
Schon 1959 gründete der Mathematiker und Soziologe das erste Friedensforschungsinstitut.
Einer seiner zentralen Sätze: “Es gibt keine bösen Menschen. Es gibt aber böse Ideen. Eine böse Idee ist, daß es böse Menschen gibt.”

Nun begegnete mir gestern Abend das folgende Video von der University of San Diego, in dem Prof. Johan Galtung einen weit beachteten Vortrag hält zum Thema “Breaking the Cycle of Violent Conflict“.
Dieser Vortrag, der etwa 58 Minuten dauert, sei hier eingefügt. Nun weiß ich, dass die Menschen eher kurze Sachen mögen und lesen. Dennoch gebe ich dieses einstündige Video hier wieder, auf Hoffnung hin….
Für mich besonders eindrücklich an diesem Vortrag ist die Authentizität, die Echtheit des Vortragenden. Man spürt ihm ab, wie er Friedens-Arbeit versteht: konkret, phantasievoll, humorvoll, zielorientiert.
Besonders sympathisch finde ich den Hinweis, das Kreativität und Kultur zur Konfliktlösung dringend benötigt werden.
Im von Prof. Galtung gegründeten Network for Peace, Development and Environment TRANSCEND International gibt es deshalb neben dem Journalisten-Netzwerk und der Universität auch den link zum Thema “Kultur”. Man sieht ja am Afghanistan-Konflikt, wie zentral und wichtig gerade dieser Bereich ist.

Man kann das Lebenswerk eines Menschen nicht auf einer blog-Seite darstellen und würdigen.
Aber man kann mit einer blog-Seite auf ein solches Lebenswerk hinweisen.

Wir sind alle Lernende.
Und Prof. Galtung ist ganz gewiß einer der großen Lehrer, deren unsere Zeit so dringend bedarf.

Etwas vom schönen Monat März. Beginn der Kampfsaison. “season of fighting”


Das Internet ist hilfreich.
Um zu wissen, was vor sich geht. Im März.
Heute erreichen mich drei Nachrichten am Morgen.
Eine vom Chef der ISAF-Truppen, General David Petraeus. Eine von Thomas Wiegold vom “Focus” und eine von den Vereinten Nationen aus Nairobi.
Zunächst lerne ich, daß man in Afghanistan den März die “season of fighting” nennt: die “Kampfsaison”. Die Botschaft des über youtbe geposteten Videos ist klar: “liebe Taliban. Wir sind vorbereitet auf die Offensive.”

Das ganze Interview mit General Petraeus gib es hier. Am Rande sei die Sprache erwähnt: Herrn Petraeus spricht von “security bubbles”, von “Sicherheits-Blasen” oder “Sicherheits-Gebieten”, was ja auch viel sagt über die “Gebiete dazwischen”. Nämlich: daß sie unsicher sind. Die Militärs konzentrieren sich offensichtlich auf die “Oberzentren”, wie man in deutscher Sprache sagen würde. Daß dies alles öffentlich geschieht, ist Absicht. Wir sehen: die ISAF hat sich gründlich vorbereitet. Der März, die “season of fighting” kann kommen.

Nun hat der Deutsche Bundestag die Verlängerung des Mandats beschlossen und es war seit längerem klar, daß dies eine Teilnahme deutscher Soldaten an der bevorstehenden Offensive bedeuten würde.
Deshalb geht mein Dank an Thomas Wiegold und die aufmerksamen Leser seines blogs “Augen geradeaus!”, die auf die Verlegung von zwei Panzerhaubitzen hinweisen. Mit denen kann man ziemlich gewaltige Schüsse abgeben…..
Vorbereitungen also auch auf deutscher Seite.

