Author Archives: ulrichkasparick

Staatssekretär a.D. (2005-2009); Diplom-Theologe und Körpertherapeut; Mitglied des Deutschen Bundestages 1998 – 2009, Buchautor
http://www.ulrich-kasparick.de

Schuss ins Gehirn


Es gibt Sätze, die gehen einem wie ein Schuss ins Gehirn.
“We must learn to see that the person in front of us is ourself and that we are that person” (Thich Nhat Hanh).

Das ist so ein Satz.
Wer wach und aufmerksam das Zeitgeschehen verfolgt, kann nicht übersehen, wie sehr überall die Gewalt zunimmt. Im Denken zunächst, dann in der Sprache, schließlich mit Gewehren und Kanonen.
In Israel und Palästina ist das so, in Syrien und dem Irak, in der Ukraine und in Afrika, auch auf unseren Straßen und in unseren Häusern.

Gegenseitige Verteufelung, Feindbilder, Hass, Rechthaberei. Konflikte verschärfen sich um die knapper werdenden Ressourcen. Die Schwächsten müssen es tragen: Flüchtlinge, Waisen, einfache Leute.
Wie kann man herausfinden aus diesem Kreislauf der Gewalt?
Wie nur?
Martin-Luther King organisierte den Widerstand im “weißen Amerika” gegen “die Schwarzen”. Er kämpfte hart, aber friedlich, gegen den Rassismus Amerikas.
Und er suchte sich Freunde, verlässliche Wegbegleiter, Lehrer.
Der junge Vietnamese Thich Nhat Hanh gehörte zu ihnen.
“Die Menschen wissen nicht, wie sie Frieden finden und halten können. Sie müssen es lernen”.
Thich Nhat Hanh wurde “Lehrer”. So steht es auf seiner Seite. Bescheiden. Klar. Einfach. Aber hart in der Übung. Ein politischer Buddhist, der jetzt in “Plum Village” lehrt.

Was lernt man bei ihm?
“Ganz im gegenwärtigen Moment zu sein”.
Nicht in Gedanken, nicht im Vorurteil, nicht im politischen Programm, nicht in der Stunde, die vielleicht nachher sein wird.
Sondern jetzt, “ganz in der Gegenwart”.
Es ist ein sehr weiter Weg bis dorthin, denn wir stecken im Kopf fest, im Gedanken. Da ist schwer herauszufinden.
Aber es gibt Hilfen:
Stille, Beobachten des Atems, Meditation, praktische Arbeit mit der Hand.
“deeply meditation”. Das ist nichts für leichte Gemüter. Das will erarbeitet sein.
Wer ganz wach und aufmerksam in der Gegenwart ankommt, kann nicht übersehen, dass unsere ganze Welt voller Konflikte ist.
In unserem Familie, in unserem Dorf, in unserer Stadt, in unserem Land, in unserem Kontinent, in der Welt.
Überall.
Wie aber damit umgehen?
Rechthaberei führt nicht weiter. Hass führt nicht weiter. Krieg führt nicht weiter.
Am Ende solcher Wege ist das Elend nur noch größer.
Gegen den anderen ist kein Frieden zu finden.

“We must learn” sagt der Vietnamese leise.
Das ist ein harter und steiniger Weg.

Martin-Luther King hat Thich Nhat Hanh für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Aus gutem Grund.
Denn dieser politische Buddhist lehrt einen praktischen Weg, den man erlernen kann, wenn man sich wirklich auf den Weg des Friedens wagen will.
Segeln auf sehr hoher See.
Da braucht man Wissen und Erfahrung und gutes Handwerkszeug, sonst bläst einen der nächste Sturm sofort um.
Sehr viel einfacher ist es, am alten Ufer festzuhalten.
Sehr viel einfacher ist es, am alten Feindbild festzuhalten.
Aber so werden wir den Weg zum großen Ziel nicht finden.
Wir müssen auf hohe See, sonst finden wir das neue Ufer nicht.
Wir müssen hinauf auf den Gipfel, sonst können wir nicht sehen, wie groß und schön die Welt ist.
Es ist eine mühsame, nicht einfache Übung. Man braucht Training.
Am besten regelmäßiges Training, denn die alten Gewohnheiten und Denkweisen sind tief in uns verwurzelt.

“We must learn” sagt der Vietnamese leise.
Was denn?
“Der da, der mir gegenüber steht voller Hass, das bin ich.”
Denn es gibt keine Trennung zwischen mir und dem anderen. Es gibt keine Trennung zwischen Innen und außen.
Jeder Dualismus, jede Trennung ist eine Illusion.
Du kannst es herausfinden, wenn du praktizierst.

Das ist schwere Kost.
Das ist eine harte Lektion.
Friedensarbeit ist nichts fürs Sofa.
“Es wird Blut fließen” sagt Gandhi seinen Kämpfern, als sie beim Großen Salzmarsch vor den schwer bewaffneten Polizisten stehen, “aber es darf nicht das Blut unserer Gegner sein”.

“We must learn that the person in front of us is ouself and that we are that person”

Deshalb ist Gewalt niemals ein Weg zum Frieden.
Denn, wenn ich einen anderen töte, töte ich mich selbst.
Wenn ich einen anderen verurteile, verurteile ich mich selbst.
Wenn ich einen anderen zum “Terroristen” mache, spreche ich von mir selbst.

Solange wir nicht diese schwere Lektion lernen, werden wir Frieden nicht finden.
Martin-Luther King wurde im Alter von 35 Jahren erschossen.
Thich Nhat Hanh ist mittlerweile hochbetagt. Kürzlich erst war er erst schwer krank und ist nun auf dem Weg der Besserung.
Ich wünsche diesem vietnamesischen Lehrer, einem der ganz Großen unserer Gegenwart, dass er seine vielen Hunderttausende Schüler auf der ganzen Welt noch weiter unterrichten kann.
Denn es ist wahr: “We must learn”.

