Author Archives: ulrichkasparick

Staatssekretär a.D. (2005-2009); Diplom-Theologe und Körpertherapeut; Mitglied des Deutschen Bundestages 1998 – 2009, Buchautor
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Das kommt mir spanisch vor. Oder: etwas von der Madonna.


"Rex Christos" am Ende Europas mit dem Blick nach Afrika.....Tarifa liegt in Andalusien. Dieser “letzte Ort Europas” an der Straße von Gibraltar birgt zahlreiche Zeugnisse der Begegnung zwischen Afrika und Europa, zwischen Islam und Christentum, zwischen reicher und ärmerer Welt. Ein Foto geht mir nach. Man sieht im kleinen Hafen von Tarifa auf der Kaimauer eine Statue, die nach Afrika hinüber blickt. Auf dem Sockel der Statue eingraviert ein lateinisches “R” und ein “chi”. “Rex christus”. Das ist gedacht gewesen als Kampfansage des katholischen Spanien gegenüber “den Muslimen”, die, zunächst 710 mit einer kleinen Gruppe von Kundschaftern kommend, dann ab 711 im Lande nach und nach die Macht übernahmen, bis sie – in Tarifa 1292, in anderen Orten später – wieder vertrieben wurden und der spanische Katholizismus seine Macht festigte. Noch heute feiert man diese Ereignisse. Noch heute ist die Auseinandersetzung zwischen spanischem Katholizismus und Islam in den Feierlichkeiten wirksam. Noch heute findet sich der Zusatz “….de la Frontera” in der Ortsbezeichnung so mancher andalusischen Stadt. Orte “an der Front”.
Vor dieser Statue auf der Kaimauer ist ein Polizeischiff der Küstenwache zu sehen. Es dient auch der Abwehr von Flüchtlingen.
Ich finde solche Zeugnisse bedrückend.
Als sich politische Macht das Christentum aneignete und instrumentalisierte, geschah etwas Ungeheuerliches: der die Gewaltlosigkeit predigende Sohn eines jüdischen Zimmermanns, aufgewachsen in ärmlicher Umgebung, wurde zum Machtsymbol.
Eine entsetzlichere Verdrehung der Botschaft des Christentums ist nicht vorstellbar.
Wenn man sich mit der Geschichte der Entdeckung der “Neuen Welt” befasst (das bleibt nicht aus, wenn man in Spanien ist), mit der Unterwerfung der dort lebenden Bevölkerungen – in nicht wenigen Gegenden kam diese Unterwerfung praktisch einer Ausrottung gleich- wird erschreckend deutlich, wozu ein missverstandenes “macht Euch die Erde untertan” geführt hat.
Gegenwärtig rüstet Europa wieder und weiter auf. Vor allem gegen Flüchtlinge aus Afrika. Viele Millionen Dollar werden ausgegeben, um Zäune zu errichten,  um Schiffe auszurüsten, um Fluchtwege zu “verstopfen”.
Dieses Foto mag ein Symbol dafür sein. Wie ein Menetekel steht es da und kündigte schon vor etlichen Jahrhunderten an, worum es gehen würde. Um die Abwehr des Bruders.
Es geht darum, die eigene Macht zu behaupten. Und dabei soll auch die Madonna helfen.

Madonna und Bodega. Prozession in Sevilla

Madonna und Bodega. Prozession in Sevilla

Wenn man in Andalusien Gelegenheit hat, an einer der vielen dort üblichen Prozessionen teilzunehmen, bei der eine Madonnenfigur aus der Heimatkirche herausgetragen, durch den Ort geführt, öffentlich gezeigt und dann wieder in die Heimatkirche getragen wird, dann wird man den Eindruck nicht los, dass es bei diesen Prozessionen auch darum geht, zu zeigen, wer die Macht im Lande hat. Diese Prozessionen hinterlassen sogar bei Menschen, die sich für areligiös halten, einen starken Eindruck. Über 80 Bläser gehen, in langsamen Schritt, mit Posaunen, Oboen, Klarinetten, Saxophonen, Pauken und Becken musizierend hinter der schwankenden Patronin her, die von Freiwilligen getragen wird, die sich die Augen haben verbinden lassen, nur geführt von sparsamen Signalen eines Vormannes. Junge Männer, denen es eine Ehre ist, die zentnerschwere Madonna zu tragen.
Die Plätze sind voll. Zu Tausenden stehen die Menschen, begrüßen die Madonna, die gleichzeitig immer auch Patrona des Ortes oder einer Zunft ist, klatschen, fotografieren, wollen in ihrer Nähe sein. Man kann den Eindruck haben, da würde eine ägyptische Gottheit durch die Stadt getragen. Ganz Ursprüngliches wird da bei den Menschen berührt. Und die Menschen wollen es. Beteiligen sich. Freiwillig. Kommen zu Tausenden, nicht nur als Besucher, sondern sie wollen “mit der Madonna mitgehen”.
“Ich bin da. Ihr braucht euch nicht fürchten” so ist eine der Botschaften, die von der Patrona ausgeht, wenn sie mitten durch die Märkte, durch die engen Gassen voller Cafes und Restaurants, vorbei an Kneipen und Bodegas getragen wird. Mitten im andalusischen abendlichen Alltag erscheint sie, geht durch das Volk, und verschwindet wieder…..
Sie zeigt auch, wer die Macht tatsächlich hat im Lande.
Parteien kommen und gehen. Die Madonna bleibt.
Und das Volk liebt sie auf eine Weise, gegen die die scheinbar Mächtigen ganz und gar ohnmächtig sind. Weshalb sie sich mit ihr verbünden.
Das ist jedoch nicht unproblematisch, insbesondere, wenn es um die Beziehungen zu anderen, beispielsweise muslimischen Völkern geht.
Die Geschichte der Verfolgung Andersgläubiger ist lang in Spanien. Schon 100 Jahre vor der Inquisition hat man in Sevilla systematisch mit der Verfolgung von Juden begonnen, denen man vorwarf, nicht wirklich zum Christentum konvertiert zu sein. Die gebildeten Juden flohen in die Metropolen Europas – nach Paris, Hamburg, in die Türkei. Die Handwerker flüchteten nach Nordafrika. Es ist eine grausame, tief schwarze Geschichte, die da in Andalusien und anderen Orten stattgefunden hat. Vom jüdischen Viertel Santa Cruz in Sevilla steht praktisch nur noch ein einzelnes Grab – mitten in einem Autoparkplatz, alles andre ist Legende für Touristen. Von den zahlreichen Synagogen des Viertels gibt es faktisch keine mehr. Sie sind längst zu katholischen Kirchen geworden. Santa Cruz ist das zentrale Beispiel dafür.
Wie also wird es weitergehen zwischen katholischem Christentum und Islam?
Die Auseinandersetzung ist uralt. Gegenwärtig eskaliert die Auseinandersetzung erneut. Das christliche Abendland hat eine Allianz von über 40 Staaten gegen einen radikalen IS geschmiedet, der alles zerstören will, was sich nicht seinem Willen unterwirft.
Die entscheidende Frage aber wird wohl nicht sein, wer gegen wen gewinnt, sondern, ob und wie es nach all der fürchterlichen Geschichte der Intoleranz und gegenseitigen Vernichtung nicht doch endlich gelingen kann, dass die Bruderreligionen in der einen Welt friedlich nebeneinander und vielleicht sogar miteinander leben. Dass die Begegnung der Kulturen auch zu wundervollem Reichtum führen kann, zeigt ja auch gerade Andalusien. Die Begegnung der arabischen Architektur mit der Gotik ist sicher eines der beeindruckendsten Beispiele dafür. Zu besichtigen zum Beispiel in Grenada.
Wie also kann es gelingen, dass die Bruderreligionen lernen, nebeneinander und vielleicht gar miteinander zu leben?
Es wird dabei auf diejenigen in beiden Religionen ankommen, die sich nicht von der Gewalt, sondern vom eigentlichen, ursprünglichen Kern ihrer Religion bestimmen lassen. Es wird dabei auf diejenigen in beiden Religionen ankommen, die von der Versöhnung, von der Begegnung, von der wechselseitigen Bereicherung sprechen und in ihr eine wirkliche Perspektive gemeinsamen Lebens erkennen.
Solche Stimmen haben es gegenwärtig schwer. Es kommt darauf an, sie zu stärken.