Schauen wir nach Nairobi, dann kommt die dritte Meldung vom UN-office for the Coordination of Humanitarian Affairs. Es geht also um Flüchtlingshilfe.Man kann in diesem Beitrag über die mehrere Zehntausend Menschen in Afghanistan lesen, die unter dem harten Winter besonders zu leiden haben. Und davon, daß die “nichtstaatlichen Organisationen” (NGOs) nun hoffentlich mit ihrer Hilfe “durchkommen”, um die Menschen zu erreichen.

Einen Moment stelle ich mir vor, wie diese Menschen wohl die nun vorgesehene Offensive erleben werden. Und mir fällt der Satz von Dr. Reinhard Erös von der Kinderhilfe-Afghanistan wieder ein, den ich gestern geschickt hatte. In dem Interview, das er dem STANDARD gegeben hat (seine Frau hatte mir das Interview freundlicherweise zur Verfügung gestellt) sagte der ehemalige Bundeswehrarzt, der nun im Grenzgebiet zu Pakistan (Herr Petraeus sprach gerade davon….) arbeitet, den bemerkenswerten Satz:

STANDARD: Wäre Afghanistan ohne die internationalen Truppen heute besser dran?

Dr. Erös: Viel besser. Die Voraussetzung, dass es in Afghanistan vorwärts geht, ist der Abzug der Nato und zwar so schnell wie möglich. Die westlichen Soldaten in Afghanistan sind Teil des Problems und vielleicht sogar der größte Teil.

Das komplette Interview mit diesem mutigen deutschen Arzt gibt es auch hier im blog.

Der schnelle Abzug der NATO ist jedoch nach dem verlängerten Mandat allerdings nicht zu erwarten.
Jedoch: der größte Truppensteller USA hat den Beginn des Abzugs für “Juli 2011″ angekündigt; der zweitgrößte Truppensteller, Deutschland, hat den Beginn des Abzugs für den “Herbst 2011″ in Aussicht gestellt.
Deshalb wird es interessant sein, zu erfahren, wie sich das gesamte Bündnis der NATO entscheidet.
Von Herrn Staatssekretär a.D. Ischinger, dem Chef der Münchner Sicherheitskonferenz war kürzlich zu erfahren, die NATO-Partner stritten sich deshalb um das Thema “Abzug” “wie die Kesselflicker”.
Was ja ein schönes ziviles Wort ist und auf ein altes Handwerk hinweist.

Die Entscheidung fällt:
im März. ….

Alternativen zum Krieg (7). Standard-Interview mit Dr. Reinhard Erös (Kinderhilfe-Afghanistan)


Der ehemalige Bundeswehrarzt Dr. Reinhard Erös , der es bis zum Range eines Oberstarztes gebracht hat, arbeitet im Osten Afghanistan an der Grenze zu Pakistan.
In einem Gebiet, in dem “die Taliban” das Sagen haben. Ich hatte ihn per Mail um ein Kurzinterview gebeten.
Frau Erös schrieb mir heute:

“mein Mann musste kurzfristig nach PAKISTAN.
ich erlaube mir, Ihnen in der Anlage ein aktuelles STANDARD-Interview zum
Abdruck in Ihrer Website zu überlassen.
lieber Gruß
Annette Erös”

Deshalb sei dieses bemerkenswerte Interview mit dem STANDARD nun hier abgedruckt, denn es zeigt die Innenansicht eines exzellenten Landeskenners. Es lohnt sehr, dieses Interview aufmerksam zu lesen:

Standard: Die deutschen Politiker debattieren gerade über Abzugsperspektiven der Bundeswehr aus Afghanistan. Was würde es in ihren Augen bedeuten, wenn die deutschen Soldaten das Land verlassen?

Dr. Erös: Ob die Bundeswehr in Afghanistan bleibt oder abzieht, ist  für das  Land völlig unerheblich. Denn sie ist militärisch ein Gartenzwerg mit gerade einmal 5000 Mann im Norden, von denen nur rund ein Sechstel für militärische Einsätze aus den Hochsicherheitscamps herauskommt. Zum Vergleich: Im Südosten, wo wir mit der Kinderhilfe arbeiten, sind 100.000 Amerikaner stationiert  – mit Kampfhubschraubern, -flugzeugen und Drohnen. Nur politisch spielt es eine Rolle, ob mit Deutschland einer der großen Nato-Partner das Land verlässt.