Die Weisheit der Sprache


Sonnenaufgang in der Uckermark

Sonnenaufgang in der Uckermark

Die Sprache, die ich nutze, ist älter als ich. Sie ist reich, birgt altes Wissen der Generationen, die vor mir gelebt haben. Diese Erfahrungen sind in Worte geronnen. Manche sind sehr alt.
Die Sprache beherbergt Erfahrungen, auf die ich neugierig bin.
Deshalb denke ich ihr nach, höre ihr nach, spüre ihr nach, bin auf Entdeckungsreise.
In aller Herrgottsfrühe” war da heute einer aufgestanden, so stand es bei facebook zu lesen.
Ich sehe nach und finde: “Die Bezeichnung “Herrgottsfrühe” kann sich auf Gott als dem Geber und Herrn der Zeit beziehen, oder aber es handelt sich um einen Hinweis auf das Läuten der Glocke zur Frühmesse “. (www.redensarten-index.de).
Gott als der Geber und Herr der Zeit.
Altes Wissen birgt sich da im Wort.
Alte Erfahrung.
Weitergegeben von Generation. Eingewurzelt nun in unserer Sprache. Damit diese Erfahrung nicht verloren geht.
Das Wort “Gott” ist selbst eher eine Verdunkelung, denn eine Erklärung, weshalb ich es hier unerklärt stehen lasse, wie einst die Hebräer das Wort JHW. Wichtiger ist mir, was von ihm ausgesagt ist:
nicht wir, sondern “er” (oder “es”, oder “sie”) ist Geber der Zeit.
Das ist die alte Erfahrung: ich kann meinem Leben nicht eine Sekunde hinzufügen. Leben ist Geschenk.
Alle, die glauben, man könne Leben “verlängern”, irren grundsätzlich.
Wir sind nicht die Herren der Zeit, die uns gegeben ist.
Wer sich morgens, in einem Urlaub vielleicht, die Freude bereitet, einen Sonnenaufgang still zu beobachten, den Moment, in dem ein neuer Tag geboren wird, kann eine Ahnung vom Gemeinten ergattern.
Wenn man ganz still nur beobachtet.
Nicht kommentiert.
Nur wahrnimmt.
Es lohnt sich, hinterher einmal aufzuschreiben, was man da eigentlich genau wahrgenommen hat.
Geschenkte Zeit.
Jochen Klepper dichtet 1937, die Nazis waren schon 4 Jahre an der Macht und glaubten, sie seien nun die Herren:

Der du die Zeit in Händen hast

1. Der du die Zeit in Händen hast, Herr, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen.
Nun von dir selbst in Jesus Christ die Mitte fest gewiesen ist, führ uns dem Ziel entgegen.

2. Da alles, was der Mensch beginnt, / vor seinen Augen noch zerrinnt, / sei du selbst der Vollender. / Die Jahre, die du uns geschenkt, / wenn deine Güte uns nicht lenkt, / veralten wie Gewänder.

3. Wer ist hier, der vor dir besteht? / Der Mensch, sein Tag, sein Werk vergeht: / Nur du allein wirst bleiben. / Nur Gottes Jahr währt für und für, / drum kehre jeden Tag zu dir, / weil wir im Winde treiben.

4. Der Mensch ahnt nichts von seiner Frist. / Du aber bleibest, der du bist, / in Jahren ohne Ende. / Wir fahren hin durch deinen Zorn, / und doch strömt deiner Gnade Born / in unsre leeren Hände.

5. Und diese Gaben, Herr, allein / lass Wert und Maß der Tage sein, / die wir in Schuld verbringen. / Nach ihnen sei die Zeit gezählt; / was wir versäumt, was wir verfehlt, / darf nicht mehr vor dich dringen.

6. Der du allein der Ewge heißt / und Anfang, Ziel und Mitte weißt / im Fluge unsrer Zeiten: / bleib du uns gnädig zugewandt / und führe uns an deiner Hand, / damit wir sicher schreiten.

Lebenszeit.
Geschenkte Zeit.
Ich bin dankbar für jeden neuen Tag, der mir geschenkt wird.
Am klarsten fühle ich diese Dankbarkeit in aller Herrgottsfrühe, wenn der Tag noch klar und jung und unbenutzt vor mir liegt.

Mir ist so seltsam zu Mute bei dieser Silberhochzeit. Etwas zum Mauerfall


Gefühle soll man ernst nehmen.
Deshalb hab ich mich gefragt, weshalb mir so seltsam zu Mute ist bei diesem Jubiläum? 25 Jahre Hochzeit zwischen Ost und West. 25 Jahre Fall der Mauer? Silberhochzeit.
Große Worte sind in der Welt.
Von “Revolution” wird da geredet. Friedlich sei sie verlaufen.
Von “Freiheit” wird auch geredet. “Widerstandkämpfer” habe es gegeben
Mir ist das alles eine Nummer zu groß und mich beschleicht das Gefühl, dass etwas “nicht stimmt”.
Ich wusste lange nicht, wie ich es in Worte fassen könnte.
Bis da heute ein Text geflogen kam. Ein Redetext.
Gehalten von einem Südamerikaner.
Es hat da zum ersten Mal ein Treffen von sozialen Gruppen aus aller Welt gegeben im Vatikan.
Und dieser südamerikanische Papst fand die Worte, die eine Erklärung wurden, woher mein Unwohlsein kommt bei dieser Silberhochzeit, die in Deutschland gefeiert wird in diesen Tagen.
Denn da stimmt etwas ganz und gar nicht. Nicht nur im Staate Dänemark.
Und Papst Franziskus hat es in Worte gekleidet:
“Die Sozialen Bewegungen bringen zum Ausdruck, wie dringend unsere Demokratien verlebendigt werden müssen, weil sie oft von unzähligen Faktoren entführt werden. Für die Gesellschaft ist eine Zukunft nur vorstellbar, wenn die Mehrheit der Bevölkerung eine aktive bestimmende Rolle mit spielt. Eine solch aktive Rolle geht über die logischen Verfahren einer formalen Demokratie weit hinaus. Die Aussicht auf eine Welt mit dauerhaftem Frieden und Gerechtigkeit verlangt von uns, jeden paternalistischen Assistentialismus hinter uns zu lassen und neue Formen der Partizipation zu entwickeln, damit die sozialen Bewegungen aktiv mitwirken können. So könnte der moralische Energieschub, der aus der Eingliederung der Ausgeschlossenen in den Aufbau einer gemeinsamen Zukunft entsteht, zu Regierungsstrukturen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene animieren. Und das konstruktiv, ohne Groll, mit Liebe.”
Was ist geworden aus der Aktivität der Vielen, die 89 auf der Straße waren?
Ist sie erstickt im Konsum?
Geht es nur noch darum, wer das schönste Selfie schickt?
Geht es nur noch darum, möglichst selber gut über die Runden zu kommen?
Ist das das Erbe von 89?

Wir müssen wieder von vorne anfangen. Oder, genauer: dort weitermachen, wo wir 1989 aufgehört haben.
Was sind “Maßstäbe des Menschlichen” in einer wahnsinnig gewordenen Welt, in der sich alles nur noch um Geld zu drehen scheint, um die Sicherung der eigenen Interessen, um Einflusssphären und Gewalt?
Wie kann eine Gesellschaft aussehen, in der es nicht nur um Gewinnmaximierung sondern um Gemeinschaft geht?

“Einige von euch haben gesagt: Dieses System ist nicht mehr zu ertragen. Wir müssen es ändern. Wir müssen die Würde des Menschen wieder ins Zentrum rücken und dann auf diesem Grund alternative gesellschaftliche Strukturen errichten, die wir brauchen. Das müssen wir mit Mut, aber auch mit Intelligenz betreiben. Hartnäckig, aber ohne Fanatismus. Leidenschaftlich, aber ohne Gewalt. Und gemeinsam, die Konflikte im Blick, ohne uns in ihnen zu verfangen, immer darauf bedacht, die Spannungen zu lösen, um eine höhere Stufe von Einheit, Frieden und Gerechtigkeit zu erreichen”.