Für einen kurzen hellen Moment hatte ich gehofft….


Für einen kurzen hellen Moment hatte ich gehofft, die internationale Staatengemeinschaft hätte sich angesichts ihrer jüngsten Erfahrungen im “Kampf gegen den internationalen Terrorismus” (zum Beispiel in Afghanistan) darauf verständigt, die etwa eine Milliarde Dollar pro Monat (!), die der militärische Einsatz gegen den IS nach Schätzungen der US-Regierung kostet, in Entwicklungszusammenarbeit in eben jene instabilen Staaten zu investieren, aus denen sich die IS-Terroristen rekrutieren, statt wieder – wie in Afghanistan – nach Militär zu rufen.

So weit ist die Staatengemeinschaft jedoch noch nicht.
Die alten, vielfach gescheiterten Prioritäten der Weltgemeinschaft sind nach wie vor: zuerst das Militär, dann erst – sehr viel später – wirkliche Hilfe, wenn überhaupt.
Nationale Interessensicherung geht vor Weltinnenpolitik.
Die Folgen sind sichtbar:
Die UN haben gerade veröffentlicht, dass man beim Hilfswerk UNHCR nun die Lebensmittelrationen für die syrischen Flüchtlinge kürzen müsse, einfach, weil das benötigte Geld für die Flüchtlingshilfe fehle.

Also: eine Milliarde Dollar pro Monat für Militär sind vorhanden. Schließlich sind eigene Interessen berührt.
Geld für die Ernährung von Flüchtlingen fehlt, denn das liegt nicht mehr im nationalen Interesse.
Von wirklicher struktureller Hilfe, von wirklicher Weltinnenpolitik (Willy Brandt)  redet niemand. Das ist ja auch nur Pazifisten-Gedöns. Das braucht man nicht ernstnehmen.
So sind die Realitäten.
Seltsam ist nur, dass die “Flüchtlingshilfe” als Argument für den Einsatz des Militärs herhalten muss.
Man sagt, jetzt könne “nur noch das Militär” den Flüchtlingen helfen. Gern wird in dem Zusammenhang der Hitler zitiert. Auch den hätte man schließlich nur mit Waffen besiegen können.
Das klingt aber, bei genauerem Hinsehen, als wolle man den syrischen Flüchtlingskindern Patronen zu essen geben.

Die UN-Vollversammlung hat in der vergangenen Woche einige wichtige Reden hören lassen, bei denen über Gründe und Ursachen von Terrorismus nachgedacht wurde. Es waren nur einige wenige, dafür aber um so wichtigere Reden. Da war von den Folgen der Kolonialzeit die Rede; von bestehenden und wachsenden Ungerechtigkeiten zwischen reicher und armer Welt. Da war davon die Rede, dass die reiche Welt nicht unbeteiligt war am Erstarken des Terrorismus weltweit. Wenige, wichtige Reden. Kaum gehalten, waren sie schon wieder überhört.

Diese wenigen Reden enthielten aber Hinweise darauf, dass es womöglich auf ein neues Denken ankäme, um die bestehenden Probleme erfolgreicher anzugehen, als in der Vergangenheit.
Gibt es erste Bausteine für ein solches neues Denken?
Neu wäre es, wenn nicht mehr das Denken in militärischen, sondern ein Denken in zivilen Kategorien Priorität bekäme.
Das allerdings wird in den gängigen Sonntagsreden gern als Scharlatanerie abgetan. Es handle sich um “Träumereien”, so wird geäußert, so als sei es eine gesicherte Erkenntnis, dass ein Denken in zivilen Kategorien per se nicht erfolgreich sein könne – dabei ist es noch nie gewagt worden.
Gewalt löst keine Gewalt – das ist seit langem bekannt (interessanter Weise rufen vor allem alte Männer nach solcher Gewalt, die selber gar nicht mehr in Verlegenheit kommen, eingezogen zu werden).
Deshalb ist es an der Zeit, ja geradezu notwendig, Neues zu wagen.
Wenn die etwa eine Milliarde Dollar pro Monat in Entwicklungszusammenarbeit investiert würde (verbunden natürlich mit dem gesamten Instrumentarium, über das moderne Entwicklungszusammenarbeit mittlerweile verfügt, von capacity building, über Ausbildung bis hin zu microfinance) statt in Zerstörung (bekanntlich wachsen der Hydra mit jedem abgeschlagenen Kopf mehrere neue nach) – dann könnte das ein wirkungsvoller neuer Ansatz sein. Eingeschlossen sind selbstverständlich auch gerechtere Regelungen, was den Zugang zum Weltmarkt anbelangt.