Standard: Braucht es nicht den Schutz der Bundeswehr, um den zivilen Wiederaufbau zu sichern?

Dr. Erös: Der Großteil der deutschen Hilfsorganisationen bettelt nicht um den Schutz den Bundeswehr, sondern empfindet ihn eher als gefährdend. Unsere Erfahrung im Südosten ist: Nicht Sicherheit ist Voraussetzung für Wiederaufbau und Entwicklung, sondern umgekehrt. Unsere Projekte wie Waisenhäuser, Schulen, Krankenstationen sind nur möglich und sicher, weil wir den amerikanischen Soldaten den Zutritt verweigern. Deshalb ist auch noch nie einem unserer Schüler oder Mitarbeiter ein Haar gekrümmt worden, keine unserer Schulen wurde je bedroht oder gar angegriffen.

Standard: Wie gelingt Ihnen das? In Deutschland hört man immer wieder von Schulen die attackiert oder geschlossen werden.

Dr. Erös: Ja, aber das sind fast alles Schulen, die vom westlichen Militär aufgebaut oder «beschützt» wurden. Das ist bei uns nicht der Fall. Wir bauen unsere Schulen auf Augenhöhe mit den Einheimischen. Die Regierung in Kabul und auch die deutsche Politik haben damit nichts zu tun. Wir finanzieren uns ausschließlich über private Spenden und das wissen die Menschen. Den Bau einer Einrichtungen sprechen wir ab mit den regionalen Behörden, den Stammes- und Dorfältesten, mit den religiösen und talibannahen Leuten. Erst dann, wenn ein Konsens beseht, beginnen wir. Und am Bau sind keine Firmen aus dem Ausland und keine teuer bezahlten Berater beteiligt, sondern die Einheimischen bauen die Schulen selbst.

Standard: Wie überzeugen Sie einen Talibanführer oder einen paschtunischen Clanchef vom Bau einer Mädchenschule?

Dr. Erös: Ich muss sie gar nicht überzeugen. Die kommen mittlerweile auf mich zu mit dem Wunsch, eine Schule, auch eine Mädchenschule, oder ein Waisenhaus zu bauen.

Standard: Hab ich das richtig verstanden? Die Taliban kommen zu Ihnen und sagen, sie wollen eine Mädchenschule?

Dr. Erös: Ja, das ist das Normale. Deutsche Medien tun immer so, als müsste man den Afghanen den Bau einer Schule quasi beibringen und Überzeugungsarbeit leisten, damit diese dummen, archaischen Leute den Sinn von Bildung kapieren. Aber das ist grundfalsch und entwürdigend. Wir haben vielmehr Mühe, allen Wünschen nach dem Bau von Mädchenschulen nachzukommen. Ich habe noch nirgendwo auf der Welt so einen großen Bildungshunger erlebt wie in Afghanistan. Und jedem, der sich über  das Land informieren will, kann ich nur raten in Schweizer oder englischsprachige Medien reinschauen. Die berichten wesentlich korrekter und differenzierter.

Standard: Also ist der Eindruck falsch, dass die Taliban Bildung für Frauen und Mädchen verhindern wollen?
Dr. Erös: Ja, heute ist das falsch. Man kann mit den Taliban darüber reden. Sie wollen nur keine westlichen Schulen mit westlichem Lehrinhalt, mit islamkritischen oder islamneutralen Lehrbüchern und amerikanische Soldaten als Erbauer oder Beschützer. Wenn es aber eine afghanische Schule mit afghanischen Lehrinhalten ist, gibt es mit den Taliban kein Problem.