Friede, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung.
Das waren die Stichworte, die zur “Wende” geführt haben.
Geblieben sind davon die Reisefreiheit (so man genug Geld hat), die Meinungsfreiheit (die schamlose Auswüchse entwickelt), die Wahlfreiheit (und die Wahlbeteiligung sinkt mit jeder Wahl).
Das ist zu wenig!
Wir wollten mehr.
Wir träumten von einer solidarischen Gesellschaft – aufgewacht sind wir im real existierenden Kapitalismus.
“Dieser Kapitalismus tötet” – sagt Franziskus.
Eine im Konsum gefangene Gesellschaft kann Freiheit nicht feiern. Welche denn? Die, sofern man Geld hat, unbegrenzt zu konsumieren?
Nein, da stimmt etwas nicht mit dieser silbernen Hochzeit.

“Wir sprechen über Landbesitz, Arbeit und Dach über dem Kopf … wir sprechen über die Arbeit für Frieden und die Bewahrung der Natur … Aber warum schauen wir dann immer noch zu, wie menschenwürdige Arbeit beseitigt, so viele Familien aus ihren Häusern vertrieben, campesinos ihrer Länder beraubt, Kriege geführt werden und die Natur misshandelt wird? Weil man in diesem System den Menschen, die menschliche Person, aus der Mitte gerückt und sie durch etwas anderes ersetzt hat. Weil man dem Geld einen götzendienerischen Kult widmet. Weil man die Gleichgültigkeit globalisiert hat! Man hat die Gleichgültigkeit globalisiert nach dem Motto: Was geht mich das an, wie es anderen geht, wenn ich mich doch um mich selbst zu kümmern habe? Denn die Welt hat den Gott vergessen, der Vater ist. Sie ist wieder eine Waise geworden, weil sie Gott beiseite geschoben hat”.

Schaut man in die sozialen Netzwerke, kann man finden: die “Ironie” ist beinahe zum Standard-Ausdrucksmittel geworden.
Auch nimmt Zynismus zu.
Besonders schlimm sind die “Euphemismen” – Worte, die gut klingen sollen. Um etwas zu verbergen.

“Es ist schon komisch, wie Beschönigung und Bagatellisierung durch Euphemismen in der Welt der Ungerechtigkeit überhand nehmen. Man redet nicht in eindeutigen klaren Worten, sondern sucht nach beschönigenden Umschreibungen. Ein Mensch, ein abgesonderter Mensch, ein außen vor gehaltener Mensch, ein Mensch, der unter Elend und Hunger leidet, wird also als Mensch auf der Straße bezeichnet – eine elegante Lösung, nicht wahr? Sucht stets hinter jedem Euphemismus das Verbrechen, das sich dahinter verbirgt – im Einzelfall mag ich mich irren, aber im allgemeinen ist es so, dass hinter einem Euphemismus ein Verbrechen steckt”

“Bei diesem Treffen habt ihr auch über Frieden und Ökologie gesprochen. Das liegt in der Logik: Man kann kein Land besitzen, man kann kein Dach über dem Kopf haben, man kann keine Arbeit haben, wenn wir keinen Frieden haben und wenn wir den Planeten zerstören. Diese wichtigen Themen müssen die Völker und ihre Basisorganisationen dringlich diskutieren. Sie dürfen nicht allein von den politischen Führungskräften behandelt werden. Alle Völker der Erde, alle Männer und Frauen guten Willens, alle müssen wir zum Schutz dieser beiden kostbaren Gaben unsere Stimmen erheben, für Frieden und für die Natur, bzw. – wie Franz von Assisi sie nennt – für die Schwester Mutter Erde.

Kürzlich habe ich gesagt, und ich wiederhole das hier, wir stecken mitten im dritten Weltkrieg, allerdings in einem Krieg in Raten. Es gibt Wirtschaftssysteme, die um überleben zu können, Krieg führen müssen. Also produzieren und verkaufen sie Waffen. So werden die Bilanzen jener Wirtschaftssysteme saniert, die den Menschen zu Füßen des Götzen Geld opfern. Man denkt weder an die hungernden Kinder in den Flüchtlingslagern, noch an die Zwangsumsiedlungen, weder an die zerstörten Wohnungen, noch an die im Keim erstickten Menschenleben”.

Warum ist mir so seltsam zu Mute bei dieser Silberhochzeit?
Weil da etwas ganz gewaltig aus dem Lot geraten ist.
Deutschland ist stark geworden.
Aber ich wünsche mir kein Deutschland, dass wegen seiner Kraft nun auch noch militärisch eine “führende Rolle” übernimmt.
Ich wünsche mir ein Deutschland, das anknüpft an das Erbe der Bürgerrechts- und Ökologiegruppen, die sich damals zunächst unter dem Dach einiger weniger Kirchen und Pfarrhäuser versammelten und sich die Aufnäher “Schwerter zu Pflugscharen” an die Jacke nähten.

Wir stehen wieder ganz am Anfang. Lasst uns dort weitermachen, wo wir 1989 aufgehört haben.
Die Aufgabe ist zu groß, als dass wir sie allein den Parlamenten und Regierungen überlassen dürften.

(den kompletten Text der Rede von Franziskus vom Oktober 2014 findet man hier).

Das kommt mir spanisch vor. Oder: etwas von der Madonna.