Doch davon ist die Weltgemeinschaft weit weit entfernt. Zu groß ist der Einfluss alten Denkens. Zu eingeschliffen sind die alten Rituale der Konfliktlösung im Interesse meist reicherer Nationalstaaten. Zu wenig Bereitschaft ist vorhanden, wirklich neue, mutige Wege zu gehen.
Es will partout nicht gelingen, neues Denken durchzusetzen.
Immer wieder wird mit alten Rezepten auf neue Herausforderungen reagiert.
Man kann die Ursachen von Terror und Gewalt aber nicht mit Militär bekämpfen. Es genügt nicht, die eigenen Interessen als die “guten” und die anderen als die “bösen” zu kategorisieren.
Auch das ist bekannt und wird immer wieder gesagt.
Aber die konkreten Prioritäten im konkreten Handeln sind dann eben doch immer wieder die alten.
Eine Milliarde Dollar pro Monat für Luftangriffe und Waffenlieferungen.
Fehlendes Geld für wirkliche Hilfe.
Das ist der Stand der Erkenntnis.
Zu mehr hat es noch nicht gereicht.

 

Kein Friede ohne Gerechtigkeit – etwas über die Quellen des Terrorismus


Nach dem 11. September 2001 fragten einige wenige, zudem zaghafte Stimmen: “Was haben wir euch getan, dass ihr uns so sehr hasst?” Eine Frage, der man nicht weiter nachging.
Dabei ist es die eigentlich wesentliche Frage: was sind Gründe für Terrorismus?
Statt nach den Gründen zu fragen, begnügten sich die Handelnden jedoch, Terror zu “bekämpfen”. Und zwar mit militärischen Mitteln.
Das Ergebnis war ein Erstarken der privatisierten Gewalt.
Vor der UN-Vollversammlung hat der iranische Präsident Hassan Rohani nun erneut nach den Gründen für Terrorismus gefragt.
Und er hat die Frage mit den Sätzen beantwortet:
Terrorismus sei das Ergebnis von Armut, Unterentwicklung, Diskriminierung, Demütigung und Ungerechtigkeit. “Man muss diese Wurzeln kennen, wenn man die Quellen des Terrorismus austrocknen will.” Das habe der Westen nicht verstanden. “Die heutige Feindseligkeit gegen den Westen ist das Ergebnis des Kolonialismus von gestern und des Rassismus von gestern.” (Deutschlandfunk vom 25. 9. 2014)

Was ist die Antwort der Weltgemeinschaft auf den Terror des “Islamischen Staates”?
Die Antwort ist wieder vor allem militärischer Natur.
Wieder wird nicht nach den Gründen für die Zunahme der privatisierten Gewalt gefragt.
Doch nicht nur militärische “Antworten” (vor allem Luftangriffe) werden gegeben, sondern eine Verschärfung der Sicherheitsbestimmungen, die mit einer überaus fraglichen Einschränkung von bislang geltenden Individualrechten einhergeht, ist ebenso die Folge.
In einer einstimmig angenommenen Resolution hat der UN-Sicherheitsrat nun die Möglichkeit eröffnet, “Terroristen” die Staatsbürgerschaft zu entziehen.
Die  Staaten können nun also Menschen, die sie zu “Terroristen” erklärt haben – auf Empfehlung der Geheimdienste – im eigenen, nationalen Interesse, zu Staatenlosen machen. Es ist übrigens wenig überraschend, dass diese Resolution einstimmig verabschiedet wurde, denn sie eröffnet den Staaten nun die Möglichkeit im Namen der “Bekämpfung des internationalen Terrorismus” gleich auch noch andere aus ihrer Sicht notwendige Regelungen zur Verbesserung der eigenen Sicherheit zu regeln. Es genügt ja nun, Menschen unter Terrorverdacht zu stellen. Und die Geheimdienste werden genügend “Anhaltspunkte” finden, um gegenüber der Öffentlichkeit Menschen zu “potenziellen Terroristen” erklären zu können.
Die damit verbundene Hoffnung, man könne den Terrorismus auf diese Weise austrocknen, ist jedoch irrig.
Denn diese “Antworten” auf den Terror des IS beseitigen nicht die Ursachen des Terrors.

Friede ist nicht ohne Gerechtigkeit zu haben. Das wissen schon die alten Texte, die uns in der Heiligen Schrift überliefert sind.
Es ist eine sehr alte Erkenntnis.
Aber sie ist angesichts der aktuellen Auseinandersetzung um den “internationalen Terrorismus” verloren gegangen.
Deshalb sei an diese alte Einsicht jetzt erinnert.
Solange Staaten glauben, sie dürften im eigenen, nationalen Interesse andere Länder und Völker demütigen, sie in Armut halten, ihre Rohstoffe ausbeuten, ihre Umwelt zerstören, ihnen Zugang zum Welthandel verwehren – solange sprudeln die Quellen des Terrors weiter. Und kein Krieg wird das ändern. Ganz im Gegenteil, der “Krieg gegen den Terror” wird die Not der Menschen noch mehr vergrößern – vor allem das Elend der vielen Millionen Flüchtlinge. (2013 gab es über 51 Millionen Flüchtlinge weltweit. Der höchste Stand seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Hauptfluchtursache: die zunehmende Zahl von Kriegen. Sagt das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR).

Wenn die reichen Staaten nicht endlich ihren Beitrag zu mehr Gerechtigkeit in der Welt leisten
wenn die reichen Staaten nicht aufhören, ärmere Staaten auszubeuten, deren Natur und natürlichen Lebensbedingungen irreversibel zu zerstören (Klimawandel!),
wenn die reicheren Staaten nicht aufhören, “Kolonialismus mit anderen Mitteln” im Namen von “Freiheit und Wachstum” fortzusetzen
dann wird der Terror nicht enden. Er wird noch nicht einmal weniger werden, sondern eher zunehmen.
Die Völker der Welt werden diesen alten Zusammenhang neu buchstabieren müssen: Frieden gibt es nicht ohne Gerechtigkeit.
Damit ich nicht missverstanden werde: Terror ist niemals zu entschuldigen.
Aber wenn man ihn erfolgreich bekämpfen will, muss man nach seinen Ursachen fragen und nicht nur einfach “draufhauen”.

Die Herausforderung ist enorm, denn die Gewalt nimmt zu. Nicht nur die Gewalt, die vom Terror ausgeht, auch die Gewalt, die mit den Mitteln des Marktes durchgesetzt wird.
Deshalb sind die sogenannten “Freihandelsabkommen”, die zwischen den Staaten der reicheren Welt abgeschlossen wurden und noch abgeschlossen werden sollen genau daraufhin zu prüfen, ob sie nicht einen weiteren Beitrag zur Ausbeutung der ärmeren durch die reichere Welt leisten.
Ein Wirtschaftssystem, das vor allem auf Kosten der ärmeren Länder lebt und noch weiter wachsen will – das ist das erklärte Ziel dieser sogenannten Freihandelsabkommen – ein solches Wirtschaftssystem leistet einen nicht unerheblichen Beitrag dafür, dass der Terror weltweit zunimmt. Das muss man sehen, auch wenn es unbequem ist.
Terrorismus ist das Ergebnis von Armut, Unterentwicklung, Diskriminierung, Demütigung und Ungerechtigkeit. Man muss diese Wurzeln kennen, wenn man die Quellen des Terrorismus austrocknen will.