Standard: Haben Ihre Schulen einen einheitlichen Lehrplan?

Dr. Erös: Ja, genau wie in Deutschland. Allerdings ist es oft schwierig ihn umzusetzen, denn die Qualität und Anzahl der Lehrer ist ein großes Problem, gerade in Naturwissenschaften in den gymnasialen Oberstufen. Besonders bei den Mädchenschulen ist es schwierig, Frauen als Lehrer für Physik, Mathematik und Chemie zu gewinnen. Aber der Lehrstoff ist vorgegeben vom Ministerium für Erziehung in Kabul. Dazu gehört, dass vier bis fünf Stunden pro Woche normaler afghanischer Islam unterrichtet wird. Genau wie bei uns der Religionsunterricht.

Standard: Auch in der Politik wird darüber diskutiert, mit den Taliban zu verhandeln. Für manchen in Deutschland klingt das absurd oder wie ein Einknicken. Ist es in Ihren Augen sinnvoll?

Dr. Erös: Ja, man muss mit den Taliban sprechen. Durch ihre Größer, Bedeutung und Durchhaltefähigkeit kann man sie nicht einfach übergehen. Doch die Politik hat sieben Jahre lang so getan, als wäre das möglich. Und jetzt, wo die Taliban immer stärker werden, erkennt man, dass man doch mit dem Feind sprechen muss. Aber nun ist das Problem anders gelagert: Die Taliban sehen sich auf der Siegerstraße und haben gar keinen Grund mehr, mit dem Westen zu verhandeln. Hier hat die westliche Politik, wie in so vielen Bereichen in Afghanistan, auf folgenschwere Weise versagt.

Standard: Wäre Afghanistan ohne die internationalen Truppen heute besser dran?

Dr. Erös: Viel besser. Die Voraussetzung, dass es in Afghanistan vorwärts geht, ist der Abzug der Nato und zwar so schnell wie möglich. Die westlichen Soldaten in Afghanistan sind Teil des Problems und vielleicht sogar der größte Teil.

Standard: Was wünschen Sie sich für Afghanistan, was sollte ein Ziel auch für uns in Deutschland sein?

Dr. Erös: Die Afghanen endlich nicht mehr wie Kinder zu behandeln, sondern ihnen zu vertrauen und es ihnen zu überlassen, wie sie ihre Zukunft gestalten. Außerdem dürfen wir nicht mehr auf die arroganten und korrupten Spitzenpolitiker und Wirtschaftsleute in Kabul setzen, die das Geld dann nach Abu Dhabi oder Dubai schaffen. Wir müssen endlich das Militär herunterfahren und uns um die afghanische Jugend kümmern. In dem Land sind 60 Prozent aller Menschen unter 15 Jahren. Diese Generation wird in 10 Jahren die Geschicke des Landes bestimmen. Auf ihre Bildung, Ausbildung und langfristig sichere Jobs mit menschenwürdiger Bezahlung müssen wir unseren Schwerpunkt beim Wiederaufbau legen.

Alternativen zum Krieg (6) Handicap International. Arbeit für Minen-Opfer.


Handicap International in Afghanistan

Bei der Internet-Recherche nach zivilen Organisationen, die in Afghanistan arbeiten, bin ich heute auf Handicap International gestoßen, die sich hier vorstellen:

Afghanistan. Foto: Carsten Stromer

Afghanistan ist auch 9 Jahre nach dem Sturz der Taliban eines der ärmsten Länder der Welt. Im Human Development Index 2009 der UN rangiert Afghanistan auf dem vorletzten Platz. Es war Schauplatz zahlreicher Kriege und Konflikte. Über frühe Stammesfehden, zwei Bürgerkriege mit der ehemaligen britischen Kolonialmacht, dem Krieg gegen die Invasion der Sowjetunion bis hin zum derzeitigen bewaffneten Konflikt der NATO mit den Taliban – die Afghanen haben viele „gewaltsame Konflikte“ erlebt. Diese haben das Land zermürbt und ihre Spuren hinterlassen. So geht man davon aus, dass bis zu 10 Millionen Minen in der Erde Afghanistan vergraben sind. Armut und Kriege haben auch zu einer hohen Anzahl an Menschen mit Behinderung geführt.