"Rex Christos" am Ende Europas mit dem Blick nach Afrika.....Tarifa liegt in Andalusien. Dieser “letzte Ort Europas” an der Straße von Gibraltar birgt zahlreiche Zeugnisse der Begegnung zwischen Afrika und Europa, zwischen Islam und Christentum, zwischen reicher und ärmerer Welt. Ein Foto geht mir nach. Man sieht im kleinen Hafen von Tarifa auf der Kaimauer eine Statue, die nach Afrika hinüber blickt. Auf dem Sockel der Statue eingraviert ein lateinisches “R” und ein “chi”. “Rex christus”. Das ist gedacht gewesen als Kampfansage des katholischen Spanien gegenüber “den Muslimen”, die, zunächst 710 mit einer kleinen Gruppe von Kundschaftern kommend, dann ab 711 im Lande nach und nach die Macht übernahmen, bis sie – in Tarifa 1292, in anderen Orten später – wieder vertrieben wurden und der spanische Katholizismus seine Macht festigte. Noch heute feiert man diese Ereignisse. Noch heute ist die Auseinandersetzung zwischen spanischem Katholizismus und Islam in den Feierlichkeiten wirksam. Noch heute findet sich der Zusatz “….de la Frontera” in der Ortsbezeichnung so mancher andalusischen Stadt. Orte “an der Front”.
Vor dieser Statue auf der Kaimauer ist ein Polizeischiff der Küstenwache zu sehen. Es dient auch der Abwehr von Flüchtlingen.
Ich finde solche Zeugnisse bedrückend.
Als sich politische Macht das Christentum aneignete und instrumentalisierte, geschah etwas Ungeheuerliches: der die Gewaltlosigkeit predigende Sohn eines jüdischen Zimmermanns, aufgewachsen in ärmlicher Umgebung, wurde zum Machtsymbol.
Eine entsetzlichere Verdrehung der Botschaft des Christentums ist nicht vorstellbar.
Wenn man sich mit der Geschichte der Entdeckung der “Neuen Welt” befasst (das bleibt nicht aus, wenn man in Spanien ist), mit der Unterwerfung der dort lebenden Bevölkerungen – in nicht wenigen Gegenden kam diese Unterwerfung praktisch einer Ausrottung gleich- wird erschreckend deutlich, wozu ein missverstandenes “macht Euch die Erde untertan” geführt hat.
Gegenwärtig rüstet Europa wieder und weiter auf. Vor allem gegen Flüchtlinge aus Afrika. Viele Millionen Dollar werden ausgegeben, um Zäune zu errichten,  um Schiffe auszurüsten, um Fluchtwege zu “verstopfen”.
Dieses Foto mag ein Symbol dafür sein. Wie ein Menetekel steht es da und kündigte schon vor etlichen Jahrhunderten an, worum es gehen würde. Um die Abwehr des Bruders.
Es geht darum, die eigene Macht zu behaupten. Und dabei soll auch die Madonna helfen.

Madonna und Bodega. Prozession in Sevilla

Madonna und Bodega. Prozession in Sevilla

Wenn man in Andalusien Gelegenheit hat, an einer der vielen dort üblichen Prozessionen teilzunehmen, bei der eine Madonnenfigur aus der Heimatkirche herausgetragen, durch den Ort geführt, öffentlich gezeigt und dann wieder in die Heimatkirche getragen wird, dann wird man den Eindruck nicht los, dass es bei diesen Prozessionen auch darum geht, zu zeigen, wer die Macht im Lande hat. Diese Prozessionen hinterlassen sogar bei Menschen, die sich für areligiös halten, einen starken Eindruck. Über 80 Bläser gehen, in langsamen Schritt, mit Posaunen, Oboen, Klarinetten, Saxophonen, Pauken und Becken musizierend hinter der schwankenden Patronin her, die von Freiwilligen getragen wird, die sich die Augen haben verbinden lassen, nur geführt von sparsamen Signalen eines Vormannes. Junge Männer, denen es eine Ehre ist, die zentnerschwere Madonna zu tragen.
Die Plätze sind voll. Zu Tausenden stehen die Menschen, begrüßen die Madonna, die gleichzeitig immer auch Patrona des Ortes oder einer Zunft ist, klatschen, fotografieren, wollen in ihrer Nähe sein. Man kann den Eindruck haben, da würde eine ägyptische Gottheit durch die Stadt getragen. Ganz Ursprüngliches wird da bei den Menschen berührt. Und die Menschen wollen es. Beteiligen sich. Freiwillig. Kommen zu Tausenden, nicht nur als Besucher, sondern sie wollen “mit der Madonna mitgehen”.
“Ich bin da. Ihr braucht euch nicht fürchten” so ist eine der Botschaften, die von der Patrona ausgeht, wenn sie mitten durch die Märkte, durch die engen Gassen voller Cafes und Restaurants, vorbei an Kneipen und Bodegas getragen wird. Mitten im andalusischen abendlichen Alltag erscheint sie, geht durch das Volk, und verschwindet wieder…..
Sie zeigt auch, wer die Macht tatsächlich hat im Lande.
Parteien kommen und gehen. Die Madonna bleibt.
Und das Volk liebt sie auf eine Weise, gegen die die scheinbar Mächtigen ganz und gar ohnmächtig sind. Weshalb sie sich mit ihr verbünden.
Das ist jedoch nicht unproblematisch, insbesondere, wenn es um die Beziehungen zu anderen, beispielsweise muslimischen Völkern geht.
Die Geschichte der Verfolgung Andersgläubiger ist lang in Spanien. Schon 100 Jahre vor der Inquisition hat man in Sevilla systematisch mit der Verfolgung von Juden begonnen, denen man vorwarf, nicht wirklich zum Christentum konvertiert zu sein. Die gebildeten Juden flohen in die Metropolen Europas – nach Paris, Hamburg, in die Türkei. Die Handwerker flüchteten nach Nordafrika. Es ist eine grausame, tief schwarze Geschichte, die da in Andalusien und anderen Orten stattgefunden hat. Vom jüdischen Viertel Santa Cruz in Sevilla steht praktisch nur noch ein einzelnes Grab – mitten in einem Autoparkplatz, alles andre ist Legende für Touristen. Von den zahlreichen Synagogen des Viertels gibt es faktisch keine mehr. Sie sind längst zu katholischen Kirchen geworden. Santa Cruz ist das zentrale Beispiel dafür.
Wie also wird es weitergehen zwischen katholischem Christentum und Islam?
Die Auseinandersetzung ist uralt. Gegenwärtig eskaliert die Auseinandersetzung erneut. Das christliche Abendland hat eine Allianz von über 40 Staaten gegen einen radikalen IS geschmiedet, der alles zerstören will, was sich nicht seinem Willen unterwirft.
Die entscheidende Frage aber wird wohl nicht sein, wer gegen wen gewinnt, sondern, ob und wie es nach all der fürchterlichen Geschichte der Intoleranz und gegenseitigen Vernichtung nicht doch endlich gelingen kann, dass die Bruderreligionen in der einen Welt friedlich nebeneinander und vielleicht sogar miteinander leben. Dass die Begegnung der Kulturen auch zu wundervollem Reichtum führen kann, zeigt ja auch gerade Andalusien. Die Begegnung der arabischen Architektur mit der Gotik ist sicher eines der beeindruckendsten Beispiele dafür. Zu besichtigen zum Beispiel in Grenada.
Wie also kann es gelingen, dass die Bruderreligionen lernen, nebeneinander und vielleicht gar miteinander zu leben?
Es wird dabei auf diejenigen in beiden Religionen ankommen, die sich nicht von der Gewalt, sondern vom eigentlichen, ursprünglichen Kern ihrer Religion bestimmen lassen. Es wird dabei auf diejenigen in beiden Religionen ankommen, die von der Versöhnung, von der Begegnung, von der wechselseitigen Bereicherung sprechen und in ihr eine wirkliche Perspektive gemeinsamen Lebens erkennen.
Solche Stimmen haben es gegenwärtig schwer. Es kommt darauf an, sie zu stärken.

Für einen kurzen hellen Moment hatte ich gehofft….