 

Nachdenken über 9/14


Ausgerechnet am Gedenktag des Anschlags auf das World-Trade-Center vor 13 Jahren hat der amerikanische Präsident eine Rede gehalten, in der er darlegt, die USA seien nun nicht nur zu Luftangriffen gegen den IS im Irak, sondern auch zu Luftschlägen in Syrien bereit.
Seine Begründung lautet:
“Obwohl wir noch keine spezielle Verschwörung gegen unser Heimatland entdeckt haben, haben IS-Anführer Amerika und unsere Verbündeten bedroht.” So berichtet das ZDF.

Festzuhalten ist:
die USA wurden nicht angegriffen.
Es gibt nach Auskunft des Präsidenten nicht mal Hinweise auf eine “spezielle Verschwörung gegen unser Heimatland.”
Ein UN-Mandat für diesen “Kampf gegen den IS” gibt es bislang nicht.

Es ist völlig unklar, auf welcher völkerrechtlichen Grundlage nun diese “Allianz der Willigen und Fähigen” (John Kerry) gebildet werden soll und ja schon ist.
Deutschland ist diesmal mit Waffenlieferungen an die Peshmerga im Nordirak mit von der Partie.
Als Haupt”argument” wird immer wieder vorgetragen, man könne “dem Morden durch die IS nicht einfach tatenlos zusehen.”
Zudem wird auf Flüchtlingsströme hingewiesen, die es zu schützen gelte.
Deshalb sei dem IS nun nur noch mit militärischen Mitteln beizukommen.

Besonders bedrückend ist, dass sich etliche, auch öffentlich wahrgenommene protestantische Theologen völlig unnötig und beinahe anbiedernd zum Sprachrohr der Waffenlieferanten machen. 

Keiner spricht über politische Lösungsansätze.
Niemand unternimmt ernsthaft den Versuch, dem IS die Geldquellen zu entziehen.
Niemand unternimmt den Versuch, eine politische Allianz zu schmieden, die dem IS die Grundlage entzieht.
Niemand fragt ernsthaft nach den Gründen für das Erstarken des IS.

Die Öffentlichkeit ist weitgehend dem Denken in militärischen Kategorien verfallen. Der Aussenpolitiker der Union Mißfelder, schließt gar einen “Kampfeinsatz der Bundeswehr nicht aus”. (Quelle hier).
Ein Denken in politischen Kategorien gilt als “unrealistisch”, als “realitätsfern”, wird verhöhnt, lächerlich gemacht.

Ein Ausstiegsszenario? Gibt es nicht.
Ein klares politisches Ziel? Gibt es nicht.
Die Dauer dieser “Kampagne” (Obama): “mindestens drei Jahre”.
Die völkerrechtliche Grundlage? Fehlanzeige
Die Folgen insbesondere für syrische und irakische Flüchtlinge? Ihre Zahl wird noch größer werden.

Dem IS ist es offensichtlich gelungen, eine große Zahl von Staaten in einen Konflikt hineinzuziehen, der militärisch nicht lösbar ist. Das hat die Welt nicht zuletzt in Afghanistan gesehen, als es schon einmal darum ging, dem “islamistischen Terror” militärisch zu begegnen. Das Ergebnis war, dass der IS stark wurde. Wenn es dem IS gelingt, der Welt ein Denken in militärischen Kategorien aufzuzwingen, hat er ein wesentliches Ziel erreicht. Denn seinen “Kämpfern” ist es egal, ob sie ums Lebens kommen.
Alle in dieser “Allianz der Willigen und Fähigen” beteiligten Staaten werden nun potentielle Ziele sein in einer “Zeit der privatisierten Gewalt” (Eppler).

Und am Ende des Tages wird man wohl vermutlich wieder erkennen, was ja in Afghanistan und anderen Orten bereits zu besichtigen war: Gewalt gebiert neue Gewalt. Mit jedem Kopf, den man der Hydra abschlägt, werden zwei neue nachwachsen.
Blut kann man nicht mit Blut abwaschen (v. Suttner).

 

 

Zwei Tage im September


kleine Kaffee-Pause am Vorbereitungstag

kleine Kaffee-Pause am Vorbereitungstag

Zwei mal im Jahr nehmen wir mit unserem Internet-Garten teil am “Tag des offenen Gartens”, an dem etwa 30 Gärten in der Uckermark beteiligt sind. Im Juni zur Hauptblüte und im September, wenn einige der Rosen ein zweites Mal blühen. Diese Tage lassen das Netzwerk von Menschen, die den Garten kennen und unterstützen jedes Mal ein Stück weiter wachsen.nach getaner Arbeit erholt sich der "Rosengarten-Club" bei einer Tasse Kaffee

Schon zur Vorbereitung des Gartens sind Helfer gekommen. 10 Leute am Vormittag, nochmals sechs Helfer am Nachmittag.
Nicht nur Rasenflächen sind zu mähen, im Garten selbst wird in den Beeten Unkraut beseitigt, Bänke werden gestellt, Stühle sind zu tragen.
Kleine Zeltdächer werden aufgestellt, damit die Gäste, falls es mal einen Regenschauer geben sollte, etwas Schutz finden.
Im Haus selbst wird eine “Schlechtwettervariante” vorbereitet. Man kann ja nie wissen, ob das Wetter hält. Schließlich ist schon September.

junge Musiker vom Konservatorium für Türkische Musik Berlin am Rosengarten

junge Musiker vom Konservatorium für Türkische Musik Berlin am Rosengarten

In diesem Herbst gibt es eine weitere Neuerung: die Besucher können nicht nur den Garten besuchen, etwas über seine Entstehungsgeschichte hören, sondern wir haben einen “Türkischen Abend am Rosengarten” geplant, der in Zusammenarbeit mit dem Türkisch-deutschen Club in Potsdam (Vorsitzender: Hikmet Güvenc) vorbereitet wird. Herr Hasan Kaygusuz von der Firma Ka-Energy Solulutions (www.ka-energy.com) war so freundlich und hat einen Kontakt zu drei jungen Musikern vom Konservatorium für Türkische Musik hergestellt, die uns klassische Musik aus ihrem Heimatland vortragen.

Einer von ihnen macht grade sein Abitur, einer wird Geschichts-Lehrer und einer studiert Wirtschaftswissenschaften.
Und alle drei begeistern sich für klassische Musik.