Afghanistan braucht deshalb dringend Organisationen, die Menschen mit Behinderung unterstützen. Dies ist das Ziel, das sich Handicap International auch nach dem Fall der Taliban in den schwierigen äußeren Umständen, die in Afghanistan Alltag sind, gesetzt hat. Wir unterstützen unter anderem lokale Organisationen für physische Rehabilitation im Westen des Landes. Unsere Teams helfen zudem lokalen Organisationen und nationalen Behörden, die Wiedereingliederung der Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft zu fördern. Außerdem verwaltet Handicap International ein Rehabilitationszentrum in Kandahar und leitet ein Bildungsprogramm über die Gefahren von Minen und die Zerstörung von nicht explodierten Kriegsresten in Herat.

Handicap International ist seit den 1980er Jahren in Afghanistan aktiv. Der Sturz des Talibanregimes 2001 hat die Organisation dazu bewegt ihre Anwesenheit zu verstärken. Untersuchungen, um weitere Aktivitäten in anderen Landesteilen zu organisieren, laufen.

Seit 2002 unterstützen wir Rehabilitationszentren im Westen des Landes sowie afghanische Ministerien, die sich mit dem Thema Behinderung beschäftigen. 2004 hat Handicap International zusammen mit einer lokalen Organisation von Menschen mit Behinderung ein Rehabilitationszentrum in Kabul gegründet, das auf berufssoziologische Wiedereingliederung spezialisiert ist. Dieses Zentrum, das erste seiner Art in Afghanistan, soll v.a. den Zugang zu vielen grundlegenden Dienstleistungen bieten (Alphabetisierung, Bildung oder berufliche Ausbildung). Es soll auch ein Informations-, Beratungs- und Betreuungszentrum werden.

Gleichzeitig wurde, ebenfalls in Kabul, durch die Zusammenarbeit mit der FIFA ein Sportprojekt für Menschen mit Behinderung gestartet. Auf Initiative von Handicap International hat das „Ministerium für Misshandelte und Behinderte“ der Durchführung einer Umfrage über Behinderung auf nationaler Ebene zugestimmt. Ziel war es, den politischen Entscheidungsträgern Daten sowie Elemente einer Voruntersuchung zur Definition der Staatspolitik zu liefern.

Handicap International ist außerdem auf dem Gebiet der Minenaufklärung aktiv und führt eine nationale Sensibilisierungskampagne zum Thema Behinderung durch. 2008 starteten in Kabul und Herat spezielle Inklusionsprogramme, die eine bessere Integration von Menschen mit Behinderung in das öffentliche Leben zum Ziel haben. Das Projekt in Kabul konnte mittlerweile vollständig in die Verantwortung der von uns unterstützten lokalen Partnerorganisation CCD übergeben werden.

Einen großen Teil des Engagements von Handicap International stellen die direkte Behandlung von Patienten sowie die Ausbildung von Spezialisten dar. Dafür unterhalten wir spezielle Zentren in Herat, Kabul und Kandahar und arbeiten eng mit den zuständigen Ministerien, Spezialistenvereinigungen und Betroffenenverbänden zusammen. Insgesamt konnten so 2009 direkt oder indirekt über 25.000 Menschen von der Arbeit von Handicap International profitieren.

Alternativen zum Krieg (5) – die “Kinderhilfe Afghanistan” von Dr. Reinhard Erös


Dr. med. Reinhard und Annette Erös haben die “Kinderhilfe Afghanistan” ins Leben gerufen.