Für einen kurzen hellen Moment hatte ich gehofft, die internationale Staatengemeinschaft hätte sich angesichts ihrer jüngsten Erfahrungen im “Kampf gegen den internationalen Terrorismus” (zum Beispiel in Afghanistan) darauf verständigt, die etwa eine Milliarde Dollar pro Monat (!), die der militärische Einsatz gegen den IS nach Schätzungen der US-Regierung kostet, in Entwicklungszusammenarbeit in eben jene instabilen Staaten zu investieren, aus denen sich die IS-Terroristen rekrutieren, statt wieder – wie in Afghanistan – nach Militär zu rufen.

So weit ist die Staatengemeinschaft jedoch noch nicht.
Die alten, vielfach gescheiterten Prioritäten der Weltgemeinschaft sind nach wie vor: zuerst das Militär, dann erst – sehr viel später – wirkliche Hilfe, wenn überhaupt.
Nationale Interessensicherung geht vor Weltinnenpolitik.
Die Folgen sind sichtbar:
Die UN haben gerade veröffentlicht, dass man beim Hilfswerk UNHCR nun die Lebensmittelrationen für die syrischen Flüchtlinge kürzen müsse, einfach, weil das benötigte Geld für die Flüchtlingshilfe fehle.

Also: eine Milliarde Dollar pro Monat für Militär sind vorhanden. Schließlich sind eigene Interessen berührt.
Geld für die Ernährung von Flüchtlingen fehlt, denn das liegt nicht mehr im nationalen Interesse.
Von wirklicher struktureller Hilfe, von wirklicher Weltinnenpolitik (Willy Brandt)  redet niemand. Das ist ja auch nur Pazifisten-Gedöns. Das braucht man nicht ernstnehmen.
So sind die Realitäten.
Seltsam ist nur, dass die “Flüchtlingshilfe” als Argument für den Einsatz des Militärs herhalten muss.
Man sagt, jetzt könne “nur noch das Militär” den Flüchtlingen helfen. Gern wird in dem Zusammenhang der Hitler zitiert. Auch den hätte man schließlich nur mit Waffen besiegen können.
Das klingt aber, bei genauerem Hinsehen, als wolle man den syrischen Flüchtlingskindern Patronen zu essen geben.

Die UN-Vollversammlung hat in der vergangenen Woche einige wichtige Reden hören lassen, bei denen über Gründe und Ursachen von Terrorismus nachgedacht wurde. Es waren nur einige wenige, dafür aber um so wichtigere Reden. Da war von den Folgen der Kolonialzeit die Rede; von bestehenden und wachsenden Ungerechtigkeiten zwischen reicher und armer Welt. Da war davon die Rede, dass die reiche Welt nicht unbeteiligt war am Erstarken des Terrorismus weltweit. Wenige, wichtige Reden. Kaum gehalten, waren sie schon wieder überhört.

Diese wenigen Reden enthielten aber Hinweise darauf, dass es womöglich auf ein neues Denken ankäme, um die bestehenden Probleme erfolgreicher anzugehen, als in der Vergangenheit.
Gibt es erste Bausteine für ein solches neues Denken?
Neu wäre es, wenn nicht mehr das Denken in militärischen, sondern ein Denken in zivilen Kategorien Priorität bekäme.
Das allerdings wird in den gängigen Sonntagsreden gern als Scharlatanerie abgetan. Es handle sich um “Träumereien”, so wird geäußert, so als sei es eine gesicherte Erkenntnis, dass ein Denken in zivilen Kategorien per se nicht erfolgreich sein könne – dabei ist es noch nie gewagt worden.
Gewalt löst keine Gewalt – das ist seit langem bekannt (interessanter Weise rufen vor allem alte Männer nach solcher Gewalt, die selber gar nicht mehr in Verlegenheit kommen, eingezogen zu werden).
Deshalb ist es an der Zeit, ja geradezu notwendig, Neues zu wagen.
Wenn die etwa eine Milliarde Dollar pro Monat in Entwicklungszusammenarbeit investiert würde (verbunden natürlich mit dem gesamten Instrumentarium, über das moderne Entwicklungszusammenarbeit mittlerweile verfügt, von capacity building, über Ausbildung bis hin zu microfinance) statt in Zerstörung (bekanntlich wachsen der Hydra mit jedem abgeschlagenen Kopf mehrere neue nach) – dann könnte das ein wirkungsvoller neuer Ansatz sein. Eingeschlossen sind selbstverständlich auch gerechtere Regelungen, was den Zugang zum Weltmarkt anbelangt.

Doch davon ist die Weltgemeinschaft weit weit entfernt. Zu groß ist der Einfluss alten Denkens. Zu eingeschliffen sind die alten Rituale der Konfliktlösung im Interesse meist reicherer Nationalstaaten. Zu wenig Bereitschaft ist vorhanden, wirklich neue, mutige Wege zu gehen.
Es will partout nicht gelingen, neues Denken durchzusetzen.
Immer wieder wird mit alten Rezepten auf neue Herausforderungen reagiert.
Man kann die Ursachen von Terror und Gewalt aber nicht mit Militär bekämpfen. Es genügt nicht, die eigenen Interessen als die “guten” und die anderen als die “bösen” zu kategorisieren.
Auch das ist bekannt und wird immer wieder gesagt.
Aber die konkreten Prioritäten im konkreten Handeln sind dann eben doch immer wieder die alten.
Eine Milliarde Dollar pro Monat für Luftangriffe und Waffenlieferungen.
Fehlendes Geld für wirkliche Hilfe.
Das ist der Stand der Erkenntnis.
Zu mehr hat es noch nicht gereicht.

 

Kein Friede ohne Gerechtigkeit – etwas über die Quellen des Terrorismus


Nach dem 11. September 2001 fragten einige wenige, zudem zaghafte Stimmen: “Was haben wir euch getan, dass ihr uns so sehr hasst?” Eine Frage, der man nicht weiter nachging.
Dabei ist es die eigentlich wesentliche Frage: was sind Gründe für Terrorismus?
Statt nach den Gründen zu fragen, begnügten sich die Handelnden jedoch, Terror zu “bekämpfen”. Und zwar mit militärischen Mitteln.
Das Ergebnis war ein Erstarken der privatisierten Gewalt.
Vor der UN-Vollversammlung hat der iranische Präsident Hassan Rohani nun erneut nach den Gründen für Terrorismus gefragt.
Und er hat die Frage mit den Sätzen beantwortet:
Terrorismus sei das Ergebnis von Armut, Unterentwicklung, Diskriminierung, Demütigung und Ungerechtigkeit. “Man muss diese Wurzeln kennen, wenn man die Quellen des Terrorismus austrocknen will.” Das habe der Westen nicht verstanden. “Die heutige Feindseligkeit gegen den Westen ist das Ergebnis des Kolonialismus von gestern und des Rassismus von gestern.” (Deutschlandfunk vom 25. 9. 2014)