 

 

 

IMG_2499_1Dem Publikum gefällt es.
Das Wetter hat gehalten. Wir können unter freiem Himmel draußen sein und genießen in wunderbarer Atmosphäre die Musik, haben Gelegenheit zum Gespräch und zum Kennenlernen.
Direkte Begegnung fördert die Verständigung der Kulturen am besten.
Und Musik hilft dabei allemal.
Corinna Woldegk, die ein wunderbares orientalisches Buffet zubereitet hat, bekommt Lob aus berufenem Munde: “Bei diesem Essen und dieser Musik habe ich mich wie zu Hause gefühlt” sagt Hikmet Güvenc.
Prima. So soll es sein. Die Menschen sollen sich bei uns “wie zu Hause” fühlen.

Bis in den späten Abend sitzen wir beieinander, erzählen, hören zu, genießen den milden Abend. Sogar der Vollmond kommt gezogen. Ein wunderbarer Abend, der viele neue Kontakte ermöglicht, der den Kreis der Freunde und Förderer des Rosengartens weiter wachsen lässt.
Der Sonntag bringt einen neuen Impuls.
Carmen Winter, die ich bislang nur von facebook kannte, ist gekommen, um zu lesen.
Die Brandenburgerin, die in Frankfurt/Oder lebt und schreibt, liest aus ihrem Buch “Der König und die Gärtnerin”. Wunderbar präzise gearbeitete Literatur über ein ungleiches Paar.

Der zweite Tag endet mit einer kleinen Orgelmusik in der alten Hetzdorfer Dorfkirche.
Wir haben unserem Schirmherrn, Herrn Stefan Zierke, MdB, Frau stv. Landrätin Carina Dörk und dem langjährigen Vorsitzenden des Vorstands der Kreissparkasse Uckermark, Herrn Uwe Schmidt für alle Unterstützung zu danken.
Zu danken ist den vielen Helferinnen und Helfern, die den Garten vorbereitet haben und betreuen und – nicht zuletzt – den vielen Besucherinnen und Besuchern, die sich auf den Weg gemacht haben, um mal mit eigenen Augen zu besehen, was es mit diesem seltsamen Gärtchen, das vor zwei Jahren im Internet entstand und nun so wunderbar blüht und gedeiht, in Wirklichkeit auf sich hat.

 

Tempo!


Etwa 1500 mal schneller als ein Wimpernschlag ist ein Geldgeschäft im internationalen Hochfrenzhandel geworden. Enorme Geldströme werden so im Bruchteil einer Millisekunde ausgelöst – mit entsprechenden Folgen. Ein solches System ist nicht mehr kontrollierbar.
Frank Schirrmacher und andere haben auf die Folgen einer solchen Entwicklung, die ein immer höheres Tempo von den Menschen verlangt, hingewiesen.
Auch der politische Prozess unterliegt einem enormen Termin- und Zeitdruck.
Der hat selbstverständlich Auswirkungen auf die Qualität der Entscheidungen. Nicht selten, eher zunehmend, werden Entscheidungen getroffen, die mit “heißer Nadel” genäht sind – und deshalb nicht von Bestand sind.
Da ich lange Jahre meines Lebens diesen Prozessen selbst unterworfen war, kenne ich sie ziemlich gut auch von innen.
Allerdings ist jeder Mensch frei, sich dem zu entziehen und nach Alternativen Ausschau zu halten.
Es gibt mittlerweile eine weltweite Suchbewegung, die nach Alternativen zu diesem “immer schneller” sucht, um wieder ein menschliches Maß für das Leben zu finden. Denn die zerstörerischen Folgen einer sich immer mehr beschleunigenden Gesellschaft sind ja nicht mehr zu übersehen.
ARTE hat dieses weltweite Suchbewegung im Film “Schluss mit schnell” kürzlich eindrucksvoll dokumentiert.
Wir sind mit unserem Projekt “Internetgarten” Teil dieser weltweiten Suchbewegung.

Garten 5.9.140242

Der Garten am 4. September 2014

Garten am 12.4.2012

Die Anlage des Gartens am 12. April 2012

Einer sich immer mehr beschleunigenden Gesellschaft, die möglichst alles jetzt und sofort “haben” möchte, dabei nicht selten das Leben selbst aus dem Blick verliert und sogar seine Grundlagen zerstört, setzen wir hier einen Lebensentwurf entgegen, der sehr wohl ein klares Ziel verfolgt, aber bei dessen Umsetzung wir das Tempo der Natur beachten, Beharrlichkeit üben, Achtsamkeit trainieren und Kooperation praktizieren.

Es geht uns darum, im Leben wieder ein “menschliches Maß” zu finden. Eine ausgewogene Balance zwischen Denken und Tun, zwischen Einatmen und Ausatmen, zwischen Tun und Lassen, zwischen actio und contemplatio. Uns zunächst fremd erscheinende Kulturen und Religionen betrachten wir dabei nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung.
Die Resonanz ist überraschend und manchmal auch überwältigend. Wir haben ein sehr großes mediales Interesse erleben können: ZDF, ARD, MDR, NDR, Süddeutsche, Tagesspiegel und andere waren da und haben geschrieben oder darüber Sendungen produziert, was man mit einer Idee und einem Laptop so anfangen kann.
Etwa 35.000 Menschen verfolgen das Projekt via Internet. Über 4.000 Menschen waren schon persönlich zu Besuch.
Wir freuen uns darüber.
Aber wir lassen uns davon nicht aus dem Takt bringen. Bleiben beim ruhigen, konsequenten Wechsel zwischen Tun und Lassen.
Wir lassen uns nicht mehr hetzen.
Offensichtlich hat dieses Garten-Projekt einen Nerv getroffen. Offensichtlich sieht eine zunehmende Anzahl von Menschen, dass ein einfaches “weiter so – aber noch mehr Tempo!” nicht zielführend ist. Und offensichtlich tut sich etwas. Immer mehr Menschen beginnen konkret, nach Alternativen zu suchen und sie zu entwickeln.
Das ist angesichts der Zerstörungen, die wir weltweit sehen können, eine erfreuliche Entwicklung.

Unausweichlich.