Als ich bei der Recherche nach zivilen Aufbauprojekten war, bin ich im Internet auf diese wichtige Arbeit gestoßen und habe gleich Kontakt aufgenommen.
Frau Erös hat mir zugesagt, daß ich auch noch ein Interview mit Dr. Erös über seine Arbeit bekomme. Ich werde den Text dann hier in der Reihe einfügen.

Heute soll zunächst auf den link aufmerksam gemacht werden. Die Kinderhilfe Afghanistan konzentriert ihre Arbeit auf die Grenzregionen zu Pakistan. Das ist ein besonders sensibles Gebiet.

Die Kinderhilfe Afghanistan “unterstützt in den Ostprovinzen Afghanistans und in grenznahen Flüchtlingslagern Friedensschulen, Mutter-Kind-Kliniken, Gesundheitsstationen, Waisenhäuser, Solarwerkstätten und weitere Projekte, die allesamt realistische Perspektiven für eine friedliche Zukunft des Landes am Hindukush bieten”. So schreibt es Dr. Erös auf der Homepage der Initiative.

Die KINDERHILFE AFGHANISTAN ist eine private Initiative der Regensburger Familie Dr. med. Reinhard und Annette Erös und ihrer fünf Kinder Veit (30), Urs (29), Welf (28) und der Zwillinge Cosima und Veda (18). Die Organisation wurde 1998 gegründet und unterstützt afghanische Kinder und Frauen in OST-AFGHANISTAN mit medizinischen und schulischen Einrichtungen. Der Bundeswehrarzt Dr. Erös hat über zwanzig Jahren Erfahrung im Bereich humanitärer und Katastrophenhilfe in Indien, Bangladesch, Kambodscha, Pakistan, Afghanistan, Iran, Albanien, Ruanda und Ost-Timor mit UNO, NATO und Internationalen Hilfsorganisationen.

Der Bundeswehrarzt im Range eines Oberstarztes Dr. Erös ist ein Mann der Tat. Er tut, wovon er überzeugt ist.

Dr. Erös engagiert sich seit 1985 in und für Afghanistan.1987 hatte sich er für mehrere Jahre von der Bundeswehr ohne Geldbezüge beurlauben lassen und lebte mit seiner Frau und seinen vier Söhnen bis Ende 1990 in der afghanisch-pakistanischen Grenzstadt Peschawar.
Dr. Erös arbeitete als Ärztlicher Leiter einer deutschen Hilfsorganisation im afghanischen Kriegsgebiet. Über 180 000 Kranke und Verletzte pro Jahr wurden in Afghanistan unter schwierigen und gefährlichen Kriegsbedingungen medizinisch versorgt.

Mir gefällt sehr, daß der ehemalige Bundeswehrarzt mit seiner Arbeit auch Resonanz in der ARD und anderen großen Medien gefunden hat. Eine ARD-Dokumentation gibt Auskunft über diese Arbeit:

ARD-Dokumentation: Kampf um die Kinder

Afghanistan zwischen Krieg und Hoffnung

Der Film begleitet Reinhard Erös auf einer seiner gefahrvollen Reisen durch Afghanistan. Er zeigt das Leben in der afghanischen Provinz, wo sich seit dem Krieg gegen die Russen kaum etwas verändert hat und berichtet von der Arbeit der Kinderhilfe Afghanistan für die Zukunft dieses Landes mit dem Bau und Unterhalt von Schulen und der Schaffung von Arbeitsplätzen und Gesundheitsstationen. Als erstes Filmteam aus dem Westen besucht die Crew die Universität der Taliban-Bewegung, die Jamia Hakkania im Norden Pakistans.

Wenn Sie an dieser Dokumentation interessiert sind, können Sie die DVD bestellen bei:

Dr. med. Reinhard und Annette Erös – Im Anger 25 – 93098 Mintraching – Tel.: (09406) 90560
eMail: eroes@kinderhilfe-afghanistan.de


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