Was ist die Antwort der Weltgemeinschaft auf den Terror des “Islamischen Staates”?
Die Antwort ist wieder vor allem militärischer Natur.
Wieder wird nicht nach den Gründen für die Zunahme der privatisierten Gewalt gefragt.
Doch nicht nur militärische “Antworten” (vor allem Luftangriffe) werden gegeben, sondern eine Verschärfung der Sicherheitsbestimmungen, die mit einer überaus fraglichen Einschränkung von bislang geltenden Individualrechten einhergeht, ist ebenso die Folge.
In einer einstimmig angenommenen Resolution hat der UN-Sicherheitsrat nun die Möglichkeit eröffnet, “Terroristen” die Staatsbürgerschaft zu entziehen.
Die  Staaten können nun also Menschen, die sie zu “Terroristen” erklärt haben – auf Empfehlung der Geheimdienste – im eigenen, nationalen Interesse, zu Staatenlosen machen. Es ist übrigens wenig überraschend, dass diese Resolution einstimmig verabschiedet wurde, denn sie eröffnet den Staaten nun die Möglichkeit im Namen der “Bekämpfung des internationalen Terrorismus” gleich auch noch andere aus ihrer Sicht notwendige Regelungen zur Verbesserung der eigenen Sicherheit zu regeln. Es genügt ja nun, Menschen unter Terrorverdacht zu stellen. Und die Geheimdienste werden genügend “Anhaltspunkte” finden, um gegenüber der Öffentlichkeit Menschen zu “potenziellen Terroristen” erklären zu können.
Die damit verbundene Hoffnung, man könne den Terrorismus auf diese Weise austrocknen, ist jedoch irrig.
Denn diese “Antworten” auf den Terror des IS beseitigen nicht die Ursachen des Terrors.

Friede ist nicht ohne Gerechtigkeit zu haben. Das wissen schon die alten Texte, die uns in der Heiligen Schrift überliefert sind.
Es ist eine sehr alte Erkenntnis.
Aber sie ist angesichts der aktuellen Auseinandersetzung um den “internationalen Terrorismus” verloren gegangen.
Deshalb sei an diese alte Einsicht jetzt erinnert.
Solange Staaten glauben, sie dürften im eigenen, nationalen Interesse andere Länder und Völker demütigen, sie in Armut halten, ihre Rohstoffe ausbeuten, ihre Umwelt zerstören, ihnen Zugang zum Welthandel verwehren – solange sprudeln die Quellen des Terrors weiter. Und kein Krieg wird das ändern. Ganz im Gegenteil, der “Krieg gegen den Terror” wird die Not der Menschen noch mehr vergrößern – vor allem das Elend der vielen Millionen Flüchtlinge. (2013 gab es über 51 Millionen Flüchtlinge weltweit. Der höchste Stand seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Hauptfluchtursache: die zunehmende Zahl von Kriegen. Sagt das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR).

Wenn die reichen Staaten nicht endlich ihren Beitrag zu mehr Gerechtigkeit in der Welt leisten
wenn die reichen Staaten nicht aufhören, ärmere Staaten auszubeuten, deren Natur und natürlichen Lebensbedingungen irreversibel zu zerstören (Klimawandel!),
wenn die reicheren Staaten nicht aufhören, “Kolonialismus mit anderen Mitteln” im Namen von “Freiheit und Wachstum” fortzusetzen
dann wird der Terror nicht enden. Er wird noch nicht einmal weniger werden, sondern eher zunehmen.
Die Völker der Welt werden diesen alten Zusammenhang neu buchstabieren müssen: Frieden gibt es nicht ohne Gerechtigkeit.
Damit ich nicht missverstanden werde: Terror ist niemals zu entschuldigen.
Aber wenn man ihn erfolgreich bekämpfen will, muss man nach seinen Ursachen fragen und nicht nur einfach “draufhauen”.

Die Herausforderung ist enorm, denn die Gewalt nimmt zu. Nicht nur die Gewalt, die vom Terror ausgeht, auch die Gewalt, die mit den Mitteln des Marktes durchgesetzt wird.
Deshalb sind die sogenannten “Freihandelsabkommen”, die zwischen den Staaten der reicheren Welt abgeschlossen wurden und noch abgeschlossen werden sollen genau daraufhin zu prüfen, ob sie nicht einen weiteren Beitrag zur Ausbeutung der ärmeren durch die reichere Welt leisten.
Ein Wirtschaftssystem, das vor allem auf Kosten der ärmeren Länder lebt und noch weiter wachsen will – das ist das erklärte Ziel dieser sogenannten Freihandelsabkommen – ein solches Wirtschaftssystem leistet einen nicht unerheblichen Beitrag dafür, dass der Terror weltweit zunimmt. Das muss man sehen, auch wenn es unbequem ist.
Terrorismus ist das Ergebnis von Armut, Unterentwicklung, Diskriminierung, Demütigung und Ungerechtigkeit. Man muss diese Wurzeln kennen, wenn man die Quellen des Terrorismus austrocknen will.

 

Nachdenken über 9/14


Ausgerechnet am Gedenktag des Anschlags auf das World-Trade-Center vor 13 Jahren hat der amerikanische Präsident eine Rede gehalten, in der er darlegt, die USA seien nun nicht nur zu Luftangriffen gegen den IS im Irak, sondern auch zu Luftschlägen in Syrien bereit.
Seine Begründung lautet:
“Obwohl wir noch keine spezielle Verschwörung gegen unser Heimatland entdeckt haben, haben IS-Anführer Amerika und unsere Verbündeten bedroht.” So berichtet das ZDF.

Festzuhalten ist:
die USA wurden nicht angegriffen.
Es gibt nach Auskunft des Präsidenten nicht mal Hinweise auf eine “spezielle Verschwörung gegen unser Heimatland.”
Ein UN-Mandat für diesen “Kampf gegen den IS” gibt es bislang nicht.

Es ist völlig unklar, auf welcher völkerrechtlichen Grundlage nun diese “Allianz der Willigen und Fähigen” (John Kerry) gebildet werden soll und ja schon ist.
Deutschland ist diesmal mit Waffenlieferungen an die Peshmerga im Nordirak mit von der Partie.
Als Haupt”argument” wird immer wieder vorgetragen, man könne “dem Morden durch die IS nicht einfach tatenlos zusehen.”
Zudem wird auf Flüchtlingsströme hingewiesen, die es zu schützen gelte.
Deshalb sei dem IS nun nur noch mit militärischen Mitteln beizukommen.

Besonders bedrückend ist, dass sich etliche, auch öffentlich wahrgenommene protestantische Theologen völlig unnötig und beinahe anbiedernd zum Sprachrohr der Waffenlieferanten machen. 