Neue Sanktionen seien “unausweichlich” sagt der Russlandbeauftragte der Bundesregierung am 29. August 2014.
Ich denke diesem Wort nach.
“Unausweichlich”.
Da kommt man nicht mehr dran vorbei.
Das kriegt man nicht weg.
Das ist so gut wie sicher.
Dem kann man nicht mehr ausweichen, das wird so kommen, egal, was man unternimmt.
Dieses Auto wird an den Baum knallen – das ist unausweichlich bei dem Tempo, mit dem es angerast kommt.
Diese Eskalationsstufe ist unausweichlich – so, wie ein Berg, so, wie eine Betonmauer, so, wie ein Naturereignis.
Sagt er, der Beauftragte.
Und er meint damit: wir werden gemeinsam mit anderen weitere Sanktionen beschließen.
Da tut also einer was.
Was er auch nicht tun könnte.
Was also bedeutet “unausweichlich”? Ist es lediglich eine Behauptung? So, wie dieses seltsame Wort “alternativlos” eine Behauptung ist, eine schlichte zudem?
Es klingt jedenfalls ähnlich.
So, als gäbe es nichts andres.
Waffenlieferungen in Krisengebiete sind nun auch “alternativlos” und “unausweichlich”.
Es ginge jetzt nicht mehr anders, wird behauptet.
Nun müsse man sogar in Krisengebiete Waffen liefern, das sei unausweichlich.
Da kann man nun nichts mehr machen.
Der Zug rast mit hohem Tempo auf den Felsen zu und dort wird er zerschellen, das ist unausweichlich.

Oder doch nicht?
Wenn eine Entwicklung wirklich für “unausweichlich” erklärt wird – dann ist das das Ende von Politik.
Das ist die Kapitulation vor der Eskalation, an der man selber beteiligt war, Schritt für Schritt.
Irgendwann ist dann der Punkt erreicht, an dem es kein zurück mehr gibt. Point of no return.
Dann knallt es – unausweichlich.
Wenn eine weitere Eskalationsstufe “unausweichlich” ist, dann kann man auch nach Hause gehen. Dann gibt es ja nichts mehr zu tun.
Es wird knallen.
So ist das dann.

Allerdings ist es nicht wirklich so.
Denn jeder einzelne Schritt wird besprochen, überlegt und dann entschieden. Schritt für Schritt, Stufe um Stufe.
Also gibt es doch Alternativen.
Den nächsten Schritt nicht zu gehen zum Beispiel.
Weil er einen an einen Punkt bringen würde – wo das Brett bricht. Unausweichlich.

Vor dem Ersten und auch vor dem Zweiten Weltkrieg haben Politiker den Menschen erklärt, ein Waffengang sei “nun unausweichlich.”
Wie viele Schritte brauchen wir noch, bis es knallt?
Noch einen? Noch zwei?
Oder sind wir schon den letzten Schritt gegangen, den wir noch frei entscheiden konnten?
Vielleicht ist es so.
Dann wird eine Entwicklung eintreten, die der Welt ganz und gar nicht gefallen kann.
Unausweichlich.

Kühne Hoffnung


“Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.”
(1. Brief des Paulus an die Gruppe der Christen in Korinth, Kapitel 13, Vers 12-13.
Ein Text etwa aus dem Jahre 54/55 n.Chr, geschrieben in Ephesus.)

Das ist die vielleicht kühnste Hoffnung, zu der Menschen fähig sind.
Denn die tagtäglich erfahrbare Realität widerspricht ihr in allem.
Die Liebe scheint keinesfalls die größte unter den dreien, sondern der Hass, die Ausgrenzung, das Feindbild.
Vor allem der Hass auf Menschen, die anders “glauben”, die politisch anders denken, die einem anderen Kulturkreis entstammen, einer anderen religiösen Tradition und Praxis.
Die Religionen haben leider einen großen Anteil an diesem Desaster, an dieser Zerstörung.
Wenn die Rechthaberei zur eigentlichen “Religion” wird, dann wird die Liebe erneut gekreuzigt.
Der Streit zwischen den Religionen, wer “richtig” glaube, oder wessen Gott der “wahre” Gott sei ist, neben anderen, ein wesentlicher Grund für die zahlreichen Konflikte der Gegenwart, das ist nicht zu übersehen. Dieser Streit kommt mir vor wie der Streit von Kindern, wen der Papa am liebsten habe. Das ist verständlich, aber kindlich. Es ist an der Zeit, erwachsen zu werden.

Weil aber Religionen nicht unerheblich zu den bedrückenden Konflikten in der Welt beitragen, drängt sich die Frage auf, ob und was sie beitragen könnten zum Frieden?
Dass sie einen Beitrag zum Krieg leisten können, ist offensichtlich.
Aber: welchen Beitrag können sie zum Frieden leisten?

Es gibt da einen uralten, sehr klugen Hinweis im ersten Buch Mose, im Kapitel 2, Vers 15, da ist “vom Beginn der Welt” die Rede.
Man kann dort lesen:
“Und Gott setzte den Menschen (Adam) in einen Garten, um ihn zu pflegen und zu bewahren.”
Der “Garten” bezeichnet offensichtlich die “Welt”.
Da steht nicht: er setzte “einen Christen” in den Garten; auch steht da nichts von einem “Juden” oder einem “Buddhisten” oder einem “Muslim”. Da steht: “einen Menschen”.
Und der Auftrag des Menschen ist es, diesen Garten zu pflegen und zu bewahren.
Er ist ihm anvertraut.
Diesen Hinweis könnten die Religionen beisteuern.
Sie könnten an diesen uralten Auftrag, an diese uralten “Einsetzungsworte” erinnern und vor allem: danach handeln.

“Pflegen und bewahren” bedeutet zunächst: dem anderen Adam, der da mit im “Garten” wohnt, oder der anderen “Eva”, nicht das Lebensrecht und das Recht auf ihre eigene Spiritualität und Frömmigkeit abzusprechen.
“Pflegen” bedeutet: niemand gibt mir das Recht, meinen eigenen Glauben, meine eigene Frömmigkeit von anderen Menschen zu verlangen oder sie sogar wegen ihrer Frömmigkeit zu bekämpfen.
“Pflegen” bedeutet: ich brauche selbst eine gute Praxis in meinem “eigenen Garten”.
Erst wenn meine eigene Spiritualität und Frömmigkeit wirklich “gute Praxis” ist, dann erst kann  ich mich um den “großen Garten” kümmern. Erst dann kann ich einen einigermaßen sinnvollen Beitrag liefern.
Solange ich das nicht tue, solange ich meinen “eigenen Garten” nicht pflege und bewahre, solange ich selber keine “gute Praxis” habe, solange kann ich dem Frieden nicht dienlich sein. Denn dann bliebe ich in der Logik des Hasses und der Gewalt gefangen.