Keiner spricht über politische Lösungsansätze.
Niemand unternimmt ernsthaft den Versuch, dem IS die Geldquellen zu entziehen.
Niemand unternimmt den Versuch, eine politische Allianz zu schmieden, die dem IS die Grundlage entzieht.
Niemand fragt ernsthaft nach den Gründen für das Erstarken des IS.

Die Öffentlichkeit ist weitgehend dem Denken in militärischen Kategorien verfallen. Der Aussenpolitiker der Union Mißfelder, schließt gar einen “Kampfeinsatz der Bundeswehr nicht aus”. (Quelle hier).
Ein Denken in politischen Kategorien gilt als “unrealistisch”, als “realitätsfern”, wird verhöhnt, lächerlich gemacht.

Ein Ausstiegsszenario? Gibt es nicht.
Ein klares politisches Ziel? Gibt es nicht.
Die Dauer dieser “Kampagne” (Obama): “mindestens drei Jahre”.
Die völkerrechtliche Grundlage? Fehlanzeige
Die Folgen insbesondere für syrische und irakische Flüchtlinge? Ihre Zahl wird noch größer werden.

Dem IS ist es offensichtlich gelungen, eine große Zahl von Staaten in einen Konflikt hineinzuziehen, der militärisch nicht lösbar ist. Das hat die Welt nicht zuletzt in Afghanistan gesehen, als es schon einmal darum ging, dem “islamistischen Terror” militärisch zu begegnen. Das Ergebnis war, dass der IS stark wurde. Wenn es dem IS gelingt, der Welt ein Denken in militärischen Kategorien aufzuzwingen, hat er ein wesentliches Ziel erreicht. Denn seinen “Kämpfern” ist es egal, ob sie ums Lebens kommen.
Alle in dieser “Allianz der Willigen und Fähigen” beteiligten Staaten werden nun potentielle Ziele sein in einer “Zeit der privatisierten Gewalt” (Eppler).

Und am Ende des Tages wird man wohl vermutlich wieder erkennen, was ja in Afghanistan und anderen Orten bereits zu besichtigen war: Gewalt gebiert neue Gewalt. Mit jedem Kopf, den man der Hydra abschlägt, werden zwei neue nachwachsen.
Blut kann man nicht mit Blut abwaschen (v. Suttner).

 

 

Zwei Tage im September


kleine Kaffee-Pause am Vorbereitungstag

kleine Kaffee-Pause am Vorbereitungstag

Zwei mal im Jahr nehmen wir mit unserem Internet-Garten teil am “Tag des offenen Gartens”, an dem etwa 30 Gärten in der Uckermark beteiligt sind. Im Juni zur Hauptblüte und im September, wenn einige der Rosen ein zweites Mal blühen. Diese Tage lassen das Netzwerk von Menschen, die den Garten kennen und unterstützen jedes Mal ein Stück weiter wachsen.nach getaner Arbeit erholt sich der "Rosengarten-Club" bei einer Tasse Kaffee

Schon zur Vorbereitung des Gartens sind Helfer gekommen. 10 Leute am Vormittag, nochmals sechs Helfer am Nachmittag.
Nicht nur Rasenflächen sind zu mähen, im Garten selbst wird in den Beeten Unkraut beseitigt, Bänke werden gestellt, Stühle sind zu tragen.
Kleine Zeltdächer werden aufgestellt, damit die Gäste, falls es mal einen Regenschauer geben sollte, etwas Schutz finden.
Im Haus selbst wird eine “Schlechtwettervariante” vorbereitet. Man kann ja nie wissen, ob das Wetter hält. Schließlich ist schon September.

junge Musiker vom Konservatorium für Türkische Musik Berlin am Rosengarten

junge Musiker vom Konservatorium für Türkische Musik Berlin am Rosengarten

In diesem Herbst gibt es eine weitere Neuerung: die Besucher können nicht nur den Garten besuchen, etwas über seine Entstehungsgeschichte hören, sondern wir haben einen “Türkischen Abend am Rosengarten” geplant, der in Zusammenarbeit mit dem Türkisch-deutschen Club in Potsdam (Vorsitzender: Hikmet Güvenc) vorbereitet wird. Herr Hasan Kaygusuz von der Firma Ka-Energy Solulutions (www.ka-energy.com) war so freundlich und hat einen Kontakt zu drei jungen Musikern vom Konservatorium für Türkische Musik hergestellt, die uns klassische Musik aus ihrem Heimatland vortragen.

Einer von ihnen macht grade sein Abitur, einer wird Geschichts-Lehrer und einer studiert Wirtschaftswissenschaften.
Und alle drei begeistern sich für klassische Musik.

 

 

 

IMG_2499_1Dem Publikum gefällt es.
Das Wetter hat gehalten. Wir können unter freiem Himmel draußen sein und genießen in wunderbarer Atmosphäre die Musik, haben Gelegenheit zum Gespräch und zum Kennenlernen.
Direkte Begegnung fördert die Verständigung der Kulturen am besten.
Und Musik hilft dabei allemal.
Corinna Woldegk, die ein wunderbares orientalisches Buffet zubereitet hat, bekommt Lob aus berufenem Munde: “Bei diesem Essen und dieser Musik habe ich mich wie zu Hause gefühlt” sagt Hikmet Güvenc.
Prima. So soll es sein. Die Menschen sollen sich bei uns “wie zu Hause” fühlen.

Bis in den späten Abend sitzen wir beieinander, erzählen, hören zu, genießen den milden Abend. Sogar der Vollmond kommt gezogen. Ein wunderbarer Abend, der viele neue Kontakte ermöglicht, der den Kreis der Freunde und Förderer des Rosengartens weiter wachsen lässt.
Der Sonntag bringt einen neuen Impuls.
Carmen Winter, die ich bislang nur von facebook kannte, ist gekommen, um zu lesen.
Die Brandenburgerin, die in Frankfurt/Oder lebt und schreibt, liest aus ihrem Buch “Der König und die Gärtnerin”. Wunderbar präzise gearbeitete Literatur über ein ungleiches Paar.

Der zweite Tag endet mit einer kleinen Orgelmusik in der alten Hetzdorfer Dorfkirche.
Wir haben unserem Schirmherrn, Herrn Stefan Zierke, MdB, Frau stv. Landrätin Carina Dörk und dem langjährigen Vorsitzenden des Vorstands der Kreissparkasse Uckermark, Herrn Uwe Schmidt für alle Unterstützung zu danken.
Zu danken ist den vielen Helferinnen und Helfern, die den Garten vorbereitet haben und betreuen und – nicht zuletzt – den vielen Besucherinnen und Besuchern, die sich auf den Weg gemacht haben, um mal mit eigenen Augen zu besehen, was es mit diesem seltsamen Gärtchen, das vor zwei Jahren im Internet entstand und nun so wunderbar blüht und gedeiht, in Wirklichkeit auf sich hat.

 

Tempo!


Etwa 1500 mal schneller als ein Wimpernschlag ist ein Geldgeschäft im internationalen Hochfrenzhandel geworden. Enorme Geldströme werden so im Bruchteil einer Millisekunde ausgelöst – mit entsprechenden Folgen. Ein solches System ist nicht mehr kontrollierbar.
Frank Schirrmacher und andere haben auf die Folgen einer solchen Entwicklung, die ein immer höheres Tempo von den Menschen verlangt, hingewiesen.
Auch der politische Prozess unterliegt einem enormen Termin- und Zeitdruck.
Der hat selbstverständlich Auswirkungen auf die Qualität der Entscheidungen. Nicht selten, eher zunehmend, werden Entscheidungen getroffen, die mit “heißer Nadel” genäht sind – und deshalb nicht von Bestand sind.
Da ich lange Jahre meines Lebens diesen Prozessen selbst unterworfen war, kenne ich sie ziemlich gut auch von innen.
Allerdings ist jeder Mensch frei, sich dem zu entziehen und nach Alternativen Ausschau zu halten.
Es gibt mittlerweile eine weltweite Suchbewegung, die nach Alternativen zu diesem “immer schneller” sucht, um wieder ein menschliches Maß für das Leben zu finden. Denn die zerstörerischen Folgen einer sich immer mehr beschleunigenden Gesellschaft sind ja nicht mehr zu übersehen.
ARTE hat dieses weltweite Suchbewegung im Film “Schluss mit schnell” kürzlich eindrucksvoll dokumentiert.
Wir sind mit unserem Projekt “Internetgarten” Teil dieser weltweiten Suchbewegung.

Garten 5.9.140242

Der Garten am 4. September 2014

Garten am 12.4.2012

Die Anlage des Gartens am 12. April 2012

Einer sich immer mehr beschleunigenden Gesellschaft, die möglichst alles jetzt und sofort “haben” möchte, dabei nicht selten das Leben selbst aus dem Blick verliert und sogar seine Grundlagen zerstört, setzen wir hier einen Lebensentwurf entgegen, der sehr wohl ein klares Ziel verfolgt, aber bei dessen Umsetzung wir das Tempo der Natur beachten, Beharrlichkeit üben, Achtsamkeit trainieren und Kooperation praktizieren.

Es geht uns darum, im Leben wieder ein “menschliches Maß” zu finden. Eine ausgewogene Balance zwischen Denken und Tun, zwischen Einatmen und Ausatmen, zwischen Tun und Lassen, zwischen actio und contemplatio. Uns zunächst fremd erscheinende Kulturen und Religionen betrachten wir dabei nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung.
Die Resonanz ist überraschend und manchmal auch überwältigend. Wir haben ein sehr großes mediales Interesse erleben können: ZDF, ARD, MDR, NDR, Süddeutsche, Tagesspiegel und andere waren da und haben geschrieben oder darüber Sendungen produziert, was man mit einer Idee und einem Laptop so anfangen kann.
Etwa 35.000 Menschen verfolgen das Projekt via Internet. Über 4.000 Menschen waren schon persönlich zu Besuch.
Wir freuen uns darüber.
Aber wir lassen uns davon nicht aus dem Takt bringen. Bleiben beim ruhigen, konsequenten Wechsel zwischen Tun und Lassen.
Wir lassen uns nicht mehr hetzen.
Offensichtlich hat dieses Garten-Projekt einen Nerv getroffen. Offensichtlich sieht eine zunehmende Anzahl von Menschen, dass ein einfaches “weiter so – aber noch mehr Tempo!” nicht zielführend ist. Und offensichtlich tut sich etwas. Immer mehr Menschen beginnen konkret, nach Alternativen zu suchen und sie zu entwickeln.
Das ist angesichts der Zerstörungen, die wir weltweit sehen können, eine erfreuliche Entwicklung.

Unausweichlich.


Neue Sanktionen seien “unausweichlich” sagt der Russlandbeauftragte der Bundesregierung am 29. August 2014.
Ich denke diesem Wort nach.
“Unausweichlich”.
Da kommt man nicht mehr dran vorbei.
Das kriegt man nicht weg.
Das ist so gut wie sicher.
Dem kann man nicht mehr ausweichen, das wird so kommen, egal, was man unternimmt.
Dieses Auto wird an den Baum knallen – das ist unausweichlich bei dem Tempo, mit dem es angerast kommt.
Diese Eskalationsstufe ist unausweichlich – so, wie ein Berg, so, wie eine Betonmauer, so, wie ein Naturereignis.
Sagt er, der Beauftragte.
Und er meint damit: wir werden gemeinsam mit anderen weitere Sanktionen beschließen.
Da tut also einer was.
Was er auch nicht tun könnte.
Was also bedeutet “unausweichlich”? Ist es lediglich eine Behauptung? So, wie dieses seltsame Wort “alternativlos” eine Behauptung ist, eine schlichte zudem?
Es klingt jedenfalls ähnlich.
So, als gäbe es nichts andres.
Waffenlieferungen in Krisengebiete sind nun auch “alternativlos” und “unausweichlich”.
Es ginge jetzt nicht mehr anders, wird behauptet.
Nun müsse man sogar in Krisengebiete Waffen liefern, das sei unausweichlich.
Da kann man nun nichts mehr machen.
Der Zug rast mit hohem Tempo auf den Felsen zu und dort wird er zerschellen, das ist unausweichlich.

Oder doch nicht?
Wenn eine Entwicklung wirklich für “unausweichlich” erklärt wird – dann ist das das Ende von Politik.
Das ist die Kapitulation vor der Eskalation, an der man selber beteiligt war, Schritt für Schritt.
Irgendwann ist dann der Punkt erreicht, an dem es kein zurück mehr gibt. Point of no return.
Dann knallt es – unausweichlich.
Wenn eine weitere Eskalationsstufe “unausweichlich” ist, dann kann man auch nach Hause gehen. Dann gibt es ja nichts mehr zu tun.
Es wird knallen.
So ist das dann.

Allerdings ist es nicht wirklich so.
Denn jeder einzelne Schritt wird besprochen, überlegt und dann entschieden. Schritt für Schritt, Stufe um Stufe.
Also gibt es doch Alternativen.
Den nächsten Schritt nicht zu gehen zum Beispiel.
Weil er einen an einen Punkt bringen würde – wo das Brett bricht. Unausweichlich.

Vor dem Ersten und auch vor dem Zweiten Weltkrieg haben Politiker den Menschen erklärt, ein Waffengang sei “nun unausweichlich.”
Wie viele Schritte brauchen wir noch, bis es knallt?
Noch einen? Noch zwei?
Oder sind wir schon den letzten Schritt gegangen, den wir noch frei entscheiden konnten?
Vielleicht ist es so.
Dann wird eine Entwicklung eintreten, die der Welt ganz und gar nicht gefallen kann.
Unausweichlich.

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