Gute spirituelle oder religiöse Praxis führt zum Abbau von Aggression gegen andere, weil ich mein eigenes Aggressions- und Zerstörungspotential Schritt für Schritt, Stufe um Stufe wahrnehmen lerne. Ich lerne es wahrzunehmen, es anzuerkennen, es nicht zu verleugnen. Und eines Tages gelingt es vielleicht, es zu verwandeln, damit die darin enthaltene, zerstörerisch wirkende Energie, allmählich positiv wirksam werden kann.
Das ist der Weg der konsequenten Meditation, das ist der Weg des Gebets, das ist der Weg der “guten Praxis”.
Allerdings ist das ein durchaus mühsamer Weg.
Ein “steiler Pfad”.
Ein “schmaler Pfad”.
Diese Pforte ist eng.
Das weiß man in allen Religionen. Und das ist ein wichtiges Wissen.

Deshalb ist die oben formulierte Hoffnung so kühn.
Gegen allen alltäglichen Anschein wird hier eine Hoffnung formuliert, die kühner nicht sein könnte.
Denn: wer beginnt, diesen “steilen, schmalen Pfad” zu ersteigen?
Wer macht sich auf den Weg?
Wer beginnt mit der guten Praxis? Wer beginnt mit dieser großen Übung, an deren Ende die Einsicht steht: am Ende bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe. Und die Liebe ist die größte unter ihnen?

Für mich kann ich sagen: diese kühne Hoffnung hält mich am Leben.
Wenn mir auch die täglichen Nachrichten einreden wollen, der Hass sei “der größte unter ihnen”, wenn man zunehmend die Ansicht vertritt, angesichts aktueller Konflikte könne “nur noch militärische Gewalt” helfen – will ich daran festhalten, dass wir am Ende unseres Weges, auf dem wir so oft nur “wie durch einen Spiegel” schauen, also verzerrt, ausschnitthaft, vorläufig – die Wahrheit selbst erkennen.
Wenn diese kühne Hoffnung trügerisch wäre; wenn die Liebe (als Selbst- und Nächstenliebe) nicht “die größte” unter den dreien wäre, dann hätte das Leben seinen Sinn verloren.
Dann blieben nur noch Hass und Zerstörung,
Wenn sie aber “die größte” unter den dreien ist – dann gilt es, sich auf den Weg zu ihr zu machen.
Zu tun ist genug. Innen und außen.
Der Garten ist uns anvertraut, damit wir ihn pflegen und bewahren.

Beobachtungen eines Zeitungslesers


Wenn Waffen “Güter” genannt werden, ist Aufmerksamkeit nötig.
Denn die Sprache verrät, wenn sich fundamentale Sachverhalte ändern, sehr früh, dass sie sich ändern.
In der Pressekonferenz des deutschen Aussenministers und der Bundesverteidigungsministerin am 20. August 2014 konnte man dies beobachten: “Waffen” wurden zu “Gütern”, die man nun in den Nordirak bringen wolle. (20-Uhr-“Tagesschau” vom 20. 8. 2014) Nach langem Abwägen und langem Zögern, schweren Herzens und so weiter.
Da ändert sich also etwas.
Was ändert sich?
Zunächst: der bisherige Grundsatz deutscher Aussenpolitik, der aus guten Gründen lautet: “Keine Waffen in Krisengebiete”.
Das ist seit dem 20. August 2014 nun auch offiziell anders. Es handelt sich um einen Paradigmenwechsel.
Damit entstehen neue Fragen:
1. In welche Krisengebiete darf geliefert werden? Wenn in den Nordirak mit der Begründung, dort sei das Elend der Flüchtlinge groß und man dürfe nicht zusehen – weshalb dann nicht auch nach Syrien? Dort ist die Not noch größer.
2. Wer entscheidet? Es war zu erleben, dass zwei deutsche Minister vor die Presse traten und der Öffentlichkeit ihre Entscheidung mitteilten.
Was aber ist mit dem Parlament? Was ist mit der Opposition in Zeiten einer Großen Koalition, die von 80% der Abgeordneten getragen wird?
Es wird erst in der kommenden Woche mit der Angelegenheit befasst (Sondersitzung am Mittwoch), mal abgesehen von der Befassung im für Außenpolitik vorgesehen Ausschuss, was aber eine Selbstverständlichkeit ist.

Was ändert sich noch?
Die politische Sprache verändert sich in diesen Tagen auf dramatische Weise. Menschen, die Waffenlieferungen in Krisengebiete ablehnen, werden als “unverantwortlich”, als “Spinner”, als “weltfremde Träumer”, als “realitätsferne Gutmenschen” verunglimpft. (Zahlreiche Belege im Spiegel, Welt, Focus, Frankfurter Rundschau etc.), besonders in sozialen Medien.
Das Wort “Pazifist” ist (wieder!) zum Schimpfwort geworden.
Die Sprache verroht.
Sie ist Ausdruck eines verrohten Denkens.
Wenn die Sprache verroht, ist der Krieg nicht mehr fern. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele aus der Vergangenheit. Das war vor dem Ersten Weltkrieg nicht anders als vor dem Zweiten.
Mit der Sprache fängt es an.
Der vorläufige Gipfel dieser Entwicklung besteht womöglich in einem Text im FREITAG, in dem behauptet wird: “Pazifisten töten” – die Flüchtlinge nämlich, denen nicht durch Ausstattung kurdischer Einheiten mit Waffen geholfen würde.
Verdrehung der Fakten.
Wer den Einsatz von Waffen ablehnt, tötet.
Wer welche liefert, dient dem Leben.
Da steht die Welt auf dem Kopf.

Es fällt in diesen Tagen auf, dass die Befürworter von Waffenlieferungen in Krisengebiete – diskutiert wird das gegenwärtig am Beispiel des Vormarsches der IS im Irak – an Zahl zunehmen. Die print-Medien überwiegen in der Befürwortung von Waffenlieferungen.
Texte, die Waffenlieferungen in Krisengebiete ablehnen, nehmen an Zahl ab.
Es sind nur noch wenige Stimmen, die warnen.
Selbst Leute wie Rupert Neudeck fallen um (ZDF vom 20. August 2014) und befürworten Waffenlieferungen.
Und zwar Lieferungen von einigen NATO-Mitgliedsstaaten, keineswegs von allen.
Es gibt weder ein UN-Mandat in der Sache, noch einen hinreichend klaren Beschluss des Weltsicherheitsrates angesichts der Entwicklungen im Irak.
Einige europäische Staaten wollen Teile der Kurdischen Militäreinheiten mit Waffen ausrüsten.
Und Amerika fliegt Kampfeinsätze gegen die IS.

Selbst Kirchenleute wie der bayrische Landesbischof Bedford-Strohm befürworten den Einsatz militärischer Mittel.
Der Ruf wird immer lauter: “Zu den Waffen!”
Anders als vor dem Ersten Weltkrieg, gewiss.
Es geht – bislang – nicht darum, Truppen zu schicken.
Allerdings ändert sich die Sprache:
Allerdings ändert sich das bisherige Paradigma deutscher Aussenpolitik.
Allerdings ändert sich die Stimmung in maßgeblichen Medien (print, TV, besonders social media)
Allerdings ändert sich die Stimmung in der Bevölkerung.
Der Ruf wird immer lauter: “Zu den Waffen!” “Nur noch Waffen können helfen!”
Verknüpft ist dies mit der durch nichts bewiesenen überaus schlichten Behauptung: “Pazifisten sind weltfremde Spinner und tragen nichts zur Lösung der Konflikte bei.” (Joschka Fischer: “Gebetskreise helfen nicht gegen Terror”).

Ich schreibe diesen kurzen Text, weil ich vor allem auf die Veränderung der politischen Sprache in diesen Krisenzeiten aufmerksam machen will. Und auf die Folgen, die aus einer solchen Veränderung resultieren.
Denn mit der veränderten Sprache beginnen die tatsächlichen Veränderungen.
Wenn “Waffen” zu einfachen “Gütern” werden, die man nun in den Nordirak bringen müsse, dann findet eine Vernebelung, Verharmlosung und unredliche Schönrednerei eines faktischen Paradigmenwechsels hin zu mehr Militarisierung deutscher Aussenpolitik statt.
Wenn die Bundesverteidigungsministerin davon redet, es ginge darum “Tabus abzubauen” – dann ist das Gemeinte immerhin klarer.
Es geht um mehr militärische Beteiligung Deutschlands bei Lösungsversuchen in internationalen Konflikten.
Das muss jedem klar sein.

Und das kann nicht unwidersprochen bleiben.
Wenn eine veränderte Sprache zu verändertem Denken und damit zu verändertem politischen Handeln führt, wenn nun auch Waffenlieferungen in Krisengebiete als “alternativlos” kommuniziert werden, dann ist Wachheit notwendig.
Denn solches Denken stand bei etlichen großen Kriegen Pate.
Das war vor dem Ersten Weltkrieg nicht anders als vor dem Zweiten.

Eine unscheinbare Schönheit mit viel Erfahrung: die rosa gallica officinalis


rosa gallica officinalis im Internet-Rosengarten in Hetzdorf (Uckermark)

rosa gallica officinalis im Internet-Rosengarten in Hetzdorf (Uckermark)

Seit etwa 1310 wird sie in Europa kultiviert. Nicht im “Schaugarten”, sondern in der “medizinischen Abteilung” des Klostergartens.
Genau das fasziniert mich.
Und ich fange an, mehr über diese unscheinbare Schönheit zu recherchieren.
Denn der Internet-Rosengarten in Hetzdorf (Uckermark) ist in der zweiten Phase seiner Entwicklung: Angelegt wurde der Garten vor zweieinhalb Jahren. Über 2.000 Menschen haben ihn schon besucht. Die Resonanz in Fernsehen, Rundfunk und print war die erste große Überraschung, die der Garten bereit hielt.
Etwa 32.000 Menschen in 23 Ländern kennen unser Projekt mittlerweile. Das Internet machts möglich.
Nun ist die Phase 1, der Aufbau des Gartens, abgeschlossen.
Die Phase 2 beginnt:
Wir denken über Vermehrung unserer Pflanzen nach und über Produktentwicklung.
Die Frage ist: was wussten die Altvorderen von dieser Pflanze? Welche Produkte sind aus dieser “Apotheke des Mittelalters” gewinnbar? Mit was für einer Technologie haben die Alten gearbeitet? Verbergen sich gar dringend benötigte Arbeitsplätze in dieser scheinbar unscheinbaren Pflanze?
Es ist damit zu rechnen, dass die Recherche Interessantes zu Tage fördert, denn diese “Mutter der einheimischen Rosen” wurde über viele Jahrhunderte genutzt. Menschen haben sich seit langer Zeit mit dieser besonderen Rose beschäftigt. Zahlreich sind die “Produkte”, die man aus ihr gewonnen hat. Da sind Schätze zu heben.
Angefangen vom “Rosenessig”, über das “Rosenwasser” bis hin zum “Rosenöl” – letzteres ist jedoch in der Herstellung überaus aufwändig.
Man nutzte die Blätter der Blüte ihrer zusammenziehenden (adstringierenden) Wirkung wegen gegen allerlei Krankheiten. Dazu wurden Tees bereitet, man stellte Salben her, verwendete sie für Kompressen.
Aber man nutzte sie auch zur Herstellung von edlen Speisen, veredelte den Wein damit, würzte warme und kalte Speisen, bereitete Marmeladen und Konfitüren, stellte Liköre her – das Rosenwasser machte es möglich.
Bei der Recherche stoße ich auf Landschaften im Orient,  in denen Dörfer liegen, die alle von der Rose leben – Arbeitsplätze also enthält die Rose auch. Manuelle Arbeit. Handarbeit. Dringend benötigte Arbeit in Zeiten von Automatisierung und Massenfertigung.
Die Kunst der Nutzung dieser alten Pflanze besteht in der Veredelung. Der Duft allein ist schön. Aber regelrecht spannend wird es, wenn man sich fragt, was sie noch an altem Wissen in sich trägt.

Einfache Herstellung von Hydrolat: Rosenwasser aus handgepflückten Blüten der rosa gallica officinalis

Einfache Herstellung von Hydrolat: Rosenwasser aus handgepflückten Blüten der rosa gallica officinalis

Wir beginnen mit einer einfachen Herstellung eines Hydrolats: Rosenwasser.
Im Internet bin ich fündig geworden und habe diese einfache Herstellungsweise aus Bulgarien gefunden. Je einfacher, je besser.
Dieses hier gezeigte unscheinbare Gefäß ist der Beginn von mehr. Denn mit Rosenwasser lassen sich zahlreiche weitere Produkte herstellen: Essenzen, Seifen, Gebäck, Parfüms.
Wir sammeln gerade alte Rezepte, für die man Rosenwasser benötigt. Ein altes Rezept aus der Klosterküche von 1720 zur Herstellung von Gebäck klingt interessant. Wir werden es ausprobieren.
Eine Grundregel wird unsere Arbeit leiten: wir verwenden keine Chemie und wir probieren alles selber aus. Nur, was von uns selbst geprüft und für brauchbar befunden wurde, geben wir weiter.
Es ist eine überaus spannende Phase, in die unser Garten-Projekt nun eintritt. Wir gehen diesen Weg als Lernende, die bereit sind, sich um altes Wissen zu bemühen, offen für Überraschungen.
Der Garten hatte schon so viele Überraschungen für uns bereit. Wir sind gespannt, wohin er uns noch führen wird.

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